Von der Unwahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, das uns nicht ähnlich sieht…

„Welchen existenziellen, mehr als theoretischen Unterschied würde es ausmachen, mehr zu wissen – vom Dasein uns geistig ähnlichen Lebens anderswo zu erfahren? Meine Antwort ist: gar keinen.“

(Hans Jonas: Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen. Frankfurt am Main 1994. S. 253)

Wir suchen das absolut Exterritoriale und finden Bilder und Beschreibungen dafür, die auf Linie unserer Kategorien liegen: Wir denken uns intelligentes Leben mit Kopf, Armen und Beinen und einer Sprache, die wir zwar nicht verstehen, die man aber lernen könnte, wie Japanisch oder ähnliches. Wir wollen das Phantasma einer absolut exterritorialen Lebensform und kultivieren in Science-Fiction-Filmen eine Angst davor, die wir selber in diese Projektion hinein-plausibilisiert haben: Natürlich müsste man im absoluten Außen unsere irdische Ethik mit Füßen treten – natürlich stellen wir uns daher den Auftritt von Aliens so vor, dass sie ganz unbedingt mit Vernichtungsabsichten gegenüber uns Menschen aufträten: Sie kommen von draußen, sie wären damit an keine unserer innerweltlichen ethischen Implikationen gebunden, so denken wir. Anders Immanuel Kant, der seine Vernunftgrundierung intelligenten Lebens so formuliert wissen wollte, dass sie universal gültig ist und bei allen (noch nicht entdeckten, vielleicht nie zu entdeckenden) intelligenten Lebensformen genau so zu finden sein würde. Das könnte man wissen: Das will man aber nicht wissen. Wer Lust am Gruseln hat, muss Kant suspendieren. Wer Kant in dieser Hinsicht nicht versteht, kommt beim Gruselbedarf leichter auf seine Kosten. Nicht denken zu müssen, entlastet. Leider entlastet es aber auch von präzisen Einsichten. Eine dieser Einsichten könnte sein: Wir werden es nie mit Aliens zu tun bekommen können, die uns nicht ganz grundsätzlich ähnlich sehen, schockierend ähnlich, sozusagen wie wir: Wie Menschen. Fremd sind wir uns selber schon genug, unser eigener Gruselbedarf ist uns intransparent. Was verstehen wir dann überhaupt von uns? Die Baustelle sind nicht Aliens. Die Baustelle sind wir. (Also doch ‚Aliens‘?)

 Wer die Evolution richtig denkt, weiß um die Unwahrscheinlichkeit der Koinzidenz derjenigen Faktoren, die uns möglich gemacht haben. Dieses Übereintreffen als ‚Glücksfall‘ zu akzentuieren, ist Unsinn: Viele Menschen, die sich der Kontingenz nicht bewusst werden, spotten dem ‚Glücksbegriff‘, da sie der Erde nur dogmatischen Druck hinzufügen. Wessen Denken die Chaostheorie fassen kann, der weiß um die Unwahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im Universum. Wer das Chaos der Piratenpartei kennt, weiß ja auch um die Schwierigkeit mehr oder weniger intelligenten Lebens, eine technisch astreine Bewältigungsstruktur für die Koordination von Willensbildungsprozessen zu finden. Welchen Intergalaktischen Krieg sollten wir schon gewinnen? Aber so weit wird es ja gar nicht erst kommen.

Noch dazu: In unserem physikalischen Universum halten großartig unterschiedliche Bauformen nicht lange dem Praxistest stand. Das Resultat ist konvergente Evolution: auch mit großem zeitlichen und räumlichen Abstand entwickeln sich in varianten Biotopen Lebensformen immer nach ähnlichen Strukturprinzipien. Aliens würden uns verdammt ähnlich sehen… so oder so.

Harald Lesch dazu:

http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-centauri/alpha-centauri-ausserirdische-2001_x100.html

Dass schon allein unsere Existenz unwahrscheinlich ist, ist für uns schwer mit der menschlichen Innenperspektive zusammen zu denken, die uns immer wieder vortäuscht, das mit uns sei was ganz großes und Erhabenes. Wenn dieser Erhabenheitseindruck mal wieder durch unsere chaotische Kleinheit und Unzulänglichkeit konterkariert wird, flüchten wir uns in Religionen: Mit denen richtet sich unsere Vorstellung, dass wir in unserer geballten Dummheit und Widersprüchlichkeit auch noch von einem höheren Wesen gewollt sind, gemütlich ein, ohne dass wir merken: ein solcher Schöpfer müsste einen verdammt miesen Humor haben. Menschen mit religiös-rührig feuchten Augen wollen das gewollte Produkt eines Wesens mit miesem Humor sein. Ok, wer das will, soll das tun. Immerhin treten Aliens in Gruselfilmen immer als komplett humorlos auf. Hat sich schon mal einer gefragt, warum? So viel Klugheit um technisch so weit zu kommen wie wir Menschen, erträgt niemand ohne ein Moment der Flexibilität in seiner Haltung: also Humor. Wie könnten hoch-intelligente Vernichtungs-Aliens das ertragen, wenn sie nicht lachen könnten? So unwahrscheinlich schon unsere Existenz ist, umso unwahrscheinlicher wird es mit uns schon, dass das nochmal passiert sein soll: als statistischer Fall liegen wir bereits vor. Wer einmal im Lotto gewonnen hat, hat schon mehr Glück gehabt als rechnerisch möglich. Er sollte von weiteren Spielen Abstand nehmen, es sei denn er hat eine gute Frustrationstoleranz. Erneut zu spielen ist keine wirksame Beherrschung oder Handhabung des Zufalls. So gerne man das auch glauben möchte.   

Das Universum ist nicht unendlich groß. Dazu kommt: Wahrscheinlichkeiten sind keine wirklichen Aussagen über die Realität, denn da sie nur im Unendlichen zutreffen, lässt sich ziemlich lange, und zwar fast ebenso unendlich, an einer Wahrscheinlichkeitsbehauptung festhalten, selbst wenn empirische Proben immer das Gegenteil behaupten. Auch beim tausendsten Gegenbeweis müsste man immer nur sagen: Hauptsache es stimmt im Unendlichen. Die Fähigkeiten der Erdbewohner sind nichts universell Wahrscheinliches, keine Rechnerei kann mehr als nur die Möglichkeit einer gleichen Entwicklung behaupten: letztendlich Dinge, die man ‚glauben‘ muss. Das Statistikgehudel ist spekulativ und verstellt geradezu die Diskussion um die Bedeutung, die ‚das Andere‘, ‚die Anderen‘ und absolute ‚Transzendenz‘ für uns  als Vorstellungskonzepte haben.

Aliens hingegen haben keine Götter, weil sie topologisch mit Gott um die Situierung im absoluten Außen konkurrieren und diese Konkurrenzfrage durch Menschen entschieden werden muss, wobei in Hollywood-Blockbustern letztlich Gott der Zuschlag erteilt wird: Ist es uns jemals in den Sinn gekommen, zu glauben, Aliens könnten Götter haben? Ich habe in Filmen noch nicht gesehen, dass ‚potentiell mögliche Aliens‘ die Erde angreifen: nur konkrete Aliens, mit einer Gestalt, die die menschliche Handschrift trägt – ähnlich wie bei den meisten Gottesvisualisierungen, die den Menschen so passieren. Als Bedroher irdischer Ethik und als Wesen mit exterritorialer Herkunft automatische Gott-Konkurrenten müssen Aliens selbst als gottlos vorgestellt werden. Damit verkörpern sie das, was der häufigste Vorwurf in zugespitzten interkulturellen Konflikten zwischen realen Menschen ist: der Vorwurf, die jeweils andere Partei müsse vernichtet werden, weil sie gottlos sei. Das ist eine Frage der Deutungsmacht. Und: Es ist immer der Andere, weil der Andere – im Sinne eigener Identitätsbildung – immer das Fremde im eigenen Ich überspitzt und leibhaftig vorstellt, damit aber für den Normbedachten Menschen immer die Gefahr bereithält, ihm aufzuzeigen, dass er nicht in das Normkonzept des eigenen Diesseits der Kulturellen Demarkationslinie passt, und damit potentieller Weise zur Zielscheibe der Aggression der eigenen Kultur werden könnte. Diese Gefahr ist existenziell: in unaufgeklärten Kulturen hängt die Frage von Leben und Tod daran. Ketzer kommen auf den Scheiterhaufen, Hexen auch, Kommunisten, Demokraten, alle Unangepassten, alle ‚Anderen‘.   

Technokratisch verbildeten Menschen reicht eine rechnerisch nicht auszuschließende Minimalstwahrscheinlichkeit, um zumindest den Raum für Träumereien nicht abzuschließen. Ich als Philosoph bin da abgeklärter als manch positivistischer Naturwissenschaftler: und ich lasse daher nur nicht-naturwissenschaftliche Erklärungen für die ‚menschliche Natur‘ gelten.

Es ist eigentlich eine kulturwissenschaftliche / philosophische / soziologische Frage, warum uns Aliens so beschäftigen, und es ist eine Sache unterkomplexer Reflexion und eines gigantischen reflexiven Nachholbedarfs darin, warum wir – wenn wir an ‚das Andere‘ als phänomenale Folie für Selbstvergewisserungsprozesse denken – so brachial und infantil das Extremst-Andere in Form absolut exterritorialer Wesen bevorzugen, und ihnen in unseren hilflosen Visualisierungen denkbare Gestalt verleihen: sodass unsere Bebilderungen verraten, dass wir nicht über die Kategorien verfügen, das ‚wirklich‘ ‚Andere‘ wirklich erwarten zu können: es fehlt uns gewaltig an kreativer Einbildungskraft. Auch Filme in 3-D, mit hochauflösendem Bild und überfrachteter Story können dieses Einbildungskraftdefizit nicht einholen sondern nur vergrößern, wo sie zum Vorstellungslieferant für eine ganze Menschheit herhalten.

Kein Wunder, warum wir das Infantil-Phantastische und gigantisch Bebilderte ständig für-wahr halten müssen. Kein Wunder, warum es uns lieber ist, die Für-Wahrheit des Infantil-Phantastischen nicht etwa mit Argumenten zu kritisieren sondern mit Zahlenreihen in Statistiken zu affirmieren. Die Affirmation des Diffusen und der von latenter Aversion begleiteten Ungewissheit hat noch niemanden klüger oder besonnener gemacht.

Hinsichtlich einer klaren Einschätzung der Lage steht es uns im Weg. Ich meine weil: im Begriff ‚Alien‘ steckt die Fremdheitserfahrung drin, die man so an der ‚möglichen‘ Form intelligenten Lebens in diesem Universum logisch nicht als wirkliche ‚Fremdheit‘ bezeichnen kann, weil  uns die Naturwissenschaft schlüssig gezeigt hat, nach welchen Kriterien das funktioniert. Die eigentliche Frage, wie man sowas gedacht kriegt, ist keine Frage von statistischen Zahlen sondern eine kulturwissenschaftliche: Wie gehen wir mit Fremdheit und Identität um (schon allein auf unserem Planeten…) Die Erklärung ist denkbar simpel und hat mit der identitäts-bildenden Qualität des ‚Anderen‘ zu tun, physikalische Gesetzmäßigkeiten in unserem Universum lassen aber ein intelligentes Leben, das anders funktioniert als wir, nicht zu. Darum würden Aliens wahrscheinlich erstaunlich menschlich wirken. Der Rest, der an Differenzen bliebe, wären Unterschiede, die nicht größer sind als die zwischen Chinesen und Afrikanern. Solange uns  das aber auf unserem eigenen Planeten schon vor Probleme stellt, sollten wir nicht von Aliens träumen…

Die fremde Kultur von nebenan stellt uns vor größere Herausforderungen, die wir aus eben den Überforderungsgründen gar nicht erst angehen: In Hollywood-Blockbustern scheint der irdische interkulturelle Konflikt erst überbrückbar dadurch, dass eine exterritoriale Macht keinen Unterschied zwischen den zu vernichtenden Menschen und ihren kulturell unterschiedlichen Konkretionen und divergenten Ethiken macht. Dass menschliche Kulturen in der fingierten Wirklichkeit des Films erst angesichts der Apokalypse von ihrem Bestehen auf Differenz voreinander abrücken um Einigkeit gegenüber dem absolut Fremden zu behaupten – und das ganze erst in dem Moment, wo ihnen eine überlegene Macht diese Entscheidung schon abgenommen hat – ist bezeichnend. Bezeichnend auch, dass der durch viele Blockbuster hindurch schimmernde religiöse Subtext trotzdem noch ein Happy-End verlangt, um die Konkurrenz der exterritorialen Wesen (Außerirdische vs. Gott) zugunsten des Wesens zu entscheiden, das uns näher ist, weil wir es selbst konstruiert haben (Gott) und uns unter seinen Fittichen wähnen.

Die gute Nachricht ist: Wir werden die Anstürme von ‚außen‘ wahrscheinlich alle überleben, nicht aber ohne uns einzureden, dass es berechtigt sei, in grundsätzlicher Aversion gegen alles Fremde, das unsere Normvorstellungen überstrapaziert, zu bleiben. Das ist die schlechte Nachricht: Nach dem Sieg über die Aliens dürfen wir uns wieder die Köpfe einhauen. Das historisch sich wie ein roter Faden durchhaltende Konfliktpotential im ‚innen‘ unseres Globus‘ ist mit dieser Gewissheit geradezu begrüßt, stabilisiert und auf Dauer gewollt. Unsere wirklichen Konflikte drehen sich irdisch um die Deutungshoheit angesichts eines nie wirklich hereinbrechenden absoluten Außen, das unsere Deutungsprognosen mit der Realität des Außen konfrontierte. Wir brauchen uns gar nicht zu vereinen, und dürfen uns weiter ungestört die Köpfe einhauen. Nur leider ist diese gute Nachricht keine gute Nachricht. So viel Zynismus haben wir uns durch unsere Scheinheiligkeit eingehandelt.  

Wenn uns das ewig Kreislaufhafte des Weltalls irritiert, liegt es nahe, aus bloßem Kontrastdenken heraus die Persistenz des Immergleichen mit der Möglichkeit eines Bruches zu konfrontieren. Aber glauben Sie mir: Wir sind für den Lauf des Universums zu unerheblich, als dass unser Kontrastbedarf auf dessen Regelmäßigkeit auch nur den geringsten Einfluss hätte. Alle Untergangsprophetien sind in dieser Hinsicht hilflose Aufschreie gegen die eigene Einflusslosigkeit im Ganzen und gegen die Irritation, die das unverstehbare Ganze hervorrufen muss, wenn von ihrer Ratio überzeugte Ganzheits-Fundamentalisten konfrontiert sind mit dem anspruchsvollen Programm, den einen Zugriff auf das Zu-Große meinen meistern zu müssen. Es gab Zeiten, da wollten Philosophen das auch noch. Davon haben sie sich verabschiedet. Zu recht.   

Das Andere erfahren, heißt, sich über sich selbst klarer werden zu müssen. Es geht bei allem wie immer um Fremdheitserfahrungen. Trotzdem wir von Globalisierung faseln, sind wir mit dem immanenten Fremden in interkultureller Perspektive schon so überfordert, dass wir Hollywoodphantasten uns in Afrikaner nicht halb so gerne hineindenken möchten wie in Aliens. 

Der frei gewordene Mensch ist frei nur als ‚Sichtbarkeitskrüppel‘ (wie es Sloterdijk in Du mußt dein Leben ändern für Sartre und Blumenberg sagt), ist also in seinen möglichen Entwürfen nicht frei von den Hinsichten der Anderen: Wie ihre Entwürfe als Formatvorlage für Selbstentwürfe durch Sichtbarkeit verfügbar werden, so scheint in der Wechselseitigkeit ein unterschwellig drängendes normatives Moment mit den bloßen Entwürfen noch etwas mehr vorzuhaben: Nämlich sie auf ihre ‚Richtigkeit‘ zu prüfen, also sie prinzipiell nur in normativer Hinsicht voreinander antreten lassen zu wollen. Dieser Einschränkung der Entwurfshinsichten von den Anderen – elementar: verschiedener Kulturkreise voreinander – versucht Helmuth Plessner in Macht und menschliche Natur wieder aufzuweiten mithilfe einer Art Proto-Kulturrelativismus, der aber nicht konkrete Entwürfe allgemein relativiert, sondern Entwürfe im Besonderen vor einem Gegeneinander-Ausspielen bewahrt, indem die Relativität eines Entwurfs zu einem Bezugskreis einerseits den Beliebigkeitseindruck wegschiebt, und andererseits die Relativität aktual verschiedener Kulturkreise auch voreinander gelten lässt.

Nur gegen das Beliebige lassen sich durch den Idealismus hart-normativ abwertende Urteile aussprechen; der Bruch mit dem Idealismus muss also bei Plessner darüber beginnen, dass verschiedene Kulturkreise in nicht-normativer Hinsicht voreinander als verschieden und damit als mit universal gleichem Recht relativ auf ihr je eigenes Gewordensein erscheinen können: dieser Respekt vor der Ausdifferenziertheit ist idealistisch lediglich in der minimalen Hinsicht, dass er in universell-einender Absicht mitgeführt wird, und sogar auf ‚Aliens‘ (also alle Menschen in diesem Universum) ausgedehnt werden kann. 

Kulturen dürfen selbstverständlich sein was sie sind, wenn sie als geschichtlich-geworden erkannt werden. Keine Kultur hat damit aber das Recht erworben, auf ewig das zu bleiben, was sie mal geworden war. Es muss immanente Opposition geben können, und es muss Differenz geben, die ohne Aggression auskommen kann: eine reife, gemütstechnisch temperierte Weltsituation wäre das, von der wir auch heute noch – trotzdem uns das Geld entspannt hat, weil wir auf Zinsen gucken können und nicht auf Menschen gucken müssen, was auch wieder äußerst ambivalent ist – entfernt sind.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wenn auf einem entfernten, erdähnlichen Planeten, Menschen sitzen, sie wenn sie an uns denken dabei die Figuren zeichnen, die wir zeichnen, wenn wir an sie denken? Sehr. Nur wir werden nie in die Verlegenheit kommen, sich diese Wechselseitigkeit bestätigen zu lassen: Die ‚Anderen‘ sind immer so unendlich weit weg, mathematisch im kaum bestimmbaren Bereich des Wahrscheinlichen. Daher haben sie keine Bedeutung für uns.  

Keine (auch keine fiktive) Kultur darf vor Entwurfshinsichten geschützt werden, sonst bläst sich ihre Normativitätsvorstellung so stark auf, dass ihr jede Kleinstabweichung erst eine besondere Erwähnung und dann eine besondere Ahndung wert wird: Vor Vergleichen und Varianzgewissheit geschützte Kulturen entwickeln gerne einen selbstzentrierten Kultur-Positivismus, der Aggresion gegen alles andere legitimiert. Da die Aggression gegen übermächtige Aliens doch arg zu hilflos wäre, wird dieser Kampf, der reine Projektion ist, in der Filmfiktion durch eine Art Gotteswille zugunsten des als schwach vorgestellten Menschen entscheidbar gehalten, was uns vorgaukelt, dass wir bei der Weichenstellung für unsere Zukunft nicht mitzureden hätten.

Das ist grob falsch: Menschen leben ihr Leben nur dort als Menschen, wo sie es führen. In Syrien werden gerade die Weichen für die Überlebenszukunft eines Volkes gestellt, und siehe da: Wir reden mit. Aber mehr eben auch nicht. Wir gucken zu und reden und belassen es dabei. Mehr vernichten können uns auch Aliens nicht, als wir uns durch unsere Passivität, die wir uns von Filmen beibringen ließen, für die wir viel Geld bezahlt haben. Die wirklichen Abgründe sind nicht im Außen, sondern in dem nicht-verbalisierten Kern der Menschen, in uns allen.

Fiktions-Aliens sind statistischer Blödsinn, irdische Aliens sind die reale Aufgabe, an der wir regelmäßig scheitern, weil wir unser Leben nicht führen und unsere Normativität vor Vergleichshinsichten in Absicht  der Entkrampfung schützen aber damit defacto all unsere Routinen unreflektiert und damit einen Großteil unseres Lebens unbegriffen lassen.

Wer unter euch damit kein Problem habe, der fürchte sich vor dem ’nächsten‘ Angriff aus dem Weltraum.

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Elektra. … muss doch hassen können…

Elektra. … muss doch hassen können…

Elektra kriecht durch einen nicht näher benannten Hof in Mykene. Elektra schreie sich die Seele aus dem Leib, könnte man sagen, wenn man ihr damit nicht zugleich unterstellte, noch eine zu haben. Elektra hält Schatten für Licht und Licht für Schatten, aber sie hält Licht nicht mehr für Licht und Schatten nicht mehr für Schatten – darin liegt ja die ganze antike Logik des programmierten Scheiterns. Hätte Elektra nicht mal eine Schwester namens Iphigenie gehabt, die ihr bei Hofmannsthal unterschlagen wird, hätte ihr Vater Agamemnon diese nicht opfern können, hätte Agamemnon dafür nicht von Klytaimnestra und ihrer Lebensabschnittsgefährdung Aigistos umgebracht werden können und hätte Elektra nicht das Umgebrachtwordensein ihres Vaters Agamemnon ihr Leben lang quittieren müssen durch die ungesunde Kriechhaltung im Hof eines nun doch näher bekannten Hauses, nämlich des Königshauses, in Mykene. Elektra kriecht. Elektra bezahlt die Strafe für den ungesühnten Tod des Vaters: Nicht etwa dessen Meuchelmörder leiden Qual, nein sie fressen, saufen und ficken sich ins Amoralische. Der handelsübliche Leser erlebt dies als schreienden Missstand, der in der vormals attraktiven Elektra seine dauernde Verkörperung als sichtbar gemachte Verödung – auch von seelischer Vielfalt – erlebt. Elektra als Hündin, die die sie mehr schlecht als recht miternährende Hand zu gerne zurückschlägt, erlebt derweil nichts mehr, was sie aus dem geistigen Vierfüßlerstand entweder in eine halbwegs aufrechte oder in eine wenigstens kosten-nutzen-technisch vernünftige Horizontale bringen könnte. Elektra kriecht, hat verfilzte Haare, Mundgeruch und keinen Sex. Wenn sie so weitermacht, wird sie Dinge wie IPads, Smartphones und den ganzen Dreck nie haben können.

Ihr Hauptberuf ist Nine-to-Five-to-Nine-Hassen. Ihr Teilberuf ist es daher auch. Hassen ist auch ihr Minijob an den Wochenenden, auf Stundenbasis, als Aufstockerin, die trotz des Fulltime-Hassens monetär nicht mit dem Arsch an die Wand kommt. Elektra ist bettelarm (und wird lediglich bei Sartre zu Vorführzwecken der etablierten Unterdrückermacht quartalsweise mit Klunkern behangen). Aufrecht durch die Gänge des Palastes zu gehen, hieße ihr Anmaßung des Wohlstandes in der Zuteilung durch die ihn verwaltenden Hände, die die falschen Hände sind, die rechtmäßige gebende Hand ist tot, ihr rechtmäßigster Nachkomme zu weit weg, so sehr der Stoff auch darum kreist, ihn gedanklich zurückzuholen, er, Orest, bleibt weit weg, und hätte es auch bleiben müssen, wenn er um seine Indienstnahme bei Rückkunft gewusst hätte. Der Elektrastoff dreht sich als einer der ersten in der Menschheitsgeschichte in prä-emanzipatorischer Hinsicht auch um das Einspannen junger Männer mit unschuldiger Zukunft in Pläne der Rache an misslungenen Vergangenheiten. Das Paradoxon des Stückes wird sein, dass Orest um seine Indienstnahme gewusst haben solle. Nach heutigem Bewusstsein wäre niemandem nahzulegen, in das ausgefertigte Rollenmodell eines Vollstreckers zurückzukehren: zu eng, passt nicht, und aus einem Stoff, aus dem nur in der Antike ein Schuh draus werden konnte.

Heute hätten wir zu viele Fragen und würden Bedingungen an ein so enges Korsett stellen. Was aber macht er: Er kommt nicht als er von sich aus in Kleidung seines Freundes um das Märchen seines eigenen Todes so lange zu erzählen, bis er tief genug drin im Palast ist um doch alle zu töten, ganz so, wie Elektra wünscht. Die noch nichtsahnende Elektra kriecht bis dahin weiter durch den Hof. Den Sand ekelt es. Im Gegensatz zu Iphigenie lebt Chrysothemis noch, was bei Lichte betrachtet auch kein Gewinn ist, aber wie gesagt: Elektra hält Licht für Schatten, was das Argument auch nicht besser macht. Chrysothemis möchte ein Weiberschicksal, ihr Horizont ist ficken. Vom angedeuteten Äußeren her scheint im Gegensatz zu Elektra diese Hoffnung sogar noch Aussicht auf Erfolg zu haben. Chrysothemis weiß sich, ob dieses Minimalglücks, keinen besseren Rat, als der ewigen Racheleier ihres kriech-schwesterischen schlechten Gewissens die eigentliche Schuld zu geben. Chrysothemis scheitert mit ihren individuellen Optimierungshoffnungen an der Hartnäckigkeit dieses Schmerzbündels Elektra, immerhin macht deren emotionale Authentizität mächtig Eindruck auf die unerfahrene jüngere Hausfrauenadeptin. Chrysothemis ist nicht wirklich schlecht, sie ist nur der klassische Hemmklotz für jede Handlung, bei Hofmannsthal noch mehr als bei Sophokles – aber nicht so sehr Hemmklotz, dass der Gedanke, sie – um der Dynamik willen – vor dem Höhepunkt sterben zu lassen, virulent würde. Als sie abzuspringen droht, sieht Elektra die Herkulesaufgabe, nämlich Klytaimnestra und Aigistos eigenhändig umbringen zu müssen, für sich alleine vor, ihr Kalkül steht, die handelnden Variablen fügt sie je nach Verfügbarkeit von Alternativen ein, wenn keiner kommt und keiner bleibt, muss sie halt selber ran. Elektra, vom Kriechen verkümmert, muss mit dem schlimmsten rechnen, nämlich: Dass ihre körperliche Meuchelkraft nur halb so groß ist wie ihr Hass, wie gesagt, sie hat sich in den letzten tausenden Jahren ihres Daseins als mythische Figur in einem beliebten Stoff nicht um alle ihre Potenziale gleichzeitig kümmern können. Elektra kroch ja die ganze Zeit nur, und selbst Mörder und Rächer bräuchten so etwas wie eine aufrechte Haltung, da sie den Beweis dafür antreten müssen, dass man überhaupt noch handlungsfähig ist.

Es wird doch noch ein wenig gehandelt. Dazu gräbt Elektra ein rostiges Beil aus, mit dem ihrem Vater seinerzeit das Dach abgedeckt wurde, und zwar von Klytaimnestras neuem Lebensgefährt Aigistos, wobei die Autoren sich überbieten im Aufweis ihrer Anstrengung, Aigistos als weibisch hinzustellen (das wird bei O’Neill anders werden müssen, da ist den Schenkeln der Geschichte ein militärisch-männliches Zeitalter dazwischen gekommen, was Weiblichkeit bei den älteren Autoren leistet, ist interessant in Sartres Aigistos übersetzt: Nachdenklichkeit und Lebensüberdruss, so wird Charakter mit Geschlecht konnotiert, soviel zur Modernität). Es wird ein wenig gehandelt. Die Stelle, an der Elektra das Beil verbuddelt hatte, hatte sie gepflegt wie ein Grab, und darüber das Pflegen ihrer selbst vergessen, so avanciert das rostige Beil zum Komplement von Elektras Mundgeruch und verdoppelt das Leitmotiv des Korrodierens. So entsteht der Charme des Elektrastoffes aus dem unterschwelligen Charakter des iterativ Ruinösen, jede Klytaimnestra-Rede dient nur als vordergründige Vorspiegelung der Wirksamkeit von fremdgesteuertem Rostschutzmittelauftrag, deswegen trägt Klytaimnestra ja auch so dick auf in den Reden aber auch auf die alte Haut, bei Hofmannsthal die Klunker noch mehr als bei Euripides und Sophokles. Jede Inszenierung, die sich nicht aus diesem Jahrtausende umspannenden Klunker-Ranking versteht, begreift die diamantene Zurschaustellung des Konfliktes nicht, und kann seinen Zuschauer nicht auf das gesteigerte tragödische Maß bei Hofmannsthal hinweisen. Ein solches Theater zeigt seinem Zuschauer nicht einen Stoff, sondern zum x-ten Male sich selbst im Medium eines beliebigen Schlagers, warum der dann Elektra heißen muss, bleibt selbst dem Feuilleton unklar, sapienti sat!

Das ist keine flache Kulturkritik, das ist viel mehr: An den Ende des Neuen franst es beträchtlich aus: Eine Anmaßung schon der Name Elektras auf dem Cover von O’Neills Sezessionskriegsdramas, mit verschwurbelten Regieanweisungen wird ein Elektraverschnitt passgenau als Lavinia – wahlweise Vinnie, die Reduktion als i-suffigierte Verfügung, die eine Niedlichkeit dann noch impliziert als sie schon verloren ist – in ein Panorama hinein entworfen, das in ‚Vom Winde verweht‘ kaum weniger pathetisch daher kommt. Ein Vorbau muss dort Portikus heißen und wirkt maskenhaft wie die Gesichter aller Mannons – so heißt der Clan –, Elektra/Vinnie kriecht nicht, ist aber noch nicht zur Frau geworden, obwohl ihre großbürgerlich-kaufmännische Distanziertheit den stumpigen Jugendfreund Peter anfüttert, der sich, solange Vinnie keine Frau ist, beharrlich als Lebensabschnittsgefährte anbietet. Lavinia/Elektra schlägt aus, solange sie noch keine Frau ist: Auf mehr paradoxe Spannung bringt es der Text vorerst nicht. Hass: ist da, auf die Mutter Christine/Klytaimnestra, die mit Adam Brant/Aigistos zu heimlichen Sex-Treffen in New York reisen kann, weil ihr Mann Ezra/Agamemnon gerade den Südstaatlern die Schädeldecken zu Brei schießen lässt, darüber waltet er als General seit Jahren in der Ferne, nebenbei darf auch Vinnies Bruder Orin/Orest in diesem Krieg beweisen, wie kläglich die Härte-Pädagogik militärischer Epochen, nämlich aus einem sensiblen Jungen mittels Eindrücken von Grausamkeit einen ‚Mann‘ zu machen, daran scheitert, dass durch diese Eindrücke hindurch nicht einmal der Menschen zu retten ist, der erwachsene ebenso wenig wie der, der es noch hat werden sollen; das hat aber Walt Whitman eindringlicher formuliert. Letztlich wird Orins grenz-inzestuöse Mutterliebe auch zum Vollendung heischenden Fanal: Der unter Vinnies Suggestionen selbst herbeigeführte Tod der Mutter schickt ihn bald auf Mission gegen seine Schwester – undenkbar im antiken Text, unheimlich vorhersehbar im modernen. Adam/Aigistos ist der Sohn von Ezras/Agamemnons Bruder Daniel mit dem sowohl von Ezra als auch dessen Vater Abe begehrten Kindermädchen Marie Brantôme, für die sich bei Sophokles, Euripides, Hofmannsthal und Sartre keine Entsprechungen finden, darin liegt die Pointe: Sie ist die Unverdorbene, ihr Gesicht nicht maskenhaft, sie ist keine Mannon, daher war sie so begehrt. Daniels Ehelichung von Marie führte zur Verstoßung beider aus dem Hause Mannon – ein Vorteil nur, wenn man nicht zum Mörder und postum von den Geistern der Toten heimgesucht werden will, und in der Wärme des gemachten Nestes scheint das vielen verantwortbar –, Daniel wurde zum Säufer, starb bald, Marie starb an Verwahrlosung, als ihr Sohn Adam als Kapitän auf See war, an ihrem Tod gibt Adam seinem Onkel Ezra Mitschuld. Adam höckert mit Christine, um sich aus Rachegründen in Ezras Haus schleicherisch einzugewöhnen, als Alibi gaukelt er vor, Lavinia den Hof zu machen, die – so sehr sie sich Abscheu gegenüber Adam anmerken zu lassen bemüht ist – doch heimlich von seinen wuchtigen Händen und seinem breiten Kreuz träumen dürfte. Adam hat das maskenhafte Aussehen der Mannons, aber Tinte auf dem Füller und volles Haar. Iphigenie gibt es nicht, es wird nicht einmal aus Verlegenheit eine Erklärung bemüht wie: ‚Ach, die Iffie, die liegt seit ihrer Kindheit in einem Sanatorium direkt an der Ostküste.‘ Elektra/Vinnie fehlt hier die Dimension des Drecks, der immer schön die Fallhöhe dieser Figur hat vermuten lassen, durch Lagen verschiedener Bearbeitungen und Stoffschichten hindurch war an Elektra immer die Diskrepanz zwischen ihrer königlichen Herkunft und ihrer gramgebeugten akuten Indisponiertheit das Spannendste. Wie will uns einer ohne dies noch absichern, was wir vor Augen zu wähnen haben? Ohne den Namen Elektra auf dem Titel reihte sich O’Neill höchstens peripher ein in was er Stofftradition nennen mag, mit Nennung trotzdem nur der Prätention nach. Außerdem zerstören sich die drei Dramen O’Neills durch zu viel Handlung, ständig reist Elekra/Vinnie, hat auf einer Südseeinsel Sex mit einem palmenlendenschurz-beschurzten Autochthonen, ständig werden Leute erschossen, werden Blumen geschnitten.

Der Witz, der Leerlauf fast allen Geschehens um Elektra, wird hier nicht erzählt – keine Erzähllücke wird gelassen, notfalls fällt der stereotype Garten-Rentner Seth, den sonst eigentlich niemand braucht, nicht einmal die Handlung, mit der Repetition des ‚Shenandoah‘-Liedes in die Lücke, die gar nicht entstand. Sapienti sat! Der Schatten über ihrem restlichen Leben muss hier sogar auserzählt werden, eine Implikation zu den kognitiven Fähigkeiten des erwarteten Publikums: Am Ende lässt Elektra/Vinnie die Fensterläden zunageln und zieht sich für den Rest des Lebens mit einer Geste resignativer Jovialität in das hassenswerte Haus der Mannons zurück, in nachholender Usurpation den Tod zurück in ihr Leben holend, den sie mit der Überwindung ihrer Mutter meinte von sich geschoben zu haben. Das Zunageln: Eine Antigone-Reminiszenz mit dem Holzhammer, die wohl am Broadway der 30er Jahre trotzdem nicht verstanden worden sein wird. Und es ist auch keine wirkliche Antiposition sondern die konsequent auf Linie der Vergangenheit liegende, prospektiv verengte und daher nicht mehr auserzählte Zukunft einer jungen Frau, die ihr bisheriges Leben lang schon geistig wie zugenagelt wirkte und damit nicht nur sich nachhaltig ins Elend stürzte – daher liegt darin nur die Vollendung der Banalisierung der Tiefendimensionen alter Stofffassungen: Letztlich ging es Vinnie nur um den unerreichbaren Adam, der unmögliche Sex mit ihm wird nicht etwa schon durch dessen Ermordung sondern erst durch das Zunageln durch Vinnie akzeptiert. Nichts ist am Ende offen, auf nichts wird nur hingedeutet. O’Neills anspielungsreiche Entlassungsattitüde lässt für das Publikum gar nichts implizit und ist daher den Schluss nicht wert, den sie bestreitet.

Bei Sartre liegen die Dinge naturgemäß anders, aber damit nur auf eine andere Weise schief. Elektra muss zunächst einmal hassen können und Orest muss ihr den Gefallen tun, aus großer Ferne unverhofft in große Nähe aufzurücken um als Usurpator des Missstandes in Erscheinung zu treten: Er kann nur darum realinvasiv fernwirkende Qualität sein, weil er jederzeit als instantane Leibbotschaft gegenwärtig zu werden vermag um die Vergangenheit der Atriden mit deren Zukunft zu versöhnen. Darunter darf es kein Text machen. Große Fliegen künden vom Verwesungszustand eines ganzen Stadtkreises. Wieder so ein Sinnbild: Die individuelle Schuld des Couples Klytaimnestra/Aigistos wird hier kollektiviert und als insektischer Schleier über die Geborgenheitssphäre eines ganzen Stadtkreises gelegt. Beobachtungen werden eingestreut, dass die Fliegen im Laufe der Zeit immer fetter würden, wenn sich nichts ändert. Sartre interessiert sich eigentlich gar nicht für Elektra, sondern für die Freiheits-Philosopheme des mädchengesichtigen Bübchens Orest, der irgendwann in Begleitung eines alten Pädagogen auftaucht und die noch unerkannte Elektra mit der Utopie des blütenreinen Korinths bezaubert. Was für ein Gag folgt dann: Orest ist frei, weil er tut, was er tun kann. Und als er meint, den lebensmüden Aigistos, der nicht einmal etwas dagegen zu haben scheint, umbringen zu müssen weil er – Orest – es selbst so will, und nicht nur weil Elektras Hoffnungen ihn aus der Ferne dazu bestellt haben, und als er die schreiende Klytaimnestra, die aber nicht um Vergebung bettelt, mit mehr Hieben als gedacht umbringen muss, weil er es will, da vergällt ihm fast die Leichtigkeit dieser Tat ihren Genuss, und vergällt ihm Elektra, die sich von den Erinnyen einwickeln lässt, fast die Gewissheit von der Richtigkeit dieser schrecklichen Tat, die ihre antike Unausweichlichkeit verloren hat und daher durch Reflexion ins Reich der Beliebigkeit zu rutschen droht, in welchem schlimme Taten um ihrer Vermeidbarkeit willen gerne zu pathologischen Ausbrüchen individualisiert werden – und der Täter wohlgemerkt bestraft gehört. Und als am Ende Orest den Tod der beiden als Anlass nimmt, dem Volk seine eigene Krönung zu verkünden, da schafft Orest gleich selbst den Sinn seiner Taten ab: Er will König höchsten ohne Volk sein, jedenfalls nicht so ein in Trauer und Apathie eingelebtes Volk wie das regieren, das sich Aigistos und Klytaimnestra während ihrer Unrechtsherrschaft herangezüchtet haben. Es knattert bei Sartre mitunter gewaltig, wenn außerkünstlerische Dimensionen sich über den Text blenden. Man ahnt die Absicht von Verunsicherung, die das Ende erwirken soll, aber warum muss man dazu in einer Figurenrede den gewünschten Effekt explizieren? Warum muss Orest, der mit seiner Freiheit die bequemen Gefängnisse aufzubrechen sich anschickt – wenigstens für sich, das heißt schon was – an einer Stelle sagen, dass das doch große Worte seien, die er da führt und dass diese auch ihm noch wie etwas undurchschaubar großes und neues vorkämen?

Schon klar, wir haben die Botschaft verstanden, sapienti sat. Aber wie neu aufgeputzt will da ein in Wirklichkeit alter Hut daherkommen: Freiheit zu behaupten, indem man durch die Tat beweist, dass Handeln auch nach langer Retardation noch möglich ist: Das ist in allen Elektraverarbeitungen, die sich noch als solche erkennen zu geben vermögen, der Grundton. Mit dem Menschen ist zu rechnen, selbst wenn ihn gewisse Strukturen vorübergehend immobilisieren. Nur dass am Ende von Sartres Text die Hauptfigur Orest das 20. Jahrhundert auch in seiner vereinseitigenden Dimension ‚männlicher‘ Freiheit vor dem Hintergrund von Jahrtausenden weiblicher Passivität vorführt: Der Freie kann nur als Mann mit alten Herrschaftsverhältnissen Schluss machen, aber nicht mehr um es dann vom selben Thron aus besser zu machen, sondern um dem Kollektiv den Rücken zu kehren, es mit doppelt enttäuschten Hoffnungen zurück zu lassen und in eine anonyme Stadt auszuwandern um sich dort zu verlieren. Das emanzipatorische Element der antiken Bearbeitungen ist bei Sartre im Windschatten prätendierter Freiheit verpufft, soviel zur Modernität. Der neue Orest ist urban und nach seinem Abgang kaum mehr zu erreichen, er macht große Worte, die sich ihm selbst nicht erschließen, damit einhergehend das Blindheitspotential aus der Selbstverzauberung mit dem Selbstüberschätzungszauberstab. Der urbane Single braucht die Freiheit nur, um in ihr zu verwahrlosen. Was aus Elektra wird, wer weiß das schon noch, wen interessiert das noch und wozu eigentlich, wo wir doch jetzt den urbanen posthistorischen Existenzialisten geschickt bekommen, der der Geschichte den Korb gibt, da sie Gefahr lief, sich als bloße Rachetradition immer weiter fortzuschreiben? Das schlimmste ist, dass die sartresche Elektra gegen Vollendung der Tat das Hassen nicht mehr aufrechthalten kann, die Reflexion steht ihr im Weg, genauer die Reflexivität Orests, die kaum noch einfache Antworten auf drängende Probleme zeitigt, macht es ihr schwer ihn als Orest anzuerkennen, und auch die Bequemlichkeit des Gefängnisses lullt sie zunehmend ein. Klar: die Dialektik des Hassens ist ja, dass jede übertriebene Ablehnung zugleich eine gesteigerte Bezugnahme meint, wodurch man dasjenige, das man ablehnt, mehr braucht als vieles andere. Aber letztlich verliert Elektra die Sicherheit des Hassens, weil auch ihr ein Rest der sartreschen Freiheit zugestanden werden soll, die beweist, dass man nicht in der Vergangenheit gefangen und zur Zukunft offen ist. Orest solle dies gezeigt haben. Ach hat er?

Aber Elektra muss doch hassen können. In der Moderne kann sie das nicht. Wieder so ein Vorzeichen: Die komplexe Moderne erlaubt einfaches Hassen nicht mehr, weil es einen unfrei macht. Ja und? Elektra ist unfrei. Ist sie damit als moderner Stoff diskreditiert? Elektra muss hassen können.

Literatur
SOPHOKLES Elektra
EURIPIDES Elektra
HUGO VON HOFMANNSTHAL Elektra
EUGENE O’NEILL Trauer muss Elektra tragen
JEAN PAUL SARTRE Die Fliegen