Über Ethik und ethische Expertise für Politik und Wirtschaft

Kongress- und Kommisionsphilosophen sind ein neuer Typus von funktionalem Akademiker, an dem sich neue Hoffnungen festmachen. Unter dem offensiven Vorwand eines Beratungsbedarfes von Politik und Wirtschaft sollen sie prototypisch für die Einholung des „Mehr“ in die geschlossenen Zirkel politischer oder wirtschaftlicher Selbstverständigungen stehen. Ist dies nur dem Gefühl des Ungenügens der Eigenverständigungsprozesse und -resultate geschlossener Entscheidungsfindungen geschuldet?

Wenn dem so wäre, müsste ein analoges Vorwänden von Beratungsbedarf in anderen Bereichen ebenso blühen. Dem ist nicht ohne weiteres so. Denn wenn das erste Ziel – die ethische Reflexion – mit dem zweiten Ziel – der ethischen Optimierung von Entscheidungsprozessen – mit der Bedarfsoffensive gar nicht wirklich erstrebt ist, dann steht nur das Bedürfnis nach einem Etikett im Vordergrund, das unangenehme aber bar jeder Beratung mögliche Entscheidungen durch das „Mehr“ legitimiert. Gemeint ist: ein „Mehr“ an lebensweltlichem Sinn in bürokratischem ‚Öffentlichkeitsmanagement‘, ein „Mehr“ an allgemeiner Vernunft in konkreten, pragmatischen Vorschriften und Ordnungen, die gerade gegenüber einer wachen und pluralistischen Öffentlichkeit unter einem wachsenden Rechtfertigungsdruck stehen. Die Stellen, an denen gestaltende Gewalten regulativ über die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens in einem Staat entscheiden, werden immer besser überwacht. Da sich Ethik in nachaufklärerischer Perspektive nicht mehr auf eine allgemein geteilte christliche Wertebasis berufen kann, kann man einerseits nicht mehr an ein Einziges glauben, andererseits wird erst dadurch Tür und Tor für abwägendes Reflektieren geöffnet. Und das ist anstrengend.

Die Einsicht, dass ethische Grundsätze kontingent sind ohne sich dadurch in ihrer Gültigkeit in einem gewissen Bezugsrahmen relativieren zu müssen, verlagert die Perspektive auf den Auswahlcharakter menschlicher Entscheidungen und lenkt den Fokus auf Aspekte, die eine Auswahl und damit den Ausschluss anderer Handlungsoptionen plausibilisieren. Einer dieser Auswahl-befördernden Aspekte ist die Expertise eines in Fragen der Ethik Auskunft gebenden Menschen. Worin kann ethische Expertise bestehen? Diese Frage ist ziemlich gut zu beantworten.

Expertise ist eine Frage des Wissens. Dieses ist oft mit Alter verknüpft: Lebensalter insofern als es ein geistiges Reflexionsalter ist, mit dem ein subjektiver Vorsprung in der reflexiven Objektivierung allgemeinmenschlicher Probleme und der Koordination von Handlungserwartungen auszumachen ist, das verstärkt dem Ziel verschrieben ist, objektivierte Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren. Dem Lebens- oder Reflexionsalter soll eine vorgelebte Praxis der autonomen Einschränkung der eigenen Freiheitsspielräume innewohnen: Der Experte lebt und verkörpert beispielhaft einen Habitus, der ihm Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Bereichs verleiht, in dem seine Expertiseleistung sich erfolgreich ausspielen kann.  Ohne die Zuschreibung eines besonderen Status‘ geht das nicht. Sicher hat der Experte die Aura des Wissensexoten, der in entweder sehr prominenten oder sehr abständigen Bereichen seine Stiche zu setzen weiß, aber die Aura oder der Status sind nur Beigaben: Ohne Argumente wird der Experte nie Status gewinnen. Im Idealfall sind diese Argumente allgemeinverständlich ohne platt zu sein, sie sind keine Autoritätsargumente, keine Argumente ad homines, keine naturalistischen Argumente. Damit hat der prinzipiell verstehbare aber nicht zwingend unmittelbar für jedermann verständliche Experte Grundbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens zu erfüllen: Seine  Autorität ist insofern eine wissenschaftliche, als er auch diejenigen über Gültigkeitsbedingungen und Konsequenzen seiner Argumente in Kenntnis setzen muss, die sie nicht unmittelbar verstehen, aber verstehen könnten.

Das „Glück des richtigen Zeitpunktes“ muss ebenso auf der Seite des Experten sein. Seine kognitive Schulung nützt ihm wenig, wenn entweder seine Intuition nicht treffsicher genug ist, um auf die richtige Frage im Moment mit einer Antwort zu kommen, oder wenn die Situation so unglücklich ist, dass er zu momentan brennenden Fragen mit seinen Antworten nicht vorgelassen wird. Die zeitliche oder situative Frage-Antwort-Adäquatheit muss zum kognitiven Training und zur treffsicheren Intuition dazu kommen. Und wenn der Experte als solcher gilt, beobachtet man immer eine Folge, die seine Expertise zu einer solchen macht, indem sie jene stabilisiert durch Wiederholung: Expertise muss aus gutem Grund wiederholbar, zitierbar sein, man muss sich auf sie berufen können und wollen, auch wenn sie damit zur Folie für Autoritätsargumente in den Händen derjenigen wird, die aus mangelnder eigener Expertisefähigkeit nur Wiederkäuer sein können. Dabei ist manchmal zu beobachten, dass ein Teil der Experten-Aura auch den umfasst, der die Expertise nur reproduziert, aber nicht ihr Urheber war.

 Vorschriften der praktischen Ethik beschäftigen sich oft mit der Koordination von Ansprüchen auf Unversehrtheit und Erwartungen von Gegenseitigkeit. Normen des Sollens sind in ihrem Kernbereich meist Normen des gegenseitigen Sollens des Gleichen, damit Menschen als ‚gleiche Wesen‘ nicht unmenschlich durch ‚ungleiches Handeln und Behandeltwerden‘ werden, weil dies wahrscheinlich die Idee einer Menschlichen Gemeinschaft des Von-Geburt-aus-Gleich-seins in Frage stellt. Ohne moralisches, rechtliches oder traditionelles Sollen wäre menschliches Zusammenleben unmöglich. Jeder hat also ethisches Grundwissen oder Grundfühlen über Erwartung und Gegenerwartung, und dieses ist hat sich traditionell stabilisiert, bei gleichzeitiger Wandelbarkeit.

Einige Nonkognitivisten sagen, man könne ethisches Wertewissen nicht so erlernen wie auf empirischen Tatsachen beruhendes Wissen. In Ethischen Aussagen gibt es dieses „Mehr“: Das über das rein deskriptive Hinausgehende. (Für einige Nonkognitivisten sind Ethische Ausdrücke nur sprachpragmatische Instrumente, mit denen man eigene Handlungsabsichten durchsetzen könne.) Allerdings ist es dann unsinnig zu behaupten, dass das Sensorium für ethische Fragen nicht ausgebildet werden könne, nur weil in einer Tatsachenwelt keine objektiven moralischen Werte existieren können, an denen das Individuum in wiederholten Versuchen seine Erfahrung prägt. Denn wenn Nonkognitivisten das empirische Lernen als Weg des Wertewissens in die Weltgewissheit der Einzelnen bereits suspendiert haben, kann daraus  nicht folgen, dass alles in der Welt wissbare – und auch subjektives Wertwissen gehört ganz objektiv dazu, weil es Aussagestile formal und Welt- und Selbstbezugnahmen der Menschen inhaltlich prägt – nur empirisch erfahrbar sein könne. Wo käme dann das weltgestaltende Wertwissen her? Die nonkognitivistische Grundannahme führt ins Leere, wenn sie die empirisch erfahrbare Wirkmacht des erlernten Wertwissens leugnen wollte. Dass Menschen Wertzuschreibungen vornehmen, und sich oftmals im Abgleich ihrer Zuschreibungen eine große Einigkeit demonstrieren lässt, beweist zumindest, dass trotz nicht von vornherein ausgemachter ‚Objektivität‘ des Kontingenten doch eine seltsame Kohärenz des intersubjektiv geteilten Wertewissens möglich ist und ohne große intellektuelle Nöte zur Lebenswirklichkeit eines Großteils der Menschheit gehören kann.

Sicher ist das von Menschen Konstruierte kontingenter als das bloß von Menschen vorgefundene, aber wenigstens leitet man aus bloßem Vorgefundenen nicht das Seinsollen mehr ab, sondern im Falle von Gesetzen nur noch das relative Geltensollen in bestimmten Bereichen. Auch das ist ein Gesundungsschritt für die menschliche Selbstregie.

Zu Politik und Wirtschaft, dort wo sie sich in Absicht des Feigenblatterwerbs an Ethikkomissionen wenden, sei gesagt: Aus einer Beratung folgt nicht Handeln sondern nur: Beratensein, aus einer guten Beratung nicht gutes Handeln sondern gutes Beratensein. Wie einer handelt, bleibt seinem eigenen Kosmos ausgeliefert: Kann er oder kann er nicht, nachdem er dieses und jenes gehört und mit gutem Grund von diesem und jenem zu glauben begonnen hat, so müsse es gemacht werden? Selbst wenn der gute Rat – der ja sprichwörtlich teuer ist – eingeholt ist, gilt immer noch: Gut über das Gute beraten zu sein heißt nicht, ausreichend in die Spur geschickt worden zu sein für weitreichende Entscheidungen mit Aussicht auf Gesetzescharakter und Verbindlichkeit für alle. Denn die kritische Anmerkung, ob und wie für uns alle das selbe überhaupt gleich gut sein könnte, sollte als Beigeschmack jeder ethischen Expertise innewohnen. Wer aber kann dann noch zweifelsfrei handeln?

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Deutsche Koalitionspolitik 2013 : Ein Vorschlag

Auf keinen Fall sollte die SPD in eine große Koalition einstimmen. Nach dem Ende von Rot-Grün verlor die SPD Stimmen bei der Bundestagswahl 2005. In Zeiten der Finanzkrise hatte die SPD im Laufe der großen Koalition 2005/09 weiter an Zustimmung verloren, die schleichenden Erfolge der schmerzhaften Agenda2010 konnte sich die Union zuschreiben. 2009 waren die Wähler müde vom Bündnis der großen Volksparteien. Wer weiter die Unions-Kanzlerin wollte aber eine Große Koalition verhindern wollte, wählte 2009 die FDP. Über 14 Prozent hätte die aus eigener Kraft niemals erreicht. Dieses Kalkül zu wiederholen scheiterte 2013 gottseidank erfolgreich, weil es zu plump an den Wähler herangetragen wurde. Wir möchten aber gerne selbst entscheiden, wenns geht, bitte. Danke. Die meisten Wähler wünschen sich nun wieder die Schwarz-Rote Zweck-Ehe. Aber, liebe SPD: Tu dir das nicht an. Sicher, harte Sachpolitik kannst du auch unter diesen Umständen machen, das wissen wir. Die Wähler kriegen dann zum Beispiel eine solide Finanzpolitik. Aber: Was an Erfolg für Deutschland bei rumkommt, sind SPD-Programmatiken, für die sich eine inhaltsarme CDU-Kanzlerin belohnen lassen darf. Wenn ihr nur einen Funken Anstand im Leib habt und auf zukünftige Prozente spekuliert, die euer Wählerpotential endlich mal realistisch abbilden, dann haltet euch fern von der Wiederauflage dieses Bündnisses. Es gibt in Deutschland eine linke Wählermehrheit. Stoßt dieser nicht unnötig vor den Kopf zugunsten von Frau Merkel.   

 

Treibt Merkel vor euch her, ihr Sozialdemokraten, Linken und Grünen. Zwingt sie zu einer Minderheitsregierung. Sicher: Sie möchte Stabilität. Am liebsten einmal eine Koalition aushandeln und dann vier Jahre lang zwangsregieren auch gegen die Bedenkenträger aus den eigenen Reihen. Wahrscheinlich wird sich Merkel ohnehin in zwei Jahren aus dem Kanzleramt verabschieden, die Restregentschaft dem bayrischen Ministerpräsidenten überlassen. Das wird uns schon noch schmerzlich bewusst werden. Aber: Eine so große Fraktion wie die der Union braucht keine andere große Partei, wenn ihr nur ein paar Stimmen fehlen. Was wäre denn so ungewöhnlich daran, wenn Merkel auch nur einziges weiteres Mal über ihren Schatten springen muss? Warum nicht das Kabinett parteiübergreifend besetzen? Ein SPD-Mann ins Finanzministerium? Ein Grüner für Landwirtschaft und Verbraucherschutz? Dann gäbe es im Bundestag wechselnde und flexible Mehrheiten zu verschiedenen Themen, die Stimmen kämen dann jeweils aus der Union und themenspezifisch zusätzlich aus den Fraktionen, deren Mitglied als Minister den jeweiligen Gesetzentwurf verantwortet. Sicher: Nicht dass die Grünen nicht für ein Verbraucherschutzprogramm stimmen würden wenn ein Grüner Minister im Merkel-Kabinett dieses eingereicht hätte, wäre das Problem, sondern dass Grüner Verbraucherschutz es kräftig mit den Parteiprogrammen von CDU und CSU zu tun bekommen würde. Sicher: Arbeitsmarktpolitische Entscheidungen wie wenn ein SPD-Arbeitsminister im Merkel-Kabinett einen flächendeckenden Mindestlohn einbringt hätten im Deutschen Bundestag eine Mehrheit, aber nicht bei dem Personal, das weiterhin den Grundstock dieses Kabinettes bilden würde. Wer möchte Merkel denn im Sinne einer Politik mit flexiblen Mehrheiten zumuten, ständig Streitschlichterin in den eigenen Reihen spielen zu müssen? Aber diese Idee überhaupt zu wagen, würde etwas von Merkel fordern, das sie nicht mehr zu leisten vermag: Eine Flexibilität in der Mehrheitsfindung, eine programmatische Öffnung ihrer Partei, ein offizielles und nicht bloß reaktionäres (Wehrdienst, Atomenergie) Überdenken der politischen Leitlinien der Union. Und ich möchte sie gerne dabei beobachten, sehen, wie sie daran scheitert. Überfällig wäre es. Vom Thron herab Koalitionsbildungen befehlen funktioniert in einer Demokratie gottseidank jedenfalls nicht.

 

Liebe Grünen, tut euch den Gefallen und macht nicht den generellen Mehrheitsbeschaffer für die Union. Lasst euch nicht von Horst Seehofer demütigen, erspart Merkel nicht, auch nur einmal diplomatisches Geschick und Kreativität an den Tag legen zu müssen. Ihr wisst, wie schlecht euch die Zusammenarbeit mit der CDU in Hamburg nach 2008 getan hat. Hamburg ist durch diesen ‚Schock‘ zu einer echten Hochburg der SPD geworden: eine Alleinregierung im Senat und fast nur SPD-Direktmandate für den neuen Bundestag. Liebe Grünen, tut euch auch den Gefallen und glaubt nicht, dass die Verluste bei der Bundestagswahl auch nur irgendetwas mit dem Veggie-Day zu tun haben. Populisten wollen das gerne so umschreiben, um sich dafür zu rächen, dass es jahrzehntelang in der medialen Berichterstattung mehr als bei jeder anderen Partei auch Spaß gemacht hatte, Mitglied der Grünen zu sein. Nun – so unterstellt man euch – wo ihr im Mainstream angelangt seid und es euch endlich leisten könnt, hochwertiges Qualitäts-Bio einzukaufen, wollt ihr alles verbieten. Ist natürlich quatsch. Wissen wir. Quatsch ist auch, eine PKW-Maut für EU-Ausländer zu fordern. Wenn einige in der CSU das für forderbar halten und rechtliche Möglichkeiten dafür sehen, dann glauben die bestimmt auch, dass ihr uns Bürgern ernsthaft was vorschreiben könnt oder wollt. Aber: Euer programmtischer Abstand zur Bundes-CDU ist zu groß, ihr könnt nicht mit denen koalieren, ihr könnt die schon gar nicht im Alltagsbetrieb auf der Regierungsbank umerziehen. Das ist schade, aber überlegt andernfalls mal realistisch, wo ihr 2017 eure dann arbeitslosen Parlamentsmitarbeiter unterbringen wollt. Die FDP wird in den Augen der Bürger im Parlament nicht mehr gebraucht, weil sie ihre alten Kernkompetenzen (Freiheitsrechte) gerade in Zeiten von NSA-Überwachung nicht zur Geltung bringen konnte und die restliche Zeit mit unsinnigen Gesundheitsreförmchen (Bahr), mit dem Verpennen eines vernünftigen Urheberschutzes (Leutheusser-Schnarrenberger) oder dem Steuer-Befreien von Hoteliers oder dem steuer-befreiten Einführen von Teppichen (Niebel, nach Deutschland; leider nicht bei ihm) verbracht hat. Wer da noch glaubt, die hätten „vieles auf den Weg gebracht“ dem sei geraten es so zu formulieren: Die haben vieles um die Ecke gebracht. Also, liebe Grünen: Das Schicksal der FDP wird auch eures sein, wenn ihr eins nicht schafft: Eure Kernkompetenzen, für die ihr auch dann noch als das „Original“ steht, wenn euch andere so manches Thema halbherzig klauen, unterzubringen. Energiewende und Atomenergie endgültig beenden, nachhaltiges Wirtschaften in Kreislaufwirtschaft, ökologischer Landbau, gute Bildungspolitik, Kulturpolitik mit mehr Spielraum für die Kreativwirtschaft, Zuwanderungsthemen und so weiter. Grüne können auch Industriepolitik. Aber nicht unter einer Kanzlerin Merkel.

 

Liebe Linke, nicht mehr die selbe Luft wie die FDP zu atmen, ist für euch sicher hoch erfreulich. Aber mal ehrlich: Schaltet mal nen Gang zurück. Demokratie – weiß nicht, ob ihr da schon so wirklich und richtig drin angekommen seid – ist immer Verhandlungssache. Demokratie heißt: Unterschiedliche Wähler beauftragen unterschiedliche Parteien, ihre Interessen wahrzunehmen, was rauskommt, kann keine Klientelpolitik für nur eine der unterschiedlichen Interessen sondern muss im Sinne der Mehrheit sein. Wenn ihr ein ernst zu nehmender Player sein wollt, müsst ihr auch Teile eurer Forderungen zur politischen Verhandlungsmasse werden lassen. Das heißt nicht, dass primär ihr und eure Wähler zurückstecken müsst, nein das müssen die Wähler aller Parteien in bestimmten Forderungen, am meisten sogar die Wähler der Parteien, die aufgrund der 5-%-Hürde gar nicht erst reingekommen sind. Eure Wähler habens da besser, weil sie euch da haben, wo ihr was für sie bewegen könnt, aber nur dann, wenn ihr nicht auf Durchzug schaltet. Also, liebe Linken, wenn ihr die linke Wählermehrheit respektiert und wollt, dass die damit gemeinten drei Parteien sich einig werden (irgendwo in der Mitte, unter Abstrichen, sicher), dann müssen – prinzipiell – Teile eurer Forderungen auch verhandelbar sein. Andernfalls landet ihr vielleicht doch mit den Grünen zusammen auf der Oppositionsbank, zusammen habt ihr dann nur ein Fünftel der Parlamentssitze, das reicht nicht mal, um als Opposition eigenständig Untersuchungsausschüsse einzuberufen. Ja, dann guckt ihr euch noch um und schreit irgendwann laut: Holdrio, das sind ja Weimarer Zustände hier. Tut euch den Gefallen und lasst euch nicht bei dieser vermeidbaren Blamage beobachten.

 

Über die FDP sag ich nichts weiter. Ich würde mir wünschen, dass sie Leute wie Wolfgang Kubicki und Christian Lindner an die Spitze lässt. Wählen würde ich sie dann trotzdem nicht. Die FDP aus Zeiten von Hans-Dietrich Genscher, Hildegard Hamm-Brücher und Gerhard Baum ist eh Geschichte. Das, was diese Partei zur damaligen Zeit war, wird es so nicht mehr geben. Gelten die Marktgesetze auch für Anbieter politischer Orientierung, dann lasst die FDP in die Insolvenz gehen, übergebt die Themenbausteine teilweise an SPD, Grüne, CDU und Piraten, und fertig ist die Laube.

 

Die letzte kleine Partei, die ich gesondert erwähnen könnte, wäre die CSU. Aber: nur etwa 9,3 Millionen Menschen in Deutschland können sie überhaupt wählen, ich gehör nicht dazu. Und: ich lebe noch, auch wenn mir die „Vorhölle zum Paradies“ wie Seehofer sinngemäß sagte, auf ewig verschlossen bleibt. Gottseidank.

Zum Ärztemangel in der ‚Fläche‘ Deutschlands : Unverschämte Ursachenforschung

Der sogenannte Landärztemangel ist nur oberflächlich betrachtet ein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Mit anderen Worten: Der städtische ‚Überschuss‘ wird sich auch durch den Willen des Gesetzgebers nicht transplantieren lassen.

Ärzte sind studierte Leute – oftmals mit eindringlichem Kulturinteresse, damit geistig mit großer Nähe zu einem kulturellen Klima, das man ‚urban‘ nennen muss.

Die Freude ist nicht zwingend beiderseits : Die Menschen, die ein Landarzt zu behandeln hat, stehen – nicht zwingend aber häufiger – für ein geistiges Klima, das den Arzt dort als Arbeitnehmer zwar willkommen sein lässt, als Wohnsitznehmer dort aber tendenziell heimatlos macht. Die Freude dieses Patientenmilieus, behandelt zu werden, sollte sich mal durch die Frage brechen lassen, warum Ärztemangel eine Frage des flachen Landes weit ab der Städte ist, also: Warum es besonders für junge Ärzte so auffallend unattraktiv ist, diese Patientschaft zu versorgen. Warum jemand, der seine Karriere wie sein Leben im Wesentlichen noch vor sich hat, eines nicht tut: die Menschen dort versorgen.

Sicher es liegt nicht lediglich an den Menschen, aber es liegt an der Stadtferne des geistigen Klimas, das diese Menschen am Leben halten und das diese Menschen am Leben hält. Leider geht das eigene Wohlfühlklima  für diese Menschen dann überdurchschnittlich  auf Kosten der Möglichkeit einer nahen Dauer-Versorgung durch Klima-fremde, zugezogene Ärzte. Noch schlimmer ist in der Fläche vielleicht bald der Mangel an Psychologen und Psychotherapeuten. Die Erklärung für diesen Mangel ist die selbe.

Das alte Wohlgefühl, das der Landarzt einem bescherte, und das wesentlich in der Vorstellung bestand, der Arzt sei ‚einer von hier‘ oder ‚einer von uns‘, mit dem man jederzeit auf Augenhöhe einen Plausch abhalten könne und der zur großen Dorffamilie dazu gehört: dieses kuschelige Vereinnahmungsmodel hat für junge Ärzte keinen Charme mehr. Denn Vereinnahmtes steht unter erhöhtem Konformitätsdruck. Dieser macht das Leben unangenehm.

Selbst wenn der Konformitätsdruck, der der Preis dieser überschaubaren und damit von Komplexität entlastenden Einbettungssphäre des Ländlichen ist, für die Autochtonen nie evident wird: der Zugezogene bringt doch eine Perspektive mit, die so etwas registrieren kann. Wenn er dann diese Sicherheit nicht wertschätzt, weil sie ihm trügerisch erscheint, gibt es einen Grund weniger, dort hinzuziehen.

Wir hätten, angesichts der z.B. durch das Internet verstärkten prinzipiellen Ortslosigkeit in der globalisierten Welt (also ‚Globalisierung‘ verstehe ich im Sinne Sloterdijks) glauben wollen, dass das irgendwann keinen Unterschied mehr macht: wo man ist, wo man arbeitet, wo man lebt. Der moderne, flexible Arbeitnehmer ist schon lange Nomade geworden (vgl. Heiner Hastedt, Moderne Nomaden, Wien 2009). Aber der Schritt von einem Studium an einer deutschen Universität hin ins Ausland scheint häufiger gegangen zu werden als der von der Universitätsstadt ins stadtferne, innerdeutsche Land. Das universitätsstädtische Milieu scheint in internationaler Perspektive geringere Brüche zu enthalten als das innerdeutsche Spektrum zwischen Stadt und Land.

Die Perspektivensuche, was Arbeitsmöglichkeiten angeht, hatte in der Geschichte der letzten Jahrhunderte meist einen klaren Vektor: Vom Land in die Stadt. Expansivität, Dynamik, Veränderung, Nicht-Verhärtung: all das lockt Menschen, die das Gefühl haben wollen, ihr eigenes Leben wartet noch auf eine Eroberung durch sie selbst – mit offenem Ausgang; man könnte auch sagen: das lockt Menschen mit einer klaren Bildungserwartung tendenziell weg vom Land.

In ‚Erziehung nach Auschwitz‘ polterte Adorno gegen die Trägheit der geistigen Strukturen besonders in ländlichen Gebieten Deutschlands. War Adornos Empfehlung – Freiwilligentrupps zusammen zu stellen, die das Land zivilisieren – noch tendenziell Lacherfolg-fähig, so scheint darin eine bis heute sich durchhaltende (wenn auch sich abschleifende) Geistes-Opposition durchzuhalten, die nur vordergründig eine topographische Opposition ist: die zwischen Esoterischen und Exoterischen Kreisen der Denkkollektive (nach Ludwik Fleck).

Botschaften der Zivilisierung halten nur mit einer gewissen Zeitverzögerung dauerhaft Einzug in die mentalen Strukturen des Ländlichen. Mag dieser Zeitverzug durch die behauptete Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Phänomene, die durch die Massenmedien erzeugt wird, etwas gemildert werden, so ist die Gefahr nicht gebannt, dass in der ‚Provinz‘ ‚falsche‘ Bilder ankommen. Niemand muss auf dem Land mit den urbanen Phänomenen ‚leben‘, die er von der Mattscheibe kennt. Man kann sich auf die Beobachterposition zurückziehen und jede Kleinstabweichung mit einem „Die spinnen, die Römer“ abtun.

Noch dazu: Viele Medizinstudenten an den Universitäten kommen aus dem Ausland: Pakistan, Indien usw. Das werden ohne Zweifel gute Ärzte. Würden Sie einem pakistanischstämmigen jungen Arzt raten, eine Hausarztpraxis in einem kleinen Ort in der Lausitz zu eröffnen, damit er sich dann Kommentaren der 84jährigen Rentnerin Frau Schmidt aussetzt, die noch meint, ihn zu loben, wenn sie sagt: „Für einen Ausländer sprechen Sie aber ganz gut Deutsch“? Was will ich Ihnen mit dieser Suggestivfrage ‚eigentlich‘ sagen? Sie wissen es bereits…

Der sogenannte Landärztemangel ist kein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Bevor man durch Geld-Anreize Biographien von Leuten, die das urbane Milieu schätzen, gegen die Milieuverfestigungen des Ländlichen manipuliert, sollte man lieber für ein gesamtgesellschaftlich humanes Klima eintreten.

Ich sehe in der Politik eine massive Ahnungslosigkeit, was das bedeuten könnte – wie im Allgemeinen unsere Bundesregierung bei Einschätzungen der sozialen Stimmung meist grob daneben liegt. Das offenbart sich nicht zuletzt immer mal wieder an prominenten Problemfeldern: Dass beim Landärztemangel eine Abstimmung mit den Füßen stattgefunden hat, ist ein demokratischer Glücksfall: in der DDR wären Ärzte noch zwangsversetzt worden. Der worst-case ist diese Abstimmung mit den Füßen höchstens für die, die in der demographischen Falle leben und darin ein geistiges Klima erzeugen, in dem zumindest klügere Leute es freiwillig nicht lange aushalten.

Haltet aus, was Grass geschrieben hat!

Man tut auch einem Freund keinen Gefallen damit, ihn unkritisch fest drückend zu umarmen, bis ihm aus der Geborgenheit heraus die krudesten Ideen kommen, was er alles darf, was ihm aus der Besonderheit seiner Situation heraus zu dürfen zusteht. Auch ein israelisches Atomprogramm muss unter internationale Kontrolle gestellt werden. Das zu sagen, ist erlaubt, es ist im Sinne der internationalen Sicherheit ein Gebot der Vernunft, die verheerendste Technik der Menschheit unter besonderer Aufsicht zu halten. Das zu sagen ist nichts besonderes. Auch ist jemand, der für Israel die selben Spielregeln fordert wie für alle anderen Nationen (übrigens auch für den Iran, den wir zu gerne rein als Agressor gegen Israel profilieren, selbst wenn israelfeindliche Stimmung beim besten Willen nicht als Gedankengut der gesamten bürgerlichen Schichten im Iran ausgegeben werden darf, andernfalls machte man sich eines neuen Ressentiments schuldig) kein Antisemit. Aber jemand, der sich aus Angst davor, durch den Antisemitismusvorwurf abgeurteilt und disqualifiziert zu werden, das Aussprechen trivialer Wahrheiten lange Zeit meint selbst verboten zu haben, der macht sich durch so einen Gewaltakt, wie Grass ihn vortrug, zwar frei, aber höchstens frei von einer bloß gefühlten Tabuisierung.

Aber trotzdem: Jemand der Israel kritisiert, ist kein Antisemit. Und auch jemand, der Angst vor einem vermeidbaren Konflikt hat, in dessen Verlauf verheerende Waffentechnik zu einem menschenverachtenden und massenvernichtenden Einsatz kommen kann, der ist nicht automatisch ein Pamphletist. Andererseits: Etwas pamphletisches an sich hat bisher schon so manche Spekulation um Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten gehabt. Der Einzige, der perfiden Ernst damit machte, war Saddam Hussein mit seiner Unterjochung der Kurden. Die Prophetie einer Wiederholung solcher Vorfälle allerdings ist mehr als Panikmache: Sie ist die selbst-zuschreibende Vorwegnahme eines ‚Bescheidwissens‘, das um der gekonnte Polemik im Feuilleton willen mit Massenvernichtungen ‚kalkuliert‘, um einen höhrbaren Akzent gegen die Zuspitzung politischer Konflikte zu setzen. Diese Selbstgerechtigkeit, die wir andererseits aber von der Grass’schen Pose gewohnt sind, rechtfertigt allerdings auch nicht den Vorwurf des Antisemitismus.

Grass hat sich, das sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, zu Schulden kommen lassen, dass er nicht NICHTS gesagt haben wollte, bevor sich Israel etwas zu Schulden kommen lässt: darin sehe ich keine Ferne zu Israel, sondern eine etwas paternalistisch um Vorsicht und Mäßigung bemühte Parteinahme FÜR Israel, etwa im Tenor von: Überlegt gut und weise, was zu tun ist, und provoziert keine Schnellschüsse. Um für die Warnung im Vorausgriff etwas Schlimmes zu prophezeien, was alles passieren kann, wenn in einer nicht gerade für politische Entspanntheit bekannten Region zu unreflektiert Außenpolitik mit dem Holzhammer betrieben wird: Nun gut: Übertreibung ist auch ein künstlerisches Mittel. Aber: Mit der Optionalität, eben dass das Schlimme nicht eintreten MUSS, ist denn gleichzeitig auch der politische Gestaltungsspielraum aufgetan, der genutzt werden MUSS, bevor mit dem Leben tausender Unschuldiger gespielt wird. Jeder politisch interessierte Mensch weiß, dass Ahmadinedschads Rhetorik seiner politischen Schwäche im Innern geschuldet ist, warum sollte ‚Maulheld‘ eine Untertreibung sein?

Und: Das Wort hat, wer das Wort ergreift. Wenn man das Wortergreifen aber allein den Scharfmachern und politischen Schnellkochern überlässt, wird etwas Unheilvolles draus. Und eben DAS nicht zu wollen, daran muss, gerade im Nachgang der deutschen Geschichte, jedem deutschen Intellektuellen gelegen sein. Diese haben gegenüber der Weltöffentlichkeit eine Verantwortung und Verpflichtung dafür, sich als Frühwarn- (oder wie im befürchteten Fall Spätwarn-)Systeme angesichts hochgekochter Konflikte ins Recht des scharfen Wortes zu setzen: das haben Leute wie Adorno, Enzensberger, aber auch Uwe Johnson, Reich-Ranitzki und andere geleistet. Vorsichtsmahnungen werden nur zu gerne und in erwartbarer Weise von den Konfliktparteien als Missachtung zurückgewiesen: notfalls mit unzulässigen Argumenten gegen die Person (Grass‘). Dieses Wegschieben Grass‘ aus dem Höhrbereich ist aber ganz schön flach.

Sicher, wie Cicero glaub ich gesagt hat: ein sicherer Freund erweist sich in unsicherer Sache. Von welcher Art Freundschaft könnte das Verhältnis Israels zum deutschen Intellektuellentum geprägt sein, wenn der Freund den Freund nicht mindestens auf die vermeidbaren Unsicherheiten der Sache hinweisen darf ohne abgeurteilt zu werden? Es muss gesagt werden: Ein solches Freundschaftsverhältnis aus Sprechverboten wäre ob seiner Einseitigkeit seinen Namen nicht wert.

Also: Haltet aus, was Grass geschrieben hat, und vor allem differenziert es dem Wortlaut nach (nicht alles davon muss man glauben) und differenziert die realpolitische Lage der Sache nach (vieles, was dort möglich ist, scheint uns zu sehr unglaublich). Und nehmt genau so die deutsch-israelische Freundschaft ernst und beim Wort.