Assortative Paarung und Demodystopie

oder: Stell dir vor, du bist Philosoph, es ist Paarungszeit und niemand ist da…

 

 

 

Wir alle sind gerade in schwachen Zeiten der Meinung, dass mit der Erfüllung eines bürgerlichen Lebensplan-Solls ein nicht unerhebliches Versprechen auf privates Glück einhergehen kann. Dazu rückt irgendwann die Aufgabe des Individuen-Status zugunsten der Paarbildung in den Fokus.

Demodystopien, also Szenarien, die uns über die Entvölkerung ganzer Landstriche auch in entwickelten Industrienationen in Kenntnis setzen, sagen zunächst nur: Es gibt immer weniger Menschen innerhalb eines bestimmten nationalen, kulturellen oder ethnischen Bezugsrahmens. Der Kreis der zur Auswahl stehenden Gelegenheiten aus Fleisch und Blut zieht sich immer enger zusammen. Einen entscheidenden blinden Fleck hat auch jede gut recherchierte und um die Plausibilisierung ihrer Ergebnisse redlich bemühte Demodystopie dann doch: Sie spricht nie von geistiger, intellektueller Entvölkerung. Nettoabtropfmasse an Menschen garantiert für keine Findung passender Partner, sie sagt nichts über Chancen positiver Assortativität der Geister, die sich finden wollen, um gegenseitig – mehr als nur ihre Körper – ihre Selbst- und Weltverhältnisweisen zu befruchten. Stell dir vor, du bist klug und auf Partnersuche und niemand ist da. Keine Sau….

Es hat schon seinen Reiz, Begriffe aus der Evolutionstheorie und Verhaltensbiologie auf geistige Passungskriterien zu bürsten. Unter positiver Assortativität verstehe ich, dass das Kriterium gleicher oder sich ähnelnder Eigenschaften bei der Partnerwahl im Vordergrund steht, bei negativer Assortativität geht es um die Triggerwirkung unterschiedlicher Eigenschaften. Alle Lebewesen höherer Ordnung sind getrenntgeschlechtliche Populationen, was dazu führt, dass auf dem Findungsmarkt Eigenschaftsunterschiede oder -Gleichheiten erst ihre kritische Relevanz gewinnen.

Trotz aller Unterschiede oder Gleichheiten suchen wir verzweifelt nach einem anderen Menschen als dem, der wir selbst sind. Dazu müssen wir oft Strecke zurücklegen, rein äußerlich. Alle früheren Kulturen – besonders die, die durch eine hohe soziale Dichte, durch das Leben primär in kleinen, überschaubaren Umkreisen, den Gemeinschaften gekennzeichnet sind – kennen das Zurücklegen von Strecke unter dem Phänomen der Exogamie. In der Regel verlangt die reine Bestandserhaltung die Fokussierung auf die Gemeinschaft, auf ihre Immunisierung gegenüber externen Einflüssen. Wo es aber um Bestandsneubildung oder -Erweiterung geht, müssen sich geschlossene Zirkel öffnen und auf externe Individuen aus anderen Gemeinschaften zurückgreifen. In genetischer Hinsicht bewirkt die Durchmischung auf Basis blutstechnischer Nicht-Assortativität, dass Populationen genügend Varianzen erzeugen um nicht an ihrer Verarmung erkranken zu müssen. Genetische Unterschiedlichkeit ist allerdings schwer codierbar, in der Regel ist ihre Wahrnehmbarkeit kulturell konstruiert. Die narrative Spur, die mit der kulturellen Abständigkeit einer fremden Exogam-Gemeinschaft gleichzeitig eine genetische Ferne garantiert, kann diese Korrelation nicht natürlich erklären, denn genetische Abständigkeit kann durch kein menschliches Sensorium wirklich erspürt werden. (Außer dem Geruchssinn vielleicht.) Gleichzeitig wird der Nicht-Assortativitätsbedarf, der hinter der Exogamie steckt, in Schieflage gebracht durch die Gefahr, die in Frühkulturen allem „Fremden“ automatisch innewohnte, einfach weil das Fremde immer das „absolute“ Andere war. Deshalb war Exogamie nur zu bewältigen durch: Politisch verordnete Eheschließung, oder durch gefahrenmildernde Suche nach ‚weichen‘ positiv-assortativen Merkmalen im fremden „Anderen“: etwa gleicher Geschmack des Exogam-Partners, ähnliche Tagesabläufe und Rituale. Nur dann kann man nichtsdestoweniger Partner dort finden, wo man sie niemals vermuten wollte.

Dass wir uns auf den Anderen „als“ Anderen – also als nicht bereits identitär in uns begriffenes Gegenüber – überhaupt einlassen können, erfordert in einer Zeit der Offenheit und geographischen Schizophrenie eine Ferne-überwindende Kommunikation, die Nähe fingiert, sowie das Pendeln zur Wochenendbeziehung, oder andernfalls das Aufsuchen neuer Weideplätze oder Fleischmärkte. Der moderne Kopfarbeiter lebt mit dem Globus als Gewissheit, der Welt als Perspektive und sucht sich haltungsflexibel eine neue Wiese. Denn dass sich die Erfolgschancen in einem leeren Landstrich lediglich durch einen neuen Aufwand in der selben alten Sache steigern ließen, darf mal grundsätzlich bezweifelt werden. Zumal von mir.

Und wenn Klassiker aus der Kategorie „Klug aber schwer vermittelbar“ (zum Beispiel Mathematiker) dem Geld und dem selbstbestimmten Leben ortsungebunden hinterher eifern, verträgt sich mit diesem Stil des Seins kaum etwas anderes als das Modell einer offenen, polyamorösen Fernbeziehung, die Elemente aus menage-a-trois und living-together-apart zu einer latent explosionsgefährdeten Mischung vereint. Wer glücklich werden wollte, verliert sich aufgrund der Leere vor Ort als Freier Mensch mit Prioritäten in solchen Bindungen, die ihren Namen nicht wert sind.

Und stell dir vor, du bist klug und es ist jemand woanders da, der deine Bedenken bei der Paarwerdung teilt….

Und wenn wir uns trotz Distanzen von New York bis nach Berlin so sehr auf Nähe gechattet und geskyped haben, dass wir beginnen und wechselseitig mit Nachdruck nach unseren Vorstellungen zuzurichten und in Kenntnis unserer ursprünglich faszinierenden Gleichheiten oder Unterschiedlichkeiten nun beginnen, uns ein Leben auf Dauer in räumlicher Nähe zuzumuten, auf das wir gar nicht vorbereitet werden konnten, dann ist es schade, dass es fast schon egal ist, ob es nun die große Liebe hatte sein sollen, die es nicht sein konnte. Denn in einer Welt des Tausches auf Menschenmärkten gilt nachwievor das gute alte Wort aus der ‚Dialektik der Aufklärung‘: „Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft.“ Na schönen Dank auch.

 

 

 

 

Hier ein kleiner Nachbericht von der Phil.Cologne, auf der dieser Text zu hören war und wo ich relativ am Anfang auch noch interviewt werde: http://www1.wdr.de/fernsehen/kultur/west-art/westartphilcolognebackhaus100.html

Das Tier ‚in‘ mir

Über Ethische Probleme des Fleischkonsums und der Tierhaltung

 

Wussten Sie, dass selbst Veganer und Frutarier Teile ihrer eigenen Magenschleimhaut verdauen? Wenn es stimmt, dass Sie unter dieser Maßgabe noch Veganer oder Frutarier heißen dürfen, dann muss man das Wort „Konsum“ in Bedeutung des Essens in zwei Teile splitten: Das was wir essen, und das, was wir verdauen. Auch menschliche Körper leben nicht von dem, was sie essen, sondern von dem, was sie verdauen. Wenn ein Mensch Tiere isst, hat er Tier in sich. Wenn ein Tier in der Darreichungsform Wurst verzehrt wird, ist es Tier im eigenen Darm, das der Mensch in sich hat. Er hat dann Tier, das in sich ist, in sich. Das ist aber nicht reflexiv zu verstehen, denn da das Tier vom Menschen verschieden ist, hat der Mensch nicht sich selbst in sich, sondern etwas anderes in sich, das für sich in sich ist. Tiere sind keine Menschen, nicht mal dann, wenn sie für Menschen und durch Menschen und zum Spaß des Menschen leben…

Darf man Tiere in sich haben? Die Frage müsste lauten: Dürfen Menschen Tiere essen? Die Antwort lautet: Ja, sie dürfen. Generell ja, aber nicht uneingeschränkt. Allerdings: Nur dem Menschen stellt sich diese Frage, Tieren nicht. Menschen KÖNNEN daher auch zu einer anderen Einschätzung kommen, ob es wirklich so sicher ist, dass sie, die Menschen, Tiere in sich haben dürfen. Die Antwort lautet also auch: Nein, dürfen sie nicht.

Aber: Tiere landen nicht nur auf den Tellern von Menschen, sondern auch auf denen anderer Tiere – wenn Tiere Teller hätten. Wenn ein Tier Tiere isst, hat es Tier in sich. Der Mensch hat das tierische Leid nicht erfunden, sondern für seine Zwecke (oder die der Industrie) nur perfektioniert und zu einer serienmäßigen Zumutung gemacht – und er kann es auch nicht generell abschaffen, sondern nur das menschengemachte. Tierisches Leid ‘muss’ aber auf unserem Planeten solange existieren, wie es Ökosysteme mit funktionierenden Räuber-Beute-Beziehungen gibt. Wollen Sie einem Löwen in der Savanne seinen Fleisch-Hunger austreiben und ihn zum Vegetarier machen, nur weil SIE (Warum gucke ich Sie dabei an?) in utilitaristischer Hinsicht der Meinung sind, die globale tierische Lustsumme sei als Ausgangspunkt einer Tier-ethischen Reflexion geeignet? Nur für Menschen ‚kann‘ es ein ethisches Problem werden, Tier in sich zu haben. Unter den Bedingungen industrieller Massentierhaltung IST das Essen von Tieren ein moralisches Problem. Anders wenn ein Tier einen Menschen isst: kein moralisches Problem, denn das Tier kann sich diese Frage nicht stellen, auch nicht wenn es andere Tiere isst. Es kann also kein Problem mit der ‘generellen’ Frage, ob ‚Lebewesen‘ gegessen werden dürfen, geben, denn: Lebewesen wurden von anderen Lebewesen immer schon gegessen, und zwar immer dort, wo Ökosysteme funktionieren. Da ich beschreibe und nicht urteile, dass es deswegen auch so sein soll, begehe ich hier keinen naturalistischen Fehlschluss. (Wer doch einen findet, darf ihn behalten.) Es gibt entlang von Räuber-Beute-Beziehungen Populationsgleichgewichte, die sich eigendynamisch austarieren. Übrig bliebe die Frage: Unter welchen Bedingungen dürfen Menschen Tiere in sich haben, abgesehen von den Bakterien, die eine natürliche Darmflora ausmachen und die jeder automatisch in sich hat?

Unsere Praxis der Tierhaltung erübrigt nicht die Frage, ob nicht unter der Maßgabe einer anderen tiergemäßen Haltungspraxis das Essen von Tieren unbedenklich sein könnte. Ja: könnte es. Es kann menschliche Notlagen geben, Mangel an bestimmten Stoffen, die den Rückgriff auf Ernährung mit tierischen Produkten nötig werden lassen. Aber:

Nicht nur Essen: auch Stoffe, Leder zum Beispiel: Ein Vegetarier der solche Produkte wertschätzt, kalkuliert nicht auf andere Weise mit tierischem Leid als jemand, der sie isst. Das ethische Problem ist daher keins nur für Fleischesser, sondern auch Vegetarier, für alle Menschen: Dürfen Menschen zur Gewinnung tierischer Rohstoffe Tieren eine Haltungsform zumuten, die mit deren vermeidbarem Leid kalkuliert? (Diese Frage wirkt ungleich bürokratischer, und zwar weil sie präziser ist.)

Nein, weil…. oder Ja, weil… Jemand, der ein Haustier hat, geht nicht davon aus, dass dessen Haltung in einer Stadtwohnung eine nicht artgerechte Haltung ist. ‚Nicht-artgerecht‘ identifizieren wir aber oft mit der Quelle ‘tierischen Leids’ generell. Da beginnt die Schizophrenie, Haustiere de dicto (also dem Wort gemäß) als Tiere zu bezeichnen, de re (der Sache nach) als Menschen zu behandeln ist schizophren. Ja natürlich macht das tierethische Reflexionen tendenziell unmöglich, wenn Reden und Handeln so auseinanderklaffen.

Sie werden wahrscheinlich auch unter Nicht-Vegetariern die Ansicht “Nein, wir dürfen nicht zur Gewinnung tierischer Rohstoffe eine Haltungsform praktizieren, die mit tierischem Leid kalkuliert” finden. Sie werden von Haustierhaltern vielleicht hören, dass sie nichts furchtbarer finden als Tierquälerei – und man solle ihnen das deshalb glauben, weil sie ihre Haustiere lieben. Keine Frage: Wer sein Tier liebt, tut ihm nichts. Wer sein Tier liebt, muss es allerdings auch füttern. Seinen Hund zum Beispiel mit Fleisch, oder mit Wurst. Daraus ergibt sich folgendes Problem:

Nicht nur ob WIR Menschen Tiere zu Nahrungszwecken töten, sondern ob wir nicht im Sinne der artgerechten Ernährung derjenigen Tiere, die wir ALS HAUSTIERE in Abhängigkeit zu uns halten, VERPFLICHTET sein könnten, andere Tiere zu Nahrungszwecken zu töten, müsste als ethisches Problem wahrgenommen werden. Wir haben Verantwortung für unsere Hunde, sobald wir sie aus natürlichen Ökosystemen lösen (so sie darin je waren), sie in unsere Kulturhöhlen zwischen Schrankwänden einsperren und sie dann ernähren müssen. Das könnte allerdings heißen, dass unsere ‘Tierliebe’, z.b. gegenüber Haushunden es gerechtfertigt erscheinen lassen muss, andere Tiere für Bello töten zu ‘müssen’. Das Resultat wäre, dass das Tier ‘Hund’ ein vorrangiges Lebensrecht vor Tieren hätte. Wenn wir mit dem ‘Tierliebe’-Argument das Töten von Tieren durch Menschen in Frage stellen, müssten wir dann – trotz Tierliebe – unsere fleischfressenden Haustiere abschaffen, da es nicht artgerechte Haltung wäre, Hunde zu Vegetariern umzuerziehen. Es sei denn, wir halten Hunde nicht mehr für Tiere sondern vermenschlichen sie, dann können wir von ihnen etwas verlangen, das im Kontext unserer Verhaltensentscheidung z.B. für den Vegetarismus eine eigentlich rein menschliche Selbstentwurfsfähigkeit meint. Der Hund ‘entscheidet’ sich nicht für Vegetarismus sondern wir uns an seiner Stelle für ihn. Das Kulturwesen ‘Hund’ dann aber noch in die Argumentationskette der ‘Liebe zur Kreatur’ einzubeziehen ist so unsinnig wie ein Drei-zu-Null für Düsseldorf.

WIR Menschen können unsere Nahrungsgewohnheiten selber ‘umstellen’, und wir tun das im Falle des Fleischverzichtes auf Basis einer moralischen Überlegung. Es reicht nicht, mit dem moralisch präjudizierten Tierliebe-Argument den Fleischkonsum zu stoppen, sondern man sollte dann auch aufhören, fleischfressende Haustiere zu halten, da man von wirklichen Tieren nicht verlangen kann, solche Entscheidungen über ihre Versorgung auszuhalten, die gegen ihre artgerechte Ernährung stehen. Entweder Tierliebe für ALLE Tiere, auch solche, die zu Wurst werden, oder für keines.

Menschen ‚können‘ lediglich Tier in sich haben, fleischfressende Tiere ‚müssen‘ es. Tierisches Leid wird daher immer existent sein, solange es Ökosysteme mit funktionierenden Räuber-Beute-Beziehungen gibt, und im Sinne des Umweltschutzes wollen die meisten Gutmenschen unter uns, dass diese Ökosysteme gesund bleiben: Also das Leid des Beutetiers oder das Leid des erfolglosen Räubers existent bleibt.

Sagen Sie daher niemals: Das Ziel einer praktikablen Tier-Ethik sei eine Welt ohne tierisches Leid und ohne Fleischkonsum. Das ist definitiv Blödsinn. Respektieren Sie ihr fleischfressendes Haustier. Wenn Sie ihm aus menschlich-einsichtigen Gründen kein Fleisch geben können, geben Sie verdammt nochmal das Haustier weg. Und respektieren Sie ihre eigene Freiheit zur Wahl eines anderen Verhaltens. Das ist konsequent. Die Dinge liegen tiefer. Benutzen sie das Tierschutzargument nicht wie einen Ausweis ihres Gutmenschentums. „Die guten Leute sollen das Maul halten. Sollen sie gut sein zu ihren Kindern, auch fremden, zu ihren Katzen, auch fremden; sollen sie aufhören zu reden von einem Gutsein, zu dessen Unmöglichkeit sie beitragen“, sagte Uwe Johnson in  „Über eine Haltung des Protestierens.“ Und als Exkulpation am Schluss: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Mettbrötchen.

 

 

 

(d.i.: Mein Beitrag in der Finalrunde des Philosophie-Slams „Schlag den Platon“ am 24.5.2014, bei der 2. PhilCologne (Internationales Philosophie-Festival) in Köln.)