… und unsere Angst davor.

Nicht wenige greifen in der Außendarstellung ihrer Person auf Techniken der erweiterten Realitätsbezeugung zurück. Nicht wenige gestalten an den Avataren, die sie öffentlich für sich setzen, auf Techniken hin, die die Realität ihrer Persönlichkeit nicht bezeichnen sondern überzeichnen. Nun gut: das hat seine Funktion.

Nicht wenige hadern eigentlich mit dem Medium. Kann ich unbescholten noch bleiben, wenn die Zugangsstellen zu meinem Persönlichkeitskern in der administrativen Anbahnung in Social-Media-Netzen dauernd offen sind? Klar ist: Wer noch ein bisschen Ratio hat, erlebt das als problematisch.

Aber die Angst: Wer sich abschaltet, existiert nicht, weil er in dem Fall, dass er ‚interessiert‘, nicht ‚kontaktiert‘ werden kann. Nicht Transparenz ist das vorrangigste Menetekel unserer Positivgesellschaft, sondern Erreichbarkeit. Die hat uns nicht erst das Internet beschert, sondern das Telefon und das Auto. Total geworden ist die Erreichbarkeit erst, seit der Existenz von Schienen-unabhängigen Fahrzeugen und Fernkommunikation, die die dialogische Nähe fingieren kann, selbst wenn tausende Kilometer dazwischen liegen.

An der Darstellung liegt so viel: Die dauernde Stellvertretung der Person durch ihren Avatar ist ein Appetizer  und soll die zeitlichen Imponderabilien bei der Findung passender Leute minimieren. Dazu muss ein Abzug – wenn auch ein überbelichteter, der einen in unverhältnismäßigem Licht zeigt – immer verfügbar sein.

Die erste Adresse von Kontaktaufnahmen ist dann das für quasi-Realität genommene überzeichnete Surrogat einer Person. Stellt sich später noch ein nachgereichtes, reales Verhältnis zwischen lebendigen Menschen ein, kommen all die zuvor ausgeschalteten Ungereimtheiten wieder hervor. Die Passung der Partner endet allerdings nicht erst an der Demarkationslinie zwischen verschiedenen Charakteren, sondern weil schon der Avatar in seiner verschnittenen Zurichtung nicht mehr so recht zu der Person passen will, die sich von ihm vertreten lässt.

Welches Bild wir abgeben, entscheidet darüber, für wen wir dieses Bild abgeben wollen. Verspannte Bilder mit gekünstelten Posen verraten aber zwei Sachen nicht: Gelassenheit und Natürlichkeit. Niemand lässt die Pose, deren Beherrschung als gelingende Herrschaft über das ‚eigene Bild von sich in der Öffentlichkeit‘ gilt, freiwillig fahren.

Das Resultat dieser Melange aus Attraktivitätsdarstellung und sozialer Fitness-Indikation ist eine große Verspanntheit, die zu einer optischen Gleichförmigkeit in der Selbstdarstellung von Personen in sozialen Netzwerken führt. Letztlich wird die Möglichkeit von Individualität damit unterwandert. Aber das ist nicht das größte Problem.

Sondern die Erreichbarkeit: Mit dem Wegfall der Möglichkeit des ‚Weg-gehens‘ verzichte ich darauf, Herr darüber zu sein, wann ich ‚kontaktierbar‘ bin. Die Versprechen der Vernetzung fordern, einen Avatar meine Stelle vertreten zu lassen, für den ich mich 24/7 nicht zu schämen brauche. Jeder Mensch aber hat mal Zeiten, in denen er nicht optimal ist, wo er zerknautscht aus dem Bett springt und brabbelnd durch die Wohnung kriecht. Kein Grund zur Beunruhigung.

So aber können wir uns nicht sehen lassen. Die seltenen Randzeiten unserer optischen Perfektion und inszenatorischen Passabilität – sofern wir gerade sie in unserem Avatar haltbar machen und ihn dann für unsere ‚Normalität‘ verkaufen – laden den Kontaktraum sozialer Netzwerke mit mehr Anspruch auf, legen die Latten immer höher auf. Das vorhersehbare Resultat sind Ernüchterungsstürze aus großer Fallhöhe. Das haben wir uns verdient.

Der Raum einer solchen Ernüchterung kann vieles nicht mehr leisten. Die Menschen enttäuschungslos zu lehren, ihre Durchschnittlichkeit zu akzeptieren; und in einem folgenden Schritt die ‚Durchschnittlichkeit‘ zu ent-pejorisieren. Und folgend das Schonungsbedürfnis der Seele – der ja sowohl ‚Zeigen‘ als auch ‚Verdecken‘ als gleichzeitige Tendenzen innewohnen – ernst zu nehmen.

Nicht die Akzeptanz der ‚Durchschnittlichkeit‘ auf ihrem authentischen Niveau baut seelische Spannungsvermögen ab, sondern die Vortäuschung von Individualität über Avatare, die aufgrund der Strukturbedingungen der social-media-world auf ein lebensfernes Niveau der Durchschnittlichkeit in der ‚Pose‘ zusammengerückt werden. Die Ersetzung einer im Netz sowieso nie geltend zu machenden Authentizität des Privaten durch die zur quasi-Authentizität gemachte überzeichnete Realität, von der man sich nicht Schutz und Abgrenzung sondern gesteigerte Einbindung erwartet: das ist der kritikwürdige Vorgang.

Aber wer kann sich schon freiwillig und gerne so aussehen lassen wie er aussieht? 

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Von der Unwahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, das uns nicht ähnlich sieht…

„Welchen existenziellen, mehr als theoretischen Unterschied würde es ausmachen, mehr zu wissen – vom Dasein uns geistig ähnlichen Lebens anderswo zu erfahren? Meine Antwort ist: gar keinen.“

(Hans Jonas: Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen. Frankfurt am Main 1994. S. 253)

Wir suchen das absolut Exterritoriale und finden Bilder und Beschreibungen dafür, die auf Linie unserer Kategorien liegen: Wir denken uns intelligentes Leben mit Kopf, Armen und Beinen und einer Sprache, die wir zwar nicht verstehen, die man aber lernen könnte, wie Japanisch oder ähnliches. Wir wollen das Phantasma einer absolut exterritorialen Lebensform und kultivieren in Science-Fiction-Filmen eine Angst davor, die wir selber in diese Projektion hinein-plausibilisiert haben: Natürlich müsste man im absoluten Außen unsere irdische Ethik mit Füßen treten – natürlich stellen wir uns daher den Auftritt von Aliens so vor, dass sie ganz unbedingt mit Vernichtungsabsichten gegenüber uns Menschen aufträten: Sie kommen von draußen, sie wären damit an keine unserer innerweltlichen ethischen Implikationen gebunden, so denken wir. Anders Immanuel Kant, der seine Vernunftgrundierung intelligenten Lebens so formuliert wissen wollte, dass sie universal gültig ist und bei allen (noch nicht entdeckten, vielleicht nie zu entdeckenden) intelligenten Lebensformen genau so zu finden sein würde. Das könnte man wissen: Das will man aber nicht wissen. Wer Lust am Gruseln hat, muss Kant suspendieren. Wer Kant in dieser Hinsicht nicht versteht, kommt beim Gruselbedarf leichter auf seine Kosten. Nicht denken zu müssen, entlastet. Leider entlastet es aber auch von präzisen Einsichten. Eine dieser Einsichten könnte sein: Wir werden es nie mit Aliens zu tun bekommen können, die uns nicht ganz grundsätzlich ähnlich sehen, schockierend ähnlich, sozusagen wie wir: Wie Menschen. Fremd sind wir uns selber schon genug, unser eigener Gruselbedarf ist uns intransparent. Was verstehen wir dann überhaupt von uns? Die Baustelle sind nicht Aliens. Die Baustelle sind wir. (Also doch ‚Aliens‘?)

 Wer die Evolution richtig denkt, weiß um die Unwahrscheinlichkeit der Koinzidenz derjenigen Faktoren, die uns möglich gemacht haben. Dieses Übereintreffen als ‚Glücksfall‘ zu akzentuieren, ist Unsinn: Viele Menschen, die sich der Kontingenz nicht bewusst werden, spotten dem ‚Glücksbegriff‘, da sie der Erde nur dogmatischen Druck hinzufügen. Wessen Denken die Chaostheorie fassen kann, der weiß um die Unwahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im Universum. Wer das Chaos der Piratenpartei kennt, weiß ja auch um die Schwierigkeit mehr oder weniger intelligenten Lebens, eine technisch astreine Bewältigungsstruktur für die Koordination von Willensbildungsprozessen zu finden. Welchen Intergalaktischen Krieg sollten wir schon gewinnen? Aber so weit wird es ja gar nicht erst kommen.

Noch dazu: In unserem physikalischen Universum halten großartig unterschiedliche Bauformen nicht lange dem Praxistest stand. Das Resultat ist konvergente Evolution: auch mit großem zeitlichen und räumlichen Abstand entwickeln sich in varianten Biotopen Lebensformen immer nach ähnlichen Strukturprinzipien. Aliens würden uns verdammt ähnlich sehen… so oder so.

Harald Lesch dazu:

http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-centauri/alpha-centauri-ausserirdische-2001_x100.html

Dass schon allein unsere Existenz unwahrscheinlich ist, ist für uns schwer mit der menschlichen Innenperspektive zusammen zu denken, die uns immer wieder vortäuscht, das mit uns sei was ganz großes und Erhabenes. Wenn dieser Erhabenheitseindruck mal wieder durch unsere chaotische Kleinheit und Unzulänglichkeit konterkariert wird, flüchten wir uns in Religionen: Mit denen richtet sich unsere Vorstellung, dass wir in unserer geballten Dummheit und Widersprüchlichkeit auch noch von einem höheren Wesen gewollt sind, gemütlich ein, ohne dass wir merken: ein solcher Schöpfer müsste einen verdammt miesen Humor haben. Menschen mit religiös-rührig feuchten Augen wollen das gewollte Produkt eines Wesens mit miesem Humor sein. Ok, wer das will, soll das tun. Immerhin treten Aliens in Gruselfilmen immer als komplett humorlos auf. Hat sich schon mal einer gefragt, warum? So viel Klugheit um technisch so weit zu kommen wie wir Menschen, erträgt niemand ohne ein Moment der Flexibilität in seiner Haltung: also Humor. Wie könnten hoch-intelligente Vernichtungs-Aliens das ertragen, wenn sie nicht lachen könnten? So unwahrscheinlich schon unsere Existenz ist, umso unwahrscheinlicher wird es mit uns schon, dass das nochmal passiert sein soll: als statistischer Fall liegen wir bereits vor. Wer einmal im Lotto gewonnen hat, hat schon mehr Glück gehabt als rechnerisch möglich. Er sollte von weiteren Spielen Abstand nehmen, es sei denn er hat eine gute Frustrationstoleranz. Erneut zu spielen ist keine wirksame Beherrschung oder Handhabung des Zufalls. So gerne man das auch glauben möchte.   

Das Universum ist nicht unendlich groß. Dazu kommt: Wahrscheinlichkeiten sind keine wirklichen Aussagen über die Realität, denn da sie nur im Unendlichen zutreffen, lässt sich ziemlich lange, und zwar fast ebenso unendlich, an einer Wahrscheinlichkeitsbehauptung festhalten, selbst wenn empirische Proben immer das Gegenteil behaupten. Auch beim tausendsten Gegenbeweis müsste man immer nur sagen: Hauptsache es stimmt im Unendlichen. Die Fähigkeiten der Erdbewohner sind nichts universell Wahrscheinliches, keine Rechnerei kann mehr als nur die Möglichkeit einer gleichen Entwicklung behaupten: letztendlich Dinge, die man ‚glauben‘ muss. Das Statistikgehudel ist spekulativ und verstellt geradezu die Diskussion um die Bedeutung, die ‚das Andere‘, ‚die Anderen‘ und absolute ‚Transzendenz‘ für uns  als Vorstellungskonzepte haben.

Aliens hingegen haben keine Götter, weil sie topologisch mit Gott um die Situierung im absoluten Außen konkurrieren und diese Konkurrenzfrage durch Menschen entschieden werden muss, wobei in Hollywood-Blockbustern letztlich Gott der Zuschlag erteilt wird: Ist es uns jemals in den Sinn gekommen, zu glauben, Aliens könnten Götter haben? Ich habe in Filmen noch nicht gesehen, dass ‚potentiell mögliche Aliens‘ die Erde angreifen: nur konkrete Aliens, mit einer Gestalt, die die menschliche Handschrift trägt – ähnlich wie bei den meisten Gottesvisualisierungen, die den Menschen so passieren. Als Bedroher irdischer Ethik und als Wesen mit exterritorialer Herkunft automatische Gott-Konkurrenten müssen Aliens selbst als gottlos vorgestellt werden. Damit verkörpern sie das, was der häufigste Vorwurf in zugespitzten interkulturellen Konflikten zwischen realen Menschen ist: der Vorwurf, die jeweils andere Partei müsse vernichtet werden, weil sie gottlos sei. Das ist eine Frage der Deutungsmacht. Und: Es ist immer der Andere, weil der Andere – im Sinne eigener Identitätsbildung – immer das Fremde im eigenen Ich überspitzt und leibhaftig vorstellt, damit aber für den Normbedachten Menschen immer die Gefahr bereithält, ihm aufzuzeigen, dass er nicht in das Normkonzept des eigenen Diesseits der Kulturellen Demarkationslinie passt, und damit potentieller Weise zur Zielscheibe der Aggression der eigenen Kultur werden könnte. Diese Gefahr ist existenziell: in unaufgeklärten Kulturen hängt die Frage von Leben und Tod daran. Ketzer kommen auf den Scheiterhaufen, Hexen auch, Kommunisten, Demokraten, alle Unangepassten, alle ‚Anderen‘.   

Technokratisch verbildeten Menschen reicht eine rechnerisch nicht auszuschließende Minimalstwahrscheinlichkeit, um zumindest den Raum für Träumereien nicht abzuschließen. Ich als Philosoph bin da abgeklärter als manch positivistischer Naturwissenschaftler: und ich lasse daher nur nicht-naturwissenschaftliche Erklärungen für die ‚menschliche Natur‘ gelten.

Es ist eigentlich eine kulturwissenschaftliche / philosophische / soziologische Frage, warum uns Aliens so beschäftigen, und es ist eine Sache unterkomplexer Reflexion und eines gigantischen reflexiven Nachholbedarfs darin, warum wir – wenn wir an ‚das Andere‘ als phänomenale Folie für Selbstvergewisserungsprozesse denken – so brachial und infantil das Extremst-Andere in Form absolut exterritorialer Wesen bevorzugen, und ihnen in unseren hilflosen Visualisierungen denkbare Gestalt verleihen: sodass unsere Bebilderungen verraten, dass wir nicht über die Kategorien verfügen, das ‚wirklich‘ ‚Andere‘ wirklich erwarten zu können: es fehlt uns gewaltig an kreativer Einbildungskraft. Auch Filme in 3-D, mit hochauflösendem Bild und überfrachteter Story können dieses Einbildungskraftdefizit nicht einholen sondern nur vergrößern, wo sie zum Vorstellungslieferant für eine ganze Menschheit herhalten.

Kein Wunder, warum wir das Infantil-Phantastische und gigantisch Bebilderte ständig für-wahr halten müssen. Kein Wunder, warum es uns lieber ist, die Für-Wahrheit des Infantil-Phantastischen nicht etwa mit Argumenten zu kritisieren sondern mit Zahlenreihen in Statistiken zu affirmieren. Die Affirmation des Diffusen und der von latenter Aversion begleiteten Ungewissheit hat noch niemanden klüger oder besonnener gemacht.

Hinsichtlich einer klaren Einschätzung der Lage steht es uns im Weg. Ich meine weil: im Begriff ‚Alien‘ steckt die Fremdheitserfahrung drin, die man so an der ‚möglichen‘ Form intelligenten Lebens in diesem Universum logisch nicht als wirkliche ‚Fremdheit‘ bezeichnen kann, weil  uns die Naturwissenschaft schlüssig gezeigt hat, nach welchen Kriterien das funktioniert. Die eigentliche Frage, wie man sowas gedacht kriegt, ist keine Frage von statistischen Zahlen sondern eine kulturwissenschaftliche: Wie gehen wir mit Fremdheit und Identität um (schon allein auf unserem Planeten…) Die Erklärung ist denkbar simpel und hat mit der identitäts-bildenden Qualität des ‚Anderen‘ zu tun, physikalische Gesetzmäßigkeiten in unserem Universum lassen aber ein intelligentes Leben, das anders funktioniert als wir, nicht zu. Darum würden Aliens wahrscheinlich erstaunlich menschlich wirken. Der Rest, der an Differenzen bliebe, wären Unterschiede, die nicht größer sind als die zwischen Chinesen und Afrikanern. Solange uns  das aber auf unserem eigenen Planeten schon vor Probleme stellt, sollten wir nicht von Aliens träumen…

Die fremde Kultur von nebenan stellt uns vor größere Herausforderungen, die wir aus eben den Überforderungsgründen gar nicht erst angehen: In Hollywood-Blockbustern scheint der irdische interkulturelle Konflikt erst überbrückbar dadurch, dass eine exterritoriale Macht keinen Unterschied zwischen den zu vernichtenden Menschen und ihren kulturell unterschiedlichen Konkretionen und divergenten Ethiken macht. Dass menschliche Kulturen in der fingierten Wirklichkeit des Films erst angesichts der Apokalypse von ihrem Bestehen auf Differenz voreinander abrücken um Einigkeit gegenüber dem absolut Fremden zu behaupten – und das ganze erst in dem Moment, wo ihnen eine überlegene Macht diese Entscheidung schon abgenommen hat – ist bezeichnend. Bezeichnend auch, dass der durch viele Blockbuster hindurch schimmernde religiöse Subtext trotzdem noch ein Happy-End verlangt, um die Konkurrenz der exterritorialen Wesen (Außerirdische vs. Gott) zugunsten des Wesens zu entscheiden, das uns näher ist, weil wir es selbst konstruiert haben (Gott) und uns unter seinen Fittichen wähnen.

Die gute Nachricht ist: Wir werden die Anstürme von ‚außen‘ wahrscheinlich alle überleben, nicht aber ohne uns einzureden, dass es berechtigt sei, in grundsätzlicher Aversion gegen alles Fremde, das unsere Normvorstellungen überstrapaziert, zu bleiben. Das ist die schlechte Nachricht: Nach dem Sieg über die Aliens dürfen wir uns wieder die Köpfe einhauen. Das historisch sich wie ein roter Faden durchhaltende Konfliktpotential im ‚innen‘ unseres Globus‘ ist mit dieser Gewissheit geradezu begrüßt, stabilisiert und auf Dauer gewollt. Unsere wirklichen Konflikte drehen sich irdisch um die Deutungshoheit angesichts eines nie wirklich hereinbrechenden absoluten Außen, das unsere Deutungsprognosen mit der Realität des Außen konfrontierte. Wir brauchen uns gar nicht zu vereinen, und dürfen uns weiter ungestört die Köpfe einhauen. Nur leider ist diese gute Nachricht keine gute Nachricht. So viel Zynismus haben wir uns durch unsere Scheinheiligkeit eingehandelt.  

Wenn uns das ewig Kreislaufhafte des Weltalls irritiert, liegt es nahe, aus bloßem Kontrastdenken heraus die Persistenz des Immergleichen mit der Möglichkeit eines Bruches zu konfrontieren. Aber glauben Sie mir: Wir sind für den Lauf des Universums zu unerheblich, als dass unser Kontrastbedarf auf dessen Regelmäßigkeit auch nur den geringsten Einfluss hätte. Alle Untergangsprophetien sind in dieser Hinsicht hilflose Aufschreie gegen die eigene Einflusslosigkeit im Ganzen und gegen die Irritation, die das unverstehbare Ganze hervorrufen muss, wenn von ihrer Ratio überzeugte Ganzheits-Fundamentalisten konfrontiert sind mit dem anspruchsvollen Programm, den einen Zugriff auf das Zu-Große meinen meistern zu müssen. Es gab Zeiten, da wollten Philosophen das auch noch. Davon haben sie sich verabschiedet. Zu recht.   

Das Andere erfahren, heißt, sich über sich selbst klarer werden zu müssen. Es geht bei allem wie immer um Fremdheitserfahrungen. Trotzdem wir von Globalisierung faseln, sind wir mit dem immanenten Fremden in interkultureller Perspektive schon so überfordert, dass wir Hollywoodphantasten uns in Afrikaner nicht halb so gerne hineindenken möchten wie in Aliens. 

Der frei gewordene Mensch ist frei nur als ‚Sichtbarkeitskrüppel‘ (wie es Sloterdijk in Du mußt dein Leben ändern für Sartre und Blumenberg sagt), ist also in seinen möglichen Entwürfen nicht frei von den Hinsichten der Anderen: Wie ihre Entwürfe als Formatvorlage für Selbstentwürfe durch Sichtbarkeit verfügbar werden, so scheint in der Wechselseitigkeit ein unterschwellig drängendes normatives Moment mit den bloßen Entwürfen noch etwas mehr vorzuhaben: Nämlich sie auf ihre ‚Richtigkeit‘ zu prüfen, also sie prinzipiell nur in normativer Hinsicht voreinander antreten lassen zu wollen. Dieser Einschränkung der Entwurfshinsichten von den Anderen – elementar: verschiedener Kulturkreise voreinander – versucht Helmuth Plessner in Macht und menschliche Natur wieder aufzuweiten mithilfe einer Art Proto-Kulturrelativismus, der aber nicht konkrete Entwürfe allgemein relativiert, sondern Entwürfe im Besonderen vor einem Gegeneinander-Ausspielen bewahrt, indem die Relativität eines Entwurfs zu einem Bezugskreis einerseits den Beliebigkeitseindruck wegschiebt, und andererseits die Relativität aktual verschiedener Kulturkreise auch voreinander gelten lässt.

Nur gegen das Beliebige lassen sich durch den Idealismus hart-normativ abwertende Urteile aussprechen; der Bruch mit dem Idealismus muss also bei Plessner darüber beginnen, dass verschiedene Kulturkreise in nicht-normativer Hinsicht voreinander als verschieden und damit als mit universal gleichem Recht relativ auf ihr je eigenes Gewordensein erscheinen können: dieser Respekt vor der Ausdifferenziertheit ist idealistisch lediglich in der minimalen Hinsicht, dass er in universell-einender Absicht mitgeführt wird, und sogar auf ‚Aliens‘ (also alle Menschen in diesem Universum) ausgedehnt werden kann. 

Kulturen dürfen selbstverständlich sein was sie sind, wenn sie als geschichtlich-geworden erkannt werden. Keine Kultur hat damit aber das Recht erworben, auf ewig das zu bleiben, was sie mal geworden war. Es muss immanente Opposition geben können, und es muss Differenz geben, die ohne Aggression auskommen kann: eine reife, gemütstechnisch temperierte Weltsituation wäre das, von der wir auch heute noch – trotzdem uns das Geld entspannt hat, weil wir auf Zinsen gucken können und nicht auf Menschen gucken müssen, was auch wieder äußerst ambivalent ist – entfernt sind.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wenn auf einem entfernten, erdähnlichen Planeten, Menschen sitzen, sie wenn sie an uns denken dabei die Figuren zeichnen, die wir zeichnen, wenn wir an sie denken? Sehr. Nur wir werden nie in die Verlegenheit kommen, sich diese Wechselseitigkeit bestätigen zu lassen: Die ‚Anderen‘ sind immer so unendlich weit weg, mathematisch im kaum bestimmbaren Bereich des Wahrscheinlichen. Daher haben sie keine Bedeutung für uns.  

Keine (auch keine fiktive) Kultur darf vor Entwurfshinsichten geschützt werden, sonst bläst sich ihre Normativitätsvorstellung so stark auf, dass ihr jede Kleinstabweichung erst eine besondere Erwähnung und dann eine besondere Ahndung wert wird: Vor Vergleichen und Varianzgewissheit geschützte Kulturen entwickeln gerne einen selbstzentrierten Kultur-Positivismus, der Aggresion gegen alles andere legitimiert. Da die Aggression gegen übermächtige Aliens doch arg zu hilflos wäre, wird dieser Kampf, der reine Projektion ist, in der Filmfiktion durch eine Art Gotteswille zugunsten des als schwach vorgestellten Menschen entscheidbar gehalten, was uns vorgaukelt, dass wir bei der Weichenstellung für unsere Zukunft nicht mitzureden hätten.

Das ist grob falsch: Menschen leben ihr Leben nur dort als Menschen, wo sie es führen. In Syrien werden gerade die Weichen für die Überlebenszukunft eines Volkes gestellt, und siehe da: Wir reden mit. Aber mehr eben auch nicht. Wir gucken zu und reden und belassen es dabei. Mehr vernichten können uns auch Aliens nicht, als wir uns durch unsere Passivität, die wir uns von Filmen beibringen ließen, für die wir viel Geld bezahlt haben. Die wirklichen Abgründe sind nicht im Außen, sondern in dem nicht-verbalisierten Kern der Menschen, in uns allen.

Fiktions-Aliens sind statistischer Blödsinn, irdische Aliens sind die reale Aufgabe, an der wir regelmäßig scheitern, weil wir unser Leben nicht führen und unsere Normativität vor Vergleichshinsichten in Absicht  der Entkrampfung schützen aber damit defacto all unsere Routinen unreflektiert und damit einen Großteil unseres Lebens unbegriffen lassen.

Wer unter euch damit kein Problem habe, der fürchte sich vor dem ’nächsten‘ Angriff aus dem Weltraum.

Kleine Analyse des Papstbesuches – Thesen zu Glaubensgewissheiten

Ich wünsche mir mehr Kritik und weniger Affirmation. Wenn ganz Deutschland einem Papstbesuch zuschaut und jubelt und die Aussagekraft dieser phänomenalen Erscheinung auch noch daraus bestärkt wird, dass sogar Menschen sich dafür begeistern, die mit Religion sonst nichts am Hut haben, dann soll das für die besondere Milde von Benedikt XVI. sprechen, nur: die Menschen haben keine Wahl. Die Asymmetrie ist ja gerade die, dass man sich zu diesem Phänomen verhalten soll, dass dieses Phänomen aber keineswegs sich zu den realen Menschen neigt oder verhält: Nein, ein Papst verändert sich nicht, ja der Papst entlarvte all die naiven Hoffnungen, es könnte sich bei ihm noch um einen Menschen handeln, der nicht einfach nur Verständigung predigt, sondern wirklich zuhören kann, so zuhören, dass es auch ihn verändert. Eine Initiative aus Österreich hat es ans Licht befördert: Viele Priester praktizieren in ihren Gemeinden vor Ort einen Glauben, der zwar nah an den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit ist, aber eben genau aus diesem Grund die erhabene Höhe der Vatikanischen Lehre unterbieten muss, sie geben Geschiedenen die Kommunion, sie schließen auch Protestanten nicht aus, all das ist eigentlich Teufelszeug. Und dann die Rede Benedikts vor dem Bundestag, in der vieles von dem, weshalb der katholischen Kirche die Anhänger scharenweise davon laufen, nicht vorkam. Und dann redet der Papst da so vermeintlich philosophisch daher, da poltert er gegen das Positivistische Weltbild der modernen Naturwissenschaften, und dass obwohl er wissen müsste, dass die Wissenschaftsphilosophie schon lange eine anti-positivistische Wende eingeleitet hat, nicht zuletzt mit dem Heidelberger Philosophen Gadamer, spätestens mit sozialkonstruktivistischen Strömungen, aber gegen die poltert Benedikt ja auch, weil die seien ja Türöffner zum Relativismus und nichts ist schlimmer als Relativismus: was einem Mann, der in Glaubenswahrheiten gefangen ist, wie Beliebigkeit vorkommt, ist dem Begriff nach aber nichts anderes als Relativität, also die Verhältnismäßigkeit der Erkenntnis zu ihrem kategorialen Bezugssystem, innerhalb dieser Erkenntnissystem-inhärenten Strukturen ist man aber alles andere als völlig frei in der Wahl dessen, wie man eine Relation der Erkenntnis zum eigenen Bezugssystem herstellt, das ja immer eine irreduzible Grundlage meint, auch Benedikt ist als Katholik nicht frei in der Wahl, wie er die Welt deutet. Relativismus ist nicht Grundlagenlosigkeit und Beliebigkeit. Was der Papst in einer Gesamtschau auf die Pluralität der verschiedenen Denkstile für eine Aufweichung der Wahrheit hält und daher als Beliebigkeit akzentuiert, verkennt, dass innerhalb dieser Wahrheitsfindungsstrukturen alles andere als Beliebigkeit sondern harter Denkzwang herrscht, nicht weniger hart als in der Kirche. Aber Benedikt will ja einfach nur alle Modelle diskreditieren. Genauso wie den Individualismus. Aber mein Gott: Wie kann es ein Erkennen geben, wenn ich mich nicht mindestens selbst autonom aber als Angehöriger einer Sozialität darauf hin befrage, wie unter diesen und jenen Ausgangslagen die Chancen stehen, sich positiv auf eine Erkenntnismöglichkeit auszurichten? Ist nicht der Glaube in einem freien Verständnis ein höchst individualistisches Frage- und Antwortspiel zwischen dem Selbst, der Tradition und dem respektablen Bedürfnis nach Spiritualität und Transzendenz? Benedikt aber möchte ja gar nicht die Freiheit der individuellen Selbstbefragung im Glauben, er perspektiviert ‚echten‘ Glauben als etwas von höchster Unfreiheit kündendes. Zwar ist auch ‚echter‘ ‚Nichtglaube‘ nicht weniger Unfrei, aber aus dieser jeweiligen Bezugsgemäßheit des je eigenen Tuns folgt nicht Relativität sondern die Gleichmöglichkeit differenter Haltungen, und das zu dulden hieße: Toleranz, über die der Papst wohl oder übel nicht verfügt.  Das Problem, dass viele Kommentatoren der Rede sahen, war, dass Benedikt niemals die Begriffe, die er verwendet, erklärt. Er hält sie seinen qua pontifikaler Würde hypnotisierten Auditorien als Embleme vor, und weiß, dass ihre heuristische Schwammigkeit gutmütig als die ganz große Weisheit ausgelegt werden muss, weil die Auditorien es nicht besser wissen können. Und so watsch er das Fundament des 20. Jahrhunderts ab, erst kriegt der harte Positivismus eins drüber und samt ihm auch seine intellektuelle Redlichkeit, dass eben der Wissenschaftler als emotionales Subjekt sich raus halten muss aus dem, was er klar sehen will, wenn er denn klar sehen will und selbstkritisch auch noch die Kriterien mitliefern muss unter welchen seine Behauptungen unwahr werden und er als Wissenschaftler demontiert, – fragen Sie sich mal wann Benedikt in seinen Reden je die Kriterien mitgeliefert hätte, unter welchen seine Behauptungen unwahr werden könnten, fragen Sie sich mal, warum man Menschen hofieren sollte, die mit begrifflich ungedeckten Checks einkaufen gehen – und Benedikt watsch soziologische Erkenntnistheorien ab, da in ihnen der Mensch zu viel an der Erschaffung einer Idee vom Ganzen pfuscht, wofür aber niemand außer Gott urheberschaftlich verantwortlich sein soll, und er watscht den Individualismus ab und die erst aus ihm sich ergebende Möglichkeit zu Bildung und vielleicht auch zu autonom praktizierter Religiösität: Im Ergebnis heißt das: Nichts kommt Benedikt schlimmer vor als Menschen, die klar auf harten Fakten sehen wollen, auch auf den Fakt, dass sie selbst ihr Bild von der Welt schaffen und sich frei zu einem Lebensmuster entscheiden können, weil sie die Wahl haben: nur bloß keine durch Intellektualität erzeugte Unabhängigkeit vom heteronomem Dogma der Amtskirche, vor nichts hätte Benedikt mehr Angst.

Und dann poltert er dagegen, dass die Menschen ihre eigene ‚Natur‘ nicht genügend respektieren und dass es genau wie bei der Umwelt darauf ankomme, den natürlichen Bedürfnissen natürlicher Erscheinungen genügend Gehör zu schenken. Auch da Fehlanzeige was eine Präzisierung der Begriffe betrifft – sie funktionieren bei Benedikt offensichtlich nur solange sie vieles mögliche aber nichts konkretes bezeichnen: eben emblematisch – Fragen Sie sich mal, wie Sie telefonisch eine Pizza bestellt kriegen, die Sie die ganze Zeit aus Unschärfegründen nur prototypisch als ‚Lebensmittel‘ zu bezeichnen vermögen, und fragen Sie sich mal, welcher Pizzalieferservice Sie darauf hin für ihre sprachliche Genauigkeit loben wird … Und der Papst, der mit dem Gerede von der menschlichen Natur meint, dass Menschen nicht eingreifen sollten zum Beispiel in ihre natürlichen Reproduktionszyklen, tut der damit nicht auch etwas, was er vorher ablehnte: eine Positivierung des Menschenbildes, eben wenn er den menschlichen Eingriff nicht auf den Begriff der Arbeit am  kulturellen Aspekt des Menschseins ausweitet sondern auf den der materiellen Manipulation an menschlicher Substanz vereinseitigt? Eine Festlegung des Menschen auf die Imperative seiner Naturseite, die im wesentlichen in seinem Fortpflanzungsmechanismus verortet wird? Denn in dem Moment, wo Benedikt dies ansprach, klatschte das Bundestagsauditorium, als er sinngemäß sagte: ‚der Mensch dürfe nicht den Menschen machen‘. Diese Aussage eindeutig zu beklatschen obwohl sie in mindestens zwei Richtungen verstehbar ist, finde ich problematisch. Erste Lesart: der Mensch darf den Menschen nicht in einer Petrischale züchten. Diese Lesart darf durchaus beklatscht werden, der Meinung bin ich ja auch. Da auf diese Lesart hin das Auditorium tatsächlich klatschte, handelte es sich bei ihm um eines, das ‚Menschen machen‘ nur in Hinsicht positivistischer Naturwissenschaft verstanden hatte weil es durch diesen Denkstil nur die positivistische Seite dieser Aussage zu hören fähig war, also eben gerade genau so denkt, wie der Papst es ablehnt. Denn die andere Lesart dieser Aussage ist die nicht beklatschenswerte: das ist die kulturelle, nicht-positivistisch-naturwissenschaftliche Aussage: ‚der Mensch darf den Menschen nicht konstruieren‘, soll heißen: ‚der Mensch darf sich nicht selber aufzeigen, was er ist, er darf sich nicht als ein durch kulturelle Arbeit durch sich und für sich selbst geschaffenes Wesen bewusst werden und braucht sich nicht autonom zu entwerfen sondern muss glauben, dass ihm seine Bedeutung erst und nur durch Gott zukommt‘. Wer im Bundestag diese Lesart rausgehört hätte, die da auch in der Aussage steckte, der Mensch dürfe nicht den Menschen machen, hätte durch das Klatschen das geistige Fundament des 20. Jahrhunderts verhöhnt: dieses Fundament ist die Einsicht in die kulturelle und soziale Konstruiertheit menschlichen Daseins in Symbolräumen der gegenseitigen sozialen Bejahung. Alles ist von Menschen gemacht, sogar Kirche. Paradox wird es dort, wo Kirche sich aus ihrer kulturellen Konstruiertheit herausnehmen will und die Menschen belehren will über ihre Unmöglichkeit zum Selbstentwerfen von Institutionen und dessen, was sie sein wollen. Diesen Aspekt hätte man nicht beklatschen dürfen. Aber es wurde doch geklatscht bei der Aussage, der Mensch dürfe nicht den Menschen machen. Also hatte Benedikt Abgeordnete vor sich, die unter ‚machen‘ was brutal materielles, was faktisches, was bloß positivistisches verstanden und auf Manipulation an Embryos vereinseitigte, ihre Denkstilzugehörigkeit ist durch diese Bereitschaft zu einem gerichteten und selektierenden Hören bereits erwiesen: er hatte eben solche Menschen vor sich, gegen deren Positivismus er polterte, und keiner hat das geschnallt, nicht einmal der Papst selber. Letztendlich hindert er die Menschen am Verlassen dieses Positivismus. Der Papst nimmt modernen, selbstbewussten Menschen alles weg, was sie haben und will die Spielregeln bestimmen, indem er ihnen ihre niedlichen aber irrigen Versuche des wissenschaftlichen Wissenwollens qua schlechter Erfolgsaussichten diskreditiert und stattdessen nur Glaubensgewissheiten austeilt, mehr hat er nicht anzubieten, mehr hat er nicht einmal den Missbrauchsopfern anzubieten, die ihren Glauben durch die Amtskirche verlieren mussten. Benedikt tut alles als Vorsteher einer Organisation, die leugnen muss, dass sie von Menschen künstlich gemacht wurde um das Bedürfnis nach Spiritualität und Struktur zu institutionalisieren und damit Verlässlichkeit in eine Sache zu bringen, die erst durch ihre Verselbständigung lernte, ihre Ursache scheinbar nicht mehr in Menschen haben zu müssen, und die erst damit einen Halt zu geben vermag, der aus dieser Welt herausreichen soll, obwohl er doch immer nur Halt geben muss für in der Welt stattfindende ziemlich platte und irdisch banale Lebensanlässe und Ereignisse im Leben realer Menschen in dieser Welt. Die helfende Hand aus dem Jenseits reicht in diese Welt hinein, in der sie aber aufgrund der nur hier akuten Problemlagen erst geschaffen wurde und Menschen nachfolgend nur noch an sie glauben wollen konnten, wenn sie deren Genese in einem den Menschen unzugänglichen Bereich verortete, denn mit der Religion musste ja in der Welt über andere Menschen geurteilt werden, etwa Straftäter. Wie urteilen Sie, wenn Sie keinen Maßstab außer einem selbstgemachten – also vermeintlich relativen – haben? (Ist das nicht ein pessimistisches Menschenbild, wenn es das Menschengemachte ablehnt aufgrund des grundsätzlichen Beliebigkeitsvorwurfs? Ist das nicht ein pessimistisches Bild, wo Menschen prinzipiell nur Beliebiges machen können und daher vom Setzen der Maßstäbe, in denen sie einander richten, ausgeschlossen werden durch Instanzierung einer Sache, die ihnen über ist?) Sie urteilen mit einem Maßstab, von dem sie nicht wissen sondern nur glauben können, dass sie ihn nicht selbst erzeugt haben – dem religiösen. Dann erst können sie meinen, dass die Tatsache, schlechtes mit Urteilen zu bestrafen, ein Weltprinzip ist, das vor den Menschen da war und durch Menschen nicht hinterfragt werden kann. Die Menschen überblicken ihren Anteil an dieser Selbstgesetzgebung nicht einmal mehr, wenn sie sich mit Paradiesvorstellungen konfrontiert sehen, die wie karikaturenhaft brutale Überhöhungen des auf der Erde Unerreichbaren aussehen und sogar ein Blinder mit Krückstock das sieht: Warum blühen Paradiesvorstellungen mit x-beliebig vielen Jungfrauen besonders in diesseitigen Kulturen, die Sexualität mit großen Restriktionen belegen? Warum gehen die Menschen dann auf Basis von Suggestionen charismatischer religiöser Führer in den Tod? Weil sie in das Überirdische projizieren, dass dort auf einmal eine sexuelle Freizügigkeit möglich wird, die auf der Erde gerade in geschlossenen Meinungssystemen auf ewig eine bloße – wenn auch geile – Vorstellung hätte bleiben müssen. Hilft uns so eine Religion leichter zu leben? Nein, sie hilft uns in vielen Fällen nur, jünger und hasserfüllter und schmerzvoller zu sterben, oder hasserfüllter gegen Andersgläubige zu poltern in einer Rhetorik, die die ganze Zeit von Liebe schwafelt. Diese Religionen gestehen uns Entlastung im Leben nur zu für Zeitpunkte an denen wir bereits tot sind und nicht mehr Reklamationen einreichen können nach dem Motto: Ich möchte mein Leben zurück weil der Tod nicht gehalten hat, was er versprach, nämlich: Ficken bis zum Umfallen, das ihr Traditionshüter virtuell in Aussicht stelltet, nachdem ihr es real versagt hattet, und so was nennt man dann Moral. Seit Jahrtausenden lassen sich in ihren realen Möglichkeiten klein gehaltene Menschen mit Virtualität abspeisen und haben gelernt, dankbar dafür zu sein. Diese kulturelle Umarbeitungsleistung aber kann in einem gigantischen Selbsttäuschungsakt immer noch für die Natur des Menschen selbst gehalten werden: Religiösität, die uns unser Leben nimmt noch bevor der wahre natürliche Zyklus unserer leiblichen Existenz das verlangt hätte. Ist Ihnen das mal aufgefallen: kaum ein Selbstmordattentäter stirbt an Altersschwäche. Kaum einer ist eine größere Fehlerquelle als der Mensch in der Betrachtung dessen, was wirklich da ist. Keiner ist weniger vorurteilsfrei wenn es darum geht, erst mal zu sehen was da ist ohne es gleich zu bewerten. Er ist der größter Übeltäter wenn es gilt, kulturelle Konstruktionen als eine Natur zu verkaufen, die ihren unerreichbaren Ursprung in einem Wesen hat, das trotzdem von Menschen auf Erden stellvertretend repräsentiert werden könne von solchen Leuten, die sich zum Dank für ihre Ahnungslosigkeit als prinzipiell unveränderlich gebärden dürfen: soviel Asymmetrie und anthropologische Differenz sei den Hütern des Erhabenen zugestanden, aber es müsste allen als ein mächtiger Grund vorschweben, über deren Erhabenheit mal grundsätzlich nachzudenken, und zwar in revolutionärer Absicht.

Die Rede vor dem Bundestag hatte auch aus diesem Grund keinen Philosophischen Wert, weil Benedikt in meinen Augen alle Versuche der Philosophie im 20. Jahrhundert, dem Menschen Würde und
Selbstbestimmungsrecht zuzugestehen, mit dem Arsch einreißt einfach weil er keine werturteilsfreie Distanz zu seinem eigenen Glauben einnehmen kann, ja sogar dazu bestimmt ist, es nicht zu dürfen. Menschen ohne Distanz zu sich, haben wahrscheinlich nicht einmal Humor. Aus Kultur aber gibt es kein Entrinnen genau wie aus durch Kulturelle Vorurteile verstellten Blickwinkeln auf die ’naturgemäßheit‘ menschlichen Daseins, und da haben esoterische Gemeinschaften ihre ganz eigene Form der Kultivierung von verstelltem Blick, das hat da Tradition, anders ist die zweitausendjährige Geschichte dieses Ideenkonstruktes nicht zu erklären. Benedikt reklamiert es für seinen Glauben, sich herausnehmen zu können. Darin liegt die Anmaßung. In der (bloß rhetorisch möglichen) Herausnahme aus dem menschlichen Konstruktionsraum, in einer Angst vor selbstbewussten Menschen, die klar auf die Welt blicken wollen so wie sie ist und dann erkennen könnten, dass es die Menschen selbst waren, die sie als Symbolkosmos geschaffen haben, und dann aus dieser Angst gegen alles poltert er: gegen Individualität stattdessen lieber blöde Herde, gegen positive Erkenntnis stattdessen lieber willenlose Vernebelung ins Unbestimmbare, gegen greifbare kulturelle Konstruiertheit stattdessen lieber unbegreifbare Gottgegebenheit, Ungreifbarkeiten, die sich bei Benedikt schon in den Begriffen wiederholen. Glaubenswahrheiten aber können das alles nicht ersetzen, gegen das sie in Emblemen poltern, sie sind kein geeignetes Ausfallangebot für echte individuelle Reflexion. Sie können die guten Gründe, die für Konstruiertheit oder Positivität stehen, nicht vom Tisch wischen, ja sie sitzen argumentativ nicht einmal am selben Tisch. Wie kann Benedikt das nur gegeneinander ausspielen, als Professor, als Gelehrter? Wie kann man nur Liebe predigen, aber den ganzen Tag Angst vor Menschen haben, die sich ihrer Wahlfreiheit bewusst werden könnten? Mir leuchten die Gründe schon ein warum einem solche Menschen ungeheuerlich sind, die auf die Entlastungsleistung geschlossener Weltbilder verzichten wollen: immerhin bringen diese modernen sinn-asketischen und schlimmstenfalls urbanen Individualisten eine spirituelle Rohheit ins Spiel, die einen, wenn man es nicht genau nimmt, ans Vorkulturelle erinnert. Aber hört nicht vielleicht der in Hinsicht religiöser Polemik Vorkulturelle heutzutage viel genauer hin auf die Fragen, was für sein Dasein naturgemäßer ist? Der urbane Individualist, der erkannt hat, dass moderne Essgewohnheiten seinen Körper zerstören und modernes Konsumverhalt den Globus, und der bewusst gegensteuert, respektiert der sich und die Natur dem Wortlaut nach nicht auf eine starke Weise, so wie es Benedikt fordert oder wie er es fordern müsste, wenn er ‚Natur‘ sagt? Nein, er meinte ja, dass das nicht ausreiche, wenn man das ohne Glauben tut, und nein, der Papst meinte das ja auch in einem viel sexuelleren Sinn, er meinte, wir sind nicht frei in der Wahl, mit wem wir Sex haben dürfen weil Gott seinen Daumen drauf hat auf der naturgemäßen Verwendung des menschlichen Körpers, die Natur hat uns mit der Passgenauigkeit von unansehnlichen Organen vorgegeben, was wie und zu welchem Zweck ineinander zu stecken sei, um Ernährung und Konsum ging es ihm ja schon gar nicht mehr.  Aber sind denn Atheisten generell ohne Struktur? Kann man nur als Katholik ein guter Mensch sein? So ähnlich sagt er es doch: Er reklamiert doch für den Glauben ein Monopol bezüglich der moralischen Orientierung in der Welt. Ist das nicht gefährlich? Ist nicht dieses Moralverständnis wie jeder andere Rassismus ein Exklusivitätskonstrukt? Ein Gesinnungsrassismus: Wer nicht so wie wir glaubt und nicht an uns glaubt, kann Moral in ihrem höchsten Sinne vergessen?

‚Die Kirche darf sich nicht verweltlichen, darf sich nicht der Welt anpassen‘, so ähnlich sagte es der Papst und diagnostizierte eine Tendenz, dass die Kirche keine gute Figur bei der Jagd hinter dem Zeitgeist her mache und dass der einzige Ausweg der Glauben sei. Ja, sag ich da nur, fangt endlich an zu glauben, aber fangt nicht an das zu glauben, was anderen wollen, fangt nicht an zu glauben, wie andere es von euch erwarten um in euch ihren Einfluss sichtbar werden zu lassen. Wenn ihr enttäuscht seid, kehrt der Kirche den Rücken und fangt dann an wirklich zu glauben: zeitgenössisch, selbstbestimmt, aufrichtig, keine Organisation mit Alleinvertretungsanspruch kann eure eigene Motivation in euch und für euren Lebenskreis vertreten, wenn ihr sie nicht selber habt, wird selbst jeder konforme Glauben schal, so sehr er mit seinem Aufsichtspersonal dann auch auf Linie sein mag. Zeigt die Ferne zur Amtskirche eben indem ihr wirklich glaubt, wenn ihr glauben wollt. Ich glaube nicht, habe aber ein Bedürfnis nach Transzendenz und Spiritualität und möchte das nicht desavouieren lassen nur weil ich aus Gründen der Bevormundungsmüdigkeit darauf verzichte, mein respektables Spiritualitätsbedürfnis in einer Amtskirche kanalisieren und für deren Zwecke in den Sack stecken zu lassen. Der Glaube ist nicht deshalb auf dem Rückzug nur weil eine überholte Amtskirche nominell schrumpft. Gerade der Reformstau macht eines deutlich: Was zählt ist NUR der Glaube, aber wir dürfen den Glauben an Gott nicht verwechseln mit dem Glauben an die institutionalisierte Amtskirche. Nirgendwo steht in der Bibel: Du sollst an den Vatikan und sein Personal glauben, oder: Du sollst dem Vatikan und seinem Personal glauben. Selbst bei dem authentischsten Glauben muss der Vatikan völlig außen vor bleiben dürfen ohne dass an dem Glauben zu zweifeln Grund bestünde, selbst externe Zweifel am Glauben müssen völlig ohne Effekt auf den Gläubigen sein, dann erst sind wir Menschen als Gattung frei.

So jetzt habe ich keine Lust mehr. Klar dass bornierte alte Männer meine Intervention heraufbeschwören, aber nicht nur meine, sondern die vieler Menschen mit Hang zur Genauigkeit. Die Reden des Papstes in Deutschland sind trotzdem legitim als das, was sie waren und auch bleiben sollten: die besonders christliche Menschen beruhigenden Reden voller Glaubensgewissheiten aber ohne praktischen Nutzen und ohne sonderlichen philosophischen Wert. Die Rede vor dem Bundestag war zudem aber auch eine polemische Rede gegen unser wissenschaftliches Fundament. Eine Rede mit Falltüren für positivistisch vereinseitigend auf das ‚Selbstmachen‘ des Menschen blickende Claquere, die sich zum Beklatschen ihrer Selbstboykottierung hinreißen ließen, weil sie die Strategien nicht durchschauen, Falltüren die wohlgemerkt erst durch den bloß emblematischen und ungenauen Charakter von Benedikts Begriffen entstanden, den er entweder nicht durchschaut, oder bei dem er, wenn er ihn durchschaut, auf eine beschämend offensive Weise mit der Dummheit seines Publikums kalkuliert – beides ist ihm und uns nicht zu wünschen, selbst wenn wahrscheinlich eins von beidem zutrifft. Und der Besuch war Gelegenheit für einen alten Mann uns mit seinem Privatglauben öffentlich zu behelligen, weil er sein öffentliches Amt nur bekleidet um seiner privaten Glaubensstärke willen, Glückwunsch, aber was bitte schön hat das mit uns zu tun? Wer jetzt noch nicht genügend infiltriert ist, mag sich auch über das Rahmenprogramm der vier Tage hinaus für den Katholizismus interessieren, in der Gesellschaft meiner Träume steht das jedem frei. Benedikt soll ja sogar auf die harte Wirklichkeit  in Form von Opfern des Missbrauchs durch katholische Geistliche getroffen sein, in aller Stille und Heimlichkeit versteht sich, Stille die eigentlich jedem Privatglauben zu eigen sein sollte: Glauben darf keine Botschaft sein, die öffentliche Infiltrierung verlangt, Glauben kann man nicht wirklich predigen, denn dadurch macht man ihn mittelbar und beraubt ihn der Dimension, die er nur durch Unmittelbarkeit haben kann, Unmittelbarkeit aber kann man durch Vermittlung nicht simulieren oder herstellen oder erzwingen, so ähnlich sagte es schon Adorno. Der Hinterzimmertreff mit Missbrauchten war ein Willkommensruf in der missbrauchten Realität mit dem bestechenden Charme ihrer realistischen, sozusagen positiv-faktischen Breitseite, in aller Stille versteht sich, in aller Absenz von Aufsehen versteht sich, nur ein Seitenarm des Besuchsprogramms, aber ich wünsche mir, dass dieser Arm in Benedikts irdisches Bewusstsein reicht, dauerhaft. Ob allerdings Benedikt nach diesem Besuch dann daran ‚glauben‘ mag, dass es so was wie Missbrauch in seiner Organisation wirklich gegeben hat oder nicht, bleibt letztendlich seine Privatsache, in Haftung genommen werden muss er dafür als öffentliche Amtsperson, als Staatsoberhaupt erstrecht. Wenn er genau darüber öffentlich nicht spricht, dann ist das mindestens noch scheinheilig, vermutlich aber sogar schlimmer als das, glauben Sie’s mir.