Assortative Paarung und Demodystopie

oder: Stell dir vor, du bist Philosoph, es ist Paarungszeit und niemand ist da…

 

 

 

Wir alle sind gerade in schwachen Zeiten der Meinung, dass mit der Erfüllung eines bürgerlichen Lebensplan-Solls ein nicht unerhebliches Versprechen auf privates Glück einhergehen kann. Dazu rückt irgendwann die Aufgabe des Individuen-Status zugunsten der Paarbildung in den Fokus.

Demodystopien, also Szenarien, die uns über die Entvölkerung ganzer Landstriche auch in entwickelten Industrienationen in Kenntnis setzen, sagen zunächst nur: Es gibt immer weniger Menschen innerhalb eines bestimmten nationalen, kulturellen oder ethnischen Bezugsrahmens. Der Kreis der zur Auswahl stehenden Gelegenheiten aus Fleisch und Blut zieht sich immer enger zusammen. Einen entscheidenden blinden Fleck hat auch jede gut recherchierte und um die Plausibilisierung ihrer Ergebnisse redlich bemühte Demodystopie dann doch: Sie spricht nie von geistiger, intellektueller Entvölkerung. Nettoabtropfmasse an Menschen garantiert für keine Findung passender Partner, sie sagt nichts über Chancen positiver Assortativität der Geister, die sich finden wollen, um gegenseitig – mehr als nur ihre Körper – ihre Selbst- und Weltverhältnisweisen zu befruchten. Stell dir vor, du bist klug und auf Partnersuche und niemand ist da. Keine Sau….

Es hat schon seinen Reiz, Begriffe aus der Evolutionstheorie und Verhaltensbiologie auf geistige Passungskriterien zu bürsten. Unter positiver Assortativität verstehe ich, dass das Kriterium gleicher oder sich ähnelnder Eigenschaften bei der Partnerwahl im Vordergrund steht, bei negativer Assortativität geht es um die Triggerwirkung unterschiedlicher Eigenschaften. Alle Lebewesen höherer Ordnung sind getrenntgeschlechtliche Populationen, was dazu führt, dass auf dem Findungsmarkt Eigenschaftsunterschiede oder -Gleichheiten erst ihre kritische Relevanz gewinnen.

Trotz aller Unterschiede oder Gleichheiten suchen wir verzweifelt nach einem anderen Menschen als dem, der wir selbst sind. Dazu müssen wir oft Strecke zurücklegen, rein äußerlich. Alle früheren Kulturen – besonders die, die durch eine hohe soziale Dichte, durch das Leben primär in kleinen, überschaubaren Umkreisen, den Gemeinschaften gekennzeichnet sind – kennen das Zurücklegen von Strecke unter dem Phänomen der Exogamie. In der Regel verlangt die reine Bestandserhaltung die Fokussierung auf die Gemeinschaft, auf ihre Immunisierung gegenüber externen Einflüssen. Wo es aber um Bestandsneubildung oder -Erweiterung geht, müssen sich geschlossene Zirkel öffnen und auf externe Individuen aus anderen Gemeinschaften zurückgreifen. In genetischer Hinsicht bewirkt die Durchmischung auf Basis blutstechnischer Nicht-Assortativität, dass Populationen genügend Varianzen erzeugen um nicht an ihrer Verarmung erkranken zu müssen. Genetische Unterschiedlichkeit ist allerdings schwer codierbar, in der Regel ist ihre Wahrnehmbarkeit kulturell konstruiert. Die narrative Spur, die mit der kulturellen Abständigkeit einer fremden Exogam-Gemeinschaft gleichzeitig eine genetische Ferne garantiert, kann diese Korrelation nicht natürlich erklären, denn genetische Abständigkeit kann durch kein menschliches Sensorium wirklich erspürt werden. (Außer dem Geruchssinn vielleicht.) Gleichzeitig wird der Nicht-Assortativitätsbedarf, der hinter der Exogamie steckt, in Schieflage gebracht durch die Gefahr, die in Frühkulturen allem „Fremden“ automatisch innewohnte, einfach weil das Fremde immer das „absolute“ Andere war. Deshalb war Exogamie nur zu bewältigen durch: Politisch verordnete Eheschließung, oder durch gefahrenmildernde Suche nach ‚weichen‘ positiv-assortativen Merkmalen im fremden „Anderen“: etwa gleicher Geschmack des Exogam-Partners, ähnliche Tagesabläufe und Rituale. Nur dann kann man nichtsdestoweniger Partner dort finden, wo man sie niemals vermuten wollte.

Dass wir uns auf den Anderen „als“ Anderen – also als nicht bereits identitär in uns begriffenes Gegenüber – überhaupt einlassen können, erfordert in einer Zeit der Offenheit und geographischen Schizophrenie eine Ferne-überwindende Kommunikation, die Nähe fingiert, sowie das Pendeln zur Wochenendbeziehung, oder andernfalls das Aufsuchen neuer Weideplätze oder Fleischmärkte. Der moderne Kopfarbeiter lebt mit dem Globus als Gewissheit, der Welt als Perspektive und sucht sich haltungsflexibel eine neue Wiese. Denn dass sich die Erfolgschancen in einem leeren Landstrich lediglich durch einen neuen Aufwand in der selben alten Sache steigern ließen, darf mal grundsätzlich bezweifelt werden. Zumal von mir.

Und wenn Klassiker aus der Kategorie „Klug aber schwer vermittelbar“ (zum Beispiel Mathematiker) dem Geld und dem selbstbestimmten Leben ortsungebunden hinterher eifern, verträgt sich mit diesem Stil des Seins kaum etwas anderes als das Modell einer offenen, polyamorösen Fernbeziehung, die Elemente aus menage-a-trois und living-together-apart zu einer latent explosionsgefährdeten Mischung vereint. Wer glücklich werden wollte, verliert sich aufgrund der Leere vor Ort als Freier Mensch mit Prioritäten in solchen Bindungen, die ihren Namen nicht wert sind.

Und stell dir vor, du bist klug und es ist jemand woanders da, der deine Bedenken bei der Paarwerdung teilt….

Und wenn wir uns trotz Distanzen von New York bis nach Berlin so sehr auf Nähe gechattet und geskyped haben, dass wir beginnen und wechselseitig mit Nachdruck nach unseren Vorstellungen zuzurichten und in Kenntnis unserer ursprünglich faszinierenden Gleichheiten oder Unterschiedlichkeiten nun beginnen, uns ein Leben auf Dauer in räumlicher Nähe zuzumuten, auf das wir gar nicht vorbereitet werden konnten, dann ist es schade, dass es fast schon egal ist, ob es nun die große Liebe hatte sein sollen, die es nicht sein konnte. Denn in einer Welt des Tausches auf Menschenmärkten gilt nachwievor das gute alte Wort aus der ‚Dialektik der Aufklärung‘: „Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft.“ Na schönen Dank auch.

 

 

 

 

Hier ein kleiner Nachbericht von der Phil.Cologne, auf der dieser Text zu hören war und wo ich relativ am Anfang auch noch interviewt werde: http://www1.wdr.de/fernsehen/kultur/west-art/westartphilcolognebackhaus100.html

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Warum gibt es hier keine Literatur von Bedeutung?

„Weitergehen und Weitermachen überhaupt wird zur Rechtfertigung für den blinden Fortbestand des Systems, ja für seine Unabänderlichkeit. Gesund ist, was sich wiederholt, der Kreislauf in Natur und Industrie. Ewig grinsen die gleichen Babys aus den Magazinen, […]. Bei allem Fortschritt der Darstellungstechnik, der Regeln und Spezialitäten, bei allem zappelnden Betrieb bleibt das Brot, mit dem die Kulturindustrie die Menschen speist, der Stein der Stereotypie.“ (Dialektik der Aufklärung 2004, 157)

 

Beim Lesen von Irina Liebmanns ‚Berlin‘-Roman „Die freien Frauen“ ist mir wieder eingefallen, warum Städte mir nur dann als symbolreiche Erlebniswelten und -strukturen vorkommen, wenn im bedeutsamen Ton in Texten von bleibendem Wert über sie geschrieben worden ist, sie beschrieben worden sind, sie fiktionalisierte Erlebnisstruktur geworden sind, die mit Protagonisten gefüllt ist, in denen sich die Stadt auch innerlich spiegelt, weshalb es mehr als Zufall ist, dass die Stadt diese und jene ist: Sie wird gebraucht, sie ist Figur, sie ist unabdingbarer Teil der Erzählung. Es gibt Städte, die haben eine Reihe guter Erzähler, schon rein mengenmäßig ist Berlin mit Erzählern so überausgestattet, dass in dem feinmaschigen Netz meiner aussiebenden Überlegungen dann mindestens ein paar Erzähler hängen bleiben, von denen ich bereitwillig sage: Wenn ich die Stadt verstehen wollte, hätte ich wenigstens die und die, an die ich mich halten kann und wenn das Gesicht der Stadt es schon nicht mehr verrät, aber ihre Geschichte könnte nicht ohne diesen und jenen Erzähler geschrieben werden, könnte nicht an zum Beispiel Irina Liebmann vorbei erzählt werden. Für mich steigert das auch den Erlebenswert einer Stadt: Eine Stadt, die im kollektiven Gedächtnis prominent sein kann, ist eine beschriebene, eine, aus der Geschichten kommen, die man für wert hielt sie aufzuschreiben, zu tradieren, denen man zutraut, dass sie Auskunftgeber ihrer Epoche, ihrer Zeit und sonst noch was sind. Lebenswert scheint mir eine Stadt zunehmend zu sein im Grade ihrer Präsenz in Literatur, die von bleibendem Wert ist. Sowas fehlt hier: Es fehlt für Rostock, es fehlt für Schwerin, sicher gibt es Texte, die mit diesen Städten arbeiten, aber meistens im Sinne einer Leerstelle im Geschehen, die fordert, mit einem Städtenamen aufgefüllt zu werden, den man auch weiter entfernt von hier noch richtig versteht als einen Namen für das Kleinliche, das NichtderRedewertSeiende, eben das Mecklenburgische. Es fehlt zwar nicht an Leuten, die schreiben, aber genau deswegen fehlt es nicht an Leuten, die schlecht schreiben und neben der bloßen Tatsache, dass sie nunmal in der Bedeutungslosigkeit namens „Rostock“ oder „Schwerin“ schreiben, kaum eine Idee davon haben, welchen Gegenwert andere Städte in derjenigen guten Literatur genießen, der sie den Raum des Stattfindens stellen. Es gibt hier im Norden kaum eine Literatur von Bedeutung.

Gut wir hatten in 2010 immerhin drei Teilnehmer bei den Lesungen um den Ingeborg-Bachmann-Preis, die mehr oder weniger ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern stammen: Peter Wawerzinek, Judith Zander, Volker H. Altwasser. Der erste war der Abräumer des Jahres, mit einem teils sehr wehleidigen Roman über seine Kindheit in DDR-Heimen an der deutschen Ostseeküste. Die zweite mit einem Roman über die verschwiegene Gemeinschaft in einem fiktiven vorpommerschen Dorf, wo die Menschen innerlich dermaßen auf dem Land leben, dass es ihnen bald an Menschlichkeit gebricht. Und der dritte: Weiß ich nicht, Altwasser hat nichts gewonnen, ist untergegangen, in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, und mit dem musste ich mich mal vergleichen lassen. Ok, ich gebe zu, dass dieser Vergleich mich geehrt hatte, weil er mich mehr erhöhte als er Altwasser herabnötigte, jedoch glaube ich nicht daran, dass jemand nur aufgrund prinzipieller Vergleichbarkeiten das Anrecht darauf geschenkt bekommt, von einer Bachmann-Preis-Teilnahme auch nur zu träumen. Mögen Leute davon träumen, die die nötige Publikationsmasse in der Hinterhand haben. Mögen auch die davon träumen, die sich schon für ein Leben als freiberuflicher Schriftsteller entschieden haben, bevor sie überhaupt die Perspektive hatten, nicht an dessen Uneinträglichkeit sterben zu müssen.

Die meisten, die hier in MV von weiter Welt träumen, wissen, dass sie hier falsch sind und leisten mit einer Literatur, die von der Ferne als von einem scharfen Gegensatz träumt (der er in einer globalisierten medial vernetzten Welt nicht mehr ist) im Endeffekt aber auch keinen Beitrag zur einer genuinen Literatur von hier, sondern sie würden das „hier“ am liebsten tauschen gegen einen Ort, an dem es sich leichter eine Literatur machen ließe, wie sie einem vorschwebt, an dem sich aufgrund des prominenteren Ortsnamens vom Gefühl her leichter eine Literatur von Rang machen lässt, die bald auch einen Namen hätte. Und wenn es tatsächlich mal jemand versucht, klar, Sie wissen, wen ich meine, Sie wissen, dass ich mich meine, denn ich sage ja nicht, dass ich es geschafft hätte, ich sage ja nur, dass ich es versuche – und wenn das dann tatsächlich mal einer tut, der ich ist, dann kann man das nicht durchgehen lassen, dann haut man drauf, dann muss man mir Unfähigkeit unterstellen, nur weil meine Literatur nicht des Witzes entbehrt, und wenn man hier etwas gelernt haben müsste – und gelernt haben muss man etwas bevor man der Gegend eine Literatur zumuten darf – dann ja wohl das, dass es hier alles andere als lustig ist, und dass das so bleibt, dafür würden schon diejenigen sorgen, die höchstens am Ende aller Dinge die Gemütlichkeit herzugeben bereit wären, die alle daran hindert, eine Literatur von Geltung zu machen, nach der man sich hier noch vergebens sehnen muss.

Sind unsere Region und ihre Städte so eigen, dass es bestimmte Sujets in Texten gerade unabdingbar machen, ihren Handlungsort im MV zu haben? Bei Uwe Johnson war das so. Bei Reuter auch. Nun: Reuter wird im Allgemeinen überschätzt, gottseidank nur hier bei uns, fragen sie mal am Bodensee jemanden, ob er den bedeutenden Mundartdichter Fritz Reuter kennt, da werden Sie aber komisch angeguckt. Und Ernst Jürgen Walberg vom NDR, so sehr ich ihn auch schätze, sagte dann auf einer Podiumsdiskussion am 1.3. in Schwerin zur Frage, ob Schwerin eine Literaturstadt sei: Es fehlt der Reuter des 21. Jahrhunderts. Das nenn ich mal eine steile These. Mir ist dadurch das Gefühl beschert, dass in eben dieser Äußerung implizit schon die ganze Misere zum Tragen kommt, denn: Wollen wir einen Mundartdichter? Wahrscheinlich nein, er brächte sich um einen Großteil potentiellen Publikums. Wollen wir einen nationalistisch denkenden Autor? Nein, nur das nicht, davon sind wir so fern wie irgendwas. Wollen wir einen regional verhafteten Autor? Nein eben nicht, sondern einen, mit dem wir auf größerem Parkett bestehen könnten. Wenn die Misere MVs in der Zielsicherheit besteht, mir der wir – auf der Suche der Identifizierung eines  positiven Autorkonzeptes – immer wieder ins 19. Jahrhundert auf Reuter (oder Rudolf Tarnow, John Brinckmann, Johannes Gillhoff) zurückgreifen, dann halte ich es für die letzte Ausfahrt aus dieser Einbahnstraße, nicht den Reuter des 21. Jahrhunderts zu suchen, sondern den … sagen wir: Thomas Bernhard von Mecklenburg-Vorpommern, also eher einen völlig neuen Typus Autor, den diese Landschaft ohne Nachdruck oder ohne Zuzug respektive Wegzug scheinbar nicht hervorbringen kann. Ok, so neu vielleicht auch nicht: Uwe Johnson etwa, oder wie ich neuerdings meine Judith Zander.

Und gucken Sie sich den Artikel ‚Ist Schwerin eine Literaturstadt?‘ in der SVZ vom 3.3.2011, S. 15 an. Da wird das sogenannte Kultur-Streitgespräch über die Situation und die Chancen der Literatur in Schwerin verarbeitet. Und wer hatte an der Podiumsdiskussion über die Situation teilgenommen: die Bibliotheksleiterin, ein Buchhändler und ein Kulturjournalist. Wo waren die bedeutsamen Schriftsteller von hier, wo waren die Literatursoziologen, wo waren die Lesebühnenmacher und die Poetry-Slamer, wo waren die Liedermacher, Songpoeten und Feuilletonisten, die Bildergeschichtenerzähler und die Plattsnacker, die Provinz-Kriminalisten und schreibenden Gymnasiasten, die Mouth-Artists wie Beatboxer und der große Rest der Schar der freiwillig Kreativen? NIX. Die SVZ enthielt sich der Sicherung einer Diagnose, die sich anhand dieses Gespräches für viele wache Geister hätte treffen lassen müssen: Wenn wir einen Buchhändler, eine Bibliothekarin und einen Kulturjournalisten da hin setzen müssen, ist – so nett die auch sind – das schon Ausdruck der Misere und wir bestätigen sie und lichten sie weiter ab, je mehr wir über diesen Ablichtungsvorgang meinen, gegen die Misere anzugehen.

Für Schwerin fallen mir kaum hier gebürtige Autoren ein: Norbert Bleisch (z.B.: Viertes Deutschland) aber wer kennt heute schon noch freiwillig den einstmals viel versprechenden und Autor, der selbst keinen Wert mehr auf das legt, was er mal gewesen ist und literarisch kein Erfolge mehr feiert, die sich für Schwerin im Sinne einer literarischen Identifikation nutzbar machen ließen. Als nächstes vielleicht Sonja Voß-Scharffenberg, ich finde ihre Texte sehr gut, aber so richtig geschafft hat die es auch nie, weil: die ist ja in Schwerin wohnen geblieben und leben geblieben, dann schafft man es leider nicht mehr. Oder eben Gregor Sander, der 2007 mal für den Deutschen Buchpreis nominiert war, aber der zog es ja, wie Judith Zander und Peter Wawerzinek, vor, dauerhaft nicht in MV zu leben. So richtig gut sind daher wahrscheinlich nur die, die diesen Entfremdungsschritt schaffen. Und dann gibt es bereits renommiert AutorInnen, die zeitweise in MV leben, die wir aber nicht produktiv für uns vereinnahmen können, etwa Christa Wolf oder Helga Schubert. Oliver Kluck, geboren in Bergen auf Rügen, und Anne Rabe geboren in Wismar, haben in den letzten Jahren beim Kleist-Förderpreis für junge Dramatik in Frankfurt/Oder abgeräumt, stehen meines Wissens aber mit beiden Beinen fest auf einem Boden, der nicht MV ist und es wahrscheinlich auch nicht werden wird.

Oder man kommt von außerhalb und bringt etwas mit, dessen wir literarisch bedürfen. So geht es mir, wenn ich Texte der gebürtigen Heidelbergerin und Wahl-Greifswalderin Odile Endres lese, und der ursprünglich aus Berlin (Ost) gekommenen Miriam Navera. Für Rostock fallen mir derzeit wenige Autoren ein, deren Namen ich im Tonfall eines Lobes erwähnen würde, etwa Marianne Beese oder Anna Wolff, Lyrikerinnen allemal und damit aktiv in einem Genre, das ohnehin zur Unhörbarkeit verdammt ist: der Grenzfall poetischen Sprechens ist als Unterhaltung unpopulär geworden. Wir haben auch noch Uwe Schloen sowie die Wismarer Lesebühne WortReich u.a. mit Vera Doneck und Birgit Hölscher-Lohmeyer. Alles gute Leute.

Dann haben wir in MV noch unseren Bachmann-Preisträger Uwe Saeger, der aber mal in einem Text äußerte (Fußnote: Ich weiß nicht mehr wo), dass die Gegenwart nicht mehr schmerzlich sei, klar: die Mauer ist die Perspektive solcher Sätze, und die einstmalige Anwesenheit der Mauer durch die Brille ihres Verlustes gesehen, mobilisiert hier vielleicht noch den Reflex, sich die schmerzhaften Beschränkungen der Mauer zu wünschen, weil sich in deren Schatten leichter das Gefühl bequemen ließ, auf bedeutsame Weise an einem repressiven Trauma zu arbeiten, und auch heute noch brauchen sie in einem Text nur das Wort ‚Mauer‘ zu schreiben, und schon bemerken Sie Schreibende, die beginnen, sich für Autoren zu halten und je länger sie schreiben vielleicht dabei enden, sich für Verfolgte des SED-Regimes zu halten. Aber ich kaufe den mir vorangehenden Generationen nicht zu so günstigen Konditionen ab, dass das Ende ihrer Schmerzen auch das der meinigen sein soll. Die Gegenwart schmerzt, indem sie uns in die Watte der Unbegrenztheit gepackt hat, der viele Menschen nicht mit bewussten Bewältigungskonzepten begegnen können und sich daher – vielleicht – doch lieber gegängelt sähen, weil dann die Schuldfrage eine Kollektivierung erlebte. Ich glaube nicht, dass sich Uwe Saeger die Gängelung wünscht, aber ich halte es für falsch, das Wegbrechen von Utopien zu akzeptieren. Dazu jetzt mehr:

Günter Grass hat Schwerin als Schauplatz in seiner Novelle ‚Im Krebsgang‘ verwendet. Günter Grass sagte im Spiegel (33/2010), dass die junge Schriftstellergeneration zu unpolitisch sei. Das halte ich auf der einen Seite für ein Gerücht und finde auf der anderen Seite einen Teil von Wahrheit darin: Versuchen Sie heutzutage als literarischer Debütant mal einen analytisch scharfsinnigen politischen Roman bei einem Verlag unterzubringen. Da haben Sie aber schlechte Karten. Ich nehme mir die Freiheit, aus Grass‘ Erkenntnis besonders das Wort “zu” zu betonen. Denn die Kontrastfolie für diesen “zu“-Abgleich stellte er auch zur Verfügung: ‚Die junge Schriftstellergeneration solle nicht den Fehler der Weimarer Republik wiederholen und sich bloß aus rein privater Distanz schreibend erfahren wollen.‘ Nun gut, das Wort “wiederholen” trifft es nicht, weil die Umstände andere sind. Wir haben keine uns unmittelbar vorangegangene Erste-Weltkriegs-Etage von Lyrikern, die eben noch begeistert das Gewehr ergriffen haben, trotzdem aber nicht politisch waren, weil es sich bei ihrem Krieg um einen ästhetischen handelte. Wir sind keine Bewohner der Weimarer Republik, die nach dem Schock des Krieges auf keine verlässlichen Werte zur Entscheidung der Bejahung der Demokratie einerseits oder der Bejahung eines ‚Versailles‘ geschuldeten Nationalismus andererseits bauen konnte, und sich das Recht heraus nahm, nicht noch einmal zu früh die falsche Position zu ergreifen. Der Vorwurf des Unpolitischseins aber nimmt uns als Generation nicht ernst in unserer eigentlichen Differenziertheit. Und ernst genommen zu werden, hieße auch, dass Grass erkennt: Hier schreibt eine Generation, der man befohlen hatte, den Wegfall der letzten großen Utopien zu akzeptieren. Und für junge Leute geht’s oft nur entweder groß oder gar nicht. Verhandelt werden sollten diese Utopien also in Literatur nicht mehr. Diese Literatur bedient zwar weiterhin den anthropologisch relevanten Hunger nach Geschichten und Fiktionen, die aber unlustvoll würden, wenn sie einen realen Gegenwert haben müssten: Es träumt sich – dem Begriff des Traumes gemäß – schlecht, wenn nach dem Aufwachen die Konflikte real konsequenzhaft werden. Die Wachsamkeit der jüngeren Generation, der man genügend substantielle Vernunft gegenüber einer stumpfen Fehlerwiederholung zutrauen darf, ist aber – und vielleicht scheint Grass gerade das zeigen zu können – als Wert fraglich, wenn sie zu sehr entzaubert ist. Wenn Grass nun sagt, die junge Schriftsteller-Generation sei zu unpolitisch, dann sollte er, will er mehr als einen Gemeinplatz forciert haben, zu fragen haben, ob es nicht auch eine Wahrheit ist, dass die Zeit für eine vorlagenlose Literatur schlecht steht, dass ein sicherer Platz in einem zur Unübersichtlichkeit aufgeblasenen Literaturbetrieb nicht am besten über eine wachsame, literarische Verhaltenszuneigung zu einer arrivierten Vätergeneration zu erwerben ist, die nach Zeiten der Überpolitisierung jeglicher Kleinigkeit in den 60ern mit der nachholend usurpierenden Entpolitisierung schon in den 80ern angefangen hatte. Das ist in etwa die Generation, die jetzt auf den Zetteln der Darmstädter Akademie rangiert, das ist die Generation schreibender bürgerlicher Literaturwissenschaftler, das ist die Generation, die jetzt das Lehrpersonal am DLL stellt, das ist die Generation die auf Long- und Shortlists des Deutschen Buchpreises den literarisch gereiften Grundstock bilden.

Mit einem erdrückend großen politischen Ambitus auf der hohen Kante wird man heute wenig reich, denn es lässt sich mit der Gewissensüberforderung des Lesers kein Blumentopf gewinnen, wenn der Lifestyle-Leser sich von Literatur keine Deklassifizierung seines bequemen alltäglichen Arrangements mehr erwartet, die ihn auf irgendwelche Bewusstseinsbildungsprozesse hin zustoßen vermag. Das verhindert sprachlich anstrengende, politisch zweifelnde, nachdenkliche, selbstkritische, autoritätskritische junge Literatur. Kein Verlag trägt freiwillig das Risiko, zusätzliche Autoren an sich zu binden, denen in Aussicht steht, dass von ihnen nur halbe 5000er-Auflagen weg gehen und der Rest zu Mängelexemplaren gestempelt werden muss, damit das Lager wieder frei wird für neue Druckerzeugnisse. Die richtigen Verlage tragen einen Betrieb, der dort auf künstlerische Risikovermeidung aus ist, wo es noch richtig um das große Geld bestellt ist, und der dort das Risiko ständig sucht und damit ebenfalls (nur im Namen seiner Aufwertung) entwertet, wo es um gar kein Geld geht, nämlich in den künstlerischen Nischen, deren ebenfalls realitätsferne Verdrängung von Rentabilitätserwägungen dem kritischen Blick schon genügender Beweis für irgendetwas sein wird, was das Gegenteil der Bestsellerlisten sein will, aber in Wirklichkeit strukturell das selbe bleiben muss durch das Aufeinanderbezogensein.

Grass’ Wortmeldung sagt nichts neues und lässt es ihrem Duktus anmerken, dass man es ab einem bestimmten Level einfach nicht mehr genau nehmen muss. Wir können Herrn Grass nur applaudieren, dass er es mit dem Schreiben so weit gebracht hat, um das zu dürfen. Nicht wenige junge Leute nehmen sich, aufgrund gegenwärtiger Umstände, demgegenüber jedoch die Freiheit, mit ihrer Literatur nicht dasselbe vorzuhaben, ja gar nicht eine literarische Lebensleistung vom Schlage eines Günter Grass erstreben zu wollen. Das ist immer noch eine Frage der individuellen Poetologien, an die nicht die Aufforderung zur Angleichung an diejenige Grass‘ ergehen kann, wenn Pluralität denn ein Wert bleiben soll. Auch dafür hätte der Typus des gegenwärtigen Schriftstellers etwas mehr Verständnis verdient als dass er die ewigen Gemeinplätze als eine realitätsgerechte Beschreibung seines Denkens gelten lassen muss.

Außerdem: Wie schlimm steht es um eine Gesellschaft, die ihr eigenes Bekenntnis – sie würde ’starke Texte‘ lieben – darüber diagnostiziert, dass sie gerne z.B: die Band ‚Unheilig‘ hört? Sie merken: Das ist Ironie, ich halte die Texte von ‚Unheilig‘ nicht wirklich für stark. Durch das 19. Jahrhundert konnte man sich noch mit dem ständigen Auswerfen von Schiller-Sentenzen als gebildet durchmogeln, dieses Taktieren mit dem eigentlich Unverstandenen spiegelt sich meiner Meinung nach heute im handelsüblichen ‚Unheilig‘-Fan, der erschreckende Schnittmengen zum Andrea-Berg-Fan und zum Rosenstolz-Fan aufweist. Wenn diese Künstler wirklich eine Art Lebensgefühl großer Kreise verkörpern, erschließt sich mir schlagartig, warum es in der Sache unserer heutigen Populärkultur selbst begründet ist, dass der Wunsch nach starken Texten umso mehr zum Phantasma wird, je mehr man glaubt, ihn zu verwirklichen.

Und wenn Sie mich fragen, ob ich’s nich ne Nummer kleiner hätte, dann sage ich: Wer es ne Nummer kleiner haben will, hat keine Lust, über den Gegenstand Literatur auf der für diesen Gegenstand nötigen Höhe zu diskutieren: Die Kleinheitsforderung angesichts meiner Worte würde nicht nur konterkariert durch die Idee, hier sei ohnehin alles klein und unbedeutend, sondern sie boykottierte auch noch die Forderung nach einer echten Literatur, von der man sich Größe erwartet: gleichzeitig Größe und Augenhöhe zu fordern: das wäre ein Akt der Selbsterhöhung, mit dem man sich hier maßlos verheben würde, Sie verstehen? Wenn wir von Literatur Augenhöhe verlangen und zugleich Größe, dann tun wir so als wären wir der Größe gewachsen, der wir auf Augenhöhe begegnen wollen. Damit würde sich der Mecklenburger maßlos überschätzen, und zwar so was von maßlos.

J’ai fini.