Ob Frau Schavan nun abgeschrieben hat oder nicht …

scheint mir mittlerweile die sich durch die Vorgänge am wenigsten aufdrängende Frage zu sein. Wenn man sich die angeführten Stellen auf www.schavanplag.wordpress.com ansieht und vergleicht, muss man feststellen, dass die Unsauberkeiten mit der Lupe gesucht werden müssen – zwar sind sie dann auch findbar – aber kann sich mal einer die Frage stellen, was dort gefunden worden ist und ob das die Leistung von Frau Schavan diskreditiert?

Zum Beispiel das sogenannte Bauernopfer, d.i. wenn ein Autor einen kleinen Teil als aus einer Quelle übernommen angibt, in Wirklichkeit aber mehr übernommen hat, soll heißen: ein kleiner Teil wird als ’nicht-eigene-Leistung‘ markiert um im Windschatten dieses Nachweises den Verdacht davon abzulenken, dass Art und Umfang der wirklich übernommenen Passagen drumherum damit nicht ausreichend bezeichnet sein könnten. Solche Stellen als Bauernopfer zu bezeichnen, unterstellt gleichzeitig die Täuschungsabsicht.

Wie sieht es nun bei den als Bauernopfer bezeichneten Stellen in der Diss. von der Frau BM Schavan aus? Meistenteils scheinen es moderierende Abschnitte vor, zwischen oder nach Zitaten aus der gleichen Quelle zu sein, was als Arbeitstechnik nach meinen Erkenntnissen recht üblich ist (wenngleich natürlich unsauber), nach dem Motto: Wenn ohnehin klar ist, dass ich gerade aus einer Quelle referiere, wird man mir die moderierenden Zwischensätze, die sinngemäß aus der selben Quelle stammen, schon als nicht-eigene anrechnen, also: Wo ist das Problem? Das Problem ist, dass eine Doktorarbeit der höchste Nachweis rein-eigenen wissenschaftlichen Denkens sein muss und wir erwarten von Gelehrten (doctus) immer noch Genialität bis ins Komma hinein, eine quasi-engelhafte Neuartigkeit (-kein Wunder also, dass seit einiger Zeit so viele reale Menschen über das hohe Anspruchsmaß stolpern?-). Ich vermute, dass ein erheblicher Prozentsatz von Dissertationen in den Sozial-/Geistes-/Rechts- und Kulturwisschenschaften erfolgreich auf Formen von quasi-Bauernopfern abklopfbar sind. Was aber wäre damit gewonnen?

Sicher: es gibt in Deutschland kein Menschenrecht auf eine Promotion. Wer sich in die Reihe der Fortschreiber dieser abendländischen Wissenstradition des Gelehrtentums einreihen will, beginnt eigentlich mit der Anmaßung: So hohe Maßstäbe kollidieren regelmäßig mit dem menschlichen Anteil an Imperfektibilität, der sich in allem bemerkbar macht, das Resultat menschlicher Tätigkeit ist. Gut, ich polemisiere. Anderswo klappt das mit dem Promovieren ja reibungslos – obwohl ‚reibungslos‘ als Vokabel auch immer nur so lange taugt, bis sich ein Kollektiv von Erbsenzählern mal gezielt das ein oder andere Konvolut zur Brust nimmt und dann – tadah – erwartbarerweise ‚Bauernopfer‘ dauerdiagnostiziert.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn die Vorwürfe gerechtfertigt sind, ist das absolut beschämend für Frau Schavan, zumal sie damals, wenn auch zu recht, mit ihrer Beschämung angesichts des Guttenberg-Falles nicht hinterm Berg gehalten hatte.

Aber: Selbst wenn nichts weiter folgt, sollte der Fall uns zumindest die Frage aufwerfen, ob wir menschlichen Gehirnen wirklich zutrauen sollten, auf über 300 Seiten bis ins Detail hinein genuin originär zu sein, oder ob wir, gerade weil die Einreihung einer Forschungsarbeit in einen hypoleptischen Diskurs ständige Bezugnahmen und Anknüpfungen verlangt, nicht auch in einer ganz basalen Hinsicht mit nicht-explizit ausgewiesenen Sinnaufgriffen rechnen müssen.

Verstehen Sie mich nicht erneut falsch: Das ist kein Aufruf zur Rechtfertigung des Plagiats, sondern ein Appell an die Plagiatsjäger, den Menschen, gerade den Gelehrten, nicht zu überschätzen, und die Entthronung des ‚überhobenen Geistwesens‘ (des Gelehrten) nicht zur modernen Schockbotschaft aufzuladen, die Wissenschaft zukünftig unmöglich sein ließe. Ein bisschen mehr Gelassenheit. Und vielleicht ein bisschen ein gesünderes Verhältnis zu Titeln: da sind wir nämlich von der Tradition auch so beladen, dass das bei uns immer noch überdurchschnittlich oft als Lieferant für sozialen Status und Prestige gebraucht wird – was auch kognitiv Ungeeignete zum Promovieren motiviert. (Dies ist bei Frau Schavan sicher nicht der Fall, da ist die Diss. nicht im Guttenbergschen Sinne der Rettungsanker gewesen (weil der mit seiner 1. Staatsexamens-Note schwer was hätte werden können)).

Außerdem: Frau Schavan hat politisch schon etwas geleistet. Wenn Merkel sie über die Klinge gehen lässt, dann nicht, weil an Schavans Bildungspolitik und ihrem Plan massiverer Bundesinvestitionen in Forschungseinrichtungen etwas falsch wäre. Mit Schavan wäre – so sehr sie durch eine Aberkennung beschädigt wäre – nicht gerade eine der schlechtesten Figuren aus dem Merkelkabinett dem machtpolitischen Kalkül eines Wahljahres zum Opfer gefallen. Köpfe machen Politik, nicht Parteien. Schavan war für den Wahlkampf so gut wie gesetzt. Schavans Abgang würde die Wählbarkeit der Union in bildungspolitischer Hinsicht mindern.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wissenschaftliche Methodik ist ein hohes Gut. Wir müssen es besser machen.

Immer wieder fragen mich Leute…

Was hältst du eigentlich von dieser Guttenberg-Geschichte? Dann sage ich: Ach. In der Hinsicht ist doch schon alles gesagt. Aber wenn ihr mich nach den dialektischen Zwischentönen fragt, dann kann ich auch nur das konkretisieren, was bestimmt schon mal irgendwo gesagt worden ist, nur vielleicht noch nicht von mir. Also: Guttenberg ist seinem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden, nur seit gestern versucht er, das wieder zu korrigieren, indem er seinen Titel, den er anscheinend nun auch nach eigener Kenntnis zu Unrecht trägt, dauerhaft nicht mehr führen wird. Da der Dr. als Namenszusatz nicht mal einfach so abgelegt werden kann, hat er die bayreuther Fakultät darum gebeten, ihm den mittlerweile lästigen Titel abzunehmen. Sein ‚von und zu‘ wird er natürlich behalten und damit wahrscheinlich das, was ihn wirklich über uns Durchschnittliche erhöht, genauso wie das Kabinett Merkel ihn behalten wollen wird, immerhin ist er der beliebteste Politiker des Landes, und dieser Status ist einem natürlich solange lieb, wie er der CDU/CSU hilft, aber das ist einem dann nicht mehr lieb, wenn denn mit diesem Status auch gewisse Wertvorstellungen verknüpft werden, die auch immer in der Selbstanwendung gedacht werden müssen und in dieser Hinsicht ist Guttenberg ja nun erstmal zurückgepfiffen worden. Horst Seehofer wird sich freuen, dass nun die Konkurrenz aus den eigenen Reihen nicht mehr ganz so groß ist, die Mehrheit der Menschen im Land wird auch weiterhin zu Gutti halten und die Opposition wird natürlich ein ‚Glaubwürdigkeitsproblem‘ verorten, immerhin ist das der SPD selbst viel zu oft vorgehalten worden, man erinnere sich an Andrea Ypsilanti, und diese naheliegende Retourkutsche nicht zu fahren, wäre für eine Opposition ein taktisch fahrlässiges Verhalten. Mir tut es nur etwas um die Fakultät leid, denn immerhin ist dort nicht so genau hingesehen worden. Sicher kann man sich dort immer noch damit entschuldigen, dass der Doktorand mit seiner Selbständigkeitserklärung sich dazu verpflichtet hatte, sauber zu arbeiten, was ja offensichtlich nicht geschehen ist. Bei den Grünen spricht man nun von einer Art Demuts-Gefloskel, mit welchem Guttenberg die Flucht nach vorn antritt. Wie dem auch sei, als echte Schadensbegrenzung, die ihn eine gewisse Glaubwürdigkeit zurück erlangen lässt, ist das der einzig richtige Weg. Ich glaube nicht, dass Guttenberg sein Amt zwingend aufgeben muss. Der typisch deutsche Titelhunger bringt halt solche Auswüchse mit sich, und ich glaube nicht, dass die Wähler mehr auf den Titel gegeben haben, als derjenige, der ihn sich aus Statusgründen erwarb und bei diesem Erwerb ein äußerst fragwürdiges Handwerkszeug offenbarte. Eine Chance sehe ich aber: Eine anhand des Falles Guttenberg aufgemachte gesamtgesellschaftliche Diskussion, in der mal ehrlich die Frage nach den Mechanismen auf den Tisch kommt, weshalb bei uns überdurchschnittlich viele Leute promovieren, könnte auch Entspannungseffekte für uns alle mit sich bringen, könnte den Forschungsdiskurs wieder mit mehr Bedeutung aufladen und der gefährlichen Verflachungstendenz entgegen wirken. Vielleicht wäre Spitzenwissenschaft dann ihren Namen wert und hätte noch echt die Chance, Selbsterweiterung einerseits und einen Gewinn für die Gesamtheit andererseits darzustellen, und nicht einfach nur eine Titel-Druck-Maschine zu sein, mit der sich ein Berechtigungswesen für den Zugang zu hohen Staatsämtern verbindet. Und vor allen Dingen: Eine so große Volkswirtschaft wie unsere braucht die besten Leute an der Spitze. Und woran wollen wir die Besten erkennen? An ihren Titeln? Oder lieber an ihrer Sachpolitik? Ihr seid die Wähler, entscheidet! Aber denkt auch daran: Sicher macht ein Titel alleine keinen guten Politiker aus, sondern es geht dabei eher um Sachverstand, Ehrlichkeit und Charakterstärke. Nur: Es legt auch der Titelerwerb Zeugnis davon ab, wie es eben um die Fähigkeit zu disziplinierter und ehrlicher Arbeit steht, und deshalb degradiert nicht die Aberkennung des Titels die Figur zu Guttenberg als Politiker, sondern er hat eben mit dem unrechtmäßigen Erwerb sich selbst degradiert. Alle Begründungen, ihn im Amt zu lassen eben weil der Titel nichts sagt, hinken auf dem Bein, dass auch das neuerliche Nicht-Haben des Titels bei Guttenberg mit einer ganz großen Aussage verbunden ist. Ich glaube nicht, dass er sein Amt abgeben ‚muss‘, aber ich glaube, er wäre damit besser beraten. Seine Partei wäre damit besser beraten.