„Terror oder Humor“?

Die titelgebende Konjunktion „Terror und Humor“ ist der Sache nach eine der schärfsten Disjunktionen überhaupt: Entweder … oder. Wer im Humor seine Neigung erkennen lässt, gegen die traumatischen Aspekte des Lebens positiv bestehen zu wollen, der hat keinen Grund mehr, eine weltanschauliche Verstiegenheit zu entwickeln, die zu einer Mission der Auslöschung werden könnte. Missionen sind meist der Reflex auf den gefährlichen Überblicksverlust, der in der Pluralität wurzelt. Wo der Humor einen schlechten Stand hat, da regieren Menschen oft mit dem verheerenden Imperativ, alles ‚andere‘ müsse getilgt werden. Terror wirkt dann, indem man sich von ihm auch dann bedroht fühlt, wenn er gerade nicht aktuell durchschlägt.

‚Erweiterte Selbstmorde‘ mit medialer Spitzenplatzierung erzeugen das Gefühl latenter Bedrohung. Meine These ist, dass einer terroristischen Ausgangshaltung der Nährboden entzogen werden kann. Und zwar durch eine spezifische Haltung, die auf Nichtverhärtung aus ist: dem Humor. Terroristen wollen Verhärtungen gutheißen, weil sie sie als notwendigen Reflex auf einer widerständige Welt beschönigen. Hat das Widerständige aber seine begrüßenswerte Funktion besonders darin, den Strategien der Bearbeitung des Antagonismus‘ zwischen eigener Tugend und nicht beeinflussbarem Weltlauf Futter zu geben, so gibt es insgesamt zwei Extreme, die wirkliche Widerständigkeit verabscheuen und uns auf jeweils eigene Weise über sie hinwegtäuschen wollen: der weltanschauliche Terrorismus und der Terrorismus der Massenkomik.

Der Terrorist sprengt das ihm verhasste geistige Milieu, das wir atmen; der Comedian sprengt nicht einmal mehr die abrissreifsten Nebengelasse der Positivgesellschaft, schon gar nicht deren Prunkbauten.

Von beiden Seiten her droht Ähnliches: An die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände nur durch Auslöschung zu glauben macht Lebensräume inhuman, die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände in der Bestätigungskomik zu bezweifeln, hält Lebensräume inhuman. Wird im Terrorismus durch die Wahllosigkeit, welche Opfer eine Explosion fordert, mehr oder weniger der gesamten Gesellschaft unterstellt, dass sie mangelhaft ist und daher – unbesehen der Einzelfälle – von Gewalt betroffen gemacht werden sollte, so wird im Terror der breit gesäten Massenkomik die Möglichkeit verabschiedet, dass die anstrengende Auseinandersetzungen mit sozialen Differenzen zum Selbstverständnis des sich bildenden und verändernden Menschen gehören kann.

Humorloser Terror und genauer gesagt Komikterrorismus gleichen sich darin, dass sie dem Menschen das willentliche Sich-Betreffen-Lassen abnehmen, und machen ihn damit unmündig. Terrorismus erscheint unter seiner eigenen Maßgabe der gerechtfertigten Unterstellung des Ungenügens ‚aller‘ als „Gewalt gegen jene menschen-umgebenden »Sachen«, ohne welche die Personen nicht Personen bleiben können“[1], Massenkomik hingegen – unter das bloße Emblem des „Humors“ gestellt – ist schmeichelnde Gewalt des Konsens‘ gegen soziale Differenzen.

Diese Gewalt verabschiedet die Aufgabe, Unterschiede aushalten zu lernen, und bezweifelt daher zunehmend auch, dass es diese identitären Unterschiede zwischen Personen überhaupt gibt. Damit bedroht sie das Person-Sein der Menschen von der Seite ihrer Individualität her.

Massenkomik ist damit per definitionem von Intoleranz geprägt, wie es auch die attentäterisch-terroristische Motivationslage ist. Terroristen halten auf eine grundsätzlich gefährliche Weise zu pauschal alle für Abweichler, Komikterroristen halten zu pauschal alle Abweichung auf eine zu grundsätzliche Weise für ungefährlich und für prinzipiell in unser gesellschaftliches Einerlei für integrierbar. Zwischen der singulären Verstiegenheit des verbissenen Geisterfahrers und der kollektiven Indifferenz einer kichernden Schiffkreuzfahrtgesellschaft allerdings gibt es einen Bereich, in dem unterwegs zu sein mir humaner erscheint, in dem unterwegs zu sein aber einiges mehr verlangt an Takt, Toleranz, Bildung und Humor.

Wir leben in Restriktionen und können oder dürfen über gar nichts lachen und wollen uns – da wir dies in Konsequenz als besondere Mission mit kollektiven Tiefeneffekten annehmen müssen – sprengstoffbasiert davon entsichern? Dann werden wir Terroristen, wobei unser Verlust von Seelen-Adel darin läge, dass uns nichts mehr wirklich etwas bedeutet. Oder wir wollen hingegen über alles nur noch auf eine flache Weise lachen und dies im Eventmodus nur scheinbar wirklicher Entsicherung? Dann werden wir zu Mario-Barth-Fans, deren Verlust seelischer Vielfalt darin läge, dass nichts wirklich Wichtiges uns noch Gegenstand einer eigenen Bearbeitung werden kann. Wir sollten beides nicht werden wollen, wenn uns noch etwas heilig ist, das es trotzdem aushält, in dem Lichte betrachtet zu werden, das neben seinen Schönheiten gleich seine Unschönheiten mit zu Tage fördert.

Terroristen haben keine Unschönheiten, glauben Terroristen. Komikterroristen meinen, ihre Unschönheiten freimütig genug benannt zu haben, aber mit dieser Vordergründigkeit bringen sie sie eben zugleich weit außerhalb der Reichweite von kritischen Nachfragen.

[1] Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Frankfurt am Main 2002, S. 23.

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Maria Furtwängler isst kaum noch Fleisch …

Das Magazin „Stern“ und andere Hochqualitätsmedien haben in der letzten Woche in stilsicher hochtönig lobenden Worten darüber publiziert, dass Maria Furtwängler seit den Dreharbeiten für ihren neuesten ‚Tatort‘ mit dem Titel ‚Der sanfte Tod‘ (Erstausstrahlung am 7.12.2014) kaum noch Fleisch esse.

http://www.stern.de/kultur/tv/tatort-kommissarin-maria-furtwaengler-isst-kaum-noch-fleisch-2147211.html

Beim ersten Lesen soll man wohl denken: Oh, was für eine Gute, was für ein Vorbild, was für eine Selbstdisziplin. An ein zweites Lesen ist hierbei wohl nicht gedacht gewesen. Denn weiterhin redet die Furtwängler – zur Einschränkung, wie Sie es denn auch ohne ihre eigene Internet-Recherche über die fiese Massentierhaltung hatte verantworten können, Fleisch zu essen – davon, dass ihr Konsum vorher ‚eh schon nicht sehr groß‘ war, und jetzt ‚fast gegen Null‘ tendiere.

Ich möchte hier eine kleine Beispielbetrachtung mit Zahlenbasis aufmachen.

1.) Jemand, dessen Fleischkonsum gegen Null tendiert, und der 1 Gramm Fleisch am Tag isst, kann gleich komplett damit aufhören, denn 1 Gramm ist praktisch nichts.

2.) Jemand, der sich diese 1-Gramm-Tagesmenge aufspart und alle acht Wochen ein Schnitzel isst, wird zwar kein ‚richtiger‘ Vegetarier sein, aber echter Fleischkonsum ist das auch nicht, weil die Grundversorgung des Körpers fast ausschließlich aus nichtfleischlichen Produkten geleistet wird. Zudem ist der Verzicht auf ein Schnitzel alle acht Wochen noch leichter zu verkraften als der Verzicht auf das tägliche Schnitzel.

3.a) Stellen Sie sich vor, Frau Furtwängler hat vor den Dreharbeiten zu diesem sicher köstlichen Tatort (Erstausstrahlung 7.12.2014, ich wiederhole mich) pro Woche zwei Schnitzel gegessen, und jetzt für sich persönlich aus sehr altruistischen Gründen beschlossen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren. Und nehmen wir an, sie isst Fleisch nur in der Darreichungsform eines „Schnitzels“.

3.b) Betrachten wir dazu eine Schnitzelgrößen-Tabelle, die besagt dass es  Standard-Schnitzel in folgenden Größen gibt: M (=200g), L (=300g), XL (= ca. 500g) und XXL (bis ca. 1000g).

3.c) Wenn Frau Furtwängler jetzt im Gegensatz zu früher nicht zweimal sondern nur noch einmal pro Woche ein Schnitzel isst, kommt sie auch bei der kleinsten Größe M auf 200g Schnitzel, womit die Aussage, dass der Fleischkonsum ‚gegen Null‘ tendiere, eigentlich nicht mehr zu vereinbaren ist, es sei denn in und an dem Schnitzel befindet sich kein Fleisch sondern fast nur Panade oder wertlose Füllstoffe. Dass Frau Furtwängler so etwas essen mag, ist allerdings zu bezweifeln.

3.d) Gehen wir allerdings davon aus, dass Frau Furtwängler (wieder zu sehen am 7.12. im Tatort) vorher wirklich schon keinen hohen Fleischkonsum hatte, dann wird sie sehr wahrscheinlich nicht vorher zwei Mal die Woche ein Schnitzel gegessen haben, sondern vielleicht nur ein mal. Als studierte Ärztin wird sie wissen, dass zwei Mal Fleisch pro Woche kein geringer Konsum ist, sondern von Ärzten als durchschnittlich empfehlenswerte maximale Verzehrmenge angegeben wird.

3.e) Hat Frau Furtwängler also vorher nur ein Schnitzel pro Woche gegessen, aber ihr jetziger Konsum liegt trotzdem noch nicht bei Null, sondern nur ‚fast‘ bei Null, dann muss sie ja noch irgendetwas fleischliches zu sich nehmen. Mal angenommen, sie hat sich von „Ein Schnitzel pro Woche“ auf „Ein Schnitzel alle zwei Wochen“ reduziert, dann gilt:

Wir reden hier vielleicht über eine Frau, deren Fleischkonsum sich von 800g im Monat auf 400g im Monat reduziert haben könnte. Haben unsere Medien sonst noch irgendetwas relevantes zu berichten außer den verschwindend geringen Nutritionsänderungen von Schauspielerinnen? Wird Frau Furtwänglers Engagement in diesem Tatort wirklich deswegen als gesellschaftlich vorbildhaft  relevant hochgeschrieben,  weil der Menge nach zu urteilen bei ihrem ohnehin schon geringen Verzehr alle paar Jahre einem Schwein damit das leben gerettet werde könnte, oder wird die Furtwängler – ohne auch nur irgendetwas erwähnenswertes außer ihrem Job getan zu haben  – relevant, weil sie Burda-Medien im Nacken sitzen hat? Welche Medien kümmern sich um uns arme Schweine, denen der Tatort fast jede Woche 1,5 Stunden Lebenszeit raubt? Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, meinen Tatort- und meinen Stern-Konsum in Zukunft zu reduzieren, obwohl er in beiden Fällen eh schon ‚gegen Null‘ tendierte…

Alle Welt schaut auf Menschen, die auf Ai Weiwei schauen und wie sie auf Ai Weiwei schauen

Und da ist mir ein Umweg zu viel drin. Ich beobachte es mit Missfallen, wie sich eine mediale Kulturschickeria an der Unterdrückung Ai Weiweis moralisch gesundstoßen will. Der Verlag Galiani wird die Texte aus Weiweis Blog von 2009 drucken, in New York sind sie meines Wissens nach schon im Druck, überall gibt es – im Rahmen des Chinesischen Staatsbesuches aber natürlich auch unabhängig davon und generell und natürlich nachhaltig und sowieso – Lesungen mit berühmten Leuten, die Texte von Ai lesen, da werden natürlich nur die besten Texte gelesen, die Klassiker, die mit den schönen Stellen, an denen es uns Teilnehmer bürgerlicher Sitzveranstaltungen kalt durchkribbelt ob solcher staatlich-repressiven Ignoranz. Aber was wollen wir mit Lesungen von Texten Ai’s in Deutschland? Sind wir etwa doch diejenigen, denen man noch beibringen muss, dass diesem Menschen und vielen anderen Unrecht geschieht, weil sie frei sagen wollen, was man in einem System über das System sagen kann und muss, das ja doch alles andere als perfekt ist?

Kann bei dieser medialen Dauerpräsenz noch ein einziger Deutscher behaupten, nicht mitbekommen zu haben, dass die ‚chinesische Lösung‘ (seit 1989) bedeutet, dass immer der Einzelnen für das pervertierte Ganze geopfert wird, oder warum füllen wir die Säle bei den Selbstgefälligkeitsveranstaltungen der deutschen Theater- und Literaturprominenz? Jeder will dabei sein, wenn bei historischen Leseanlässen die Häuser voll werden. Ein Event für die Geschichtsbücher. Ich sags Ihnen: Wenn das unsere Antwort ist, dann sind wir ganz schön hilflos. Ja, hilflos, ohnmächtig, klein, und auf eine ganz scheinheilige Art und Weise auch noch zufrieden damit. Zufrieden mit der Selbstgerechtigkeit, die dort zu unreflektierter Redundanz führt, wo wir erst behauptet hatten, wir wüssten genügend bescheid, und dann doch die ganzen Lesungen abhalten, so als müssten wir erst noch bekannt machen, wie der Hase läuft. Solidarität nennen wir dann unsere Schizophrenie. Auf eine ganz vordergründige Weise aber bleibt diese Solidarität eine Geschäftemacherei mit der Unfreiheit, der wir nichts entgegen zu setzen haben.

Geht es darum, dass wir das hören? Wohin sollen wir mit unserem Engagement, nachdem wir das gehört haben? Sollen wir die Kanzlerin unter Druck setzen, damit sie kritische Bemerkungen zu Wen Jiabao macht, die dann doch wieder an ihm abprallen müssen, weil er aus seiner Position der wirtschaftlichen Prosperität gerade seine Bedeutung für die Rettung der schwächelnden EU unterstrichen hat in einer Sprache, die wir nur zu gut verstehen? Wer würde schon an einen der nötigen Retter weiche Forderungen zu nachrangigen Themen im nachdrücklichen Tonfall stellen? Das weltgrößte Außenhandelsvolumen Chinas wird Ai Weiwei weit überleben, und noch ist unklar, welche Rolle China bei der Abwicklung seines unbequemen Einwohners spielen wird, welchen infantilen Vorwand China finden wird. Immerhin untergräbt China mit seinem Glauben, einen Vorwand finden zu müssen, seine quasi-diktatorische Souveränität, die auch ohne Vorwand ganz gut auskommen könnte, denn Vorwürfe sollen immerhin die Motivation des Verfahrens transparent machen: Transparenz, was für ein Hohn. Und was für einen Hohn leisten wir uns? Das ist die Frage. Solange die nicht beantwortet ist, sind unsere Lesungen vor vollen Häusern nur Antworten auf ungefragte Fragen, deren Motivation unser Bedürfnis nach Teilhabe an starken Schicksalen ist, die uns selbst verwehrt bleiben, weil wir quasi alles dürfen. Da interessiert uns Ai Weiwei doch nur peripher. Und das wird man doch wohl noch scheinheilig finden dürfen, man muss das in unserer Gesellschaft laut aussprechen dürfen, dass das scheinheilig ist, denn immerhin macht man darin sein universelles Recht auf Meinungsfreiheit geltend, das Ai Weiwei verwehrt bleibt und das wir ihm auch nicht geben können.