Kein Leben nach dem Tod

Oder:
Warum man ein Arschloch sein darf
(Einige Überlegungen)

 

„Es gibt für Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.“
Walter Benjamin

Seitdem wir es immer mehr verstehen, gut zu leben, ist die Frage nach einem Leben nach dem Tod etwas aus dem Fokus gerückt, wie eine schlechte Nachricht, die man aufgrund ihrer radikalen Endgültigkeit lieber erst sehr spät übermittelt bekommen möchte. Der existenzielle Druck, eine Antwort auf diese Frage formulieren zu müssen um die richtige Einstellung zum Leben zu finden, ist deutlich geringer geworden. Warum ist das so?

Alte Antwortmuster haben ihre Gültigkeit oder Verbindlichkeit für viele, oder auch ihre paradigmatische Kraft für die Auseinandersetzung über das Wesen Mensch generell eingebüßt. Gleichzeitig wird aber einerseits in traditionellen, zumeist religiösen Denkzirkeln und in Kreisen der new-age-Esoterik andererseits der Glaube an ein Leben nach dem Tod ‚immer noch‘ oder ‚schon wieder‘ wachgehalten. Sowohl fanatische Terroristen, die ihre Selbstopferung durch ihr paradiesisches Weiterleben gerechtfertigt sehen, als auch frühe Friedensbewegte, die über Drogenerfahrungen zu seltsam verklärten Visionen vom Sein nach dem Tode gekommen sind, haben gleichermaßen das Bedürfnis, die Tatsache der eigenen Sterblichkeit ins Reich der Phantasie zu verschieben.

Dieser Effekt verrät bei beiden, dass die je eigenen Selbst- und Weltverhältnisse auf schwachen Begriffen gründen. Dass mich das interessiert ist klar, denn schwache Begriffe sind für Philosophen immer schon dankbare Angriffsziele gewesen. Mit dem Angriff will man aber keine Träume zerstören, sondern schlecht gedachte, schlecht formulierte oder schlecht praktizierte Phantasien geraderücken, und sie – wenn sie denn zu retten sind – auf ein denkbares und lebbares Reflexionsniveau bringen, oder andernfalls zu klären, warum sie nicht zu retten sind und sie dann mit gebührendem Pomp zu verabschieden.

Mein eigener Tod interessiert mich nicht

Keineswegs ist klar, dass mein Leben und mein eigener Tod in einem so engen Zusammenhang stehen, wie das allgemein gedacht wird. Aus dem Brief an Menoikeus des antiken Philosophen Epikur stammt das in diesem Kontext häufig angeführte und damit fast schon missbrauchte Versatzstück, dass der eigene Tod einen nicht betreffe, „denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Es besagt zunächst nichts anderes, als dass wir im und vor allem nach dem Moment unseres Todes über rein gar nichts mehr von dem verfügen, über das wir zu Lebzeiten mal verfügten. Unser Einflussbereich erstreckt sich auf keine unserer Lebensäußerungen und der uns einbegreifenden sozialen Tatsachen. Wir können nicht mehr handeln und nicht mehr handelnd Teil von Gruppen sein.

Unser eigener Tod gehört als Vorstellungsinhalt und damit als Quelle vieler Auseinandersetzungen zwar zu unserem Leben dazu, aber bereits im Moment seines Eintreffens verändert er die Grundlagen so sehr, dass er nicht mehr reflexiv eingeholt werden kann, weil wir nicht mehr reflektieren können. Reflektieren heißt aber nichts anderes, als ‚zurückwenden‘ oder ‚spiegeln‘, was schon der Wortbedeutung nach ein ‚Neben-sich-stehen‘ des Menschen erfordert. Man tritt als Wesen mit Bewusstsein bildlich gesprochen aus sich heraus und denkt darüber nach WIE man ist, WAS man tut, WIE man sich dabei fühlt, und vielleicht was man glaubt WIE andere sich dabei fühlen. Dem Prozess der Reflexion ist es dabei gegeben, mögliche Wirkung des eigenen Todes auf andere Menschen, die einem vielleicht nahe standen, vorwegzunehmen und durchzuspielen. Dabei kriegt man allerdings nichts über die wirkliche Wirkung heraus.

Die Frage an sich ist schon falsch formuliert

Um sich mehr bewusst zu werden, wo alleine die Formulierungsprobleme liegen, muss man sich den Unterschied der Konzepte „Zustand“ und „Ereignis“ verdeutlichen. Rede ich über den Tod als „Zustand“, dann meine ich eine Ewigkeitsspanne. Sobald man einmal kurzfristig gelebt hat, ist man durch den Tod praktisch für die Ewigkeit nicht mehr. Jeder von uns wird länger tot sein als er je gelebt hat. Damit verbindet sich eine kaum zu beantwortende Frage: Wie sieht es eigentlich mit dem ontologischen Status von Toten aus? Welchen Seins-Status kann man z.b. Menschen nach 1000 Jahren zusprechen, wenn die Länge ihres Totseins mit einem unwahrscheinlich großen Faktor die Länge ihres Gelebthabens übertrifft?

Rede ich vom Tod als „Ereignis“, dann meine ich eine relativ punktuelle, und zeitlich umgrenzbare Änderung, zunächst ein Aufhören von Vitalfunktionen, aber im Nachgang auch eine Vielzahl sozialer und kultureller Praktiken, mit denen der Verstorbene allen seinen Angehörigen, Freunden, Bekannten aber auch der Nachwelt offiziell als „dem Irdischen entzogen“ vorgestellt und sozusagen verabschiedet wird. Beerdigungszeremonielle leiten von dem ihnen vorausgehenden Ereignis des Sterbens in den ewigen Zustand des Totseins über. Manchmal sind sie die viel stärkere Zäsurs als das Sterben selbst.

Wenn man nur ein einziges Leben zur Verfügung habe, so hat sich der Schnack durchgesetzt, dass man es dann auch ‚gut‘ führen müsse. Ein voller Angst und Schmerzen rumgebrachtes und zu früh beendetes Leben, in dem man nie wirklich frei war, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, habe sich dem Anschein nach gar nicht gelohnt und sei deshalb retrospektiv nicht führenswert gewesen und gerade deshalb lieber zeitiger vorbei als dass es sich noch unnötig in die Länge zieht. Die Tatsache, dass wir zu gerne aus Lebensumständen, praktizierten Lebensansichten und anderen Aspekte wie der Lebenszeitspanne uns ein Urteil darüber bilden, wie lebenswert ein Leben, genauer gesagt eine bestimmte Biographie ist oder war, nimmt Einfluss darauf, mit welcher Einstellung wir dieser Biographie am Ende den Tod beigesellen: Als Erlösung von kurzem heftigen Leid oder als bedauernswert frühen Abbruch einer Karriere, die noch vieles hoffen ließ.

Gutes Leben durch „Gutsein“? Am Arsch….

Zu einem ‚guten Leben‘ gehören viele Aspekte, die mitunter nach harter Arbeit klingen: Ich muss gesund sein, die Welt mit einer Mischung aus Vernunft, Herz und Humor sehen können, eine Ausbildung erfahren und einen Beruf ergreifen, der mir Spaß macht, zudem in einer Partnerschaft glücklich werden, etwas erreichen, viele Eindrücke sammeln und für das Alter vorsorgen. Wenn ich keinen Partner finde, lag das vielleicht daran, dass ich den potenziellen Zufallstreffer in der Bar neulich nicht sexy und lebensfroh genug angelächelt und eventuell auch angesprochen habe. Je länger unsere Lebensspannen werden, umso mehr Aufträge kommen auf die „Soll“-Seite. Unter dem Selbstrealisierungsdruck und der Komplexität leiden immer mehr Menschen, sie werden depressiv, ziehen sich zurück oder sie werden zynische Spielverderber, die sich darin inszenieren, die Lebenslügen der Mehrheitsgesellschaft zu demaskieren und den Kuschelkonsens bezüglich der Pflichterfüllungen anhand bürgerlicher Lebenspläne zu diskreditieren. Diese Pflichterfüllung nimmt dabei oftmals die Endlichkeit des Lebens in den Blick und definiert allgemeingültige Lebensziele für das irdische Leben.

Wer zu rücksichtslos sein eigenes Ding macht und ein Leben nach wirklich selbstgewählten Maßstäben führt, wird oft als „Arschloch“ betrachtet. Arschlöcher können kein gutes Leben führen, so glaubt man gerne. Aber dennoch ertappt man sich dabei zu beneiden, wie souverän, stark und unberührbar sich Arschlöcher zu Lebzeiten nehmen, was vielen verwehrt bleibt. Wer sich in Zurückhaltung übt und alles, was ihn strukturell benachteiligt individualisiert, verkehrt Täter und Opfer und spürt einen mitunter enormen Lebensdruck, ohne dass sich dieser dauerhaft mit Lebensfreude paaren kann. Und wenn einem dann ein prototypisches Arschloch über den Weg läuft, ist man erstaunt („Darf der das überhaupt?“), verärgert („Das darf der doch gar nicht!“) oder traurig („Der darf das und ich nicht, weil ich ein guter Mensch sein will.“)

Wenn ich nur dieses eine Leben habe und danach wirklich absolut nichts mehr kommt, darf ich dann nicht auch ein Arschloch sein? Oder besser: Sollte ich dann nicht ein Arschloch sein, damit ich auch das kriege, was ich will und brauche? Von Bertold Brecht stammt das bekannte Bonmot „Sorgt doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“ Es ist ein gängiger Fehlschluss, dass die ‚gute Welt‘ wirklich so gar keinen Platz für Kultivierungen des „Arschlochseins“ hat und dass sie andernfalls schlechter würde. Inwiefern das neu zu denken ist, muss noch geklärt werden. Keine Angst, dieser Text wird keine Rückbesinnung auf den psychologischen Egoismus Hobbes’scher Natur. Er versucht nur Differenzierungen einzubringen, wo noch viele weiße Flecken das Bild beherrschen.

Es gibt kein Leben nach dem Tod. Durch Analyse der Begrifflichkeiten, was es heißt ‚zu sterben‘, kann man den überzeugten Anhängern von Jenseits-Phantasien nachweisen, dass sie einen zu schwachen Begriff des Todes haben. Wer auf Basis gewisser irdischer Voraussetzungen auf die Diagnostizierbarkeit eines Zustandes wettet, der mit der kompletten Änderung jener Voraussetzungen verbunden sein muss, um überhaupt einen Unterschied zu bedeuten, der hat sich nicht damit abgefunden, was der Tod eigentlich bedeutet. Ich kann wissen, dass es ein Leben vor dem Tod gibt. Dass es eines nach dem Tod gibt, kann ich nur glauben.

Was heißt es überhaupt, zu sterben?

Was aber heißt es zu sterben? Ich müsste meiner eigenen Beerdigung bewusst beiwohnen können und wahrnehmen können, welche Vorkehrungen man zur rituellen Verabschiedung meines Körpers im irdischen Bereich trifft. Dazu bräuchte ich eigentlich das lebendige Instrumentarium eines Körpers: Augen, Ohren, die Bedingung, auf der Erde anwesend zu sein. Und vor allem bräuchte ich ein kontinuierliches Bewusstsein. Dies ist nur unter der Annahme möglich, dass es etwas wie eine Seele gibt. Viele Sterbeforscher und Wissenschaftler, die Nahtoderfahrungen analysieren, glauben, Beweise für die Seele gefunden zu haben, ‚wissen‘ können sie es aber nicht und meines Erachtens lassen sich diese zum Beispiel anhand von sogenannten außerkörperlichen Erfahrungen gewonnenen Eindrücke von der vermeintlichen Existenz der Seele gut widerlegen. Das hat bisher niemand systematisch getan.

Die Außerkörperlichkeit ist ein Gehirn-Artefakt. Grundsätzlich hat sie mit der menschlichen Fähigkeit zur Reflexion, Phantasie und autonomer Bild-Erschaffung zu tun, die in der exzentrischen Positionalität (dazu Helmut Plessner) wurzelt. Dass Sterbeforscher über Interviews auf so etwas wie Außerkörperlichkeit schließen wollen, ist seltsam: sie verlassen sich auf Erfahrungsberichte von Menschen, die fast tot waren, aber nicht wirklich hirntot sein konnten, weil sie sonst weder erneut wach werden noch über eine Bewusstseinskontinutität verfügen könnten, mit der sie sich im wieder erwachten Zustand die Erlebnisse des Todes als eigene Erlebnisse zuschreiben könnten. Das heißt, Bedingung für diese Form Erlebnisbericht-basierter Sterbeforschung ist, dass die Probanden eben NICHT sterben.

Ihre Gehirne zeigen Aktivität, selbst wenn es diese Aktivität in einem für uns nicht oder nur kaum physikalisch wahrnehmbaren Level zeigt, heißt das nicht, dass diese Aktivität nicht noch bildliche, akustische Eindrucksartefakte erzeugt, die viel eher aus der bisher weitgehend unverstandenen Kreativleistung des Gehirns kommen, als aus der wirklichen Ansicht einer den lebenden verborgenen Welt – ob nun Himmel oder Hölle. Zudem wollen Nahtodforscher die Außerkörperlichkeit immer durch die Erzählung von „Seheindrücken“ der Probanden bestätigt haben. Das mit dem Sehen kann so seine Schwierigkeiten haben (das zeigen Experimente mit Wahrnehmungskategorien, Gestaltgesetzen, Blinden, usw). Wir haben offensichtlich noch nicht genügend verstanden, warum das Gehirn im niedrigen Energielevel uns immer noch Bildergeschichten erzählt, die aber keine von Objektivität zeugenden Verarbeitungen unmittelbarer Sinneseindrücke sind.Und wir haben noch nicht den Wirklichkeit-gestaltenden Sinn von „Erzählungen im Nachhinein“ begriffen.

Ereignisse vor dem Tod haben nichts mit dem Tod zu tun

Soziologen und Mediziner beschäftigen sich mit dem Nahtod als „Erlebnis“, also mit Vorereignissen des Todes. Damit ist überhaupt nichts herauszufinden über die wirkliche Beschaffenheit des Lebens nach dem Ereignis, das nach den nahtodischen Vorereignissen kommen solle. Die Nahtoderfahrung ist eine reine Schau von Vorstellungsinhalten. Soziologen haben nachgewiesen, dass die Arten der Bilder, die mit ihnen verknüpften Gefühle, kultur- und sozialisationsabhängig sind. Das hieße aber auch, dass die Nahtoderfahrungen umso positiver sind, je mehr Menschen starke weltanschauliche Verankerungen in religiösen Paradgimen haben, die es zur Aufgabe haben, psychischen Schutz gegen die Angst vor dem Sterben bereitzustellen, also gegen die Furcht vor dem Erhabenen zu immunisieren, und dies u.a. mittels ausgeschmückten Weiterlebensideen erreichen.

In einer Welt der schleichenden Säkularisierung ließe sich damit die Tendenz beschreiben, dass uns in Zukunft mehr und mehr Nahtoderfahrungen mit nicht positiv belegten oder zunehmend neutralen Bilderschauen und Visionen konfrontieren. Mit anderen Worte: Wenn man meint, dass man dort etwas über wirkliche und allgemeingültige Lebensbedingungen nach dem Tod herauskriegen würde, dann müsste man mit dem Paradoxon leben, dass sich dieses verlässlich gleiche „Leben danach“ im selben Schrittmaß wandelt wie sich die Einstellungen der Menschen zu sich und zur Welt ändern. Mit dieser Änderungskorellation ließe sich jetzt schon eines gewiss sagen: Dieses Leben danach hätte verdammt viel mit dem davor gemein. Was wir vor dem Tod zu sehen kriegen, erzählt von unserem Leben, nicht von dem, was wirklich kommt, sondern von dem, was wir zu Lebzeiten durch kulturelle Dressur als das kommende zu begreifen, zu erhoffen oder zu wünschen gelernt haben. Zudem sehen wir eine Drogen-Vision: Körper-eigene Drogen befeuern die Bilderschau. Es ist ein evolutionärer Vorteil, dass ein sterbender Körper sich aus Schmerzlinderungsgründen mit eigenen Glücklichmachern vollpumpt, die ähnlich wie synthetische Drogen die Wahrnehmung außer Kontrolle bringen. Niemand aber käme auf die verrückte Idee, Menschen nach einem LSD-Trip nach einer objektiven anderen Welt zu befragen, die sie gesehen haben und für die sie nur gültig auskunftsfähig wären, wenn sie nachweisbar kontinuierlich klar bei Sinnen gewesen wären.

Ethik adé, wir sterben!

Wenn es also kein Leben nach dem Tod gibt, bedeutet das dann, dass ein argumentativer Anker für irdische Ethiken wegfällt? In vielen Kulturen und alten Glaubensparadigmen erscheint der Tod als Bilanzmoment für das Leben. Da man individuell stirbt, wird Gutes und Schlechtes im Leben in einer individualisierten Rechnung gegenüber gestellt und jenachdem das ‚Weiterleben‘ als Belohnung oder Bestrafung eingerichtet. Es gibt ja aber kein Leben nach dem Tod. Rächt es sich also nicht einmal mehr ‚letztinstanzlich‘, wenn man zu Lebzeiten ein Arschloch war?

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht wenige in dieser Vorstellung, es gäbe kein Leben nach dem Tod, eine große Gefahr sehen: eine Bedrohung für die Ethik, für das gute Leben, für internationale und generationelle Solidarität, einen Freibrief für Rücksichtslosigkeit und religiöse Unruhe. Aber nein, diese Gefahr sehe ich entschieden nicht. Wie viele Selbstmordattentäter werden deshalb zu Arschlöchern, eben weil sie an ein Leben nach dem Tod glauben? Damit wäre die Vorstellung hinfällig, das Jenseits gebiete erbarmungslos über eine bestimmte Form irdischer Ethik. Wenn das Jenseits dies nicht kann, kann es eine neue Diesseits-Fokussierung vielleicht eher. Also: Ob man aus der neugewonnenen Gewissheit, dass der Tod kein überirdischer Bilanzmoment ist, die Freiheit ableitet, sich unterirdisch gegenüber anderen Menschen verhalten zu dürfen, ist jedem selbst überlassen. Faktisch rückt aber die Beurteilung aber, ob man ein guter Mensch ist oder nicht, in die Sphäre zurück, in die sie gehört und in der diese Beurteilungen überhaupt nur Sinn ergeben: in den Bereich, wo lebenden Menschen ein unmittelbares Verhältnis in sozialen Bindungen miteinander eingehen und in einer Welt leben und eine Welt gestalten, in der viele vor ihnen waren, viele mit ihnen sind und noch sehr viele nach ihnen sein werden.

Wir müssen zur Klärung guter Argumente für ein gutes Leben die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod überwinden. Alles was nicht notwendig ist, ist entweder Glaubensluxus oder Ansichtssache. Man kann ohne Seele leben und trotzdem ein guter Mensch und kein anderer Mensch sein als der, der man ist. Man kann ein guter Mensch sein ohne dass man dazu zu glauben, gut sein müsse man nur, weil es sich irgendwann auszahlt, wenn im Moment des Todes darüber entschieden werden könnte, dass man sein Leben niemals mehr verlieren muss. Man kann ein guter aber schwer kranker Mensch sein, der sich aufgrund der Schmerzen wünscht, einfach nur zu sterben um erlöst zu sein. Aber selbst der Begriff der Erlösung hört durch den Tod auf, Sinn zu machen. Der Zustand der Erlösung – also das Erleichtertsein von wirklichen Qualen – setzt in dialektischer Sicht ein Subjekt voraus, das diese Erlösung spürt, reflektiert und die Erlösungsgewissheit verkörpern kann. Wann immer wir im Kontext mit Verstorbenen von Erlösung sprechen, verwalten wir leidiglich ein christliches Sprachspiel, von dem nur wir (Über)Lebenden etwas haben. Die Vorstellung, dass es so etwas wie Erlösung geben kann, ist ungemein tröstlich. Aus geistig-immunologischen Gründen halten wir auch an diesem schwachen Begriff fest.

Zwar wurde es mancherorts Jahrtausende lang gepredigt, aber: Das Leben nach dem Tod kann und sollte für Menschen nicht als die Erlösung zum Guten erscheinen. Wer das nämlich zu intensiv glaubt, wird zu Lebzeiten eher ein echtes Arschloch, als diejenigen, die nur deshalb als Arschlöcher erscheinen, weil ihnen das Leben irgendwie leichter von der Hand zu gehen scheint und denen die Lebenszuversicht praktisch genügend Fassung vor der Sterblichkeitsgewissheit gewährt. Menschen, denen es im Leben gut geht, sind weniger dazu gezwungen, auf das erlösende Paradies, höhere Gerechtigkeit oder nachholende Usurpation zu hoffen.

Und wo spricht man noch vom „Leben“?

Ebenfalls zur Schärfung und Pointierung des Themen-Überhangs empfiehlt sich, den Begriff des Lebens besonders in seinen „Bindestrich-Varianten“ metaphorisch aufzufassen und auf einzelne Phasen eines einzelnen Lebens zu beziehen. Vielleicht lassen sich daraus Muster der Perspektivierung von „endenden Phasen“ gewinnen. Im heutigen Erwerbsleben gibt mancheiner seine körperlich und geistig aktivsten Lebensjahre hin für die heteronomen Zwecke einer mitunter schlecht bezahlten Erwerbsarbeit. Sicher kehrt auch das sich langsam um und die Erwerbsbiographien werden immer offener, aber noch immer ist ein übertriebener Lebensarbeitszeit-Realismus weit verbreitet: Gute Lebenszeit in der Rente verdient man sich durch effiziente Arbeitszeit davor. Es gibt also ein Leben nach dem Arbeitsleben, das je nachdem wie die Arbeit empfunden wurde, als eine Bestrafung oder Erlösung erlebt werden kann. Bei der Aussicht auf das Ende des Arbeitslebens, des Liebenslebens oder zum Beispiel bei der Bedrohung des Privatlebens geht es um für die Identitätsbildung relevante Antizipationen von Grenzerfahrungen und deren Bewältigung noch bevor das wirkliche Ende der jeweiligen Phase eintritt. Die Strategien dieser Bewältigung von Grenzerfahrungen können unterschiedlich ‚lebensklug‘ oder unterschiedlich ‚lebenspraktisch‘ sein und damit unterschiedlich tauglich für eine wirkliche Bewältigung existenzieller Lebensthemen. Wenn sich rausstellt, dass eine der Strategien, mit der Angst vor dem Verlust des Privatlebens umzugehen zum Beispiel ist, eine Art „öffentlichkeitsscheues Arschloch“ zu werden, dann ließen sich so definitiv Beurteilungsmuster gewinnen. Ähnlich verhält es sich mit der ethischen Gestaltung meines Lebens je nachdem ob ich den Tod als endgültiges Ende oder als Vorstufe zum Weiterleben ‚denke‘ und jeweils unterschiedliches daraus ableite.

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Von der Unwahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, das uns nicht ähnlich sieht…

„Welchen existenziellen, mehr als theoretischen Unterschied würde es ausmachen, mehr zu wissen – vom Dasein uns geistig ähnlichen Lebens anderswo zu erfahren? Meine Antwort ist: gar keinen.“

(Hans Jonas: Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen. Frankfurt am Main 1994. S. 253)

Wir suchen das absolut Exterritoriale und finden Bilder und Beschreibungen dafür, die auf Linie unserer Kategorien liegen: Wir denken uns intelligentes Leben mit Kopf, Armen und Beinen und einer Sprache, die wir zwar nicht verstehen, die man aber lernen könnte, wie Japanisch oder ähnliches. Wir wollen das Phantasma einer absolut exterritorialen Lebensform und kultivieren in Science-Fiction-Filmen eine Angst davor, die wir selber in diese Projektion hinein-plausibilisiert haben: Natürlich müsste man im absoluten Außen unsere irdische Ethik mit Füßen treten – natürlich stellen wir uns daher den Auftritt von Aliens so vor, dass sie ganz unbedingt mit Vernichtungsabsichten gegenüber uns Menschen aufträten: Sie kommen von draußen, sie wären damit an keine unserer innerweltlichen ethischen Implikationen gebunden, so denken wir. Anders Immanuel Kant, der seine Vernunftgrundierung intelligenten Lebens so formuliert wissen wollte, dass sie universal gültig ist und bei allen (noch nicht entdeckten, vielleicht nie zu entdeckenden) intelligenten Lebensformen genau so zu finden sein würde. Das könnte man wissen: Das will man aber nicht wissen. Wer Lust am Gruseln hat, muss Kant suspendieren. Wer Kant in dieser Hinsicht nicht versteht, kommt beim Gruselbedarf leichter auf seine Kosten. Nicht denken zu müssen, entlastet. Leider entlastet es aber auch von präzisen Einsichten. Eine dieser Einsichten könnte sein: Wir werden es nie mit Aliens zu tun bekommen können, die uns nicht ganz grundsätzlich ähnlich sehen, schockierend ähnlich, sozusagen wie wir: Wie Menschen. Fremd sind wir uns selber schon genug, unser eigener Gruselbedarf ist uns intransparent. Was verstehen wir dann überhaupt von uns? Die Baustelle sind nicht Aliens. Die Baustelle sind wir. (Also doch ‚Aliens‘?)

 Wer die Evolution richtig denkt, weiß um die Unwahrscheinlichkeit der Koinzidenz derjenigen Faktoren, die uns möglich gemacht haben. Dieses Übereintreffen als ‚Glücksfall‘ zu akzentuieren, ist Unsinn: Viele Menschen, die sich der Kontingenz nicht bewusst werden, spotten dem ‚Glücksbegriff‘, da sie der Erde nur dogmatischen Druck hinzufügen. Wessen Denken die Chaostheorie fassen kann, der weiß um die Unwahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im Universum. Wer das Chaos der Piratenpartei kennt, weiß ja auch um die Schwierigkeit mehr oder weniger intelligenten Lebens, eine technisch astreine Bewältigungsstruktur für die Koordination von Willensbildungsprozessen zu finden. Welchen Intergalaktischen Krieg sollten wir schon gewinnen? Aber so weit wird es ja gar nicht erst kommen.

Noch dazu: In unserem physikalischen Universum halten großartig unterschiedliche Bauformen nicht lange dem Praxistest stand. Das Resultat ist konvergente Evolution: auch mit großem zeitlichen und räumlichen Abstand entwickeln sich in varianten Biotopen Lebensformen immer nach ähnlichen Strukturprinzipien. Aliens würden uns verdammt ähnlich sehen… so oder so.

Harald Lesch dazu:

http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-centauri/alpha-centauri-ausserirdische-2001_x100.html

Dass schon allein unsere Existenz unwahrscheinlich ist, ist für uns schwer mit der menschlichen Innenperspektive zusammen zu denken, die uns immer wieder vortäuscht, das mit uns sei was ganz großes und Erhabenes. Wenn dieser Erhabenheitseindruck mal wieder durch unsere chaotische Kleinheit und Unzulänglichkeit konterkariert wird, flüchten wir uns in Religionen: Mit denen richtet sich unsere Vorstellung, dass wir in unserer geballten Dummheit und Widersprüchlichkeit auch noch von einem höheren Wesen gewollt sind, gemütlich ein, ohne dass wir merken: ein solcher Schöpfer müsste einen verdammt miesen Humor haben. Menschen mit religiös-rührig feuchten Augen wollen das gewollte Produkt eines Wesens mit miesem Humor sein. Ok, wer das will, soll das tun. Immerhin treten Aliens in Gruselfilmen immer als komplett humorlos auf. Hat sich schon mal einer gefragt, warum? So viel Klugheit um technisch so weit zu kommen wie wir Menschen, erträgt niemand ohne ein Moment der Flexibilität in seiner Haltung: also Humor. Wie könnten hoch-intelligente Vernichtungs-Aliens das ertragen, wenn sie nicht lachen könnten? So unwahrscheinlich schon unsere Existenz ist, umso unwahrscheinlicher wird es mit uns schon, dass das nochmal passiert sein soll: als statistischer Fall liegen wir bereits vor. Wer einmal im Lotto gewonnen hat, hat schon mehr Glück gehabt als rechnerisch möglich. Er sollte von weiteren Spielen Abstand nehmen, es sei denn er hat eine gute Frustrationstoleranz. Erneut zu spielen ist keine wirksame Beherrschung oder Handhabung des Zufalls. So gerne man das auch glauben möchte.   

Das Universum ist nicht unendlich groß. Dazu kommt: Wahrscheinlichkeiten sind keine wirklichen Aussagen über die Realität, denn da sie nur im Unendlichen zutreffen, lässt sich ziemlich lange, und zwar fast ebenso unendlich, an einer Wahrscheinlichkeitsbehauptung festhalten, selbst wenn empirische Proben immer das Gegenteil behaupten. Auch beim tausendsten Gegenbeweis müsste man immer nur sagen: Hauptsache es stimmt im Unendlichen. Die Fähigkeiten der Erdbewohner sind nichts universell Wahrscheinliches, keine Rechnerei kann mehr als nur die Möglichkeit einer gleichen Entwicklung behaupten: letztendlich Dinge, die man ‚glauben‘ muss. Das Statistikgehudel ist spekulativ und verstellt geradezu die Diskussion um die Bedeutung, die ‚das Andere‘, ‚die Anderen‘ und absolute ‚Transzendenz‘ für uns  als Vorstellungskonzepte haben.

Aliens hingegen haben keine Götter, weil sie topologisch mit Gott um die Situierung im absoluten Außen konkurrieren und diese Konkurrenzfrage durch Menschen entschieden werden muss, wobei in Hollywood-Blockbustern letztlich Gott der Zuschlag erteilt wird: Ist es uns jemals in den Sinn gekommen, zu glauben, Aliens könnten Götter haben? Ich habe in Filmen noch nicht gesehen, dass ‚potentiell mögliche Aliens‘ die Erde angreifen: nur konkrete Aliens, mit einer Gestalt, die die menschliche Handschrift trägt – ähnlich wie bei den meisten Gottesvisualisierungen, die den Menschen so passieren. Als Bedroher irdischer Ethik und als Wesen mit exterritorialer Herkunft automatische Gott-Konkurrenten müssen Aliens selbst als gottlos vorgestellt werden. Damit verkörpern sie das, was der häufigste Vorwurf in zugespitzten interkulturellen Konflikten zwischen realen Menschen ist: der Vorwurf, die jeweils andere Partei müsse vernichtet werden, weil sie gottlos sei. Das ist eine Frage der Deutungsmacht. Und: Es ist immer der Andere, weil der Andere – im Sinne eigener Identitätsbildung – immer das Fremde im eigenen Ich überspitzt und leibhaftig vorstellt, damit aber für den Normbedachten Menschen immer die Gefahr bereithält, ihm aufzuzeigen, dass er nicht in das Normkonzept des eigenen Diesseits der Kulturellen Demarkationslinie passt, und damit potentieller Weise zur Zielscheibe der Aggression der eigenen Kultur werden könnte. Diese Gefahr ist existenziell: in unaufgeklärten Kulturen hängt die Frage von Leben und Tod daran. Ketzer kommen auf den Scheiterhaufen, Hexen auch, Kommunisten, Demokraten, alle Unangepassten, alle ‚Anderen‘.   

Technokratisch verbildeten Menschen reicht eine rechnerisch nicht auszuschließende Minimalstwahrscheinlichkeit, um zumindest den Raum für Träumereien nicht abzuschließen. Ich als Philosoph bin da abgeklärter als manch positivistischer Naturwissenschaftler: und ich lasse daher nur nicht-naturwissenschaftliche Erklärungen für die ‚menschliche Natur‘ gelten.

Es ist eigentlich eine kulturwissenschaftliche / philosophische / soziologische Frage, warum uns Aliens so beschäftigen, und es ist eine Sache unterkomplexer Reflexion und eines gigantischen reflexiven Nachholbedarfs darin, warum wir – wenn wir an ‚das Andere‘ als phänomenale Folie für Selbstvergewisserungsprozesse denken – so brachial und infantil das Extremst-Andere in Form absolut exterritorialer Wesen bevorzugen, und ihnen in unseren hilflosen Visualisierungen denkbare Gestalt verleihen: sodass unsere Bebilderungen verraten, dass wir nicht über die Kategorien verfügen, das ‚wirklich‘ ‚Andere‘ wirklich erwarten zu können: es fehlt uns gewaltig an kreativer Einbildungskraft. Auch Filme in 3-D, mit hochauflösendem Bild und überfrachteter Story können dieses Einbildungskraftdefizit nicht einholen sondern nur vergrößern, wo sie zum Vorstellungslieferant für eine ganze Menschheit herhalten.

Kein Wunder, warum wir das Infantil-Phantastische und gigantisch Bebilderte ständig für-wahr halten müssen. Kein Wunder, warum es uns lieber ist, die Für-Wahrheit des Infantil-Phantastischen nicht etwa mit Argumenten zu kritisieren sondern mit Zahlenreihen in Statistiken zu affirmieren. Die Affirmation des Diffusen und der von latenter Aversion begleiteten Ungewissheit hat noch niemanden klüger oder besonnener gemacht.

Hinsichtlich einer klaren Einschätzung der Lage steht es uns im Weg. Ich meine weil: im Begriff ‚Alien‘ steckt die Fremdheitserfahrung drin, die man so an der ‚möglichen‘ Form intelligenten Lebens in diesem Universum logisch nicht als wirkliche ‚Fremdheit‘ bezeichnen kann, weil  uns die Naturwissenschaft schlüssig gezeigt hat, nach welchen Kriterien das funktioniert. Die eigentliche Frage, wie man sowas gedacht kriegt, ist keine Frage von statistischen Zahlen sondern eine kulturwissenschaftliche: Wie gehen wir mit Fremdheit und Identität um (schon allein auf unserem Planeten…) Die Erklärung ist denkbar simpel und hat mit der identitäts-bildenden Qualität des ‚Anderen‘ zu tun, physikalische Gesetzmäßigkeiten in unserem Universum lassen aber ein intelligentes Leben, das anders funktioniert als wir, nicht zu. Darum würden Aliens wahrscheinlich erstaunlich menschlich wirken. Der Rest, der an Differenzen bliebe, wären Unterschiede, die nicht größer sind als die zwischen Chinesen und Afrikanern. Solange uns  das aber auf unserem eigenen Planeten schon vor Probleme stellt, sollten wir nicht von Aliens träumen…

Die fremde Kultur von nebenan stellt uns vor größere Herausforderungen, die wir aus eben den Überforderungsgründen gar nicht erst angehen: In Hollywood-Blockbustern scheint der irdische interkulturelle Konflikt erst überbrückbar dadurch, dass eine exterritoriale Macht keinen Unterschied zwischen den zu vernichtenden Menschen und ihren kulturell unterschiedlichen Konkretionen und divergenten Ethiken macht. Dass menschliche Kulturen in der fingierten Wirklichkeit des Films erst angesichts der Apokalypse von ihrem Bestehen auf Differenz voreinander abrücken um Einigkeit gegenüber dem absolut Fremden zu behaupten – und das ganze erst in dem Moment, wo ihnen eine überlegene Macht diese Entscheidung schon abgenommen hat – ist bezeichnend. Bezeichnend auch, dass der durch viele Blockbuster hindurch schimmernde religiöse Subtext trotzdem noch ein Happy-End verlangt, um die Konkurrenz der exterritorialen Wesen (Außerirdische vs. Gott) zugunsten des Wesens zu entscheiden, das uns näher ist, weil wir es selbst konstruiert haben (Gott) und uns unter seinen Fittichen wähnen.

Die gute Nachricht ist: Wir werden die Anstürme von ‚außen‘ wahrscheinlich alle überleben, nicht aber ohne uns einzureden, dass es berechtigt sei, in grundsätzlicher Aversion gegen alles Fremde, das unsere Normvorstellungen überstrapaziert, zu bleiben. Das ist die schlechte Nachricht: Nach dem Sieg über die Aliens dürfen wir uns wieder die Köpfe einhauen. Das historisch sich wie ein roter Faden durchhaltende Konfliktpotential im ‚innen‘ unseres Globus‘ ist mit dieser Gewissheit geradezu begrüßt, stabilisiert und auf Dauer gewollt. Unsere wirklichen Konflikte drehen sich irdisch um die Deutungshoheit angesichts eines nie wirklich hereinbrechenden absoluten Außen, das unsere Deutungsprognosen mit der Realität des Außen konfrontierte. Wir brauchen uns gar nicht zu vereinen, und dürfen uns weiter ungestört die Köpfe einhauen. Nur leider ist diese gute Nachricht keine gute Nachricht. So viel Zynismus haben wir uns durch unsere Scheinheiligkeit eingehandelt.  

Wenn uns das ewig Kreislaufhafte des Weltalls irritiert, liegt es nahe, aus bloßem Kontrastdenken heraus die Persistenz des Immergleichen mit der Möglichkeit eines Bruches zu konfrontieren. Aber glauben Sie mir: Wir sind für den Lauf des Universums zu unerheblich, als dass unser Kontrastbedarf auf dessen Regelmäßigkeit auch nur den geringsten Einfluss hätte. Alle Untergangsprophetien sind in dieser Hinsicht hilflose Aufschreie gegen die eigene Einflusslosigkeit im Ganzen und gegen die Irritation, die das unverstehbare Ganze hervorrufen muss, wenn von ihrer Ratio überzeugte Ganzheits-Fundamentalisten konfrontiert sind mit dem anspruchsvollen Programm, den einen Zugriff auf das Zu-Große meinen meistern zu müssen. Es gab Zeiten, da wollten Philosophen das auch noch. Davon haben sie sich verabschiedet. Zu recht.   

Das Andere erfahren, heißt, sich über sich selbst klarer werden zu müssen. Es geht bei allem wie immer um Fremdheitserfahrungen. Trotzdem wir von Globalisierung faseln, sind wir mit dem immanenten Fremden in interkultureller Perspektive schon so überfordert, dass wir Hollywoodphantasten uns in Afrikaner nicht halb so gerne hineindenken möchten wie in Aliens. 

Der frei gewordene Mensch ist frei nur als ‚Sichtbarkeitskrüppel‘ (wie es Sloterdijk in Du mußt dein Leben ändern für Sartre und Blumenberg sagt), ist also in seinen möglichen Entwürfen nicht frei von den Hinsichten der Anderen: Wie ihre Entwürfe als Formatvorlage für Selbstentwürfe durch Sichtbarkeit verfügbar werden, so scheint in der Wechselseitigkeit ein unterschwellig drängendes normatives Moment mit den bloßen Entwürfen noch etwas mehr vorzuhaben: Nämlich sie auf ihre ‚Richtigkeit‘ zu prüfen, also sie prinzipiell nur in normativer Hinsicht voreinander antreten lassen zu wollen. Dieser Einschränkung der Entwurfshinsichten von den Anderen – elementar: verschiedener Kulturkreise voreinander – versucht Helmuth Plessner in Macht und menschliche Natur wieder aufzuweiten mithilfe einer Art Proto-Kulturrelativismus, der aber nicht konkrete Entwürfe allgemein relativiert, sondern Entwürfe im Besonderen vor einem Gegeneinander-Ausspielen bewahrt, indem die Relativität eines Entwurfs zu einem Bezugskreis einerseits den Beliebigkeitseindruck wegschiebt, und andererseits die Relativität aktual verschiedener Kulturkreise auch voreinander gelten lässt.

Nur gegen das Beliebige lassen sich durch den Idealismus hart-normativ abwertende Urteile aussprechen; der Bruch mit dem Idealismus muss also bei Plessner darüber beginnen, dass verschiedene Kulturkreise in nicht-normativer Hinsicht voreinander als verschieden und damit als mit universal gleichem Recht relativ auf ihr je eigenes Gewordensein erscheinen können: dieser Respekt vor der Ausdifferenziertheit ist idealistisch lediglich in der minimalen Hinsicht, dass er in universell-einender Absicht mitgeführt wird, und sogar auf ‚Aliens‘ (also alle Menschen in diesem Universum) ausgedehnt werden kann. 

Kulturen dürfen selbstverständlich sein was sie sind, wenn sie als geschichtlich-geworden erkannt werden. Keine Kultur hat damit aber das Recht erworben, auf ewig das zu bleiben, was sie mal geworden war. Es muss immanente Opposition geben können, und es muss Differenz geben, die ohne Aggression auskommen kann: eine reife, gemütstechnisch temperierte Weltsituation wäre das, von der wir auch heute noch – trotzdem uns das Geld entspannt hat, weil wir auf Zinsen gucken können und nicht auf Menschen gucken müssen, was auch wieder äußerst ambivalent ist – entfernt sind.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wenn auf einem entfernten, erdähnlichen Planeten, Menschen sitzen, sie wenn sie an uns denken dabei die Figuren zeichnen, die wir zeichnen, wenn wir an sie denken? Sehr. Nur wir werden nie in die Verlegenheit kommen, sich diese Wechselseitigkeit bestätigen zu lassen: Die ‚Anderen‘ sind immer so unendlich weit weg, mathematisch im kaum bestimmbaren Bereich des Wahrscheinlichen. Daher haben sie keine Bedeutung für uns.  

Keine (auch keine fiktive) Kultur darf vor Entwurfshinsichten geschützt werden, sonst bläst sich ihre Normativitätsvorstellung so stark auf, dass ihr jede Kleinstabweichung erst eine besondere Erwähnung und dann eine besondere Ahndung wert wird: Vor Vergleichen und Varianzgewissheit geschützte Kulturen entwickeln gerne einen selbstzentrierten Kultur-Positivismus, der Aggresion gegen alles andere legitimiert. Da die Aggression gegen übermächtige Aliens doch arg zu hilflos wäre, wird dieser Kampf, der reine Projektion ist, in der Filmfiktion durch eine Art Gotteswille zugunsten des als schwach vorgestellten Menschen entscheidbar gehalten, was uns vorgaukelt, dass wir bei der Weichenstellung für unsere Zukunft nicht mitzureden hätten.

Das ist grob falsch: Menschen leben ihr Leben nur dort als Menschen, wo sie es führen. In Syrien werden gerade die Weichen für die Überlebenszukunft eines Volkes gestellt, und siehe da: Wir reden mit. Aber mehr eben auch nicht. Wir gucken zu und reden und belassen es dabei. Mehr vernichten können uns auch Aliens nicht, als wir uns durch unsere Passivität, die wir uns von Filmen beibringen ließen, für die wir viel Geld bezahlt haben. Die wirklichen Abgründe sind nicht im Außen, sondern in dem nicht-verbalisierten Kern der Menschen, in uns allen.

Fiktions-Aliens sind statistischer Blödsinn, irdische Aliens sind die reale Aufgabe, an der wir regelmäßig scheitern, weil wir unser Leben nicht führen und unsere Normativität vor Vergleichshinsichten in Absicht  der Entkrampfung schützen aber damit defacto all unsere Routinen unreflektiert und damit einen Großteil unseres Lebens unbegriffen lassen.

Wer unter euch damit kein Problem habe, der fürchte sich vor dem ’nächsten‘ Angriff aus dem Weltraum.