Ich halte nicht viel davon …

Ich halte nicht viel von dieser Sorte Poetry, die Lebensgefühl substituiert, so als ginge es darum, das gesprochene oder gelesene Wort müsste der ‚Soundtrack‘ zu meinem Leben sein: Warum Musik nicht selbst diese Arbeit tun lassen, warum so verzweifelt Texte mit intensivierter Eindringlichkeit um ihrer Soundtrackhaftigkeit willen loben? Lobt sich da eine Generation für den Verlust der Sprache und die Dominanz des Musikalischen im Text? Ich halte nicht viel von Rhythmus im Text in Absicht der popkulturellen Doppelung musikalischen Lebensgefühls, ich halte nicht viel davon, dass man zu jeder Zeit die Stöpsel des IPods in den Ohren hat und sich somit vom Sozialen Echo auf die eigene Erscheinung abschirmt nur um dann hinterher Text dargeboten bekommen zu wollen, der als Soundtrack und sinnliches Echo auf die Stil- und Haltungserfordernisse der „Generation“ hochgejubelt werden muss: Als ob wir ohrverstöpselte Generation überhaupt noch fähig wären, uns von dem Soundtrack von Außen etwas sagen zu lassen: haben wir nicht bereits das Gegenteil dieser Ansprechbarkeit für unsere neue Qualität ausgegeben: Wir halten fest am eigenen, auch wenn wir damit scheitern…?

Ich halte von Slam-Poetry genau dann nichts wenn sie wichtigtuerisch Nischen-Künstler und Songwriter aneinanderreiht um in vagen Hinweisen etwas auf die Exklusivität und Urbanität ihrer Stilsphäre kommen zu lassen. Ich will nicht all diese unbekannten Namen von Bands für Literatur halten müssen. Nichts daran ist originär.  Ich halte genau von solcher Spokenword-Performance nichts, die die Sekundärtugend der Befriedigung des Tagesgeschmackes des Ohrs für den Inhalt weltoffener Fratzen hält, die aber, wenns zu Taten kommen sollte, doch die Begrenztheit des Lebensumkreises einer wirklichen Weltoffenheit vorziehen: sodass als Offenheitsrudiment nur die Flexibilität gegenüber jedem beliebig neuen Trend bleibt, solange man ihm von zu Haus aus fröhnen kann.

Ich möchte kein Stakkato von Modernismen, Urbanitätssplittern und Trendvokabeln zur Darbietung der Eigentlichkeit auf Bühnen vorgeführt bekommen, ich halte nicht viel von Literatur, die sich am besten gelobt fühlt wenn sie sich „lesen lasse wie ein Soundtrack“ der Generation: Hat sich neben die technik-vermittelte Taubheit und akkustische Isolation auch noch der latente Rassismus der behaupteten Generationengleichgeschaltetheit geblendet, so bleibt nichts mehr über, das man zur Ehrenrettung des gesprochenen Wortes anführen könnte, das in dieser Trendnische damit reüssieren will, dass nur es allein sich am Puls der Zeit wähnt. Pluralität ist dort tendenziell kein Wert mehr, weil mit Aktualität auch Exklusivität gemeint sein soll. Ich halte nicht viel von so einer Form von Literatur. Ich halte nichts von Literatur, die meinen muss, ein Alter zu repräsentieren.

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Claus Peymann für Abschaffung des Berliner Theatertreffens

Claus Peymann hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die Abschaffung des Berliner Theater-Treffens gefordert. Dafür genießt er meine vollste Hochachtung. Der billigste Vorwurf an die zeitgenössische Theaterkultur ist wohl der der Selbstreferentialität, billig weil alle Systeme sich durch Selbstreferenz schaffen und erhalten. Daher nichts Weiteres dazu. Das Post-dramatische Theater kultiviert die in einfachem Duktus verlautbarende Spannungslosigkeit, die ein großes Problem mit dem Großen hat: das Schöne ist durch die Konjunktur des Hässlichen im 20. Jahrhundert unabwendbar desavouiert (sagen die unverbesserlich-humorlosen Objekt-Ästheten in den deutschen Intendanzen), das Erhabene im Laufe der Proletarisierung der Darstellungskonventionen als unzuträglich für kognitiv schnell zur Überforderung neigenden Laufkundschaft moderner Event-Stadttheater befunden worden. Mindestens seit Helene Weigels stummem Schrei gilt die (deutsche) Unfähigkeit eines echten Ausdrucks für erhabenes Leid als bester Ausdruck (allerdings für etwas anderes als das fingierte Leid): das Drama hat im 20. Jahrhundert seine Stimme verloren und wenn es nun auch noch post-dramatisch ist, ist das als zeitgemäßes Ausfallangebot ausgegebene selbst der von künstlerischer Ahnungslosigkeit erzählende Totalausfall: Kreativitätsverweigerung als Programm. Das Zur-Seite-Sprechen wird im Post-Drama zum abendfüllenden Gegen-die-Wand-Reden: Die fröhliche Gründerzeitemphase des Postdramatischen schwingt sich auf, weil es neuerdings gilt, Wände zu unterhalten, nicht aber noch Menschen. (Ging man nach einem gefüllten Abend früher allerdings satt nach Hause, so schaltet man heute zu Hause dann spät noch mal den Fernseher an: Früher hätte man die schönen Eindrücke damit überlagert, heute gibt es nix mehr zum Überlagern.) Land auf Land ab kopieren kleine Landestheater und Stadtbühnen einen klinisch-sauberen, dokumentarischen Zur-Schau-Stellungs-Gestus mit rosa Cowboy-Hüten, Kinder-Statisten in Engelskostümen, Hand-Kameras mit Beamern, Plexiglas-Wände an die geschrieben/gegen die uriniert wird: nackte Bühnen mit nackten Staatsschauspielern der Generation 50+  mit nackten Texten, die ihre Bedeutungs-Barbusigkeit mit Auszeichnung tragen. Es gibt ihn tatsächlich: den Gegenstand, der in dem Kultur-Infarkt-Buch (http://www.amazon.de/Der-Kulturinfarkt-Kulturpolitik-Kulturstaat-Kultursubvention/dp/3813504859) skizziert wurde, und er ist kritikwürdig. Die bejubelte Pluralität gilt es demgemäß als geistige Engführung sichtbar zu machen,  und als das Durchschleusen verschaukelter Zuschauermassen durch die gigantisch sich hinziehende Talsohle der Spannungsarmut, die uns der Alltag allerdings authentischer bietet. Die Förderung des Immergleichen ließ arrivierte Häuser solange auf dem eingefahrenen persistieren, dass nun das Gegenteil des Dramatischen aus der Innenansicht deutscher Theaterkultur schon wie ein erlösendes Neues erscheinen kann. Wann tun wir dieser Kultur einen Gefallen und erlösen sie von ihrer Langeweile? Die Zukunft kann ein echt-plurales Plebiszit sein: Was schon in den wirklichen Nischen passiert, in den Off-Theatern, den Lese-Bühnen, beim Impro-Theater, den ganzen Slams (ob Science, Poetry oder SingerSongwriter). Letztenendes ist es doch diese wünschenswert unübersichtliche Szene, die uns aufmerken lässt: Langweilen lassen muss man sich nur noch dort, wo man viel bezahlt und der Laden trotzdem noch subventioniert werden muss. Der Funktion einer gesellschaftlichen Messstands-Anzeige hat sich das Theater und das Theater-Treffen lange entledigt. Es gibt kein allzeitliches Monopol der staatlichen Theater auf eine überzeugende Verkörperung und Institutionalisierung von ästhetischer Erziehungskompetenz. Je länger unveränderliche Theater sich mit Blick darauf aber für unverzichtbar halten, laufen sie Gefahr, dass die bald einzige gesellschaftliche Anschlussverwendung die Nachnutzung ihrer Gebäude sein wird (vielleicht als neue Aldi-Filiale; warum auch nicht, die Leute gehen immerhin gerne zu Aldi.)

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1749443/