„Terror oder Humor“?

Die titelgebende Konjunktion „Terror und Humor“ ist der Sache nach eine der schärfsten Disjunktionen überhaupt: Entweder … oder. Wer im Humor seine Neigung erkennen lässt, gegen die traumatischen Aspekte des Lebens positiv bestehen zu wollen, der hat keinen Grund mehr, eine weltanschauliche Verstiegenheit zu entwickeln, die zu einer Mission der Auslöschung werden könnte. Missionen sind meist der Reflex auf den gefährlichen Überblicksverlust, der in der Pluralität wurzelt. Wo der Humor einen schlechten Stand hat, da regieren Menschen oft mit dem verheerenden Imperativ, alles ‚andere‘ müsse getilgt werden. Terror wirkt dann, indem man sich von ihm auch dann bedroht fühlt, wenn er gerade nicht aktuell durchschlägt.

‚Erweiterte Selbstmorde‘ mit medialer Spitzenplatzierung erzeugen das Gefühl latenter Bedrohung. Meine These ist, dass einer terroristischen Ausgangshaltung der Nährboden entzogen werden kann. Und zwar durch eine spezifische Haltung, die auf Nichtverhärtung aus ist: dem Humor. Terroristen wollen Verhärtungen gutheißen, weil sie sie als notwendigen Reflex auf einer widerständige Welt beschönigen. Hat das Widerständige aber seine begrüßenswerte Funktion besonders darin, den Strategien der Bearbeitung des Antagonismus‘ zwischen eigener Tugend und nicht beeinflussbarem Weltlauf Futter zu geben, so gibt es insgesamt zwei Extreme, die wirkliche Widerständigkeit verabscheuen und uns auf jeweils eigene Weise über sie hinwegtäuschen wollen: der weltanschauliche Terrorismus und der Terrorismus der Massenkomik.

Der Terrorist sprengt das ihm verhasste geistige Milieu, das wir atmen; der Comedian sprengt nicht einmal mehr die abrissreifsten Nebengelasse der Positivgesellschaft, schon gar nicht deren Prunkbauten.

Von beiden Seiten her droht Ähnliches: An die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände nur durch Auslöschung zu glauben macht Lebensräume inhuman, die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände in der Bestätigungskomik zu bezweifeln, hält Lebensräume inhuman. Wird im Terrorismus durch die Wahllosigkeit, welche Opfer eine Explosion fordert, mehr oder weniger der gesamten Gesellschaft unterstellt, dass sie mangelhaft ist und daher – unbesehen der Einzelfälle – von Gewalt betroffen gemacht werden sollte, so wird im Terror der breit gesäten Massenkomik die Möglichkeit verabschiedet, dass die anstrengende Auseinandersetzungen mit sozialen Differenzen zum Selbstverständnis des sich bildenden und verändernden Menschen gehören kann.

Humorloser Terror und genauer gesagt Komikterrorismus gleichen sich darin, dass sie dem Menschen das willentliche Sich-Betreffen-Lassen abnehmen, und machen ihn damit unmündig. Terrorismus erscheint unter seiner eigenen Maßgabe der gerechtfertigten Unterstellung des Ungenügens ‚aller‘ als „Gewalt gegen jene menschen-umgebenden »Sachen«, ohne welche die Personen nicht Personen bleiben können“[1], Massenkomik hingegen – unter das bloße Emblem des „Humors“ gestellt – ist schmeichelnde Gewalt des Konsens‘ gegen soziale Differenzen.

Diese Gewalt verabschiedet die Aufgabe, Unterschiede aushalten zu lernen, und bezweifelt daher zunehmend auch, dass es diese identitären Unterschiede zwischen Personen überhaupt gibt. Damit bedroht sie das Person-Sein der Menschen von der Seite ihrer Individualität her.

Massenkomik ist damit per definitionem von Intoleranz geprägt, wie es auch die attentäterisch-terroristische Motivationslage ist. Terroristen halten auf eine grundsätzlich gefährliche Weise zu pauschal alle für Abweichler, Komikterroristen halten zu pauschal alle Abweichung auf eine zu grundsätzliche Weise für ungefährlich und für prinzipiell in unser gesellschaftliches Einerlei für integrierbar. Zwischen der singulären Verstiegenheit des verbissenen Geisterfahrers und der kollektiven Indifferenz einer kichernden Schiffkreuzfahrtgesellschaft allerdings gibt es einen Bereich, in dem unterwegs zu sein mir humaner erscheint, in dem unterwegs zu sein aber einiges mehr verlangt an Takt, Toleranz, Bildung und Humor.

Wir leben in Restriktionen und können oder dürfen über gar nichts lachen und wollen uns – da wir dies in Konsequenz als besondere Mission mit kollektiven Tiefeneffekten annehmen müssen – sprengstoffbasiert davon entsichern? Dann werden wir Terroristen, wobei unser Verlust von Seelen-Adel darin läge, dass uns nichts mehr wirklich etwas bedeutet. Oder wir wollen hingegen über alles nur noch auf eine flache Weise lachen und dies im Eventmodus nur scheinbar wirklicher Entsicherung? Dann werden wir zu Mario-Barth-Fans, deren Verlust seelischer Vielfalt darin läge, dass nichts wirklich Wichtiges uns noch Gegenstand einer eigenen Bearbeitung werden kann. Wir sollten beides nicht werden wollen, wenn uns noch etwas heilig ist, das es trotzdem aushält, in dem Lichte betrachtet zu werden, das neben seinen Schönheiten gleich seine Unschönheiten mit zu Tage fördert.

Terroristen haben keine Unschönheiten, glauben Terroristen. Komikterroristen meinen, ihre Unschönheiten freimütig genug benannt zu haben, aber mit dieser Vordergründigkeit bringen sie sie eben zugleich weit außerhalb der Reichweite von kritischen Nachfragen.

[1] Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Frankfurt am Main 2002, S. 23.

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Zum Ärztemangel in der ‚Fläche‘ Deutschlands : Unverschämte Ursachenforschung

Der sogenannte Landärztemangel ist nur oberflächlich betrachtet ein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Mit anderen Worten: Der städtische ‚Überschuss‘ wird sich auch durch den Willen des Gesetzgebers nicht transplantieren lassen.

Ärzte sind studierte Leute – oftmals mit eindringlichem Kulturinteresse, damit geistig mit großer Nähe zu einem kulturellen Klima, das man ‚urban‘ nennen muss.

Die Freude ist nicht zwingend beiderseits : Die Menschen, die ein Landarzt zu behandeln hat, stehen – nicht zwingend aber häufiger – für ein geistiges Klima, das den Arzt dort als Arbeitnehmer zwar willkommen sein lässt, als Wohnsitznehmer dort aber tendenziell heimatlos macht. Die Freude dieses Patientenmilieus, behandelt zu werden, sollte sich mal durch die Frage brechen lassen, warum Ärztemangel eine Frage des flachen Landes weit ab der Städte ist, also: Warum es besonders für junge Ärzte so auffallend unattraktiv ist, diese Patientschaft zu versorgen. Warum jemand, der seine Karriere wie sein Leben im Wesentlichen noch vor sich hat, eines nicht tut: die Menschen dort versorgen.

Sicher es liegt nicht lediglich an den Menschen, aber es liegt an der Stadtferne des geistigen Klimas, das diese Menschen am Leben halten und das diese Menschen am Leben hält. Leider geht das eigene Wohlfühlklima  für diese Menschen dann überdurchschnittlich  auf Kosten der Möglichkeit einer nahen Dauer-Versorgung durch Klima-fremde, zugezogene Ärzte. Noch schlimmer ist in der Fläche vielleicht bald der Mangel an Psychologen und Psychotherapeuten. Die Erklärung für diesen Mangel ist die selbe.

Das alte Wohlgefühl, das der Landarzt einem bescherte, und das wesentlich in der Vorstellung bestand, der Arzt sei ‚einer von hier‘ oder ‚einer von uns‘, mit dem man jederzeit auf Augenhöhe einen Plausch abhalten könne und der zur großen Dorffamilie dazu gehört: dieses kuschelige Vereinnahmungsmodel hat für junge Ärzte keinen Charme mehr. Denn Vereinnahmtes steht unter erhöhtem Konformitätsdruck. Dieser macht das Leben unangenehm.

Selbst wenn der Konformitätsdruck, der der Preis dieser überschaubaren und damit von Komplexität entlastenden Einbettungssphäre des Ländlichen ist, für die Autochtonen nie evident wird: der Zugezogene bringt doch eine Perspektive mit, die so etwas registrieren kann. Wenn er dann diese Sicherheit nicht wertschätzt, weil sie ihm trügerisch erscheint, gibt es einen Grund weniger, dort hinzuziehen.

Wir hätten, angesichts der z.B. durch das Internet verstärkten prinzipiellen Ortslosigkeit in der globalisierten Welt (also ‚Globalisierung‘ verstehe ich im Sinne Sloterdijks) glauben wollen, dass das irgendwann keinen Unterschied mehr macht: wo man ist, wo man arbeitet, wo man lebt. Der moderne, flexible Arbeitnehmer ist schon lange Nomade geworden (vgl. Heiner Hastedt, Moderne Nomaden, Wien 2009). Aber der Schritt von einem Studium an einer deutschen Universität hin ins Ausland scheint häufiger gegangen zu werden als der von der Universitätsstadt ins stadtferne, innerdeutsche Land. Das universitätsstädtische Milieu scheint in internationaler Perspektive geringere Brüche zu enthalten als das innerdeutsche Spektrum zwischen Stadt und Land.

Die Perspektivensuche, was Arbeitsmöglichkeiten angeht, hatte in der Geschichte der letzten Jahrhunderte meist einen klaren Vektor: Vom Land in die Stadt. Expansivität, Dynamik, Veränderung, Nicht-Verhärtung: all das lockt Menschen, die das Gefühl haben wollen, ihr eigenes Leben wartet noch auf eine Eroberung durch sie selbst – mit offenem Ausgang; man könnte auch sagen: das lockt Menschen mit einer klaren Bildungserwartung tendenziell weg vom Land.

In ‚Erziehung nach Auschwitz‘ polterte Adorno gegen die Trägheit der geistigen Strukturen besonders in ländlichen Gebieten Deutschlands. War Adornos Empfehlung – Freiwilligentrupps zusammen zu stellen, die das Land zivilisieren – noch tendenziell Lacherfolg-fähig, so scheint darin eine bis heute sich durchhaltende (wenn auch sich abschleifende) Geistes-Opposition durchzuhalten, die nur vordergründig eine topographische Opposition ist: die zwischen Esoterischen und Exoterischen Kreisen der Denkkollektive (nach Ludwik Fleck).

Botschaften der Zivilisierung halten nur mit einer gewissen Zeitverzögerung dauerhaft Einzug in die mentalen Strukturen des Ländlichen. Mag dieser Zeitverzug durch die behauptete Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Phänomene, die durch die Massenmedien erzeugt wird, etwas gemildert werden, so ist die Gefahr nicht gebannt, dass in der ‚Provinz‘ ‚falsche‘ Bilder ankommen. Niemand muss auf dem Land mit den urbanen Phänomenen ‚leben‘, die er von der Mattscheibe kennt. Man kann sich auf die Beobachterposition zurückziehen und jede Kleinstabweichung mit einem „Die spinnen, die Römer“ abtun.

Noch dazu: Viele Medizinstudenten an den Universitäten kommen aus dem Ausland: Pakistan, Indien usw. Das werden ohne Zweifel gute Ärzte. Würden Sie einem pakistanischstämmigen jungen Arzt raten, eine Hausarztpraxis in einem kleinen Ort in der Lausitz zu eröffnen, damit er sich dann Kommentaren der 84jährigen Rentnerin Frau Schmidt aussetzt, die noch meint, ihn zu loben, wenn sie sagt: „Für einen Ausländer sprechen Sie aber ganz gut Deutsch“? Was will ich Ihnen mit dieser Suggestivfrage ‚eigentlich‘ sagen? Sie wissen es bereits…

Der sogenannte Landärztemangel ist kein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Bevor man durch Geld-Anreize Biographien von Leuten, die das urbane Milieu schätzen, gegen die Milieuverfestigungen des Ländlichen manipuliert, sollte man lieber für ein gesamtgesellschaftlich humanes Klima eintreten.

Ich sehe in der Politik eine massive Ahnungslosigkeit, was das bedeuten könnte – wie im Allgemeinen unsere Bundesregierung bei Einschätzungen der sozialen Stimmung meist grob daneben liegt. Das offenbart sich nicht zuletzt immer mal wieder an prominenten Problemfeldern: Dass beim Landärztemangel eine Abstimmung mit den Füßen stattgefunden hat, ist ein demokratischer Glücksfall: in der DDR wären Ärzte noch zwangsversetzt worden. Der worst-case ist diese Abstimmung mit den Füßen höchstens für die, die in der demographischen Falle leben und darin ein geistiges Klima erzeugen, in dem zumindest klügere Leute es freiwillig nicht lange aushalten.

Von der Unwahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, das uns nicht ähnlich sieht…

„Welchen existenziellen, mehr als theoretischen Unterschied würde es ausmachen, mehr zu wissen – vom Dasein uns geistig ähnlichen Lebens anderswo zu erfahren? Meine Antwort ist: gar keinen.“

(Hans Jonas: Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen. Frankfurt am Main 1994. S. 253)

Wir suchen das absolut Exterritoriale und finden Bilder und Beschreibungen dafür, die auf Linie unserer Kategorien liegen: Wir denken uns intelligentes Leben mit Kopf, Armen und Beinen und einer Sprache, die wir zwar nicht verstehen, die man aber lernen könnte, wie Japanisch oder ähnliches. Wir wollen das Phantasma einer absolut exterritorialen Lebensform und kultivieren in Science-Fiction-Filmen eine Angst davor, die wir selber in diese Projektion hinein-plausibilisiert haben: Natürlich müsste man im absoluten Außen unsere irdische Ethik mit Füßen treten – natürlich stellen wir uns daher den Auftritt von Aliens so vor, dass sie ganz unbedingt mit Vernichtungsabsichten gegenüber uns Menschen aufträten: Sie kommen von draußen, sie wären damit an keine unserer innerweltlichen ethischen Implikationen gebunden, so denken wir. Anders Immanuel Kant, der seine Vernunftgrundierung intelligenten Lebens so formuliert wissen wollte, dass sie universal gültig ist und bei allen (noch nicht entdeckten, vielleicht nie zu entdeckenden) intelligenten Lebensformen genau so zu finden sein würde. Das könnte man wissen: Das will man aber nicht wissen. Wer Lust am Gruseln hat, muss Kant suspendieren. Wer Kant in dieser Hinsicht nicht versteht, kommt beim Gruselbedarf leichter auf seine Kosten. Nicht denken zu müssen, entlastet. Leider entlastet es aber auch von präzisen Einsichten. Eine dieser Einsichten könnte sein: Wir werden es nie mit Aliens zu tun bekommen können, die uns nicht ganz grundsätzlich ähnlich sehen, schockierend ähnlich, sozusagen wie wir: Wie Menschen. Fremd sind wir uns selber schon genug, unser eigener Gruselbedarf ist uns intransparent. Was verstehen wir dann überhaupt von uns? Die Baustelle sind nicht Aliens. Die Baustelle sind wir. (Also doch ‚Aliens‘?)

 Wer die Evolution richtig denkt, weiß um die Unwahrscheinlichkeit der Koinzidenz derjenigen Faktoren, die uns möglich gemacht haben. Dieses Übereintreffen als ‚Glücksfall‘ zu akzentuieren, ist Unsinn: Viele Menschen, die sich der Kontingenz nicht bewusst werden, spotten dem ‚Glücksbegriff‘, da sie der Erde nur dogmatischen Druck hinzufügen. Wessen Denken die Chaostheorie fassen kann, der weiß um die Unwahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im Universum. Wer das Chaos der Piratenpartei kennt, weiß ja auch um die Schwierigkeit mehr oder weniger intelligenten Lebens, eine technisch astreine Bewältigungsstruktur für die Koordination von Willensbildungsprozessen zu finden. Welchen Intergalaktischen Krieg sollten wir schon gewinnen? Aber so weit wird es ja gar nicht erst kommen.

Noch dazu: In unserem physikalischen Universum halten großartig unterschiedliche Bauformen nicht lange dem Praxistest stand. Das Resultat ist konvergente Evolution: auch mit großem zeitlichen und räumlichen Abstand entwickeln sich in varianten Biotopen Lebensformen immer nach ähnlichen Strukturprinzipien. Aliens würden uns verdammt ähnlich sehen… so oder so.

Harald Lesch dazu:

http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-centauri/alpha-centauri-ausserirdische-2001_x100.html

Dass schon allein unsere Existenz unwahrscheinlich ist, ist für uns schwer mit der menschlichen Innenperspektive zusammen zu denken, die uns immer wieder vortäuscht, das mit uns sei was ganz großes und Erhabenes. Wenn dieser Erhabenheitseindruck mal wieder durch unsere chaotische Kleinheit und Unzulänglichkeit konterkariert wird, flüchten wir uns in Religionen: Mit denen richtet sich unsere Vorstellung, dass wir in unserer geballten Dummheit und Widersprüchlichkeit auch noch von einem höheren Wesen gewollt sind, gemütlich ein, ohne dass wir merken: ein solcher Schöpfer müsste einen verdammt miesen Humor haben. Menschen mit religiös-rührig feuchten Augen wollen das gewollte Produkt eines Wesens mit miesem Humor sein. Ok, wer das will, soll das tun. Immerhin treten Aliens in Gruselfilmen immer als komplett humorlos auf. Hat sich schon mal einer gefragt, warum? So viel Klugheit um technisch so weit zu kommen wie wir Menschen, erträgt niemand ohne ein Moment der Flexibilität in seiner Haltung: also Humor. Wie könnten hoch-intelligente Vernichtungs-Aliens das ertragen, wenn sie nicht lachen könnten? So unwahrscheinlich schon unsere Existenz ist, umso unwahrscheinlicher wird es mit uns schon, dass das nochmal passiert sein soll: als statistischer Fall liegen wir bereits vor. Wer einmal im Lotto gewonnen hat, hat schon mehr Glück gehabt als rechnerisch möglich. Er sollte von weiteren Spielen Abstand nehmen, es sei denn er hat eine gute Frustrationstoleranz. Erneut zu spielen ist keine wirksame Beherrschung oder Handhabung des Zufalls. So gerne man das auch glauben möchte.   

Das Universum ist nicht unendlich groß. Dazu kommt: Wahrscheinlichkeiten sind keine wirklichen Aussagen über die Realität, denn da sie nur im Unendlichen zutreffen, lässt sich ziemlich lange, und zwar fast ebenso unendlich, an einer Wahrscheinlichkeitsbehauptung festhalten, selbst wenn empirische Proben immer das Gegenteil behaupten. Auch beim tausendsten Gegenbeweis müsste man immer nur sagen: Hauptsache es stimmt im Unendlichen. Die Fähigkeiten der Erdbewohner sind nichts universell Wahrscheinliches, keine Rechnerei kann mehr als nur die Möglichkeit einer gleichen Entwicklung behaupten: letztendlich Dinge, die man ‚glauben‘ muss. Das Statistikgehudel ist spekulativ und verstellt geradezu die Diskussion um die Bedeutung, die ‚das Andere‘, ‚die Anderen‘ und absolute ‚Transzendenz‘ für uns  als Vorstellungskonzepte haben.

Aliens hingegen haben keine Götter, weil sie topologisch mit Gott um die Situierung im absoluten Außen konkurrieren und diese Konkurrenzfrage durch Menschen entschieden werden muss, wobei in Hollywood-Blockbustern letztlich Gott der Zuschlag erteilt wird: Ist es uns jemals in den Sinn gekommen, zu glauben, Aliens könnten Götter haben? Ich habe in Filmen noch nicht gesehen, dass ‚potentiell mögliche Aliens‘ die Erde angreifen: nur konkrete Aliens, mit einer Gestalt, die die menschliche Handschrift trägt – ähnlich wie bei den meisten Gottesvisualisierungen, die den Menschen so passieren. Als Bedroher irdischer Ethik und als Wesen mit exterritorialer Herkunft automatische Gott-Konkurrenten müssen Aliens selbst als gottlos vorgestellt werden. Damit verkörpern sie das, was der häufigste Vorwurf in zugespitzten interkulturellen Konflikten zwischen realen Menschen ist: der Vorwurf, die jeweils andere Partei müsse vernichtet werden, weil sie gottlos sei. Das ist eine Frage der Deutungsmacht. Und: Es ist immer der Andere, weil der Andere – im Sinne eigener Identitätsbildung – immer das Fremde im eigenen Ich überspitzt und leibhaftig vorstellt, damit aber für den Normbedachten Menschen immer die Gefahr bereithält, ihm aufzuzeigen, dass er nicht in das Normkonzept des eigenen Diesseits der Kulturellen Demarkationslinie passt, und damit potentieller Weise zur Zielscheibe der Aggression der eigenen Kultur werden könnte. Diese Gefahr ist existenziell: in unaufgeklärten Kulturen hängt die Frage von Leben und Tod daran. Ketzer kommen auf den Scheiterhaufen, Hexen auch, Kommunisten, Demokraten, alle Unangepassten, alle ‚Anderen‘.   

Technokratisch verbildeten Menschen reicht eine rechnerisch nicht auszuschließende Minimalstwahrscheinlichkeit, um zumindest den Raum für Träumereien nicht abzuschließen. Ich als Philosoph bin da abgeklärter als manch positivistischer Naturwissenschaftler: und ich lasse daher nur nicht-naturwissenschaftliche Erklärungen für die ‚menschliche Natur‘ gelten.

Es ist eigentlich eine kulturwissenschaftliche / philosophische / soziologische Frage, warum uns Aliens so beschäftigen, und es ist eine Sache unterkomplexer Reflexion und eines gigantischen reflexiven Nachholbedarfs darin, warum wir – wenn wir an ‚das Andere‘ als phänomenale Folie für Selbstvergewisserungsprozesse denken – so brachial und infantil das Extremst-Andere in Form absolut exterritorialer Wesen bevorzugen, und ihnen in unseren hilflosen Visualisierungen denkbare Gestalt verleihen: sodass unsere Bebilderungen verraten, dass wir nicht über die Kategorien verfügen, das ‚wirklich‘ ‚Andere‘ wirklich erwarten zu können: es fehlt uns gewaltig an kreativer Einbildungskraft. Auch Filme in 3-D, mit hochauflösendem Bild und überfrachteter Story können dieses Einbildungskraftdefizit nicht einholen sondern nur vergrößern, wo sie zum Vorstellungslieferant für eine ganze Menschheit herhalten.

Kein Wunder, warum wir das Infantil-Phantastische und gigantisch Bebilderte ständig für-wahr halten müssen. Kein Wunder, warum es uns lieber ist, die Für-Wahrheit des Infantil-Phantastischen nicht etwa mit Argumenten zu kritisieren sondern mit Zahlenreihen in Statistiken zu affirmieren. Die Affirmation des Diffusen und der von latenter Aversion begleiteten Ungewissheit hat noch niemanden klüger oder besonnener gemacht.

Hinsichtlich einer klaren Einschätzung der Lage steht es uns im Weg. Ich meine weil: im Begriff ‚Alien‘ steckt die Fremdheitserfahrung drin, die man so an der ‚möglichen‘ Form intelligenten Lebens in diesem Universum logisch nicht als wirkliche ‚Fremdheit‘ bezeichnen kann, weil  uns die Naturwissenschaft schlüssig gezeigt hat, nach welchen Kriterien das funktioniert. Die eigentliche Frage, wie man sowas gedacht kriegt, ist keine Frage von statistischen Zahlen sondern eine kulturwissenschaftliche: Wie gehen wir mit Fremdheit und Identität um (schon allein auf unserem Planeten…) Die Erklärung ist denkbar simpel und hat mit der identitäts-bildenden Qualität des ‚Anderen‘ zu tun, physikalische Gesetzmäßigkeiten in unserem Universum lassen aber ein intelligentes Leben, das anders funktioniert als wir, nicht zu. Darum würden Aliens wahrscheinlich erstaunlich menschlich wirken. Der Rest, der an Differenzen bliebe, wären Unterschiede, die nicht größer sind als die zwischen Chinesen und Afrikanern. Solange uns  das aber auf unserem eigenen Planeten schon vor Probleme stellt, sollten wir nicht von Aliens träumen…

Die fremde Kultur von nebenan stellt uns vor größere Herausforderungen, die wir aus eben den Überforderungsgründen gar nicht erst angehen: In Hollywood-Blockbustern scheint der irdische interkulturelle Konflikt erst überbrückbar dadurch, dass eine exterritoriale Macht keinen Unterschied zwischen den zu vernichtenden Menschen und ihren kulturell unterschiedlichen Konkretionen und divergenten Ethiken macht. Dass menschliche Kulturen in der fingierten Wirklichkeit des Films erst angesichts der Apokalypse von ihrem Bestehen auf Differenz voreinander abrücken um Einigkeit gegenüber dem absolut Fremden zu behaupten – und das ganze erst in dem Moment, wo ihnen eine überlegene Macht diese Entscheidung schon abgenommen hat – ist bezeichnend. Bezeichnend auch, dass der durch viele Blockbuster hindurch schimmernde religiöse Subtext trotzdem noch ein Happy-End verlangt, um die Konkurrenz der exterritorialen Wesen (Außerirdische vs. Gott) zugunsten des Wesens zu entscheiden, das uns näher ist, weil wir es selbst konstruiert haben (Gott) und uns unter seinen Fittichen wähnen.

Die gute Nachricht ist: Wir werden die Anstürme von ‚außen‘ wahrscheinlich alle überleben, nicht aber ohne uns einzureden, dass es berechtigt sei, in grundsätzlicher Aversion gegen alles Fremde, das unsere Normvorstellungen überstrapaziert, zu bleiben. Das ist die schlechte Nachricht: Nach dem Sieg über die Aliens dürfen wir uns wieder die Köpfe einhauen. Das historisch sich wie ein roter Faden durchhaltende Konfliktpotential im ‚innen‘ unseres Globus‘ ist mit dieser Gewissheit geradezu begrüßt, stabilisiert und auf Dauer gewollt. Unsere wirklichen Konflikte drehen sich irdisch um die Deutungshoheit angesichts eines nie wirklich hereinbrechenden absoluten Außen, das unsere Deutungsprognosen mit der Realität des Außen konfrontierte. Wir brauchen uns gar nicht zu vereinen, und dürfen uns weiter ungestört die Köpfe einhauen. Nur leider ist diese gute Nachricht keine gute Nachricht. So viel Zynismus haben wir uns durch unsere Scheinheiligkeit eingehandelt.  

Wenn uns das ewig Kreislaufhafte des Weltalls irritiert, liegt es nahe, aus bloßem Kontrastdenken heraus die Persistenz des Immergleichen mit der Möglichkeit eines Bruches zu konfrontieren. Aber glauben Sie mir: Wir sind für den Lauf des Universums zu unerheblich, als dass unser Kontrastbedarf auf dessen Regelmäßigkeit auch nur den geringsten Einfluss hätte. Alle Untergangsprophetien sind in dieser Hinsicht hilflose Aufschreie gegen die eigene Einflusslosigkeit im Ganzen und gegen die Irritation, die das unverstehbare Ganze hervorrufen muss, wenn von ihrer Ratio überzeugte Ganzheits-Fundamentalisten konfrontiert sind mit dem anspruchsvollen Programm, den einen Zugriff auf das Zu-Große meinen meistern zu müssen. Es gab Zeiten, da wollten Philosophen das auch noch. Davon haben sie sich verabschiedet. Zu recht.   

Das Andere erfahren, heißt, sich über sich selbst klarer werden zu müssen. Es geht bei allem wie immer um Fremdheitserfahrungen. Trotzdem wir von Globalisierung faseln, sind wir mit dem immanenten Fremden in interkultureller Perspektive schon so überfordert, dass wir Hollywoodphantasten uns in Afrikaner nicht halb so gerne hineindenken möchten wie in Aliens. 

Der frei gewordene Mensch ist frei nur als ‚Sichtbarkeitskrüppel‘ (wie es Sloterdijk in Du mußt dein Leben ändern für Sartre und Blumenberg sagt), ist also in seinen möglichen Entwürfen nicht frei von den Hinsichten der Anderen: Wie ihre Entwürfe als Formatvorlage für Selbstentwürfe durch Sichtbarkeit verfügbar werden, so scheint in der Wechselseitigkeit ein unterschwellig drängendes normatives Moment mit den bloßen Entwürfen noch etwas mehr vorzuhaben: Nämlich sie auf ihre ‚Richtigkeit‘ zu prüfen, also sie prinzipiell nur in normativer Hinsicht voreinander antreten lassen zu wollen. Dieser Einschränkung der Entwurfshinsichten von den Anderen – elementar: verschiedener Kulturkreise voreinander – versucht Helmuth Plessner in Macht und menschliche Natur wieder aufzuweiten mithilfe einer Art Proto-Kulturrelativismus, der aber nicht konkrete Entwürfe allgemein relativiert, sondern Entwürfe im Besonderen vor einem Gegeneinander-Ausspielen bewahrt, indem die Relativität eines Entwurfs zu einem Bezugskreis einerseits den Beliebigkeitseindruck wegschiebt, und andererseits die Relativität aktual verschiedener Kulturkreise auch voreinander gelten lässt.

Nur gegen das Beliebige lassen sich durch den Idealismus hart-normativ abwertende Urteile aussprechen; der Bruch mit dem Idealismus muss also bei Plessner darüber beginnen, dass verschiedene Kulturkreise in nicht-normativer Hinsicht voreinander als verschieden und damit als mit universal gleichem Recht relativ auf ihr je eigenes Gewordensein erscheinen können: dieser Respekt vor der Ausdifferenziertheit ist idealistisch lediglich in der minimalen Hinsicht, dass er in universell-einender Absicht mitgeführt wird, und sogar auf ‚Aliens‘ (also alle Menschen in diesem Universum) ausgedehnt werden kann. 

Kulturen dürfen selbstverständlich sein was sie sind, wenn sie als geschichtlich-geworden erkannt werden. Keine Kultur hat damit aber das Recht erworben, auf ewig das zu bleiben, was sie mal geworden war. Es muss immanente Opposition geben können, und es muss Differenz geben, die ohne Aggression auskommen kann: eine reife, gemütstechnisch temperierte Weltsituation wäre das, von der wir auch heute noch – trotzdem uns das Geld entspannt hat, weil wir auf Zinsen gucken können und nicht auf Menschen gucken müssen, was auch wieder äußerst ambivalent ist – entfernt sind.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wenn auf einem entfernten, erdähnlichen Planeten, Menschen sitzen, sie wenn sie an uns denken dabei die Figuren zeichnen, die wir zeichnen, wenn wir an sie denken? Sehr. Nur wir werden nie in die Verlegenheit kommen, sich diese Wechselseitigkeit bestätigen zu lassen: Die ‚Anderen‘ sind immer so unendlich weit weg, mathematisch im kaum bestimmbaren Bereich des Wahrscheinlichen. Daher haben sie keine Bedeutung für uns.  

Keine (auch keine fiktive) Kultur darf vor Entwurfshinsichten geschützt werden, sonst bläst sich ihre Normativitätsvorstellung so stark auf, dass ihr jede Kleinstabweichung erst eine besondere Erwähnung und dann eine besondere Ahndung wert wird: Vor Vergleichen und Varianzgewissheit geschützte Kulturen entwickeln gerne einen selbstzentrierten Kultur-Positivismus, der Aggresion gegen alles andere legitimiert. Da die Aggression gegen übermächtige Aliens doch arg zu hilflos wäre, wird dieser Kampf, der reine Projektion ist, in der Filmfiktion durch eine Art Gotteswille zugunsten des als schwach vorgestellten Menschen entscheidbar gehalten, was uns vorgaukelt, dass wir bei der Weichenstellung für unsere Zukunft nicht mitzureden hätten.

Das ist grob falsch: Menschen leben ihr Leben nur dort als Menschen, wo sie es führen. In Syrien werden gerade die Weichen für die Überlebenszukunft eines Volkes gestellt, und siehe da: Wir reden mit. Aber mehr eben auch nicht. Wir gucken zu und reden und belassen es dabei. Mehr vernichten können uns auch Aliens nicht, als wir uns durch unsere Passivität, die wir uns von Filmen beibringen ließen, für die wir viel Geld bezahlt haben. Die wirklichen Abgründe sind nicht im Außen, sondern in dem nicht-verbalisierten Kern der Menschen, in uns allen.

Fiktions-Aliens sind statistischer Blödsinn, irdische Aliens sind die reale Aufgabe, an der wir regelmäßig scheitern, weil wir unser Leben nicht führen und unsere Normativität vor Vergleichshinsichten in Absicht  der Entkrampfung schützen aber damit defacto all unsere Routinen unreflektiert und damit einen Großteil unseres Lebens unbegriffen lassen.

Wer unter euch damit kein Problem habe, der fürchte sich vor dem ’nächsten‘ Angriff aus dem Weltraum.

Zuschauerbrief zum Ende des Philosophischen Quartetts und Ersetzung durch ein Format mit Richard David Precht

 

Sehr geehrte Damen und Herren vom ZDF,

 

Ich hatte die Programmredaktion des ZDF für klüger gehalten, oder sagen wir besser: ich hatte sie für weniger durchschaubar gehalten, nun gut: vielleicht bin ich zu naiv. Aber als ich kürzlich las, dass das Philosophische Quartett aufgegeben wird, wurde mir sofort komisch im Bauch. Erinnert sich denn beim ZDF niemand mehr, welchen Bärendienst Sie einer substantiellen Auseinandersetzung mit Literatur erwiesen haben, als sie nach dem Ende des Literarischen Quartetts ein Surrogat namens Elke Heidenreich hinsetzten, die, als sie endlich ihren eigenen Flow gefunden hatte, auch schon wieder abgesägt wurde, weil sie Reich-Ranitzkys vernichtendem Urteil über die (verflachende) Unterhaltungsindustrie zur Seite sprang. Abgelöst durch das farblose in einer Kulisse aus Buch-Attrappen sitzende Mangold/Fried-Gespann, das erstaunlich schnell niemand mehr sehen wollte. Bis auf letztere waren das noch ‚Instanzen‘ im Fernsehen. Heute machen Sie keine Instanzen mehr. Stattdessen winken Sie einen Vorbeter der Lifestyle-Philosopheme in die erste Reihe durch, um die kommunikative Reichweite seiner Abreißkalender-Sentenzen auszudehnen. Nach dem Motto: Jetzt haben wir ihn genug in Talkshows ausprobiert und die Leute frenetisch klatschen hören, jetzt ist der Precht uns ein Format wert (und dann kommen meist programmleiterisch-diplomatische Autosuggestionen wie: „[D]er es schafft, so etwas […] Anspruchsvolles wie Philosophie mit anschaulichen Worten […] und Unterhaltungswert zu…“: niemand schafft das. Es gibt Philosophien, die sperren sich geradezu gegen Anschaulichkeit. Soll so etwas denn auf ewig keinen Platz mehr in einem der wichtigsten Medien haben? Alexander Kluge macht Sperriges sogar bei RTL und VOX zum Programm, wo es einen wirklich wundert. Wenn das ZDF so weiter macht, hat selbst der späte Abend im Privatfernsehen bald mehr Format.) Rüdiger Safranski genießt (von der Innenansicht einer Deutschen Universität aus gesehen, Stand Mai 2012) unter Germanisten eine unglaubliche wissenschaftliche ‚street-credibility‘, über Sloterdijk braucht ja kaum mehr lobende Worte zu verlieren, als einem der weltweit meistrezipierten Philosophen jüngerer Generation war es ein Glücksgriff, dass er die Vermittlung nicht nur vom Katheder aus betreiben möchte, so sperrig dann eine Figur wie er auch daherkam. Ich wüsste nicht, ob Eva Illouz in Israel ein solches Format moderieren würde, oder Eco in Italien, oder ein Noam Chomsky in den USA. Was glauben Sie, welche Zuschauerschichten sich von Precht als Gallionsfigur hinter dem Nachtspeicherofen hervorlocken lassen werden? Die akademische Zielgruppe? Bestimmt nicht, die wird einmal mehr programmatisch heimatlos gemacht (infolgedessen geht sie in die mediale Diaspora). Die nicht-akademische aber philosophie-interessierte Zielgruppe? Wer bitte schön soll das denn sein? Häkelnde Sekretärinnen? Die greifen eher zur Lebenshilfe oder Esoterik oder gucken zu der Zeit mal original gar kein Fernsehen, zumindest nicht das ZDF. Oder Oberstudienräte i.R.? Die interessiert doch eine andere Meinung nur marginal. Ich gestehe: Precht hat schon einen esoterischen Duktus drauf, bei dem sich mir allerdings die Frage aufdrängt: Wenn die Leute das für Philosophie halten, wann bitte ist die Abwertung dieser so ehrbaren Geisteswissenschaft zur Krücke für missliche Lebenslagen geschehen? Warum darf Philosophie nicht mehr anstrengend sein sondern muss unterhaltsam und tröstlich wirken? Dann doch lieber gleich auf so ein Format verzichten. Durch Precht soll etwas von der Eigentlichkeit zurückgeholt werden, die es gegen die eingefahrene Verlautbarungsrhetorik der politischen Talkshows zu profilieren gilt. Aber so wie es schon bei den „Vorlesern“ zu beobachten war, wird auch Prechts Format so durchgestylt und perfekt getaktet, dass darin absolut keine Unmittelbarkeit mehr zu finden sein wird, stattdessen werden einem dann wahrscheinlich monatlich ein paar abgegriffene Schwiegermutterweisheiten in etwas elaborierterem Stil hingeworfen, der Moderator dreht sich bestimmend in den Fokus von Kamera 2, liest gekonnt die Pointe zur vorhergegangenen MAZ vom Teleprompter und der Zuschauer sieht mit starrem Blick hin und fragt sich, womit der Precht wohl seine Haare pflegt und wo er sein Selbstbewusstsein und seine Jovialität hernimmt. Kann man das dem Zuschauer nicht ersparen?