… und unsere Angst davor.

Nicht wenige greifen in der Außendarstellung ihrer Person auf Techniken der erweiterten Realitätsbezeugung zurück. Nicht wenige gestalten an den Avataren, die sie öffentlich für sich setzen, auf Techniken hin, die die Realität ihrer Persönlichkeit nicht bezeichnen sondern überzeichnen. Nun gut: das hat seine Funktion.

Nicht wenige hadern eigentlich mit dem Medium. Kann ich unbescholten noch bleiben, wenn die Zugangsstellen zu meinem Persönlichkeitskern in der administrativen Anbahnung in Social-Media-Netzen dauernd offen sind? Klar ist: Wer noch ein bisschen Ratio hat, erlebt das als problematisch.

Aber die Angst: Wer sich abschaltet, existiert nicht, weil er in dem Fall, dass er ‚interessiert‘, nicht ‚kontaktiert‘ werden kann. Nicht Transparenz ist das vorrangigste Menetekel unserer Positivgesellschaft, sondern Erreichbarkeit. Die hat uns nicht erst das Internet beschert, sondern das Telefon und das Auto. Total geworden ist die Erreichbarkeit erst, seit der Existenz von Schienen-unabhängigen Fahrzeugen und Fernkommunikation, die die dialogische Nähe fingieren kann, selbst wenn tausende Kilometer dazwischen liegen.

An der Darstellung liegt so viel: Die dauernde Stellvertretung der Person durch ihren Avatar ist ein Appetizer  und soll die zeitlichen Imponderabilien bei der Findung passender Leute minimieren. Dazu muss ein Abzug – wenn auch ein überbelichteter, der einen in unverhältnismäßigem Licht zeigt – immer verfügbar sein.

Die erste Adresse von Kontaktaufnahmen ist dann das für quasi-Realität genommene überzeichnete Surrogat einer Person. Stellt sich später noch ein nachgereichtes, reales Verhältnis zwischen lebendigen Menschen ein, kommen all die zuvor ausgeschalteten Ungereimtheiten wieder hervor. Die Passung der Partner endet allerdings nicht erst an der Demarkationslinie zwischen verschiedenen Charakteren, sondern weil schon der Avatar in seiner verschnittenen Zurichtung nicht mehr so recht zu der Person passen will, die sich von ihm vertreten lässt.

Welches Bild wir abgeben, entscheidet darüber, für wen wir dieses Bild abgeben wollen. Verspannte Bilder mit gekünstelten Posen verraten aber zwei Sachen nicht: Gelassenheit und Natürlichkeit. Niemand lässt die Pose, deren Beherrschung als gelingende Herrschaft über das ‚eigene Bild von sich in der Öffentlichkeit‘ gilt, freiwillig fahren.

Das Resultat dieser Melange aus Attraktivitätsdarstellung und sozialer Fitness-Indikation ist eine große Verspanntheit, die zu einer optischen Gleichförmigkeit in der Selbstdarstellung von Personen in sozialen Netzwerken führt. Letztlich wird die Möglichkeit von Individualität damit unterwandert. Aber das ist nicht das größte Problem.

Sondern die Erreichbarkeit: Mit dem Wegfall der Möglichkeit des ‚Weg-gehens‘ verzichte ich darauf, Herr darüber zu sein, wann ich ‚kontaktierbar‘ bin. Die Versprechen der Vernetzung fordern, einen Avatar meine Stelle vertreten zu lassen, für den ich mich 24/7 nicht zu schämen brauche. Jeder Mensch aber hat mal Zeiten, in denen er nicht optimal ist, wo er zerknautscht aus dem Bett springt und brabbelnd durch die Wohnung kriecht. Kein Grund zur Beunruhigung.

So aber können wir uns nicht sehen lassen. Die seltenen Randzeiten unserer optischen Perfektion und inszenatorischen Passabilität – sofern wir gerade sie in unserem Avatar haltbar machen und ihn dann für unsere ‚Normalität‘ verkaufen – laden den Kontaktraum sozialer Netzwerke mit mehr Anspruch auf, legen die Latten immer höher auf. Das vorhersehbare Resultat sind Ernüchterungsstürze aus großer Fallhöhe. Das haben wir uns verdient.

Der Raum einer solchen Ernüchterung kann vieles nicht mehr leisten. Die Menschen enttäuschungslos zu lehren, ihre Durchschnittlichkeit zu akzeptieren; und in einem folgenden Schritt die ‚Durchschnittlichkeit‘ zu ent-pejorisieren. Und folgend das Schonungsbedürfnis der Seele – der ja sowohl ‚Zeigen‘ als auch ‚Verdecken‘ als gleichzeitige Tendenzen innewohnen – ernst zu nehmen.

Nicht die Akzeptanz der ‚Durchschnittlichkeit‘ auf ihrem authentischen Niveau baut seelische Spannungsvermögen ab, sondern die Vortäuschung von Individualität über Avatare, die aufgrund der Strukturbedingungen der social-media-world auf ein lebensfernes Niveau der Durchschnittlichkeit in der ‚Pose‘ zusammengerückt werden. Die Ersetzung einer im Netz sowieso nie geltend zu machenden Authentizität des Privaten durch die zur quasi-Authentizität gemachte überzeichnete Realität, von der man sich nicht Schutz und Abgrenzung sondern gesteigerte Einbindung erwartet: das ist der kritikwürdige Vorgang.

Aber wer kann sich schon freiwillig und gerne so aussehen lassen wie er aussieht? 

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‚Helden‘ wollen nicht für BILD werben…

Bin gerade sehr überrascht von den Vorgängen, die da so laufen.

http://www.bildblog.de/28264/wir-sind-helden-wollen-nicht-fuer-bild-werben/

http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/24/0,3672,8215416,00.html

Einerseits: Wie kann man nur auf die Idee kommen, die ‚Helden‘ würden Werbung für ein Druckerzeugnis aus dem Springerkonzern machen wollen? Da muss es sich um einen Scherz der Agentur Jung/von Matt handeln. Haben die das ernst gemeint? Naja, jedenfalls gibt es das Antwortschreiben jetzt gratis im Netz, die polemische  Tonlage des Schreibens hat mich, zugegebenermaßen erotisch elektrisiert, wie immer man sich das auch vorstellen mag. Und: Grundidee war doch, dass die angeworbenen Promis, geködert mit dem guten Zweck, ihre Meinung zu BILD offen sagen sollten. Und? Haben sie doch jetzt auch getan, auch ohne auf den Kampagnenzug aufzuspringen. Oder vielleicht doch auf den Zug gesprungen? Ist das eine autonome Widerspruchshandlung? Da bin ich mir noch nicht klar. Fest steht: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Grüße