„Terror oder Humor“?

Die titelgebende Konjunktion „Terror und Humor“ ist der Sache nach eine der schärfsten Disjunktionen überhaupt: Entweder … oder. Wer im Humor seine Neigung erkennen lässt, gegen die traumatischen Aspekte des Lebens positiv bestehen zu wollen, der hat keinen Grund mehr, eine weltanschauliche Verstiegenheit zu entwickeln, die zu einer Mission der Auslöschung werden könnte. Missionen sind meist der Reflex auf den gefährlichen Überblicksverlust, der in der Pluralität wurzelt. Wo der Humor einen schlechten Stand hat, da regieren Menschen oft mit dem verheerenden Imperativ, alles ‚andere‘ müsse getilgt werden. Terror wirkt dann, indem man sich von ihm auch dann bedroht fühlt, wenn er gerade nicht aktuell durchschlägt.

‚Erweiterte Selbstmorde‘ mit medialer Spitzenplatzierung erzeugen das Gefühl latenter Bedrohung. Meine These ist, dass einer terroristischen Ausgangshaltung der Nährboden entzogen werden kann. Und zwar durch eine spezifische Haltung, die auf Nichtverhärtung aus ist: dem Humor. Terroristen wollen Verhärtungen gutheißen, weil sie sie als notwendigen Reflex auf einer widerständige Welt beschönigen. Hat das Widerständige aber seine begrüßenswerte Funktion besonders darin, den Strategien der Bearbeitung des Antagonismus‘ zwischen eigener Tugend und nicht beeinflussbarem Weltlauf Futter zu geben, so gibt es insgesamt zwei Extreme, die wirkliche Widerständigkeit verabscheuen und uns auf jeweils eigene Weise über sie hinwegtäuschen wollen: der weltanschauliche Terrorismus und der Terrorismus der Massenkomik.

Der Terrorist sprengt das ihm verhasste geistige Milieu, das wir atmen; der Comedian sprengt nicht einmal mehr die abrissreifsten Nebengelasse der Positivgesellschaft, schon gar nicht deren Prunkbauten.

Von beiden Seiten her droht Ähnliches: An die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände nur durch Auslöschung zu glauben macht Lebensräume inhuman, die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände in der Bestätigungskomik zu bezweifeln, hält Lebensräume inhuman. Wird im Terrorismus durch die Wahllosigkeit, welche Opfer eine Explosion fordert, mehr oder weniger der gesamten Gesellschaft unterstellt, dass sie mangelhaft ist und daher – unbesehen der Einzelfälle – von Gewalt betroffen gemacht werden sollte, so wird im Terror der breit gesäten Massenkomik die Möglichkeit verabschiedet, dass die anstrengende Auseinandersetzungen mit sozialen Differenzen zum Selbstverständnis des sich bildenden und verändernden Menschen gehören kann.

Humorloser Terror und genauer gesagt Komikterrorismus gleichen sich darin, dass sie dem Menschen das willentliche Sich-Betreffen-Lassen abnehmen, und machen ihn damit unmündig. Terrorismus erscheint unter seiner eigenen Maßgabe der gerechtfertigten Unterstellung des Ungenügens ‚aller‘ als „Gewalt gegen jene menschen-umgebenden »Sachen«, ohne welche die Personen nicht Personen bleiben können“[1], Massenkomik hingegen – unter das bloße Emblem des „Humors“ gestellt – ist schmeichelnde Gewalt des Konsens‘ gegen soziale Differenzen.

Diese Gewalt verabschiedet die Aufgabe, Unterschiede aushalten zu lernen, und bezweifelt daher zunehmend auch, dass es diese identitären Unterschiede zwischen Personen überhaupt gibt. Damit bedroht sie das Person-Sein der Menschen von der Seite ihrer Individualität her.

Massenkomik ist damit per definitionem von Intoleranz geprägt, wie es auch die attentäterisch-terroristische Motivationslage ist. Terroristen halten auf eine grundsätzlich gefährliche Weise zu pauschal alle für Abweichler, Komikterroristen halten zu pauschal alle Abweichung auf eine zu grundsätzliche Weise für ungefährlich und für prinzipiell in unser gesellschaftliches Einerlei für integrierbar. Zwischen der singulären Verstiegenheit des verbissenen Geisterfahrers und der kollektiven Indifferenz einer kichernden Schiffkreuzfahrtgesellschaft allerdings gibt es einen Bereich, in dem unterwegs zu sein mir humaner erscheint, in dem unterwegs zu sein aber einiges mehr verlangt an Takt, Toleranz, Bildung und Humor.

Wir leben in Restriktionen und können oder dürfen über gar nichts lachen und wollen uns – da wir dies in Konsequenz als besondere Mission mit kollektiven Tiefeneffekten annehmen müssen – sprengstoffbasiert davon entsichern? Dann werden wir Terroristen, wobei unser Verlust von Seelen-Adel darin läge, dass uns nichts mehr wirklich etwas bedeutet. Oder wir wollen hingegen über alles nur noch auf eine flache Weise lachen und dies im Eventmodus nur scheinbar wirklicher Entsicherung? Dann werden wir zu Mario-Barth-Fans, deren Verlust seelischer Vielfalt darin läge, dass nichts wirklich Wichtiges uns noch Gegenstand einer eigenen Bearbeitung werden kann. Wir sollten beides nicht werden wollen, wenn uns noch etwas heilig ist, das es trotzdem aushält, in dem Lichte betrachtet zu werden, das neben seinen Schönheiten gleich seine Unschönheiten mit zu Tage fördert.

Terroristen haben keine Unschönheiten, glauben Terroristen. Komikterroristen meinen, ihre Unschönheiten freimütig genug benannt zu haben, aber mit dieser Vordergründigkeit bringen sie sie eben zugleich weit außerhalb der Reichweite von kritischen Nachfragen.

[1] Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Frankfurt am Main 2002, S. 23.

Advertisements

Maria Furtwängler isst kaum noch Fleisch …

Das Magazin „Stern“ und andere Hochqualitätsmedien haben in der letzten Woche in stilsicher hochtönig lobenden Worten darüber publiziert, dass Maria Furtwängler seit den Dreharbeiten für ihren neuesten ‚Tatort‘ mit dem Titel ‚Der sanfte Tod‘ (Erstausstrahlung am 7.12.2014) kaum noch Fleisch esse.

http://www.stern.de/kultur/tv/tatort-kommissarin-maria-furtwaengler-isst-kaum-noch-fleisch-2147211.html

Beim ersten Lesen soll man wohl denken: Oh, was für eine Gute, was für ein Vorbild, was für eine Selbstdisziplin. An ein zweites Lesen ist hierbei wohl nicht gedacht gewesen. Denn weiterhin redet die Furtwängler – zur Einschränkung, wie Sie es denn auch ohne ihre eigene Internet-Recherche über die fiese Massentierhaltung hatte verantworten können, Fleisch zu essen – davon, dass ihr Konsum vorher ‚eh schon nicht sehr groß‘ war, und jetzt ‚fast gegen Null‘ tendiere.

Ich möchte hier eine kleine Beispielbetrachtung mit Zahlenbasis aufmachen.

1.) Jemand, dessen Fleischkonsum gegen Null tendiert, und der 1 Gramm Fleisch am Tag isst, kann gleich komplett damit aufhören, denn 1 Gramm ist praktisch nichts.

2.) Jemand, der sich diese 1-Gramm-Tagesmenge aufspart und alle acht Wochen ein Schnitzel isst, wird zwar kein ‚richtiger‘ Vegetarier sein, aber echter Fleischkonsum ist das auch nicht, weil die Grundversorgung des Körpers fast ausschließlich aus nichtfleischlichen Produkten geleistet wird. Zudem ist der Verzicht auf ein Schnitzel alle acht Wochen noch leichter zu verkraften als der Verzicht auf das tägliche Schnitzel.

3.a) Stellen Sie sich vor, Frau Furtwängler hat vor den Dreharbeiten zu diesem sicher köstlichen Tatort (Erstausstrahlung 7.12.2014, ich wiederhole mich) pro Woche zwei Schnitzel gegessen, und jetzt für sich persönlich aus sehr altruistischen Gründen beschlossen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren. Und nehmen wir an, sie isst Fleisch nur in der Darreichungsform eines „Schnitzels“.

3.b) Betrachten wir dazu eine Schnitzelgrößen-Tabelle, die besagt dass es  Standard-Schnitzel in folgenden Größen gibt: M (=200g), L (=300g), XL (= ca. 500g) und XXL (bis ca. 1000g).

3.c) Wenn Frau Furtwängler jetzt im Gegensatz zu früher nicht zweimal sondern nur noch einmal pro Woche ein Schnitzel isst, kommt sie auch bei der kleinsten Größe M auf 200g Schnitzel, womit die Aussage, dass der Fleischkonsum ‚gegen Null‘ tendiere, eigentlich nicht mehr zu vereinbaren ist, es sei denn in und an dem Schnitzel befindet sich kein Fleisch sondern fast nur Panade oder wertlose Füllstoffe. Dass Frau Furtwängler so etwas essen mag, ist allerdings zu bezweifeln.

3.d) Gehen wir allerdings davon aus, dass Frau Furtwängler (wieder zu sehen am 7.12. im Tatort) vorher wirklich schon keinen hohen Fleischkonsum hatte, dann wird sie sehr wahrscheinlich nicht vorher zwei Mal die Woche ein Schnitzel gegessen haben, sondern vielleicht nur ein mal. Als studierte Ärztin wird sie wissen, dass zwei Mal Fleisch pro Woche kein geringer Konsum ist, sondern von Ärzten als durchschnittlich empfehlenswerte maximale Verzehrmenge angegeben wird.

3.e) Hat Frau Furtwängler also vorher nur ein Schnitzel pro Woche gegessen, aber ihr jetziger Konsum liegt trotzdem noch nicht bei Null, sondern nur ‚fast‘ bei Null, dann muss sie ja noch irgendetwas fleischliches zu sich nehmen. Mal angenommen, sie hat sich von „Ein Schnitzel pro Woche“ auf „Ein Schnitzel alle zwei Wochen“ reduziert, dann gilt:

Wir reden hier vielleicht über eine Frau, deren Fleischkonsum sich von 800g im Monat auf 400g im Monat reduziert haben könnte. Haben unsere Medien sonst noch irgendetwas relevantes zu berichten außer den verschwindend geringen Nutritionsänderungen von Schauspielerinnen? Wird Frau Furtwänglers Engagement in diesem Tatort wirklich deswegen als gesellschaftlich vorbildhaft  relevant hochgeschrieben,  weil der Menge nach zu urteilen bei ihrem ohnehin schon geringen Verzehr alle paar Jahre einem Schwein damit das leben gerettet werde könnte, oder wird die Furtwängler – ohne auch nur irgendetwas erwähnenswertes außer ihrem Job getan zu haben  – relevant, weil sie Burda-Medien im Nacken sitzen hat? Welche Medien kümmern sich um uns arme Schweine, denen der Tatort fast jede Woche 1,5 Stunden Lebenszeit raubt? Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, meinen Tatort- und meinen Stern-Konsum in Zukunft zu reduzieren, obwohl er in beiden Fällen eh schon ‚gegen Null‘ tendierte…

Formfehler der Kritik an der „Israelkritik“

Ich beobachte seit einiger Zeit, mit welcher Verspanntheit viele Diskutierende – die sich oftmals selber politisch eher links mit starker pazifistischer Komponente verorten – ihre Solidarität mit Israel zu Felde führen. Die Verspanntheit beginnt oft schon dort ihr unschönes Gesicht zu zeigen, wo man demjenigen, der dies als Verspanntheit benennt, Antisemitismus unterstellt. Das ist äußerst unangenehm. Da ich nicht vorhabe, Israel wirklich zu kritisieren, sondern die Kritik vieler ich sag mal vorsichtig ‚Linker‘ an der „Israelkritik“, beanspruche ich eine Metaebene, die inhaltliche Gretchenfragen des Typs „Wie hältst du es mit Israel?“ überhaupt nicht hergeben. Wenn ich über Formfehler der Kritik rede, rede ich über die verpassten Chancen vieler Kritik-Kritiker, die mit ihrer Art blindwütiger Debattenführung so etwas wie einen Prozess der Abwägung guter Argumente gar nicht mehr zulassen wollen. Das stört mich nicht deshalb weil ich Israel hassen würde (ich halte es im Gegenteil ganz selbstverständlich für ein souveränes Völkerrechtssubjekt), sondern weil mich die methodische Unredlichkeit und Pauschalität vieler blindwütiger Debatten intellektuell unbefriedigt zurücklässt.

Dieser Text beschäftigt sich notgedrungen nicht vordergründig mit der durchaus relevanten Frage „Wie weiter mit Israel?“ (zumal diese Frage hoheitlich nur durch Israel selbst entschieden werden kann), sondern mit der weniger relevanten Frage, die sich nur in bestimmten Kreisen aufzudrängen scheint: „Wie weiter mit denen, die unwidersprochen kritisch über israelische Außenpolitik reden?“ Wenn jemand sagt, diese Bereiche seien so nicht zu trennen wie ich das wolle, dann sage ich: doch, denn das eine ist ein Reden über einen Staat, und das andere ist das Reden über das Reden über einen Staat. Das Reden bezieht sich jeweils auf unterschiedliche Existenzebenen: Staaten ‚sind‘ etwas anderes als Worte oder Gedanken, weil sie auf andere Weise ‚sind‘. Staaten sind auch etwas anderes als ein Kuchen oder eine Handtasche. Der erste mögliche Formfehler der ‚Kritik an der ‚Israelkritik‘‘ wäre wohl, dass diese Ebenen dabei oft nicht genügend auseinandergehalten werden. 

Wer über etwas redet, der beschreibt es, oder deutet es, oder analysiert, wertet, beurteilt. Dass man über Israel besonders reden müsse, kann ich akzeptieren. Dass die historischen Gründe aber ein kritikfreies Reden nahelegen sollen, nicht. Wenn Israel ein Marionetten-Staat wäre, der keine innen- oder außenpolitische Bewegung eigeständig durchführen kann, bräuchte man die Kritik nicht an Israel adressieren. Der zweite Formfehler ist, über das wechselnd intensiv implizite Kritikvermeidungsgebot und der Nicht-Adressierung von Kritik, den Staat entweder als heteronom und unsouverän auszugeben, oder ihm zuzugestehen, dass er uneingeschränkt alles richtig macht und sich Kritik daher eh verbiete. Doch welcher Staat ist schon so heilig, dass er alles richtig macht?

Unbestritten gibt es im offiziellen politischen Israel stramme, militaristische Denkzirkel. Seit wann israelischer Militarismus nun ein „guter“ und „erhabener“ Militarismus ist, das sollen mir gerade Pazifisten mal grundsätzlich erklären, gerade wenn sie das Engagement für einen zum Teil auch proaktiv militärisch agierenden Staat mit ihrem Pazifismus vereinbaren wollen, aber eben auch nur in diesem Fall Abstand vom Pazifismus dulden. Selektiver Pazifismus ist keiner. Das nicht zu sehen, ist auch ein Formfehler.

Der nächste Formfehler, der gerade passiert, aber etwas verständlicher ist, hat mit der zu recht wütenden Reaktion auf die unsäglichen antisemitischen Proteste zu tun, die es in Europa seit Aufflammen des Gaza-Konflikts gibt. Das Furchtbare daran ist, dass jüdische Mitbürger und ihre Religion in Haftung genommen werden für eine aggressive Kritik an der Außenpolitik Israels. Ich kann das auch nicht dulden, aber ich kanns auch nur deshalb nicht dulden, weil ich einen Formfehler nicht begehe: die Gleichsetzung von ‚Jüdischsein‘ und im Vollsinne des Wortes ‚politische Verantwortung für Israel zu tragen‘. Diesen Fehler – diese Gleichsetzung zu proklamieren – machen radikale Israelgegner genauso häufig wie radikale Gegner von radikalen Israelgegnern. Ich weiß, dass es die Gründung des Staates motivierte, den vertriebenen Juden eine Heimat zu geben, und trotzdem ist es so, dass dazwischen eine Trennung vorgenommen werden müsste. Denn wenn man immer noch den Gründungsmythos von der „Zufluchtsstätte“ für aktueller denn je hält, gibt man all den rassistischen Antisemiten auf diesem Planeten Argumente dafür in die Hand, warum alle jüdischen Mitbürger nach Israel gehen sollten. Man muss aber als jüdischer Mitbürger in Buenos Aires oder in Hamburg das Recht haben, mit der israelischen Außenpolitik aufs schärfste unzufrieden sein zu können, oder sich eben dort niemals heimisch fühlen zu wollen. Wir hier außerhalb Israels müssen tolerante Gesellschaften sein, damit keiner verfolgt wird und keiner eine Zufluchtsoption braucht.

Der vierte Formfehler ist der unreflektierte Glaube an den Exempelcharakter: Es gibt Menschen auf diesem Planeten, die aus dem Umgang der Weltgemeinschaft mit Israel paradigmatisch ein Urteil über die Humanität der ganzen Welt ableiten wollen. Dass die Weltgemeinschaft im Nachbarland Syrien bisher den Tod von ca. 160000 Menschen hingenommen hat, gibt so schon genug Auskunft über die salonfähige Inhumanität, sodass das Suchen nach paradigmatischen Fällen durchaus im Nahen Osten Erfolg verspricht, aber vielleicht nicht gerade da, wo relativer innenpolitischer Friede und Prosperität herrschen. Der Formfehler, wenn man das aktuelle Israel zu sehr als Präzedenzfall des globalen Humanismus wertet, ist, dass die Außenpolitik überwertig betont und die innere Stabilität und alles, was in der israelischen Gesellschaft besser und humaner läuft als bei seinen Nachbarn, als Argument ausgeblendet wird. Damit besteht man aber auf eine „Unvergleichlichkeit“ von Nationalstaaten, was aber heißt, dass man Paradigmen ausruft, die gar keinen Vergleich befürchten müssen und auch gar nicht durch Vergleiche ihren Exempelcharakter gewinnen können. Dadurch verkommt das Präzedenzhafte zur bloßen Setzung, die nicht kritisiert werden darf.

Damit muss die Rede auch auf folgenden Formfehler kommen: Viele „Linke“ halten Nationalstaaten generell für faschistisches Teufelszeug und willkürlichen, grenzzieherischen Fanatismus. Wenn ihnen wirklich an politischer Stabilität im Nahen Osten gelegen ist, müssten sie aber bald konzedieren, dass die Zwei-Staaten-Lösung, der zugetraut wird, langfristig für Frieden zu sorgen, genauso ein Bestehen auf festen, nationalstaatlichen Grenzen zwischen eigentlich verfeindeten Nachbarn ist. Dazu gehört, dass man den palästinensischen Autonomiegebieten das Staat-werden zugesteht. Da nationalstaatliche Grenzen nach identitärem Vokabular eine Manifestierung der Freund-Feind-Relation sind, muss man die Kröte eines konsensualen und friedenstiftenden Umgrenzen schlucken. Jedenfalls gehört es dazu, konsistent zu reden: Und nicht die Zwei-Staaten-Lösung zu akzeptieren, aber andererseits Nationalstaaten zu verteufeln. Nichts wäre ein größerer Formfehler als inkonsistentes Reden.

Sehen Sie, ich habe bisher mit keinem Wort irgendetwas Negatives weder über Israel noch über Palästina gesagt, sondern nur Negatives über Argumente und Motivationslagen von Argumenten von Leuten. Wer mich jetzt schon beschimpfen will, der darf das gerne tun, ist nur leider oberflächlich. Einer der Formfehler der Kritik an der „Israelkritik“ ist oft, dass Argumente gegen die Person, die gar nicht die israelische Außenpolitik sondern das Kritikvermeidungsgebot kritisiert, gebracht werden, die aber keine Argumente sondern Unterstellungen sind.

Ich stehe voll zu der historischen Schuld. Die darf aber nicht bedeuten, Israel durch Kritiklosigkeit auf entmündigende Weise zu protegieren. Sondern sie bedeutet, das Existenzrecht Israels so selbstverständlich anzuerkennen, dass Israel souveräne und eigenverantwortliche, demokratisch legitimierte Politik zugestanden wird, die daran gemessen werden muss, das Beste für die meisten israelischen Bürger zu bewirken. Deeskalative und friedenschaffende Außenpolitik gehört dazu. Der Nah-Ost-Konflikt ist sicher nicht leicht aufzudröseln. Unvermittelte Raketenangriffe aus Gaza auf Städte wie Ashdod sind sicher überflüssige Provokationen, keine Frage. Präventive Terroranschläge auf iranische Atomwissenschaftler sind aber ebenfalls Provokationen. Einer der Formfehler ist auch, solche Aktionen und Reaktionen nicht ins Verhältnis setzen zu wollen, und jemandem, der das tut, ein fatal ahistorisches Bewusstsein zu unterstellen. Wer das historische Bewusstsein missbraucht, um durch es die Wahl so ziemlich jeder Mittel zu rechtfertigen, der sollte ein Problem mit seinen Selbstwidersprüchen bekommen.

Ein letztes inhaltliches Zugeständnis: Sicher ist es so, mit vielen ihrer waffenliefernden arabischen Freunde sind die Palästinenser schlecht beraten, und man darf  auch nicht vergessen, dass Israel unter stärkeren innenpolitischen Konflikten damals den Gazastreifen geräumt und die restlichen israelischen Bürger teilweise hat raustragen lassen wie kriminelle. Die erdrückende humanitäre Lage im heutigen Gazastreifen lässt den Palästinensern aber nicht viel Spielraum. Was aber nicht heißt, dass ihr Spielraum nur noch das Abfeuern von Raketen zulässt. Die Palästinenser haben bessere Partner verdient als solche, die sie nur mit Waffen versorgen. Die Israelis wären gut beraten, nicht alles, was „Aktion“ ist als bloße „Reaktion“ auszugeben und soviel an vermeidbarer Provokation wie geht zu vermeiden und sich an internationales Recht zu halten. Bestimmte Bedrohungslagen machen selbst stabile Gesellschaften anfällig für ein scharfes Freund-Feind-Denken. Auch die israelische Gesellschaft ist nicht per se erhaben und nicht weniger plural und chaotisch als alle anderen westlichen Demokratien. Das zu übersehen ist ebenfalls ein Fehler.

 

Über Ethik und ethische Expertise für Politik und Wirtschaft

Kongress- und Kommisionsphilosophen sind ein neuer Typus von funktionalem Akademiker, an dem sich neue Hoffnungen festmachen. Unter dem offensiven Vorwand eines Beratungsbedarfes von Politik und Wirtschaft sollen sie prototypisch für die Einholung des „Mehr“ in die geschlossenen Zirkel politischer oder wirtschaftlicher Selbstverständigungen stehen. Ist dies nur dem Gefühl des Ungenügens der Eigenverständigungsprozesse und -resultate geschlossener Entscheidungsfindungen geschuldet?

Wenn dem so wäre, müsste ein analoges Vorwänden von Beratungsbedarf in anderen Bereichen ebenso blühen. Dem ist nicht ohne weiteres so. Denn wenn das erste Ziel – die ethische Reflexion – mit dem zweiten Ziel – der ethischen Optimierung von Entscheidungsprozessen – mit der Bedarfsoffensive gar nicht wirklich erstrebt ist, dann steht nur das Bedürfnis nach einem Etikett im Vordergrund, das unangenehme aber bar jeder Beratung mögliche Entscheidungen durch das „Mehr“ legitimiert. Gemeint ist: ein „Mehr“ an lebensweltlichem Sinn in bürokratischem ‚Öffentlichkeitsmanagement‘, ein „Mehr“ an allgemeiner Vernunft in konkreten, pragmatischen Vorschriften und Ordnungen, die gerade gegenüber einer wachen und pluralistischen Öffentlichkeit unter einem wachsenden Rechtfertigungsdruck stehen. Die Stellen, an denen gestaltende Gewalten regulativ über die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens in einem Staat entscheiden, werden immer besser überwacht. Da sich Ethik in nachaufklärerischer Perspektive nicht mehr auf eine allgemein geteilte christliche Wertebasis berufen kann, kann man einerseits nicht mehr an ein Einziges glauben, andererseits wird erst dadurch Tür und Tor für abwägendes Reflektieren geöffnet. Und das ist anstrengend.

Die Einsicht, dass ethische Grundsätze kontingent sind ohne sich dadurch in ihrer Gültigkeit in einem gewissen Bezugsrahmen relativieren zu müssen, verlagert die Perspektive auf den Auswahlcharakter menschlicher Entscheidungen und lenkt den Fokus auf Aspekte, die eine Auswahl und damit den Ausschluss anderer Handlungsoptionen plausibilisieren. Einer dieser Auswahl-befördernden Aspekte ist die Expertise eines in Fragen der Ethik Auskunft gebenden Menschen. Worin kann ethische Expertise bestehen? Diese Frage ist ziemlich gut zu beantworten.

Expertise ist eine Frage des Wissens. Dieses ist oft mit Alter verknüpft: Lebensalter insofern als es ein geistiges Reflexionsalter ist, mit dem ein subjektiver Vorsprung in der reflexiven Objektivierung allgemeinmenschlicher Probleme und der Koordination von Handlungserwartungen auszumachen ist, das verstärkt dem Ziel verschrieben ist, objektivierte Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren. Dem Lebens- oder Reflexionsalter soll eine vorgelebte Praxis der autonomen Einschränkung der eigenen Freiheitsspielräume innewohnen: Der Experte lebt und verkörpert beispielhaft einen Habitus, der ihm Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Bereichs verleiht, in dem seine Expertiseleistung sich erfolgreich ausspielen kann.  Ohne die Zuschreibung eines besonderen Status‘ geht das nicht. Sicher hat der Experte die Aura des Wissensexoten, der in entweder sehr prominenten oder sehr abständigen Bereichen seine Stiche zu setzen weiß, aber die Aura oder der Status sind nur Beigaben: Ohne Argumente wird der Experte nie Status gewinnen. Im Idealfall sind diese Argumente allgemeinverständlich ohne platt zu sein, sie sind keine Autoritätsargumente, keine Argumente ad homines, keine naturalistischen Argumente. Damit hat der prinzipiell verstehbare aber nicht zwingend unmittelbar für jedermann verständliche Experte Grundbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens zu erfüllen: Seine  Autorität ist insofern eine wissenschaftliche, als er auch diejenigen über Gültigkeitsbedingungen und Konsequenzen seiner Argumente in Kenntnis setzen muss, die sie nicht unmittelbar verstehen, aber verstehen könnten.

Das „Glück des richtigen Zeitpunktes“ muss ebenso auf der Seite des Experten sein. Seine kognitive Schulung nützt ihm wenig, wenn entweder seine Intuition nicht treffsicher genug ist, um auf die richtige Frage im Moment mit einer Antwort zu kommen, oder wenn die Situation so unglücklich ist, dass er zu momentan brennenden Fragen mit seinen Antworten nicht vorgelassen wird. Die zeitliche oder situative Frage-Antwort-Adäquatheit muss zum kognitiven Training und zur treffsicheren Intuition dazu kommen. Und wenn der Experte als solcher gilt, beobachtet man immer eine Folge, die seine Expertise zu einer solchen macht, indem sie jene stabilisiert durch Wiederholung: Expertise muss aus gutem Grund wiederholbar, zitierbar sein, man muss sich auf sie berufen können und wollen, auch wenn sie damit zur Folie für Autoritätsargumente in den Händen derjenigen wird, die aus mangelnder eigener Expertisefähigkeit nur Wiederkäuer sein können. Dabei ist manchmal zu beobachten, dass ein Teil der Experten-Aura auch den umfasst, der die Expertise nur reproduziert, aber nicht ihr Urheber war.

 Vorschriften der praktischen Ethik beschäftigen sich oft mit der Koordination von Ansprüchen auf Unversehrtheit und Erwartungen von Gegenseitigkeit. Normen des Sollens sind in ihrem Kernbereich meist Normen des gegenseitigen Sollens des Gleichen, damit Menschen als ‚gleiche Wesen‘ nicht unmenschlich durch ‚ungleiches Handeln und Behandeltwerden‘ werden, weil dies wahrscheinlich die Idee einer Menschlichen Gemeinschaft des Von-Geburt-aus-Gleich-seins in Frage stellt. Ohne moralisches, rechtliches oder traditionelles Sollen wäre menschliches Zusammenleben unmöglich. Jeder hat also ethisches Grundwissen oder Grundfühlen über Erwartung und Gegenerwartung, und dieses ist hat sich traditionell stabilisiert, bei gleichzeitiger Wandelbarkeit.

Einige Nonkognitivisten sagen, man könne ethisches Wertewissen nicht so erlernen wie auf empirischen Tatsachen beruhendes Wissen. In Ethischen Aussagen gibt es dieses „Mehr“: Das über das rein deskriptive Hinausgehende. (Für einige Nonkognitivisten sind Ethische Ausdrücke nur sprachpragmatische Instrumente, mit denen man eigene Handlungsabsichten durchsetzen könne.) Allerdings ist es dann unsinnig zu behaupten, dass das Sensorium für ethische Fragen nicht ausgebildet werden könne, nur weil in einer Tatsachenwelt keine objektiven moralischen Werte existieren können, an denen das Individuum in wiederholten Versuchen seine Erfahrung prägt. Denn wenn Nonkognitivisten das empirische Lernen als Weg des Wertewissens in die Weltgewissheit der Einzelnen bereits suspendiert haben, kann daraus  nicht folgen, dass alles in der Welt wissbare – und auch subjektives Wertwissen gehört ganz objektiv dazu, weil es Aussagestile formal und Welt- und Selbstbezugnahmen der Menschen inhaltlich prägt – nur empirisch erfahrbar sein könne. Wo käme dann das weltgestaltende Wertwissen her? Die nonkognitivistische Grundannahme führt ins Leere, wenn sie die empirisch erfahrbare Wirkmacht des erlernten Wertwissens leugnen wollte. Dass Menschen Wertzuschreibungen vornehmen, und sich oftmals im Abgleich ihrer Zuschreibungen eine große Einigkeit demonstrieren lässt, beweist zumindest, dass trotz nicht von vornherein ausgemachter ‚Objektivität‘ des Kontingenten doch eine seltsame Kohärenz des intersubjektiv geteilten Wertewissens möglich ist und ohne große intellektuelle Nöte zur Lebenswirklichkeit eines Großteils der Menschheit gehören kann.

Sicher ist das von Menschen Konstruierte kontingenter als das bloß von Menschen vorgefundene, aber wenigstens leitet man aus bloßem Vorgefundenen nicht das Seinsollen mehr ab, sondern im Falle von Gesetzen nur noch das relative Geltensollen in bestimmten Bereichen. Auch das ist ein Gesundungsschritt für die menschliche Selbstregie.

Zu Politik und Wirtschaft, dort wo sie sich in Absicht des Feigenblatterwerbs an Ethikkomissionen wenden, sei gesagt: Aus einer Beratung folgt nicht Handeln sondern nur: Beratensein, aus einer guten Beratung nicht gutes Handeln sondern gutes Beratensein. Wie einer handelt, bleibt seinem eigenen Kosmos ausgeliefert: Kann er oder kann er nicht, nachdem er dieses und jenes gehört und mit gutem Grund von diesem und jenem zu glauben begonnen hat, so müsse es gemacht werden? Selbst wenn der gute Rat – der ja sprichwörtlich teuer ist – eingeholt ist, gilt immer noch: Gut über das Gute beraten zu sein heißt nicht, ausreichend in die Spur geschickt worden zu sein für weitreichende Entscheidungen mit Aussicht auf Gesetzescharakter und Verbindlichkeit für alle. Denn die kritische Anmerkung, ob und wie für uns alle das selbe überhaupt gleich gut sein könnte, sollte als Beigeschmack jeder ethischen Expertise innewohnen. Wer aber kann dann noch zweifelsfrei handeln?

Geschulte Urteilskraft ist besser als „natürliches Empfinden“

Der Frage, was Gerechtigkeit ‚ist‘ müsste die Frage „Was macht sie aus und wie wollen wir sie gestalten“ vorgezogen werden. Den Frageimpetus zu vernichten, indem man auf ihre Unbestimmbarkeit hinauswill, ist besonders dann weitergehend fragwürdig, wenn man dieser Vernichtung noch seitenweise Abhandlungen folgen lässt, oder ihr diese vorausgehen ließ, obwohl das Ergebnis schon vorher feststand: Können wir nicht drüber reden, weil: Jeder hält was anderes dafür. Wenn Gerechtigkeit nicht nur dem Reden sondern sogar der Sache nach beobachterrelativ sei, verbietet sich das Aushandeln einer geteilten Vorstellung von ihr. Was tun wir denn dann die ganze Zeit? Wie schnell ist es dahingesagt, dass jeder sich etwas anderes darunter vorstellt, wie schnell ist dies bei Liebe, Glück und Freiheit dahingesagt. So sich daraus das Sprechen über Vorstellungskonzepte nicht als unmöglich erweist, sollte man aus den individuellen Extensionen nicht die Unmöglichkeit einer trotzdem geteilten Intension schließen. Wer das doch tut, hat kein Interesse an seinem eigenen Thema. Denn dass es für ein Vorstellungskonzept so viele verschiedene Aneignungen gibt, wie es Menschen gibt, ist weder eine große Erkenntnis noch ein sonderlich pfiffiger Gag und es verhindert nicht das Reden darüber sondern ermöglicht es.

Gerechtigkeit ist nicht, wenn jeder als Experte seinerselbst die steilste These über Verteilungsmodalitäten findet, die ihn am wenigsten benachteiligen. Gerechtigkeit „ist“ nichteinmal außerhalb von Menschen. Aber aus einer angenommenen ‚natürlichen‘ Innerlichkeit lässt sich ihre Geltung oder Wünschbarkeit nicht schließen. Nach einem natürlichen Empfinden die Billigkeit eines Urteilsspruches als den besten Bürgen für Gerechtigkeit anzusehen, greift zu kurz: Stellen Sie sich eine Konkurrenzsituation verschiedener, aus der jeweiligen Introspektion gleichnatürlich sich darstellender Empfindungen vor: Wem wollen Sie zumuten, divergente Empfindungen auf ihre Natürlichkeit hin zu beurteilen oder in ein Ranking zu bringen, wem wollen Sie zumuten, aus subjektiv Empfundenem ein gerechtes Urteil zu empfangen, das ihm nötigenfalls gegen seine eigene – dem Urteil widersprechende – Introspektion auszuhalten nahegelegt werden muss? Von Menschen als objektiv angestrebte Gerechtigkeit ist nicht, was die unvermittelbaren Empfindungen der Einzelnen stellenweise durchzuckt als Reaktion auf irgendwelche angeschauten Schieflagen. Dass es dieser mehr als genug gibt, ist kein Argument für die Nichtinvolviertheit des „gerecht“ Empfindenden in die abständige Welt. Gerade dann nicht, wenn er mit seiner Weltinvolviertheit sich dauernd auf seinen Natürlichkeitsgaranten herausredet. Menschliche Welt aber ist immer kulturell überformt. Sogar menschliche Natürlichkeitsvorstellungen sind dies durch und durch. Sich bei Gerechtigkeitsfragen nur auf die eigene Innenansicht zu verlassen, vernachlässigt die Möglichkeit, dass objektive Gütekriterien einer Verteilung durchaus der eigenen Intuition widersprechen können. Gerechtigkeitsempfinden ist nichts Natürliches, denn es beinhaltet immer ein Urteil. Urteilsfähigkeit will trainiert sein.

Machen Sie täglich ein paar scharfsinnige Sit-ups, am besten vor dem Spiegel, dann können Sie sehen, wenn Sie einen davon mangelhaft ausführen. Nur die Anschauung einer Schieflage vor sich habend aus der geballten Untrainiertheit der eigenen Urteilsschwäche heraus „natürlich empfindend“ eine Aussage über Gerechtigkeit in einer bestimmten Verteilungssituation zu treffen: Also bitte, welchen Bestand soll das haben, allein schon wenn man dieser subjektiv-willkürlichen Aussage eine andere Aussage gleicher Machart aber gegenteiligen Tenors an die Seite stellen könnte? Fühlen Sie doch von mir aus fiebernd gegen eine Welt an, aus der Sie ihr Fieber haben, und gegen die Sie nichts ausrichten. Wenn das zur Absage an die Diskussion um Gerechtigkeit reicht, dann wollte sie gar nicht geführt werden.

Also: Was macht sie aus, wie wollen wir sie gestalten? Mit Pessimismus im Stile von: Es wird ja eh nicht anders? Mit Optimismus im Stile von: Wir müssen unbedingt an der Utopie festhalten? Mit einer Romantisierung der Herzensgerechtigkeit, die kaum Argumente für sich braucht?

So bestimmt nicht!

Assortative Paarung und Demodystopie

oder: Stell dir vor, du bist Philosoph, es ist Paarungszeit und niemand ist da…

 

 

 

Wir alle sind gerade in schwachen Zeiten der Meinung, dass mit der Erfüllung eines bürgerlichen Lebensplan-Solls ein nicht unerhebliches Versprechen auf privates Glück einhergehen kann. Dazu rückt irgendwann die Aufgabe des Individuen-Status zugunsten der Paarbildung in den Fokus.

Demodystopien, also Szenarien, die uns über die Entvölkerung ganzer Landstriche auch in entwickelten Industrienationen in Kenntnis setzen, sagen zunächst nur: Es gibt immer weniger Menschen innerhalb eines bestimmten nationalen, kulturellen oder ethnischen Bezugsrahmens. Der Kreis der zur Auswahl stehenden Gelegenheiten aus Fleisch und Blut zieht sich immer enger zusammen. Einen entscheidenden blinden Fleck hat auch jede gut recherchierte und um die Plausibilisierung ihrer Ergebnisse redlich bemühte Demodystopie dann doch: Sie spricht nie von geistiger, intellektueller Entvölkerung. Nettoabtropfmasse an Menschen garantiert für keine Findung passender Partner, sie sagt nichts über Chancen positiver Assortativität der Geister, die sich finden wollen, um gegenseitig – mehr als nur ihre Körper – ihre Selbst- und Weltverhältnisweisen zu befruchten. Stell dir vor, du bist klug und auf Partnersuche und niemand ist da. Keine Sau….

Es hat schon seinen Reiz, Begriffe aus der Evolutionstheorie und Verhaltensbiologie auf geistige Passungskriterien zu bürsten. Unter positiver Assortativität verstehe ich, dass das Kriterium gleicher oder sich ähnelnder Eigenschaften bei der Partnerwahl im Vordergrund steht, bei negativer Assortativität geht es um die Triggerwirkung unterschiedlicher Eigenschaften. Alle Lebewesen höherer Ordnung sind getrenntgeschlechtliche Populationen, was dazu führt, dass auf dem Findungsmarkt Eigenschaftsunterschiede oder -Gleichheiten erst ihre kritische Relevanz gewinnen.

Trotz aller Unterschiede oder Gleichheiten suchen wir verzweifelt nach einem anderen Menschen als dem, der wir selbst sind. Dazu müssen wir oft Strecke zurücklegen, rein äußerlich. Alle früheren Kulturen – besonders die, die durch eine hohe soziale Dichte, durch das Leben primär in kleinen, überschaubaren Umkreisen, den Gemeinschaften gekennzeichnet sind – kennen das Zurücklegen von Strecke unter dem Phänomen der Exogamie. In der Regel verlangt die reine Bestandserhaltung die Fokussierung auf die Gemeinschaft, auf ihre Immunisierung gegenüber externen Einflüssen. Wo es aber um Bestandsneubildung oder -Erweiterung geht, müssen sich geschlossene Zirkel öffnen und auf externe Individuen aus anderen Gemeinschaften zurückgreifen. In genetischer Hinsicht bewirkt die Durchmischung auf Basis blutstechnischer Nicht-Assortativität, dass Populationen genügend Varianzen erzeugen um nicht an ihrer Verarmung erkranken zu müssen. Genetische Unterschiedlichkeit ist allerdings schwer codierbar, in der Regel ist ihre Wahrnehmbarkeit kulturell konstruiert. Die narrative Spur, die mit der kulturellen Abständigkeit einer fremden Exogam-Gemeinschaft gleichzeitig eine genetische Ferne garantiert, kann diese Korrelation nicht natürlich erklären, denn genetische Abständigkeit kann durch kein menschliches Sensorium wirklich erspürt werden. (Außer dem Geruchssinn vielleicht.) Gleichzeitig wird der Nicht-Assortativitätsbedarf, der hinter der Exogamie steckt, in Schieflage gebracht durch die Gefahr, die in Frühkulturen allem „Fremden“ automatisch innewohnte, einfach weil das Fremde immer das „absolute“ Andere war. Deshalb war Exogamie nur zu bewältigen durch: Politisch verordnete Eheschließung, oder durch gefahrenmildernde Suche nach ‚weichen‘ positiv-assortativen Merkmalen im fremden „Anderen“: etwa gleicher Geschmack des Exogam-Partners, ähnliche Tagesabläufe und Rituale. Nur dann kann man nichtsdestoweniger Partner dort finden, wo man sie niemals vermuten wollte.

Dass wir uns auf den Anderen „als“ Anderen – also als nicht bereits identitär in uns begriffenes Gegenüber – überhaupt einlassen können, erfordert in einer Zeit der Offenheit und geographischen Schizophrenie eine Ferne-überwindende Kommunikation, die Nähe fingiert, sowie das Pendeln zur Wochenendbeziehung, oder andernfalls das Aufsuchen neuer Weideplätze oder Fleischmärkte. Der moderne Kopfarbeiter lebt mit dem Globus als Gewissheit, der Welt als Perspektive und sucht sich haltungsflexibel eine neue Wiese. Denn dass sich die Erfolgschancen in einem leeren Landstrich lediglich durch einen neuen Aufwand in der selben alten Sache steigern ließen, darf mal grundsätzlich bezweifelt werden. Zumal von mir.

Und wenn Klassiker aus der Kategorie „Klug aber schwer vermittelbar“ (zum Beispiel Mathematiker) dem Geld und dem selbstbestimmten Leben ortsungebunden hinterher eifern, verträgt sich mit diesem Stil des Seins kaum etwas anderes als das Modell einer offenen, polyamorösen Fernbeziehung, die Elemente aus menage-a-trois und living-together-apart zu einer latent explosionsgefährdeten Mischung vereint. Wer glücklich werden wollte, verliert sich aufgrund der Leere vor Ort als Freier Mensch mit Prioritäten in solchen Bindungen, die ihren Namen nicht wert sind.

Und stell dir vor, du bist klug und es ist jemand woanders da, der deine Bedenken bei der Paarwerdung teilt….

Und wenn wir uns trotz Distanzen von New York bis nach Berlin so sehr auf Nähe gechattet und geskyped haben, dass wir beginnen und wechselseitig mit Nachdruck nach unseren Vorstellungen zuzurichten und in Kenntnis unserer ursprünglich faszinierenden Gleichheiten oder Unterschiedlichkeiten nun beginnen, uns ein Leben auf Dauer in räumlicher Nähe zuzumuten, auf das wir gar nicht vorbereitet werden konnten, dann ist es schade, dass es fast schon egal ist, ob es nun die große Liebe hatte sein sollen, die es nicht sein konnte. Denn in einer Welt des Tausches auf Menschenmärkten gilt nachwievor das gute alte Wort aus der ‚Dialektik der Aufklärung‘: „Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft.“ Na schönen Dank auch.

 

 

 

 

Hier ein kleiner Nachbericht von der Phil.Cologne, auf der dieser Text zu hören war und wo ich relativ am Anfang auch noch interviewt werde: http://www1.wdr.de/fernsehen/kultur/west-art/westartphilcolognebackhaus100.html

Das Tier ‚in‘ mir

Über Ethische Probleme des Fleischkonsums und der Tierhaltung

 

Wussten Sie, dass selbst Veganer und Frutarier Teile ihrer eigenen Magenschleimhaut verdauen? Wenn es stimmt, dass Sie unter dieser Maßgabe noch Veganer oder Frutarier heißen dürfen, dann muss man das Wort „Konsum“ in Bedeutung des Essens in zwei Teile splitten: Das was wir essen, und das, was wir verdauen. Auch menschliche Körper leben nicht von dem, was sie essen, sondern von dem, was sie verdauen. Wenn ein Mensch Tiere isst, hat er Tier in sich. Wenn ein Tier in der Darreichungsform Wurst verzehrt wird, ist es Tier im eigenen Darm, das der Mensch in sich hat. Er hat dann Tier, das in sich ist, in sich. Das ist aber nicht reflexiv zu verstehen, denn da das Tier vom Menschen verschieden ist, hat der Mensch nicht sich selbst in sich, sondern etwas anderes in sich, das für sich in sich ist. Tiere sind keine Menschen, nicht mal dann, wenn sie für Menschen und durch Menschen und zum Spaß des Menschen leben…

Darf man Tiere in sich haben? Die Frage müsste lauten: Dürfen Menschen Tiere essen? Die Antwort lautet: Ja, sie dürfen. Generell ja, aber nicht uneingeschränkt. Allerdings: Nur dem Menschen stellt sich diese Frage, Tieren nicht. Menschen KÖNNEN daher auch zu einer anderen Einschätzung kommen, ob es wirklich so sicher ist, dass sie, die Menschen, Tiere in sich haben dürfen. Die Antwort lautet also auch: Nein, dürfen sie nicht.

Aber: Tiere landen nicht nur auf den Tellern von Menschen, sondern auch auf denen anderer Tiere – wenn Tiere Teller hätten. Wenn ein Tier Tiere isst, hat es Tier in sich. Der Mensch hat das tierische Leid nicht erfunden, sondern für seine Zwecke (oder die der Industrie) nur perfektioniert und zu einer serienmäßigen Zumutung gemacht – und er kann es auch nicht generell abschaffen, sondern nur das menschengemachte. Tierisches Leid ‘muss’ aber auf unserem Planeten solange existieren, wie es Ökosysteme mit funktionierenden Räuber-Beute-Beziehungen gibt. Wollen Sie einem Löwen in der Savanne seinen Fleisch-Hunger austreiben und ihn zum Vegetarier machen, nur weil SIE (Warum gucke ich Sie dabei an?) in utilitaristischer Hinsicht der Meinung sind, die globale tierische Lustsumme sei als Ausgangspunkt einer Tier-ethischen Reflexion geeignet? Nur für Menschen ‚kann‘ es ein ethisches Problem werden, Tier in sich zu haben. Unter den Bedingungen industrieller Massentierhaltung IST das Essen von Tieren ein moralisches Problem. Anders wenn ein Tier einen Menschen isst: kein moralisches Problem, denn das Tier kann sich diese Frage nicht stellen, auch nicht wenn es andere Tiere isst. Es kann also kein Problem mit der ‘generellen’ Frage, ob ‚Lebewesen‘ gegessen werden dürfen, geben, denn: Lebewesen wurden von anderen Lebewesen immer schon gegessen, und zwar immer dort, wo Ökosysteme funktionieren. Da ich beschreibe und nicht urteile, dass es deswegen auch so sein soll, begehe ich hier keinen naturalistischen Fehlschluss. (Wer doch einen findet, darf ihn behalten.) Es gibt entlang von Räuber-Beute-Beziehungen Populationsgleichgewichte, die sich eigendynamisch austarieren. Übrig bliebe die Frage: Unter welchen Bedingungen dürfen Menschen Tiere in sich haben, abgesehen von den Bakterien, die eine natürliche Darmflora ausmachen und die jeder automatisch in sich hat?

Unsere Praxis der Tierhaltung erübrigt nicht die Frage, ob nicht unter der Maßgabe einer anderen tiergemäßen Haltungspraxis das Essen von Tieren unbedenklich sein könnte. Ja: könnte es. Es kann menschliche Notlagen geben, Mangel an bestimmten Stoffen, die den Rückgriff auf Ernährung mit tierischen Produkten nötig werden lassen. Aber:

Nicht nur Essen: auch Stoffe, Leder zum Beispiel: Ein Vegetarier der solche Produkte wertschätzt, kalkuliert nicht auf andere Weise mit tierischem Leid als jemand, der sie isst. Das ethische Problem ist daher keins nur für Fleischesser, sondern auch Vegetarier, für alle Menschen: Dürfen Menschen zur Gewinnung tierischer Rohstoffe Tieren eine Haltungsform zumuten, die mit deren vermeidbarem Leid kalkuliert? (Diese Frage wirkt ungleich bürokratischer, und zwar weil sie präziser ist.)

Nein, weil…. oder Ja, weil… Jemand, der ein Haustier hat, geht nicht davon aus, dass dessen Haltung in einer Stadtwohnung eine nicht artgerechte Haltung ist. ‚Nicht-artgerecht‘ identifizieren wir aber oft mit der Quelle ‘tierischen Leids’ generell. Da beginnt die Schizophrenie, Haustiere de dicto (also dem Wort gemäß) als Tiere zu bezeichnen, de re (der Sache nach) als Menschen zu behandeln ist schizophren. Ja natürlich macht das tierethische Reflexionen tendenziell unmöglich, wenn Reden und Handeln so auseinanderklaffen.

Sie werden wahrscheinlich auch unter Nicht-Vegetariern die Ansicht “Nein, wir dürfen nicht zur Gewinnung tierischer Rohstoffe eine Haltungsform praktizieren, die mit tierischem Leid kalkuliert” finden. Sie werden von Haustierhaltern vielleicht hören, dass sie nichts furchtbarer finden als Tierquälerei – und man solle ihnen das deshalb glauben, weil sie ihre Haustiere lieben. Keine Frage: Wer sein Tier liebt, tut ihm nichts. Wer sein Tier liebt, muss es allerdings auch füttern. Seinen Hund zum Beispiel mit Fleisch, oder mit Wurst. Daraus ergibt sich folgendes Problem:

Nicht nur ob WIR Menschen Tiere zu Nahrungszwecken töten, sondern ob wir nicht im Sinne der artgerechten Ernährung derjenigen Tiere, die wir ALS HAUSTIERE in Abhängigkeit zu uns halten, VERPFLICHTET sein könnten, andere Tiere zu Nahrungszwecken zu töten, müsste als ethisches Problem wahrgenommen werden. Wir haben Verantwortung für unsere Hunde, sobald wir sie aus natürlichen Ökosystemen lösen (so sie darin je waren), sie in unsere Kulturhöhlen zwischen Schrankwänden einsperren und sie dann ernähren müssen. Das könnte allerdings heißen, dass unsere ‘Tierliebe’, z.b. gegenüber Haushunden es gerechtfertigt erscheinen lassen muss, andere Tiere für Bello töten zu ‘müssen’. Das Resultat wäre, dass das Tier ‘Hund’ ein vorrangiges Lebensrecht vor Tieren hätte. Wenn wir mit dem ‘Tierliebe’-Argument das Töten von Tieren durch Menschen in Frage stellen, müssten wir dann – trotz Tierliebe – unsere fleischfressenden Haustiere abschaffen, da es nicht artgerechte Haltung wäre, Hunde zu Vegetariern umzuerziehen. Es sei denn, wir halten Hunde nicht mehr für Tiere sondern vermenschlichen sie, dann können wir von ihnen etwas verlangen, das im Kontext unserer Verhaltensentscheidung z.B. für den Vegetarismus eine eigentlich rein menschliche Selbstentwurfsfähigkeit meint. Der Hund ‘entscheidet’ sich nicht für Vegetarismus sondern wir uns an seiner Stelle für ihn. Das Kulturwesen ‘Hund’ dann aber noch in die Argumentationskette der ‘Liebe zur Kreatur’ einzubeziehen ist so unsinnig wie ein Drei-zu-Null für Düsseldorf.

WIR Menschen können unsere Nahrungsgewohnheiten selber ‘umstellen’, und wir tun das im Falle des Fleischverzichtes auf Basis einer moralischen Überlegung. Es reicht nicht, mit dem moralisch präjudizierten Tierliebe-Argument den Fleischkonsum zu stoppen, sondern man sollte dann auch aufhören, fleischfressende Haustiere zu halten, da man von wirklichen Tieren nicht verlangen kann, solche Entscheidungen über ihre Versorgung auszuhalten, die gegen ihre artgerechte Ernährung stehen. Entweder Tierliebe für ALLE Tiere, auch solche, die zu Wurst werden, oder für keines.

Menschen ‚können‘ lediglich Tier in sich haben, fleischfressende Tiere ‚müssen‘ es. Tierisches Leid wird daher immer existent sein, solange es Ökosysteme mit funktionierenden Räuber-Beute-Beziehungen gibt, und im Sinne des Umweltschutzes wollen die meisten Gutmenschen unter uns, dass diese Ökosysteme gesund bleiben: Also das Leid des Beutetiers oder das Leid des erfolglosen Räubers existent bleibt.

Sagen Sie daher niemals: Das Ziel einer praktikablen Tier-Ethik sei eine Welt ohne tierisches Leid und ohne Fleischkonsum. Das ist definitiv Blödsinn. Respektieren Sie ihr fleischfressendes Haustier. Wenn Sie ihm aus menschlich-einsichtigen Gründen kein Fleisch geben können, geben Sie verdammt nochmal das Haustier weg. Und respektieren Sie ihre eigene Freiheit zur Wahl eines anderen Verhaltens. Das ist konsequent. Die Dinge liegen tiefer. Benutzen sie das Tierschutzargument nicht wie einen Ausweis ihres Gutmenschentums. „Die guten Leute sollen das Maul halten. Sollen sie gut sein zu ihren Kindern, auch fremden, zu ihren Katzen, auch fremden; sollen sie aufhören zu reden von einem Gutsein, zu dessen Unmöglichkeit sie beitragen“, sagte Uwe Johnson in  „Über eine Haltung des Protestierens.“ Und als Exkulpation am Schluss: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Mettbrötchen.

 

 

 

(d.i.: Mein Beitrag in der Finalrunde des Philosophie-Slams „Schlag den Platon“ am 24.5.2014, bei der 2. PhilCologne (Internationales Philosophie-Festival) in Köln.)