Zum Ärztemangel in der ‚Fläche‘ Deutschlands : Unverschämte Ursachenforschung

Der sogenannte Landärztemangel ist nur oberflächlich betrachtet ein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Mit anderen Worten: Der städtische ‚Überschuss‘ wird sich auch durch den Willen des Gesetzgebers nicht transplantieren lassen.

Ärzte sind studierte Leute – oftmals mit eindringlichem Kulturinteresse, damit geistig mit großer Nähe zu einem kulturellen Klima, das man ‚urban‘ nennen muss.

Die Freude ist nicht zwingend beiderseits : Die Menschen, die ein Landarzt zu behandeln hat, stehen – nicht zwingend aber häufiger – für ein geistiges Klima, das den Arzt dort als Arbeitnehmer zwar willkommen sein lässt, als Wohnsitznehmer dort aber tendenziell heimatlos macht. Die Freude dieses Patientenmilieus, behandelt zu werden, sollte sich mal durch die Frage brechen lassen, warum Ärztemangel eine Frage des flachen Landes weit ab der Städte ist, also: Warum es besonders für junge Ärzte so auffallend unattraktiv ist, diese Patientschaft zu versorgen. Warum jemand, der seine Karriere wie sein Leben im Wesentlichen noch vor sich hat, eines nicht tut: die Menschen dort versorgen.

Sicher es liegt nicht lediglich an den Menschen, aber es liegt an der Stadtferne des geistigen Klimas, das diese Menschen am Leben halten und das diese Menschen am Leben hält. Leider geht das eigene Wohlfühlklima  für diese Menschen dann überdurchschnittlich  auf Kosten der Möglichkeit einer nahen Dauer-Versorgung durch Klima-fremde, zugezogene Ärzte. Noch schlimmer ist in der Fläche vielleicht bald der Mangel an Psychologen und Psychotherapeuten. Die Erklärung für diesen Mangel ist die selbe.

Das alte Wohlgefühl, das der Landarzt einem bescherte, und das wesentlich in der Vorstellung bestand, der Arzt sei ‚einer von hier‘ oder ‚einer von uns‘, mit dem man jederzeit auf Augenhöhe einen Plausch abhalten könne und der zur großen Dorffamilie dazu gehört: dieses kuschelige Vereinnahmungsmodel hat für junge Ärzte keinen Charme mehr. Denn Vereinnahmtes steht unter erhöhtem Konformitätsdruck. Dieser macht das Leben unangenehm.

Selbst wenn der Konformitätsdruck, der der Preis dieser überschaubaren und damit von Komplexität entlastenden Einbettungssphäre des Ländlichen ist, für die Autochtonen nie evident wird: der Zugezogene bringt doch eine Perspektive mit, die so etwas registrieren kann. Wenn er dann diese Sicherheit nicht wertschätzt, weil sie ihm trügerisch erscheint, gibt es einen Grund weniger, dort hinzuziehen.

Wir hätten, angesichts der z.B. durch das Internet verstärkten prinzipiellen Ortslosigkeit in der globalisierten Welt (also ‚Globalisierung‘ verstehe ich im Sinne Sloterdijks) glauben wollen, dass das irgendwann keinen Unterschied mehr macht: wo man ist, wo man arbeitet, wo man lebt. Der moderne, flexible Arbeitnehmer ist schon lange Nomade geworden (vgl. Heiner Hastedt, Moderne Nomaden, Wien 2009). Aber der Schritt von einem Studium an einer deutschen Universität hin ins Ausland scheint häufiger gegangen zu werden als der von der Universitätsstadt ins stadtferne, innerdeutsche Land. Das universitätsstädtische Milieu scheint in internationaler Perspektive geringere Brüche zu enthalten als das innerdeutsche Spektrum zwischen Stadt und Land.

Die Perspektivensuche, was Arbeitsmöglichkeiten angeht, hatte in der Geschichte der letzten Jahrhunderte meist einen klaren Vektor: Vom Land in die Stadt. Expansivität, Dynamik, Veränderung, Nicht-Verhärtung: all das lockt Menschen, die das Gefühl haben wollen, ihr eigenes Leben wartet noch auf eine Eroberung durch sie selbst – mit offenem Ausgang; man könnte auch sagen: das lockt Menschen mit einer klaren Bildungserwartung tendenziell weg vom Land.

In ‚Erziehung nach Auschwitz‘ polterte Adorno gegen die Trägheit der geistigen Strukturen besonders in ländlichen Gebieten Deutschlands. War Adornos Empfehlung – Freiwilligentrupps zusammen zu stellen, die das Land zivilisieren – noch tendenziell Lacherfolg-fähig, so scheint darin eine bis heute sich durchhaltende (wenn auch sich abschleifende) Geistes-Opposition durchzuhalten, die nur vordergründig eine topographische Opposition ist: die zwischen Esoterischen und Exoterischen Kreisen der Denkkollektive (nach Ludwik Fleck).

Botschaften der Zivilisierung halten nur mit einer gewissen Zeitverzögerung dauerhaft Einzug in die mentalen Strukturen des Ländlichen. Mag dieser Zeitverzug durch die behauptete Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Phänomene, die durch die Massenmedien erzeugt wird, etwas gemildert werden, so ist die Gefahr nicht gebannt, dass in der ‚Provinz‘ ‚falsche‘ Bilder ankommen. Niemand muss auf dem Land mit den urbanen Phänomenen ‚leben‘, die er von der Mattscheibe kennt. Man kann sich auf die Beobachterposition zurückziehen und jede Kleinstabweichung mit einem „Die spinnen, die Römer“ abtun.

Noch dazu: Viele Medizinstudenten an den Universitäten kommen aus dem Ausland: Pakistan, Indien usw. Das werden ohne Zweifel gute Ärzte. Würden Sie einem pakistanischstämmigen jungen Arzt raten, eine Hausarztpraxis in einem kleinen Ort in der Lausitz zu eröffnen, damit er sich dann Kommentaren der 84jährigen Rentnerin Frau Schmidt aussetzt, die noch meint, ihn zu loben, wenn sie sagt: „Für einen Ausländer sprechen Sie aber ganz gut Deutsch“? Was will ich Ihnen mit dieser Suggestivfrage ‚eigentlich‘ sagen? Sie wissen es bereits…

Der sogenannte Landärztemangel ist kein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Bevor man durch Geld-Anreize Biographien von Leuten, die das urbane Milieu schätzen, gegen die Milieuverfestigungen des Ländlichen manipuliert, sollte man lieber für ein gesamtgesellschaftlich humanes Klima eintreten.

Ich sehe in der Politik eine massive Ahnungslosigkeit, was das bedeuten könnte – wie im Allgemeinen unsere Bundesregierung bei Einschätzungen der sozialen Stimmung meist grob daneben liegt. Das offenbart sich nicht zuletzt immer mal wieder an prominenten Problemfeldern: Dass beim Landärztemangel eine Abstimmung mit den Füßen stattgefunden hat, ist ein demokratischer Glücksfall: in der DDR wären Ärzte noch zwangsversetzt worden. Der worst-case ist diese Abstimmung mit den Füßen höchstens für die, die in der demographischen Falle leben und darin ein geistiges Klima erzeugen, in dem zumindest klügere Leute es freiwillig nicht lange aushalten.

Kampf der Mehrheitsgesellschaft gegen die Kinderlosen…

Was aus den Mündern sogenannter junger Unions-Bundestagsabgeordneter plätschert, wenn die Rede von ‚jung‘ als geistige Kategorie sich hier nicht sofort ad absurdum führt, ist folgendes: eine Zumutung. Warum? Eine demographische Abgabe auf Lebensentscheidungen, nicht weniger sind Extrasteuern für Kinderlose. Der Abstiegskampf der Mehrheitsgesellschaft, die gerne auch auf die absehbare Zeit dieses Jahrhunderts gerne eine der größten Industriegesellschaften der Welt bleiben will, hat begonnen, ein Abstiegskampf gegen die Kinderlosen ist das, wenn Menschen für das Auslassen bestimmter Lebensereignisse massiv mehr besteuert werden sollen. Es ist zudem ein Kulturkampf: eine neue Form von Normativität. Die Mehrheitsgesellschaft macht in abgrenzender Hinsicht klar, was sie für das Gebot der Stunde hält. Unabhängig davon, dass eine ausgewogene Kindererziehung in unserer Gesellschaft immer seltener gelingt. Aber es ging ja der Mehrheitsgesellschaft nie um gelingende Lebensführungen sondern um bloße Masse: jedes einzelne Kind hält die Versorgungsmaschinerie der Sozialsysteme am Laufen, jedes zerstörte Kinderleben kann dann ja immer noch die mediale Empörungsmaschinerie anfeuern. Nur Masse zählt. Das ist, ganz klar gesagt, die Scheinheiligkeit der Wortführer der Mehrheitsgesellschaft.

Mit der Kindererziehung lässt der Staat an vielen Ecken die Eltern alleine, die keinen Platz in einer Kita finden, und die Erwachsenen, die deshalb nicht unter fehlenden Kindergartenplätzen in der Innenstadt leiden, weil sie keine Kinder haben, kämen dann auch nicht mehr so leicht davon. So liegt alles schief: Auf Kinder wird nicht mehr unbelastet geblickt, überall wird ein Kinderleben über bare Münze dimensioniert, und die Entscheidung zur Kinderlosigkeit wird staatlich diskriminiert. Das verändert auch das Bild von Elternschaft für all diejenigen, die gerne Eltern sind: Jedes Wunschkind wird so in politischer Hinsicht umgeschrieben als ein nicht-monetärer Tribut an die finanziellen Erfordernisse des demogaphischen Wandels. So hat sich der Kapitalismus als Ideologie bis in den privatesten Bereich eingeschrieben. Und die sogenannten Christen von der CDU verdoppeln diese Tendenz politisch und verkennen den wortwörtlichen Ausverkauf menschlichen Daseins, das sich noch nicht gegen die Indienstnahmen und Funktionalisierungen durch die Politik wehren kann.

30% der nach 1970 geborenen sind kinderlos. Das ist Statistik. Die hinkt natürlich auf der Seite, dass die Gruppe der nach 1970 geborenen auch die umfasst, die heute selber noch im Kindesalter sind. Aber ich will mich ja nicht künstlich lustig machen. Fakt ist: Kinderlose sind nicht weniger konsumstarke Gruppen als Eltern, nur dass Eltern überdurchschnittlich viel in Produkte und Dienstleistungen zur Kindesentwicklung investieren. Wo ist der Unterschied? Es gibt keinen: beides geht in die Binnenkonjunktur. Die staatliche Altersvorsorge in Deutschland ist umlagefinanziert. Wer jetzt arbeitet zahlt für die, die jetzt Rentner sind. Wer jetzt Geld verdient, zahlt Sozialabgaben in den Topf des aktuellen Bedarfs.

Wir werden einen gewaltigen Bewusstseinswandel durchmachen müssen, bevor wir auf den drohenden Kollaps der Altersabsicherung nicht stumpf mit dem Reflex reagieren, mehr zukünftige Beitragszahler zu fordern oder von den heutigen Beitragszahlern mehr Beitrag verlangen, besonders mehr Beitrag von denen, die keine neuen kleinen Beitragszahler produzieren. Wir müssen weg von der Vorstellung der Indienstnahme von Kindern für die Fortsetzung einer Umlageabsicherung, die den demographischen Erfordernissen gegenüber die Unflexibilität eines stumpfen Wachstumsmodelle bevorzugt, ein Modell, das sich nur durch Wachstum auf der Beitragszahlerseite zu helfen weiß. Wir müssen Kinder ernst nehmen, und deshalb verbietet sich die Redeweise der Unionsleute. Die von jenen eingeforderte ‚Demographie-Reserve‘ verschiebt die zunehmende Ungerechtigkeit des Generationen-Vertrags auf die Ebene individueller Lebensführung und individualisiert die Verarbeitung kollektiver Diskrepanzen. Dies ist die Fortsetzung der Implikationen der Finanzkrise auf persönlicher Ebene: So wie privatwirtschaftliche Konzerne gern große Gewinne privatisieren und Schulden sozialisieren wollen, sollen die sich aus dem Differenzbruch des Demographischen Wandels ergebenden Kosten sozialisiert werden, und zwar auf eine Weise sozialisiert, dass es bis auf die Ebene individueller Lebensführung durchschlägt. Wo vormals ein Bereich war, der unbedingt gegen die Implikationen der Wirtschaftlichkeit geschützt gehört, werden Eltern mit ihren Kindern zu staatssichernden Finanzdienstleistungsgespannen, um die Lücke, die auch durch Engagementausfall großer Kapitale immer weiter wird, entweder mit gleichgeschalteten Lebensentwürfen zu füllen oder andernfalls für eigene Nonkonformität eine Gebühr abzudrücken.

Mich sorgt diese Tendenz sehr. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Letztenendes ist das doch der Ausdruck eines verschobenen Verhältnisses: Was bedeuten uns Kinder? Was bedeuten Kinder in den Reden derjenigen, die sich immer als ihre Anwälte ausrufen aber diesen Anforderungen nicht genügen können?