Philosophisches Schreiben lernen

Aspekte der Lehr- und Lernpraxis philosophischen Schreibens in der Propädeutik

 

 

Grundprobleme in der Schreibkompetenz

Der lineare Verlauf eines Textes – seine Chronologie – zwingt den philosophisch Schreibenden zu einer besonderen Sorgfalt bei der Kohärenzherstellung auf der Wort-, Wortgruppen-, Satz-, Absatz- und Volltextebene. In kaum einer anderen akademischen Fachdisziplin wird das häufige und teilweise grundlegende Misslingen von Darstellungsverläufen auf formaler und inhaltlicher Ebene so augenfällig wie in Texten von Studienanfängern der Philosophie, und daher ebenso häufig von Dozierenden beklagt. Der Unmut resultiert daraus, dass es vielen Studierenden nicht gelingt, in kohärenter und verstehbarer Weise nieder zu schreiben, was sie zu sagen vorhatten. Nur wenn sie dies aber könnten, kann überhaupt beurteilbar werden, was sie philosophisch zu sagen haben. Bei wiederholt unzureichenden Schreibprodukten wird sicher bald die Option der sogenannten Abbruch-Beratung erwogen, denn ein Philosophiestudium muss an mangelnder Sprachbeherrschung scheitern können. Wenn es sich aber um ein zwar grundsätzliches aber durch Lernaufwand in gewissen Graden behebbares Problem handelt, dann lohnt ein Blick darauf, dass Philosophische Institute in ihren Propädeutik-Modulen das Schreiben thematisieren und praktizieren lassen sollten: Nicht nur als Propädeutik sondern als Daseinsvorsorge einerseits für eine Disziplin und andererseits für die Schreibpraxis vieler Köpfe, die mit oder ohne Abschluss die Gesellschaft prägen und prägen werden.

Gut und leicht schreiben ist schwer. Dabei ist Schreiben eine keinesfalls abgehobene soziale Praxis, bei der wir die Technik beherrschen müssen, dasjenige, was wir mit dem Geschriebenen bewirken wollen, auch bewirken zu können, indem wir adäquat schreiben. Die jeweilige Textsorte – und damit gemeint ist die Folie der an diese Textsorte berechtigterweise zu stellenden Erwartungen – gibt an, welcher Zweck mit dem Schreibhandeln verfolgt werden soll, und welche Kriterien dazu einzuhalten sind. Das Gute daran ist: Es gibt diese Kriterien und sie sind begreifbar und erlernbar (bis auf die Formate, deren Kriterien sich teilweise noch in Aushandlung befinden, etwa wie ein guter Blog-Artikel auszusehen hat). Damit sich dieses Wissen zu praktischen Kompetenzen des Schreibhandelns verfestigt, müssen Textproduktionswissen und Textsortenwissen um die Komponente der Selbstbeobachtung erweitert werden und in lange währender, tätiger Praxis des Schreibens mit Erfahrung angereichert werden. Die bei Studierenden oft zu konstatierende mangelhafte Disziplin wird dabei nicht in jedem Falle durch geschickte Motivation zu beseitigen sein, aber interessierte und motivierte Studierende erhalten so ein Angebot, von dem sie regen Gebrauch machen, umso mehr sie sich der Notwendigkeit souveränen Schreibhandelns im Laufe des Studiums bewusst werden.

Mit dieser Notwendigkeit sehen sie sich mindestens durch die erste Hausarbeit konfrontiert. Ein Text, der wie die universitäre Hausarbeit mit einem klar formulierbaren und auch formulierten wissenschaftlichen Anliegen versehen ist, wartet in der Regel mit einer starken Reflexivität auf: Er muss für die Realität der eigenen Darstellungschronologie angemessene Auskünfte darüber enthalten, warum er was und wie tut. Die Darstellungschronologie betrifft zunächst mehr die Makro-Struktur. Philosophischen Wert und damit Benotbarkeit als ganzes erhält ein so funktionaler Text aus seinem durch eine Leitfrage gestützten Engagement in einem Thema, das eine Fazit-ermöglichende Feldbearbeitung voranbringt.

Ergebnisse der Feldbearbeitung, die der Entscheidungsunlust vorschub leisten und Beliebiges je nach Gusto folgern lassen können, brauchen nicht durch einen langen, mit viel Aufwand gestrickten Darstellungsgang vorbereitet werden: Beliebiges folgern kann man auch aus ‚nichts‘. Für Zwischenmoderationen im Darstellungsverlauf sowie für Titel- und Teilüberschriften gilt das Prinzip der Ankündigungsehrlichkeit: Sie müssen in einer guten Reihenfolge adäquat beschreiben, was im Text oder Textabschnitt passieren wird oder worum es gehen wird. Die von mir in vielen Schreibresultaten (auch bei kompetenteren Schreibern) beobachtete Inkohärenz ist auch ein Phänomen davon, dass entweder prospektiv nichts für den Darstellungsverlauf angekündigt wird: So kann man allerdings den Fortgang des Text in alle möglichen Richtungen offenhalten und sich in Nebensächlichkeiten verlieren, oder dass Ankündigungen nicht eingelöst werden: Auch so wird ein roter Faden nicht herzustellen sein, ohne dass behauptetes und wirkliches Vorgehen eine massive Diskrepanz aufweisen.  Ein solches makrostrukturelles Vorgehen, das diese Inkohärenzen vermeiden kann, halte ich insgesamt am Beispiel des Schreibens einer (und mehrerer) Hausarbeiten im Verlauf des Studiums für durchaus erlernbar, mit anderen Worten: Man muss Studierenden zumuten und zutrauen können, diese Kompetenz in angemessener Zeit erwerben zu können, und dazu leisten Schreibwerkstätten an philosophischen Instituten meines Erachtens einen wichtigen Beitrag.

Gestaltungskriterien

Die Bemerkung, dass ein (zumal ein über sein eigenes Vorgehen aufklärender) Text (egal welcher Sorte) Kohärenz aufweisen muss um ‚gut‘ im Sinne von ‚seinem eigenen Anliegen gerecht werdend‘ ist, beinhaltet – neben den verschiedenen Ebenen von der Wortwahl-Ebene bis zum vollen Text – die drei eigentlichen Geltungsbereiche der Kohärenz: 1.) Die formale Gestaltung, das meint den Bogen von der Textgestalt bis hin zu den auf der Wortebene greifenden morphosyntaktischen Normen; 2.) Die stilistische Gestaltung, denn idealerweise sollte aus der Hand ein und desselben Schreibers ein kohärenter Stil kommen, der ohne Brüche auskommt und der nicht zu Stil-Imitationen der Quellen-Autoren neigt (denn das wäre ein schlechtes Zeichen für den ‚eigenen‘ Stil, die ‚eigene‘ Lektürearbeit); 3.) Die inhaltliche Gestaltung, das meint Sinn und Verstehbarkeit, die durch die formal korrekte, stilsicher durchgehaltene inhaltliche Aufbereitung und Verbindung von Gedanken und Aussagen bewirkt werden sollen. Dazu gehört auch das gute Zeitmanagement, zu dem ich meine Studierenden immer ermutigt habe. Das Schreiben eines Textes umfasst sowohl bei top-down-Schreibern (von Strukturplan zum Text) als auch bei bottom-up-Schreibern (vom frei experimentierenden Schreiben zum Text) Phasen von Planung, Niederschrift und Korrektur (nötigenfalls einer zweiten Korrektur).

Leseschwächen

Neben der Motivation, der Einsicht in den Zweck, dem Interesse ergibt sich bei der in der Planungsphase wichtigen Lektüre oft ein Problem: Die Wiedergabe und Darstellung von Close-Reading-Ergebnissen. Dies hat nicht zwingend mit mangelnden Reproduktionsfähigkeiten zu tun, sondern oft mit Desinteresse an grundständiger Lektüre. Wo beides in Kombination auftritt und die Ergebnisse dann aber tragende Säulen in einem Text werden sollen, entsteht mit hoher Wahrscheinlichkeit ein inkohärentes und zudem spannungsarmes Textprodukt, an dem sich aufgrund der Vielzahl von Baustellen eigentlich nicht einmal mehr zu arbeiten und zu korrigieren lohnt. Ich meine, dass daher im universitären Rahmen auch versucht werden muss, den Fokus verstärkt auf Lesekompetenz und die Fähigkeit zu legen, die Struktur und die wichtigsten Informationen gerade komplexerer Textauszüge ausfindig machen zu können.

Informationsstruktur und Grammatik

Grafik
* ‚Neuigkeitswert‘ der Information
** Informationsvergabe-Verlauf (Chronologie)

Die obige Grafik soll eines verbildlichen: ein Satz besteht im mindesten aus den Grundkomponenten Subjekt, Prädikat und Objekt, und die später im Satz gelieferte Information ist vom Informationswert höherwertiger als die vorherige. Der nächste Satz verfährt meist so, dass er die letzte Information im korrekten Bezug wieder aufgreift und spezifiziert, durch eine weitere, neuwertigere Information. Denkbar ist ein kurzes Textbeispiel wie das folgende, das aus drei unmittelbar aneinander anschließenden Sätzen besteht:

Satz 1: „Werte sind moralische, politische oder traditionelle Sollensnormen.“ Satz 2: „Sollensnormen sind geprägte, wechselseitige Erwartungen von Interaktionspartnern aneinander.“ Satz 3: „Diese Erwartungen können erfüllt oder enttäuscht werden.“ (Inspiriert durch Detlef Horster)

Die neueste Information des vorhergehenden Satzes, wird zur Basis des folgenden. Denkbar ist, dass sich der vierte Satz dann damit beschäftigt, was es heißt, zu ‚erfüllen‘ oder zu ‚enttäuschen‘, oder aber es wird ein Rückgriff auf den Grundbegriff des „Wertes“ vorgenommen. Sicher: Ein Absatz- oder Textbau, der immer nach diesem Schema verfährt, ermüdet auch, weil es kaum mehr spielerische Freiheit im Formulierungsgeschehen gibt. Das ist das eine Extrem. Das andere Extrem ist, wenn das problematische Bedürfnis, inhaltliche Schwächen durch eine experimentelle Syntax wenigstens noch zu einem gefühlt philosophischen Duktus umzuarbeiten, zu oft – auch aus Gründen des Überblicksverlustes – mit den Regelformen von Informationsvergabeanschlüssen bricht. Dann wird unklar, was sich worauf bezieht und die fehlenden oder fehlerhaften Satzüberhänge machen den Text schwer lesbar. Die Vorschrift, um zu Kohärenz und Struktur zu kommen, lautet: Zusammenhang dadurch herstellen, dass man sich selbst genau dabei zuhört, was man schon mal gesagt hat, um strukturbildend darauf zurückgreifen zu können. Nur wer im eigenen Text genügend orientiert ist, vermag dies zweifelsfrei, muss dann aber auch genügend kritischen Abstand zum eigenen Wortlaut finden, um seine eigenen Probleme überhaupt ‚sehen‘ zu können. Mein Selbstverständnis war es, die Studierenden zu einer Urteilskraft, was ein guter Text ist, zu befähigen, damit sie selbstkritisch bei eigenen Schreibprodukten diese Urteilskraft anwenden; dass sie das textanalytische Instrumentarium, das man für das Nachzeichnen von Textstruktur braucht, kennen, von dem Rezeptions- auf den Produktionsprozess wenden und es für die eigene Textproduktion fruchtbar machen können. Da Textanalyse in der Regel ein gerüttelt Maß an Lektüre voraussetzt, muss man wissen, wie es die „Großen“ machen.

Grammatik und Bedeutung

Ich habe einmal mich für das Schreiben eines Essays unter einem vorgegebenen Thema entschieden. Die Leitfrage sollte lauten „Soll es eine Menschheit geben?“  Positiv war, den Zeitpunkt für diese Schreibaufgabe sehr weit nach vorne in die Sitzungszeit zu verlagern, denn die Erfahrung sagt, dass gegen Ende des Semesters gerne mal die eine oder andere Sitzungsteilnahme anderen Prioritäten Platz machen muss, und dass aber derjenige, der schonmal eine größere Schreibleistung erbracht hat, allein deswegen, weil er dieses Investment gerechtfertigt sehen will, bis zum Schluss am Ball bleibt. Daher habe ich nahezu von allen Studierenden, die der ersten Sitzung beigewohnt haben, einen Essay erhalten. Auf den ersten Blick möchte man sagen, die Ergebnisse sind so disparat wie die unterschiedlichen Typen von Schreibern. Die Frage ist auch nicht ganz leicht oder eindeutig zu beantworten, das war zumindest der Plan. Denn auf den zweiten Blick liegen die Ergebnisse inhaltlich gar nicht so weit auseinander. Worum es mir ging, war, eine Vergleichbarkeit von Ergebnissen herzustellen, indem das Thema dasselbe bleibt. Aus früheren Lektüren von Hausarbeiten einiger Studienkollegen ist mir im Gedächtnis geblieben, wie sehr das Reden über Themen, die die „Menschheit“ oder „den Menschen“ betreffen, dazu geeignet sind, zu misslingenden Anschlüssen zu verleiten, und inhaltlich zu übers Ziel hinausschießenden Spekulationen. Diese Maschinerie wollte ich bewusst anfeuern, um zu gucken, inwieweit die Studierenden über Techniken verfügen, das was zum Überschwang neigt, auf niedriger Flamme zu köcheln.
Ich sagte schon, dass ein Text nur gut/gut lesbar ist, wenn er kohärent ist. Diese wird auch durch Verbindungswörter (oder ‚Konnektoren‘, wie ich sie auch nenne) gewährleistet. Gängigerweise sind das Konjunktionen (und, oder, sodass, obwohl, indem, sobald), Präpositionen (oft mit Pronomen o.a.: anhand, anstatt, infolge, zufolge) und Pronomen (Relativpronomen: der, die, das; Deiktische Pronomen: dieser, jener; Personalpronomen: er, sie, es + impersonales ‚es‘; Possessivpronomen: dessen, deren usw). Umso klarer man benennen will, warum nicht wenige der Essays zu dem vorgegebenen Thema zu vorhersehbaren Ungenauigkeiten  führten, die viele ihrer zentralen Aussagen unverständlich werden ließen, umso mehr muss man sich den Zusammenhang von Grammatik und Bedeutung vor Augen führen.

Die Begriffe, auf die alle Aussagen zu „Soll es eine Menschheit geben“ bezogen wurden, waren in allen Essays die in der folgenden Tabelle stehenden Begriffe I-IV. Keiner ist das Thema wirklich sprachanalytisch angegangen und hat zum Beispiel „die Menschheit“ auseinandergenommen oder abgeklopft ob das „eine“ vielmehr numerisch als indefinit zu verstehen sei, und wenn nicht, welche Konsequenzen dies haben könne. Im Wesentlichen kreisten die Ergebnisse um das, was Karim Akerma „Anthropodizée“ nennen würde, nämlich die Frage, inwiefern das von Menschen geschaffene Leid auf der Welt mit dem Fortbestehenkönnen der Menschheit zu vereinbaren ist. Die vier Wortgruppen „der Mensch“, „ein Mensch“, „die Menschen“ und „die Menschheit“ haben klar benennbare grammatische Numeri. Werden aber von schwächeren Schreibern in manchmal völlig frei fluktuierenden möglichen semantischen Numeri verwendet, die zu größeren Unschärfen führen.

Artikel Abstraktum grammatischer Numerus mögl. semantische Numeri:

I der Mensch Singular Singular/Plural
II ein Mensch Singular Singular
III die Menschen Plural Plural
IV die Menschheit  Singular Singular/Plural

 

Bezugsprobleme entstehen, wenn die begriffliche Unterscheidung zwischen I bis IV nicht konsistent ist, sie quasi-synonym verwendet werden, ohne dass die Bezugnahme mittels Konnektoren sich an den korrekten grammatischen Numerus oder die semantisch mögliche relative Numeralität des Numerus anlehnen kann. Redet jemand von dem Konzept, das sich hinter „die Menschheit“ verbirgt – nämlich der Einheit von Vielen, die als Einheit aber eben nicht mehr plural gedacht werden kann – so liest man in schlechteren Hausarbeiten sich durch ganze Textabschnitte ziehende Kohärenzfehler folgender Art:

[A] „Der Menschheit geht es nicht so wie anderen Kollektiven von Lebewesen: Sie können sich nicht einfach auf ihre Instinkte verlassen.“

 

Der Fehler in Beispiel [A] liegt darin, dass der Numerus  von „können“ nicht an den grammatischen Numerus Singular von „Menschheit“ anschließt. Das Ergebnis ist, dass der Rückbezug, der durch das Personalpronomen „Sie“ angezeigt wird, sich eigentlich nur auf den Plural der „Kollektive von Lebewesen“ beziehen kann, wobei dann behauptet würde, diese nicht-menschlichen Lebewesen könnten sich nicht auf ihre Instinkte verlassen. Gerade dies wollte der Schreiber aber eben nicht behaupten, sondern (und das ist peinlich): Das Gegenteil.

Ausblick

Die hier besprochenen Aspekte sind sozusagen ‚typisch‘, sind treten als Spezifitäten der „Nicht umfänglichen Beherrschung von Hochsprache“ ziemlich häufig auf, und die Tatsache, dass sie Missverständlichkeit befördern, wird gerade im akademischen Bereich auffällig und problematisch. Wenn sich die mangelhaften Schreibstandards dauerhaft konstatieren lassen, muss man darauf hinweisen, dass die höheren Schulen wohl keine Möglichkeit haben, die Kompetenzbereiche im aktiven und passiven Sprachgebrauch mit sprachbasierten und Sprache transportierenden Medien aller Art adäquat – also auf akademische Aufgabenfelder vorbereitend – zu schulen. Ein Studium der Geisteswissenschaften dann noch gut zu bewerkstelligen, setzt somit immer noch ein individuelles Begabungs-Plus, Leistungsbereitschaft und -fähigkeit sowie Interesse am Umgang mit komplexeren Versprachlichungen voraus. Dass dieser Voraussetzungsreichtum ein Universitätsstudium für die meisten, die es anstreben, nicht unmöglich macht, widerspricht der Akzentuierung des individuellen Begabungsgedankens als „Elite-Argument“, denn nach wie vor gilt: erfolgreich studieren durch gutes Schreiben ist keine Hexerei. Lediglich gute und sichere Sprachbeherrschung ‚allein‘ auf Basis allgemein-schulischer Vorbereitung ist heute so unglaublich unwahrscheinlich geworden, dass Universitäten gut daran tun, ihre Studenten an ihre eigene Sprache zu gewöhnen, ohne sie zu Wiederkäuern zu erziehen.

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Zum Ärztemangel in der ‚Fläche‘ Deutschlands : Unverschämte Ursachenforschung

Der sogenannte Landärztemangel ist nur oberflächlich betrachtet ein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Mit anderen Worten: Der städtische ‚Überschuss‘ wird sich auch durch den Willen des Gesetzgebers nicht transplantieren lassen.

Ärzte sind studierte Leute – oftmals mit eindringlichem Kulturinteresse, damit geistig mit großer Nähe zu einem kulturellen Klima, das man ‚urban‘ nennen muss.

Die Freude ist nicht zwingend beiderseits : Die Menschen, die ein Landarzt zu behandeln hat, stehen – nicht zwingend aber häufiger – für ein geistiges Klima, das den Arzt dort als Arbeitnehmer zwar willkommen sein lässt, als Wohnsitznehmer dort aber tendenziell heimatlos macht. Die Freude dieses Patientenmilieus, behandelt zu werden, sollte sich mal durch die Frage brechen lassen, warum Ärztemangel eine Frage des flachen Landes weit ab der Städte ist, also: Warum es besonders für junge Ärzte so auffallend unattraktiv ist, diese Patientschaft zu versorgen. Warum jemand, der seine Karriere wie sein Leben im Wesentlichen noch vor sich hat, eines nicht tut: die Menschen dort versorgen.

Sicher es liegt nicht lediglich an den Menschen, aber es liegt an der Stadtferne des geistigen Klimas, das diese Menschen am Leben halten und das diese Menschen am Leben hält. Leider geht das eigene Wohlfühlklima  für diese Menschen dann überdurchschnittlich  auf Kosten der Möglichkeit einer nahen Dauer-Versorgung durch Klima-fremde, zugezogene Ärzte. Noch schlimmer ist in der Fläche vielleicht bald der Mangel an Psychologen und Psychotherapeuten. Die Erklärung für diesen Mangel ist die selbe.

Das alte Wohlgefühl, das der Landarzt einem bescherte, und das wesentlich in der Vorstellung bestand, der Arzt sei ‚einer von hier‘ oder ‚einer von uns‘, mit dem man jederzeit auf Augenhöhe einen Plausch abhalten könne und der zur großen Dorffamilie dazu gehört: dieses kuschelige Vereinnahmungsmodel hat für junge Ärzte keinen Charme mehr. Denn Vereinnahmtes steht unter erhöhtem Konformitätsdruck. Dieser macht das Leben unangenehm.

Selbst wenn der Konformitätsdruck, der der Preis dieser überschaubaren und damit von Komplexität entlastenden Einbettungssphäre des Ländlichen ist, für die Autochtonen nie evident wird: der Zugezogene bringt doch eine Perspektive mit, die so etwas registrieren kann. Wenn er dann diese Sicherheit nicht wertschätzt, weil sie ihm trügerisch erscheint, gibt es einen Grund weniger, dort hinzuziehen.

Wir hätten, angesichts der z.B. durch das Internet verstärkten prinzipiellen Ortslosigkeit in der globalisierten Welt (also ‚Globalisierung‘ verstehe ich im Sinne Sloterdijks) glauben wollen, dass das irgendwann keinen Unterschied mehr macht: wo man ist, wo man arbeitet, wo man lebt. Der moderne, flexible Arbeitnehmer ist schon lange Nomade geworden (vgl. Heiner Hastedt, Moderne Nomaden, Wien 2009). Aber der Schritt von einem Studium an einer deutschen Universität hin ins Ausland scheint häufiger gegangen zu werden als der von der Universitätsstadt ins stadtferne, innerdeutsche Land. Das universitätsstädtische Milieu scheint in internationaler Perspektive geringere Brüche zu enthalten als das innerdeutsche Spektrum zwischen Stadt und Land.

Die Perspektivensuche, was Arbeitsmöglichkeiten angeht, hatte in der Geschichte der letzten Jahrhunderte meist einen klaren Vektor: Vom Land in die Stadt. Expansivität, Dynamik, Veränderung, Nicht-Verhärtung: all das lockt Menschen, die das Gefühl haben wollen, ihr eigenes Leben wartet noch auf eine Eroberung durch sie selbst – mit offenem Ausgang; man könnte auch sagen: das lockt Menschen mit einer klaren Bildungserwartung tendenziell weg vom Land.

In ‚Erziehung nach Auschwitz‘ polterte Adorno gegen die Trägheit der geistigen Strukturen besonders in ländlichen Gebieten Deutschlands. War Adornos Empfehlung – Freiwilligentrupps zusammen zu stellen, die das Land zivilisieren – noch tendenziell Lacherfolg-fähig, so scheint darin eine bis heute sich durchhaltende (wenn auch sich abschleifende) Geistes-Opposition durchzuhalten, die nur vordergründig eine topographische Opposition ist: die zwischen Esoterischen und Exoterischen Kreisen der Denkkollektive (nach Ludwik Fleck).

Botschaften der Zivilisierung halten nur mit einer gewissen Zeitverzögerung dauerhaft Einzug in die mentalen Strukturen des Ländlichen. Mag dieser Zeitverzug durch die behauptete Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Phänomene, die durch die Massenmedien erzeugt wird, etwas gemildert werden, so ist die Gefahr nicht gebannt, dass in der ‚Provinz‘ ‚falsche‘ Bilder ankommen. Niemand muss auf dem Land mit den urbanen Phänomenen ‚leben‘, die er von der Mattscheibe kennt. Man kann sich auf die Beobachterposition zurückziehen und jede Kleinstabweichung mit einem „Die spinnen, die Römer“ abtun.

Noch dazu: Viele Medizinstudenten an den Universitäten kommen aus dem Ausland: Pakistan, Indien usw. Das werden ohne Zweifel gute Ärzte. Würden Sie einem pakistanischstämmigen jungen Arzt raten, eine Hausarztpraxis in einem kleinen Ort in der Lausitz zu eröffnen, damit er sich dann Kommentaren der 84jährigen Rentnerin Frau Schmidt aussetzt, die noch meint, ihn zu loben, wenn sie sagt: „Für einen Ausländer sprechen Sie aber ganz gut Deutsch“? Was will ich Ihnen mit dieser Suggestivfrage ‚eigentlich‘ sagen? Sie wissen es bereits…

Der sogenannte Landärztemangel ist kein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Bevor man durch Geld-Anreize Biographien von Leuten, die das urbane Milieu schätzen, gegen die Milieuverfestigungen des Ländlichen manipuliert, sollte man lieber für ein gesamtgesellschaftlich humanes Klima eintreten.

Ich sehe in der Politik eine massive Ahnungslosigkeit, was das bedeuten könnte – wie im Allgemeinen unsere Bundesregierung bei Einschätzungen der sozialen Stimmung meist grob daneben liegt. Das offenbart sich nicht zuletzt immer mal wieder an prominenten Problemfeldern: Dass beim Landärztemangel eine Abstimmung mit den Füßen stattgefunden hat, ist ein demokratischer Glücksfall: in der DDR wären Ärzte noch zwangsversetzt worden. Der worst-case ist diese Abstimmung mit den Füßen höchstens für die, die in der demographischen Falle leben und darin ein geistiges Klima erzeugen, in dem zumindest klügere Leute es freiwillig nicht lange aushalten.

Bald kommt das neue Semester

Und ich möchte daher hier einen Ausschnitt aus meinem Roman, an dem ich derzeit arbeite (Stand aktuell: 160 Seiten fertig), zur Verfügung stellen, in welchem sich der Protagonist mit diesem Thema gedanklich auseinander setzt: also mit Erstis an einer im Roman namenlosen Universität. Behelfsbelehrung: Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Universitäten sind rein zufällig.

„Am schlimmsten an den Erstsemesterstudenten, die, genauso turnusmäßig wie das Laub Anfang Oktober gelb wurde, in eben diesem herrlich herbstlichen Zeitfenster von Ende September an die Stadt und sämtliche universitären Einrichtungen mit ihrer fragenreichen Orientierungslosigkeit überfielen wie ein Schwarm netter, aufgeschlossener und aufgrund der strukturellen Probleme galgenhumoriger aber entschlossener Heuschrecken, war eben dies, was ihr Charakter zu sein schien. Viele glaubten, die Universität, in der sie zumindest körperlich nun schon mal anwesend waren, verteile Freiheit und adulte Gewissheit mit dem ganz großen Löffel. Für viele würde die Ankunft daher Scheitern bedeuten, und der ohnehin schon vor der universitären Laufbahn erwachsene Anteil an ihnen würde ohne Probleme sich einfinden, und später das Gefühl gewinnen, dass es ihnen leichter fiel als anderen, denen es durch das System künstlich schwer gemacht wurde, und daher etwas zurückgeben zu müssen in Form eines Engagements in den demokratisch gewählten studentischen Gremien, in den Fachschaftsräten, in der Fachschaftsrätekonferenz, in der studentischen
Lehramtskonferenz, im Studierendenparlament, im allgemeinen Studierendenausschuss oder sonstwo. Das schlimmste an den sogenannten Erstis war diese kompromisslose Bereitschaft, sich notfalls gegen alle erdenkbaren Verluste den Raum „Universität“ zu erobern, notfalls die Universität als Verunmöglichungsstruktur ihres eigenen Auftrags mit den ihr eigenen Mitteln zu schlagen und sie ihrer Schmach zu vergewissern, daran ganz allein schuld zu sein. Erstis hatten dieses teuflische Augenzwinkern, das ich sehr genau zu lesen verstand. Weil ich aber fürchtete, da ich mich mit der
Institution gemein gemacht hatte, dass das an meine eigene Substanz gehen könnte, deswegen war ich nicht gut auf Erstis zu sprechen. Ich mied sie wie der Teufel das Weihwasser. Wenn eine Gruppe von Erstis einen mit ersti-bezüglichen Informationen gepflasterten Raum der Uni betrat und in aller aufgeregten Ausführlichkeit über schmerzlich peinliche Selbstverständlichkeiten fabulierte, und jeder dem anderen immer noch etwas mehr mitzuteilen haben wollte, musste ich den Raum verlassen. Das ging nicht an, dass man die da so tun ließ, als seien sie alte Hasen. Warum ging das nicht? Ganz klar. Nicht, weil dieses Gehabe des Bescheidwissens per se doof war, sondern weil ich mir vorstellte, genauso bescheuert gewesen zu sein. Und ob ich nun so war oder nicht, meine schmerzhaft peinliche Erstihaftigkeit wird sich vor ein paar Jahren für einen älteren Studenten von meinem Schlage, der es genauso ungenau nahm wie ich gerade, genauso dargestellt haben. Natürlich müsste ich diesem fiktiven Studenten unterstellen, Unrecht mit seiner Unterstellung gehabt zu haben, was er aber nicht hatte. Lieber nicht zu weit gehen mit den Spekulationen. Die neuen Erstis sind doof, ja sozusagen so flach wie Erstis es kaum waren. Noch nie war es so schlimm wie diesmal, oder jedesmal oder so. Fragezeichen. Und dieses „noch nie“ erlebt sich jedes Jahr wie neu für immer jemand anderen von meinem Schlage, der es vorzieht, es bei anderen immer genauer zu nehmen als je bei sich selbst.“