Geschulte Urteilskraft ist besser als „natürliches Empfinden“

Der Frage, was Gerechtigkeit ‚ist‘ müsste die Frage „Was macht sie aus und wie wollen wir sie gestalten“ vorgezogen werden. Den Frageimpetus zu vernichten, indem man auf ihre Unbestimmbarkeit hinauswill, ist besonders dann weitergehend fragwürdig, wenn man dieser Vernichtung noch seitenweise Abhandlungen folgen lässt, oder ihr diese vorausgehen ließ, obwohl das Ergebnis schon vorher feststand: Können wir nicht drüber reden, weil: Jeder hält was anderes dafür. Wenn Gerechtigkeit nicht nur dem Reden sondern sogar der Sache nach beobachterrelativ sei, verbietet sich das Aushandeln einer geteilten Vorstellung von ihr. Was tun wir denn dann die ganze Zeit? Wie schnell ist es dahingesagt, dass jeder sich etwas anderes darunter vorstellt, wie schnell ist dies bei Liebe, Glück und Freiheit dahingesagt. So sich daraus das Sprechen über Vorstellungskonzepte nicht als unmöglich erweist, sollte man aus den individuellen Extensionen nicht die Unmöglichkeit einer trotzdem geteilten Intension schließen. Wer das doch tut, hat kein Interesse an seinem eigenen Thema. Denn dass es für ein Vorstellungskonzept so viele verschiedene Aneignungen gibt, wie es Menschen gibt, ist weder eine große Erkenntnis noch ein sonderlich pfiffiger Gag und es verhindert nicht das Reden darüber sondern ermöglicht es.

Gerechtigkeit ist nicht, wenn jeder als Experte seinerselbst die steilste These über Verteilungsmodalitäten findet, die ihn am wenigsten benachteiligen. Gerechtigkeit „ist“ nichteinmal außerhalb von Menschen. Aber aus einer angenommenen ‚natürlichen‘ Innerlichkeit lässt sich ihre Geltung oder Wünschbarkeit nicht schließen. Nach einem natürlichen Empfinden die Billigkeit eines Urteilsspruches als den besten Bürgen für Gerechtigkeit anzusehen, greift zu kurz: Stellen Sie sich eine Konkurrenzsituation verschiedener, aus der jeweiligen Introspektion gleichnatürlich sich darstellender Empfindungen vor: Wem wollen Sie zumuten, divergente Empfindungen auf ihre Natürlichkeit hin zu beurteilen oder in ein Ranking zu bringen, wem wollen Sie zumuten, aus subjektiv Empfundenem ein gerechtes Urteil zu empfangen, das ihm nötigenfalls gegen seine eigene – dem Urteil widersprechende – Introspektion auszuhalten nahegelegt werden muss? Von Menschen als objektiv angestrebte Gerechtigkeit ist nicht, was die unvermittelbaren Empfindungen der Einzelnen stellenweise durchzuckt als Reaktion auf irgendwelche angeschauten Schieflagen. Dass es dieser mehr als genug gibt, ist kein Argument für die Nichtinvolviertheit des „gerecht“ Empfindenden in die abständige Welt. Gerade dann nicht, wenn er mit seiner Weltinvolviertheit sich dauernd auf seinen Natürlichkeitsgaranten herausredet. Menschliche Welt aber ist immer kulturell überformt. Sogar menschliche Natürlichkeitsvorstellungen sind dies durch und durch. Sich bei Gerechtigkeitsfragen nur auf die eigene Innenansicht zu verlassen, vernachlässigt die Möglichkeit, dass objektive Gütekriterien einer Verteilung durchaus der eigenen Intuition widersprechen können. Gerechtigkeitsempfinden ist nichts Natürliches, denn es beinhaltet immer ein Urteil. Urteilsfähigkeit will trainiert sein.

Machen Sie täglich ein paar scharfsinnige Sit-ups, am besten vor dem Spiegel, dann können Sie sehen, wenn Sie einen davon mangelhaft ausführen. Nur die Anschauung einer Schieflage vor sich habend aus der geballten Untrainiertheit der eigenen Urteilsschwäche heraus „natürlich empfindend“ eine Aussage über Gerechtigkeit in einer bestimmten Verteilungssituation zu treffen: Also bitte, welchen Bestand soll das haben, allein schon wenn man dieser subjektiv-willkürlichen Aussage eine andere Aussage gleicher Machart aber gegenteiligen Tenors an die Seite stellen könnte? Fühlen Sie doch von mir aus fiebernd gegen eine Welt an, aus der Sie ihr Fieber haben, und gegen die Sie nichts ausrichten. Wenn das zur Absage an die Diskussion um Gerechtigkeit reicht, dann wollte sie gar nicht geführt werden.

Also: Was macht sie aus, wie wollen wir sie gestalten? Mit Pessimismus im Stile von: Es wird ja eh nicht anders? Mit Optimismus im Stile von: Wir müssen unbedingt an der Utopie festhalten? Mit einer Romantisierung der Herzensgerechtigkeit, die kaum Argumente für sich braucht?

So bestimmt nicht!

Advertisements

Soll es eine Menschheit geben?

Der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das seine Wesenhaftigkeit selbst zum Thema machen kann. Ihm stellen sich Gegebenheiten als Anlässe zum Hinterfragen dar. Alles, was fraglich werden kann, verliert aber seine Selbstverständlichkeit. So kann aus der selbstverständlichen Empirie – dass offensichtlich eine Menschheit existiert – die Frage erwachsen, ob es auch so sein soll. Aus dem bloßen Vorliegen eine bejahende Antwort zu generieren, greift nicht zuletzt mit Blick auf den Naturalistischen Fehlschluss – oder auch das Hume’sche Gesetz – zu kurz. Denn aus dem bloßen Sein ein Sollen abzuleiten, hieße, alles, was nur immer ist, zu positivieren und damit möglicherweise auch völlig gegensätzlichen Sachverhalten den gleichen Geltungsstatus einzuräumen. Die Frage nach dem Seinsollen der Menschheit müsste daher vielleicht weniger ontologisch als sozialethisch beantwortet werden: Welche Zustände kann man sich vorstellen, unter denen aus menschlicher Perspektive das Verschwinden ‚dieser‘ Menschheit, deren Vorhandensein wir gerade konstatieren, geboten sein könnte?[1]

Obwohl der Mensch ein kulturgestaltendes Wesen ist, ist die Fähigkeit, Lust und Unlust auf körperliche und seelische Weise zu erfahren, Bestandteil seiner vitalen Natur. Das Dasein nicht nur im Hinblick auf den Erwerb eines lebenssichernden Unterhalts sondern auch im Hinblick auf die Findung eines gelingenden Lebensentwurfs bedeutet Anstrengung und Unlust, oder auch: Negativität. Neben der Komplexität des individuellen Daseinskampfes kommt der Mensch in Vergesellschaftungsstrukturen vor, die ihn über allerlei Institutionen mit heteronomer Macht und gar repressiver Gewalt konfrontieren. Weltvorkehrungen, die diese Unlustsummen für viele Menschen ins Unermessliche steigern, könnten geeignete Kandidaten dafür sein, dass man im Sinne der im Begriff ‚Menschheit‘ gesetzten Solidarität der Menschen beginnt, ein Aussterben der Menschheit für möglich oder vertretbar – vielleicht sogar wünschenswert – zu halten. Daran sehen wir erst einmal nichts für das Seinsollen der Menschheit sondern nur dies: Dem vernunftbegabten Wesen, das sich selbst zum Thema wird, kann bei profilierter Einsichtsfähigkeit aufgehen, dass es den Fortbestand der eigenen Gattung auf Basis der Umstände (auch der selbstgeschaffenen Umstände) zur Disposition stellen kann und aufgrund der Selbstfürsorge die Lustqualität – also das WIE des Seins – eine fundamentale Bedeutung für das OB des Seins in der Zukunft erhält. Nicht unter allen Umständen muss ein menschliches Leben fortgesetzt werden, nur weil es faktisch schon eine Weile dauert. Nicht unter allen Umständen muss sich die Menschheit durch Fortpflanzung der Individuen erhalten, nur weil jene biologisch dazu in der Lage sind. Nein vielmehr ist den Menschen die Ansicht möglich, dass das von ihnen geschaffene Leid sich nicht damit vertragen könnte, weitere, leidempfindende Erdenbürger in die Welt zu setzen und in Konsequenz das Aussterben der Menschheit einzuläuten wäre.

Richten wir den Blick auf die Wahrscheinlichkeit, dass solche Zustände eintreten, die die Lustsumme ins Negative fallen lassen. Die Menschheit, also die Gesamtheit verschiedener Kulturkreise und Gesellschaften, ist zu sehr ausdifferenziert, als dass wenige, klar benennbare Unlustfaktoren alle Individuen gleichermaßen mit einem Leid konfrontieren könnten, das einen überindividuellen Konsens über das Nichtfortbestehensollen der Menschheit für alle plausibel macht. Darüber hinaus gibt es weit verbreitete, religiöse Deutungsparadigmen, die existenziell bedrohlichem Leid eine wesentliche Funktion in der individuellen und kollektiven Auseinandersetzung mit der Welt zuschreiben und somit subjektiv gefühlte als auch objektive Negativität positivieren. Der Mensch macht Unlusterfahrungen produktiv. Darin liegt seine Stärke: im Arrangement mit allem Möglichen und Unmöglichen. Entfremdungserfahrungen, bedrohliche kulturelle Abständigkeit und Daseinsnegativität motivieren den Menschen auch in nichtreligiösen Kontexten wie etwa in Fragen von Bildung, Toleranz und Humor zur Ausbildung einer Haltung, mittels derer das Individuum mit dem Unerträglichen schon irgendwie fertig zu werden vermag und das Erträgliche in weiser Kenntnis seiner Seltenheit umso mehr zu genießen versteht.

Die Frage nach der Vereinbarkeit des von Menschen geschaffenen Leids mit der fortgesetzten Existenz des leidempfindenden Wesens Mensch ist angesichts der humanistischen Fürsprache für ein aufgeklärtes Bildungsbewusstsein nicht negativ zu beantworten, solange Menschen etwas für sie elementares und lebensnotwendiges tun: ihr Leben zu führen indem sie in Auseinandersetzung mit einer widerständigen Welt in entspannender Absicht sich eine Haltung erarbeiten, die ihr Tun in solidarischer Manier bestenfalls zum Besseren für alle lenkt, mindestens aber das Individuum in eigener Verantwortung vor sich selbst bessert. Dass die Menschheit sich über dem hausgemachten Leid in Frage stellt, heißt nicht, dass sie es sich so leicht machen darf sich als ohnmächtig und antwortlos gegenüber einer Verbesserung dessen auszugeben, was sie nur selbst in den Händen hat: ihr eigenes Tun und Lassen. Der Beschluss zur Auflösung als letzte Pflicht einer gescheiterten Menschheit wäre der Kollaps jeder Ethik im Anschein ihrer Bewahrung, nachdem Vorläuferethiken als Theoriegebäude an der Praxis chaotischer menschlicher Repräsentanten scheiterten. Aber diese ‚Verlegenheitslösung des letzten Notausgangs‘ sollten wir nicht akzeptieren. Ich halte es für eine Infantilisierung sondergleichen, wenn man einer vernunftbegabten Gattung erlaubte, erst alle Vorräte leer zu saufen und dann einfach die Zeche zu prellen. Solange es vermeidbares Leid auf einem Planeten gibt, der von lebendigen Wesen bewohnt wird, sollte die Menschheit in die Pflicht genommen werden, dieses Leid durch reflektierte Selbstveränderungen zu minimieren und für alle Unlustzustände eigener Genese auch zukünftig Verantwortung zu übernehmen. Und das geht nur, wenn sie bleibt und sich sorgt, ohne dass sie durch ihre Daseinsgeschichte oder ihr sorgenvolles Sein in der Gegenwart Anspruch darauf erheben könnte, auf alle Zeit hinweg sein zu sollen.


[1] Daraus ergibt sich ein Nebenproblem: Die spezifisch anthropogene und an das Verhalten und reflexive Verhältnis menschlicher Repräsentanten zu sich und anderen gebundene Ethik würde einen Zustand der Menschenleere schaffen, der über das Ende der Existenz der ihn erdacht habenden Repräsentanten hinausreichte. Wenn ideelle Gesetze aber verkörpert werden müssen um zu wirken, aber ein verkörperungsloser Nachzustand die Wirkung dieser ideellen Gesetze weiter bezeugt (wem auch immer), ist das dann schon Metaphysik? Aber Spaß beiseite.