Philosophisches Schreiben lernen

Aspekte der Lehr- und Lernpraxis philosophischen Schreibens in der Propädeutik

 

 

Grundprobleme in der Schreibkompetenz

Der lineare Verlauf eines Textes – seine Chronologie – zwingt den philosophisch Schreibenden zu einer besonderen Sorgfalt bei der Kohärenzherstellung auf der Wort-, Wortgruppen-, Satz-, Absatz- und Volltextebene. In kaum einer anderen akademischen Fachdisziplin wird das häufige und teilweise grundlegende Misslingen von Darstellungsverläufen auf formaler und inhaltlicher Ebene so augenfällig wie in Texten von Studienanfängern der Philosophie, und daher ebenso häufig von Dozierenden beklagt. Der Unmut resultiert daraus, dass es vielen Studierenden nicht gelingt, in kohärenter und verstehbarer Weise nieder zu schreiben, was sie zu sagen vorhatten. Nur wenn sie dies aber könnten, kann überhaupt beurteilbar werden, was sie philosophisch zu sagen haben. Bei wiederholt unzureichenden Schreibprodukten wird sicher bald die Option der sogenannten Abbruch-Beratung erwogen, denn ein Philosophiestudium muss an mangelnder Sprachbeherrschung scheitern können. Wenn es sich aber um ein zwar grundsätzliches aber durch Lernaufwand in gewissen Graden behebbares Problem handelt, dann lohnt ein Blick darauf, dass Philosophische Institute in ihren Propädeutik-Modulen das Schreiben thematisieren und praktizieren lassen sollten: Nicht nur als Propädeutik sondern als Daseinsvorsorge einerseits für eine Disziplin und andererseits für die Schreibpraxis vieler Köpfe, die mit oder ohne Abschluss die Gesellschaft prägen und prägen werden.

Gut und leicht schreiben ist schwer. Dabei ist Schreiben eine keinesfalls abgehobene soziale Praxis, bei der wir die Technik beherrschen müssen, dasjenige, was wir mit dem Geschriebenen bewirken wollen, auch bewirken zu können, indem wir adäquat schreiben. Die jeweilige Textsorte – und damit gemeint ist die Folie der an diese Textsorte berechtigterweise zu stellenden Erwartungen – gibt an, welcher Zweck mit dem Schreibhandeln verfolgt werden soll, und welche Kriterien dazu einzuhalten sind. Das Gute daran ist: Es gibt diese Kriterien und sie sind begreifbar und erlernbar (bis auf die Formate, deren Kriterien sich teilweise noch in Aushandlung befinden, etwa wie ein guter Blog-Artikel auszusehen hat). Damit sich dieses Wissen zu praktischen Kompetenzen des Schreibhandelns verfestigt, müssen Textproduktionswissen und Textsortenwissen um die Komponente der Selbstbeobachtung erweitert werden und in lange währender, tätiger Praxis des Schreibens mit Erfahrung angereichert werden. Die bei Studierenden oft zu konstatierende mangelhafte Disziplin wird dabei nicht in jedem Falle durch geschickte Motivation zu beseitigen sein, aber interessierte und motivierte Studierende erhalten so ein Angebot, von dem sie regen Gebrauch machen, umso mehr sie sich der Notwendigkeit souveränen Schreibhandelns im Laufe des Studiums bewusst werden.

Mit dieser Notwendigkeit sehen sie sich mindestens durch die erste Hausarbeit konfrontiert. Ein Text, der wie die universitäre Hausarbeit mit einem klar formulierbaren und auch formulierten wissenschaftlichen Anliegen versehen ist, wartet in der Regel mit einer starken Reflexivität auf: Er muss für die Realität der eigenen Darstellungschronologie angemessene Auskünfte darüber enthalten, warum er was und wie tut. Die Darstellungschronologie betrifft zunächst mehr die Makro-Struktur. Philosophischen Wert und damit Benotbarkeit als ganzes erhält ein so funktionaler Text aus seinem durch eine Leitfrage gestützten Engagement in einem Thema, das eine Fazit-ermöglichende Feldbearbeitung voranbringt.

Ergebnisse der Feldbearbeitung, die der Entscheidungsunlust vorschub leisten und Beliebiges je nach Gusto folgern lassen können, brauchen nicht durch einen langen, mit viel Aufwand gestrickten Darstellungsgang vorbereitet werden: Beliebiges folgern kann man auch aus ‚nichts‘. Für Zwischenmoderationen im Darstellungsverlauf sowie für Titel- und Teilüberschriften gilt das Prinzip der Ankündigungsehrlichkeit: Sie müssen in einer guten Reihenfolge adäquat beschreiben, was im Text oder Textabschnitt passieren wird oder worum es gehen wird. Die von mir in vielen Schreibresultaten (auch bei kompetenteren Schreibern) beobachtete Inkohärenz ist auch ein Phänomen davon, dass entweder prospektiv nichts für den Darstellungsverlauf angekündigt wird: So kann man allerdings den Fortgang des Text in alle möglichen Richtungen offenhalten und sich in Nebensächlichkeiten verlieren, oder dass Ankündigungen nicht eingelöst werden: Auch so wird ein roter Faden nicht herzustellen sein, ohne dass behauptetes und wirkliches Vorgehen eine massive Diskrepanz aufweisen.  Ein solches makrostrukturelles Vorgehen, das diese Inkohärenzen vermeiden kann, halte ich insgesamt am Beispiel des Schreibens einer (und mehrerer) Hausarbeiten im Verlauf des Studiums für durchaus erlernbar, mit anderen Worten: Man muss Studierenden zumuten und zutrauen können, diese Kompetenz in angemessener Zeit erwerben zu können, und dazu leisten Schreibwerkstätten an philosophischen Instituten meines Erachtens einen wichtigen Beitrag.

Gestaltungskriterien

Die Bemerkung, dass ein (zumal ein über sein eigenes Vorgehen aufklärender) Text (egal welcher Sorte) Kohärenz aufweisen muss um ‚gut‘ im Sinne von ‚seinem eigenen Anliegen gerecht werdend‘ ist, beinhaltet – neben den verschiedenen Ebenen von der Wortwahl-Ebene bis zum vollen Text – die drei eigentlichen Geltungsbereiche der Kohärenz: 1.) Die formale Gestaltung, das meint den Bogen von der Textgestalt bis hin zu den auf der Wortebene greifenden morphosyntaktischen Normen; 2.) Die stilistische Gestaltung, denn idealerweise sollte aus der Hand ein und desselben Schreibers ein kohärenter Stil kommen, der ohne Brüche auskommt und der nicht zu Stil-Imitationen der Quellen-Autoren neigt (denn das wäre ein schlechtes Zeichen für den ‚eigenen‘ Stil, die ‚eigene‘ Lektürearbeit); 3.) Die inhaltliche Gestaltung, das meint Sinn und Verstehbarkeit, die durch die formal korrekte, stilsicher durchgehaltene inhaltliche Aufbereitung und Verbindung von Gedanken und Aussagen bewirkt werden sollen. Dazu gehört auch das gute Zeitmanagement, zu dem ich meine Studierenden immer ermutigt habe. Das Schreiben eines Textes umfasst sowohl bei top-down-Schreibern (von Strukturplan zum Text) als auch bei bottom-up-Schreibern (vom frei experimentierenden Schreiben zum Text) Phasen von Planung, Niederschrift und Korrektur (nötigenfalls einer zweiten Korrektur).

Leseschwächen

Neben der Motivation, der Einsicht in den Zweck, dem Interesse ergibt sich bei der in der Planungsphase wichtigen Lektüre oft ein Problem: Die Wiedergabe und Darstellung von Close-Reading-Ergebnissen. Dies hat nicht zwingend mit mangelnden Reproduktionsfähigkeiten zu tun, sondern oft mit Desinteresse an grundständiger Lektüre. Wo beides in Kombination auftritt und die Ergebnisse dann aber tragende Säulen in einem Text werden sollen, entsteht mit hoher Wahrscheinlichkeit ein inkohärentes und zudem spannungsarmes Textprodukt, an dem sich aufgrund der Vielzahl von Baustellen eigentlich nicht einmal mehr zu arbeiten und zu korrigieren lohnt. Ich meine, dass daher im universitären Rahmen auch versucht werden muss, den Fokus verstärkt auf Lesekompetenz und die Fähigkeit zu legen, die Struktur und die wichtigsten Informationen gerade komplexerer Textauszüge ausfindig machen zu können.

Informationsstruktur und Grammatik

Grafik
* ‚Neuigkeitswert‘ der Information
** Informationsvergabe-Verlauf (Chronologie)

Die obige Grafik soll eines verbildlichen: ein Satz besteht im mindesten aus den Grundkomponenten Subjekt, Prädikat und Objekt, und die später im Satz gelieferte Information ist vom Informationswert höherwertiger als die vorherige. Der nächste Satz verfährt meist so, dass er die letzte Information im korrekten Bezug wieder aufgreift und spezifiziert, durch eine weitere, neuwertigere Information. Denkbar ist ein kurzes Textbeispiel wie das folgende, das aus drei unmittelbar aneinander anschließenden Sätzen besteht:

Satz 1: „Werte sind moralische, politische oder traditionelle Sollensnormen.“ Satz 2: „Sollensnormen sind geprägte, wechselseitige Erwartungen von Interaktionspartnern aneinander.“ Satz 3: „Diese Erwartungen können erfüllt oder enttäuscht werden.“ (Inspiriert durch Detlef Horster)

Die neueste Information des vorhergehenden Satzes, wird zur Basis des folgenden. Denkbar ist, dass sich der vierte Satz dann damit beschäftigt, was es heißt, zu ‚erfüllen‘ oder zu ‚enttäuschen‘, oder aber es wird ein Rückgriff auf den Grundbegriff des „Wertes“ vorgenommen. Sicher: Ein Absatz- oder Textbau, der immer nach diesem Schema verfährt, ermüdet auch, weil es kaum mehr spielerische Freiheit im Formulierungsgeschehen gibt. Das ist das eine Extrem. Das andere Extrem ist, wenn das problematische Bedürfnis, inhaltliche Schwächen durch eine experimentelle Syntax wenigstens noch zu einem gefühlt philosophischen Duktus umzuarbeiten, zu oft – auch aus Gründen des Überblicksverlustes – mit den Regelformen von Informationsvergabeanschlüssen bricht. Dann wird unklar, was sich worauf bezieht und die fehlenden oder fehlerhaften Satzüberhänge machen den Text schwer lesbar. Die Vorschrift, um zu Kohärenz und Struktur zu kommen, lautet: Zusammenhang dadurch herstellen, dass man sich selbst genau dabei zuhört, was man schon mal gesagt hat, um strukturbildend darauf zurückgreifen zu können. Nur wer im eigenen Text genügend orientiert ist, vermag dies zweifelsfrei, muss dann aber auch genügend kritischen Abstand zum eigenen Wortlaut finden, um seine eigenen Probleme überhaupt ‚sehen‘ zu können. Mein Selbstverständnis war es, die Studierenden zu einer Urteilskraft, was ein guter Text ist, zu befähigen, damit sie selbstkritisch bei eigenen Schreibprodukten diese Urteilskraft anwenden; dass sie das textanalytische Instrumentarium, das man für das Nachzeichnen von Textstruktur braucht, kennen, von dem Rezeptions- auf den Produktionsprozess wenden und es für die eigene Textproduktion fruchtbar machen können. Da Textanalyse in der Regel ein gerüttelt Maß an Lektüre voraussetzt, muss man wissen, wie es die „Großen“ machen.

Grammatik und Bedeutung

Ich habe einmal mich für das Schreiben eines Essays unter einem vorgegebenen Thema entschieden. Die Leitfrage sollte lauten „Soll es eine Menschheit geben?“  Positiv war, den Zeitpunkt für diese Schreibaufgabe sehr weit nach vorne in die Sitzungszeit zu verlagern, denn die Erfahrung sagt, dass gegen Ende des Semesters gerne mal die eine oder andere Sitzungsteilnahme anderen Prioritäten Platz machen muss, und dass aber derjenige, der schonmal eine größere Schreibleistung erbracht hat, allein deswegen, weil er dieses Investment gerechtfertigt sehen will, bis zum Schluss am Ball bleibt. Daher habe ich nahezu von allen Studierenden, die der ersten Sitzung beigewohnt haben, einen Essay erhalten. Auf den ersten Blick möchte man sagen, die Ergebnisse sind so disparat wie die unterschiedlichen Typen von Schreibern. Die Frage ist auch nicht ganz leicht oder eindeutig zu beantworten, das war zumindest der Plan. Denn auf den zweiten Blick liegen die Ergebnisse inhaltlich gar nicht so weit auseinander. Worum es mir ging, war, eine Vergleichbarkeit von Ergebnissen herzustellen, indem das Thema dasselbe bleibt. Aus früheren Lektüren von Hausarbeiten einiger Studienkollegen ist mir im Gedächtnis geblieben, wie sehr das Reden über Themen, die die „Menschheit“ oder „den Menschen“ betreffen, dazu geeignet sind, zu misslingenden Anschlüssen zu verleiten, und inhaltlich zu übers Ziel hinausschießenden Spekulationen. Diese Maschinerie wollte ich bewusst anfeuern, um zu gucken, inwieweit die Studierenden über Techniken verfügen, das was zum Überschwang neigt, auf niedriger Flamme zu köcheln.
Ich sagte schon, dass ein Text nur gut/gut lesbar ist, wenn er kohärent ist. Diese wird auch durch Verbindungswörter (oder ‚Konnektoren‘, wie ich sie auch nenne) gewährleistet. Gängigerweise sind das Konjunktionen (und, oder, sodass, obwohl, indem, sobald), Präpositionen (oft mit Pronomen o.a.: anhand, anstatt, infolge, zufolge) und Pronomen (Relativpronomen: der, die, das; Deiktische Pronomen: dieser, jener; Personalpronomen: er, sie, es + impersonales ‚es‘; Possessivpronomen: dessen, deren usw). Umso klarer man benennen will, warum nicht wenige der Essays zu dem vorgegebenen Thema zu vorhersehbaren Ungenauigkeiten  führten, die viele ihrer zentralen Aussagen unverständlich werden ließen, umso mehr muss man sich den Zusammenhang von Grammatik und Bedeutung vor Augen führen.

Die Begriffe, auf die alle Aussagen zu „Soll es eine Menschheit geben“ bezogen wurden, waren in allen Essays die in der folgenden Tabelle stehenden Begriffe I-IV. Keiner ist das Thema wirklich sprachanalytisch angegangen und hat zum Beispiel „die Menschheit“ auseinandergenommen oder abgeklopft ob das „eine“ vielmehr numerisch als indefinit zu verstehen sei, und wenn nicht, welche Konsequenzen dies haben könne. Im Wesentlichen kreisten die Ergebnisse um das, was Karim Akerma „Anthropodizée“ nennen würde, nämlich die Frage, inwiefern das von Menschen geschaffene Leid auf der Welt mit dem Fortbestehenkönnen der Menschheit zu vereinbaren ist. Die vier Wortgruppen „der Mensch“, „ein Mensch“, „die Menschen“ und „die Menschheit“ haben klar benennbare grammatische Numeri. Werden aber von schwächeren Schreibern in manchmal völlig frei fluktuierenden möglichen semantischen Numeri verwendet, die zu größeren Unschärfen führen.

Artikel Abstraktum grammatischer Numerus mögl. semantische Numeri:

I der Mensch Singular Singular/Plural
II ein Mensch Singular Singular
III die Menschen Plural Plural
IV die Menschheit  Singular Singular/Plural

 

Bezugsprobleme entstehen, wenn die begriffliche Unterscheidung zwischen I bis IV nicht konsistent ist, sie quasi-synonym verwendet werden, ohne dass die Bezugnahme mittels Konnektoren sich an den korrekten grammatischen Numerus oder die semantisch mögliche relative Numeralität des Numerus anlehnen kann. Redet jemand von dem Konzept, das sich hinter „die Menschheit“ verbirgt – nämlich der Einheit von Vielen, die als Einheit aber eben nicht mehr plural gedacht werden kann – so liest man in schlechteren Hausarbeiten sich durch ganze Textabschnitte ziehende Kohärenzfehler folgender Art:

[A] „Der Menschheit geht es nicht so wie anderen Kollektiven von Lebewesen: Sie können sich nicht einfach auf ihre Instinkte verlassen.“

 

Der Fehler in Beispiel [A] liegt darin, dass der Numerus  von „können“ nicht an den grammatischen Numerus Singular von „Menschheit“ anschließt. Das Ergebnis ist, dass der Rückbezug, der durch das Personalpronomen „Sie“ angezeigt wird, sich eigentlich nur auf den Plural der „Kollektive von Lebewesen“ beziehen kann, wobei dann behauptet würde, diese nicht-menschlichen Lebewesen könnten sich nicht auf ihre Instinkte verlassen. Gerade dies wollte der Schreiber aber eben nicht behaupten, sondern (und das ist peinlich): Das Gegenteil.

Ausblick

Die hier besprochenen Aspekte sind sozusagen ‚typisch‘, sind treten als Spezifitäten der „Nicht umfänglichen Beherrschung von Hochsprache“ ziemlich häufig auf, und die Tatsache, dass sie Missverständlichkeit befördern, wird gerade im akademischen Bereich auffällig und problematisch. Wenn sich die mangelhaften Schreibstandards dauerhaft konstatieren lassen, muss man darauf hinweisen, dass die höheren Schulen wohl keine Möglichkeit haben, die Kompetenzbereiche im aktiven und passiven Sprachgebrauch mit sprachbasierten und Sprache transportierenden Medien aller Art adäquat – also auf akademische Aufgabenfelder vorbereitend – zu schulen. Ein Studium der Geisteswissenschaften dann noch gut zu bewerkstelligen, setzt somit immer noch ein individuelles Begabungs-Plus, Leistungsbereitschaft und -fähigkeit sowie Interesse am Umgang mit komplexeren Versprachlichungen voraus. Dass dieser Voraussetzungsreichtum ein Universitätsstudium für die meisten, die es anstreben, nicht unmöglich macht, widerspricht der Akzentuierung des individuellen Begabungsgedankens als „Elite-Argument“, denn nach wie vor gilt: erfolgreich studieren durch gutes Schreiben ist keine Hexerei. Lediglich gute und sichere Sprachbeherrschung ‚allein‘ auf Basis allgemein-schulischer Vorbereitung ist heute so unglaublich unwahrscheinlich geworden, dass Universitäten gut daran tun, ihre Studenten an ihre eigene Sprache zu gewöhnen, ohne sie zu Wiederkäuern zu erziehen.

Über Ethik und ethische Expertise für Politik und Wirtschaft

Kongress- und Kommisionsphilosophen sind ein neuer Typus von funktionalem Akademiker, an dem sich neue Hoffnungen festmachen. Unter dem offensiven Vorwand eines Beratungsbedarfes von Politik und Wirtschaft sollen sie prototypisch für die Einholung des „Mehr“ in die geschlossenen Zirkel politischer oder wirtschaftlicher Selbstverständigungen stehen. Ist dies nur dem Gefühl des Ungenügens der Eigenverständigungsprozesse und -resultate geschlossener Entscheidungsfindungen geschuldet?

Wenn dem so wäre, müsste ein analoges Vorwänden von Beratungsbedarf in anderen Bereichen ebenso blühen. Dem ist nicht ohne weiteres so. Denn wenn das erste Ziel – die ethische Reflexion – mit dem zweiten Ziel – der ethischen Optimierung von Entscheidungsprozessen – mit der Bedarfsoffensive gar nicht wirklich erstrebt ist, dann steht nur das Bedürfnis nach einem Etikett im Vordergrund, das unangenehme aber bar jeder Beratung mögliche Entscheidungen durch das „Mehr“ legitimiert. Gemeint ist: ein „Mehr“ an lebensweltlichem Sinn in bürokratischem ‚Öffentlichkeitsmanagement‘, ein „Mehr“ an allgemeiner Vernunft in konkreten, pragmatischen Vorschriften und Ordnungen, die gerade gegenüber einer wachen und pluralistischen Öffentlichkeit unter einem wachsenden Rechtfertigungsdruck stehen. Die Stellen, an denen gestaltende Gewalten regulativ über die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens in einem Staat entscheiden, werden immer besser überwacht. Da sich Ethik in nachaufklärerischer Perspektive nicht mehr auf eine allgemein geteilte christliche Wertebasis berufen kann, kann man einerseits nicht mehr an ein Einziges glauben, andererseits wird erst dadurch Tür und Tor für abwägendes Reflektieren geöffnet. Und das ist anstrengend.

Die Einsicht, dass ethische Grundsätze kontingent sind ohne sich dadurch in ihrer Gültigkeit in einem gewissen Bezugsrahmen relativieren zu müssen, verlagert die Perspektive auf den Auswahlcharakter menschlicher Entscheidungen und lenkt den Fokus auf Aspekte, die eine Auswahl und damit den Ausschluss anderer Handlungsoptionen plausibilisieren. Einer dieser Auswahl-befördernden Aspekte ist die Expertise eines in Fragen der Ethik Auskunft gebenden Menschen. Worin kann ethische Expertise bestehen? Diese Frage ist ziemlich gut zu beantworten.

Expertise ist eine Frage des Wissens. Dieses ist oft mit Alter verknüpft: Lebensalter insofern als es ein geistiges Reflexionsalter ist, mit dem ein subjektiver Vorsprung in der reflexiven Objektivierung allgemeinmenschlicher Probleme und der Koordination von Handlungserwartungen auszumachen ist, das verstärkt dem Ziel verschrieben ist, objektivierte Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren. Dem Lebens- oder Reflexionsalter soll eine vorgelebte Praxis der autonomen Einschränkung der eigenen Freiheitsspielräume innewohnen: Der Experte lebt und verkörpert beispielhaft einen Habitus, der ihm Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Bereichs verleiht, in dem seine Expertiseleistung sich erfolgreich ausspielen kann.  Ohne die Zuschreibung eines besonderen Status‘ geht das nicht. Sicher hat der Experte die Aura des Wissensexoten, der in entweder sehr prominenten oder sehr abständigen Bereichen seine Stiche zu setzen weiß, aber die Aura oder der Status sind nur Beigaben: Ohne Argumente wird der Experte nie Status gewinnen. Im Idealfall sind diese Argumente allgemeinverständlich ohne platt zu sein, sie sind keine Autoritätsargumente, keine Argumente ad homines, keine naturalistischen Argumente. Damit hat der prinzipiell verstehbare aber nicht zwingend unmittelbar für jedermann verständliche Experte Grundbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens zu erfüllen: Seine  Autorität ist insofern eine wissenschaftliche, als er auch diejenigen über Gültigkeitsbedingungen und Konsequenzen seiner Argumente in Kenntnis setzen muss, die sie nicht unmittelbar verstehen, aber verstehen könnten.

Das „Glück des richtigen Zeitpunktes“ muss ebenso auf der Seite des Experten sein. Seine kognitive Schulung nützt ihm wenig, wenn entweder seine Intuition nicht treffsicher genug ist, um auf die richtige Frage im Moment mit einer Antwort zu kommen, oder wenn die Situation so unglücklich ist, dass er zu momentan brennenden Fragen mit seinen Antworten nicht vorgelassen wird. Die zeitliche oder situative Frage-Antwort-Adäquatheit muss zum kognitiven Training und zur treffsicheren Intuition dazu kommen. Und wenn der Experte als solcher gilt, beobachtet man immer eine Folge, die seine Expertise zu einer solchen macht, indem sie jene stabilisiert durch Wiederholung: Expertise muss aus gutem Grund wiederholbar, zitierbar sein, man muss sich auf sie berufen können und wollen, auch wenn sie damit zur Folie für Autoritätsargumente in den Händen derjenigen wird, die aus mangelnder eigener Expertisefähigkeit nur Wiederkäuer sein können. Dabei ist manchmal zu beobachten, dass ein Teil der Experten-Aura auch den umfasst, der die Expertise nur reproduziert, aber nicht ihr Urheber war.

 Vorschriften der praktischen Ethik beschäftigen sich oft mit der Koordination von Ansprüchen auf Unversehrtheit und Erwartungen von Gegenseitigkeit. Normen des Sollens sind in ihrem Kernbereich meist Normen des gegenseitigen Sollens des Gleichen, damit Menschen als ‚gleiche Wesen‘ nicht unmenschlich durch ‚ungleiches Handeln und Behandeltwerden‘ werden, weil dies wahrscheinlich die Idee einer Menschlichen Gemeinschaft des Von-Geburt-aus-Gleich-seins in Frage stellt. Ohne moralisches, rechtliches oder traditionelles Sollen wäre menschliches Zusammenleben unmöglich. Jeder hat also ethisches Grundwissen oder Grundfühlen über Erwartung und Gegenerwartung, und dieses ist hat sich traditionell stabilisiert, bei gleichzeitiger Wandelbarkeit.

Einige Nonkognitivisten sagen, man könne ethisches Wertewissen nicht so erlernen wie auf empirischen Tatsachen beruhendes Wissen. In Ethischen Aussagen gibt es dieses „Mehr“: Das über das rein deskriptive Hinausgehende. (Für einige Nonkognitivisten sind Ethische Ausdrücke nur sprachpragmatische Instrumente, mit denen man eigene Handlungsabsichten durchsetzen könne.) Allerdings ist es dann unsinnig zu behaupten, dass das Sensorium für ethische Fragen nicht ausgebildet werden könne, nur weil in einer Tatsachenwelt keine objektiven moralischen Werte existieren können, an denen das Individuum in wiederholten Versuchen seine Erfahrung prägt. Denn wenn Nonkognitivisten das empirische Lernen als Weg des Wertewissens in die Weltgewissheit der Einzelnen bereits suspendiert haben, kann daraus  nicht folgen, dass alles in der Welt wissbare – und auch subjektives Wertwissen gehört ganz objektiv dazu, weil es Aussagestile formal und Welt- und Selbstbezugnahmen der Menschen inhaltlich prägt – nur empirisch erfahrbar sein könne. Wo käme dann das weltgestaltende Wertwissen her? Die nonkognitivistische Grundannahme führt ins Leere, wenn sie die empirisch erfahrbare Wirkmacht des erlernten Wertwissens leugnen wollte. Dass Menschen Wertzuschreibungen vornehmen, und sich oftmals im Abgleich ihrer Zuschreibungen eine große Einigkeit demonstrieren lässt, beweist zumindest, dass trotz nicht von vornherein ausgemachter ‚Objektivität‘ des Kontingenten doch eine seltsame Kohärenz des intersubjektiv geteilten Wertewissens möglich ist und ohne große intellektuelle Nöte zur Lebenswirklichkeit eines Großteils der Menschheit gehören kann.

Sicher ist das von Menschen Konstruierte kontingenter als das bloß von Menschen vorgefundene, aber wenigstens leitet man aus bloßem Vorgefundenen nicht das Seinsollen mehr ab, sondern im Falle von Gesetzen nur noch das relative Geltensollen in bestimmten Bereichen. Auch das ist ein Gesundungsschritt für die menschliche Selbstregie.

Zu Politik und Wirtschaft, dort wo sie sich in Absicht des Feigenblatterwerbs an Ethikkomissionen wenden, sei gesagt: Aus einer Beratung folgt nicht Handeln sondern nur: Beratensein, aus einer guten Beratung nicht gutes Handeln sondern gutes Beratensein. Wie einer handelt, bleibt seinem eigenen Kosmos ausgeliefert: Kann er oder kann er nicht, nachdem er dieses und jenes gehört und mit gutem Grund von diesem und jenem zu glauben begonnen hat, so müsse es gemacht werden? Selbst wenn der gute Rat – der ja sprichwörtlich teuer ist – eingeholt ist, gilt immer noch: Gut über das Gute beraten zu sein heißt nicht, ausreichend in die Spur geschickt worden zu sein für weitreichende Entscheidungen mit Aussicht auf Gesetzescharakter und Verbindlichkeit für alle. Denn die kritische Anmerkung, ob und wie für uns alle das selbe überhaupt gleich gut sein könnte, sollte als Beigeschmack jeder ethischen Expertise innewohnen. Wer aber kann dann noch zweifelsfrei handeln?