„Terror oder Humor“?

Die titelgebende Konjunktion „Terror und Humor“ ist der Sache nach eine der schärfsten Disjunktionen überhaupt: Entweder … oder. Wer im Humor seine Neigung erkennen lässt, gegen die traumatischen Aspekte des Lebens positiv bestehen zu wollen, der hat keinen Grund mehr, eine weltanschauliche Verstiegenheit zu entwickeln, die zu einer Mission der Auslöschung werden könnte. Missionen sind meist der Reflex auf den gefährlichen Überblicksverlust, der in der Pluralität wurzelt. Wo der Humor einen schlechten Stand hat, da regieren Menschen oft mit dem verheerenden Imperativ, alles ‚andere‘ müsse getilgt werden. Terror wirkt dann, indem man sich von ihm auch dann bedroht fühlt, wenn er gerade nicht aktuell durchschlägt.

‚Erweiterte Selbstmorde‘ mit medialer Spitzenplatzierung erzeugen das Gefühl latenter Bedrohung. Meine These ist, dass einer terroristischen Ausgangshaltung der Nährboden entzogen werden kann. Und zwar durch eine spezifische Haltung, die auf Nichtverhärtung aus ist: dem Humor. Terroristen wollen Verhärtungen gutheißen, weil sie sie als notwendigen Reflex auf einer widerständige Welt beschönigen. Hat das Widerständige aber seine begrüßenswerte Funktion besonders darin, den Strategien der Bearbeitung des Antagonismus‘ zwischen eigener Tugend und nicht beeinflussbarem Weltlauf Futter zu geben, so gibt es insgesamt zwei Extreme, die wirkliche Widerständigkeit verabscheuen und uns auf jeweils eigene Weise über sie hinwegtäuschen wollen: der weltanschauliche Terrorismus und der Terrorismus der Massenkomik.

Der Terrorist sprengt das ihm verhasste geistige Milieu, das wir atmen; der Comedian sprengt nicht einmal mehr die abrissreifsten Nebengelasse der Positivgesellschaft, schon gar nicht deren Prunkbauten.

Von beiden Seiten her droht Ähnliches: An die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände nur durch Auslöschung zu glauben macht Lebensräume inhuman, die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände in der Bestätigungskomik zu bezweifeln, hält Lebensräume inhuman. Wird im Terrorismus durch die Wahllosigkeit, welche Opfer eine Explosion fordert, mehr oder weniger der gesamten Gesellschaft unterstellt, dass sie mangelhaft ist und daher – unbesehen der Einzelfälle – von Gewalt betroffen gemacht werden sollte, so wird im Terror der breit gesäten Massenkomik die Möglichkeit verabschiedet, dass die anstrengende Auseinandersetzungen mit sozialen Differenzen zum Selbstverständnis des sich bildenden und verändernden Menschen gehören kann.

Humorloser Terror und genauer gesagt Komikterrorismus gleichen sich darin, dass sie dem Menschen das willentliche Sich-Betreffen-Lassen abnehmen, und machen ihn damit unmündig. Terrorismus erscheint unter seiner eigenen Maßgabe der gerechtfertigten Unterstellung des Ungenügens ‚aller‘ als „Gewalt gegen jene menschen-umgebenden »Sachen«, ohne welche die Personen nicht Personen bleiben können“[1], Massenkomik hingegen – unter das bloße Emblem des „Humors“ gestellt – ist schmeichelnde Gewalt des Konsens‘ gegen soziale Differenzen.

Diese Gewalt verabschiedet die Aufgabe, Unterschiede aushalten zu lernen, und bezweifelt daher zunehmend auch, dass es diese identitären Unterschiede zwischen Personen überhaupt gibt. Damit bedroht sie das Person-Sein der Menschen von der Seite ihrer Individualität her.

Massenkomik ist damit per definitionem von Intoleranz geprägt, wie es auch die attentäterisch-terroristische Motivationslage ist. Terroristen halten auf eine grundsätzlich gefährliche Weise zu pauschal alle für Abweichler, Komikterroristen halten zu pauschal alle Abweichung auf eine zu grundsätzliche Weise für ungefährlich und für prinzipiell in unser gesellschaftliches Einerlei für integrierbar. Zwischen der singulären Verstiegenheit des verbissenen Geisterfahrers und der kollektiven Indifferenz einer kichernden Schiffkreuzfahrtgesellschaft allerdings gibt es einen Bereich, in dem unterwegs zu sein mir humaner erscheint, in dem unterwegs zu sein aber einiges mehr verlangt an Takt, Toleranz, Bildung und Humor.

Wir leben in Restriktionen und können oder dürfen über gar nichts lachen und wollen uns – da wir dies in Konsequenz als besondere Mission mit kollektiven Tiefeneffekten annehmen müssen – sprengstoffbasiert davon entsichern? Dann werden wir Terroristen, wobei unser Verlust von Seelen-Adel darin läge, dass uns nichts mehr wirklich etwas bedeutet. Oder wir wollen hingegen über alles nur noch auf eine flache Weise lachen und dies im Eventmodus nur scheinbar wirklicher Entsicherung? Dann werden wir zu Mario-Barth-Fans, deren Verlust seelischer Vielfalt darin läge, dass nichts wirklich Wichtiges uns noch Gegenstand einer eigenen Bearbeitung werden kann. Wir sollten beides nicht werden wollen, wenn uns noch etwas heilig ist, das es trotzdem aushält, in dem Lichte betrachtet zu werden, das neben seinen Schönheiten gleich seine Unschönheiten mit zu Tage fördert.

Terroristen haben keine Unschönheiten, glauben Terroristen. Komikterroristen meinen, ihre Unschönheiten freimütig genug benannt zu haben, aber mit dieser Vordergründigkeit bringen sie sie eben zugleich weit außerhalb der Reichweite von kritischen Nachfragen.

[1] Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Frankfurt am Main 2002, S. 23.

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Soll es eine Menschheit geben?

Der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das seine Wesenhaftigkeit selbst zum Thema machen kann. Ihm stellen sich Gegebenheiten als Anlässe zum Hinterfragen dar. Alles, was fraglich werden kann, verliert aber seine Selbstverständlichkeit. So kann aus der selbstverständlichen Empirie – dass offensichtlich eine Menschheit existiert – die Frage erwachsen, ob es auch so sein soll. Aus dem bloßen Vorliegen eine bejahende Antwort zu generieren, greift nicht zuletzt mit Blick auf den Naturalistischen Fehlschluss – oder auch das Hume’sche Gesetz – zu kurz. Denn aus dem bloßen Sein ein Sollen abzuleiten, hieße, alles, was nur immer ist, zu positivieren und damit möglicherweise auch völlig gegensätzlichen Sachverhalten den gleichen Geltungsstatus einzuräumen. Die Frage nach dem Seinsollen der Menschheit müsste daher vielleicht weniger ontologisch als sozialethisch beantwortet werden: Welche Zustände kann man sich vorstellen, unter denen aus menschlicher Perspektive das Verschwinden ‚dieser‘ Menschheit, deren Vorhandensein wir gerade konstatieren, geboten sein könnte?[1]

Obwohl der Mensch ein kulturgestaltendes Wesen ist, ist die Fähigkeit, Lust und Unlust auf körperliche und seelische Weise zu erfahren, Bestandteil seiner vitalen Natur. Das Dasein nicht nur im Hinblick auf den Erwerb eines lebenssichernden Unterhalts sondern auch im Hinblick auf die Findung eines gelingenden Lebensentwurfs bedeutet Anstrengung und Unlust, oder auch: Negativität. Neben der Komplexität des individuellen Daseinskampfes kommt der Mensch in Vergesellschaftungsstrukturen vor, die ihn über allerlei Institutionen mit heteronomer Macht und gar repressiver Gewalt konfrontieren. Weltvorkehrungen, die diese Unlustsummen für viele Menschen ins Unermessliche steigern, könnten geeignete Kandidaten dafür sein, dass man im Sinne der im Begriff ‚Menschheit‘ gesetzten Solidarität der Menschen beginnt, ein Aussterben der Menschheit für möglich oder vertretbar – vielleicht sogar wünschenswert – zu halten. Daran sehen wir erst einmal nichts für das Seinsollen der Menschheit sondern nur dies: Dem vernunftbegabten Wesen, das sich selbst zum Thema wird, kann bei profilierter Einsichtsfähigkeit aufgehen, dass es den Fortbestand der eigenen Gattung auf Basis der Umstände (auch der selbstgeschaffenen Umstände) zur Disposition stellen kann und aufgrund der Selbstfürsorge die Lustqualität – also das WIE des Seins – eine fundamentale Bedeutung für das OB des Seins in der Zukunft erhält. Nicht unter allen Umständen muss ein menschliches Leben fortgesetzt werden, nur weil es faktisch schon eine Weile dauert. Nicht unter allen Umständen muss sich die Menschheit durch Fortpflanzung der Individuen erhalten, nur weil jene biologisch dazu in der Lage sind. Nein vielmehr ist den Menschen die Ansicht möglich, dass das von ihnen geschaffene Leid sich nicht damit vertragen könnte, weitere, leidempfindende Erdenbürger in die Welt zu setzen und in Konsequenz das Aussterben der Menschheit einzuläuten wäre.

Richten wir den Blick auf die Wahrscheinlichkeit, dass solche Zustände eintreten, die die Lustsumme ins Negative fallen lassen. Die Menschheit, also die Gesamtheit verschiedener Kulturkreise und Gesellschaften, ist zu sehr ausdifferenziert, als dass wenige, klar benennbare Unlustfaktoren alle Individuen gleichermaßen mit einem Leid konfrontieren könnten, das einen überindividuellen Konsens über das Nichtfortbestehensollen der Menschheit für alle plausibel macht. Darüber hinaus gibt es weit verbreitete, religiöse Deutungsparadigmen, die existenziell bedrohlichem Leid eine wesentliche Funktion in der individuellen und kollektiven Auseinandersetzung mit der Welt zuschreiben und somit subjektiv gefühlte als auch objektive Negativität positivieren. Der Mensch macht Unlusterfahrungen produktiv. Darin liegt seine Stärke: im Arrangement mit allem Möglichen und Unmöglichen. Entfremdungserfahrungen, bedrohliche kulturelle Abständigkeit und Daseinsnegativität motivieren den Menschen auch in nichtreligiösen Kontexten wie etwa in Fragen von Bildung, Toleranz und Humor zur Ausbildung einer Haltung, mittels derer das Individuum mit dem Unerträglichen schon irgendwie fertig zu werden vermag und das Erträgliche in weiser Kenntnis seiner Seltenheit umso mehr zu genießen versteht.

Die Frage nach der Vereinbarkeit des von Menschen geschaffenen Leids mit der fortgesetzten Existenz des leidempfindenden Wesens Mensch ist angesichts der humanistischen Fürsprache für ein aufgeklärtes Bildungsbewusstsein nicht negativ zu beantworten, solange Menschen etwas für sie elementares und lebensnotwendiges tun: ihr Leben zu führen indem sie in Auseinandersetzung mit einer widerständigen Welt in entspannender Absicht sich eine Haltung erarbeiten, die ihr Tun in solidarischer Manier bestenfalls zum Besseren für alle lenkt, mindestens aber das Individuum in eigener Verantwortung vor sich selbst bessert. Dass die Menschheit sich über dem hausgemachten Leid in Frage stellt, heißt nicht, dass sie es sich so leicht machen darf sich als ohnmächtig und antwortlos gegenüber einer Verbesserung dessen auszugeben, was sie nur selbst in den Händen hat: ihr eigenes Tun und Lassen. Der Beschluss zur Auflösung als letzte Pflicht einer gescheiterten Menschheit wäre der Kollaps jeder Ethik im Anschein ihrer Bewahrung, nachdem Vorläuferethiken als Theoriegebäude an der Praxis chaotischer menschlicher Repräsentanten scheiterten. Aber diese ‚Verlegenheitslösung des letzten Notausgangs‘ sollten wir nicht akzeptieren. Ich halte es für eine Infantilisierung sondergleichen, wenn man einer vernunftbegabten Gattung erlaubte, erst alle Vorräte leer zu saufen und dann einfach die Zeche zu prellen. Solange es vermeidbares Leid auf einem Planeten gibt, der von lebendigen Wesen bewohnt wird, sollte die Menschheit in die Pflicht genommen werden, dieses Leid durch reflektierte Selbstveränderungen zu minimieren und für alle Unlustzustände eigener Genese auch zukünftig Verantwortung zu übernehmen. Und das geht nur, wenn sie bleibt und sich sorgt, ohne dass sie durch ihre Daseinsgeschichte oder ihr sorgenvolles Sein in der Gegenwart Anspruch darauf erheben könnte, auf alle Zeit hinweg sein zu sollen.


[1] Daraus ergibt sich ein Nebenproblem: Die spezifisch anthropogene und an das Verhalten und reflexive Verhältnis menschlicher Repräsentanten zu sich und anderen gebundene Ethik würde einen Zustand der Menschenleere schaffen, der über das Ende der Existenz der ihn erdacht habenden Repräsentanten hinausreichte. Wenn ideelle Gesetze aber verkörpert werden müssen um zu wirken, aber ein verkörperungsloser Nachzustand die Wirkung dieser ideellen Gesetze weiter bezeugt (wem auch immer), ist das dann schon Metaphysik? Aber Spaß beiseite. 

Tottenham hat keinen „Frühling“

Was in London und anderswo gerade passiert, wundert mich, und gleichzeitig wundert es mich nicht. Wenn ich als Randalierer auf die Straße gehe und Scheiben einschlage und Autos anzünde, und am nächsten Tag sehe ich meine Auswirkungen im Fernsehen auf allen Kanälen und höre Stimmen von Politikern, die meinen Ausbruch wohlwollend als größere soziale Schieflage dimensionieren, die sich im Windschatten des Politiker-Desinteresses der letzten Jahrzehnte hat entwickeln können, dann hab ich das Gefühl an der Spitze von irgendetwas zu stehen – nenne mich wahlweise ‚Bewegung‘ oder ‚Frühling‘ um mich mit dem Unvergleichlichen zu vergleichen, bei dem jeder sofort weiß, dass es ums große Ganze geht – dann sehe ich mich nur einen gerechten Steinwurf davon entfernt, ein sozialer Ankläger und Mahner zu sein und also: werfe ich. Gerecht folgend einem eigen gesetzten Maß von Gerechtigkeit. Werfe mich in einen Moment, in welchem ich mir eine neue Zukunft zu erwerfen hoffe, nachdem ich schon keine alte hatte. Und wenn ich den zweiten Tag in Folge sehe, dass mir besonders dort, wo ich in einem großen unübersichtlichen Mob auftrete, kaum jemand wird nachweisen können, dass ich getan habe, was im Denkstil derjenigen, die mich fahrlässig vernachlässigten, immer noch eine Straftat ist: dann werfe ich weiter. Jetzt bloß das Feuer am Brennen halten, denken manche, jetzt bloß die geschuldete Aufmerksamkeit nicht abebben lassen, denken manche, jetzt bloß starke Statements gegen die politische Kaste äußern, die sich zu sehr in den Mittelstand verguckt hatte um noch Augen zu haben für die Ränder, denken manche. Und diese Manchen schmeißen die Scheiben in ihrem Viertel ein, schmeißen die Scheiben ein von Einzelhandelsläden, die von Bewohnern ihres Viertels betrieben werden, und plündern die Läden in ihrem Viertel. Mit bloßer Sachbeschädigung hat sich niemand dauerhaft politisch hörbar gemacht, bloße Sachbeschädigung und Krawall haben noch nie Argumente gehabt, bloßes Anhängen von eilig per Facebook herbei-konferenzierten Krawalljugendlichen aus den Vierteln, wo es besser zugeht aber die Rebellion noch undenkbarer, da man in behüteten Zuständen dankbar zu sein hat, hat immer Menschen mit ins Boot des Mobs geholt, die nicht dieselben Ziele hatten, die gar keine hatten außer dem Erlebnis, die schnell wieder weg waren, besonders wenn’s ans Aufräumen ging. Ein Frühling für Einwanderer, ein Frühling für die unteren Schichten hätte anders auszusehen. So erreicht man die Welt nur medial, fickt sie ins Auge aber lässt das Sehnsuchtsorgan unbefriedigt, kratzt an der Oberfläche, schürft flach und ändert nichts. Der Aufruhe in Tottenham erinnert niemanden an was Gutes, schon gar nicht an ein längst fälliges soziales Aufbegehren der Unterdrückten – da das Viertel ohnehin ein Gewaltproblem habe, da die Armut dort nunmal so groß sei und so weiter: Tottenhams Ruf verhindert, dass man in diesen Krawallen etwas von grundsätzlich neuer Qualität erkennt: Gewalt gab es in Tottenham schon lange so, und meist richtete sie sich gegen die vor Ort seienden und das ist jetzt nicht anders. Die Gewaltspirale zu durchbrechen, hätte geheißen, gegen das auf die Straße zu gehen, was in Tottenham lange schon gewaltsame Realität ist: und diese Realität kommt nicht primär von außen. Das hat man dort nicht realisiert. Mit Gewalt wird aufmerksam gemacht auf den auch durch offen fortgesetzte Gewalt gesunkenen Lebenswert des Viertels, protestiert wird dabei nie gegen die eigene gute, immer nur gegen die fremde schlechte Gewalt, so unklar auch ihr Einfluss ist. Da kann die selbst mitgeschaffene Stimmung auf dem Kiez so unerträglich werden, dass man selbst gegen sie mit Gewalt auf die Straße zieht, weil einem undenkbar geworden ist, man könnte ursächlich etwas mit den destruktiven Prinzipien zu tun haben, die man fortsetzt weil man sie ja so satt habe. Warum werden Geschäfte geplündert und Geldautomaten aufgebrochen?

Im Schatten des Aufruhrs lässt es sich bedenkenloser bedienen an dem, von dem man meint, es stünde einem sowieso zu, genommen werden aber muss es immer noch mit Gewalt, allein um das Nehmen zu einem bedeutsamen Akt zu machen, dessen Sprache man an den richtig addressierten Orten schon verstehen werde. Tottenham muss sich jetzt rühmen, der Ausgangspunkt zu sein, von dem aus sich in andere Stadtteile, Städte und Regionen Groß Britanniens Proteste hin ausbreiten, die sich auf Tottenham berufen können ohne noch das Feigenblatt Tottenhams, dass es ursprünglich um den Tod eines Menschen ging, nötig zu haben. Nein andernorts, wo offensichtlich lange auf einen noch so geringen nachahmenswerten Anlass gewartet wurde, braucht man schon keine Argumente mehr. Deswegen wird es dort auch schlimmer werden. Bis die Schulferien vorbei sind, bis dahin muss alles passiert sein, was sich unterforderte Insulaner vorstellen können. So dünn kann das Eis gar nicht sein, dass nicht trotzdem noch einige drauf wollen, die für ihren erwartbaren Einbruch den mangelhaften Winter verantwortlich halten wollen. So viel Infantilität wird die Welt immer bereit halten, dass sich diese Motivlagen auch durch alles durchhalten, was zu einem Aufbegehren von grundsätzlicher neuer Qualität hochgeredet werden muss um sich gut anzufühlen. Aber eines glaub ich: Tottenham hätte eine ganz andere Form von Frühling nötig, damit die Sonne immer dauerhafter für immer mehr Menschen auch dort scheint. Ein Rezept habe ich derweil nicht, aber war das nicht zu erwarten?

Während es in London am Abend des 09.08. durch das massive Polizeiaufgebot schon wieder ruhig war, wurden in Birmingham drei Männer überfahren, und damit ist nun endgültig alles vorbei: In den Nachrichtensendungen bemühten sich gestern die Korrespondenten – nahzu unisono sagten sie dies immer wieder – die Vorfälle nicht zu ‚entschuldigen‘ aber sie durch einen Blick auf die Lebenswirklichkeit der sogenannten ‚Lost-Generation‘ doch wenigstens etwas zu ‚erklären‘: Da hört der Spaß auf. Seit wann bitte schön schwingt nicht in einer Erklärung immer auch ein Stück Rechtfertigung, so als wäre menschliches Verhalten eine tierische Reiz-Reaktionskette und da habe man ab einer bestimmten Sachlage nunmal keine Freiheit mehr, sich zu so einem oder so einem Verhalten wahlweise zu entscheiden. Nein, da wird für mich kein Schuh draus: Wir haben die Wahl ob wir kriminell werden oder nicht, wir haben die Wahl ob wir den Stein werfen oder nicht, und eine Erläuterung, die zwar nicht ‚entschuldigen‘, wohl aber ‚erklären‘ will, stellt uns als unfreie Opfer des Milieus dar, die der Situation geschuldete Zwangshandlungen ausführen. Ich will mir den fahrlässigen, vermeidbaren Tod dreier Menschen nicht einmal ansatzweise erklären lassen müssen. Nein, solange wir die Wahl haben, welchen Entwurf wir wählen, bleibt der Steinwurf der freie Entschluss zur Schuldigkeit und Unentschuldbarkeit. Wir müssen die Freiheit der Täter sehen, sonst bekommen wir ein Problem mit der Legitimation jeglicher Strafgesetzgebung, und sonst bekommen wir eine Problem mit dem, was für uns das Wesen ‚Mensch‘ generell ausmacht. Erklären sollte man der Welt nicht den Nährboden der Krawalle sondern die Freiheit der Menschen, erstens dem Milieu nicht mehr ausgeliefert zu sein sobald sie sich Bildung zumuten, und zweitens mit dem freiwilligen Steinwurf eine vermeidbarer Antwort auf eine gesamtgesellschaftliche Frage gegeben zu haben, die sie nicht an sich selbst ran lassen wollen und sie daher mit Protest bis zur Unhörbarkeit überschreien. Ich aber glaube an Freiheit und muss es auch tun um es auch bei dem Steinewerfer mit einem freien Individuum zu tub zu haben. An die Freiheit des Menschen zur Wahl muss man leider – mit Blick auf die gleichtönenden Einordnung des Geschehens durch Korrespondenten – anscheinend ‚glauben‘. Und wer Kriminalität wählt, muss die aktiv daran gekoppelten Effekte, die im Interesse des bürgerlichen Friedens ausgerufen sind, akzeptieren.

Alle Welt schaut auf Menschen, die auf Ai Weiwei schauen und wie sie auf Ai Weiwei schauen

Und da ist mir ein Umweg zu viel drin. Ich beobachte es mit Missfallen, wie sich eine mediale Kulturschickeria an der Unterdrückung Ai Weiweis moralisch gesundstoßen will. Der Verlag Galiani wird die Texte aus Weiweis Blog von 2009 drucken, in New York sind sie meines Wissens nach schon im Druck, überall gibt es – im Rahmen des Chinesischen Staatsbesuches aber natürlich auch unabhängig davon und generell und natürlich nachhaltig und sowieso – Lesungen mit berühmten Leuten, die Texte von Ai lesen, da werden natürlich nur die besten Texte gelesen, die Klassiker, die mit den schönen Stellen, an denen es uns Teilnehmer bürgerlicher Sitzveranstaltungen kalt durchkribbelt ob solcher staatlich-repressiven Ignoranz. Aber was wollen wir mit Lesungen von Texten Ai’s in Deutschland? Sind wir etwa doch diejenigen, denen man noch beibringen muss, dass diesem Menschen und vielen anderen Unrecht geschieht, weil sie frei sagen wollen, was man in einem System über das System sagen kann und muss, das ja doch alles andere als perfekt ist?

Kann bei dieser medialen Dauerpräsenz noch ein einziger Deutscher behaupten, nicht mitbekommen zu haben, dass die ‚chinesische Lösung‘ (seit 1989) bedeutet, dass immer der Einzelnen für das pervertierte Ganze geopfert wird, oder warum füllen wir die Säle bei den Selbstgefälligkeitsveranstaltungen der deutschen Theater- und Literaturprominenz? Jeder will dabei sein, wenn bei historischen Leseanlässen die Häuser voll werden. Ein Event für die Geschichtsbücher. Ich sags Ihnen: Wenn das unsere Antwort ist, dann sind wir ganz schön hilflos. Ja, hilflos, ohnmächtig, klein, und auf eine ganz scheinheilige Art und Weise auch noch zufrieden damit. Zufrieden mit der Selbstgerechtigkeit, die dort zu unreflektierter Redundanz führt, wo wir erst behauptet hatten, wir wüssten genügend bescheid, und dann doch die ganzen Lesungen abhalten, so als müssten wir erst noch bekannt machen, wie der Hase läuft. Solidarität nennen wir dann unsere Schizophrenie. Auf eine ganz vordergründige Weise aber bleibt diese Solidarität eine Geschäftemacherei mit der Unfreiheit, der wir nichts entgegen zu setzen haben.

Geht es darum, dass wir das hören? Wohin sollen wir mit unserem Engagement, nachdem wir das gehört haben? Sollen wir die Kanzlerin unter Druck setzen, damit sie kritische Bemerkungen zu Wen Jiabao macht, die dann doch wieder an ihm abprallen müssen, weil er aus seiner Position der wirtschaftlichen Prosperität gerade seine Bedeutung für die Rettung der schwächelnden EU unterstrichen hat in einer Sprache, die wir nur zu gut verstehen? Wer würde schon an einen der nötigen Retter weiche Forderungen zu nachrangigen Themen im nachdrücklichen Tonfall stellen? Das weltgrößte Außenhandelsvolumen Chinas wird Ai Weiwei weit überleben, und noch ist unklar, welche Rolle China bei der Abwicklung seines unbequemen Einwohners spielen wird, welchen infantilen Vorwand China finden wird. Immerhin untergräbt China mit seinem Glauben, einen Vorwand finden zu müssen, seine quasi-diktatorische Souveränität, die auch ohne Vorwand ganz gut auskommen könnte, denn Vorwürfe sollen immerhin die Motivation des Verfahrens transparent machen: Transparenz, was für ein Hohn. Und was für einen Hohn leisten wir uns? Das ist die Frage. Solange die nicht beantwortet ist, sind unsere Lesungen vor vollen Häusern nur Antworten auf ungefragte Fragen, deren Motivation unser Bedürfnis nach Teilhabe an starken Schicksalen ist, die uns selbst verwehrt bleiben, weil wir quasi alles dürfen. Da interessiert uns Ai Weiwei doch nur peripher. Und das wird man doch wohl noch scheinheilig finden dürfen, man muss das in unserer Gesellschaft laut aussprechen dürfen, dass das scheinheilig ist, denn immerhin macht man darin sein universelles Recht auf Meinungsfreiheit geltend, das Ai Weiwei verwehrt bleibt und das wir ihm auch nicht geben können.