Selbstgerechte Fantasie-Vokabeln: Stilblüten des „Genderns“

 

 

Zunächst sei gesagt, dass ich im Ansatz dasselbe will: Eine Gesellschaft, die ihre Konstruktionen des sozialen Geschlechts nicht zu einer ausweglosen „Quasi-Natur“ hochstilisiert und deswegen eher Chancengleichheit ermöglichen kann, wenn sie einsieht, wie unter anderem Sprache diskriminieren kann. Was aber manchen einfällt, um den „Weg zu einer geschlechtergerechten“ Gesellschaft zu beschreiten, führt teilweise zu fast unverständliche Stilblüten. Eines dieser Stilblüten-Beispiele stammt von Lann Hornscheidt:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/profx-als-geschlechtergerechte-sprache-fuer-professoren-13268220.html

Sprechen Sie das mal fehlerfrei

Es gibt gesprochene Sprache, und geschriebene Sprache. Sie unterscheiden sich mitunter massiv. Das Problem „gendergerechter“ Sprache scheint mir zunehmend darin zu liegen, dass die allgemeine Zugänglichkeit sprachpragmatischer Verwendungsregeln über Bord geworfen wird, um einen morphologischen Homunculus zu züchten, der sich lieber an Wortklauber adressiert (als an den durchschnittlichen Sprecher), die glauben, mit Worten sei der nötige Bewusstseinswandel hinreichend beglaubigt. Der Formelhaftigkeit ist weder hinreichend noch notwendig ein Gewissenswechsel inhärent. In einer solchen feministischen Sprachethik, die auf „Professx“ verfällt, wird Genderspezifik durch bloße Erfindung abgehandelt. Sicher: Man kann das ‚schreiben‘, aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Sprechen Sie mal so, und versuchen Sie, verstanden zu werden. Und vor allem: Versuchen Sie, sich selbst dabei zu verstehen. Das meint: Nehmen Sie sich die Adressatengerechtigkeit ab, wenn Sie jemanden als „Professx“ bezeichnen, oder glauben Sie, darin einen Bewusstseinswandel vollzogen zu haben?

Die linguistische Seite

Das Problem ist, dass viele Leute gendergerechte Sprache für ein linguistisches Problem halten, aber offen zugeben, dass das Primärziel ein soziales/soziologisches ist. Kein Emanzipationsprozess hingegen wird die nötige Akzeptanz dadurch finden, dass wir gesellschaftliche Veränderungen durch den Mut zu unpragmatischen Fantasie-Vokabeln ersetzen. Die linguistische Seite ist zudem die: Eigennamen haben kein grammatisches Geschlecht. Grammatische Geschlechter wie „der“ Kevin oder „die“ Maria sind Behelfsreminiszenzen auf das biologische Geschlecht, das zudem noch einmal vom ‚sozialen‘ Geschlecht zu unterscheiden ist. So weit gehe ich mit. Schon ein Vergleich zum Französischen (das das Genus Neutrum nicht kennt und viele „die/der“-genera völlig anders setzt als das Deutsche) lässt uns bemerken, dass grammatische Geschlechter reine kulturelle Konstruktionen sind. Das soziale Geschlecht ist ebenfalls eine kulturelle Konstruktion. Dies beides lässt sich verändern. Das biologische Geschlecht ist keine Konstruktion, lediglich die kulturellen Erwartungsbeimengungen zum biologischen Geschlecht, die aber mit ihm nicht notwendigerweise verknüpft sind, sind änderbar. Eine Rebellion gegen eine nicht notwendige Verknüpfung, die sagt, eine völlige „Entknüpfung“ sei der beste Weg, ist aber genauso blind. Daher gehe ich diesen Weg nicht mit.

Da das Deutsche das Genus Neutrum kennt, gibt es bereits eine Möglichkeit, Geschlechtsneutralität auszudrücken, wenn jemand absolut nicht über grammatische Genera angesprochen werden will, in denen er sein eigenes soziales Geschlecht nicht wiederfindet. Oder man spricht jemanden nur über den Eigennamen an: Wie weiter oben gesagt, haben Eigennamen kein grammatisches Geschlecht.

Soweit die linguistische Seite, die oft nur Sprachwissenschaftler wirklich überschauen. Sprache muss für die meisten Verwender hingegen nur intuitiv funktionieren. Keiner braucht die Regeln reflektiert zu haben, um Sprache zu verwenden und um in vermeintlich gender-gerechten Verunstaltungen eine unnötige Hürde zu sehen. Worum es mir geht, ist, dass Worte wie „Professx“ nur noch in der geschriebenen Sprache funktionieren, und dort auch nur für Leute, die trotz ihres Intellekts einen naiven Wortgebrauch predigen, der aus Formelhaften Wendungen eine Möglichkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ableitet.

Sprachwandel als Feigenblatt

Gendern ist vielerorts zu einem lustlosen Feigenblatt geworden, mit dem Prozesse des wirklichen Bewusstseinswandels substituiert werden. Emanzipation – auch sprachlich – wird immer noch verengt gedacht als In-Obhut-Nahme der Frauen vor sprachlicher Diskriminierung, die ausschließlich von Männern ausgeübt werde. Diese Ansicht ist selbst eine pseudo-emanzipierte Einstellung zur ‚Emanzipation‘. Auch Frauen diskriminieren. Alle Menschen diskriminieren immer dann, wenn sie pauschal etwas unterstellen; z.B. Männern pauschal unterstellen, ihr Sprachgebrauch sei per se diskriminierend. Männer sind heutzutage viel emanzipierter als selbst die meisten Männer glauben können. Bis zu vielen Frauen hat sich dies sogar rumgesprochen. Nur zu denen nicht, die glauben, Geschlecht und Geschlechtlichkeit seien an sich Wahnsinn. Nun gut: das ist eine nicht notwendige Ansichtssache. Wer gesellschaftliche Grundkonfigurationen ändern will, braucht diese Ansicht nicht, es geht auch anders. Mit Vernunft zum Beispiel. Bildung, Toleranz und Humor.

Mir scheint auch eine gehörige Portion ‚magischen‘ Sprachdenkens hinter verkrampften Sprachverstümmelungen zu stehen: Wer glaubt, eine Sprache, die kein passendes grammatisches Geschlecht zu seiner individuell gerechten Ansprache bereithält, würde seine Existenz leugnen oder nicht fassen können, der glaubt an eine Magie von Worten, die in der Macht besteht, Existenz zu beglaubigen oder zu vernichten. Es fehlt dann nicht viel zu jener Form von magischem Sprachdenken, in welchem man glaubt, dass Formeln oder Zaubersprüche einen realen, invasiven Einfluss auf die Dingwelt hätten. Den haben sie nicht.

Ich glaube, dass dieser sprachklauberische Gender-Fanatismus die verspätete und Karikaturenhafte Antwort auf Probleme einer schlechten Welt von gestern ist. Wenn wirklich emanzipierte Frauen das generische maskulinum bei Pluralen verwenden, wittern weder emanzipierte Männer noch sie selbst überall Unterwerfung und Heteronomie.

Zudem gibt es auch noch das gigantische Feld nicht sprachlich-diskursiver Formen von Geschlechtsrollendarstellung, die uns überall unter der Hand begegnen. Warum kämpfen so wenige gegen die Darstellung von Frauen in Hollywood-Filmen? Es geht viel unmittelbarer in unser Unterbewusstsein über, wenn eine ‚erfolgreiche‘ Frau immer nur jung, mit langen Haaren und großen Brüsten dargestellt wird. Solche Bilder schieben sich als Subtext manipulativ unserem Wahrnehmen unter, eben weil das Gesehene nicht sprachlich-diskursiver Anstrengungen in zweiter Potenz bedarf, sondern en passant eingängig wirkt. Wer die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern will, sollte lieber dort ansetzen. Da gibt es noch richtig was zu tun.

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Thomas Hitzlsperger und der Nachrichtenwert von partnerschaftsloser Sexualität als Selbstzweck

Auch ein kritischer Beitrag zur Sprachlogik von Bekenntnistexten

Carolin Emcke (bekannt für ihr schonungsloses Buch „Wie wir begehren“) und Moritz Müller-Wirth haben in ihrem Interview mit Thomas Hitzlsperger dem Anspruch der Wochenzeitung ZEIT gemäß eine Öffnungs-Mäeutik für das Bekenntnisverfahren eines ehemaligen Profi-Fußballers bereitgestellt. Einerseits könnte man sich fragen, was für eine gesellschaftliche Relevanz das Privatleben eines Sportlers denn nun habe, andererseits liegt es doch offen zu Tage: Alle großen Medien sind in der ihnen je eigenen Stilistik und Tonlage sofort auf diese Offerte eingegangen. Auf jeder Titelseite prangte mit nur geringer Zeitverzögerung in verschiedenen Lettern dasselbe: Thomas Hitzlsperger begehrt gleichgeschlechtlich. Klar ist mindestens die Frage – was wir aus diesem Bekenntnistext denn nun eigentlich lernen können – eine Debatte wert. Klar ist aber auch, dass der Auftakt dieser Debatte sehr paradox war: Aus Respekt vor dem Privatleben konnte nur eine leere Worthülse, konnte Sexualität nur als leeres Etikett, angesprochen – aber nicht ‚mit Leben gefüllt‘ – werden, um im selben Atemzug eine weitergehende Dimension in den Vordergrund zu rücken, nämlich die Lage für Homosexuelle insgesamt, im Profisport als auch in Ländern wie Russland oder Katar. Das eigentlich unverschämte Debattieren von privater Praxis bleibt damit einerseits so abstrakt und wenig konkret, wie es nötig ist, um die prominente Person zu schützen, und lässt dadurch andererseits fragen, ob wir dadurch wirklich etwas neues erfahren haben.

Agonie der Argumentationen

In der Regel kennt auch die am eiligsten einberufene Debatte – in der die Pluralität privaten Begehrens in die Öffentlichkeit gezogen wird um die Diskutierenden auf ihre Toleranz-Tauglichkeit zu prüfen – nur zwei grundsätzlich verschiedene Standpunkte: 1.) Warum müssen wir drüber reden, das ist doch bereits gesellschaftliche Normalität; 2.) Gottseidank können wir jetzt an einem Fallbeispiel nicht mehr abstrakt-theoretisch sondern praktisch drüber diskutieren, warum das immer noch nicht gesellschaftliche Normalität ist. Die Scheinheiligkeit vieler Disputanden, die Standpunkt 1. proklamieren, liegt meist darin, dass sie eine ihnen unangenehme Debatte, die gerade sie an sich ranlassen sollten, mit einer von generösem Duktus geprägten Rhetorik wegwischen wollen, ohne wirklich etwas zu verändern. Daher benötigen sie den Aufweis, dass kein Änderungsbedarf bestehe. Unterformen dieses Standpunktes arbeiten häufig mit populären (Fehl-)Einsichten, dass die Normalität nur dann gegeben sein könne, wenn im Umkehrschluss niemand eine solche Debatte anstoßen würde, wenn ein Prominenter sich zu seiner Heterosexualität bekennt, daher solle es als Beweis von Normalisierung gelten, kein besonderes Wort über dieses Thema zu verlieren. So schlägt man eine Debatte aus.

Die Scheinheiligkeit vieler Disputanden, die Standpunkt 2. vertreten, liegt darin, dass sie endlich mit gutem, aktuellen Grund eine Debatte führen können, die sie schon lange liebgewonnen haben, und die sie im Regelfall bereits mit vorentschiedenen Ergebnissen führen wollen. Für sie ist eigentlich alles bereits klar, nämlich dass die gesellschaftliche Einsicht den real gelebten Verhältnissen viel zu langsam hinterherwachse. Aber auch solche Zuschreibungen verhindern eine wirkliche Normalisierung, weil die Debatte dann nicht eigentlich inhaltlich sondern nur formal geführt werden müsste und ganz schnell in Leerlauf geraten würde. Aber: Wir redeten ja gerade sehr ausführlich, warum das, was Hitzlsperger getan hat, so eine herausragende Relevanz hat. Also: Lasst uns reden, über die wirklichen Beweggründe unter den öffentlichen Ausformungen sozialer Spiele. Lasst uns darüber reden, dass Indifferenz („Is mir egal, soll doch jeder machen…“) keine Toleranz ist, weil sie die Auseinandersetzung mit etwas als andersartig Angesehenem ausschlägt und damit keine Gewöhnung an die Realität der Homosexualität. Und lasst uns, wie Esther Schapira vom Hessischen Rundfunk das mit beachtlichen Worten beschrieben hat, auch darüber reden, warum es keine individualisierbaren sondern gesellschaftliche Gründe hat, dass es immer noch Mut erfordert, man selbst zu sein.

Aspekte der Wortwahl

Eines der Verben, die Hitzlsperger häufig im Rahmen seines Bekenntnisses verwendet, ist ‚spekulieren‘: Ist das nur das deutlichste Rudiment aus der Zeit, wo das Heteronormative Paradigma auch ihn in einem Milieu gefangen hielt, in welchem man nur spekulieren, mutmaßen, sich seinen Teil über Teamkollegen denken konnte, aber nichts wissen? Hitzlsperger hat kein Interesse, nachträglich die Vielzahl von Verdachtsmomenten, die er in seiner aktiven Zeit als Mitwisser zu gehör bekommen hat, aufzurollen und das Milieugefängnis zu sprengen, in dem sich noch viele nach ihm befinden. Er bleibt der Logik der homosozial verfassten sportlichen Männerbünde der Bundesliga oder Premier League verhaftet, und akzeptiert deren Eigengesetzlichkeit, auch die, dass reine Männeransammlungen jeden Verdacht von Homosexualität ausschließen müssen. Sich als Einzelkämpfer hinzustellen und gleichzeitig auf eine gesamtgesellschaftliche Entkrampfung abzuzielen, hat doch zumindest eine gewisse Spannung. Welche Schonung noch möglich ist, wenn man mit der Preisgabe des Intimsten überhaupt eigentlich schonungslos offen mit sich umgeht, ist fraglich. Wie man die Verlegenheit überwindet, der Öffentlichkeit eine öffentliche Sprache für das, was primär eigentlich eine gelingende privatsprachliche Ausformung braucht, anzubieten, das hat m.E. Carolin Emcke in ihrem Buch gezeigt. Hitzlsperger bemühte sich auch in dem einzigen Fernsehinterview mit dem ZDF darum, immer wieder auf den individuellen Mut zu sprechen zu kommen. Privater Mut alleine versorgt uns vielleicht mit Fallbeispielen, die uns die entspannende Einsicht „Ach der auch!“ bescheren, aber nirgendwo ist gesetzt, dass dadurch die Gesellschaft tatsächlich anders zu denken und vor allem anders gegen Homophobie zu handeln beginnt. Was nur individuell sei, kann nämlich auch als Märtyrertum kleingeredet werden. So schützen sich Gesellschaften in der Regel vor unangenehmen Aufgaben. Diese Redeweise sollten daher nicht auch die Vorreiter noch adaptieren.

Inhaltlich unangebundene Sexualität ist leer

Eine gelingende Sexualität ist für ein gelingendes Leben unabdingbar. Nirgendwo hat er über einen Partner geredet, seine Sexualität ist abstrakt benannt, er hat es also einerseits so gehalten, sie als Vektor aufzuweisen, der von ihm wegzeigt: auf die Gesellschaft, nicht etwa auf sein eigenes, konkretes Begehren. Vielleicht war das klug, nur den ‚Modus‘ seines privaten Wollens, nicht aber dessen konkrete Ausformung anzugeben. Andererseits hat er – und das ist ebenfalls der Paradoxie geschuldet in die man sich verstrickt, wenn man die Normativitätsverhaftung im eigenen Kopf noch nicht abgestellt hat – im ZDF den Zeitpunkt des Spieler-Outings individualisiert und wiederholt die Meinung vertreten, die Gesellschaft sei so weit, dass der einzelne keine Angst haben müsse und es nur am individuellen Mut liege, das auch während der aktiven Karriere zu machen. Ja was denn nun?

Vielleicht war gerade das ein Bärendienst für die somit begonnene Debatte. Denn sein eigenes Fühlen und Lieben geht nicht in der Vorreiterfunktion auf, die er sich u.a. im Rahmen von Putins Anti-Homosexuellengesetzen gerne zubilligen würde. Sexualität als reine, oder leere, inhaltlich unangebundene Funktion der Außenwahrnehmung einer Person anzuführen, heißt nicht, dass wir etwas über die Fähigkeit der Privatperson zu einem gelingenden partnerschaftlichen Begehren erfahren haben, und es heißt zu dem, dass man die Gesellschaft davor schützt, zu lernen, was es eigentlich heißt, homosexuell zu sein. Die Sexualität wird als rein mechanisch akzentuierte Vorliebe für ein gerade nicht existentes Gegenüber, das aufgrund seiner leiblichen Natur die Bedienung anderer Techniken erfordert, verflacht. Warum so bescheiden? Gelebte Sexualität ist nicht identisch mit dem reinen Bekenntnis zur ihr.

Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, der Gesellschaft vorzuführen, welche Sprache ein doch sehr reflektierter Mensch für sein Begehren finden kann? Wie er es sprachlich einordnet, was ihn an Personen des gleichen Geschlechtes reizt um darüber aufzuzeigen, wie menschlich das erotische Begehren ist, gleich welches Geschlecht es zum Gegenstand hat? Nein, das hätte uns doch überfordert, wir hätten uns wahrscheinlich geekelt, weil wir es ’so genau‘ dann doch nicht wissen wollen. Stellen Sie sich einen Sportler vor, der sich die Freiheit nimmt, die Öffentlichkeit mit etwas zu konfrontieren, was sie aushalten lernen muss: die Rede über Charme, Charakter, Arten sich zu begegnen, erotische Faszination in Bezug auf Personen des eigenen Geschlechts… Wir applaudieren zwei Boxern, die sich die Fresse polieren, und drehen uns peinlich berührt zur Seite, wenn zwei Männer zärtlich zueinander sind. Die Gesellschaft lernt nur, wenn man sie ins kalte Wasser schmeißt. Das ist aber durch die Geschehnisse um Hitzlsperger nicht passiert. Über Sexualität reden zu dürfen ist hier durch die kritisch-therapeutische Funktion für soziale Makrokörper legitimiert, so sagen es die Urheber der Debatte selber. Damit ist aber kein bisschen etwas daran geändert worden, dass als Toleranz missverstandene Indifferenz mit Homosexualität nur so lange kein Problem hat, solange es bei einer bloßen Benennung einer individualisierbaren Vorliebe bleibt, die aber defacto nie sichtbar in Erscheinung tritt. Ihr Sichtbarwerden allein aber könnte den übertriebenen Schrecken vor ihr nehmen. Und dass Hitzlsperger der Möglichkeit des Schreckensabbaus noch vorbaut durch die Individualisierung der Bekenntnisprozesse, verstellt den Blick darauf, dass zwar sozial konstruierte aber nicht mehr sozial kontrollierte Wertbeimessungen zu Geschlecht und Sexualität nicht durch Individuelle Bewusstseinsbildung zu verändern sind sondern nur durch kollektive Emanzipationsprozesse. Und gleichzeitig gilt: Aus dieser Schwierigkeit von Privat/Öffentlich gibt es kein Entrinnen, denn – wie Theodor W. Adorno sinngemäß in seinem Gespräch mit Arnold Gehlen über „Öffentlichkeit“ sagte-: „Das Privatleben der Prominenten verdient selbst dann noch Schutz vor der Öffentlichkeit, wenn es um der Öffentlichkeit willen geführt wird.“

Der Fußball ist nicht das Problem, sondern das Milieu in dem er heilig ist

Im Großen und Ganzen steht natürlich die Frage im Vordergrund, warum Homosexualität im Profisport nirgendwo ein so großes Problem wie im Fußball darstellt. Profifußball scheint dem ‚plebiszitären Expertentum der Straße‘ am nächsten zu sein. Auch im Breitensport ist Fußball die beliebteste Sportart, daher geht die Öffentlichkeit in den Kreisen der diese Sportart prominent vertretenden Spieler häufiger auf die Suche nach guten Vorbildern, die ein modernes Männlichkeitsbild vorleben. Dem fußballaffinen Breitensportler werden dort die Augen dafür geöffnet, was unter dem Sigel ‚Männlichkeit‘ gerade geht, und was nicht. Ich erinnere mich allerdings noch, wie David Beckhams „Metro“-Art die gängigen Klischees überstrapaziert hat. Damals war es üblich, ihn als ’schwul‘ zu diskreditieren, aus Neid, dass seine Gepflegtheit und auch seine Eitelkeit ihn als heterosexuellen Mann mit zu viel Erfolgswahrscheinlichkeit bei gutaussehenden Frauen ausstattet. Die vermeintlich gerechte Strafe für diesen Vorteil war dann, dass der Volksmund Fragen an Beckhams Begehren gestellt hat: „So wie der aussieht, ist der doch bestimmt schwul.“ Nein. Ist er nicht. Unter dem billigen Motto ‚Männlich ist, wer Erfolg bei Frauen hat‘, hätte eine populäre Redeweise applaudieren müssen für Beckhams Art, sich auch bei Frauen ästhetisch in den Vordergrund zu spielen. Viele Durchschnittsmänner/Fans hat das verunsichert: Es war ihnen schlicht nicht geheuer, ein Vorbild zu akzeptieren, das so unerreichbar weit voraus ist bei allem, was man am liebsten selbst gerne hätte und wäre. Um diesen sozialen Abstand zu minimieren, wird oft nach einem vermeintlichen Totschlag-Argument gegriffen: „Ja, der hat den Erfolg ja nur, weil er in Wahrheit ein fragwürdiges Begehren hat und das kompensieren muss.“ Nein, hat er nicht.

Und die Google-Autovervollständigung listet für jeden Prominenten, der nicht gerade aufwändig seine Heterosexualität in der Öffentlichkeit zelebriert, immer das „schwul“ als häufig gesuchten Begriff, weil viele Leute darüber herausfinden wollen, ob ihre eigene Sexualität in Identifizierungswürdigen Promis ein Vorbild hat, denn das wäre für sie das am besten sichtbare Zeichen gesellschaftlicher Normalität: wenn ein Promi auch „so“ ist. Natürlich gibt es zivilisiertere Bereiche der Gesellschaft als das Milieu, in dem unbedingte Parteinahme für ein massenidentifikatorisches Ereignisgeschehen wie die Bundesliga-Saison ihre fröhliche Urständ feiert. Nun sehen sich die Milieus der ehemaligen Werksvereine eigentlich schon lange ihrer Grundlage beraubt, Fußball ist Kommerz und dickes Geschäft, Spieler sind keine genuinen Local Heroes mehr, der Glaube an die Ursprünglichkeit des Sports ist dann zwar blind, aber eben darum dennoch Taktgeber für Prozesse der Selbstverständigung derjenigen, die an vielen gesellschaftlichen Entspannungsdiskursen gar nicht teilnehmen wollen oder können. Die angestammte Art der Weltausdeutung nicht hinterfragen zu müssen ist unglaublich entlastend, wenn man ahnt, dass die eigenen sprachlichen und intellektuellen Mittel eh nicht ausreichen würden, um sich autonom zu machen und sich von einer antiquierten Räson zu emanzipieren. Milieus verfestigen sich gerne durch Wiederholung weniger, sich immer gleich bleibender Gewissheiten. Mit Sprache und Intellekt gegen die Emanzipationsverweigerung großer Mehrheiten anzugehen, ist ein anstrengendes und notwendiges Unterfangen: Keine noch so ressentiment-beladene Mehrheit hat es verdient, dass man sie vor ihrer Reifung und Weiterentwicklung schützt, nur weil man sie bereits verloren gibt.

Political Correctnes und fadenscheinige Beipflichtungen

Natürlich bliebe noch viel zu sagen, darüber etwa, ob es nicht auch ein Bärendienst an der Debatte ist, wenn etwa Sprecher der Kanzlerin, anderer aktive Sportler-Kollegen, Personen der politischen und künstlerischen Öffentlichkeit und so weiter ihre fadenscheinigen Beipflichtungen über sämtliche Kanäle absondern. Viele, die öffentlich zu schnell ihren Respekt zollten, sagten ohne Bedenkzeit sofort das, von dem sie glaubten, es sei das was gesellschaftlich gewünscht ist. Ich mag allerdings Debatten, in denen das von der Mehrheitsgesellschaft Gewünschte als das gilt, was es ist: verdächtige Rhetorik, die das Eigentliche verdeckt. Wer die Debatte über die Vereinbarkeit des Profisports ‚Fußball‘ mit Homosexualität wirklich führen will, der muss darüber diskutieren, welche Verantwortung der DFB hat, die FIFA, der IOC, die einzelnen Vereine, die Medien, die Werbepartner und Sponsoren aus der Wirtschaft, denen ja immer unterstellt wird, sie würden sich mit ihrem Sponsoring zurückhalten, sobald ein Spieler sich oute. Und welche Verantwortung der einzelne hat, der seine übertriebene, homophobe Abwehr nicht als das erkennt was sie ist: eine gesteigerte Bezugnahme, hinter der eigentlich ein großes Auseinandersetzungsinteresse an und eine Faszination für das so alltäglich-normale ‚Andere‘ steht, sodass kein einziger Grund mehr besteht, es dem Wortlaut nach ablehnen zu müssen.

Soll es eine Menschheit geben?

Der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das seine Wesenhaftigkeit selbst zum Thema machen kann. Ihm stellen sich Gegebenheiten als Anlässe zum Hinterfragen dar. Alles, was fraglich werden kann, verliert aber seine Selbstverständlichkeit. So kann aus der selbstverständlichen Empirie – dass offensichtlich eine Menschheit existiert – die Frage erwachsen, ob es auch so sein soll. Aus dem bloßen Vorliegen eine bejahende Antwort zu generieren, greift nicht zuletzt mit Blick auf den Naturalistischen Fehlschluss – oder auch das Hume’sche Gesetz – zu kurz. Denn aus dem bloßen Sein ein Sollen abzuleiten, hieße, alles, was nur immer ist, zu positivieren und damit möglicherweise auch völlig gegensätzlichen Sachverhalten den gleichen Geltungsstatus einzuräumen. Die Frage nach dem Seinsollen der Menschheit müsste daher vielleicht weniger ontologisch als sozialethisch beantwortet werden: Welche Zustände kann man sich vorstellen, unter denen aus menschlicher Perspektive das Verschwinden ‚dieser‘ Menschheit, deren Vorhandensein wir gerade konstatieren, geboten sein könnte?[1]

Obwohl der Mensch ein kulturgestaltendes Wesen ist, ist die Fähigkeit, Lust und Unlust auf körperliche und seelische Weise zu erfahren, Bestandteil seiner vitalen Natur. Das Dasein nicht nur im Hinblick auf den Erwerb eines lebenssichernden Unterhalts sondern auch im Hinblick auf die Findung eines gelingenden Lebensentwurfs bedeutet Anstrengung und Unlust, oder auch: Negativität. Neben der Komplexität des individuellen Daseinskampfes kommt der Mensch in Vergesellschaftungsstrukturen vor, die ihn über allerlei Institutionen mit heteronomer Macht und gar repressiver Gewalt konfrontieren. Weltvorkehrungen, die diese Unlustsummen für viele Menschen ins Unermessliche steigern, könnten geeignete Kandidaten dafür sein, dass man im Sinne der im Begriff ‚Menschheit‘ gesetzten Solidarität der Menschen beginnt, ein Aussterben der Menschheit für möglich oder vertretbar – vielleicht sogar wünschenswert – zu halten. Daran sehen wir erst einmal nichts für das Seinsollen der Menschheit sondern nur dies: Dem vernunftbegabten Wesen, das sich selbst zum Thema wird, kann bei profilierter Einsichtsfähigkeit aufgehen, dass es den Fortbestand der eigenen Gattung auf Basis der Umstände (auch der selbstgeschaffenen Umstände) zur Disposition stellen kann und aufgrund der Selbstfürsorge die Lustqualität – also das WIE des Seins – eine fundamentale Bedeutung für das OB des Seins in der Zukunft erhält. Nicht unter allen Umständen muss ein menschliches Leben fortgesetzt werden, nur weil es faktisch schon eine Weile dauert. Nicht unter allen Umständen muss sich die Menschheit durch Fortpflanzung der Individuen erhalten, nur weil jene biologisch dazu in der Lage sind. Nein vielmehr ist den Menschen die Ansicht möglich, dass das von ihnen geschaffene Leid sich nicht damit vertragen könnte, weitere, leidempfindende Erdenbürger in die Welt zu setzen und in Konsequenz das Aussterben der Menschheit einzuläuten wäre.

Richten wir den Blick auf die Wahrscheinlichkeit, dass solche Zustände eintreten, die die Lustsumme ins Negative fallen lassen. Die Menschheit, also die Gesamtheit verschiedener Kulturkreise und Gesellschaften, ist zu sehr ausdifferenziert, als dass wenige, klar benennbare Unlustfaktoren alle Individuen gleichermaßen mit einem Leid konfrontieren könnten, das einen überindividuellen Konsens über das Nichtfortbestehensollen der Menschheit für alle plausibel macht. Darüber hinaus gibt es weit verbreitete, religiöse Deutungsparadigmen, die existenziell bedrohlichem Leid eine wesentliche Funktion in der individuellen und kollektiven Auseinandersetzung mit der Welt zuschreiben und somit subjektiv gefühlte als auch objektive Negativität positivieren. Der Mensch macht Unlusterfahrungen produktiv. Darin liegt seine Stärke: im Arrangement mit allem Möglichen und Unmöglichen. Entfremdungserfahrungen, bedrohliche kulturelle Abständigkeit und Daseinsnegativität motivieren den Menschen auch in nichtreligiösen Kontexten wie etwa in Fragen von Bildung, Toleranz und Humor zur Ausbildung einer Haltung, mittels derer das Individuum mit dem Unerträglichen schon irgendwie fertig zu werden vermag und das Erträgliche in weiser Kenntnis seiner Seltenheit umso mehr zu genießen versteht.

Die Frage nach der Vereinbarkeit des von Menschen geschaffenen Leids mit der fortgesetzten Existenz des leidempfindenden Wesens Mensch ist angesichts der humanistischen Fürsprache für ein aufgeklärtes Bildungsbewusstsein nicht negativ zu beantworten, solange Menschen etwas für sie elementares und lebensnotwendiges tun: ihr Leben zu führen indem sie in Auseinandersetzung mit einer widerständigen Welt in entspannender Absicht sich eine Haltung erarbeiten, die ihr Tun in solidarischer Manier bestenfalls zum Besseren für alle lenkt, mindestens aber das Individuum in eigener Verantwortung vor sich selbst bessert. Dass die Menschheit sich über dem hausgemachten Leid in Frage stellt, heißt nicht, dass sie es sich so leicht machen darf sich als ohnmächtig und antwortlos gegenüber einer Verbesserung dessen auszugeben, was sie nur selbst in den Händen hat: ihr eigenes Tun und Lassen. Der Beschluss zur Auflösung als letzte Pflicht einer gescheiterten Menschheit wäre der Kollaps jeder Ethik im Anschein ihrer Bewahrung, nachdem Vorläuferethiken als Theoriegebäude an der Praxis chaotischer menschlicher Repräsentanten scheiterten. Aber diese ‚Verlegenheitslösung des letzten Notausgangs‘ sollten wir nicht akzeptieren. Ich halte es für eine Infantilisierung sondergleichen, wenn man einer vernunftbegabten Gattung erlaubte, erst alle Vorräte leer zu saufen und dann einfach die Zeche zu prellen. Solange es vermeidbares Leid auf einem Planeten gibt, der von lebendigen Wesen bewohnt wird, sollte die Menschheit in die Pflicht genommen werden, dieses Leid durch reflektierte Selbstveränderungen zu minimieren und für alle Unlustzustände eigener Genese auch zukünftig Verantwortung zu übernehmen. Und das geht nur, wenn sie bleibt und sich sorgt, ohne dass sie durch ihre Daseinsgeschichte oder ihr sorgenvolles Sein in der Gegenwart Anspruch darauf erheben könnte, auf alle Zeit hinweg sein zu sollen.


[1] Daraus ergibt sich ein Nebenproblem: Die spezifisch anthropogene und an das Verhalten und reflexive Verhältnis menschlicher Repräsentanten zu sich und anderen gebundene Ethik würde einen Zustand der Menschenleere schaffen, der über das Ende der Existenz der ihn erdacht habenden Repräsentanten hinausreichte. Wenn ideelle Gesetze aber verkörpert werden müssen um zu wirken, aber ein verkörperungsloser Nachzustand die Wirkung dieser ideellen Gesetze weiter bezeugt (wem auch immer), ist das dann schon Metaphysik? Aber Spaß beiseite.