Einige Selbstverständigungen literarischer Natur

Je mehr ich drüber nachdenke, um so klarer wird es mir. Mich interessiert im Hinblick auf die eigene, literarische Produktion, Sprache an den Rändern ihres Funktionierens. Der ästhetische Reiz von Gedichten liegt für mich darin, dass sie par exellance der Ort dafür sind, diese Funktionsränder zu begehen und auszuloten und damit per se Testfelder für nicht-alltägliches, nicht-umgangssprachliches Sprechen.

 

Der Redeweise in der von mir gerne gelesenen oder der gar selbst geschriebenen Lyrik mag mit dieser hier geäußerten, programmatischen Vorliebe auch immer etwas Verspanntes anhaften. Aber das ist für mich der vertretbare Preis einer Lyrik, die mit keiner Silbe darum gebeten hat, alltäglich gelesen zu werden oder sich in die Gruppe der Texte einzureihen, die weiterhin nur alltägliche Lesegewohnheiten zu bedienen vermögen.

 

Gedichte sind Grenzfälle der literalisierten Selbstaussprache. Sie sind oft kleine Entwürfe, in denen das funkelnde und schillernde Nichtfeststehen der Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem mit Mitteln des Wortes angedeutet wird. Wo immer Menschen Schönes in sich, in der Sprache, in der Welt finden, besteht die Chance, das ein Gedicht entsteht: vielleicht nur vordergründig Ich-Botschaften transportierend wird ein Gedicht für viele neben mir nur das sein, was darüber hinaus einige ästhetisch reizt, bedeutsam spricht, prinzipiell verstehbar aber nicht zwingend unmittelbar verständlich ist – Text von bleibendem Wert, präzise aber artistisch, sozusagen immer im Dienste der Pflicht, „genial misslingen“ zu müssen.

 

Es verwundert nicht, dass der Hauptseinsmodus aller Grenzfälle die Ambivalenz ist: Im Wunsch nach Selbstaussdruck kommt dem Schreiber heutzutage im Nachhinein oft der Gedanke, dass ein vielleicht zu druckendes Wort zu viel ungefilterte Subjektivität nicht verträgt. Für die Leseöffentlichkeit gilt aber – aus Schutzgründen – dass selbst der sich am ungefiltertsten gebende Autor nur die Fiktion eines Textes ist, der selber immer auch Auskunft über seine Gemachtheit gibt. Der ungefiltert subjektive Autor ist im Zweifelsfall die Fiktion eines Textes, in dem zwangsläufig irgendeine Stimme Regie führen muss. Nicht zwangsläufig seine.

 

Kein Gedicht ist „naturnotwendig“. Kein Autor, der die Stimme seines Textes „Ich“ zu sich sagen lässt, meint sich selbst als bürgerliche Person, schlimmstenfalls kleinbürgerliche. Kein Text rückt durch noch so viele behauptende Intimitätsmarker wirklich allen dicht auf die Pelle.

 

Wovor aber haben abgeschreckte Lyrik-Leser dann Angst? Welche Vorurteile regieren im Lyrik-Abstinenzler?

 

Unter dem Motto „Was, das soll Lyrik sein? Das kann ich auch!“ formieren sich Schutzschilde gegen die gängigsten Ängste weiter Kreise der Bevölkerung, die vom ernsthaften Kunstdiskurs schon seit Jahrzehnten größtenteils abgekoppelt sind, und: dies auch langsam merken:

 

Wenn ein Leser etwas nicht mehr als Kunst bewerten kann, das aber welche ist, dann drohen ihm die Maßstäbe zu entgleiten / Wenn ein Leser die Stoffe, Themen, sprachlichen Bilder, die Arten der Welt- und Ich-Auseinandersetzung nicht versteht, es ihm also schlichtweg zu hoch ist / Wenn es ihn ästhetisch einfach nicht reizt, er aber aufgrund des anempfohlenen Kunstgehaltes und seinem Bedürfnis nach Übereinstimmung mit den Wissenden und Gebildeten lieber unverstandenen Dingen mit innerer Abscheu huldigen müsse / er im Ernstfall eines Gespräches darüber nicht eigenständig auskunftsfähig wäre / er reflektierte Sprechweisen vorgeführt bekommt, zu denen er als Produzent und Urheber von Sprachäußerungen nie fähig sein wird / usw…

 

Lyrik-Lesen wird unter solchen Voraussetzungen zu einer Mischung aus: Pflichtveranstaltung ohne persönlichkeitsbildende Effekte, Quälerei ohne eigenen Gewinn, Vorhaltung der eigenen sprachlichen Unzulänglichkeit, oder taktlos intime Anrührung des eigenen, eingefahrenen Denkkosmos’…..

 

Alles äußerst unschön.

 

Gerade bei Lyrik setzt in exoterischen Denkzirkeln häufig ein anti-poetisches Ressentiment bei Texten ein, die mit ihren Bildern, ihren reflektierten Sprechweisen, ihrem Hochstil tendenziell nur überfordern können, weil sie Experimente auf der Grenze sind. In esoterischen Lyrik-Kenner-Kreisen kehrt sich dieses Ressentiment gerne ins Gegenteil: etwas, was nicht abständig genug ist, ist vielleicht auch nicht Kunst genug, und dann wäre es Zeitverschwendung, ein zweites Mal noch etwas zu prüfen, was sprachlich und weltanschaulich kaum einen Reiz für Kenner bietet.

 

Das wichtigste ist mir: in meiner Lyrik gebietet mir niemand, außer mir selbst. Und mich interessiert Sprache an den Rändern ihres gewohnten Funktionierens. Ich widme mich Gedichten nicht, um Geschichten zu erzählen, mit cooler Dramaturgie oder sonstigem, sondern um mit solchen Äußerungsprodukten Umgang zu haben und mein Spiel zu treiben, die permanent die Äußerbarkeit gewisser Dinge  und damit die verwertungslogische Haltung zur regelkonformen „Produzierbarkeit“ jeglicher Äußerungen hintergehen. Wir wissen: in Zeiten eines praktisch nicht existenten Marktes für zeitgenössische Lyrik ist das Schreiben von Lyrik auch in größeren Verwertungsmaßstäben quasi eine kleine, antikapitalistische Revolution.

 

Die Gute Nachricht ist: Selbst wenn man leicht den Überblick verlieren kann, was wirklich kunstvolle Lyrik ist und was nur Scharlatanerie, es gibt trotzdem Kriterien, die aus dem Funktionieren der Sprache selbst stammen. Es gibt diese Kriterien, sie sind erlernbar, und ihr Umgekehrtwerden  und kreatives Ausgespieltwerden gegen den „gesunden Menschenverstand“ in moderner Lyrik sind einsehbar. Man KANN sehen, wie das funktioniert. Wie es im Entsagen herkömmlicher Funktionszusammenhänge verwaltender Rede auf eine künstlerische Art und Weise zu neuer Funktion kommt.

 

Wer sich dann aber aus Angst vor dem Überblicksverlust darauf herausredet, dass „er das auch“ könne, der gehört in der Regel nicht zur Sorte der Freigeister, die es nicht mit der Ankündigung ihres Könnens  bereits für abgehandelt halten, sondern die im Gegenteil im Eingeständnis ihres Nichtkönnens keine große Worte darüber verlieren, dass sie en passant große Worte schreiben. „Groß“ deshalb, weil deren Auftreten in einer Gesellschaft der anti-poetischen Ressentiments zunehmend Seltenheitswert erhält.

 

 

Haltet aus, was Grass geschrieben hat!

Man tut auch einem Freund keinen Gefallen damit, ihn unkritisch fest drückend zu umarmen, bis ihm aus der Geborgenheit heraus die krudesten Ideen kommen, was er alles darf, was ihm aus der Besonderheit seiner Situation heraus zu dürfen zusteht. Auch ein israelisches Atomprogramm muss unter internationale Kontrolle gestellt werden. Das zu sagen, ist erlaubt, es ist im Sinne der internationalen Sicherheit ein Gebot der Vernunft, die verheerendste Technik der Menschheit unter besonderer Aufsicht zu halten. Das zu sagen ist nichts besonderes. Auch ist jemand, der für Israel die selben Spielregeln fordert wie für alle anderen Nationen (übrigens auch für den Iran, den wir zu gerne rein als Agressor gegen Israel profilieren, selbst wenn israelfeindliche Stimmung beim besten Willen nicht als Gedankengut der gesamten bürgerlichen Schichten im Iran ausgegeben werden darf, andernfalls machte man sich eines neuen Ressentiments schuldig) kein Antisemit. Aber jemand, der sich aus Angst davor, durch den Antisemitismusvorwurf abgeurteilt und disqualifiziert zu werden, das Aussprechen trivialer Wahrheiten lange Zeit meint selbst verboten zu haben, der macht sich durch so einen Gewaltakt, wie Grass ihn vortrug, zwar frei, aber höchstens frei von einer bloß gefühlten Tabuisierung.

Aber trotzdem: Jemand der Israel kritisiert, ist kein Antisemit. Und auch jemand, der Angst vor einem vermeidbaren Konflikt hat, in dessen Verlauf verheerende Waffentechnik zu einem menschenverachtenden und massenvernichtenden Einsatz kommen kann, der ist nicht automatisch ein Pamphletist. Andererseits: Etwas pamphletisches an sich hat bisher schon so manche Spekulation um Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten gehabt. Der Einzige, der perfiden Ernst damit machte, war Saddam Hussein mit seiner Unterjochung der Kurden. Die Prophetie einer Wiederholung solcher Vorfälle allerdings ist mehr als Panikmache: Sie ist die selbst-zuschreibende Vorwegnahme eines ‚Bescheidwissens‘, das um der gekonnte Polemik im Feuilleton willen mit Massenvernichtungen ‚kalkuliert‘, um einen höhrbaren Akzent gegen die Zuspitzung politischer Konflikte zu setzen. Diese Selbstgerechtigkeit, die wir andererseits aber von der Grass’schen Pose gewohnt sind, rechtfertigt allerdings auch nicht den Vorwurf des Antisemitismus.

Grass hat sich, das sei zu seiner Ehrenrettung gesagt, zu Schulden kommen lassen, dass er nicht NICHTS gesagt haben wollte, bevor sich Israel etwas zu Schulden kommen lässt: darin sehe ich keine Ferne zu Israel, sondern eine etwas paternalistisch um Vorsicht und Mäßigung bemühte Parteinahme FÜR Israel, etwa im Tenor von: Überlegt gut und weise, was zu tun ist, und provoziert keine Schnellschüsse. Um für die Warnung im Vorausgriff etwas Schlimmes zu prophezeien, was alles passieren kann, wenn in einer nicht gerade für politische Entspanntheit bekannten Region zu unreflektiert Außenpolitik mit dem Holzhammer betrieben wird: Nun gut: Übertreibung ist auch ein künstlerisches Mittel. Aber: Mit der Optionalität, eben dass das Schlimme nicht eintreten MUSS, ist denn gleichzeitig auch der politische Gestaltungsspielraum aufgetan, der genutzt werden MUSS, bevor mit dem Leben tausender Unschuldiger gespielt wird. Jeder politisch interessierte Mensch weiß, dass Ahmadinedschads Rhetorik seiner politischen Schwäche im Innern geschuldet ist, warum sollte ‚Maulheld‘ eine Untertreibung sein?

Und: Das Wort hat, wer das Wort ergreift. Wenn man das Wortergreifen aber allein den Scharfmachern und politischen Schnellkochern überlässt, wird etwas Unheilvolles draus. Und eben DAS nicht zu wollen, daran muss, gerade im Nachgang der deutschen Geschichte, jedem deutschen Intellektuellen gelegen sein. Diese haben gegenüber der Weltöffentlichkeit eine Verantwortung und Verpflichtung dafür, sich als Frühwarn- (oder wie im befürchteten Fall Spätwarn-)Systeme angesichts hochgekochter Konflikte ins Recht des scharfen Wortes zu setzen: das haben Leute wie Adorno, Enzensberger, aber auch Uwe Johnson, Reich-Ranitzki und andere geleistet. Vorsichtsmahnungen werden nur zu gerne und in erwartbarer Weise von den Konfliktparteien als Missachtung zurückgewiesen: notfalls mit unzulässigen Argumenten gegen die Person (Grass‘). Dieses Wegschieben Grass‘ aus dem Höhrbereich ist aber ganz schön flach.

Sicher, wie Cicero glaub ich gesagt hat: ein sicherer Freund erweist sich in unsicherer Sache. Von welcher Art Freundschaft könnte das Verhältnis Israels zum deutschen Intellektuellentum geprägt sein, wenn der Freund den Freund nicht mindestens auf die vermeidbaren Unsicherheiten der Sache hinweisen darf ohne abgeurteilt zu werden? Es muss gesagt werden: Ein solches Freundschaftsverhältnis aus Sprechverboten wäre ob seiner Einseitigkeit seinen Namen nicht wert.

Also: Haltet aus, was Grass geschrieben hat, und vor allem differenziert es dem Wortlaut nach (nicht alles davon muss man glauben) und differenziert die realpolitische Lage der Sache nach (vieles, was dort möglich ist, scheint uns zu sehr unglaublich). Und nehmt genau so die deutsch-israelische Freundschaft ernst und beim Wort.