Das Tier ‚in‘ mir

Über Ethische Probleme des Fleischkonsums und der Tierhaltung

 

Wussten Sie, dass selbst Veganer und Frutarier Teile ihrer eigenen Magenschleimhaut verdauen? Wenn es stimmt, dass Sie unter dieser Maßgabe noch Veganer oder Frutarier heißen dürfen, dann muss man das Wort „Konsum“ in Bedeutung des Essens in zwei Teile splitten: Das was wir essen, und das, was wir verdauen. Auch menschliche Körper leben nicht von dem, was sie essen, sondern von dem, was sie verdauen. Wenn ein Mensch Tiere isst, hat er Tier in sich. Wenn ein Tier in der Darreichungsform Wurst verzehrt wird, ist es Tier im eigenen Darm, das der Mensch in sich hat. Er hat dann Tier, das in sich ist, in sich. Das ist aber nicht reflexiv zu verstehen, denn da das Tier vom Menschen verschieden ist, hat der Mensch nicht sich selbst in sich, sondern etwas anderes in sich, das für sich in sich ist. Tiere sind keine Menschen, nicht mal dann, wenn sie für Menschen und durch Menschen und zum Spaß des Menschen leben…

Darf man Tiere in sich haben? Die Frage müsste lauten: Dürfen Menschen Tiere essen? Die Antwort lautet: Ja, sie dürfen. Generell ja, aber nicht uneingeschränkt. Allerdings: Nur dem Menschen stellt sich diese Frage, Tieren nicht. Menschen KÖNNEN daher auch zu einer anderen Einschätzung kommen, ob es wirklich so sicher ist, dass sie, die Menschen, Tiere in sich haben dürfen. Die Antwort lautet also auch: Nein, dürfen sie nicht.

Aber: Tiere landen nicht nur auf den Tellern von Menschen, sondern auch auf denen anderer Tiere – wenn Tiere Teller hätten. Wenn ein Tier Tiere isst, hat es Tier in sich. Der Mensch hat das tierische Leid nicht erfunden, sondern für seine Zwecke (oder die der Industrie) nur perfektioniert und zu einer serienmäßigen Zumutung gemacht – und er kann es auch nicht generell abschaffen, sondern nur das menschengemachte. Tierisches Leid ‘muss’ aber auf unserem Planeten solange existieren, wie es Ökosysteme mit funktionierenden Räuber-Beute-Beziehungen gibt. Wollen Sie einem Löwen in der Savanne seinen Fleisch-Hunger austreiben und ihn zum Vegetarier machen, nur weil SIE (Warum gucke ich Sie dabei an?) in utilitaristischer Hinsicht der Meinung sind, die globale tierische Lustsumme sei als Ausgangspunkt einer Tier-ethischen Reflexion geeignet? Nur für Menschen ‚kann‘ es ein ethisches Problem werden, Tier in sich zu haben. Unter den Bedingungen industrieller Massentierhaltung IST das Essen von Tieren ein moralisches Problem. Anders wenn ein Tier einen Menschen isst: kein moralisches Problem, denn das Tier kann sich diese Frage nicht stellen, auch nicht wenn es andere Tiere isst. Es kann also kein Problem mit der ‘generellen’ Frage, ob ‚Lebewesen‘ gegessen werden dürfen, geben, denn: Lebewesen wurden von anderen Lebewesen immer schon gegessen, und zwar immer dort, wo Ökosysteme funktionieren. Da ich beschreibe und nicht urteile, dass es deswegen auch so sein soll, begehe ich hier keinen naturalistischen Fehlschluss. (Wer doch einen findet, darf ihn behalten.) Es gibt entlang von Räuber-Beute-Beziehungen Populationsgleichgewichte, die sich eigendynamisch austarieren. Übrig bliebe die Frage: Unter welchen Bedingungen dürfen Menschen Tiere in sich haben, abgesehen von den Bakterien, die eine natürliche Darmflora ausmachen und die jeder automatisch in sich hat?

Unsere Praxis der Tierhaltung erübrigt nicht die Frage, ob nicht unter der Maßgabe einer anderen tiergemäßen Haltungspraxis das Essen von Tieren unbedenklich sein könnte. Ja: könnte es. Es kann menschliche Notlagen geben, Mangel an bestimmten Stoffen, die den Rückgriff auf Ernährung mit tierischen Produkten nötig werden lassen. Aber:

Nicht nur Essen: auch Stoffe, Leder zum Beispiel: Ein Vegetarier der solche Produkte wertschätzt, kalkuliert nicht auf andere Weise mit tierischem Leid als jemand, der sie isst. Das ethische Problem ist daher keins nur für Fleischesser, sondern auch Vegetarier, für alle Menschen: Dürfen Menschen zur Gewinnung tierischer Rohstoffe Tieren eine Haltungsform zumuten, die mit deren vermeidbarem Leid kalkuliert? (Diese Frage wirkt ungleich bürokratischer, und zwar weil sie präziser ist.)

Nein, weil…. oder Ja, weil… Jemand, der ein Haustier hat, geht nicht davon aus, dass dessen Haltung in einer Stadtwohnung eine nicht artgerechte Haltung ist. ‚Nicht-artgerecht‘ identifizieren wir aber oft mit der Quelle ‘tierischen Leids’ generell. Da beginnt die Schizophrenie, Haustiere de dicto (also dem Wort gemäß) als Tiere zu bezeichnen, de re (der Sache nach) als Menschen zu behandeln ist schizophren. Ja natürlich macht das tierethische Reflexionen tendenziell unmöglich, wenn Reden und Handeln so auseinanderklaffen.

Sie werden wahrscheinlich auch unter Nicht-Vegetariern die Ansicht “Nein, wir dürfen nicht zur Gewinnung tierischer Rohstoffe eine Haltungsform praktizieren, die mit tierischem Leid kalkuliert” finden. Sie werden von Haustierhaltern vielleicht hören, dass sie nichts furchtbarer finden als Tierquälerei – und man solle ihnen das deshalb glauben, weil sie ihre Haustiere lieben. Keine Frage: Wer sein Tier liebt, tut ihm nichts. Wer sein Tier liebt, muss es allerdings auch füttern. Seinen Hund zum Beispiel mit Fleisch, oder mit Wurst. Daraus ergibt sich folgendes Problem:

Nicht nur ob WIR Menschen Tiere zu Nahrungszwecken töten, sondern ob wir nicht im Sinne der artgerechten Ernährung derjenigen Tiere, die wir ALS HAUSTIERE in Abhängigkeit zu uns halten, VERPFLICHTET sein könnten, andere Tiere zu Nahrungszwecken zu töten, müsste als ethisches Problem wahrgenommen werden. Wir haben Verantwortung für unsere Hunde, sobald wir sie aus natürlichen Ökosystemen lösen (so sie darin je waren), sie in unsere Kulturhöhlen zwischen Schrankwänden einsperren und sie dann ernähren müssen. Das könnte allerdings heißen, dass unsere ‘Tierliebe’, z.b. gegenüber Haushunden es gerechtfertigt erscheinen lassen muss, andere Tiere für Bello töten zu ‘müssen’. Das Resultat wäre, dass das Tier ‘Hund’ ein vorrangiges Lebensrecht vor Tieren hätte. Wenn wir mit dem ‘Tierliebe’-Argument das Töten von Tieren durch Menschen in Frage stellen, müssten wir dann – trotz Tierliebe – unsere fleischfressenden Haustiere abschaffen, da es nicht artgerechte Haltung wäre, Hunde zu Vegetariern umzuerziehen. Es sei denn, wir halten Hunde nicht mehr für Tiere sondern vermenschlichen sie, dann können wir von ihnen etwas verlangen, das im Kontext unserer Verhaltensentscheidung z.B. für den Vegetarismus eine eigentlich rein menschliche Selbstentwurfsfähigkeit meint. Der Hund ‘entscheidet’ sich nicht für Vegetarismus sondern wir uns an seiner Stelle für ihn. Das Kulturwesen ‘Hund’ dann aber noch in die Argumentationskette der ‘Liebe zur Kreatur’ einzubeziehen ist so unsinnig wie ein Drei-zu-Null für Düsseldorf.

WIR Menschen können unsere Nahrungsgewohnheiten selber ‘umstellen’, und wir tun das im Falle des Fleischverzichtes auf Basis einer moralischen Überlegung. Es reicht nicht, mit dem moralisch präjudizierten Tierliebe-Argument den Fleischkonsum zu stoppen, sondern man sollte dann auch aufhören, fleischfressende Haustiere zu halten, da man von wirklichen Tieren nicht verlangen kann, solche Entscheidungen über ihre Versorgung auszuhalten, die gegen ihre artgerechte Ernährung stehen. Entweder Tierliebe für ALLE Tiere, auch solche, die zu Wurst werden, oder für keines.

Menschen ‚können‘ lediglich Tier in sich haben, fleischfressende Tiere ‚müssen‘ es. Tierisches Leid wird daher immer existent sein, solange es Ökosysteme mit funktionierenden Räuber-Beute-Beziehungen gibt, und im Sinne des Umweltschutzes wollen die meisten Gutmenschen unter uns, dass diese Ökosysteme gesund bleiben: Also das Leid des Beutetiers oder das Leid des erfolglosen Räubers existent bleibt.

Sagen Sie daher niemals: Das Ziel einer praktikablen Tier-Ethik sei eine Welt ohne tierisches Leid und ohne Fleischkonsum. Das ist definitiv Blödsinn. Respektieren Sie ihr fleischfressendes Haustier. Wenn Sie ihm aus menschlich-einsichtigen Gründen kein Fleisch geben können, geben Sie verdammt nochmal das Haustier weg. Und respektieren Sie ihre eigene Freiheit zur Wahl eines anderen Verhaltens. Das ist konsequent. Die Dinge liegen tiefer. Benutzen sie das Tierschutzargument nicht wie einen Ausweis ihres Gutmenschentums. „Die guten Leute sollen das Maul halten. Sollen sie gut sein zu ihren Kindern, auch fremden, zu ihren Katzen, auch fremden; sollen sie aufhören zu reden von einem Gutsein, zu dessen Unmöglichkeit sie beitragen“, sagte Uwe Johnson in  „Über eine Haltung des Protestierens.“ Und als Exkulpation am Schluss: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Mettbrötchen.

 

 

 

(d.i.: Mein Beitrag in der Finalrunde des Philosophie-Slams „Schlag den Platon“ am 24.5.2014, bei der 2. PhilCologne (Internationales Philosophie-Festival) in Köln.)

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Soll es eine Menschheit geben?

Der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das seine Wesenhaftigkeit selbst zum Thema machen kann. Ihm stellen sich Gegebenheiten als Anlässe zum Hinterfragen dar. Alles, was fraglich werden kann, verliert aber seine Selbstverständlichkeit. So kann aus der selbstverständlichen Empirie – dass offensichtlich eine Menschheit existiert – die Frage erwachsen, ob es auch so sein soll. Aus dem bloßen Vorliegen eine bejahende Antwort zu generieren, greift nicht zuletzt mit Blick auf den Naturalistischen Fehlschluss – oder auch das Hume’sche Gesetz – zu kurz. Denn aus dem bloßen Sein ein Sollen abzuleiten, hieße, alles, was nur immer ist, zu positivieren und damit möglicherweise auch völlig gegensätzlichen Sachverhalten den gleichen Geltungsstatus einzuräumen. Die Frage nach dem Seinsollen der Menschheit müsste daher vielleicht weniger ontologisch als sozialethisch beantwortet werden: Welche Zustände kann man sich vorstellen, unter denen aus menschlicher Perspektive das Verschwinden ‚dieser‘ Menschheit, deren Vorhandensein wir gerade konstatieren, geboten sein könnte?[1]

Obwohl der Mensch ein kulturgestaltendes Wesen ist, ist die Fähigkeit, Lust und Unlust auf körperliche und seelische Weise zu erfahren, Bestandteil seiner vitalen Natur. Das Dasein nicht nur im Hinblick auf den Erwerb eines lebenssichernden Unterhalts sondern auch im Hinblick auf die Findung eines gelingenden Lebensentwurfs bedeutet Anstrengung und Unlust, oder auch: Negativität. Neben der Komplexität des individuellen Daseinskampfes kommt der Mensch in Vergesellschaftungsstrukturen vor, die ihn über allerlei Institutionen mit heteronomer Macht und gar repressiver Gewalt konfrontieren. Weltvorkehrungen, die diese Unlustsummen für viele Menschen ins Unermessliche steigern, könnten geeignete Kandidaten dafür sein, dass man im Sinne der im Begriff ‚Menschheit‘ gesetzten Solidarität der Menschen beginnt, ein Aussterben der Menschheit für möglich oder vertretbar – vielleicht sogar wünschenswert – zu halten. Daran sehen wir erst einmal nichts für das Seinsollen der Menschheit sondern nur dies: Dem vernunftbegabten Wesen, das sich selbst zum Thema wird, kann bei profilierter Einsichtsfähigkeit aufgehen, dass es den Fortbestand der eigenen Gattung auf Basis der Umstände (auch der selbstgeschaffenen Umstände) zur Disposition stellen kann und aufgrund der Selbstfürsorge die Lustqualität – also das WIE des Seins – eine fundamentale Bedeutung für das OB des Seins in der Zukunft erhält. Nicht unter allen Umständen muss ein menschliches Leben fortgesetzt werden, nur weil es faktisch schon eine Weile dauert. Nicht unter allen Umständen muss sich die Menschheit durch Fortpflanzung der Individuen erhalten, nur weil jene biologisch dazu in der Lage sind. Nein vielmehr ist den Menschen die Ansicht möglich, dass das von ihnen geschaffene Leid sich nicht damit vertragen könnte, weitere, leidempfindende Erdenbürger in die Welt zu setzen und in Konsequenz das Aussterben der Menschheit einzuläuten wäre.

Richten wir den Blick auf die Wahrscheinlichkeit, dass solche Zustände eintreten, die die Lustsumme ins Negative fallen lassen. Die Menschheit, also die Gesamtheit verschiedener Kulturkreise und Gesellschaften, ist zu sehr ausdifferenziert, als dass wenige, klar benennbare Unlustfaktoren alle Individuen gleichermaßen mit einem Leid konfrontieren könnten, das einen überindividuellen Konsens über das Nichtfortbestehensollen der Menschheit für alle plausibel macht. Darüber hinaus gibt es weit verbreitete, religiöse Deutungsparadigmen, die existenziell bedrohlichem Leid eine wesentliche Funktion in der individuellen und kollektiven Auseinandersetzung mit der Welt zuschreiben und somit subjektiv gefühlte als auch objektive Negativität positivieren. Der Mensch macht Unlusterfahrungen produktiv. Darin liegt seine Stärke: im Arrangement mit allem Möglichen und Unmöglichen. Entfremdungserfahrungen, bedrohliche kulturelle Abständigkeit und Daseinsnegativität motivieren den Menschen auch in nichtreligiösen Kontexten wie etwa in Fragen von Bildung, Toleranz und Humor zur Ausbildung einer Haltung, mittels derer das Individuum mit dem Unerträglichen schon irgendwie fertig zu werden vermag und das Erträgliche in weiser Kenntnis seiner Seltenheit umso mehr zu genießen versteht.

Die Frage nach der Vereinbarkeit des von Menschen geschaffenen Leids mit der fortgesetzten Existenz des leidempfindenden Wesens Mensch ist angesichts der humanistischen Fürsprache für ein aufgeklärtes Bildungsbewusstsein nicht negativ zu beantworten, solange Menschen etwas für sie elementares und lebensnotwendiges tun: ihr Leben zu führen indem sie in Auseinandersetzung mit einer widerständigen Welt in entspannender Absicht sich eine Haltung erarbeiten, die ihr Tun in solidarischer Manier bestenfalls zum Besseren für alle lenkt, mindestens aber das Individuum in eigener Verantwortung vor sich selbst bessert. Dass die Menschheit sich über dem hausgemachten Leid in Frage stellt, heißt nicht, dass sie es sich so leicht machen darf sich als ohnmächtig und antwortlos gegenüber einer Verbesserung dessen auszugeben, was sie nur selbst in den Händen hat: ihr eigenes Tun und Lassen. Der Beschluss zur Auflösung als letzte Pflicht einer gescheiterten Menschheit wäre der Kollaps jeder Ethik im Anschein ihrer Bewahrung, nachdem Vorläuferethiken als Theoriegebäude an der Praxis chaotischer menschlicher Repräsentanten scheiterten. Aber diese ‚Verlegenheitslösung des letzten Notausgangs‘ sollten wir nicht akzeptieren. Ich halte es für eine Infantilisierung sondergleichen, wenn man einer vernunftbegabten Gattung erlaubte, erst alle Vorräte leer zu saufen und dann einfach die Zeche zu prellen. Solange es vermeidbares Leid auf einem Planeten gibt, der von lebendigen Wesen bewohnt wird, sollte die Menschheit in die Pflicht genommen werden, dieses Leid durch reflektierte Selbstveränderungen zu minimieren und für alle Unlustzustände eigener Genese auch zukünftig Verantwortung zu übernehmen. Und das geht nur, wenn sie bleibt und sich sorgt, ohne dass sie durch ihre Daseinsgeschichte oder ihr sorgenvolles Sein in der Gegenwart Anspruch darauf erheben könnte, auf alle Zeit hinweg sein zu sollen.


[1] Daraus ergibt sich ein Nebenproblem: Die spezifisch anthropogene und an das Verhalten und reflexive Verhältnis menschlicher Repräsentanten zu sich und anderen gebundene Ethik würde einen Zustand der Menschenleere schaffen, der über das Ende der Existenz der ihn erdacht habenden Repräsentanten hinausreichte. Wenn ideelle Gesetze aber verkörpert werden müssen um zu wirken, aber ein verkörperungsloser Nachzustand die Wirkung dieser ideellen Gesetze weiter bezeugt (wem auch immer), ist das dann schon Metaphysik? Aber Spaß beiseite.