Selbstgerechte Fantasie-Vokabeln: Stilblüten des „Genderns“

 

 

Zunächst sei gesagt, dass ich im Ansatz dasselbe will: Eine Gesellschaft, die ihre Konstruktionen des sozialen Geschlechts nicht zu einer ausweglosen „Quasi-Natur“ hochstilisiert und deswegen eher Chancengleichheit ermöglichen kann, wenn sie einsieht, wie unter anderem Sprache diskriminieren kann. Was aber manchen einfällt, um den „Weg zu einer geschlechtergerechten“ Gesellschaft zu beschreiten, führt teilweise zu fast unverständliche Stilblüten. Eines dieser Stilblüten-Beispiele stammt von Lann Hornscheidt:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/profx-als-geschlechtergerechte-sprache-fuer-professoren-13268220.html

Sprechen Sie das mal fehlerfrei

Es gibt gesprochene Sprache, und geschriebene Sprache. Sie unterscheiden sich mitunter massiv. Das Problem „gendergerechter“ Sprache scheint mir zunehmend darin zu liegen, dass die allgemeine Zugänglichkeit sprachpragmatischer Verwendungsregeln über Bord geworfen wird, um einen morphologischen Homunculus zu züchten, der sich lieber an Wortklauber adressiert (als an den durchschnittlichen Sprecher), die glauben, mit Worten sei der nötige Bewusstseinswandel hinreichend beglaubigt. Der Formelhaftigkeit ist weder hinreichend noch notwendig ein Gewissenswechsel inhärent. In einer solchen feministischen Sprachethik, die auf „Professx“ verfällt, wird Genderspezifik durch bloße Erfindung abgehandelt. Sicher: Man kann das ‚schreiben‘, aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Sprechen Sie mal so, und versuchen Sie, verstanden zu werden. Und vor allem: Versuchen Sie, sich selbst dabei zu verstehen. Das meint: Nehmen Sie sich die Adressatengerechtigkeit ab, wenn Sie jemanden als „Professx“ bezeichnen, oder glauben Sie, darin einen Bewusstseinswandel vollzogen zu haben?

Die linguistische Seite

Das Problem ist, dass viele Leute gendergerechte Sprache für ein linguistisches Problem halten, aber offen zugeben, dass das Primärziel ein soziales/soziologisches ist. Kein Emanzipationsprozess hingegen wird die nötige Akzeptanz dadurch finden, dass wir gesellschaftliche Veränderungen durch den Mut zu unpragmatischen Fantasie-Vokabeln ersetzen. Die linguistische Seite ist zudem die: Eigennamen haben kein grammatisches Geschlecht. Grammatische Geschlechter wie „der“ Kevin oder „die“ Maria sind Behelfsreminiszenzen auf das biologische Geschlecht, das zudem noch einmal vom ‚sozialen‘ Geschlecht zu unterscheiden ist. So weit gehe ich mit. Schon ein Vergleich zum Französischen (das das Genus Neutrum nicht kennt und viele „die/der“-genera völlig anders setzt als das Deutsche) lässt uns bemerken, dass grammatische Geschlechter reine kulturelle Konstruktionen sind. Das soziale Geschlecht ist ebenfalls eine kulturelle Konstruktion. Dies beides lässt sich verändern. Das biologische Geschlecht ist keine Konstruktion, lediglich die kulturellen Erwartungsbeimengungen zum biologischen Geschlecht, die aber mit ihm nicht notwendigerweise verknüpft sind, sind änderbar. Eine Rebellion gegen eine nicht notwendige Verknüpfung, die sagt, eine völlige „Entknüpfung“ sei der beste Weg, ist aber genauso blind. Daher gehe ich diesen Weg nicht mit.

Da das Deutsche das Genus Neutrum kennt, gibt es bereits eine Möglichkeit, Geschlechtsneutralität auszudrücken, wenn jemand absolut nicht über grammatische Genera angesprochen werden will, in denen er sein eigenes soziales Geschlecht nicht wiederfindet. Oder man spricht jemanden nur über den Eigennamen an: Wie weiter oben gesagt, haben Eigennamen kein grammatisches Geschlecht.

Soweit die linguistische Seite, die oft nur Sprachwissenschaftler wirklich überschauen. Sprache muss für die meisten Verwender hingegen nur intuitiv funktionieren. Keiner braucht die Regeln reflektiert zu haben, um Sprache zu verwenden und um in vermeintlich gender-gerechten Verunstaltungen eine unnötige Hürde zu sehen. Worum es mir geht, ist, dass Worte wie „Professx“ nur noch in der geschriebenen Sprache funktionieren, und dort auch nur für Leute, die trotz ihres Intellekts einen naiven Wortgebrauch predigen, der aus Formelhaften Wendungen eine Möglichkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ableitet.

Sprachwandel als Feigenblatt

Gendern ist vielerorts zu einem lustlosen Feigenblatt geworden, mit dem Prozesse des wirklichen Bewusstseinswandels substituiert werden. Emanzipation – auch sprachlich – wird immer noch verengt gedacht als In-Obhut-Nahme der Frauen vor sprachlicher Diskriminierung, die ausschließlich von Männern ausgeübt werde. Diese Ansicht ist selbst eine pseudo-emanzipierte Einstellung zur ‚Emanzipation‘. Auch Frauen diskriminieren. Alle Menschen diskriminieren immer dann, wenn sie pauschal etwas unterstellen; z.B. Männern pauschal unterstellen, ihr Sprachgebrauch sei per se diskriminierend. Männer sind heutzutage viel emanzipierter als selbst die meisten Männer glauben können. Bis zu vielen Frauen hat sich dies sogar rumgesprochen. Nur zu denen nicht, die glauben, Geschlecht und Geschlechtlichkeit seien an sich Wahnsinn. Nun gut: das ist eine nicht notwendige Ansichtssache. Wer gesellschaftliche Grundkonfigurationen ändern will, braucht diese Ansicht nicht, es geht auch anders. Mit Vernunft zum Beispiel. Bildung, Toleranz und Humor.

Mir scheint auch eine gehörige Portion ‚magischen‘ Sprachdenkens hinter verkrampften Sprachverstümmelungen zu stehen: Wer glaubt, eine Sprache, die kein passendes grammatisches Geschlecht zu seiner individuell gerechten Ansprache bereithält, würde seine Existenz leugnen oder nicht fassen können, der glaubt an eine Magie von Worten, die in der Macht besteht, Existenz zu beglaubigen oder zu vernichten. Es fehlt dann nicht viel zu jener Form von magischem Sprachdenken, in welchem man glaubt, dass Formeln oder Zaubersprüche einen realen, invasiven Einfluss auf die Dingwelt hätten. Den haben sie nicht.

Ich glaube, dass dieser sprachklauberische Gender-Fanatismus die verspätete und Karikaturenhafte Antwort auf Probleme einer schlechten Welt von gestern ist. Wenn wirklich emanzipierte Frauen das generische maskulinum bei Pluralen verwenden, wittern weder emanzipierte Männer noch sie selbst überall Unterwerfung und Heteronomie.

Zudem gibt es auch noch das gigantische Feld nicht sprachlich-diskursiver Formen von Geschlechtsrollendarstellung, die uns überall unter der Hand begegnen. Warum kämpfen so wenige gegen die Darstellung von Frauen in Hollywood-Filmen? Es geht viel unmittelbarer in unser Unterbewusstsein über, wenn eine ‚erfolgreiche‘ Frau immer nur jung, mit langen Haaren und großen Brüsten dargestellt wird. Solche Bilder schieben sich als Subtext manipulativ unserem Wahrnehmen unter, eben weil das Gesehene nicht sprachlich-diskursiver Anstrengungen in zweiter Potenz bedarf, sondern en passant eingängig wirkt. Wer die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern will, sollte lieber dort ansetzen. Da gibt es noch richtig was zu tun.

„Terror oder Humor“?

Die titelgebende Konjunktion „Terror und Humor“ ist der Sache nach eine der schärfsten Disjunktionen überhaupt: Entweder … oder. Wer im Humor seine Neigung erkennen lässt, gegen die traumatischen Aspekte des Lebens positiv bestehen zu wollen, der hat keinen Grund mehr, eine weltanschauliche Verstiegenheit zu entwickeln, die zu einer Mission der Auslöschung werden könnte. Missionen sind meist der Reflex auf den gefährlichen Überblicksverlust, der in der Pluralität wurzelt. Wo der Humor einen schlechten Stand hat, da regieren Menschen oft mit dem verheerenden Imperativ, alles ‚andere‘ müsse getilgt werden. Terror wirkt dann, indem man sich von ihm auch dann bedroht fühlt, wenn er gerade nicht aktuell durchschlägt.

‚Erweiterte Selbstmorde‘ mit medialer Spitzenplatzierung erzeugen das Gefühl latenter Bedrohung. Meine These ist, dass einer terroristischen Ausgangshaltung der Nährboden entzogen werden kann. Und zwar durch eine spezifische Haltung, die auf Nichtverhärtung aus ist: dem Humor. Terroristen wollen Verhärtungen gutheißen, weil sie sie als notwendigen Reflex auf einer widerständige Welt beschönigen. Hat das Widerständige aber seine begrüßenswerte Funktion besonders darin, den Strategien der Bearbeitung des Antagonismus‘ zwischen eigener Tugend und nicht beeinflussbarem Weltlauf Futter zu geben, so gibt es insgesamt zwei Extreme, die wirkliche Widerständigkeit verabscheuen und uns auf jeweils eigene Weise über sie hinwegtäuschen wollen: der weltanschauliche Terrorismus und der Terrorismus der Massenkomik.

Der Terrorist sprengt das ihm verhasste geistige Milieu, das wir atmen; der Comedian sprengt nicht einmal mehr die abrissreifsten Nebengelasse der Positivgesellschaft, schon gar nicht deren Prunkbauten.

Von beiden Seiten her droht Ähnliches: An die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände nur durch Auslöschung zu glauben macht Lebensräume inhuman, die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände in der Bestätigungskomik zu bezweifeln, hält Lebensräume inhuman. Wird im Terrorismus durch die Wahllosigkeit, welche Opfer eine Explosion fordert, mehr oder weniger der gesamten Gesellschaft unterstellt, dass sie mangelhaft ist und daher – unbesehen der Einzelfälle – von Gewalt betroffen gemacht werden sollte, so wird im Terror der breit gesäten Massenkomik die Möglichkeit verabschiedet, dass die anstrengende Auseinandersetzungen mit sozialen Differenzen zum Selbstverständnis des sich bildenden und verändernden Menschen gehören kann.

Humorloser Terror und genauer gesagt Komikterrorismus gleichen sich darin, dass sie dem Menschen das willentliche Sich-Betreffen-Lassen abnehmen, und machen ihn damit unmündig. Terrorismus erscheint unter seiner eigenen Maßgabe der gerechtfertigten Unterstellung des Ungenügens ‚aller‘ als „Gewalt gegen jene menschen-umgebenden »Sachen«, ohne welche die Personen nicht Personen bleiben können“[1], Massenkomik hingegen – unter das bloße Emblem des „Humors“ gestellt – ist schmeichelnde Gewalt des Konsens‘ gegen soziale Differenzen.

Diese Gewalt verabschiedet die Aufgabe, Unterschiede aushalten zu lernen, und bezweifelt daher zunehmend auch, dass es diese identitären Unterschiede zwischen Personen überhaupt gibt. Damit bedroht sie das Person-Sein der Menschen von der Seite ihrer Individualität her.

Massenkomik ist damit per definitionem von Intoleranz geprägt, wie es auch die attentäterisch-terroristische Motivationslage ist. Terroristen halten auf eine grundsätzlich gefährliche Weise zu pauschal alle für Abweichler, Komikterroristen halten zu pauschal alle Abweichung auf eine zu grundsätzliche Weise für ungefährlich und für prinzipiell in unser gesellschaftliches Einerlei für integrierbar. Zwischen der singulären Verstiegenheit des verbissenen Geisterfahrers und der kollektiven Indifferenz einer kichernden Schiffkreuzfahrtgesellschaft allerdings gibt es einen Bereich, in dem unterwegs zu sein mir humaner erscheint, in dem unterwegs zu sein aber einiges mehr verlangt an Takt, Toleranz, Bildung und Humor.

Wir leben in Restriktionen und können oder dürfen über gar nichts lachen und wollen uns – da wir dies in Konsequenz als besondere Mission mit kollektiven Tiefeneffekten annehmen müssen – sprengstoffbasiert davon entsichern? Dann werden wir Terroristen, wobei unser Verlust von Seelen-Adel darin läge, dass uns nichts mehr wirklich etwas bedeutet. Oder wir wollen hingegen über alles nur noch auf eine flache Weise lachen und dies im Eventmodus nur scheinbar wirklicher Entsicherung? Dann werden wir zu Mario-Barth-Fans, deren Verlust seelischer Vielfalt darin läge, dass nichts wirklich Wichtiges uns noch Gegenstand einer eigenen Bearbeitung werden kann. Wir sollten beides nicht werden wollen, wenn uns noch etwas heilig ist, das es trotzdem aushält, in dem Lichte betrachtet zu werden, das neben seinen Schönheiten gleich seine Unschönheiten mit zu Tage fördert.

Terroristen haben keine Unschönheiten, glauben Terroristen. Komikterroristen meinen, ihre Unschönheiten freimütig genug benannt zu haben, aber mit dieser Vordergründigkeit bringen sie sie eben zugleich weit außerhalb der Reichweite von kritischen Nachfragen.

[1] Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Frankfurt am Main 2002, S. 23.

Thomas Hitzlsperger und der Nachrichtenwert von partnerschaftsloser Sexualität als Selbstzweck

Auch ein kritischer Beitrag zur Sprachlogik von Bekenntnistexten

Carolin Emcke (bekannt für ihr schonungsloses Buch „Wie wir begehren“) und Moritz Müller-Wirth haben in ihrem Interview mit Thomas Hitzlsperger dem Anspruch der Wochenzeitung ZEIT gemäß eine Öffnungs-Mäeutik für das Bekenntnisverfahren eines ehemaligen Profi-Fußballers bereitgestellt. Einerseits könnte man sich fragen, was für eine gesellschaftliche Relevanz das Privatleben eines Sportlers denn nun habe, andererseits liegt es doch offen zu Tage: Alle großen Medien sind in der ihnen je eigenen Stilistik und Tonlage sofort auf diese Offerte eingegangen. Auf jeder Titelseite prangte mit nur geringer Zeitverzögerung in verschiedenen Lettern dasselbe: Thomas Hitzlsperger begehrt gleichgeschlechtlich. Klar ist mindestens die Frage – was wir aus diesem Bekenntnistext denn nun eigentlich lernen können – eine Debatte wert. Klar ist aber auch, dass der Auftakt dieser Debatte sehr paradox war: Aus Respekt vor dem Privatleben konnte nur eine leere Worthülse, konnte Sexualität nur als leeres Etikett, angesprochen – aber nicht ‚mit Leben gefüllt‘ – werden, um im selben Atemzug eine weitergehende Dimension in den Vordergrund zu rücken, nämlich die Lage für Homosexuelle insgesamt, im Profisport als auch in Ländern wie Russland oder Katar. Das eigentlich unverschämte Debattieren von privater Praxis bleibt damit einerseits so abstrakt und wenig konkret, wie es nötig ist, um die prominente Person zu schützen, und lässt dadurch andererseits fragen, ob wir dadurch wirklich etwas neues erfahren haben.

Agonie der Argumentationen

In der Regel kennt auch die am eiligsten einberufene Debatte – in der die Pluralität privaten Begehrens in die Öffentlichkeit gezogen wird um die Diskutierenden auf ihre Toleranz-Tauglichkeit zu prüfen – nur zwei grundsätzlich verschiedene Standpunkte: 1.) Warum müssen wir drüber reden, das ist doch bereits gesellschaftliche Normalität; 2.) Gottseidank können wir jetzt an einem Fallbeispiel nicht mehr abstrakt-theoretisch sondern praktisch drüber diskutieren, warum das immer noch nicht gesellschaftliche Normalität ist. Die Scheinheiligkeit vieler Disputanden, die Standpunkt 1. proklamieren, liegt meist darin, dass sie eine ihnen unangenehme Debatte, die gerade sie an sich ranlassen sollten, mit einer von generösem Duktus geprägten Rhetorik wegwischen wollen, ohne wirklich etwas zu verändern. Daher benötigen sie den Aufweis, dass kein Änderungsbedarf bestehe. Unterformen dieses Standpunktes arbeiten häufig mit populären (Fehl-)Einsichten, dass die Normalität nur dann gegeben sein könne, wenn im Umkehrschluss niemand eine solche Debatte anstoßen würde, wenn ein Prominenter sich zu seiner Heterosexualität bekennt, daher solle es als Beweis von Normalisierung gelten, kein besonderes Wort über dieses Thema zu verlieren. So schlägt man eine Debatte aus.

Die Scheinheiligkeit vieler Disputanden, die Standpunkt 2. vertreten, liegt darin, dass sie endlich mit gutem, aktuellen Grund eine Debatte führen können, die sie schon lange liebgewonnen haben, und die sie im Regelfall bereits mit vorentschiedenen Ergebnissen führen wollen. Für sie ist eigentlich alles bereits klar, nämlich dass die gesellschaftliche Einsicht den real gelebten Verhältnissen viel zu langsam hinterherwachse. Aber auch solche Zuschreibungen verhindern eine wirkliche Normalisierung, weil die Debatte dann nicht eigentlich inhaltlich sondern nur formal geführt werden müsste und ganz schnell in Leerlauf geraten würde. Aber: Wir redeten ja gerade sehr ausführlich, warum das, was Hitzlsperger getan hat, so eine herausragende Relevanz hat. Also: Lasst uns reden, über die wirklichen Beweggründe unter den öffentlichen Ausformungen sozialer Spiele. Lasst uns darüber reden, dass Indifferenz („Is mir egal, soll doch jeder machen…“) keine Toleranz ist, weil sie die Auseinandersetzung mit etwas als andersartig Angesehenem ausschlägt und damit keine Gewöhnung an die Realität der Homosexualität. Und lasst uns, wie Esther Schapira vom Hessischen Rundfunk das mit beachtlichen Worten beschrieben hat, auch darüber reden, warum es keine individualisierbaren sondern gesellschaftliche Gründe hat, dass es immer noch Mut erfordert, man selbst zu sein.

Aspekte der Wortwahl

Eines der Verben, die Hitzlsperger häufig im Rahmen seines Bekenntnisses verwendet, ist ‚spekulieren‘: Ist das nur das deutlichste Rudiment aus der Zeit, wo das Heteronormative Paradigma auch ihn in einem Milieu gefangen hielt, in welchem man nur spekulieren, mutmaßen, sich seinen Teil über Teamkollegen denken konnte, aber nichts wissen? Hitzlsperger hat kein Interesse, nachträglich die Vielzahl von Verdachtsmomenten, die er in seiner aktiven Zeit als Mitwisser zu gehör bekommen hat, aufzurollen und das Milieugefängnis zu sprengen, in dem sich noch viele nach ihm befinden. Er bleibt der Logik der homosozial verfassten sportlichen Männerbünde der Bundesliga oder Premier League verhaftet, und akzeptiert deren Eigengesetzlichkeit, auch die, dass reine Männeransammlungen jeden Verdacht von Homosexualität ausschließen müssen. Sich als Einzelkämpfer hinzustellen und gleichzeitig auf eine gesamtgesellschaftliche Entkrampfung abzuzielen, hat doch zumindest eine gewisse Spannung. Welche Schonung noch möglich ist, wenn man mit der Preisgabe des Intimsten überhaupt eigentlich schonungslos offen mit sich umgeht, ist fraglich. Wie man die Verlegenheit überwindet, der Öffentlichkeit eine öffentliche Sprache für das, was primär eigentlich eine gelingende privatsprachliche Ausformung braucht, anzubieten, das hat m.E. Carolin Emcke in ihrem Buch gezeigt. Hitzlsperger bemühte sich auch in dem einzigen Fernsehinterview mit dem ZDF darum, immer wieder auf den individuellen Mut zu sprechen zu kommen. Privater Mut alleine versorgt uns vielleicht mit Fallbeispielen, die uns die entspannende Einsicht „Ach der auch!“ bescheren, aber nirgendwo ist gesetzt, dass dadurch die Gesellschaft tatsächlich anders zu denken und vor allem anders gegen Homophobie zu handeln beginnt. Was nur individuell sei, kann nämlich auch als Märtyrertum kleingeredet werden. So schützen sich Gesellschaften in der Regel vor unangenehmen Aufgaben. Diese Redeweise sollten daher nicht auch die Vorreiter noch adaptieren.

Inhaltlich unangebundene Sexualität ist leer

Eine gelingende Sexualität ist für ein gelingendes Leben unabdingbar. Nirgendwo hat er über einen Partner geredet, seine Sexualität ist abstrakt benannt, er hat es also einerseits so gehalten, sie als Vektor aufzuweisen, der von ihm wegzeigt: auf die Gesellschaft, nicht etwa auf sein eigenes, konkretes Begehren. Vielleicht war das klug, nur den ‚Modus‘ seines privaten Wollens, nicht aber dessen konkrete Ausformung anzugeben. Andererseits hat er – und das ist ebenfalls der Paradoxie geschuldet in die man sich verstrickt, wenn man die Normativitätsverhaftung im eigenen Kopf noch nicht abgestellt hat – im ZDF den Zeitpunkt des Spieler-Outings individualisiert und wiederholt die Meinung vertreten, die Gesellschaft sei so weit, dass der einzelne keine Angst haben müsse und es nur am individuellen Mut liege, das auch während der aktiven Karriere zu machen. Ja was denn nun?

Vielleicht war gerade das ein Bärendienst für die somit begonnene Debatte. Denn sein eigenes Fühlen und Lieben geht nicht in der Vorreiterfunktion auf, die er sich u.a. im Rahmen von Putins Anti-Homosexuellengesetzen gerne zubilligen würde. Sexualität als reine, oder leere, inhaltlich unangebundene Funktion der Außenwahrnehmung einer Person anzuführen, heißt nicht, dass wir etwas über die Fähigkeit der Privatperson zu einem gelingenden partnerschaftlichen Begehren erfahren haben, und es heißt zu dem, dass man die Gesellschaft davor schützt, zu lernen, was es eigentlich heißt, homosexuell zu sein. Die Sexualität wird als rein mechanisch akzentuierte Vorliebe für ein gerade nicht existentes Gegenüber, das aufgrund seiner leiblichen Natur die Bedienung anderer Techniken erfordert, verflacht. Warum so bescheiden? Gelebte Sexualität ist nicht identisch mit dem reinen Bekenntnis zur ihr.

Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, der Gesellschaft vorzuführen, welche Sprache ein doch sehr reflektierter Mensch für sein Begehren finden kann? Wie er es sprachlich einordnet, was ihn an Personen des gleichen Geschlechtes reizt um darüber aufzuzeigen, wie menschlich das erotische Begehren ist, gleich welches Geschlecht es zum Gegenstand hat? Nein, das hätte uns doch überfordert, wir hätten uns wahrscheinlich geekelt, weil wir es ’so genau‘ dann doch nicht wissen wollen. Stellen Sie sich einen Sportler vor, der sich die Freiheit nimmt, die Öffentlichkeit mit etwas zu konfrontieren, was sie aushalten lernen muss: die Rede über Charme, Charakter, Arten sich zu begegnen, erotische Faszination in Bezug auf Personen des eigenen Geschlechts… Wir applaudieren zwei Boxern, die sich die Fresse polieren, und drehen uns peinlich berührt zur Seite, wenn zwei Männer zärtlich zueinander sind. Die Gesellschaft lernt nur, wenn man sie ins kalte Wasser schmeißt. Das ist aber durch die Geschehnisse um Hitzlsperger nicht passiert. Über Sexualität reden zu dürfen ist hier durch die kritisch-therapeutische Funktion für soziale Makrokörper legitimiert, so sagen es die Urheber der Debatte selber. Damit ist aber kein bisschen etwas daran geändert worden, dass als Toleranz missverstandene Indifferenz mit Homosexualität nur so lange kein Problem hat, solange es bei einer bloßen Benennung einer individualisierbaren Vorliebe bleibt, die aber defacto nie sichtbar in Erscheinung tritt. Ihr Sichtbarwerden allein aber könnte den übertriebenen Schrecken vor ihr nehmen. Und dass Hitzlsperger der Möglichkeit des Schreckensabbaus noch vorbaut durch die Individualisierung der Bekenntnisprozesse, verstellt den Blick darauf, dass zwar sozial konstruierte aber nicht mehr sozial kontrollierte Wertbeimessungen zu Geschlecht und Sexualität nicht durch Individuelle Bewusstseinsbildung zu verändern sind sondern nur durch kollektive Emanzipationsprozesse. Und gleichzeitig gilt: Aus dieser Schwierigkeit von Privat/Öffentlich gibt es kein Entrinnen, denn – wie Theodor W. Adorno sinngemäß in seinem Gespräch mit Arnold Gehlen über „Öffentlichkeit“ sagte-: „Das Privatleben der Prominenten verdient selbst dann noch Schutz vor der Öffentlichkeit, wenn es um der Öffentlichkeit willen geführt wird.“

Der Fußball ist nicht das Problem, sondern das Milieu in dem er heilig ist

Im Großen und Ganzen steht natürlich die Frage im Vordergrund, warum Homosexualität im Profisport nirgendwo ein so großes Problem wie im Fußball darstellt. Profifußball scheint dem ‚plebiszitären Expertentum der Straße‘ am nächsten zu sein. Auch im Breitensport ist Fußball die beliebteste Sportart, daher geht die Öffentlichkeit in den Kreisen der diese Sportart prominent vertretenden Spieler häufiger auf die Suche nach guten Vorbildern, die ein modernes Männlichkeitsbild vorleben. Dem fußballaffinen Breitensportler werden dort die Augen dafür geöffnet, was unter dem Sigel ‚Männlichkeit‘ gerade geht, und was nicht. Ich erinnere mich allerdings noch, wie David Beckhams „Metro“-Art die gängigen Klischees überstrapaziert hat. Damals war es üblich, ihn als ’schwul‘ zu diskreditieren, aus Neid, dass seine Gepflegtheit und auch seine Eitelkeit ihn als heterosexuellen Mann mit zu viel Erfolgswahrscheinlichkeit bei gutaussehenden Frauen ausstattet. Die vermeintlich gerechte Strafe für diesen Vorteil war dann, dass der Volksmund Fragen an Beckhams Begehren gestellt hat: „So wie der aussieht, ist der doch bestimmt schwul.“ Nein. Ist er nicht. Unter dem billigen Motto ‚Männlich ist, wer Erfolg bei Frauen hat‘, hätte eine populäre Redeweise applaudieren müssen für Beckhams Art, sich auch bei Frauen ästhetisch in den Vordergrund zu spielen. Viele Durchschnittsmänner/Fans hat das verunsichert: Es war ihnen schlicht nicht geheuer, ein Vorbild zu akzeptieren, das so unerreichbar weit voraus ist bei allem, was man am liebsten selbst gerne hätte und wäre. Um diesen sozialen Abstand zu minimieren, wird oft nach einem vermeintlichen Totschlag-Argument gegriffen: „Ja, der hat den Erfolg ja nur, weil er in Wahrheit ein fragwürdiges Begehren hat und das kompensieren muss.“ Nein, hat er nicht.

Und die Google-Autovervollständigung listet für jeden Prominenten, der nicht gerade aufwändig seine Heterosexualität in der Öffentlichkeit zelebriert, immer das „schwul“ als häufig gesuchten Begriff, weil viele Leute darüber herausfinden wollen, ob ihre eigene Sexualität in Identifizierungswürdigen Promis ein Vorbild hat, denn das wäre für sie das am besten sichtbare Zeichen gesellschaftlicher Normalität: wenn ein Promi auch „so“ ist. Natürlich gibt es zivilisiertere Bereiche der Gesellschaft als das Milieu, in dem unbedingte Parteinahme für ein massenidentifikatorisches Ereignisgeschehen wie die Bundesliga-Saison ihre fröhliche Urständ feiert. Nun sehen sich die Milieus der ehemaligen Werksvereine eigentlich schon lange ihrer Grundlage beraubt, Fußball ist Kommerz und dickes Geschäft, Spieler sind keine genuinen Local Heroes mehr, der Glaube an die Ursprünglichkeit des Sports ist dann zwar blind, aber eben darum dennoch Taktgeber für Prozesse der Selbstverständigung derjenigen, die an vielen gesellschaftlichen Entspannungsdiskursen gar nicht teilnehmen wollen oder können. Die angestammte Art der Weltausdeutung nicht hinterfragen zu müssen ist unglaublich entlastend, wenn man ahnt, dass die eigenen sprachlichen und intellektuellen Mittel eh nicht ausreichen würden, um sich autonom zu machen und sich von einer antiquierten Räson zu emanzipieren. Milieus verfestigen sich gerne durch Wiederholung weniger, sich immer gleich bleibender Gewissheiten. Mit Sprache und Intellekt gegen die Emanzipationsverweigerung großer Mehrheiten anzugehen, ist ein anstrengendes und notwendiges Unterfangen: Keine noch so ressentiment-beladene Mehrheit hat es verdient, dass man sie vor ihrer Reifung und Weiterentwicklung schützt, nur weil man sie bereits verloren gibt.

Political Correctnes und fadenscheinige Beipflichtungen

Natürlich bliebe noch viel zu sagen, darüber etwa, ob es nicht auch ein Bärendienst an der Debatte ist, wenn etwa Sprecher der Kanzlerin, anderer aktive Sportler-Kollegen, Personen der politischen und künstlerischen Öffentlichkeit und so weiter ihre fadenscheinigen Beipflichtungen über sämtliche Kanäle absondern. Viele, die öffentlich zu schnell ihren Respekt zollten, sagten ohne Bedenkzeit sofort das, von dem sie glaubten, es sei das was gesellschaftlich gewünscht ist. Ich mag allerdings Debatten, in denen das von der Mehrheitsgesellschaft Gewünschte als das gilt, was es ist: verdächtige Rhetorik, die das Eigentliche verdeckt. Wer die Debatte über die Vereinbarkeit des Profisports ‚Fußball‘ mit Homosexualität wirklich führen will, der muss darüber diskutieren, welche Verantwortung der DFB hat, die FIFA, der IOC, die einzelnen Vereine, die Medien, die Werbepartner und Sponsoren aus der Wirtschaft, denen ja immer unterstellt wird, sie würden sich mit ihrem Sponsoring zurückhalten, sobald ein Spieler sich oute. Und welche Verantwortung der einzelne hat, der seine übertriebene, homophobe Abwehr nicht als das erkennt was sie ist: eine gesteigerte Bezugnahme, hinter der eigentlich ein großes Auseinandersetzungsinteresse an und eine Faszination für das so alltäglich-normale ‚Andere‘ steht, sodass kein einziger Grund mehr besteht, es dem Wortlaut nach ablehnen zu müssen.

Gesellschaft in Auflösung begriffen …

Was wir in den USA derzeit beobachten, sind vielleicht nur die ersten besser sichtbaren Zeichen einer sich seit längerem andeutenden Auflösung der Gesellschaft, nicht nur an ihren Rändern sondern im Herzen ihrer städtischen Milieus, die uns Europäern immer wie das ‚eigentliche’US-Amerika vorkamen, den Kernland-Amerikanern im mittleren Westen selbst höchstens wie die abgehobene Küsten-Peripherie. Und trotzdem ist das Problem zentral: Sozialstaats-Abbau unter dem Sigel des harten Liberalismus ist eine fahrlässige Vernachlässigung der schwächsten Gesellschaftsmitglieder. Die Melange aus Anschlägen, Giftbriefen, einem immer noch schwelenden Haushaltsstreit um die Fiskalklippe, zu liberale Waffengesetzgebung in Zeiten medialer Nachbereitung solcher Katastrophen wie in Newtown und Aurora bilden ein Ensemble von Gründen, die dem Schlagwort der sich auflösenden Gesellschaft unmittelbare Evidenz für die us-amerikanischen Zustände zubilligt.

Die Gestaltungsmöglichkeiten der politischen Kaste verringern sich, vielleicht ist das gar nicht eines der ersten Zeichen. Der politische Handlungsspielraum schrumpft zusammen – Nach einer reaktiven Phase in Zeiten externer Bedrohungslagen und einer Ohnmachts-Phase (das ist die aktuelle, in der Obama die Mehrheit im Repräsentantenhaus fehlt) ist nur noch eine Phase zentralpolitischen Desinteresses am Hinterland von Nöten, und schon könnte man nicht mehr von einem Staat ‚USA‘ reden. Man könnte sagen, dass die in der Fläche fehlende Identifikation mit Washington doch seit jeher die wesentliche politische Kluft darstellt, mit der in Wahltaktiken kalkuliert wird: Die spannende Frage war politisch doch immer, welche Mikro-Verschiebungen in der politischen Stimmung passieren, damit eher den Republikanern oder den Demokraten zugetraut wird, über die Mentalitäts-Kluft von Binnenland und Küste hinweg alle für das gemeinsame, amerikanische Wir zu mobilisieren, das in dem unbedingten Glauben an Aufstieg seinen gemeinsamen Nenner hatte. Das hat es alles immer schon gegeben. Genau so wie man sagen könnte, es hat diese Anschläge auf das ‚Wir‘ (man denke an Columbine) immer schon gegeben, was rechtfertigt es denn da, dies alles im Kontext einer neuen Tendenz zu sehen? Die neue Tendenz ist: das gegen die Angreifbarkeit mobilisierte ‚Wir‘ im Jahre 2013 wirkt schwächer, es hat seine offenen Flanken dadurch, dass die eigene gewollt liberale ‚Hausordnung‘ im Sinne eines überholten Anspruchsdenkens immer als ‚liberalistisch‘ überzogen vorgestellt wird.

Die USA sind eine Gesellschaft, die im Jahr 2001 mit der Idee konfrontiert wurde, dass das Selbstverständnis des Traums vom amerikanischen way of life für gegenwärtige und zukünftige Generationen ein nicht mehr einzulösendes, sozusagen nur noch museale Bedeutung habendes Versprechen ist: es ist keines Falls präjudiziert, dass es unbedingt immer weiter aufwärts geht. Dem Strukturverlust in der Fläche rund um die ehemalig international prominente Automobilbauregion an den oberen Seen wächst die Mentalität und das Selbstverständnis reaktionär hinterher: Es wird sichtbar, dass das Selbstgestaltungsideal nicht mehr gegen alle Realitätseinbrüche zu halten ist, und wenn etwas gerade mit aller Deutlichkeit passiert, dann ist es der Einbruch einer Realität, die in einer geänderten Weltlage und neuen, politischen Machtungleichgewichten besteht. Die Stadt Detroit hat mit extremem Substanz- und Strukturverlust zu kämpfen, die USA können und wollen sich langsam ihre Aufgabe als Weltpolizei nicht mehr leisten: Für die USA geht – verspätet aber immerhin – jetzt der kalte Krieg zu Ende. Francis Fukuyamas Diktum vom ‚Ende der Geschichte‘ aus einer amerikanischen Perspektive hat übersehen, wie lange mindestens die USA brauchen werden, um sich – in gewisser Hinsicht unversöhnt – in eine neue Weltlage einzupassen, die eben darum die für das Machen von Geschichte nötige Spannung behält, weil die Erinnerung an alte Geltung noch wach ist, und außenpolitisch zum Teil noch aktiv beansprucht wird. Na klar ergeben sich daraus Konflikte. Interessant zu beobachten wird sein, welche Argumente die Außendarstellung der USA in Zeiten ihrer inneren Auflösung kennen wird. Wahrscheinlich werden – solange die sozialen Spannung noch nicht zu groß sind – Argumente der Liberalität herangezogen, eine Weile lang wird das alte Mentalitätsparadigma dadurch noch gestützt werden können.

Eigentlich haben weder wir Europäer noch die Amerikaner ernsthaft auf dem Schirm, wie unglaublich und gigantisch verschuldet die USA sind. Die Chinesen allerdings wissen das schon. Naturgemäß hat die Volksrepublik massiv in den USA investiert, in Zeiten, wo das Märchen von der Supermacht noch allgemein geglaubt wurde – das muss wohl vor 2008 gewesen sein, vor der Lehmann-Pleite, vor Fannie Mae und Freddie Mac und der Immobilien-Blase. Mit us-amerikanischen Strukturverlusten und Wertvernichtungen wären die Chinesen hart gestraft…

Eine Gesellschaft, die ernsthaft um ihre Pfründe fürchten muss, aber gleichzeitig nach innen noch an ihren historisch bedingten harten Liberalitäts-Phantasmen hängt, wird ein Problem damit kriegen, einen Schuldigen für ihre missliche Lage zu benennen. Eine Gesellschaft, die anders als das Nachkriegseuropa keine so große philosophische Tradition mit selbstreflexiver und harter Gesellschaftskritik hat – weil ihre Liberalitätsversprechen das Misfitting eines Einzelnen immer als individuelle Defizienz-Biographie hinstellen und es damit nicht mehr als gesellschaftliches Problem wahrnehmen müssen – wird es schwer haben, ihre zunehmend sichtbaren Probleme an ihre Mentalitätsstruktur rückzubinden. Aber: sie wird es tun müssen, um zu sehen, warum eine liberalistische (nicht die liberale) Gesellschaft sich leichter auflöst: Sie löst sich leichter auf, weil sie die Entbindung des Einzelnen vom Kollektiv für das Konstitutionsprinzip ihrerselbst gehalten hat, für ihre ganz besondere, eigene Kulturleistung. Nur hin und wieder lassen sich die entbundenen Einzelnen wieder ins Boot holen: Für ein gemeinsames Wir in Zeiten der Bedrohung – ob nun in Latenz oder explizit – rücken die, die nicht der Frieden sondern der Krieg miteinander vereint, zusammen und beschwören ihre Kraft, Liebe, Gottesfürchtigkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Hoffnung – zugegeben auf eine für Europäer mitunter unerträglich rührselige Weise. Aber: aus einem rührseligen Quartals-Wir oder einem larmoyanten Dekaden-Wir oder einem fast schock-starren und selbst-mut-machenden Anti-Terror-Wir machen sie auf Dauer keine funktionierende Gesellschaft, die über so große Differenzen wie die zwischen New York und Utah auch dann noch hinweg reicht, wenn alle ausnahmsweisen Bedrohungslagen schon wieder der alltäglichen Betriebsamkeit gewichen sind, und wieder Vorurteile von Kernland und Küstenperipherie das Verhältnis der Amerikaner zu ’sich selbst‘ moderieren.

Obamas aktuelle politische Ohnmacht führt vor, was für die USA gesellschaftliche Realität werden wird: Auflösung, Strukturverlust, Marginalisierung.

Wohin kehrt man zurück …

Auf vielfachen Wunsch meine unerheblichen Auslassungen. Mit Hochachtung.

Wohin man zurückkehrt, wenn es darauf ankommt, sich zu sammeln und zu konzentrieren, sich über das was man als das wirklich Eigene anerkannt hat zu verständigen, das ist die Frage, die darüber entscheidet, wie offen oder doch eher geschlossen sich das Band zwischen zwei Menschen gestaltet. Wo Menschen sich bei anderen Menschen unaufhebbar zu Hause fühlen, mag Zeit dazwischen sein, mögen unendlich viele Kilometer dazwischen sein: Wohin man zurückkehrt, wenn im eigenen Leben die chaotischen Randlagen nach mehr Wesentlichkeit verlangen, das entscheidet darüber, dass und inwiefern ein Band zwischen zwei Menschen alles andere als ‚offen‘ ist.

Chaotische Randlagen sind nicht nur der Midlife-Crisis vorbehalten. In modernen post-industriellen Gesellschaften spielt die emotionale Verwahrlosung eine Rolle im Leben all derer, die viel und oft in Beziehungen stecken, ohne aber die zwischenmenschlichen Kompatibilitätsprobleme mit Reflexionsarbeit zu bewältigen. Sich in wechselnden Übereinkünften zu zerstreuen ist leicht, sogar die Zerstreuung mit verschiedenen Partnern als Haltung auszugeben ist leicht, aber solange es ‚einen‘ Ort der Rückkehr ‚gibt‘, ist alle Offenheitsrhetorik als Deutungsmuster Bestandteil der eigenen Indifferenz, mit der man sich selbst vielleicht dabei zuguckt, wie einem das eigene Leben bloß ‚passiert‘, nicht aber dabei, wie man es ‚führt‘.

Phantasmen der Freien Liebe haben immer etwas von einer „Romantisierung des Primitiven“ an sich: Wir sind unverbindlich Freie, die ihre Freiheit nur brauchen, um darin verwahrlosen zu können. In der Offenheit frei nur für die eigene Grundsatzlosigkeit zu sein, verhindert gelingende Selbstbilder, die sich ja erst im Kontext mit den Fremdbildern von  nahestehenden Menschen schärfen und ihr Profil gewinnen an dem unüberbrückbaren Abstand selbst zwischen sich Nahestehenden: Die ‚Verschmelzung‘ darf nie gelingen, wenn man Menschen in ihrer Individualität wertschätzt, und doch kommt jede Beziehung mit dem Anspruch einer quasi-Verschmelzung daher, die scheiternden Beziehungen sogar mit dem größtmöglichen Verschmelzungsgehabe…

Auch jede offene Beziehung bedarf daher eines Sammlungspunktes in einer Person, bedarf ‚eines‘ sozialen Extrempunktes. Soziale Extrempunkte sind die, auf die mehr Vektoren verweisen: im sozialen Raum ist jede Richtung, jeder Kommunikationsbrocken ein Vektor, jede Nachricht, jede Geste, alle gerichteten Botschaften betreffen jemanden, weisen jemanden in der Häufigkeit der Konsultation als Extrempunkt aus. Je nach dem wo dieser – ob ‚in‘ oder ’neben‘ einer offenen Beziehung – ist, da ist der eigentliche Ort einer Beziehung, die eigentlich fest ist. Alles andere ist Rhetorik, die das unhaltbare Dezisions-Defizit haltbar machen soll.

Beziehungsmenschen allerdings, die unter der Maßgabe gesellschaftlich geprägter Zwangs-Vorstellungen ihre Beziehungsideale nur gegeneinander geltend machen können, befinden sich auf einer schiefen Ebene: Die Festigkeit, die sie sich wünschen, verhindern sie durch ihre Festigungsversuche. ‚Bedingte‘ Liebe unter dem Motto „Erst wenn du meinen Ansprüchen ganz genügst, werde ich dich vollends lieben“ reden einer Co-Abhängigkeit das Wort, deren Dauer auf Kosten der Unmittelbarkeit und Freiheit einer ‚atembaren‘ Atmosphäre geht. Es wird stickig und eng. Bald darauf ist es meistens vorbei.

Die Dialektik der Offenheit besteht ja darin, sich partnerschaftlich die Freiheitszugeständnisse zu machen, die nötig sind, um sich ‚überhaupt‘ halten zu können, folglich muss man sich darin aber auf einen reduzierten Kernbestand an Festigkeit zurückziehen. Eine offene Beziehung ist: in ihrem Kernbereich das Absicherungsminimum, das der finalen Einsamkeit entgegen wirkt, und in ihren Randbereichen eine Freiheit, die den Begriff ‚Beziehung‘ boykottiert.

Und dennoch ist das grundsätzliche Offenhalten auch immer von anti-ideologischer Natur: Es geht um nichts weniger als den Versuch, sein Spiel mit der Preisgabe oder Nichtpreisgabe konsistenter Lebensführung zu treiben: Wie weit kann man gehen, ohne zu weit zu gehen – Wie lange kann man sich offen halten, ohne übrig zu bleiben – Wie sehr kann man sich binden ohne unfrei zu sein? Dies hat seine entlastende Funktion besonders dort, wo regulative Durcharbeitungen der ‚fertigen‘ – oder wahlweise ‚verwalteten‘ – Welt scheinbar nichts von dem mehr zulassen können, das doch in der spielerischen Freiheit seine Wirksamkeit beweist: Ja, es ist möglich, diese Zusammenkunftszwänge nicht mitzumachen, aber der eigentliche Drahtseilakt wird nicht das Balance-Halten währenddessen sein, sondern den richtigen Zeitpunkt zum Absprung vom Seil nicht zu verpassen. Um aber mitkriegen zu können, wann dieser Zeitpunkt ist, muss man sich der Selbst-Anwendungs-Idee stellen: man muss sich zu seiner eigenen Offenheit dergestalt offenhalten, dass man sie zum richtigen Zeitpunkt verabschieden ‚kann‘. Die eigene Offenheit als offen hin zu ihrer möglichen Umwandelung in Festigkeit zu denken, gelingt vielen nicht, die ihre Freiheit ’nur‘ genießen wollen. Wer im richtigen Zeitpunkt die Offenheits-Verabschiedung nicht beherrscht, der läuft Gefahr, von Ereignissen, die ihm dann die Entscheidung abnehmen, überrollt zu werden. Das darauf folgende Leiden ist meist um so diffuser.

Offene Beziehungen werden durch ihre beziehungstechnischen Nebenstränge erst zu solchen gemacht, diese Nebenstränge zulassen zu können, offenbart die prinzipielle Vermehrbarkeit. Gerade in der Vermehrungsfähigkeit könnte es schwer werden, die Grenze zwischen Verhältnissen zu ziehen: Wo ist die alte Offenheit zu ende und beginnt schon eine neue ‚Bindung zu neuer Offenheit‘: Ohne ein Minimum an Bekenntnischarakter verliert auch eine ‚einzelne‘ offene Beziehung ihren Vorrang vor und unter möglichen, gleichen, potentiell unendlich vermehrbaren Verhältnissen in offenen Nebensträngen: damit aber verlöre die Ausgangsbeziehung ihre Bedeutung als Sammlungspunkt. Was durch die mögliche Vielzahl hindurch die ‚Beziehung‘ – wenn auch offene – bleibt, verweist darauf, wohin die Sammlungsrückkehr geht. Durch die mögliche Gleichrangigkeit der Nebenstränge hält sich eine Präferenz durch, die Sammlung von Zerstreuung unterscheidbar macht und aufzeigt, welches Verhältnis aus Zerstreuungsgründen mit Rückkehroption verlassen wird, ja nur durch die Rückkehroption überhaupt verlassen werden kann. Was einer jeden Ausnahmesituation – wie etwa im Karneval – ihr Maß vorgibt, entscheidet darüber, was es ist, das von bleibendem Ernst ist auch durch Zeiten größtmöglichen Abstands hindurch.

Die Unhaltbarkeit alter Offenheits-Entwürfe bringt aber ein Bearbeitungsdefizit ans Tageslicht: Wir können und dürfen sogar nie alle zwischenmenschlich möglichen Optionen aus-agieren, denn im Falle des unvermittelten Verhältnisses lebender Menschen wäre es geradezu zynisch, Genuss-Optimalität nur nach egoistischen Gründen zu dimensionieren. Wir dürfen niemals vernunftbegabte Wesen gegen ihren Willen als bloße Mittel zum Zweck unserer erotischen Genuss-Optimierung machen. Es hängt an jedem Einzelfall ein ganzer Mensch dran, mit eigenen berechtigten Ansprüchen auf Genüsse und einem seelischen Bedarf nach Nähe in Dauer ohne Ersticken.

Personen, die als Sammlungsfiguren überhaupt taugen, festzuhalten, weil man mit zunehmender Abgeklärtheit Einsicht in die unwahrscheinliche Koinzidenz zweier Individuen gewonnen hat, ist plausibel: menschliches Schutzbedürfnis, Geborgenheitsbedarf. Die Zerstreuung weg von Festigkeitsanflügen wahllos bei irgendwelchen Personen zu suchen – bei denen sie gleichgut zu haben ist weil die Sicherheit besteht, dass alle Ausflüge gleichwenig als Gefährdung taugen – ist wahrscheinlich. Zerstreuung ist – in der relativen Wahllosigkeit bezüglich der Frage, wo sie möglich ist – anti-ideologisch. Ähnlich wie in Synapsen oder beim Prinzip ‚Trampelpfad‘ prägen sich Wege durch Benutzung ein, durch Beanspruchung einer Gangbarkeit dort, wo woher kein Weg war. Synapsen sind offen für jede regelmäßig fließende neue Reizmenge. Durch Gebrauchsbeanspruchung allerdings lässt sich jede Nebenbeziehung rechtfertigen, auch die, die keine Ursache im Herzen hat.

Ohne ein Minimum an Bekenntnischarakter, ohne ein Minimum an sozialer Extrempunktqualität einer nahen Person, ohne die daraus resultierende Sammlungsrückkehr nach möglicherweise ausgiebiger Zerstreuung ist auch eine ‚offene‘ Beziehung keine Beziehung. Kommt sie allerdings mit diesen Merkmalen daher, sollte von vornherein reiner Tisch gemacht werden: Sollte den Personen, die zur Zerstreuung herhalten, das Gefüge benannt werden, in das sie sich eingliedern würden, und ihnen bevor mit ihnen etwas geschieht die Wahl gelassen werden, ob sie sich überhaupt in so einem Arrangement wiederfinden wollen. Es nicht zu viel gesagt wenn man festhält: Sie hätten gute Gründe, das nicht zu wollen.

Ich meine erstmal meine Meinungsfreiheit …

Meine Meinungsfreiheit ist in den Augen derjenigen, die schon mein Recht darauf auch nur für eine meiner Meinungen halten, nichts schützenswertes sondern ein Verblendungsartefakt. Nur wo es divergente Meinungen überhaupt geben kann, kann überhaupt von einer Freiheit hinsichtlich der Nichtfestgelegtheit der Wahl einer der ‚Optionen‘ geredet werden. Meinungsfreiheit kann ihre kulturelle Realität nur dort am deutlichsten beweisen, wo die divergentesten denkbaren Optionen nebeneinander ausgehalten werden können. Insofern ist jede Parlamentarische Debatte zumindest der Rhetorik nach eine Lehrstunde für die Einebnung der Möglichkeit divergenter Optionen in meinungsfreien Post-Demokratien.

Letztenendes ist unser politischer Kurs ‚alternativlos‘ wenn die Argumente ausgehen; letztenendes sind wir ähnlich vernagelt wie Fundamentalisten, die eine Koranverbrennungen dadurch ahnden, dass sie sogar zehnjährige Mädchen vor Gericht bringen (Pakistan) aber selber Bibeln verbrennen (Ägypten). So doll muss man die Augen erstmal zugekniffen haben, dass man nicht mehr mitkriegt, dass das, was man selber tut, das ist, was man den anderen vorwirft.

Wenn ein weniger religiöser Mensch religiöse Dinge mit Humor nehmen und kann und das sogar in Gegenwart derjenigen tut, die religiöse Dinge nicht mit so viel Humor nehmen können, gehört der dann getötet? Nein, Herrgottnochmal wo leben wir denn?! Meinungsfreiheit heißt, dass jeder tolerieren muss, dass die Meinung SO WEIT GEHEN KANN, weil sie eben nur eine ‚Meinung‘ ist, von der  die Haltung des Anderen im Ernst nicht betroffen sein muss. Es sei denn, dessen eigene Wahrheit ist so schwach, dass er sich selbst von trashiger Kritik so leicht betroffen machen lässt, also von solcher ‚Kritik‘, die mehr oder weniger bewusst die ästhetischen und moralischen Aspekte der Zeit ironisierend unterbietet.

Der britische Aufklärungsphilosoph Shaftesbury sagte sinngemäß, dass keine Sache sich richtig sehen lasse, wenn man sie nur in einem bestimmten Lichte sehen könne. Alles verdient den beleuchtenden Blick und jede echte Wahrheit ‚verträgt‘ diesen auch, weil sich sonst im Schutze unserer Verblendung nur Halbwahrheiten und falsche Götzenvorstellungen einrichten. Mir scheint, der gewaltbereite Glaubensfundamentalismus – ganz gleich in welchem Glaubenssystem – ist jeweils ein Bündel solcher anfälliger Halbwahrheiten oder inhaltsloser Bekenntnisse, die aufgrund ihrer Schwäche im Begriff nach außen umso emphatischer ‚gelebt‘ werden müssen. Das geht nur über Ressentiments.

Jeder Mensch hat das Recht, vor physischer, repressiver Gewalt geschützt zu werden. Kein Mensch braucht vor gewaltlosen, nicht-physisch attackierenden Meinungen geschützt werden: Das Widerständige zuzulassen ist eine Kultivierungsaufgabe. Aus Angst vor der Gefahr des Widerständigen den Schwanz einzuziehen ist antiaufklärerisch, und das hat noch niemanden selbstbewusster, autonomer und weniger manipulierbar gemacht. Angst macht anfällig für Manipulation. Manipulierte, die nicht einmal selbst zu formulieren oder zu erdenken fähig sind, was es ist, das sie auf die Straßen lockt und ihnen Hass abfordert, die hat es auf der Welt genug: auch bei Naziorganisationen wie Pro-Deutschland. Es gibt zu viel Hass und Gewalt, die niemanden klüger, gesünder oder zufriedener machen. Das muss aufhören. Aber es muss nicht dadurch aufhören, dass man den anfälligen Hitzköpfen nur noch das zu hören gibt, was sie nicht überkochen lässt. Andererseits sollte man darauf verzichten, etwas zu Gehör zu geben, das so erwartbar doof die Weichen auf Provokation stellt nur weil es eben das tut.  

Wieviel Recht auf Freiheit von meiner Meinung hat die Meinung des Anderen? Seitdem wir uns für abweichende Meinungen in elementaren Lebenstatsachen wie den Religionen nicht mehr mit Waffen bekämpfen müssen, ist auch der Raum größer geworden, den anderen mit der eigenen Meinung behelligen zu können: Was uns nicht umbringt (an Spott) macht uns im Zweifelsfalle härter. Das kann man aushalten, wenn man mit seiner Glaubenswahrheit nicht im Zweifel steht, aber auch nicht in einer Verhärtung, deren Hintergrund der Zweifel ist, der die Absicherung durch Übertreibung verlangt.. Man kann das alles aushalten. Meinungen sind keine existenziellen Zumutungen. Das muss man so sehen.

In erster Linie sichert die Meinungsfreiheit das Recht des Menschen auf Entlarvung derjenigen Umstände ab, die seiner Menschenwürde spotten. Die Menschenwürde kann prinzipiell von jedem Glaubenssystem bedroht werden, vom radikalen Christentum genauso wie vom Kommunismus oder vom Faschismus. Sie alle verdienen es, im Lichte des Spotts, der Satire betrachtet zu werden, weil andernfalls die lächerlichen Punkte an ihnen überhaupt gar nicht ans Licht kommen.

Warum muss denn da was ans Licht kommen? Na damit wir es abschaffen können. Damit wir besser, freier, entspannter, zufriedener leben können. Darum geht es doch: es werden immer Menschen sein, die sich auf diesem Planeten eine annehmbare Umgebung einrichten, mit weniger Hass, weniger Tod, weniger Grausamkeit.

Meinungsfreiheit aber ist nur denkbar als Recht auf eine Meinung, die der andere nicht teilt. Das Recht auf die eigene Meinung wird als Problem sowieso erst in die Welt gebracht, wo sie eben von den anderen nicht geteilt wird. Religionskritik muss erlaubt sein. Und vor allem: Kritik an Religionskritik muss erlaubt sein.

Das Video, über das die ganze Welt redet, ist keine Religionskritik: auf dieses Niveau bringt es dieser Trash nicht. Dumme Provokationen sind in dieser Form eine Überstrapazierung der Meinungsfreiheit. Zwar steht es den Menschen frei, auch einer schwachsinnigen Meinung zu sein, nur muss das Recht nicht den sozialen Anklang dieser Meinungen verstärken. Meinungsfreiheit ist zudem ein so hohes Gut, dass es Überstrapazierungen dieser Art verkraften können muss, ohne dadurch gleich infrage gestellt zu sein. Nicht dieses Video sondern der Umgang unserer Sicherheitsbehörden damit wirft ein schlechtes Licht auf unsere Meinungsfreiheit. Daher wird bei uns gerade so viel Satire darüber veröffentlicht: das ist nötig.  

Das müssen wir uns vor Augen führen: Auch schwachsinnige Meinungen sind der Preis der Freiheit, so ähnlich sagte es Jürgen Trittin. Es gibt in freiheitlichen Demokratien kein Recht der verbissenen Leute darauf, vor schwachsinnigen Meinungen geschützt zu werden, denn in einer freiheitlichen Demokratie haben sie das Recht, wegzuhören. Bei allzu arg schwachsinnigen Meinungen haben wir sogar die Möglichkeit, uns auf das Weghören zu ‚verpflichten‘. Soviel Freiheit muss sein. Für  uns und für alle. Sofort und unbedingt.

Tottenham hat keinen „Frühling“

Was in London und anderswo gerade passiert, wundert mich, und gleichzeitig wundert es mich nicht. Wenn ich als Randalierer auf die Straße gehe und Scheiben einschlage und Autos anzünde, und am nächsten Tag sehe ich meine Auswirkungen im Fernsehen auf allen Kanälen und höre Stimmen von Politikern, die meinen Ausbruch wohlwollend als größere soziale Schieflage dimensionieren, die sich im Windschatten des Politiker-Desinteresses der letzten Jahrzehnte hat entwickeln können, dann hab ich das Gefühl an der Spitze von irgendetwas zu stehen – nenne mich wahlweise ‚Bewegung‘ oder ‚Frühling‘ um mich mit dem Unvergleichlichen zu vergleichen, bei dem jeder sofort weiß, dass es ums große Ganze geht – dann sehe ich mich nur einen gerechten Steinwurf davon entfernt, ein sozialer Ankläger und Mahner zu sein und also: werfe ich. Gerecht folgend einem eigen gesetzten Maß von Gerechtigkeit. Werfe mich in einen Moment, in welchem ich mir eine neue Zukunft zu erwerfen hoffe, nachdem ich schon keine alte hatte. Und wenn ich den zweiten Tag in Folge sehe, dass mir besonders dort, wo ich in einem großen unübersichtlichen Mob auftrete, kaum jemand wird nachweisen können, dass ich getan habe, was im Denkstil derjenigen, die mich fahrlässig vernachlässigten, immer noch eine Straftat ist: dann werfe ich weiter. Jetzt bloß das Feuer am Brennen halten, denken manche, jetzt bloß die geschuldete Aufmerksamkeit nicht abebben lassen, denken manche, jetzt bloß starke Statements gegen die politische Kaste äußern, die sich zu sehr in den Mittelstand verguckt hatte um noch Augen zu haben für die Ränder, denken manche. Und diese Manchen schmeißen die Scheiben in ihrem Viertel ein, schmeißen die Scheiben ein von Einzelhandelsläden, die von Bewohnern ihres Viertels betrieben werden, und plündern die Läden in ihrem Viertel. Mit bloßer Sachbeschädigung hat sich niemand dauerhaft politisch hörbar gemacht, bloße Sachbeschädigung und Krawall haben noch nie Argumente gehabt, bloßes Anhängen von eilig per Facebook herbei-konferenzierten Krawalljugendlichen aus den Vierteln, wo es besser zugeht aber die Rebellion noch undenkbarer, da man in behüteten Zuständen dankbar zu sein hat, hat immer Menschen mit ins Boot des Mobs geholt, die nicht dieselben Ziele hatten, die gar keine hatten außer dem Erlebnis, die schnell wieder weg waren, besonders wenn’s ans Aufräumen ging. Ein Frühling für Einwanderer, ein Frühling für die unteren Schichten hätte anders auszusehen. So erreicht man die Welt nur medial, fickt sie ins Auge aber lässt das Sehnsuchtsorgan unbefriedigt, kratzt an der Oberfläche, schürft flach und ändert nichts. Der Aufruhe in Tottenham erinnert niemanden an was Gutes, schon gar nicht an ein längst fälliges soziales Aufbegehren der Unterdrückten – da das Viertel ohnehin ein Gewaltproblem habe, da die Armut dort nunmal so groß sei und so weiter: Tottenhams Ruf verhindert, dass man in diesen Krawallen etwas von grundsätzlich neuer Qualität erkennt: Gewalt gab es in Tottenham schon lange so, und meist richtete sie sich gegen die vor Ort seienden und das ist jetzt nicht anders. Die Gewaltspirale zu durchbrechen, hätte geheißen, gegen das auf die Straße zu gehen, was in Tottenham lange schon gewaltsame Realität ist: und diese Realität kommt nicht primär von außen. Das hat man dort nicht realisiert. Mit Gewalt wird aufmerksam gemacht auf den auch durch offen fortgesetzte Gewalt gesunkenen Lebenswert des Viertels, protestiert wird dabei nie gegen die eigene gute, immer nur gegen die fremde schlechte Gewalt, so unklar auch ihr Einfluss ist. Da kann die selbst mitgeschaffene Stimmung auf dem Kiez so unerträglich werden, dass man selbst gegen sie mit Gewalt auf die Straße zieht, weil einem undenkbar geworden ist, man könnte ursächlich etwas mit den destruktiven Prinzipien zu tun haben, die man fortsetzt weil man sie ja so satt habe. Warum werden Geschäfte geplündert und Geldautomaten aufgebrochen?

Im Schatten des Aufruhrs lässt es sich bedenkenloser bedienen an dem, von dem man meint, es stünde einem sowieso zu, genommen werden aber muss es immer noch mit Gewalt, allein um das Nehmen zu einem bedeutsamen Akt zu machen, dessen Sprache man an den richtig addressierten Orten schon verstehen werde. Tottenham muss sich jetzt rühmen, der Ausgangspunkt zu sein, von dem aus sich in andere Stadtteile, Städte und Regionen Groß Britanniens Proteste hin ausbreiten, die sich auf Tottenham berufen können ohne noch das Feigenblatt Tottenhams, dass es ursprünglich um den Tod eines Menschen ging, nötig zu haben. Nein andernorts, wo offensichtlich lange auf einen noch so geringen nachahmenswerten Anlass gewartet wurde, braucht man schon keine Argumente mehr. Deswegen wird es dort auch schlimmer werden. Bis die Schulferien vorbei sind, bis dahin muss alles passiert sein, was sich unterforderte Insulaner vorstellen können. So dünn kann das Eis gar nicht sein, dass nicht trotzdem noch einige drauf wollen, die für ihren erwartbaren Einbruch den mangelhaften Winter verantwortlich halten wollen. So viel Infantilität wird die Welt immer bereit halten, dass sich diese Motivlagen auch durch alles durchhalten, was zu einem Aufbegehren von grundsätzlicher neuer Qualität hochgeredet werden muss um sich gut anzufühlen. Aber eines glaub ich: Tottenham hätte eine ganz andere Form von Frühling nötig, damit die Sonne immer dauerhafter für immer mehr Menschen auch dort scheint. Ein Rezept habe ich derweil nicht, aber war das nicht zu erwarten?

Während es in London am Abend des 09.08. durch das massive Polizeiaufgebot schon wieder ruhig war, wurden in Birmingham drei Männer überfahren, und damit ist nun endgültig alles vorbei: In den Nachrichtensendungen bemühten sich gestern die Korrespondenten – nahzu unisono sagten sie dies immer wieder – die Vorfälle nicht zu ‚entschuldigen‘ aber sie durch einen Blick auf die Lebenswirklichkeit der sogenannten ‚Lost-Generation‘ doch wenigstens etwas zu ‚erklären‘: Da hört der Spaß auf. Seit wann bitte schön schwingt nicht in einer Erklärung immer auch ein Stück Rechtfertigung, so als wäre menschliches Verhalten eine tierische Reiz-Reaktionskette und da habe man ab einer bestimmten Sachlage nunmal keine Freiheit mehr, sich zu so einem oder so einem Verhalten wahlweise zu entscheiden. Nein, da wird für mich kein Schuh draus: Wir haben die Wahl ob wir kriminell werden oder nicht, wir haben die Wahl ob wir den Stein werfen oder nicht, und eine Erläuterung, die zwar nicht ‚entschuldigen‘, wohl aber ‚erklären‘ will, stellt uns als unfreie Opfer des Milieus dar, die der Situation geschuldete Zwangshandlungen ausführen. Ich will mir den fahrlässigen, vermeidbaren Tod dreier Menschen nicht einmal ansatzweise erklären lassen müssen. Nein, solange wir die Wahl haben, welchen Entwurf wir wählen, bleibt der Steinwurf der freie Entschluss zur Schuldigkeit und Unentschuldbarkeit. Wir müssen die Freiheit der Täter sehen, sonst bekommen wir ein Problem mit der Legitimation jeglicher Strafgesetzgebung, und sonst bekommen wir eine Problem mit dem, was für uns das Wesen ‚Mensch‘ generell ausmacht. Erklären sollte man der Welt nicht den Nährboden der Krawalle sondern die Freiheit der Menschen, erstens dem Milieu nicht mehr ausgeliefert zu sein sobald sie sich Bildung zumuten, und zweitens mit dem freiwilligen Steinwurf eine vermeidbarer Antwort auf eine gesamtgesellschaftliche Frage gegeben zu haben, die sie nicht an sich selbst ran lassen wollen und sie daher mit Protest bis zur Unhörbarkeit überschreien. Ich aber glaube an Freiheit und muss es auch tun um es auch bei dem Steinewerfer mit einem freien Individuum zu tub zu haben. An die Freiheit des Menschen zur Wahl muss man leider – mit Blick auf die gleichtönenden Einordnung des Geschehens durch Korrespondenten – anscheinend ‚glauben‘. Und wer Kriminalität wählt, muss die aktiv daran gekoppelten Effekte, die im Interesse des bürgerlichen Friedens ausgerufen sind, akzeptieren.