Soll es eine Menschheit geben?

Der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das seine Wesenhaftigkeit selbst zum Thema machen kann. Ihm stellen sich Gegebenheiten als Anlässe zum Hinterfragen dar. Alles, was fraglich werden kann, verliert aber seine Selbstverständlichkeit. So kann aus der selbstverständlichen Empirie – dass offensichtlich eine Menschheit existiert – die Frage erwachsen, ob es auch so sein soll. Aus dem bloßen Vorliegen eine bejahende Antwort zu generieren, greift nicht zuletzt mit Blick auf den Naturalistischen Fehlschluss – oder auch das Hume’sche Gesetz – zu kurz. Denn aus dem bloßen Sein ein Sollen abzuleiten, hieße, alles, was nur immer ist, zu positivieren und damit möglicherweise auch völlig gegensätzlichen Sachverhalten den gleichen Geltungsstatus einzuräumen. Die Frage nach dem Seinsollen der Menschheit müsste daher vielleicht weniger ontologisch als sozialethisch beantwortet werden: Welche Zustände kann man sich vorstellen, unter denen aus menschlicher Perspektive das Verschwinden ‚dieser‘ Menschheit, deren Vorhandensein wir gerade konstatieren, geboten sein könnte?[1]

Obwohl der Mensch ein kulturgestaltendes Wesen ist, ist die Fähigkeit, Lust und Unlust auf körperliche und seelische Weise zu erfahren, Bestandteil seiner vitalen Natur. Das Dasein nicht nur im Hinblick auf den Erwerb eines lebenssichernden Unterhalts sondern auch im Hinblick auf die Findung eines gelingenden Lebensentwurfs bedeutet Anstrengung und Unlust, oder auch: Negativität. Neben der Komplexität des individuellen Daseinskampfes kommt der Mensch in Vergesellschaftungsstrukturen vor, die ihn über allerlei Institutionen mit heteronomer Macht und gar repressiver Gewalt konfrontieren. Weltvorkehrungen, die diese Unlustsummen für viele Menschen ins Unermessliche steigern, könnten geeignete Kandidaten dafür sein, dass man im Sinne der im Begriff ‚Menschheit‘ gesetzten Solidarität der Menschen beginnt, ein Aussterben der Menschheit für möglich oder vertretbar – vielleicht sogar wünschenswert – zu halten. Daran sehen wir erst einmal nichts für das Seinsollen der Menschheit sondern nur dies: Dem vernunftbegabten Wesen, das sich selbst zum Thema wird, kann bei profilierter Einsichtsfähigkeit aufgehen, dass es den Fortbestand der eigenen Gattung auf Basis der Umstände (auch der selbstgeschaffenen Umstände) zur Disposition stellen kann und aufgrund der Selbstfürsorge die Lustqualität – also das WIE des Seins – eine fundamentale Bedeutung für das OB des Seins in der Zukunft erhält. Nicht unter allen Umständen muss ein menschliches Leben fortgesetzt werden, nur weil es faktisch schon eine Weile dauert. Nicht unter allen Umständen muss sich die Menschheit durch Fortpflanzung der Individuen erhalten, nur weil jene biologisch dazu in der Lage sind. Nein vielmehr ist den Menschen die Ansicht möglich, dass das von ihnen geschaffene Leid sich nicht damit vertragen könnte, weitere, leidempfindende Erdenbürger in die Welt zu setzen und in Konsequenz das Aussterben der Menschheit einzuläuten wäre.

Richten wir den Blick auf die Wahrscheinlichkeit, dass solche Zustände eintreten, die die Lustsumme ins Negative fallen lassen. Die Menschheit, also die Gesamtheit verschiedener Kulturkreise und Gesellschaften, ist zu sehr ausdifferenziert, als dass wenige, klar benennbare Unlustfaktoren alle Individuen gleichermaßen mit einem Leid konfrontieren könnten, das einen überindividuellen Konsens über das Nichtfortbestehensollen der Menschheit für alle plausibel macht. Darüber hinaus gibt es weit verbreitete, religiöse Deutungsparadigmen, die existenziell bedrohlichem Leid eine wesentliche Funktion in der individuellen und kollektiven Auseinandersetzung mit der Welt zuschreiben und somit subjektiv gefühlte als auch objektive Negativität positivieren. Der Mensch macht Unlusterfahrungen produktiv. Darin liegt seine Stärke: im Arrangement mit allem Möglichen und Unmöglichen. Entfremdungserfahrungen, bedrohliche kulturelle Abständigkeit und Daseinsnegativität motivieren den Menschen auch in nichtreligiösen Kontexten wie etwa in Fragen von Bildung, Toleranz und Humor zur Ausbildung einer Haltung, mittels derer das Individuum mit dem Unerträglichen schon irgendwie fertig zu werden vermag und das Erträgliche in weiser Kenntnis seiner Seltenheit umso mehr zu genießen versteht.

Die Frage nach der Vereinbarkeit des von Menschen geschaffenen Leids mit der fortgesetzten Existenz des leidempfindenden Wesens Mensch ist angesichts der humanistischen Fürsprache für ein aufgeklärtes Bildungsbewusstsein nicht negativ zu beantworten, solange Menschen etwas für sie elementares und lebensnotwendiges tun: ihr Leben zu führen indem sie in Auseinandersetzung mit einer widerständigen Welt in entspannender Absicht sich eine Haltung erarbeiten, die ihr Tun in solidarischer Manier bestenfalls zum Besseren für alle lenkt, mindestens aber das Individuum in eigener Verantwortung vor sich selbst bessert. Dass die Menschheit sich über dem hausgemachten Leid in Frage stellt, heißt nicht, dass sie es sich so leicht machen darf sich als ohnmächtig und antwortlos gegenüber einer Verbesserung dessen auszugeben, was sie nur selbst in den Händen hat: ihr eigenes Tun und Lassen. Der Beschluss zur Auflösung als letzte Pflicht einer gescheiterten Menschheit wäre der Kollaps jeder Ethik im Anschein ihrer Bewahrung, nachdem Vorläuferethiken als Theoriegebäude an der Praxis chaotischer menschlicher Repräsentanten scheiterten. Aber diese ‚Verlegenheitslösung des letzten Notausgangs‘ sollten wir nicht akzeptieren. Ich halte es für eine Infantilisierung sondergleichen, wenn man einer vernunftbegabten Gattung erlaubte, erst alle Vorräte leer zu saufen und dann einfach die Zeche zu prellen. Solange es vermeidbares Leid auf einem Planeten gibt, der von lebendigen Wesen bewohnt wird, sollte die Menschheit in die Pflicht genommen werden, dieses Leid durch reflektierte Selbstveränderungen zu minimieren und für alle Unlustzustände eigener Genese auch zukünftig Verantwortung zu übernehmen. Und das geht nur, wenn sie bleibt und sich sorgt, ohne dass sie durch ihre Daseinsgeschichte oder ihr sorgenvolles Sein in der Gegenwart Anspruch darauf erheben könnte, auf alle Zeit hinweg sein zu sollen.


[1] Daraus ergibt sich ein Nebenproblem: Die spezifisch anthropogene und an das Verhalten und reflexive Verhältnis menschlicher Repräsentanten zu sich und anderen gebundene Ethik würde einen Zustand der Menschenleere schaffen, der über das Ende der Existenz der ihn erdacht habenden Repräsentanten hinausreichte. Wenn ideelle Gesetze aber verkörpert werden müssen um zu wirken, aber ein verkörperungsloser Nachzustand die Wirkung dieser ideellen Gesetze weiter bezeugt (wem auch immer), ist das dann schon Metaphysik? Aber Spaß beiseite. 

Wohin kehrt man zurück …

Auf vielfachen Wunsch meine unerheblichen Auslassungen. Mit Hochachtung.

Wohin man zurückkehrt, wenn es darauf ankommt, sich zu sammeln und zu konzentrieren, sich über das was man als das wirklich Eigene anerkannt hat zu verständigen, das ist die Frage, die darüber entscheidet, wie offen oder doch eher geschlossen sich das Band zwischen zwei Menschen gestaltet. Wo Menschen sich bei anderen Menschen unaufhebbar zu Hause fühlen, mag Zeit dazwischen sein, mögen unendlich viele Kilometer dazwischen sein: Wohin man zurückkehrt, wenn im eigenen Leben die chaotischen Randlagen nach mehr Wesentlichkeit verlangen, das entscheidet darüber, dass und inwiefern ein Band zwischen zwei Menschen alles andere als ‚offen‘ ist.

Chaotische Randlagen sind nicht nur der Midlife-Crisis vorbehalten. In modernen post-industriellen Gesellschaften spielt die emotionale Verwahrlosung eine Rolle im Leben all derer, die viel und oft in Beziehungen stecken, ohne aber die zwischenmenschlichen Kompatibilitätsprobleme mit Reflexionsarbeit zu bewältigen. Sich in wechselnden Übereinkünften zu zerstreuen ist leicht, sogar die Zerstreuung mit verschiedenen Partnern als Haltung auszugeben ist leicht, aber solange es ‚einen‘ Ort der Rückkehr ‚gibt‘, ist alle Offenheitsrhetorik als Deutungsmuster Bestandteil der eigenen Indifferenz, mit der man sich selbst vielleicht dabei zuguckt, wie einem das eigene Leben bloß ‚passiert‘, nicht aber dabei, wie man es ‚führt‘.

Phantasmen der Freien Liebe haben immer etwas von einer „Romantisierung des Primitiven“ an sich: Wir sind unverbindlich Freie, die ihre Freiheit nur brauchen, um darin verwahrlosen zu können. In der Offenheit frei nur für die eigene Grundsatzlosigkeit zu sein, verhindert gelingende Selbstbilder, die sich ja erst im Kontext mit den Fremdbildern von  nahestehenden Menschen schärfen und ihr Profil gewinnen an dem unüberbrückbaren Abstand selbst zwischen sich Nahestehenden: Die ‚Verschmelzung‘ darf nie gelingen, wenn man Menschen in ihrer Individualität wertschätzt, und doch kommt jede Beziehung mit dem Anspruch einer quasi-Verschmelzung daher, die scheiternden Beziehungen sogar mit dem größtmöglichen Verschmelzungsgehabe…

Auch jede offene Beziehung bedarf daher eines Sammlungspunktes in einer Person, bedarf ‚eines‘ sozialen Extrempunktes. Soziale Extrempunkte sind die, auf die mehr Vektoren verweisen: im sozialen Raum ist jede Richtung, jeder Kommunikationsbrocken ein Vektor, jede Nachricht, jede Geste, alle gerichteten Botschaften betreffen jemanden, weisen jemanden in der Häufigkeit der Konsultation als Extrempunkt aus. Je nach dem wo dieser – ob ‚in‘ oder ’neben‘ einer offenen Beziehung – ist, da ist der eigentliche Ort einer Beziehung, die eigentlich fest ist. Alles andere ist Rhetorik, die das unhaltbare Dezisions-Defizit haltbar machen soll.

Beziehungsmenschen allerdings, die unter der Maßgabe gesellschaftlich geprägter Zwangs-Vorstellungen ihre Beziehungsideale nur gegeneinander geltend machen können, befinden sich auf einer schiefen Ebene: Die Festigkeit, die sie sich wünschen, verhindern sie durch ihre Festigungsversuche. ‚Bedingte‘ Liebe unter dem Motto „Erst wenn du meinen Ansprüchen ganz genügst, werde ich dich vollends lieben“ reden einer Co-Abhängigkeit das Wort, deren Dauer auf Kosten der Unmittelbarkeit und Freiheit einer ‚atembaren‘ Atmosphäre geht. Es wird stickig und eng. Bald darauf ist es meistens vorbei.

Die Dialektik der Offenheit besteht ja darin, sich partnerschaftlich die Freiheitszugeständnisse zu machen, die nötig sind, um sich ‚überhaupt‘ halten zu können, folglich muss man sich darin aber auf einen reduzierten Kernbestand an Festigkeit zurückziehen. Eine offene Beziehung ist: in ihrem Kernbereich das Absicherungsminimum, das der finalen Einsamkeit entgegen wirkt, und in ihren Randbereichen eine Freiheit, die den Begriff ‚Beziehung‘ boykottiert.

Und dennoch ist das grundsätzliche Offenhalten auch immer von anti-ideologischer Natur: Es geht um nichts weniger als den Versuch, sein Spiel mit der Preisgabe oder Nichtpreisgabe konsistenter Lebensführung zu treiben: Wie weit kann man gehen, ohne zu weit zu gehen – Wie lange kann man sich offen halten, ohne übrig zu bleiben – Wie sehr kann man sich binden ohne unfrei zu sein? Dies hat seine entlastende Funktion besonders dort, wo regulative Durcharbeitungen der ‚fertigen‘ – oder wahlweise ‚verwalteten‘ – Welt scheinbar nichts von dem mehr zulassen können, das doch in der spielerischen Freiheit seine Wirksamkeit beweist: Ja, es ist möglich, diese Zusammenkunftszwänge nicht mitzumachen, aber der eigentliche Drahtseilakt wird nicht das Balance-Halten währenddessen sein, sondern den richtigen Zeitpunkt zum Absprung vom Seil nicht zu verpassen. Um aber mitkriegen zu können, wann dieser Zeitpunkt ist, muss man sich der Selbst-Anwendungs-Idee stellen: man muss sich zu seiner eigenen Offenheit dergestalt offenhalten, dass man sie zum richtigen Zeitpunkt verabschieden ‚kann‘. Die eigene Offenheit als offen hin zu ihrer möglichen Umwandelung in Festigkeit zu denken, gelingt vielen nicht, die ihre Freiheit ’nur‘ genießen wollen. Wer im richtigen Zeitpunkt die Offenheits-Verabschiedung nicht beherrscht, der läuft Gefahr, von Ereignissen, die ihm dann die Entscheidung abnehmen, überrollt zu werden. Das darauf folgende Leiden ist meist um so diffuser.

Offene Beziehungen werden durch ihre beziehungstechnischen Nebenstränge erst zu solchen gemacht, diese Nebenstränge zulassen zu können, offenbart die prinzipielle Vermehrbarkeit. Gerade in der Vermehrungsfähigkeit könnte es schwer werden, die Grenze zwischen Verhältnissen zu ziehen: Wo ist die alte Offenheit zu ende und beginnt schon eine neue ‚Bindung zu neuer Offenheit‘: Ohne ein Minimum an Bekenntnischarakter verliert auch eine ‚einzelne‘ offene Beziehung ihren Vorrang vor und unter möglichen, gleichen, potentiell unendlich vermehrbaren Verhältnissen in offenen Nebensträngen: damit aber verlöre die Ausgangsbeziehung ihre Bedeutung als Sammlungspunkt. Was durch die mögliche Vielzahl hindurch die ‚Beziehung‘ – wenn auch offene – bleibt, verweist darauf, wohin die Sammlungsrückkehr geht. Durch die mögliche Gleichrangigkeit der Nebenstränge hält sich eine Präferenz durch, die Sammlung von Zerstreuung unterscheidbar macht und aufzeigt, welches Verhältnis aus Zerstreuungsgründen mit Rückkehroption verlassen wird, ja nur durch die Rückkehroption überhaupt verlassen werden kann. Was einer jeden Ausnahmesituation – wie etwa im Karneval – ihr Maß vorgibt, entscheidet darüber, was es ist, das von bleibendem Ernst ist auch durch Zeiten größtmöglichen Abstands hindurch.

Die Unhaltbarkeit alter Offenheits-Entwürfe bringt aber ein Bearbeitungsdefizit ans Tageslicht: Wir können und dürfen sogar nie alle zwischenmenschlich möglichen Optionen aus-agieren, denn im Falle des unvermittelten Verhältnisses lebender Menschen wäre es geradezu zynisch, Genuss-Optimalität nur nach egoistischen Gründen zu dimensionieren. Wir dürfen niemals vernunftbegabte Wesen gegen ihren Willen als bloße Mittel zum Zweck unserer erotischen Genuss-Optimierung machen. Es hängt an jedem Einzelfall ein ganzer Mensch dran, mit eigenen berechtigten Ansprüchen auf Genüsse und einem seelischen Bedarf nach Nähe in Dauer ohne Ersticken.

Personen, die als Sammlungsfiguren überhaupt taugen, festzuhalten, weil man mit zunehmender Abgeklärtheit Einsicht in die unwahrscheinliche Koinzidenz zweier Individuen gewonnen hat, ist plausibel: menschliches Schutzbedürfnis, Geborgenheitsbedarf. Die Zerstreuung weg von Festigkeitsanflügen wahllos bei irgendwelchen Personen zu suchen – bei denen sie gleichgut zu haben ist weil die Sicherheit besteht, dass alle Ausflüge gleichwenig als Gefährdung taugen – ist wahrscheinlich. Zerstreuung ist – in der relativen Wahllosigkeit bezüglich der Frage, wo sie möglich ist – anti-ideologisch. Ähnlich wie in Synapsen oder beim Prinzip ‚Trampelpfad‘ prägen sich Wege durch Benutzung ein, durch Beanspruchung einer Gangbarkeit dort, wo woher kein Weg war. Synapsen sind offen für jede regelmäßig fließende neue Reizmenge. Durch Gebrauchsbeanspruchung allerdings lässt sich jede Nebenbeziehung rechtfertigen, auch die, die keine Ursache im Herzen hat.

Ohne ein Minimum an Bekenntnischarakter, ohne ein Minimum an sozialer Extrempunktqualität einer nahen Person, ohne die daraus resultierende Sammlungsrückkehr nach möglicherweise ausgiebiger Zerstreuung ist auch eine ‚offene‘ Beziehung keine Beziehung. Kommt sie allerdings mit diesen Merkmalen daher, sollte von vornherein reiner Tisch gemacht werden: Sollte den Personen, die zur Zerstreuung herhalten, das Gefüge benannt werden, in das sie sich eingliedern würden, und ihnen bevor mit ihnen etwas geschieht die Wahl gelassen werden, ob sie sich überhaupt in so einem Arrangement wiederfinden wollen. Es nicht zu viel gesagt wenn man festhält: Sie hätten gute Gründe, das nicht zu wollen.

Vom Ursprung des Zauberglaubens – die Wurzeln der ‚Magie‘

Nach meinen Auslassungen über die Unwahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, das uns nicht ähnlich sieht, nehme ich mir Aspekte vor, die gegen die Möglichkeit von ‚Magie‘ sprechen.

Der Boom von Phantasy-Literatur, in der 1 (od. >1) Person ‚magische‘ Kräfte besitzt, ist nicht von der Hand zu weisen. Ich hoffe, jeder weiß trotzdem, was man durch diese Menge des ‚Zauberns‘ und ‚Hexens‘ hindurch vergessen könnte : es gibt das nicht. Es gibt keine Zauberei.

Ich will es kurz machen : Zaubernkönnen entlastet. Wovon? Von der Anstrengung, die jedes größere Investment täglicher Lebensverrichtungen verlangt. Menschen haben sich immer schon Institutionen geschaffen, die die Unsicherheit der Optionalität abfangen und gewisse Entwürfe auf Dauer stellen. Es ist sozusagen ein Grundbedürfnis, eine das Dasein ritualisierende Vorkehrung zu schaffen und quasi ‚über sich‘ zu stellen : ‚Nur wenn etwas ‚über‘ mir angesiedelt ist, macht es für mich Sinn, mein Handeln davon leiten zu lassen‘ – nur die Unterordnung eigenen Handelns als ein ‚Besonderes‘ unter ein ‚Allgemeines‘ gibt die Verlässlichkeit der Rückführbarkeit von diesem auf jenes : und damit die Sicherheit verbindlicher Handungsgrundsätze.

Noch vor der ‚Institution‘ im kulturellen Sinne ist eine spezifisch menschliche Kompetenz vorhanden, die alles das vorweg nimmt, was in dem Glauben, dass es so etwas wie Magie geben könne, sich auf undurchschaute Weise erneuert. Selbst entlastete Menschen wollen nochmals entlastet werden. So ist der Mensch : Hält sich als Wesen für ein immer neues Höheres berufen, wenn ihn nur die Aufrechterhaltung seiner Lebendigkeit  nicht immer mit soviel Notwendigkeit von Energieaufwand konfrontieren würde. Kulturelle und technische Emanzipationsstufen sind nur haltbar, wenn der gigantische Aufwand ihrer Ersterreichung dadurch legitimiert wird, dass späteren Stufen dies leichter gelingt. Kein technischer Fortschritt wäre denkbar, wenn alle neuen Epochen unter gleichen Startbedingungen loslaufen müssten. 

Aber einen Schritt nach dem anderen. Die Wurzel des Zauberglaubens ist identisch mit der der Sprachkompetenz. Dazu zunächst die Frage : Was leistet die Sprache? Sprache ist hervorgegangen aus gerichteten Laut-Gesten, mit denen man sich auf Sachen sinn-wiedergebend beziehen kann. Darin steckt auch die Idee, dass ein sprachliches Zeichen eine Einheit ist, die den Wesenskern einer Sache wiedergibt und daher in Abstraktionskontexten als ihr Stellvertreter fungieren kann. Irgendwann haben Menschen begonnen, auf diese Weise bestimmte Laut-Gesten regulär mit bestimmten Sachverhalten zu verbinden, damit mit der selben Laut-Geste sich ortsunabhängig und zeitlich stabil (in einer bestimmten Verwendungskultur) ein Verweis auf den selben Sachverhalt machen lässt.

Das bringt einen interessanten Effekt mit sich : Das Wissen darum, welche Laut-Geste auf einen bestimmten Sachverhalt passt, stiftet Sozialität, führt Menschen in ihrem Symbolverkehr zusammen und stellt die Weichen für Einigungsmöglichkeiten. Besonders dort, wo Sozialität die Voraussetzung ist, um zum Beispiel gegen die Gefahren der Wildnis gemeinsam zu bestehen – gegen feindliche Gefahren, die einen einzelnen Menschen überfordern würden – schafft ein geregelter Laut-Umgang die Entlastung, die nötig ist, damit ’sich verständigt‘ werden kann, ohne die Verständigungsgrundlage immer neu aushandeln zu müssen. Nur durch die Verständigung kann man sich als Gemeinschaft auf mögliche Formen gemeinsamen Vorgehens gegen eine die Kräfte der Einzelnen übersteigende Gefahr hin entwerfen.

Als nächstes wird über diese Kooperation also auch Abstraktion und Reflexion möglich : Kollektive, die eine einigende Bezeichnung für eine Gefahr wie z.B. einen Säbelzahntiger gefunden haben, können sich über diese Gefahr verständigen, ohne sich ihr aktual gegenüber sehen zu müssen. Dort wo noch kein System aus Laut-Gesten existiert, sind Gesten vorhanden, die sich eigentlich nur mit dem verbinden lassen können, für das sie stehen sollen, wenn das, für das sie stehen, aktual vorliegt. Ohne ein ‚Wort‘ (Laut-Geste) für ‚Säbelzahntiger‘ können sich Urmenschen nur im direkten Verweiszusammenhang darauf hinweisen : also schlimmstenfalls, wenn das Tier schon im Sprung begriffen ist. Die Loslösung von der Vorlagen-Aktualität ist der Beginn von Sprache als einem abstrakten Bezeichnungssystem. Dies schafft mehreres : Reflexivität in ‚Worten‘ wird möglich, Austausch über etwas, das nicht da sein muss, aber auch das Bewusstsein wird möglich, auf welche Weise  der Austausch geschieht. Reflexiv – also Stellung zu sich selbst nehmend – ist dieser Austausch, wenn die beteiligten sich zugleich  austauschen über die Art und Weise, wie sie sich hinsichtlich ihrer Kooperationsleistung austauschen.  Das ganze dient einem Zweck : Entlastung von der existenziellen Schwierigkeit, Kooperation mit Verweis auf die Gefahr nur erwirken zu können, sobald die Gefahr schon so aktual ist, dass die Organisation von Kooperation zu spät kommen könnte. Dieser Zweck hat seine Wurzel im Überlebensmechanismus : Evolution.

Sprache ist zudem latent mit der Wunschvorstellung konfrontiert,  dass ihre Ermöglichungsbedingung – (die Loslösung von jeglichem Bezeichneten, die eigentliche Abstraktion des Laut-Aufkommens von den bezeichneten Dingen) – nicht mehr gelte : Dies ist der Moment, wenn den Bezeichnungen wieder eine invasive Wirkung auf die Dinge, von denen sie, um sie bezeichnen zu können, gelöst werden mussten, zugetraut wird. Nach dem Motto: Einen Namen zu kennen, ist, über eine Sache (real invasiv) zu verfügen. Ein solches Denken durchzieht Urtexte unserer abendländischen Kultur, etwa Homers Odyssee wird in diesem Kontext gerne angegeben : Odysseus kann von dem Zyklopen Polyphem nur so lange nicht handfest angegangen werden, wie jener nicht dessen wirklichen Namen sondern nur das Schutz-Pseudonym „Udeis“ (d.i. ‚Niemand‘) kennt. Der früh-antike Witz, wenn Polyphem vor Poseidon klagt, der ‚Niemand‘ habe ihm das Auge ausgestochen, ist heute noch verstehbar. Den Namen einer Sache zu kennen heißt – in dieser Form des ‚magischen Denkens‘ – über ein Ding verfügen zu können : in umgekehrter Richtung ist die Absage an diese magisch-invasive Verfügung die Grundbedingung der Sprache und ihrer Bezeichnungsfunktion fern von Vorlagen-Aktualität.

Aber die Entlastungsleistung der Sprache, also einer Form des nicht-mehr-invasiven laut-gestischen Beziehens auf eine Sache, die nicht aktual vorliegen muss, wird im Zauberglauben verdoppelt, indem wieder auf Invasivität spekuliert wird. Was muss denn jemand tun – oder besser gefragt : Was präsentieren uns Phantasy-Texte als Vorgänge des Zauberns oder Hexens?

Jemand sagt einen Zauberspruch! Aha! Jemand macht eine ‚gerichtete‘ Geste, d.i.eine Form des Zeigens! Aha! Jemand ‚richtet‘ seine Gedanken auf etwas! Aha! Jemand bereitet einen Trank, der mit dem Schicksal eines Ereignisses in einen direkten Verweisungszusammenhang gesetzt wird! Aha! Zaubersprüche, mimetische Tränke, Beherrschungs-Gesten und Tele-Kinese : Das sind alles zeichenhafte Bezugnahmeformen, die genau wie die Sprache funktionieren aber aus Naivitätsgründen ihrer Invasivitäts-Entsagung entsagen wollen, weil sie nicht auf die Utopie der ‚total‘ gewordenen Entlasung verzichten wollen. Mentale Zustände sind meist propositional gehaltvoll, das Bezogensein mentaler Zustände auf etwas nichtmentales nennen wir Intentionalität. Wir sind unserer Optionalitäts-Existenz gemäß Wesen, die es immer noch leichter, immer noch besser und immer noch einfacher haben wollen. Die Moderne ist zu komplex, zu chaotisch, ungeordnet, plural und offen : Das ertragen die Wenigstens ernsthaft. Der Markt empfiehlt uns dann die Flucht in erdachte Welten in denen die Utopie der totalen Entlastung uns so harmonisch umfängt.

Wenn Sprache entlastet, entlastet ein Zauberspruch, der einen Gegenstand real affektieren solle, nochmals : Bibi Blocksberg hext einen Kuchen herbei, in wenigen Sekunden hat sie das geleistet, was in der Küche eine Arbeit von Stunden gewesen wäre. Die Ambivalenz bei Bibi Blocksberg : der gehexte Kuchen schmeckt bei ihr oft nach Schwefel. Das ist der Preis einer ‚Entlastung‘, die nicht nur für die Unreifen (wie Bibi) nicht zu haben ist, denn : Magie kann es aus eben den angemerkten Gründen nicht geben : ihre Darstellung als quasi-sprachliches Affektieren von Gegenständen durch bloße Namhaftmachungen kann auf die Gegenstände nicht wirklich diesen Effekt haben, denn die Wurzel der Magie liegt in einer träumerischen Weiterentwicklung der Entlastung zu einem Zeitpunkt der Kultur-Evolution, an dem die Weichen schon auf die unabweisbare Separation menschlicher Bezeichnungstechniken von der zu bezeichnenden, unabhängig von den Menschen gegebenen Dingwelt gestellt waren. Die Dingwelt ist nicht erst Dingweilt in unserer und durch unsere Verfügung oder Zu-Eignung. Alles Materielle, das unabhängig von uns gegeben ist, ist erstaunlich unbeeindruckt von dem, was wir damit vorhätten. Nichts, was uns durch uns erst zugeeignet werden muss, kann ohne reales Investment eine Gestalt nach unseren Wünschen annehmen. Die Frage ist : Welches Investment ist uns (Menschen) das liebste? Das ‚leichteste‘. Und das ist das, welches am wenigsten Energie von verlangt. Sprache ist niedrig-energetisch : wie leicht mobilisieren wir ganze Konzepte im Unterbewusstsein durch nur ein einziges Wort. Wie entlastend wäre es, wenn nur ein einziges Wort die Dinge auch noch verändern könnte…

Vieles von dem, was ich gesagt habe, hätte wahrscheinlich auch Arnold Gehlen so gesehen. Nicht ganz versteckt sind durch Begriffe wie ‚Lautgeste‘ meine Anspielung auf Gehlens Werk „Der Mensch“ (1940). Jetzt möchte ich noch einen kleinen Verweis auf eine interessante Entwicklung geben : Vieles, was, dem Phänomen nach, nach gestischer Fern-Invasivität aussieht, wird in modernen technischen Geräten z.B. durch die marktreife ‚Gesten-Steuerung‘ eingeholt. Dass es keine Magie ist, weiß jeder, denn immer muss die Invasivität technisch gemittelt werden. Diese Mittelung ist eine sensorische Zurichtung einer technischen Umwelt, damit sie mit weniger Aufwand für uns tut, was sie auch vorher schon nur für uns und nur auf unseren Input hin getan hat. Wir kommunizieren mit der Technik, die etwas aufnimmt, nicht mit dem Ding (wie wir es in der ‚Magie‘ erträumen) : Die Dingwelt spricht auf keine unserer Sprachen an. Das zu akzeptieren, heißt, von der Idee zu lassen, es könnte so etwas wie ‚Magie‘ wirklich geben.

Zudem ist eine Entlastung, die durch Zauberei tendenziell ‚total‘ zu werden droht, gar nicht wünschenswert : Alle unseren humanspezifischen Kompetenzen, die auf die Fähigkeit zu Selbstmächtigkeit, Askese und Training abzielen, wären überflüssig : Trainingseffekte ließen sich herbeizaubern, und uns bliebe für immer der harmonisch ausgereifte Vorstellunghorizont verborgen, den ein Mensch nur dann mitbringt, wenn er sich diszipliniert, gequält, Erfahrung mit Frustration und all dem gemacht hat : All das sind Aspekte des Bildungs-Gedankens, ohne Fleiß und Zueignungsarbeit der anstrengenden Sorte ist Bildung nicht zu haben. Es blieben zaubernde Menschen übrig, deren Seelenleben durch diese Totalentlastung des Großteils ihrer Facetten verlustig gehen würden, ein Großteil ihrer menschlichen Spannungslagen im Seelenhaushalt verkümmern lassen müssten. Nein es bliebe nicht ‚mehr Zeit für die wichtigen Dinge‘ übrig, sondern was ‚wichtig‘ wäre, würde sich durch diesen Einschnitt so verändern, dass sich keine Vorhersagen treffen lassen. Das aber haben Menschen mit wirklichem Magie-Glauben nicht durchschaut. Mit dem Ausfall vieler dieser seelischen Facetten (etwa der ‚belastenden Frustration‘) fiele auf längere Sicht die Motivation des Zaubernkönnens – nämlich sich von Dingen zu entlasten, die ja gar nicht mehr BElasten weil sie durch Zauberei schon längst aus der Welt geschafft sind – weg. Die Zauberei würde sich damit ihrer Funktion berauben. Genau darum kann sie – rückwirkend betrachtet – in einer ‚menschlichen‘ Welt nicht real sein, weil sie nur ‚unmenschliches‘ stiften kann.

Von der Unwahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, das uns nicht ähnlich sieht…

„Welchen existenziellen, mehr als theoretischen Unterschied würde es ausmachen, mehr zu wissen – vom Dasein uns geistig ähnlichen Lebens anderswo zu erfahren? Meine Antwort ist: gar keinen.“

(Hans Jonas: Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen. Frankfurt am Main 1994. S. 253)

Wir suchen das absolut Exterritoriale und finden Bilder und Beschreibungen dafür, die auf Linie unserer Kategorien liegen: Wir denken uns intelligentes Leben mit Kopf, Armen und Beinen und einer Sprache, die wir zwar nicht verstehen, die man aber lernen könnte, wie Japanisch oder ähnliches. Wir wollen das Phantasma einer absolut exterritorialen Lebensform und kultivieren in Science-Fiction-Filmen eine Angst davor, die wir selber in diese Projektion hinein-plausibilisiert haben: Natürlich müsste man im absoluten Außen unsere irdische Ethik mit Füßen treten – natürlich stellen wir uns daher den Auftritt von Aliens so vor, dass sie ganz unbedingt mit Vernichtungsabsichten gegenüber uns Menschen aufträten: Sie kommen von draußen, sie wären damit an keine unserer innerweltlichen ethischen Implikationen gebunden, so denken wir. Anders Immanuel Kant, der seine Vernunftgrundierung intelligenten Lebens so formuliert wissen wollte, dass sie universal gültig ist und bei allen (noch nicht entdeckten, vielleicht nie zu entdeckenden) intelligenten Lebensformen genau so zu finden sein würde. Das könnte man wissen: Das will man aber nicht wissen. Wer Lust am Gruseln hat, muss Kant suspendieren. Wer Kant in dieser Hinsicht nicht versteht, kommt beim Gruselbedarf leichter auf seine Kosten. Nicht denken zu müssen, entlastet. Leider entlastet es aber auch von präzisen Einsichten. Eine dieser Einsichten könnte sein: Wir werden es nie mit Aliens zu tun bekommen können, die uns nicht ganz grundsätzlich ähnlich sehen, schockierend ähnlich, sozusagen wie wir: Wie Menschen. Fremd sind wir uns selber schon genug, unser eigener Gruselbedarf ist uns intransparent. Was verstehen wir dann überhaupt von uns? Die Baustelle sind nicht Aliens. Die Baustelle sind wir. (Also doch ‚Aliens‘?)

 Wer die Evolution richtig denkt, weiß um die Unwahrscheinlichkeit der Koinzidenz derjenigen Faktoren, die uns möglich gemacht haben. Dieses Übereintreffen als ‚Glücksfall‘ zu akzentuieren, ist Unsinn: Viele Menschen, die sich der Kontingenz nicht bewusst werden, spotten dem ‚Glücksbegriff‘, da sie der Erde nur dogmatischen Druck hinzufügen. Wessen Denken die Chaostheorie fassen kann, der weiß um die Unwahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im Universum. Wer das Chaos der Piratenpartei kennt, weiß ja auch um die Schwierigkeit mehr oder weniger intelligenten Lebens, eine technisch astreine Bewältigungsstruktur für die Koordination von Willensbildungsprozessen zu finden. Welchen Intergalaktischen Krieg sollten wir schon gewinnen? Aber so weit wird es ja gar nicht erst kommen.

Noch dazu: In unserem physikalischen Universum halten großartig unterschiedliche Bauformen nicht lange dem Praxistest stand. Das Resultat ist konvergente Evolution: auch mit großem zeitlichen und räumlichen Abstand entwickeln sich in varianten Biotopen Lebensformen immer nach ähnlichen Strukturprinzipien. Aliens würden uns verdammt ähnlich sehen… so oder so.

Harald Lesch dazu:

http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-centauri/alpha-centauri-ausserirdische-2001_x100.html

Dass schon allein unsere Existenz unwahrscheinlich ist, ist für uns schwer mit der menschlichen Innenperspektive zusammen zu denken, die uns immer wieder vortäuscht, das mit uns sei was ganz großes und Erhabenes. Wenn dieser Erhabenheitseindruck mal wieder durch unsere chaotische Kleinheit und Unzulänglichkeit konterkariert wird, flüchten wir uns in Religionen: Mit denen richtet sich unsere Vorstellung, dass wir in unserer geballten Dummheit und Widersprüchlichkeit auch noch von einem höheren Wesen gewollt sind, gemütlich ein, ohne dass wir merken: ein solcher Schöpfer müsste einen verdammt miesen Humor haben. Menschen mit religiös-rührig feuchten Augen wollen das gewollte Produkt eines Wesens mit miesem Humor sein. Ok, wer das will, soll das tun. Immerhin treten Aliens in Gruselfilmen immer als komplett humorlos auf. Hat sich schon mal einer gefragt, warum? So viel Klugheit um technisch so weit zu kommen wie wir Menschen, erträgt niemand ohne ein Moment der Flexibilität in seiner Haltung: also Humor. Wie könnten hoch-intelligente Vernichtungs-Aliens das ertragen, wenn sie nicht lachen könnten? So unwahrscheinlich schon unsere Existenz ist, umso unwahrscheinlicher wird es mit uns schon, dass das nochmal passiert sein soll: als statistischer Fall liegen wir bereits vor. Wer einmal im Lotto gewonnen hat, hat schon mehr Glück gehabt als rechnerisch möglich. Er sollte von weiteren Spielen Abstand nehmen, es sei denn er hat eine gute Frustrationstoleranz. Erneut zu spielen ist keine wirksame Beherrschung oder Handhabung des Zufalls. So gerne man das auch glauben möchte.   

Das Universum ist nicht unendlich groß. Dazu kommt: Wahrscheinlichkeiten sind keine wirklichen Aussagen über die Realität, denn da sie nur im Unendlichen zutreffen, lässt sich ziemlich lange, und zwar fast ebenso unendlich, an einer Wahrscheinlichkeitsbehauptung festhalten, selbst wenn empirische Proben immer das Gegenteil behaupten. Auch beim tausendsten Gegenbeweis müsste man immer nur sagen: Hauptsache es stimmt im Unendlichen. Die Fähigkeiten der Erdbewohner sind nichts universell Wahrscheinliches, keine Rechnerei kann mehr als nur die Möglichkeit einer gleichen Entwicklung behaupten: letztendlich Dinge, die man ‚glauben‘ muss. Das Statistikgehudel ist spekulativ und verstellt geradezu die Diskussion um die Bedeutung, die ‚das Andere‘, ‚die Anderen‘ und absolute ‚Transzendenz‘ für uns  als Vorstellungskonzepte haben.

Aliens hingegen haben keine Götter, weil sie topologisch mit Gott um die Situierung im absoluten Außen konkurrieren und diese Konkurrenzfrage durch Menschen entschieden werden muss, wobei in Hollywood-Blockbustern letztlich Gott der Zuschlag erteilt wird: Ist es uns jemals in den Sinn gekommen, zu glauben, Aliens könnten Götter haben? Ich habe in Filmen noch nicht gesehen, dass ‚potentiell mögliche Aliens‘ die Erde angreifen: nur konkrete Aliens, mit einer Gestalt, die die menschliche Handschrift trägt – ähnlich wie bei den meisten Gottesvisualisierungen, die den Menschen so passieren. Als Bedroher irdischer Ethik und als Wesen mit exterritorialer Herkunft automatische Gott-Konkurrenten müssen Aliens selbst als gottlos vorgestellt werden. Damit verkörpern sie das, was der häufigste Vorwurf in zugespitzten interkulturellen Konflikten zwischen realen Menschen ist: der Vorwurf, die jeweils andere Partei müsse vernichtet werden, weil sie gottlos sei. Das ist eine Frage der Deutungsmacht. Und: Es ist immer der Andere, weil der Andere – im Sinne eigener Identitätsbildung – immer das Fremde im eigenen Ich überspitzt und leibhaftig vorstellt, damit aber für den Normbedachten Menschen immer die Gefahr bereithält, ihm aufzuzeigen, dass er nicht in das Normkonzept des eigenen Diesseits der Kulturellen Demarkationslinie passt, und damit potentieller Weise zur Zielscheibe der Aggression der eigenen Kultur werden könnte. Diese Gefahr ist existenziell: in unaufgeklärten Kulturen hängt die Frage von Leben und Tod daran. Ketzer kommen auf den Scheiterhaufen, Hexen auch, Kommunisten, Demokraten, alle Unangepassten, alle ‚Anderen‘.   

Technokratisch verbildeten Menschen reicht eine rechnerisch nicht auszuschließende Minimalstwahrscheinlichkeit, um zumindest den Raum für Träumereien nicht abzuschließen. Ich als Philosoph bin da abgeklärter als manch positivistischer Naturwissenschaftler: und ich lasse daher nur nicht-naturwissenschaftliche Erklärungen für die ‚menschliche Natur‘ gelten.

Es ist eigentlich eine kulturwissenschaftliche / philosophische / soziologische Frage, warum uns Aliens so beschäftigen, und es ist eine Sache unterkomplexer Reflexion und eines gigantischen reflexiven Nachholbedarfs darin, warum wir – wenn wir an ‚das Andere‘ als phänomenale Folie für Selbstvergewisserungsprozesse denken – so brachial und infantil das Extremst-Andere in Form absolut exterritorialer Wesen bevorzugen, und ihnen in unseren hilflosen Visualisierungen denkbare Gestalt verleihen: sodass unsere Bebilderungen verraten, dass wir nicht über die Kategorien verfügen, das ‚wirklich‘ ‚Andere‘ wirklich erwarten zu können: es fehlt uns gewaltig an kreativer Einbildungskraft. Auch Filme in 3-D, mit hochauflösendem Bild und überfrachteter Story können dieses Einbildungskraftdefizit nicht einholen sondern nur vergrößern, wo sie zum Vorstellungslieferant für eine ganze Menschheit herhalten.

Kein Wunder, warum wir das Infantil-Phantastische und gigantisch Bebilderte ständig für-wahr halten müssen. Kein Wunder, warum es uns lieber ist, die Für-Wahrheit des Infantil-Phantastischen nicht etwa mit Argumenten zu kritisieren sondern mit Zahlenreihen in Statistiken zu affirmieren. Die Affirmation des Diffusen und der von latenter Aversion begleiteten Ungewissheit hat noch niemanden klüger oder besonnener gemacht.

Hinsichtlich einer klaren Einschätzung der Lage steht es uns im Weg. Ich meine weil: im Begriff ‚Alien‘ steckt die Fremdheitserfahrung drin, die man so an der ‚möglichen‘ Form intelligenten Lebens in diesem Universum logisch nicht als wirkliche ‚Fremdheit‘ bezeichnen kann, weil  uns die Naturwissenschaft schlüssig gezeigt hat, nach welchen Kriterien das funktioniert. Die eigentliche Frage, wie man sowas gedacht kriegt, ist keine Frage von statistischen Zahlen sondern eine kulturwissenschaftliche: Wie gehen wir mit Fremdheit und Identität um (schon allein auf unserem Planeten…) Die Erklärung ist denkbar simpel und hat mit der identitäts-bildenden Qualität des ‚Anderen‘ zu tun, physikalische Gesetzmäßigkeiten in unserem Universum lassen aber ein intelligentes Leben, das anders funktioniert als wir, nicht zu. Darum würden Aliens wahrscheinlich erstaunlich menschlich wirken. Der Rest, der an Differenzen bliebe, wären Unterschiede, die nicht größer sind als die zwischen Chinesen und Afrikanern. Solange uns  das aber auf unserem eigenen Planeten schon vor Probleme stellt, sollten wir nicht von Aliens träumen…

Die fremde Kultur von nebenan stellt uns vor größere Herausforderungen, die wir aus eben den Überforderungsgründen gar nicht erst angehen: In Hollywood-Blockbustern scheint der irdische interkulturelle Konflikt erst überbrückbar dadurch, dass eine exterritoriale Macht keinen Unterschied zwischen den zu vernichtenden Menschen und ihren kulturell unterschiedlichen Konkretionen und divergenten Ethiken macht. Dass menschliche Kulturen in der fingierten Wirklichkeit des Films erst angesichts der Apokalypse von ihrem Bestehen auf Differenz voreinander abrücken um Einigkeit gegenüber dem absolut Fremden zu behaupten – und das ganze erst in dem Moment, wo ihnen eine überlegene Macht diese Entscheidung schon abgenommen hat – ist bezeichnend. Bezeichnend auch, dass der durch viele Blockbuster hindurch schimmernde religiöse Subtext trotzdem noch ein Happy-End verlangt, um die Konkurrenz der exterritorialen Wesen (Außerirdische vs. Gott) zugunsten des Wesens zu entscheiden, das uns näher ist, weil wir es selbst konstruiert haben (Gott) und uns unter seinen Fittichen wähnen.

Die gute Nachricht ist: Wir werden die Anstürme von ‚außen‘ wahrscheinlich alle überleben, nicht aber ohne uns einzureden, dass es berechtigt sei, in grundsätzlicher Aversion gegen alles Fremde, das unsere Normvorstellungen überstrapaziert, zu bleiben. Das ist die schlechte Nachricht: Nach dem Sieg über die Aliens dürfen wir uns wieder die Köpfe einhauen. Das historisch sich wie ein roter Faden durchhaltende Konfliktpotential im ‚innen‘ unseres Globus‘ ist mit dieser Gewissheit geradezu begrüßt, stabilisiert und auf Dauer gewollt. Unsere wirklichen Konflikte drehen sich irdisch um die Deutungshoheit angesichts eines nie wirklich hereinbrechenden absoluten Außen, das unsere Deutungsprognosen mit der Realität des Außen konfrontierte. Wir brauchen uns gar nicht zu vereinen, und dürfen uns weiter ungestört die Köpfe einhauen. Nur leider ist diese gute Nachricht keine gute Nachricht. So viel Zynismus haben wir uns durch unsere Scheinheiligkeit eingehandelt.  

Wenn uns das ewig Kreislaufhafte des Weltalls irritiert, liegt es nahe, aus bloßem Kontrastdenken heraus die Persistenz des Immergleichen mit der Möglichkeit eines Bruches zu konfrontieren. Aber glauben Sie mir: Wir sind für den Lauf des Universums zu unerheblich, als dass unser Kontrastbedarf auf dessen Regelmäßigkeit auch nur den geringsten Einfluss hätte. Alle Untergangsprophetien sind in dieser Hinsicht hilflose Aufschreie gegen die eigene Einflusslosigkeit im Ganzen und gegen die Irritation, die das unverstehbare Ganze hervorrufen muss, wenn von ihrer Ratio überzeugte Ganzheits-Fundamentalisten konfrontiert sind mit dem anspruchsvollen Programm, den einen Zugriff auf das Zu-Große meinen meistern zu müssen. Es gab Zeiten, da wollten Philosophen das auch noch. Davon haben sie sich verabschiedet. Zu recht.   

Das Andere erfahren, heißt, sich über sich selbst klarer werden zu müssen. Es geht bei allem wie immer um Fremdheitserfahrungen. Trotzdem wir von Globalisierung faseln, sind wir mit dem immanenten Fremden in interkultureller Perspektive schon so überfordert, dass wir Hollywoodphantasten uns in Afrikaner nicht halb so gerne hineindenken möchten wie in Aliens. 

Der frei gewordene Mensch ist frei nur als ‚Sichtbarkeitskrüppel‘ (wie es Sloterdijk in Du mußt dein Leben ändern für Sartre und Blumenberg sagt), ist also in seinen möglichen Entwürfen nicht frei von den Hinsichten der Anderen: Wie ihre Entwürfe als Formatvorlage für Selbstentwürfe durch Sichtbarkeit verfügbar werden, so scheint in der Wechselseitigkeit ein unterschwellig drängendes normatives Moment mit den bloßen Entwürfen noch etwas mehr vorzuhaben: Nämlich sie auf ihre ‚Richtigkeit‘ zu prüfen, also sie prinzipiell nur in normativer Hinsicht voreinander antreten lassen zu wollen. Dieser Einschränkung der Entwurfshinsichten von den Anderen – elementar: verschiedener Kulturkreise voreinander – versucht Helmuth Plessner in Macht und menschliche Natur wieder aufzuweiten mithilfe einer Art Proto-Kulturrelativismus, der aber nicht konkrete Entwürfe allgemein relativiert, sondern Entwürfe im Besonderen vor einem Gegeneinander-Ausspielen bewahrt, indem die Relativität eines Entwurfs zu einem Bezugskreis einerseits den Beliebigkeitseindruck wegschiebt, und andererseits die Relativität aktual verschiedener Kulturkreise auch voreinander gelten lässt.

Nur gegen das Beliebige lassen sich durch den Idealismus hart-normativ abwertende Urteile aussprechen; der Bruch mit dem Idealismus muss also bei Plessner darüber beginnen, dass verschiedene Kulturkreise in nicht-normativer Hinsicht voreinander als verschieden und damit als mit universal gleichem Recht relativ auf ihr je eigenes Gewordensein erscheinen können: dieser Respekt vor der Ausdifferenziertheit ist idealistisch lediglich in der minimalen Hinsicht, dass er in universell-einender Absicht mitgeführt wird, und sogar auf ‚Aliens‘ (also alle Menschen in diesem Universum) ausgedehnt werden kann. 

Kulturen dürfen selbstverständlich sein was sie sind, wenn sie als geschichtlich-geworden erkannt werden. Keine Kultur hat damit aber das Recht erworben, auf ewig das zu bleiben, was sie mal geworden war. Es muss immanente Opposition geben können, und es muss Differenz geben, die ohne Aggression auskommen kann: eine reife, gemütstechnisch temperierte Weltsituation wäre das, von der wir auch heute noch – trotzdem uns das Geld entspannt hat, weil wir auf Zinsen gucken können und nicht auf Menschen gucken müssen, was auch wieder äußerst ambivalent ist – entfernt sind.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wenn auf einem entfernten, erdähnlichen Planeten, Menschen sitzen, sie wenn sie an uns denken dabei die Figuren zeichnen, die wir zeichnen, wenn wir an sie denken? Sehr. Nur wir werden nie in die Verlegenheit kommen, sich diese Wechselseitigkeit bestätigen zu lassen: Die ‚Anderen‘ sind immer so unendlich weit weg, mathematisch im kaum bestimmbaren Bereich des Wahrscheinlichen. Daher haben sie keine Bedeutung für uns.  

Keine (auch keine fiktive) Kultur darf vor Entwurfshinsichten geschützt werden, sonst bläst sich ihre Normativitätsvorstellung so stark auf, dass ihr jede Kleinstabweichung erst eine besondere Erwähnung und dann eine besondere Ahndung wert wird: Vor Vergleichen und Varianzgewissheit geschützte Kulturen entwickeln gerne einen selbstzentrierten Kultur-Positivismus, der Aggresion gegen alles andere legitimiert. Da die Aggression gegen übermächtige Aliens doch arg zu hilflos wäre, wird dieser Kampf, der reine Projektion ist, in der Filmfiktion durch eine Art Gotteswille zugunsten des als schwach vorgestellten Menschen entscheidbar gehalten, was uns vorgaukelt, dass wir bei der Weichenstellung für unsere Zukunft nicht mitzureden hätten.

Das ist grob falsch: Menschen leben ihr Leben nur dort als Menschen, wo sie es führen. In Syrien werden gerade die Weichen für die Überlebenszukunft eines Volkes gestellt, und siehe da: Wir reden mit. Aber mehr eben auch nicht. Wir gucken zu und reden und belassen es dabei. Mehr vernichten können uns auch Aliens nicht, als wir uns durch unsere Passivität, die wir uns von Filmen beibringen ließen, für die wir viel Geld bezahlt haben. Die wirklichen Abgründe sind nicht im Außen, sondern in dem nicht-verbalisierten Kern der Menschen, in uns allen.

Fiktions-Aliens sind statistischer Blödsinn, irdische Aliens sind die reale Aufgabe, an der wir regelmäßig scheitern, weil wir unser Leben nicht führen und unsere Normativität vor Vergleichshinsichten in Absicht  der Entkrampfung schützen aber damit defacto all unsere Routinen unreflektiert und damit einen Großteil unseres Lebens unbegriffen lassen.

Wer unter euch damit kein Problem habe, der fürchte sich vor dem ’nächsten‘ Angriff aus dem Weltraum.