Maria Furtwängler isst kaum noch Fleisch …

Das Magazin „Stern“ und andere Hochqualitätsmedien haben in der letzten Woche in stilsicher hochtönig lobenden Worten darüber publiziert, dass Maria Furtwängler seit den Dreharbeiten für ihren neuesten ‚Tatort‘ mit dem Titel ‚Der sanfte Tod‘ (Erstausstrahlung am 7.12.2014) kaum noch Fleisch esse.

http://www.stern.de/kultur/tv/tatort-kommissarin-maria-furtwaengler-isst-kaum-noch-fleisch-2147211.html

Beim ersten Lesen soll man wohl denken: Oh, was für eine Gute, was für ein Vorbild, was für eine Selbstdisziplin. An ein zweites Lesen ist hierbei wohl nicht gedacht gewesen. Denn weiterhin redet die Furtwängler – zur Einschränkung, wie Sie es denn auch ohne ihre eigene Internet-Recherche über die fiese Massentierhaltung hatte verantworten können, Fleisch zu essen – davon, dass ihr Konsum vorher ‚eh schon nicht sehr groß‘ war, und jetzt ‚fast gegen Null‘ tendiere.

Ich möchte hier eine kleine Beispielbetrachtung mit Zahlenbasis aufmachen.

1.) Jemand, dessen Fleischkonsum gegen Null tendiert, und der 1 Gramm Fleisch am Tag isst, kann gleich komplett damit aufhören, denn 1 Gramm ist praktisch nichts.

2.) Jemand, der sich diese 1-Gramm-Tagesmenge aufspart und alle acht Wochen ein Schnitzel isst, wird zwar kein ‚richtiger‘ Vegetarier sein, aber echter Fleischkonsum ist das auch nicht, weil die Grundversorgung des Körpers fast ausschließlich aus nichtfleischlichen Produkten geleistet wird. Zudem ist der Verzicht auf ein Schnitzel alle acht Wochen noch leichter zu verkraften als der Verzicht auf das tägliche Schnitzel.

3.a) Stellen Sie sich vor, Frau Furtwängler hat vor den Dreharbeiten zu diesem sicher köstlichen Tatort (Erstausstrahlung 7.12.2014, ich wiederhole mich) pro Woche zwei Schnitzel gegessen, und jetzt für sich persönlich aus sehr altruistischen Gründen beschlossen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren. Und nehmen wir an, sie isst Fleisch nur in der Darreichungsform eines „Schnitzels“.

3.b) Betrachten wir dazu eine Schnitzelgrößen-Tabelle, die besagt dass es  Standard-Schnitzel in folgenden Größen gibt: M (=200g), L (=300g), XL (= ca. 500g) und XXL (bis ca. 1000g).

3.c) Wenn Frau Furtwängler jetzt im Gegensatz zu früher nicht zweimal sondern nur noch einmal pro Woche ein Schnitzel isst, kommt sie auch bei der kleinsten Größe M auf 200g Schnitzel, womit die Aussage, dass der Fleischkonsum ‚gegen Null‘ tendiere, eigentlich nicht mehr zu vereinbaren ist, es sei denn in und an dem Schnitzel befindet sich kein Fleisch sondern fast nur Panade oder wertlose Füllstoffe. Dass Frau Furtwängler so etwas essen mag, ist allerdings zu bezweifeln.

3.d) Gehen wir allerdings davon aus, dass Frau Furtwängler (wieder zu sehen am 7.12. im Tatort) vorher wirklich schon keinen hohen Fleischkonsum hatte, dann wird sie sehr wahrscheinlich nicht vorher zwei Mal die Woche ein Schnitzel gegessen haben, sondern vielleicht nur ein mal. Als studierte Ärztin wird sie wissen, dass zwei Mal Fleisch pro Woche kein geringer Konsum ist, sondern von Ärzten als durchschnittlich empfehlenswerte maximale Verzehrmenge angegeben wird.

3.e) Hat Frau Furtwängler also vorher nur ein Schnitzel pro Woche gegessen, aber ihr jetziger Konsum liegt trotzdem noch nicht bei Null, sondern nur ‚fast‘ bei Null, dann muss sie ja noch irgendetwas fleischliches zu sich nehmen. Mal angenommen, sie hat sich von „Ein Schnitzel pro Woche“ auf „Ein Schnitzel alle zwei Wochen“ reduziert, dann gilt:

Wir reden hier vielleicht über eine Frau, deren Fleischkonsum sich von 800g im Monat auf 400g im Monat reduziert haben könnte. Haben unsere Medien sonst noch irgendetwas relevantes zu berichten außer den verschwindend geringen Nutritionsänderungen von Schauspielerinnen? Wird Frau Furtwänglers Engagement in diesem Tatort wirklich deswegen als gesellschaftlich vorbildhaft  relevant hochgeschrieben,  weil der Menge nach zu urteilen bei ihrem ohnehin schon geringen Verzehr alle paar Jahre einem Schwein damit das leben gerettet werde könnte, oder wird die Furtwängler – ohne auch nur irgendetwas erwähnenswertes außer ihrem Job getan zu haben  – relevant, weil sie Burda-Medien im Nacken sitzen hat? Welche Medien kümmern sich um uns arme Schweine, denen der Tatort fast jede Woche 1,5 Stunden Lebenszeit raubt? Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, meinen Tatort- und meinen Stern-Konsum in Zukunft zu reduzieren, obwohl er in beiden Fällen eh schon ‚gegen Null‘ tendierte…

Geschulte Urteilskraft ist besser als „natürliches Empfinden“

Der Frage, was Gerechtigkeit ‚ist‘ müsste die Frage „Was macht sie aus und wie wollen wir sie gestalten“ vorgezogen werden. Den Frageimpetus zu vernichten, indem man auf ihre Unbestimmbarkeit hinauswill, ist besonders dann weitergehend fragwürdig, wenn man dieser Vernichtung noch seitenweise Abhandlungen folgen lässt, oder ihr diese vorausgehen ließ, obwohl das Ergebnis schon vorher feststand: Können wir nicht drüber reden, weil: Jeder hält was anderes dafür. Wenn Gerechtigkeit nicht nur dem Reden sondern sogar der Sache nach beobachterrelativ sei, verbietet sich das Aushandeln einer geteilten Vorstellung von ihr. Was tun wir denn dann die ganze Zeit? Wie schnell ist es dahingesagt, dass jeder sich etwas anderes darunter vorstellt, wie schnell ist dies bei Liebe, Glück und Freiheit dahingesagt. So sich daraus das Sprechen über Vorstellungskonzepte nicht als unmöglich erweist, sollte man aus den individuellen Extensionen nicht die Unmöglichkeit einer trotzdem geteilten Intension schließen. Wer das doch tut, hat kein Interesse an seinem eigenen Thema. Denn dass es für ein Vorstellungskonzept so viele verschiedene Aneignungen gibt, wie es Menschen gibt, ist weder eine große Erkenntnis noch ein sonderlich pfiffiger Gag und es verhindert nicht das Reden darüber sondern ermöglicht es.

Gerechtigkeit ist nicht, wenn jeder als Experte seinerselbst die steilste These über Verteilungsmodalitäten findet, die ihn am wenigsten benachteiligen. Gerechtigkeit „ist“ nichteinmal außerhalb von Menschen. Aber aus einer angenommenen ‚natürlichen‘ Innerlichkeit lässt sich ihre Geltung oder Wünschbarkeit nicht schließen. Nach einem natürlichen Empfinden die Billigkeit eines Urteilsspruches als den besten Bürgen für Gerechtigkeit anzusehen, greift zu kurz: Stellen Sie sich eine Konkurrenzsituation verschiedener, aus der jeweiligen Introspektion gleichnatürlich sich darstellender Empfindungen vor: Wem wollen Sie zumuten, divergente Empfindungen auf ihre Natürlichkeit hin zu beurteilen oder in ein Ranking zu bringen, wem wollen Sie zumuten, aus subjektiv Empfundenem ein gerechtes Urteil zu empfangen, das ihm nötigenfalls gegen seine eigene – dem Urteil widersprechende – Introspektion auszuhalten nahegelegt werden muss? Von Menschen als objektiv angestrebte Gerechtigkeit ist nicht, was die unvermittelbaren Empfindungen der Einzelnen stellenweise durchzuckt als Reaktion auf irgendwelche angeschauten Schieflagen. Dass es dieser mehr als genug gibt, ist kein Argument für die Nichtinvolviertheit des „gerecht“ Empfindenden in die abständige Welt. Gerade dann nicht, wenn er mit seiner Weltinvolviertheit sich dauernd auf seinen Natürlichkeitsgaranten herausredet. Menschliche Welt aber ist immer kulturell überformt. Sogar menschliche Natürlichkeitsvorstellungen sind dies durch und durch. Sich bei Gerechtigkeitsfragen nur auf die eigene Innenansicht zu verlassen, vernachlässigt die Möglichkeit, dass objektive Gütekriterien einer Verteilung durchaus der eigenen Intuition widersprechen können. Gerechtigkeitsempfinden ist nichts Natürliches, denn es beinhaltet immer ein Urteil. Urteilsfähigkeit will trainiert sein.

Machen Sie täglich ein paar scharfsinnige Sit-ups, am besten vor dem Spiegel, dann können Sie sehen, wenn Sie einen davon mangelhaft ausführen. Nur die Anschauung einer Schieflage vor sich habend aus der geballten Untrainiertheit der eigenen Urteilsschwäche heraus „natürlich empfindend“ eine Aussage über Gerechtigkeit in einer bestimmten Verteilungssituation zu treffen: Also bitte, welchen Bestand soll das haben, allein schon wenn man dieser subjektiv-willkürlichen Aussage eine andere Aussage gleicher Machart aber gegenteiligen Tenors an die Seite stellen könnte? Fühlen Sie doch von mir aus fiebernd gegen eine Welt an, aus der Sie ihr Fieber haben, und gegen die Sie nichts ausrichten. Wenn das zur Absage an die Diskussion um Gerechtigkeit reicht, dann wollte sie gar nicht geführt werden.

Also: Was macht sie aus, wie wollen wir sie gestalten? Mit Pessimismus im Stile von: Es wird ja eh nicht anders? Mit Optimismus im Stile von: Wir müssen unbedingt an der Utopie festhalten? Mit einer Romantisierung der Herzensgerechtigkeit, die kaum Argumente für sich braucht?

So bestimmt nicht!

Philosophieren für Anfänger – Ein kleiner Selbsttest

Seit einiger Zeit sehe ich mich öfter mit der Frage konfrontiert, ob das Studieren von Philosophie das Selbstdenken verhindere. Nicht pauschal, sicher, warum auch. Aber wer studiert, also wer sich dem Wortsinn gemäß lesend und diskutierend ‚bemüht‘, lernt Positionen anderer kennen. Das allein scheint vielen, die einen unreflektierten Begriff von „Selbstdenken“ proklamieren, verdächtig zu sein: Das Vorurteil gegenüber Verweis-Reichtum hörte ich in letzter Zeit zu oft von lese-faulen Menschen, die Meinung mit Selbstdenken verwechseln müssen, eben weil sie zu wenig lesen. Selbstdenken hatte in der mittelalterlichen Disputatio eine Aufgabe zu bewältigen, die von den Lektüre-Verweigerern heute als Affront gesehen wird: Sich selbst in die Argumente eines anderen dermaßen hineinzudenken, dass man mit ihnen und gegen sie reden kann. Dazu muss man eines: Sich auf andere und ihre Gedanken wirklich einlassen. Das ist Philosophie.

Es gehört jedenfalls auch zur Philosophie, kurzsichtige Euphorien über wunderbar eigene Kopfprodukte und voreiligen Lösungsoptimismus reflexiv oder mit Quellenunterfütterung so gegen den strich zu bürsten, bis was bei rauskommt, das man selbst und andere halbwegs glauben können. Wer die intellektuelle Risikobereitschaft, den „eigenen“ Gedanken mittels Lektüre misstrauen zu lernen, nicht aufbringt, darf ja trotzdem mitreden, nur sollte er sich nicht mit einer Wissenschaft etikettieren, unter deren Namen es im akademischen Vollsinne üblich geworden ist, Gegengewichte zum Selbstgefälligkeitsparlando bloßer Meinungsproduktion auszubilden. Das ist nicht böse oder verletzend gemeint, sondern einer idealistischen Lesart von Philosophie geschuldet. Warum sollte ausgerechnet die Philosophie voraussetzungsloser als andere Wissenschaften sein? Mathematik oder Medizin darf man für schwere Studienfächer halten, zu denen manchem Menschen einfach irgendein Organ fehlt. Der schlechte Ruf der Philosophie hat damit zu tun, dass sie von denen – die kein Interesse an eigener Entwicklung, sondern nur an dem Recht ihrer eigenen Meinung auf Statik haben – mit voraussetzungslosem Drauflos-Reden identifiziert wird. Das ist aber unfair und auch sachlich weit daneben.

Keineswegs ist im Vorhinein festgelegt, dass Akademiker die Epigonen der Philosophie seien und der Rest nur Dilettanten. Zum sachlichen Modus, eine idealistische Lesart zu benennen, gehört es aber auch, dass sie von konkreten Personen abstrahiert. Niemand weist einen anderen als Dilettanten oder sich als Epigonen aus, sondern die Redeweise der jeweiligen Person lässt sie sich selbst einen immer noch auslegungswürdigen und -bedürftigen Aufweis ihrer Herangehensweise ausstellen. Jenachdem ob dieser Zugang spannend erscheint und etwas Neues verspricht oder nicht, werden dadurch solche Kategorien wie Dilettant unerheblich. Aber: Was ist neu an diesem alten Hut, dass nur der wirklich frei im Denken sei, der nichts rezpiert? Der ist auch frei von präzisen und lange erwogenen Einsichten. Das ist nicht Freiheit sondern Kurzsichtigkeit. Und warum braucht genau diese Art von Freiheitsprätention den pauschalen Aufweis, dass jemand, der zitiert, nicht selber gedacht habe? Ich kann diesen unendlich platten Vorwurf echt nicht mehr hören. Zumal dieser Vorwurf nie auf die Idee kommt, dass vielleicht derjenige, der nur in angelernten Worten spricht aber seine Quellen geheimhält, vielleicht mehr eigenes Denken vortäuscht als derjenige, der mit seiner Quellen-Offensive tatsächlich ein Gegenüberstellen verschiedener Gedanken vorantreiben will und seine Aufgabe in kritischen Vergleichs- und Auswertungsdiskussionen sieht, wobei man allerdings eines tun muss: selber denken.

Universitäten bilden ja auch keine Weisheit-liebenden aus, sondern funktionale Akademiker. Das spricht aber nicht gegen sie sondern es ist ein großes Glück, dass sich die Philosophie noch an den Unis halten kann. Und zudem ist es,eine interessante Herausforderung, sich in diesem institutionalisierten Rahmen seine Freiräume für das eigene weiterdenken zu erobern, und ich kenne keinen Professor, der das dann nicht goutieren würde.

 

Philosophieren für Anfänger

 

Zur Klärung der Frage, ob Ihr Interesse an Philosophie nicht bloß geheuchelt ist und Sie das Zeug dazu hätten, ein professioneller Philosoph zu werden, habe ich Ihnen ein paar Aspekte im Fragestil zusammengestellt, anhand derer Ihnen ein Licht aufgehen darf. Wenn Sie alle Fragen mit „Ja“ beantworten können, dann sind Sie Philosoph. Ist doch schön einfach: einfach schön. Einfach anfangen. Hat ja niemand behauptet, dass es leicht würde… :

– Sie fühlen sich nicht minderwertig, nur weil jemand in einer philosophischen Diskussion mehr Thesen der Philosophen x, y, z aufzählen kann?

– Sie lassen sich selbst bei leichten Anflügen von Minderwertigkeit nicht aus der Bahn werfen und bleiben beim Thema?

– Sie suchen nach Orientierung in Texten und halten die Orientierung auf das, was Ihnen nicht vorher bereits plausibel war, für den einzig gangbaren Weg?

– Sie mögen Neues, Nicht-Selbstverständliches, Kontroverses, Verworrenes, und Sie mögen es, sich dabei auf die Gedanken anderer Menschen offenherzig einzulassen?

– Sie mögen es, wenn dieses Kontroverse und Verstörende aber in einer präzisen, verstehbaren (das heißt nicht zwingend unmittelbar verständlichen) Sprache verfasst ist und nicht zu blumig oder bloß metaphorisch daherkommt?

– Sie verstehen es, die Autorität von Texten  zu hinterfragen und können die Situationen, wo es genau darauf ankommt, von solchen unterscheiden, wo dies lediglich ein Nebenkriegsschauplatz ist und von Argumenten ablenken soll?

– Sie können mit dem, was Sie Neues erfahren, etwas anfangen, indem Sie es für Ihr Weltwissen anschlussfähig machen?

– Sie sind überzeugt, dass Freiheit im Denken auch auf der Selbstverpflichtung zu geistiger Inspiration, die von woanders herkommt, beruhen kann?

– Sie lesen gerne, nicht zwingend viel, dafür aber so, dass sie einen anstrengenden Text eher aufbrechen und verstehen wollen, als dass Sie ihn weglegen?

– Sie diskutieren gerne, aber ohne Autoritätsargumente, ohne Argumente gegen Menschen und ohne aus dem bloßen Vorhandensein von Dingen deren Sein-Sollen abzuleiten?

– Sie lieben es, über das Denken nachzudenken und das Sprechen zu sprechen, sowie über das Diskutieren zu diskutieren und Argumente gegen Argumente zu bringen?

– Sie zweifeln eher an sich als an anderen, ohne dass der Zweifel Sie unproduktiv und restlos melancholisch macht?

– Sie zweifeln auch an anderen, wenn diese mit Autoritätsargumenten oder Argumenten gegen Menschen ankommen oder das Sein-Sollen von Dingen aus deren Vorhandensein folgern?

– Sie können aber auch einen Kompromiss machen und einen Punkt unter eine Diskussion setzen, wenn Sie ein Thema sachlich ausdiskutiert sehen?

– Ihnen gelingt es, eigenes Interesse an Fragen des Daseins zu entwickeln, ohne dass ein Fernsehsender oder eine Zeitung drüber berichtet hat?

– Sie halten nicht viel von Pauschalisierungen?

– Sie erkennen z.b. Widersprüche nicht nur bei anderen sondern auch und gerade bei sich selbst?

– Sie leiten aus der Einsicht in Selbstwidersprüche nicht zwingend deren sofortige Behebung ab sondern versuchen, diese Widersprüche produktiv zu nutzen?  

– Sie glauben nicht, dass institutionelle Philosophie dem Selbstdenken ganz unbedingt widersprechen müsse?

– Sie haben die tiefe Gewissheit, dass ohne Anstrengung keine philosophische Bildung zu haben ist? 

Thomas Hitzlsperger und der Nachrichtenwert von partnerschaftsloser Sexualität als Selbstzweck

Auch ein kritischer Beitrag zur Sprachlogik von Bekenntnistexten

Carolin Emcke (bekannt für ihr schonungsloses Buch „Wie wir begehren“) und Moritz Müller-Wirth haben in ihrem Interview mit Thomas Hitzlsperger dem Anspruch der Wochenzeitung ZEIT gemäß eine Öffnungs-Mäeutik für das Bekenntnisverfahren eines ehemaligen Profi-Fußballers bereitgestellt. Einerseits könnte man sich fragen, was für eine gesellschaftliche Relevanz das Privatleben eines Sportlers denn nun habe, andererseits liegt es doch offen zu Tage: Alle großen Medien sind in der ihnen je eigenen Stilistik und Tonlage sofort auf diese Offerte eingegangen. Auf jeder Titelseite prangte mit nur geringer Zeitverzögerung in verschiedenen Lettern dasselbe: Thomas Hitzlsperger begehrt gleichgeschlechtlich. Klar ist mindestens die Frage – was wir aus diesem Bekenntnistext denn nun eigentlich lernen können – eine Debatte wert. Klar ist aber auch, dass der Auftakt dieser Debatte sehr paradox war: Aus Respekt vor dem Privatleben konnte nur eine leere Worthülse, konnte Sexualität nur als leeres Etikett, angesprochen – aber nicht ‚mit Leben gefüllt‘ – werden, um im selben Atemzug eine weitergehende Dimension in den Vordergrund zu rücken, nämlich die Lage für Homosexuelle insgesamt, im Profisport als auch in Ländern wie Russland oder Katar. Das eigentlich unverschämte Debattieren von privater Praxis bleibt damit einerseits so abstrakt und wenig konkret, wie es nötig ist, um die prominente Person zu schützen, und lässt dadurch andererseits fragen, ob wir dadurch wirklich etwas neues erfahren haben.

Agonie der Argumentationen

In der Regel kennt auch die am eiligsten einberufene Debatte – in der die Pluralität privaten Begehrens in die Öffentlichkeit gezogen wird um die Diskutierenden auf ihre Toleranz-Tauglichkeit zu prüfen – nur zwei grundsätzlich verschiedene Standpunkte: 1.) Warum müssen wir drüber reden, das ist doch bereits gesellschaftliche Normalität; 2.) Gottseidank können wir jetzt an einem Fallbeispiel nicht mehr abstrakt-theoretisch sondern praktisch drüber diskutieren, warum das immer noch nicht gesellschaftliche Normalität ist. Die Scheinheiligkeit vieler Disputanden, die Standpunkt 1. proklamieren, liegt meist darin, dass sie eine ihnen unangenehme Debatte, die gerade sie an sich ranlassen sollten, mit einer von generösem Duktus geprägten Rhetorik wegwischen wollen, ohne wirklich etwas zu verändern. Daher benötigen sie den Aufweis, dass kein Änderungsbedarf bestehe. Unterformen dieses Standpunktes arbeiten häufig mit populären (Fehl-)Einsichten, dass die Normalität nur dann gegeben sein könne, wenn im Umkehrschluss niemand eine solche Debatte anstoßen würde, wenn ein Prominenter sich zu seiner Heterosexualität bekennt, daher solle es als Beweis von Normalisierung gelten, kein besonderes Wort über dieses Thema zu verlieren. So schlägt man eine Debatte aus.

Die Scheinheiligkeit vieler Disputanden, die Standpunkt 2. vertreten, liegt darin, dass sie endlich mit gutem, aktuellen Grund eine Debatte führen können, die sie schon lange liebgewonnen haben, und die sie im Regelfall bereits mit vorentschiedenen Ergebnissen führen wollen. Für sie ist eigentlich alles bereits klar, nämlich dass die gesellschaftliche Einsicht den real gelebten Verhältnissen viel zu langsam hinterherwachse. Aber auch solche Zuschreibungen verhindern eine wirkliche Normalisierung, weil die Debatte dann nicht eigentlich inhaltlich sondern nur formal geführt werden müsste und ganz schnell in Leerlauf geraten würde. Aber: Wir redeten ja gerade sehr ausführlich, warum das, was Hitzlsperger getan hat, so eine herausragende Relevanz hat. Also: Lasst uns reden, über die wirklichen Beweggründe unter den öffentlichen Ausformungen sozialer Spiele. Lasst uns darüber reden, dass Indifferenz („Is mir egal, soll doch jeder machen…“) keine Toleranz ist, weil sie die Auseinandersetzung mit etwas als andersartig Angesehenem ausschlägt und damit keine Gewöhnung an die Realität der Homosexualität. Und lasst uns, wie Esther Schapira vom Hessischen Rundfunk das mit beachtlichen Worten beschrieben hat, auch darüber reden, warum es keine individualisierbaren sondern gesellschaftliche Gründe hat, dass es immer noch Mut erfordert, man selbst zu sein.

Aspekte der Wortwahl

Eines der Verben, die Hitzlsperger häufig im Rahmen seines Bekenntnisses verwendet, ist ‚spekulieren‘: Ist das nur das deutlichste Rudiment aus der Zeit, wo das Heteronormative Paradigma auch ihn in einem Milieu gefangen hielt, in welchem man nur spekulieren, mutmaßen, sich seinen Teil über Teamkollegen denken konnte, aber nichts wissen? Hitzlsperger hat kein Interesse, nachträglich die Vielzahl von Verdachtsmomenten, die er in seiner aktiven Zeit als Mitwisser zu gehör bekommen hat, aufzurollen und das Milieugefängnis zu sprengen, in dem sich noch viele nach ihm befinden. Er bleibt der Logik der homosozial verfassten sportlichen Männerbünde der Bundesliga oder Premier League verhaftet, und akzeptiert deren Eigengesetzlichkeit, auch die, dass reine Männeransammlungen jeden Verdacht von Homosexualität ausschließen müssen. Sich als Einzelkämpfer hinzustellen und gleichzeitig auf eine gesamtgesellschaftliche Entkrampfung abzuzielen, hat doch zumindest eine gewisse Spannung. Welche Schonung noch möglich ist, wenn man mit der Preisgabe des Intimsten überhaupt eigentlich schonungslos offen mit sich umgeht, ist fraglich. Wie man die Verlegenheit überwindet, der Öffentlichkeit eine öffentliche Sprache für das, was primär eigentlich eine gelingende privatsprachliche Ausformung braucht, anzubieten, das hat m.E. Carolin Emcke in ihrem Buch gezeigt. Hitzlsperger bemühte sich auch in dem einzigen Fernsehinterview mit dem ZDF darum, immer wieder auf den individuellen Mut zu sprechen zu kommen. Privater Mut alleine versorgt uns vielleicht mit Fallbeispielen, die uns die entspannende Einsicht „Ach der auch!“ bescheren, aber nirgendwo ist gesetzt, dass dadurch die Gesellschaft tatsächlich anders zu denken und vor allem anders gegen Homophobie zu handeln beginnt. Was nur individuell sei, kann nämlich auch als Märtyrertum kleingeredet werden. So schützen sich Gesellschaften in der Regel vor unangenehmen Aufgaben. Diese Redeweise sollten daher nicht auch die Vorreiter noch adaptieren.

Inhaltlich unangebundene Sexualität ist leer

Eine gelingende Sexualität ist für ein gelingendes Leben unabdingbar. Nirgendwo hat er über einen Partner geredet, seine Sexualität ist abstrakt benannt, er hat es also einerseits so gehalten, sie als Vektor aufzuweisen, der von ihm wegzeigt: auf die Gesellschaft, nicht etwa auf sein eigenes, konkretes Begehren. Vielleicht war das klug, nur den ‚Modus‘ seines privaten Wollens, nicht aber dessen konkrete Ausformung anzugeben. Andererseits hat er – und das ist ebenfalls der Paradoxie geschuldet in die man sich verstrickt, wenn man die Normativitätsverhaftung im eigenen Kopf noch nicht abgestellt hat – im ZDF den Zeitpunkt des Spieler-Outings individualisiert und wiederholt die Meinung vertreten, die Gesellschaft sei so weit, dass der einzelne keine Angst haben müsse und es nur am individuellen Mut liege, das auch während der aktiven Karriere zu machen. Ja was denn nun?

Vielleicht war gerade das ein Bärendienst für die somit begonnene Debatte. Denn sein eigenes Fühlen und Lieben geht nicht in der Vorreiterfunktion auf, die er sich u.a. im Rahmen von Putins Anti-Homosexuellengesetzen gerne zubilligen würde. Sexualität als reine, oder leere, inhaltlich unangebundene Funktion der Außenwahrnehmung einer Person anzuführen, heißt nicht, dass wir etwas über die Fähigkeit der Privatperson zu einem gelingenden partnerschaftlichen Begehren erfahren haben, und es heißt zu dem, dass man die Gesellschaft davor schützt, zu lernen, was es eigentlich heißt, homosexuell zu sein. Die Sexualität wird als rein mechanisch akzentuierte Vorliebe für ein gerade nicht existentes Gegenüber, das aufgrund seiner leiblichen Natur die Bedienung anderer Techniken erfordert, verflacht. Warum so bescheiden? Gelebte Sexualität ist nicht identisch mit dem reinen Bekenntnis zur ihr.

Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, der Gesellschaft vorzuführen, welche Sprache ein doch sehr reflektierter Mensch für sein Begehren finden kann? Wie er es sprachlich einordnet, was ihn an Personen des gleichen Geschlechtes reizt um darüber aufzuzeigen, wie menschlich das erotische Begehren ist, gleich welches Geschlecht es zum Gegenstand hat? Nein, das hätte uns doch überfordert, wir hätten uns wahrscheinlich geekelt, weil wir es ’so genau‘ dann doch nicht wissen wollen. Stellen Sie sich einen Sportler vor, der sich die Freiheit nimmt, die Öffentlichkeit mit etwas zu konfrontieren, was sie aushalten lernen muss: die Rede über Charme, Charakter, Arten sich zu begegnen, erotische Faszination in Bezug auf Personen des eigenen Geschlechts… Wir applaudieren zwei Boxern, die sich die Fresse polieren, und drehen uns peinlich berührt zur Seite, wenn zwei Männer zärtlich zueinander sind. Die Gesellschaft lernt nur, wenn man sie ins kalte Wasser schmeißt. Das ist aber durch die Geschehnisse um Hitzlsperger nicht passiert. Über Sexualität reden zu dürfen ist hier durch die kritisch-therapeutische Funktion für soziale Makrokörper legitimiert, so sagen es die Urheber der Debatte selber. Damit ist aber kein bisschen etwas daran geändert worden, dass als Toleranz missverstandene Indifferenz mit Homosexualität nur so lange kein Problem hat, solange es bei einer bloßen Benennung einer individualisierbaren Vorliebe bleibt, die aber defacto nie sichtbar in Erscheinung tritt. Ihr Sichtbarwerden allein aber könnte den übertriebenen Schrecken vor ihr nehmen. Und dass Hitzlsperger der Möglichkeit des Schreckensabbaus noch vorbaut durch die Individualisierung der Bekenntnisprozesse, verstellt den Blick darauf, dass zwar sozial konstruierte aber nicht mehr sozial kontrollierte Wertbeimessungen zu Geschlecht und Sexualität nicht durch Individuelle Bewusstseinsbildung zu verändern sind sondern nur durch kollektive Emanzipationsprozesse. Und gleichzeitig gilt: Aus dieser Schwierigkeit von Privat/Öffentlich gibt es kein Entrinnen, denn – wie Theodor W. Adorno sinngemäß in seinem Gespräch mit Arnold Gehlen über „Öffentlichkeit“ sagte-: „Das Privatleben der Prominenten verdient selbst dann noch Schutz vor der Öffentlichkeit, wenn es um der Öffentlichkeit willen geführt wird.“

Der Fußball ist nicht das Problem, sondern das Milieu in dem er heilig ist

Im Großen und Ganzen steht natürlich die Frage im Vordergrund, warum Homosexualität im Profisport nirgendwo ein so großes Problem wie im Fußball darstellt. Profifußball scheint dem ‚plebiszitären Expertentum der Straße‘ am nächsten zu sein. Auch im Breitensport ist Fußball die beliebteste Sportart, daher geht die Öffentlichkeit in den Kreisen der diese Sportart prominent vertretenden Spieler häufiger auf die Suche nach guten Vorbildern, die ein modernes Männlichkeitsbild vorleben. Dem fußballaffinen Breitensportler werden dort die Augen dafür geöffnet, was unter dem Sigel ‚Männlichkeit‘ gerade geht, und was nicht. Ich erinnere mich allerdings noch, wie David Beckhams „Metro“-Art die gängigen Klischees überstrapaziert hat. Damals war es üblich, ihn als ’schwul‘ zu diskreditieren, aus Neid, dass seine Gepflegtheit und auch seine Eitelkeit ihn als heterosexuellen Mann mit zu viel Erfolgswahrscheinlichkeit bei gutaussehenden Frauen ausstattet. Die vermeintlich gerechte Strafe für diesen Vorteil war dann, dass der Volksmund Fragen an Beckhams Begehren gestellt hat: „So wie der aussieht, ist der doch bestimmt schwul.“ Nein. Ist er nicht. Unter dem billigen Motto ‚Männlich ist, wer Erfolg bei Frauen hat‘, hätte eine populäre Redeweise applaudieren müssen für Beckhams Art, sich auch bei Frauen ästhetisch in den Vordergrund zu spielen. Viele Durchschnittsmänner/Fans hat das verunsichert: Es war ihnen schlicht nicht geheuer, ein Vorbild zu akzeptieren, das so unerreichbar weit voraus ist bei allem, was man am liebsten selbst gerne hätte und wäre. Um diesen sozialen Abstand zu minimieren, wird oft nach einem vermeintlichen Totschlag-Argument gegriffen: „Ja, der hat den Erfolg ja nur, weil er in Wahrheit ein fragwürdiges Begehren hat und das kompensieren muss.“ Nein, hat er nicht.

Und die Google-Autovervollständigung listet für jeden Prominenten, der nicht gerade aufwändig seine Heterosexualität in der Öffentlichkeit zelebriert, immer das „schwul“ als häufig gesuchten Begriff, weil viele Leute darüber herausfinden wollen, ob ihre eigene Sexualität in Identifizierungswürdigen Promis ein Vorbild hat, denn das wäre für sie das am besten sichtbare Zeichen gesellschaftlicher Normalität: wenn ein Promi auch „so“ ist. Natürlich gibt es zivilisiertere Bereiche der Gesellschaft als das Milieu, in dem unbedingte Parteinahme für ein massenidentifikatorisches Ereignisgeschehen wie die Bundesliga-Saison ihre fröhliche Urständ feiert. Nun sehen sich die Milieus der ehemaligen Werksvereine eigentlich schon lange ihrer Grundlage beraubt, Fußball ist Kommerz und dickes Geschäft, Spieler sind keine genuinen Local Heroes mehr, der Glaube an die Ursprünglichkeit des Sports ist dann zwar blind, aber eben darum dennoch Taktgeber für Prozesse der Selbstverständigung derjenigen, die an vielen gesellschaftlichen Entspannungsdiskursen gar nicht teilnehmen wollen oder können. Die angestammte Art der Weltausdeutung nicht hinterfragen zu müssen ist unglaublich entlastend, wenn man ahnt, dass die eigenen sprachlichen und intellektuellen Mittel eh nicht ausreichen würden, um sich autonom zu machen und sich von einer antiquierten Räson zu emanzipieren. Milieus verfestigen sich gerne durch Wiederholung weniger, sich immer gleich bleibender Gewissheiten. Mit Sprache und Intellekt gegen die Emanzipationsverweigerung großer Mehrheiten anzugehen, ist ein anstrengendes und notwendiges Unterfangen: Keine noch so ressentiment-beladene Mehrheit hat es verdient, dass man sie vor ihrer Reifung und Weiterentwicklung schützt, nur weil man sie bereits verloren gibt.

Political Correctnes und fadenscheinige Beipflichtungen

Natürlich bliebe noch viel zu sagen, darüber etwa, ob es nicht auch ein Bärendienst an der Debatte ist, wenn etwa Sprecher der Kanzlerin, anderer aktive Sportler-Kollegen, Personen der politischen und künstlerischen Öffentlichkeit und so weiter ihre fadenscheinigen Beipflichtungen über sämtliche Kanäle absondern. Viele, die öffentlich zu schnell ihren Respekt zollten, sagten ohne Bedenkzeit sofort das, von dem sie glaubten, es sei das was gesellschaftlich gewünscht ist. Ich mag allerdings Debatten, in denen das von der Mehrheitsgesellschaft Gewünschte als das gilt, was es ist: verdächtige Rhetorik, die das Eigentliche verdeckt. Wer die Debatte über die Vereinbarkeit des Profisports ‚Fußball‘ mit Homosexualität wirklich führen will, der muss darüber diskutieren, welche Verantwortung der DFB hat, die FIFA, der IOC, die einzelnen Vereine, die Medien, die Werbepartner und Sponsoren aus der Wirtschaft, denen ja immer unterstellt wird, sie würden sich mit ihrem Sponsoring zurückhalten, sobald ein Spieler sich oute. Und welche Verantwortung der einzelne hat, der seine übertriebene, homophobe Abwehr nicht als das erkennt was sie ist: eine gesteigerte Bezugnahme, hinter der eigentlich ein großes Auseinandersetzungsinteresse an und eine Faszination für das so alltäglich-normale ‚Andere‘ steht, sodass kein einziger Grund mehr besteht, es dem Wortlaut nach ablehnen zu müssen.

Zum Ärztemangel in der ‚Fläche‘ Deutschlands : Unverschämte Ursachenforschung

Der sogenannte Landärztemangel ist nur oberflächlich betrachtet ein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Mit anderen Worten: Der städtische ‚Überschuss‘ wird sich auch durch den Willen des Gesetzgebers nicht transplantieren lassen.

Ärzte sind studierte Leute – oftmals mit eindringlichem Kulturinteresse, damit geistig mit großer Nähe zu einem kulturellen Klima, das man ‚urban‘ nennen muss.

Die Freude ist nicht zwingend beiderseits : Die Menschen, die ein Landarzt zu behandeln hat, stehen – nicht zwingend aber häufiger – für ein geistiges Klima, das den Arzt dort als Arbeitnehmer zwar willkommen sein lässt, als Wohnsitznehmer dort aber tendenziell heimatlos macht. Die Freude dieses Patientenmilieus, behandelt zu werden, sollte sich mal durch die Frage brechen lassen, warum Ärztemangel eine Frage des flachen Landes weit ab der Städte ist, also: Warum es besonders für junge Ärzte so auffallend unattraktiv ist, diese Patientschaft zu versorgen. Warum jemand, der seine Karriere wie sein Leben im Wesentlichen noch vor sich hat, eines nicht tut: die Menschen dort versorgen.

Sicher es liegt nicht lediglich an den Menschen, aber es liegt an der Stadtferne des geistigen Klimas, das diese Menschen am Leben halten und das diese Menschen am Leben hält. Leider geht das eigene Wohlfühlklima  für diese Menschen dann überdurchschnittlich  auf Kosten der Möglichkeit einer nahen Dauer-Versorgung durch Klima-fremde, zugezogene Ärzte. Noch schlimmer ist in der Fläche vielleicht bald der Mangel an Psychologen und Psychotherapeuten. Die Erklärung für diesen Mangel ist die selbe.

Das alte Wohlgefühl, das der Landarzt einem bescherte, und das wesentlich in der Vorstellung bestand, der Arzt sei ‚einer von hier‘ oder ‚einer von uns‘, mit dem man jederzeit auf Augenhöhe einen Plausch abhalten könne und der zur großen Dorffamilie dazu gehört: dieses kuschelige Vereinnahmungsmodel hat für junge Ärzte keinen Charme mehr. Denn Vereinnahmtes steht unter erhöhtem Konformitätsdruck. Dieser macht das Leben unangenehm.

Selbst wenn der Konformitätsdruck, der der Preis dieser überschaubaren und damit von Komplexität entlastenden Einbettungssphäre des Ländlichen ist, für die Autochtonen nie evident wird: der Zugezogene bringt doch eine Perspektive mit, die so etwas registrieren kann. Wenn er dann diese Sicherheit nicht wertschätzt, weil sie ihm trügerisch erscheint, gibt es einen Grund weniger, dort hinzuziehen.

Wir hätten, angesichts der z.B. durch das Internet verstärkten prinzipiellen Ortslosigkeit in der globalisierten Welt (also ‚Globalisierung‘ verstehe ich im Sinne Sloterdijks) glauben wollen, dass das irgendwann keinen Unterschied mehr macht: wo man ist, wo man arbeitet, wo man lebt. Der moderne, flexible Arbeitnehmer ist schon lange Nomade geworden (vgl. Heiner Hastedt, Moderne Nomaden, Wien 2009). Aber der Schritt von einem Studium an einer deutschen Universität hin ins Ausland scheint häufiger gegangen zu werden als der von der Universitätsstadt ins stadtferne, innerdeutsche Land. Das universitätsstädtische Milieu scheint in internationaler Perspektive geringere Brüche zu enthalten als das innerdeutsche Spektrum zwischen Stadt und Land.

Die Perspektivensuche, was Arbeitsmöglichkeiten angeht, hatte in der Geschichte der letzten Jahrhunderte meist einen klaren Vektor: Vom Land in die Stadt. Expansivität, Dynamik, Veränderung, Nicht-Verhärtung: all das lockt Menschen, die das Gefühl haben wollen, ihr eigenes Leben wartet noch auf eine Eroberung durch sie selbst – mit offenem Ausgang; man könnte auch sagen: das lockt Menschen mit einer klaren Bildungserwartung tendenziell weg vom Land.

In ‚Erziehung nach Auschwitz‘ polterte Adorno gegen die Trägheit der geistigen Strukturen besonders in ländlichen Gebieten Deutschlands. War Adornos Empfehlung – Freiwilligentrupps zusammen zu stellen, die das Land zivilisieren – noch tendenziell Lacherfolg-fähig, so scheint darin eine bis heute sich durchhaltende (wenn auch sich abschleifende) Geistes-Opposition durchzuhalten, die nur vordergründig eine topographische Opposition ist: die zwischen Esoterischen und Exoterischen Kreisen der Denkkollektive (nach Ludwik Fleck).

Botschaften der Zivilisierung halten nur mit einer gewissen Zeitverzögerung dauerhaft Einzug in die mentalen Strukturen des Ländlichen. Mag dieser Zeitverzug durch die behauptete Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Phänomene, die durch die Massenmedien erzeugt wird, etwas gemildert werden, so ist die Gefahr nicht gebannt, dass in der ‚Provinz‘ ‚falsche‘ Bilder ankommen. Niemand muss auf dem Land mit den urbanen Phänomenen ‚leben‘, die er von der Mattscheibe kennt. Man kann sich auf die Beobachterposition zurückziehen und jede Kleinstabweichung mit einem „Die spinnen, die Römer“ abtun.

Noch dazu: Viele Medizinstudenten an den Universitäten kommen aus dem Ausland: Pakistan, Indien usw. Das werden ohne Zweifel gute Ärzte. Würden Sie einem pakistanischstämmigen jungen Arzt raten, eine Hausarztpraxis in einem kleinen Ort in der Lausitz zu eröffnen, damit er sich dann Kommentaren der 84jährigen Rentnerin Frau Schmidt aussetzt, die noch meint, ihn zu loben, wenn sie sagt: „Für einen Ausländer sprechen Sie aber ganz gut Deutsch“? Was will ich Ihnen mit dieser Suggestivfrage ‚eigentlich‘ sagen? Sie wissen es bereits…

Der sogenannte Landärztemangel ist kein Distributionsproblem. Es gibt nicht bloß die Ärzte in der Stadt zu viel, die auf dem Land fehlen. Bevor man durch Geld-Anreize Biographien von Leuten, die das urbane Milieu schätzen, gegen die Milieuverfestigungen des Ländlichen manipuliert, sollte man lieber für ein gesamtgesellschaftlich humanes Klima eintreten.

Ich sehe in der Politik eine massive Ahnungslosigkeit, was das bedeuten könnte – wie im Allgemeinen unsere Bundesregierung bei Einschätzungen der sozialen Stimmung meist grob daneben liegt. Das offenbart sich nicht zuletzt immer mal wieder an prominenten Problemfeldern: Dass beim Landärztemangel eine Abstimmung mit den Füßen stattgefunden hat, ist ein demokratischer Glücksfall: in der DDR wären Ärzte noch zwangsversetzt worden. Der worst-case ist diese Abstimmung mit den Füßen höchstens für die, die in der demographischen Falle leben und darin ein geistiges Klima erzeugen, in dem zumindest klügere Leute es freiwillig nicht lange aushalten.

Von der Unwahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, das uns nicht ähnlich sieht…

„Welchen existenziellen, mehr als theoretischen Unterschied würde es ausmachen, mehr zu wissen – vom Dasein uns geistig ähnlichen Lebens anderswo zu erfahren? Meine Antwort ist: gar keinen.“

(Hans Jonas: Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen. Frankfurt am Main 1994. S. 253)

Wir suchen das absolut Exterritoriale und finden Bilder und Beschreibungen dafür, die auf Linie unserer Kategorien liegen: Wir denken uns intelligentes Leben mit Kopf, Armen und Beinen und einer Sprache, die wir zwar nicht verstehen, die man aber lernen könnte, wie Japanisch oder ähnliches. Wir wollen das Phantasma einer absolut exterritorialen Lebensform und kultivieren in Science-Fiction-Filmen eine Angst davor, die wir selber in diese Projektion hinein-plausibilisiert haben: Natürlich müsste man im absoluten Außen unsere irdische Ethik mit Füßen treten – natürlich stellen wir uns daher den Auftritt von Aliens so vor, dass sie ganz unbedingt mit Vernichtungsabsichten gegenüber uns Menschen aufträten: Sie kommen von draußen, sie wären damit an keine unserer innerweltlichen ethischen Implikationen gebunden, so denken wir. Anders Immanuel Kant, der seine Vernunftgrundierung intelligenten Lebens so formuliert wissen wollte, dass sie universal gültig ist und bei allen (noch nicht entdeckten, vielleicht nie zu entdeckenden) intelligenten Lebensformen genau so zu finden sein würde. Das könnte man wissen: Das will man aber nicht wissen. Wer Lust am Gruseln hat, muss Kant suspendieren. Wer Kant in dieser Hinsicht nicht versteht, kommt beim Gruselbedarf leichter auf seine Kosten. Nicht denken zu müssen, entlastet. Leider entlastet es aber auch von präzisen Einsichten. Eine dieser Einsichten könnte sein: Wir werden es nie mit Aliens zu tun bekommen können, die uns nicht ganz grundsätzlich ähnlich sehen, schockierend ähnlich, sozusagen wie wir: Wie Menschen. Fremd sind wir uns selber schon genug, unser eigener Gruselbedarf ist uns intransparent. Was verstehen wir dann überhaupt von uns? Die Baustelle sind nicht Aliens. Die Baustelle sind wir. (Also doch ‚Aliens‘?)

 Wer die Evolution richtig denkt, weiß um die Unwahrscheinlichkeit der Koinzidenz derjenigen Faktoren, die uns möglich gemacht haben. Dieses Übereintreffen als ‚Glücksfall‘ zu akzentuieren, ist Unsinn: Viele Menschen, die sich der Kontingenz nicht bewusst werden, spotten dem ‚Glücksbegriff‘, da sie der Erde nur dogmatischen Druck hinzufügen. Wessen Denken die Chaostheorie fassen kann, der weiß um die Unwahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im Universum. Wer das Chaos der Piratenpartei kennt, weiß ja auch um die Schwierigkeit mehr oder weniger intelligenten Lebens, eine technisch astreine Bewältigungsstruktur für die Koordination von Willensbildungsprozessen zu finden. Welchen Intergalaktischen Krieg sollten wir schon gewinnen? Aber so weit wird es ja gar nicht erst kommen.

Noch dazu: In unserem physikalischen Universum halten großartig unterschiedliche Bauformen nicht lange dem Praxistest stand. Das Resultat ist konvergente Evolution: auch mit großem zeitlichen und räumlichen Abstand entwickeln sich in varianten Biotopen Lebensformen immer nach ähnlichen Strukturprinzipien. Aliens würden uns verdammt ähnlich sehen… so oder so.

Harald Lesch dazu:

http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-centauri/alpha-centauri-ausserirdische-2001_x100.html

Dass schon allein unsere Existenz unwahrscheinlich ist, ist für uns schwer mit der menschlichen Innenperspektive zusammen zu denken, die uns immer wieder vortäuscht, das mit uns sei was ganz großes und Erhabenes. Wenn dieser Erhabenheitseindruck mal wieder durch unsere chaotische Kleinheit und Unzulänglichkeit konterkariert wird, flüchten wir uns in Religionen: Mit denen richtet sich unsere Vorstellung, dass wir in unserer geballten Dummheit und Widersprüchlichkeit auch noch von einem höheren Wesen gewollt sind, gemütlich ein, ohne dass wir merken: ein solcher Schöpfer müsste einen verdammt miesen Humor haben. Menschen mit religiös-rührig feuchten Augen wollen das gewollte Produkt eines Wesens mit miesem Humor sein. Ok, wer das will, soll das tun. Immerhin treten Aliens in Gruselfilmen immer als komplett humorlos auf. Hat sich schon mal einer gefragt, warum? So viel Klugheit um technisch so weit zu kommen wie wir Menschen, erträgt niemand ohne ein Moment der Flexibilität in seiner Haltung: also Humor. Wie könnten hoch-intelligente Vernichtungs-Aliens das ertragen, wenn sie nicht lachen könnten? So unwahrscheinlich schon unsere Existenz ist, umso unwahrscheinlicher wird es mit uns schon, dass das nochmal passiert sein soll: als statistischer Fall liegen wir bereits vor. Wer einmal im Lotto gewonnen hat, hat schon mehr Glück gehabt als rechnerisch möglich. Er sollte von weiteren Spielen Abstand nehmen, es sei denn er hat eine gute Frustrationstoleranz. Erneut zu spielen ist keine wirksame Beherrschung oder Handhabung des Zufalls. So gerne man das auch glauben möchte.   

Das Universum ist nicht unendlich groß. Dazu kommt: Wahrscheinlichkeiten sind keine wirklichen Aussagen über die Realität, denn da sie nur im Unendlichen zutreffen, lässt sich ziemlich lange, und zwar fast ebenso unendlich, an einer Wahrscheinlichkeitsbehauptung festhalten, selbst wenn empirische Proben immer das Gegenteil behaupten. Auch beim tausendsten Gegenbeweis müsste man immer nur sagen: Hauptsache es stimmt im Unendlichen. Die Fähigkeiten der Erdbewohner sind nichts universell Wahrscheinliches, keine Rechnerei kann mehr als nur die Möglichkeit einer gleichen Entwicklung behaupten: letztendlich Dinge, die man ‚glauben‘ muss. Das Statistikgehudel ist spekulativ und verstellt geradezu die Diskussion um die Bedeutung, die ‚das Andere‘, ‚die Anderen‘ und absolute ‚Transzendenz‘ für uns  als Vorstellungskonzepte haben.

Aliens hingegen haben keine Götter, weil sie topologisch mit Gott um die Situierung im absoluten Außen konkurrieren und diese Konkurrenzfrage durch Menschen entschieden werden muss, wobei in Hollywood-Blockbustern letztlich Gott der Zuschlag erteilt wird: Ist es uns jemals in den Sinn gekommen, zu glauben, Aliens könnten Götter haben? Ich habe in Filmen noch nicht gesehen, dass ‚potentiell mögliche Aliens‘ die Erde angreifen: nur konkrete Aliens, mit einer Gestalt, die die menschliche Handschrift trägt – ähnlich wie bei den meisten Gottesvisualisierungen, die den Menschen so passieren. Als Bedroher irdischer Ethik und als Wesen mit exterritorialer Herkunft automatische Gott-Konkurrenten müssen Aliens selbst als gottlos vorgestellt werden. Damit verkörpern sie das, was der häufigste Vorwurf in zugespitzten interkulturellen Konflikten zwischen realen Menschen ist: der Vorwurf, die jeweils andere Partei müsse vernichtet werden, weil sie gottlos sei. Das ist eine Frage der Deutungsmacht. Und: Es ist immer der Andere, weil der Andere – im Sinne eigener Identitätsbildung – immer das Fremde im eigenen Ich überspitzt und leibhaftig vorstellt, damit aber für den Normbedachten Menschen immer die Gefahr bereithält, ihm aufzuzeigen, dass er nicht in das Normkonzept des eigenen Diesseits der Kulturellen Demarkationslinie passt, und damit potentieller Weise zur Zielscheibe der Aggression der eigenen Kultur werden könnte. Diese Gefahr ist existenziell: in unaufgeklärten Kulturen hängt die Frage von Leben und Tod daran. Ketzer kommen auf den Scheiterhaufen, Hexen auch, Kommunisten, Demokraten, alle Unangepassten, alle ‚Anderen‘.   

Technokratisch verbildeten Menschen reicht eine rechnerisch nicht auszuschließende Minimalstwahrscheinlichkeit, um zumindest den Raum für Träumereien nicht abzuschließen. Ich als Philosoph bin da abgeklärter als manch positivistischer Naturwissenschaftler: und ich lasse daher nur nicht-naturwissenschaftliche Erklärungen für die ‚menschliche Natur‘ gelten.

Es ist eigentlich eine kulturwissenschaftliche / philosophische / soziologische Frage, warum uns Aliens so beschäftigen, und es ist eine Sache unterkomplexer Reflexion und eines gigantischen reflexiven Nachholbedarfs darin, warum wir – wenn wir an ‚das Andere‘ als phänomenale Folie für Selbstvergewisserungsprozesse denken – so brachial und infantil das Extremst-Andere in Form absolut exterritorialer Wesen bevorzugen, und ihnen in unseren hilflosen Visualisierungen denkbare Gestalt verleihen: sodass unsere Bebilderungen verraten, dass wir nicht über die Kategorien verfügen, das ‚wirklich‘ ‚Andere‘ wirklich erwarten zu können: es fehlt uns gewaltig an kreativer Einbildungskraft. Auch Filme in 3-D, mit hochauflösendem Bild und überfrachteter Story können dieses Einbildungskraftdefizit nicht einholen sondern nur vergrößern, wo sie zum Vorstellungslieferant für eine ganze Menschheit herhalten.

Kein Wunder, warum wir das Infantil-Phantastische und gigantisch Bebilderte ständig für-wahr halten müssen. Kein Wunder, warum es uns lieber ist, die Für-Wahrheit des Infantil-Phantastischen nicht etwa mit Argumenten zu kritisieren sondern mit Zahlenreihen in Statistiken zu affirmieren. Die Affirmation des Diffusen und der von latenter Aversion begleiteten Ungewissheit hat noch niemanden klüger oder besonnener gemacht.

Hinsichtlich einer klaren Einschätzung der Lage steht es uns im Weg. Ich meine weil: im Begriff ‚Alien‘ steckt die Fremdheitserfahrung drin, die man so an der ‚möglichen‘ Form intelligenten Lebens in diesem Universum logisch nicht als wirkliche ‚Fremdheit‘ bezeichnen kann, weil  uns die Naturwissenschaft schlüssig gezeigt hat, nach welchen Kriterien das funktioniert. Die eigentliche Frage, wie man sowas gedacht kriegt, ist keine Frage von statistischen Zahlen sondern eine kulturwissenschaftliche: Wie gehen wir mit Fremdheit und Identität um (schon allein auf unserem Planeten…) Die Erklärung ist denkbar simpel und hat mit der identitäts-bildenden Qualität des ‚Anderen‘ zu tun, physikalische Gesetzmäßigkeiten in unserem Universum lassen aber ein intelligentes Leben, das anders funktioniert als wir, nicht zu. Darum würden Aliens wahrscheinlich erstaunlich menschlich wirken. Der Rest, der an Differenzen bliebe, wären Unterschiede, die nicht größer sind als die zwischen Chinesen und Afrikanern. Solange uns  das aber auf unserem eigenen Planeten schon vor Probleme stellt, sollten wir nicht von Aliens träumen…

Die fremde Kultur von nebenan stellt uns vor größere Herausforderungen, die wir aus eben den Überforderungsgründen gar nicht erst angehen: In Hollywood-Blockbustern scheint der irdische interkulturelle Konflikt erst überbrückbar dadurch, dass eine exterritoriale Macht keinen Unterschied zwischen den zu vernichtenden Menschen und ihren kulturell unterschiedlichen Konkretionen und divergenten Ethiken macht. Dass menschliche Kulturen in der fingierten Wirklichkeit des Films erst angesichts der Apokalypse von ihrem Bestehen auf Differenz voreinander abrücken um Einigkeit gegenüber dem absolut Fremden zu behaupten – und das ganze erst in dem Moment, wo ihnen eine überlegene Macht diese Entscheidung schon abgenommen hat – ist bezeichnend. Bezeichnend auch, dass der durch viele Blockbuster hindurch schimmernde religiöse Subtext trotzdem noch ein Happy-End verlangt, um die Konkurrenz der exterritorialen Wesen (Außerirdische vs. Gott) zugunsten des Wesens zu entscheiden, das uns näher ist, weil wir es selbst konstruiert haben (Gott) und uns unter seinen Fittichen wähnen.

Die gute Nachricht ist: Wir werden die Anstürme von ‚außen‘ wahrscheinlich alle überleben, nicht aber ohne uns einzureden, dass es berechtigt sei, in grundsätzlicher Aversion gegen alles Fremde, das unsere Normvorstellungen überstrapaziert, zu bleiben. Das ist die schlechte Nachricht: Nach dem Sieg über die Aliens dürfen wir uns wieder die Köpfe einhauen. Das historisch sich wie ein roter Faden durchhaltende Konfliktpotential im ‚innen‘ unseres Globus‘ ist mit dieser Gewissheit geradezu begrüßt, stabilisiert und auf Dauer gewollt. Unsere wirklichen Konflikte drehen sich irdisch um die Deutungshoheit angesichts eines nie wirklich hereinbrechenden absoluten Außen, das unsere Deutungsprognosen mit der Realität des Außen konfrontierte. Wir brauchen uns gar nicht zu vereinen, und dürfen uns weiter ungestört die Köpfe einhauen. Nur leider ist diese gute Nachricht keine gute Nachricht. So viel Zynismus haben wir uns durch unsere Scheinheiligkeit eingehandelt.  

Wenn uns das ewig Kreislaufhafte des Weltalls irritiert, liegt es nahe, aus bloßem Kontrastdenken heraus die Persistenz des Immergleichen mit der Möglichkeit eines Bruches zu konfrontieren. Aber glauben Sie mir: Wir sind für den Lauf des Universums zu unerheblich, als dass unser Kontrastbedarf auf dessen Regelmäßigkeit auch nur den geringsten Einfluss hätte. Alle Untergangsprophetien sind in dieser Hinsicht hilflose Aufschreie gegen die eigene Einflusslosigkeit im Ganzen und gegen die Irritation, die das unverstehbare Ganze hervorrufen muss, wenn von ihrer Ratio überzeugte Ganzheits-Fundamentalisten konfrontiert sind mit dem anspruchsvollen Programm, den einen Zugriff auf das Zu-Große meinen meistern zu müssen. Es gab Zeiten, da wollten Philosophen das auch noch. Davon haben sie sich verabschiedet. Zu recht.   

Das Andere erfahren, heißt, sich über sich selbst klarer werden zu müssen. Es geht bei allem wie immer um Fremdheitserfahrungen. Trotzdem wir von Globalisierung faseln, sind wir mit dem immanenten Fremden in interkultureller Perspektive schon so überfordert, dass wir Hollywoodphantasten uns in Afrikaner nicht halb so gerne hineindenken möchten wie in Aliens. 

Der frei gewordene Mensch ist frei nur als ‚Sichtbarkeitskrüppel‘ (wie es Sloterdijk in Du mußt dein Leben ändern für Sartre und Blumenberg sagt), ist also in seinen möglichen Entwürfen nicht frei von den Hinsichten der Anderen: Wie ihre Entwürfe als Formatvorlage für Selbstentwürfe durch Sichtbarkeit verfügbar werden, so scheint in der Wechselseitigkeit ein unterschwellig drängendes normatives Moment mit den bloßen Entwürfen noch etwas mehr vorzuhaben: Nämlich sie auf ihre ‚Richtigkeit‘ zu prüfen, also sie prinzipiell nur in normativer Hinsicht voreinander antreten lassen zu wollen. Dieser Einschränkung der Entwurfshinsichten von den Anderen – elementar: verschiedener Kulturkreise voreinander – versucht Helmuth Plessner in Macht und menschliche Natur wieder aufzuweiten mithilfe einer Art Proto-Kulturrelativismus, der aber nicht konkrete Entwürfe allgemein relativiert, sondern Entwürfe im Besonderen vor einem Gegeneinander-Ausspielen bewahrt, indem die Relativität eines Entwurfs zu einem Bezugskreis einerseits den Beliebigkeitseindruck wegschiebt, und andererseits die Relativität aktual verschiedener Kulturkreise auch voreinander gelten lässt.

Nur gegen das Beliebige lassen sich durch den Idealismus hart-normativ abwertende Urteile aussprechen; der Bruch mit dem Idealismus muss also bei Plessner darüber beginnen, dass verschiedene Kulturkreise in nicht-normativer Hinsicht voreinander als verschieden und damit als mit universal gleichem Recht relativ auf ihr je eigenes Gewordensein erscheinen können: dieser Respekt vor der Ausdifferenziertheit ist idealistisch lediglich in der minimalen Hinsicht, dass er in universell-einender Absicht mitgeführt wird, und sogar auf ‚Aliens‘ (also alle Menschen in diesem Universum) ausgedehnt werden kann. 

Kulturen dürfen selbstverständlich sein was sie sind, wenn sie als geschichtlich-geworden erkannt werden. Keine Kultur hat damit aber das Recht erworben, auf ewig das zu bleiben, was sie mal geworden war. Es muss immanente Opposition geben können, und es muss Differenz geben, die ohne Aggression auskommen kann: eine reife, gemütstechnisch temperierte Weltsituation wäre das, von der wir auch heute noch – trotzdem uns das Geld entspannt hat, weil wir auf Zinsen gucken können und nicht auf Menschen gucken müssen, was auch wieder äußerst ambivalent ist – entfernt sind.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wenn auf einem entfernten, erdähnlichen Planeten, Menschen sitzen, sie wenn sie an uns denken dabei die Figuren zeichnen, die wir zeichnen, wenn wir an sie denken? Sehr. Nur wir werden nie in die Verlegenheit kommen, sich diese Wechselseitigkeit bestätigen zu lassen: Die ‚Anderen‘ sind immer so unendlich weit weg, mathematisch im kaum bestimmbaren Bereich des Wahrscheinlichen. Daher haben sie keine Bedeutung für uns.  

Keine (auch keine fiktive) Kultur darf vor Entwurfshinsichten geschützt werden, sonst bläst sich ihre Normativitätsvorstellung so stark auf, dass ihr jede Kleinstabweichung erst eine besondere Erwähnung und dann eine besondere Ahndung wert wird: Vor Vergleichen und Varianzgewissheit geschützte Kulturen entwickeln gerne einen selbstzentrierten Kultur-Positivismus, der Aggresion gegen alles andere legitimiert. Da die Aggression gegen übermächtige Aliens doch arg zu hilflos wäre, wird dieser Kampf, der reine Projektion ist, in der Filmfiktion durch eine Art Gotteswille zugunsten des als schwach vorgestellten Menschen entscheidbar gehalten, was uns vorgaukelt, dass wir bei der Weichenstellung für unsere Zukunft nicht mitzureden hätten.

Das ist grob falsch: Menschen leben ihr Leben nur dort als Menschen, wo sie es führen. In Syrien werden gerade die Weichen für die Überlebenszukunft eines Volkes gestellt, und siehe da: Wir reden mit. Aber mehr eben auch nicht. Wir gucken zu und reden und belassen es dabei. Mehr vernichten können uns auch Aliens nicht, als wir uns durch unsere Passivität, die wir uns von Filmen beibringen ließen, für die wir viel Geld bezahlt haben. Die wirklichen Abgründe sind nicht im Außen, sondern in dem nicht-verbalisierten Kern der Menschen, in uns allen.

Fiktions-Aliens sind statistischer Blödsinn, irdische Aliens sind die reale Aufgabe, an der wir regelmäßig scheitern, weil wir unser Leben nicht führen und unsere Normativität vor Vergleichshinsichten in Absicht  der Entkrampfung schützen aber damit defacto all unsere Routinen unreflektiert und damit einen Großteil unseres Lebens unbegriffen lassen.

Wer unter euch damit kein Problem habe, der fürchte sich vor dem ’nächsten‘ Angriff aus dem Weltraum.

Zur Verflachung des NDR-Comedy-Contests

 

 

Zuerst die gute Nachricht: Woran ich überhaupt nichts auszusetzen habe war der Hauptgast Matze Knop, auch wenn er sich zuviel mit Boulevard und Sport beschäftigt, beides für sich so selbstevident komisch wie letztlich irrelevant, nichts auszusetzen an Domenica Berger, die so reibungslos moderiert, dass kaum auffällt, dass sie da ist, und das Fuck Hornisschen Orchestra, aus Komik-theoretischer Sicht die einzigen, die als Lichtblick des Abends zu bezeichnen sind, da sie Denkzellen mit Lachmuskeln und musikalischem Schwingungsorgan so kurzschlossen, dass wenigstens zur Halbzeit mal der Motor meines Wohlwollens stotterfrei angesprungen ist.

Der Gewinner der vergangenen Folge des NDR Comedy-Contest bringt als prolliger Türsteher das Problem qua Erscheinung auf den Punkt: Nicht etwa ist er den Gamaschen seiner Rolle zu groß sondern, und da wird’s peinlich, er füllt sie bestens aus. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Witze war zusammengesetzt aus Namen, die früher studiVZ-Gruppen trugen. Erinnert sich noch jemand freiwillig an zum Beispiel: „Sach mal’n Satz aus zwei Körperteilen: Hals Maul“ und wenn ja warum? Bitte wie flach ist das denn? Auf diesem Niveau war man da neulich Abend zu Hause, quasi auf einen eklektischen Cocktail zu Gast bei Witzen, die so alt sind, dass sie einem wie gute Freunde vorkommen: Man möchte ihnen doch glatt beim Umzug helfen. Bloß weit weg sollte die Reise gehen.

Dieser wohlige Kuscheleffekt des Altbekannten trat auf in Kombination mit stilbildendem Rap, die einzige Form, in der man sich in dem vorgeführten Proll-Milieu mit Sprache noch kultiviert vorkommen darf ohne zu peinlich für die rauhe Peergroup und sich selbst zu werden: das ist eigentlich auch schon wieder Lifestyle aus dem vorvergangenen Jahrzehnt, wenn mans genau nimmt. Und eins könnt ihr mir glauben: DAS ist MIR peinlich, wenn das Peinlichkeitsgefühl angesichts reichhaltiger Versprachlichungsmittel nur dann suspendiert ist, wenn sich mit der Sprache die Stilerfordernisse eines krampfig-modernistischen Zeitfensters einhalten lassen, das selbst wiederum überreif wenn nicht gar tot ist.

Die Wortbühne ist uncool.

Uncool wenn auch bereits mit Bühnen-Abo auf Langeweile ist auch Philipp Scharri. Auf jedem Slam gibt es meist einen, der reimt sich die bekanntesten Laut-Kongruenzen aus den Rippen, dass es Ommi die Falten aus dem Unterrock hobelt. Reimen ist neben Rhythmisieren und Aufzählen das beste Mittel, um das Fehlen eines eigenen Komik-Konzeptes zu überspielen mit einem Signal, das auf das Fehlen weiterhin aufmerksam macht: Wo gereimt wird, geht es bestenfalls um ‚Handwerk‘ und das lässt sich ja trainieren. Auf jedem handelsüblichen Slam gibt es einen, der das schon seit Jahren macht und wahrscheinlich schon mal jedes Wort der deutschen Hoch- wie Tiefsprache auf jedes mehr oder weniger zu ihm passende gereimt und Applaus für die Fleißarbeit bezogen, aber die Abstimmungen zurecht verloren hat, weil meist kommt so ein mahnendes, temperierendes und ausgleichendes Zeigefinger-Heb-Zeugs bei raus: mit ner Pointe, ein paar Wiederholungen für die Eindringlichkeit, ein bisschen Spannungsbogen musterhaft aus dem Deutschbuch für die Oberstufe abgeschaut und fertig ist eine kleine Preziose, der eigentlich kein komischer Trotz mehr gelingt, weil sie von vorne bis hinten an den Techniken ihrer eigenen Beherrschung erstickt. Das ist alles zu durchschaubar.

Wird eine Quoten-Frau zur Bühne vorgelassen, dann gefällt sie sich meist in ihrem geronnenen Realismus: Es reicht ihr, als einzige Frau im Anrecht auf Frauenthemen (was immer das auch ist) zu baden und es stößt ihr nie auf, dass sie als Frau die abgehangenen Frauenklischees nochmal ne Nummer überzieht nur um dem ausgemachten Feindbild Mann in einem faden Anflug usurpatorischer Emanzipation das gleiche zum Zwecke des Vorwurfs nachzuweisen: Aber: Selbst wenn Frauen über Frauen witzeln, sind sie sexistisch durch und durch. Wüsste man nicht, dass man davon nichts zu halten hat, würde man laut „Widerspruch“ rufen. So aber hört man sich bekannte Plattitüden über Alter, Schuhe und Männer an: Nur unabweisbar existente Aspekte unseres Daseins, in minimaler Aufbereitung soll das schon ein Witz sein. Tut mir leid: das ist eindeutig viel zu wenig und nicht komisch.

Irgendwo ist immer ein Lesebühnen-Verschnitt dabei: Ein Großstädter der liebevoll auf Absurd getrimmte Geschichten schreibt und als Vorbild ‚Horst Evers‘ angeben würde, wenn dadurch nicht seine Unterbietung noch augenfälliger würde. So liest er dann Texte, in welchen ein plakativer Kontrast im Zentrum steht, um den herum sich die ganze Eimerkette seines immanenten Altbau-Bewohnenden und in den 90ern mal Geisteswissenschaften studiert habenden Infantil-Humors entfaltet: sein Humor ist als ein Generationenphänomen nicht unbedingt einer der interessantesten Generationen verhaftet. Bauarbeiter, Fahrradfahrer, Ökomütter kommen darin vor: Kiezbewohner, die als Prototyp menschlichen Daseins ausgegeben werden um dann als exemplarische Unmöglichkeiten vorgeführt zu werden, so dass aus dem schusseligen Erzähler doch noch so eine Art Held der wichtigen Töne wird: einer der uns auf den kleingeistigen Boden unspannender Tatsachen herunterfaselt und uns suggerieren soll, so ‚sei das Leben halt‘: Die besten Geschichten über das Leben würden uns von denen erzählt werden, die damit eigentlich nicht klar kommen, denen auch ihre Beziehungen ‚einfach so passieren‘, und deren Jobs wie komische Unfälle mit Sexspielzeug wirken.

Nichts ist an diesem Comedy-Contest so abgestanden gewesen wie die Leute, die dort auf die Bretter vorgelassen wurden und nichts ist größer als die Repräsentativität des Querschnitts den sie in dieser Zusammenstellung abgeben für die Bereiche der Kleinkunstlandschaft, die zurecht abseits stehen. Der Contest fördert so keine neuen Talente hervor, sondern immer neue Abgüsse medial bereits erprobter Vorlagen, wobei bei diesem Kopiervorgang aus Gründen fehlender Komik-Konzepte jedesmal ganze Dimensionen verloren gehen.

Jede größere Lesebühne hatte mal einen, der Wertschätzung für Heinz Erhardt dergestalt missverstehen musste, dass er mühsamst fade Imitationen zu Papier würgte.

Auch war beim Mai-Contest nichts Besonderes daran, dass das Modell des herausragend Bekloppten für integrierbar gehalten werden muss, sich letztlich der Geschmack der Ausschlag gebenden Menge aber eher nicht an das Schrullige hält. So erfüllte der einen Idioten spielende Allerwelts-Ältere mit einer Biographie gebrochener Erwerbsansätze die Rolle desjenigen, der um des Freak-Charakters willen zwar mitspielen darf, aber nur deshalb weil die Freaks vor dem Fernseher, die gerne über Freaks lachen, nicht wirklich ‚spielen‘ können, dass sie sich durchweg für die Normalen halten: nee die meinen das ernst. Zuviel Spiegel vor dem Bewusstsein das erträgt doch keiner. Der bewusst Defizitäre, der der Menge das Auslachen leicht machte, konnte mit dem Anstrich des parasitären Landstreichers mal endlich den Glamourfaktor von der Bühne verbannen, überrascht durch einen Koffer voller planungsaufwändiger Mechanik aber nur dahingehend, dass es die Rolle des Idiotischen zu Fall brachte: Der will uns verarschen, der hat das alles geplant, bis hier hin und nicht weiter funktioniert das.

Das war der neulich abends im Fernsehen gebrachte NDR-Comedy-Contest vom Mai 2012. Von allem ein bisschen aber nix wirklich.

Selten so wenig gelacht.

Verlorene Zeit.