Philosophisches Schreiben lernen

Aspekte der Lehr- und Lernpraxis philosophischen Schreibens in der Propädeutik

 

 

Grundprobleme in der Schreibkompetenz

Der lineare Verlauf eines Textes – seine Chronologie – zwingt den philosophisch Schreibenden zu einer besonderen Sorgfalt bei der Kohärenzherstellung auf der Wort-, Wortgruppen-, Satz-, Absatz- und Volltextebene. In kaum einer anderen akademischen Fachdisziplin wird das häufige und teilweise grundlegende Misslingen von Darstellungsverläufen auf formaler und inhaltlicher Ebene so augenfällig wie in Texten von Studienanfängern der Philosophie, und daher ebenso häufig von Dozierenden beklagt. Der Unmut resultiert daraus, dass es vielen Studierenden nicht gelingt, in kohärenter und verstehbarer Weise nieder zu schreiben, was sie zu sagen vorhatten. Nur wenn sie dies aber könnten, kann überhaupt beurteilbar werden, was sie philosophisch zu sagen haben. Bei wiederholt unzureichenden Schreibprodukten wird sicher bald die Option der sogenannten Abbruch-Beratung erwogen, denn ein Philosophiestudium muss an mangelnder Sprachbeherrschung scheitern können. Wenn es sich aber um ein zwar grundsätzliches aber durch Lernaufwand in gewissen Graden behebbares Problem handelt, dann lohnt ein Blick darauf, dass Philosophische Institute in ihren Propädeutik-Modulen das Schreiben thematisieren und praktizieren lassen sollten: Nicht nur als Propädeutik sondern als Daseinsvorsorge einerseits für eine Disziplin und andererseits für die Schreibpraxis vieler Köpfe, die mit oder ohne Abschluss die Gesellschaft prägen und prägen werden.

Gut und leicht schreiben ist schwer. Dabei ist Schreiben eine keinesfalls abgehobene soziale Praxis, bei der wir die Technik beherrschen müssen, dasjenige, was wir mit dem Geschriebenen bewirken wollen, auch bewirken zu können, indem wir adäquat schreiben. Die jeweilige Textsorte – und damit gemeint ist die Folie der an diese Textsorte berechtigterweise zu stellenden Erwartungen – gibt an, welcher Zweck mit dem Schreibhandeln verfolgt werden soll, und welche Kriterien dazu einzuhalten sind. Das Gute daran ist: Es gibt diese Kriterien und sie sind begreifbar und erlernbar (bis auf die Formate, deren Kriterien sich teilweise noch in Aushandlung befinden, etwa wie ein guter Blog-Artikel auszusehen hat). Damit sich dieses Wissen zu praktischen Kompetenzen des Schreibhandelns verfestigt, müssen Textproduktionswissen und Textsortenwissen um die Komponente der Selbstbeobachtung erweitert werden und in lange währender, tätiger Praxis des Schreibens mit Erfahrung angereichert werden. Die bei Studierenden oft zu konstatierende mangelhafte Disziplin wird dabei nicht in jedem Falle durch geschickte Motivation zu beseitigen sein, aber interessierte und motivierte Studierende erhalten so ein Angebot, von dem sie regen Gebrauch machen, umso mehr sie sich der Notwendigkeit souveränen Schreibhandelns im Laufe des Studiums bewusst werden.

Mit dieser Notwendigkeit sehen sie sich mindestens durch die erste Hausarbeit konfrontiert. Ein Text, der wie die universitäre Hausarbeit mit einem klar formulierbaren und auch formulierten wissenschaftlichen Anliegen versehen ist, wartet in der Regel mit einer starken Reflexivität auf: Er muss für die Realität der eigenen Darstellungschronologie angemessene Auskünfte darüber enthalten, warum er was und wie tut. Die Darstellungschronologie betrifft zunächst mehr die Makro-Struktur. Philosophischen Wert und damit Benotbarkeit als ganzes erhält ein so funktionaler Text aus seinem durch eine Leitfrage gestützten Engagement in einem Thema, das eine Fazit-ermöglichende Feldbearbeitung voranbringt.

Ergebnisse der Feldbearbeitung, die der Entscheidungsunlust vorschub leisten und Beliebiges je nach Gusto folgern lassen können, brauchen nicht durch einen langen, mit viel Aufwand gestrickten Darstellungsgang vorbereitet werden: Beliebiges folgern kann man auch aus ‚nichts‘. Für Zwischenmoderationen im Darstellungsverlauf sowie für Titel- und Teilüberschriften gilt das Prinzip der Ankündigungsehrlichkeit: Sie müssen in einer guten Reihenfolge adäquat beschreiben, was im Text oder Textabschnitt passieren wird oder worum es gehen wird. Die von mir in vielen Schreibresultaten (auch bei kompetenteren Schreibern) beobachtete Inkohärenz ist auch ein Phänomen davon, dass entweder prospektiv nichts für den Darstellungsverlauf angekündigt wird: So kann man allerdings den Fortgang des Text in alle möglichen Richtungen offenhalten und sich in Nebensächlichkeiten verlieren, oder dass Ankündigungen nicht eingelöst werden: Auch so wird ein roter Faden nicht herzustellen sein, ohne dass behauptetes und wirkliches Vorgehen eine massive Diskrepanz aufweisen.  Ein solches makrostrukturelles Vorgehen, das diese Inkohärenzen vermeiden kann, halte ich insgesamt am Beispiel des Schreibens einer (und mehrerer) Hausarbeiten im Verlauf des Studiums für durchaus erlernbar, mit anderen Worten: Man muss Studierenden zumuten und zutrauen können, diese Kompetenz in angemessener Zeit erwerben zu können, und dazu leisten Schreibwerkstätten an philosophischen Instituten meines Erachtens einen wichtigen Beitrag.

Gestaltungskriterien

Die Bemerkung, dass ein (zumal ein über sein eigenes Vorgehen aufklärender) Text (egal welcher Sorte) Kohärenz aufweisen muss um ‚gut‘ im Sinne von ‚seinem eigenen Anliegen gerecht werdend‘ ist, beinhaltet – neben den verschiedenen Ebenen von der Wortwahl-Ebene bis zum vollen Text – die drei eigentlichen Geltungsbereiche der Kohärenz: 1.) Die formale Gestaltung, das meint den Bogen von der Textgestalt bis hin zu den auf der Wortebene greifenden morphosyntaktischen Normen; 2.) Die stilistische Gestaltung, denn idealerweise sollte aus der Hand ein und desselben Schreibers ein kohärenter Stil kommen, der ohne Brüche auskommt und der nicht zu Stil-Imitationen der Quellen-Autoren neigt (denn das wäre ein schlechtes Zeichen für den ‚eigenen‘ Stil, die ‚eigene‘ Lektürearbeit); 3.) Die inhaltliche Gestaltung, das meint Sinn und Verstehbarkeit, die durch die formal korrekte, stilsicher durchgehaltene inhaltliche Aufbereitung und Verbindung von Gedanken und Aussagen bewirkt werden sollen. Dazu gehört auch das gute Zeitmanagement, zu dem ich meine Studierenden immer ermutigt habe. Das Schreiben eines Textes umfasst sowohl bei top-down-Schreibern (von Strukturplan zum Text) als auch bei bottom-up-Schreibern (vom frei experimentierenden Schreiben zum Text) Phasen von Planung, Niederschrift und Korrektur (nötigenfalls einer zweiten Korrektur).

Leseschwächen

Neben der Motivation, der Einsicht in den Zweck, dem Interesse ergibt sich bei der in der Planungsphase wichtigen Lektüre oft ein Problem: Die Wiedergabe und Darstellung von Close-Reading-Ergebnissen. Dies hat nicht zwingend mit mangelnden Reproduktionsfähigkeiten zu tun, sondern oft mit Desinteresse an grundständiger Lektüre. Wo beides in Kombination auftritt und die Ergebnisse dann aber tragende Säulen in einem Text werden sollen, entsteht mit hoher Wahrscheinlichkeit ein inkohärentes und zudem spannungsarmes Textprodukt, an dem sich aufgrund der Vielzahl von Baustellen eigentlich nicht einmal mehr zu arbeiten und zu korrigieren lohnt. Ich meine, dass daher im universitären Rahmen auch versucht werden muss, den Fokus verstärkt auf Lesekompetenz und die Fähigkeit zu legen, die Struktur und die wichtigsten Informationen gerade komplexerer Textauszüge ausfindig machen zu können.

Informationsstruktur und Grammatik

Grafik
* ‚Neuigkeitswert‘ der Information
** Informationsvergabe-Verlauf (Chronologie)

Die obige Grafik soll eines verbildlichen: ein Satz besteht im mindesten aus den Grundkomponenten Subjekt, Prädikat und Objekt, und die später im Satz gelieferte Information ist vom Informationswert höherwertiger als die vorherige. Der nächste Satz verfährt meist so, dass er die letzte Information im korrekten Bezug wieder aufgreift und spezifiziert, durch eine weitere, neuwertigere Information. Denkbar ist ein kurzes Textbeispiel wie das folgende, das aus drei unmittelbar aneinander anschließenden Sätzen besteht:

Satz 1: „Werte sind moralische, politische oder traditionelle Sollensnormen.“ Satz 2: „Sollensnormen sind geprägte, wechselseitige Erwartungen von Interaktionspartnern aneinander.“ Satz 3: „Diese Erwartungen können erfüllt oder enttäuscht werden.“ (Inspiriert durch Detlef Horster)

Die neueste Information des vorhergehenden Satzes, wird zur Basis des folgenden. Denkbar ist, dass sich der vierte Satz dann damit beschäftigt, was es heißt, zu ‚erfüllen‘ oder zu ‚enttäuschen‘, oder aber es wird ein Rückgriff auf den Grundbegriff des „Wertes“ vorgenommen. Sicher: Ein Absatz- oder Textbau, der immer nach diesem Schema verfährt, ermüdet auch, weil es kaum mehr spielerische Freiheit im Formulierungsgeschehen gibt. Das ist das eine Extrem. Das andere Extrem ist, wenn das problematische Bedürfnis, inhaltliche Schwächen durch eine experimentelle Syntax wenigstens noch zu einem gefühlt philosophischen Duktus umzuarbeiten, zu oft – auch aus Gründen des Überblicksverlustes – mit den Regelformen von Informationsvergabeanschlüssen bricht. Dann wird unklar, was sich worauf bezieht und die fehlenden oder fehlerhaften Satzüberhänge machen den Text schwer lesbar. Die Vorschrift, um zu Kohärenz und Struktur zu kommen, lautet: Zusammenhang dadurch herstellen, dass man sich selbst genau dabei zuhört, was man schon mal gesagt hat, um strukturbildend darauf zurückgreifen zu können. Nur wer im eigenen Text genügend orientiert ist, vermag dies zweifelsfrei, muss dann aber auch genügend kritischen Abstand zum eigenen Wortlaut finden, um seine eigenen Probleme überhaupt ‚sehen‘ zu können. Mein Selbstverständnis war es, die Studierenden zu einer Urteilskraft, was ein guter Text ist, zu befähigen, damit sie selbstkritisch bei eigenen Schreibprodukten diese Urteilskraft anwenden; dass sie das textanalytische Instrumentarium, das man für das Nachzeichnen von Textstruktur braucht, kennen, von dem Rezeptions- auf den Produktionsprozess wenden und es für die eigene Textproduktion fruchtbar machen können. Da Textanalyse in der Regel ein gerüttelt Maß an Lektüre voraussetzt, muss man wissen, wie es die „Großen“ machen.

Grammatik und Bedeutung

Ich habe einmal mich für das Schreiben eines Essays unter einem vorgegebenen Thema entschieden. Die Leitfrage sollte lauten „Soll es eine Menschheit geben?“  Positiv war, den Zeitpunkt für diese Schreibaufgabe sehr weit nach vorne in die Sitzungszeit zu verlagern, denn die Erfahrung sagt, dass gegen Ende des Semesters gerne mal die eine oder andere Sitzungsteilnahme anderen Prioritäten Platz machen muss, und dass aber derjenige, der schonmal eine größere Schreibleistung erbracht hat, allein deswegen, weil er dieses Investment gerechtfertigt sehen will, bis zum Schluss am Ball bleibt. Daher habe ich nahezu von allen Studierenden, die der ersten Sitzung beigewohnt haben, einen Essay erhalten. Auf den ersten Blick möchte man sagen, die Ergebnisse sind so disparat wie die unterschiedlichen Typen von Schreibern. Die Frage ist auch nicht ganz leicht oder eindeutig zu beantworten, das war zumindest der Plan. Denn auf den zweiten Blick liegen die Ergebnisse inhaltlich gar nicht so weit auseinander. Worum es mir ging, war, eine Vergleichbarkeit von Ergebnissen herzustellen, indem das Thema dasselbe bleibt. Aus früheren Lektüren von Hausarbeiten einiger Studienkollegen ist mir im Gedächtnis geblieben, wie sehr das Reden über Themen, die die „Menschheit“ oder „den Menschen“ betreffen, dazu geeignet sind, zu misslingenden Anschlüssen zu verleiten, und inhaltlich zu übers Ziel hinausschießenden Spekulationen. Diese Maschinerie wollte ich bewusst anfeuern, um zu gucken, inwieweit die Studierenden über Techniken verfügen, das was zum Überschwang neigt, auf niedriger Flamme zu köcheln.
Ich sagte schon, dass ein Text nur gut/gut lesbar ist, wenn er kohärent ist. Diese wird auch durch Verbindungswörter (oder ‚Konnektoren‘, wie ich sie auch nenne) gewährleistet. Gängigerweise sind das Konjunktionen (und, oder, sodass, obwohl, indem, sobald), Präpositionen (oft mit Pronomen o.a.: anhand, anstatt, infolge, zufolge) und Pronomen (Relativpronomen: der, die, das; Deiktische Pronomen: dieser, jener; Personalpronomen: er, sie, es + impersonales ‚es‘; Possessivpronomen: dessen, deren usw). Umso klarer man benennen will, warum nicht wenige der Essays zu dem vorgegebenen Thema zu vorhersehbaren Ungenauigkeiten  führten, die viele ihrer zentralen Aussagen unverständlich werden ließen, umso mehr muss man sich den Zusammenhang von Grammatik und Bedeutung vor Augen führen.

Die Begriffe, auf die alle Aussagen zu „Soll es eine Menschheit geben“ bezogen wurden, waren in allen Essays die in der folgenden Tabelle stehenden Begriffe I-IV. Keiner ist das Thema wirklich sprachanalytisch angegangen und hat zum Beispiel „die Menschheit“ auseinandergenommen oder abgeklopft ob das „eine“ vielmehr numerisch als indefinit zu verstehen sei, und wenn nicht, welche Konsequenzen dies haben könne. Im Wesentlichen kreisten die Ergebnisse um das, was Karim Akerma „Anthropodizée“ nennen würde, nämlich die Frage, inwiefern das von Menschen geschaffene Leid auf der Welt mit dem Fortbestehenkönnen der Menschheit zu vereinbaren ist. Die vier Wortgruppen „der Mensch“, „ein Mensch“, „die Menschen“ und „die Menschheit“ haben klar benennbare grammatische Numeri. Werden aber von schwächeren Schreibern in manchmal völlig frei fluktuierenden möglichen semantischen Numeri verwendet, die zu größeren Unschärfen führen.

Artikel Abstraktum grammatischer Numerus mögl. semantische Numeri:

I der Mensch Singular Singular/Plural
II ein Mensch Singular Singular
III die Menschen Plural Plural
IV die Menschheit  Singular Singular/Plural

 

Bezugsprobleme entstehen, wenn die begriffliche Unterscheidung zwischen I bis IV nicht konsistent ist, sie quasi-synonym verwendet werden, ohne dass die Bezugnahme mittels Konnektoren sich an den korrekten grammatischen Numerus oder die semantisch mögliche relative Numeralität des Numerus anlehnen kann. Redet jemand von dem Konzept, das sich hinter „die Menschheit“ verbirgt – nämlich der Einheit von Vielen, die als Einheit aber eben nicht mehr plural gedacht werden kann – so liest man in schlechteren Hausarbeiten sich durch ganze Textabschnitte ziehende Kohärenzfehler folgender Art:

[A] „Der Menschheit geht es nicht so wie anderen Kollektiven von Lebewesen: Sie können sich nicht einfach auf ihre Instinkte verlassen.“

 

Der Fehler in Beispiel [A] liegt darin, dass der Numerus  von „können“ nicht an den grammatischen Numerus Singular von „Menschheit“ anschließt. Das Ergebnis ist, dass der Rückbezug, der durch das Personalpronomen „Sie“ angezeigt wird, sich eigentlich nur auf den Plural der „Kollektive von Lebewesen“ beziehen kann, wobei dann behauptet würde, diese nicht-menschlichen Lebewesen könnten sich nicht auf ihre Instinkte verlassen. Gerade dies wollte der Schreiber aber eben nicht behaupten, sondern (und das ist peinlich): Das Gegenteil.

Ausblick

Die hier besprochenen Aspekte sind sozusagen ‚typisch‘, sind treten als Spezifitäten der „Nicht umfänglichen Beherrschung von Hochsprache“ ziemlich häufig auf, und die Tatsache, dass sie Missverständlichkeit befördern, wird gerade im akademischen Bereich auffällig und problematisch. Wenn sich die mangelhaften Schreibstandards dauerhaft konstatieren lassen, muss man darauf hinweisen, dass die höheren Schulen wohl keine Möglichkeit haben, die Kompetenzbereiche im aktiven und passiven Sprachgebrauch mit sprachbasierten und Sprache transportierenden Medien aller Art adäquat – also auf akademische Aufgabenfelder vorbereitend – zu schulen. Ein Studium der Geisteswissenschaften dann noch gut zu bewerkstelligen, setzt somit immer noch ein individuelles Begabungs-Plus, Leistungsbereitschaft und -fähigkeit sowie Interesse am Umgang mit komplexeren Versprachlichungen voraus. Dass dieser Voraussetzungsreichtum ein Universitätsstudium für die meisten, die es anstreben, nicht unmöglich macht, widerspricht der Akzentuierung des individuellen Begabungsgedankens als „Elite-Argument“, denn nach wie vor gilt: erfolgreich studieren durch gutes Schreiben ist keine Hexerei. Lediglich gute und sichere Sprachbeherrschung ‚allein‘ auf Basis allgemein-schulischer Vorbereitung ist heute so unglaublich unwahrscheinlich geworden, dass Universitäten gut daran tun, ihre Studenten an ihre eigene Sprache zu gewöhnen, ohne sie zu Wiederkäuern zu erziehen.

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Formfehler der Kritik an der „Israelkritik“

Ich beobachte seit einiger Zeit, mit welcher Verspanntheit viele Diskutierende – die sich oftmals selber politisch eher links mit starker pazifistischer Komponente verorten – ihre Solidarität mit Israel zu Felde führen. Die Verspanntheit beginnt oft schon dort ihr unschönes Gesicht zu zeigen, wo man demjenigen, der dies als Verspanntheit benennt, Antisemitismus unterstellt. Das ist äußerst unangenehm. Da ich nicht vorhabe, Israel wirklich zu kritisieren, sondern die Kritik vieler ich sag mal vorsichtig ‚Linker‘ an der „Israelkritik“, beanspruche ich eine Metaebene, die inhaltliche Gretchenfragen des Typs „Wie hältst du es mit Israel?“ überhaupt nicht hergeben. Wenn ich über Formfehler der Kritik rede, rede ich über die verpassten Chancen vieler Kritik-Kritiker, die mit ihrer Art blindwütiger Debattenführung so etwas wie einen Prozess der Abwägung guter Argumente gar nicht mehr zulassen wollen. Das stört mich nicht deshalb weil ich Israel hassen würde (ich halte es im Gegenteil ganz selbstverständlich für ein souveränes Völkerrechtssubjekt), sondern weil mich die methodische Unredlichkeit und Pauschalität vieler blindwütiger Debatten intellektuell unbefriedigt zurücklässt.

Dieser Text beschäftigt sich notgedrungen nicht vordergründig mit der durchaus relevanten Frage „Wie weiter mit Israel?“ (zumal diese Frage hoheitlich nur durch Israel selbst entschieden werden kann), sondern mit der weniger relevanten Frage, die sich nur in bestimmten Kreisen aufzudrängen scheint: „Wie weiter mit denen, die unwidersprochen kritisch über israelische Außenpolitik reden?“ Wenn jemand sagt, diese Bereiche seien so nicht zu trennen wie ich das wolle, dann sage ich: doch, denn das eine ist ein Reden über einen Staat, und das andere ist das Reden über das Reden über einen Staat. Das Reden bezieht sich jeweils auf unterschiedliche Existenzebenen: Staaten ‚sind‘ etwas anderes als Worte oder Gedanken, weil sie auf andere Weise ‚sind‘. Staaten sind auch etwas anderes als ein Kuchen oder eine Handtasche. Der erste mögliche Formfehler der ‚Kritik an der ‚Israelkritik‘‘ wäre wohl, dass diese Ebenen dabei oft nicht genügend auseinandergehalten werden. 

Wer über etwas redet, der beschreibt es, oder deutet es, oder analysiert, wertet, beurteilt. Dass man über Israel besonders reden müsse, kann ich akzeptieren. Dass die historischen Gründe aber ein kritikfreies Reden nahelegen sollen, nicht. Wenn Israel ein Marionetten-Staat wäre, der keine innen- oder außenpolitische Bewegung eigeständig durchführen kann, bräuchte man die Kritik nicht an Israel adressieren. Der zweite Formfehler ist, über das wechselnd intensiv implizite Kritikvermeidungsgebot und der Nicht-Adressierung von Kritik, den Staat entweder als heteronom und unsouverän auszugeben, oder ihm zuzugestehen, dass er uneingeschränkt alles richtig macht und sich Kritik daher eh verbiete. Doch welcher Staat ist schon so heilig, dass er alles richtig macht?

Unbestritten gibt es im offiziellen politischen Israel stramme, militaristische Denkzirkel. Seit wann israelischer Militarismus nun ein „guter“ und „erhabener“ Militarismus ist, das sollen mir gerade Pazifisten mal grundsätzlich erklären, gerade wenn sie das Engagement für einen zum Teil auch proaktiv militärisch agierenden Staat mit ihrem Pazifismus vereinbaren wollen, aber eben auch nur in diesem Fall Abstand vom Pazifismus dulden. Selektiver Pazifismus ist keiner. Das nicht zu sehen, ist auch ein Formfehler.

Der nächste Formfehler, der gerade passiert, aber etwas verständlicher ist, hat mit der zu recht wütenden Reaktion auf die unsäglichen antisemitischen Proteste zu tun, die es in Europa seit Aufflammen des Gaza-Konflikts gibt. Das Furchtbare daran ist, dass jüdische Mitbürger und ihre Religion in Haftung genommen werden für eine aggressive Kritik an der Außenpolitik Israels. Ich kann das auch nicht dulden, aber ich kanns auch nur deshalb nicht dulden, weil ich einen Formfehler nicht begehe: die Gleichsetzung von ‚Jüdischsein‘ und im Vollsinne des Wortes ‚politische Verantwortung für Israel zu tragen‘. Diesen Fehler – diese Gleichsetzung zu proklamieren – machen radikale Israelgegner genauso häufig wie radikale Gegner von radikalen Israelgegnern. Ich weiß, dass es die Gründung des Staates motivierte, den vertriebenen Juden eine Heimat zu geben, und trotzdem ist es so, dass dazwischen eine Trennung vorgenommen werden müsste. Denn wenn man immer noch den Gründungsmythos von der „Zufluchtsstätte“ für aktueller denn je hält, gibt man all den rassistischen Antisemiten auf diesem Planeten Argumente dafür in die Hand, warum alle jüdischen Mitbürger nach Israel gehen sollten. Man muss aber als jüdischer Mitbürger in Buenos Aires oder in Hamburg das Recht haben, mit der israelischen Außenpolitik aufs schärfste unzufrieden sein zu können, oder sich eben dort niemals heimisch fühlen zu wollen. Wir hier außerhalb Israels müssen tolerante Gesellschaften sein, damit keiner verfolgt wird und keiner eine Zufluchtsoption braucht.

Der vierte Formfehler ist der unreflektierte Glaube an den Exempelcharakter: Es gibt Menschen auf diesem Planeten, die aus dem Umgang der Weltgemeinschaft mit Israel paradigmatisch ein Urteil über die Humanität der ganzen Welt ableiten wollen. Dass die Weltgemeinschaft im Nachbarland Syrien bisher den Tod von ca. 160000 Menschen hingenommen hat, gibt so schon genug Auskunft über die salonfähige Inhumanität, sodass das Suchen nach paradigmatischen Fällen durchaus im Nahen Osten Erfolg verspricht, aber vielleicht nicht gerade da, wo relativer innenpolitischer Friede und Prosperität herrschen. Der Formfehler, wenn man das aktuelle Israel zu sehr als Präzedenzfall des globalen Humanismus wertet, ist, dass die Außenpolitik überwertig betont und die innere Stabilität und alles, was in der israelischen Gesellschaft besser und humaner läuft als bei seinen Nachbarn, als Argument ausgeblendet wird. Damit besteht man aber auf eine „Unvergleichlichkeit“ von Nationalstaaten, was aber heißt, dass man Paradigmen ausruft, die gar keinen Vergleich befürchten müssen und auch gar nicht durch Vergleiche ihren Exempelcharakter gewinnen können. Dadurch verkommt das Präzedenzhafte zur bloßen Setzung, die nicht kritisiert werden darf.

Damit muss die Rede auch auf folgenden Formfehler kommen: Viele „Linke“ halten Nationalstaaten generell für faschistisches Teufelszeug und willkürlichen, grenzzieherischen Fanatismus. Wenn ihnen wirklich an politischer Stabilität im Nahen Osten gelegen ist, müssten sie aber bald konzedieren, dass die Zwei-Staaten-Lösung, der zugetraut wird, langfristig für Frieden zu sorgen, genauso ein Bestehen auf festen, nationalstaatlichen Grenzen zwischen eigentlich verfeindeten Nachbarn ist. Dazu gehört, dass man den palästinensischen Autonomiegebieten das Staat-werden zugesteht. Da nationalstaatliche Grenzen nach identitärem Vokabular eine Manifestierung der Freund-Feind-Relation sind, muss man die Kröte eines konsensualen und friedenstiftenden Umgrenzen schlucken. Jedenfalls gehört es dazu, konsistent zu reden: Und nicht die Zwei-Staaten-Lösung zu akzeptieren, aber andererseits Nationalstaaten zu verteufeln. Nichts wäre ein größerer Formfehler als inkonsistentes Reden.

Sehen Sie, ich habe bisher mit keinem Wort irgendetwas Negatives weder über Israel noch über Palästina gesagt, sondern nur Negatives über Argumente und Motivationslagen von Argumenten von Leuten. Wer mich jetzt schon beschimpfen will, der darf das gerne tun, ist nur leider oberflächlich. Einer der Formfehler der Kritik an der „Israelkritik“ ist oft, dass Argumente gegen die Person, die gar nicht die israelische Außenpolitik sondern das Kritikvermeidungsgebot kritisiert, gebracht werden, die aber keine Argumente sondern Unterstellungen sind.

Ich stehe voll zu der historischen Schuld. Die darf aber nicht bedeuten, Israel durch Kritiklosigkeit auf entmündigende Weise zu protegieren. Sondern sie bedeutet, das Existenzrecht Israels so selbstverständlich anzuerkennen, dass Israel souveräne und eigenverantwortliche, demokratisch legitimierte Politik zugestanden wird, die daran gemessen werden muss, das Beste für die meisten israelischen Bürger zu bewirken. Deeskalative und friedenschaffende Außenpolitik gehört dazu. Der Nah-Ost-Konflikt ist sicher nicht leicht aufzudröseln. Unvermittelte Raketenangriffe aus Gaza auf Städte wie Ashdod sind sicher überflüssige Provokationen, keine Frage. Präventive Terroranschläge auf iranische Atomwissenschaftler sind aber ebenfalls Provokationen. Einer der Formfehler ist auch, solche Aktionen und Reaktionen nicht ins Verhältnis setzen zu wollen, und jemandem, der das tut, ein fatal ahistorisches Bewusstsein zu unterstellen. Wer das historische Bewusstsein missbraucht, um durch es die Wahl so ziemlich jeder Mittel zu rechtfertigen, der sollte ein Problem mit seinen Selbstwidersprüchen bekommen.

Ein letztes inhaltliches Zugeständnis: Sicher ist es so, mit vielen ihrer waffenliefernden arabischen Freunde sind die Palästinenser schlecht beraten, und man darf  auch nicht vergessen, dass Israel unter stärkeren innenpolitischen Konflikten damals den Gazastreifen geräumt und die restlichen israelischen Bürger teilweise hat raustragen lassen wie kriminelle. Die erdrückende humanitäre Lage im heutigen Gazastreifen lässt den Palästinensern aber nicht viel Spielraum. Was aber nicht heißt, dass ihr Spielraum nur noch das Abfeuern von Raketen zulässt. Die Palästinenser haben bessere Partner verdient als solche, die sie nur mit Waffen versorgen. Die Israelis wären gut beraten, nicht alles, was „Aktion“ ist als bloße „Reaktion“ auszugeben und soviel an vermeidbarer Provokation wie geht zu vermeiden und sich an internationales Recht zu halten. Bestimmte Bedrohungslagen machen selbst stabile Gesellschaften anfällig für ein scharfes Freund-Feind-Denken. Auch die israelische Gesellschaft ist nicht per se erhaben und nicht weniger plural und chaotisch als alle anderen westlichen Demokratien. Das zu übersehen ist ebenfalls ein Fehler.

 

Das Tier ‚in‘ mir

Über Ethische Probleme des Fleischkonsums und der Tierhaltung

 

Wussten Sie, dass selbst Veganer und Frutarier Teile ihrer eigenen Magenschleimhaut verdauen? Wenn es stimmt, dass Sie unter dieser Maßgabe noch Veganer oder Frutarier heißen dürfen, dann muss man das Wort „Konsum“ in Bedeutung des Essens in zwei Teile splitten: Das was wir essen, und das, was wir verdauen. Auch menschliche Körper leben nicht von dem, was sie essen, sondern von dem, was sie verdauen. Wenn ein Mensch Tiere isst, hat er Tier in sich. Wenn ein Tier in der Darreichungsform Wurst verzehrt wird, ist es Tier im eigenen Darm, das der Mensch in sich hat. Er hat dann Tier, das in sich ist, in sich. Das ist aber nicht reflexiv zu verstehen, denn da das Tier vom Menschen verschieden ist, hat der Mensch nicht sich selbst in sich, sondern etwas anderes in sich, das für sich in sich ist. Tiere sind keine Menschen, nicht mal dann, wenn sie für Menschen und durch Menschen und zum Spaß des Menschen leben…

Darf man Tiere in sich haben? Die Frage müsste lauten: Dürfen Menschen Tiere essen? Die Antwort lautet: Ja, sie dürfen. Generell ja, aber nicht uneingeschränkt. Allerdings: Nur dem Menschen stellt sich diese Frage, Tieren nicht. Menschen KÖNNEN daher auch zu einer anderen Einschätzung kommen, ob es wirklich so sicher ist, dass sie, die Menschen, Tiere in sich haben dürfen. Die Antwort lautet also auch: Nein, dürfen sie nicht.

Aber: Tiere landen nicht nur auf den Tellern von Menschen, sondern auch auf denen anderer Tiere – wenn Tiere Teller hätten. Wenn ein Tier Tiere isst, hat es Tier in sich. Der Mensch hat das tierische Leid nicht erfunden, sondern für seine Zwecke (oder die der Industrie) nur perfektioniert und zu einer serienmäßigen Zumutung gemacht – und er kann es auch nicht generell abschaffen, sondern nur das menschengemachte. Tierisches Leid ‘muss’ aber auf unserem Planeten solange existieren, wie es Ökosysteme mit funktionierenden Räuber-Beute-Beziehungen gibt. Wollen Sie einem Löwen in der Savanne seinen Fleisch-Hunger austreiben und ihn zum Vegetarier machen, nur weil SIE (Warum gucke ich Sie dabei an?) in utilitaristischer Hinsicht der Meinung sind, die globale tierische Lustsumme sei als Ausgangspunkt einer Tier-ethischen Reflexion geeignet? Nur für Menschen ‚kann‘ es ein ethisches Problem werden, Tier in sich zu haben. Unter den Bedingungen industrieller Massentierhaltung IST das Essen von Tieren ein moralisches Problem. Anders wenn ein Tier einen Menschen isst: kein moralisches Problem, denn das Tier kann sich diese Frage nicht stellen, auch nicht wenn es andere Tiere isst. Es kann also kein Problem mit der ‘generellen’ Frage, ob ‚Lebewesen‘ gegessen werden dürfen, geben, denn: Lebewesen wurden von anderen Lebewesen immer schon gegessen, und zwar immer dort, wo Ökosysteme funktionieren. Da ich beschreibe und nicht urteile, dass es deswegen auch so sein soll, begehe ich hier keinen naturalistischen Fehlschluss. (Wer doch einen findet, darf ihn behalten.) Es gibt entlang von Räuber-Beute-Beziehungen Populationsgleichgewichte, die sich eigendynamisch austarieren. Übrig bliebe die Frage: Unter welchen Bedingungen dürfen Menschen Tiere in sich haben, abgesehen von den Bakterien, die eine natürliche Darmflora ausmachen und die jeder automatisch in sich hat?

Unsere Praxis der Tierhaltung erübrigt nicht die Frage, ob nicht unter der Maßgabe einer anderen tiergemäßen Haltungspraxis das Essen von Tieren unbedenklich sein könnte. Ja: könnte es. Es kann menschliche Notlagen geben, Mangel an bestimmten Stoffen, die den Rückgriff auf Ernährung mit tierischen Produkten nötig werden lassen. Aber:

Nicht nur Essen: auch Stoffe, Leder zum Beispiel: Ein Vegetarier der solche Produkte wertschätzt, kalkuliert nicht auf andere Weise mit tierischem Leid als jemand, der sie isst. Das ethische Problem ist daher keins nur für Fleischesser, sondern auch Vegetarier, für alle Menschen: Dürfen Menschen zur Gewinnung tierischer Rohstoffe Tieren eine Haltungsform zumuten, die mit deren vermeidbarem Leid kalkuliert? (Diese Frage wirkt ungleich bürokratischer, und zwar weil sie präziser ist.)

Nein, weil…. oder Ja, weil… Jemand, der ein Haustier hat, geht nicht davon aus, dass dessen Haltung in einer Stadtwohnung eine nicht artgerechte Haltung ist. ‚Nicht-artgerecht‘ identifizieren wir aber oft mit der Quelle ‘tierischen Leids’ generell. Da beginnt die Schizophrenie, Haustiere de dicto (also dem Wort gemäß) als Tiere zu bezeichnen, de re (der Sache nach) als Menschen zu behandeln ist schizophren. Ja natürlich macht das tierethische Reflexionen tendenziell unmöglich, wenn Reden und Handeln so auseinanderklaffen.

Sie werden wahrscheinlich auch unter Nicht-Vegetariern die Ansicht “Nein, wir dürfen nicht zur Gewinnung tierischer Rohstoffe eine Haltungsform praktizieren, die mit tierischem Leid kalkuliert” finden. Sie werden von Haustierhaltern vielleicht hören, dass sie nichts furchtbarer finden als Tierquälerei – und man solle ihnen das deshalb glauben, weil sie ihre Haustiere lieben. Keine Frage: Wer sein Tier liebt, tut ihm nichts. Wer sein Tier liebt, muss es allerdings auch füttern. Seinen Hund zum Beispiel mit Fleisch, oder mit Wurst. Daraus ergibt sich folgendes Problem:

Nicht nur ob WIR Menschen Tiere zu Nahrungszwecken töten, sondern ob wir nicht im Sinne der artgerechten Ernährung derjenigen Tiere, die wir ALS HAUSTIERE in Abhängigkeit zu uns halten, VERPFLICHTET sein könnten, andere Tiere zu Nahrungszwecken zu töten, müsste als ethisches Problem wahrgenommen werden. Wir haben Verantwortung für unsere Hunde, sobald wir sie aus natürlichen Ökosystemen lösen (so sie darin je waren), sie in unsere Kulturhöhlen zwischen Schrankwänden einsperren und sie dann ernähren müssen. Das könnte allerdings heißen, dass unsere ‘Tierliebe’, z.b. gegenüber Haushunden es gerechtfertigt erscheinen lassen muss, andere Tiere für Bello töten zu ‘müssen’. Das Resultat wäre, dass das Tier ‘Hund’ ein vorrangiges Lebensrecht vor Tieren hätte. Wenn wir mit dem ‘Tierliebe’-Argument das Töten von Tieren durch Menschen in Frage stellen, müssten wir dann – trotz Tierliebe – unsere fleischfressenden Haustiere abschaffen, da es nicht artgerechte Haltung wäre, Hunde zu Vegetariern umzuerziehen. Es sei denn, wir halten Hunde nicht mehr für Tiere sondern vermenschlichen sie, dann können wir von ihnen etwas verlangen, das im Kontext unserer Verhaltensentscheidung z.B. für den Vegetarismus eine eigentlich rein menschliche Selbstentwurfsfähigkeit meint. Der Hund ‘entscheidet’ sich nicht für Vegetarismus sondern wir uns an seiner Stelle für ihn. Das Kulturwesen ‘Hund’ dann aber noch in die Argumentationskette der ‘Liebe zur Kreatur’ einzubeziehen ist so unsinnig wie ein Drei-zu-Null für Düsseldorf.

WIR Menschen können unsere Nahrungsgewohnheiten selber ‘umstellen’, und wir tun das im Falle des Fleischverzichtes auf Basis einer moralischen Überlegung. Es reicht nicht, mit dem moralisch präjudizierten Tierliebe-Argument den Fleischkonsum zu stoppen, sondern man sollte dann auch aufhören, fleischfressende Haustiere zu halten, da man von wirklichen Tieren nicht verlangen kann, solche Entscheidungen über ihre Versorgung auszuhalten, die gegen ihre artgerechte Ernährung stehen. Entweder Tierliebe für ALLE Tiere, auch solche, die zu Wurst werden, oder für keines.

Menschen ‚können‘ lediglich Tier in sich haben, fleischfressende Tiere ‚müssen‘ es. Tierisches Leid wird daher immer existent sein, solange es Ökosysteme mit funktionierenden Räuber-Beute-Beziehungen gibt, und im Sinne des Umweltschutzes wollen die meisten Gutmenschen unter uns, dass diese Ökosysteme gesund bleiben: Also das Leid des Beutetiers oder das Leid des erfolglosen Räubers existent bleibt.

Sagen Sie daher niemals: Das Ziel einer praktikablen Tier-Ethik sei eine Welt ohne tierisches Leid und ohne Fleischkonsum. Das ist definitiv Blödsinn. Respektieren Sie ihr fleischfressendes Haustier. Wenn Sie ihm aus menschlich-einsichtigen Gründen kein Fleisch geben können, geben Sie verdammt nochmal das Haustier weg. Und respektieren Sie ihre eigene Freiheit zur Wahl eines anderen Verhaltens. Das ist konsequent. Die Dinge liegen tiefer. Benutzen sie das Tierschutzargument nicht wie einen Ausweis ihres Gutmenschentums. „Die guten Leute sollen das Maul halten. Sollen sie gut sein zu ihren Kindern, auch fremden, zu ihren Katzen, auch fremden; sollen sie aufhören zu reden von einem Gutsein, zu dessen Unmöglichkeit sie beitragen“, sagte Uwe Johnson in  „Über eine Haltung des Protestierens.“ Und als Exkulpation am Schluss: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Mettbrötchen.

 

 

 

(d.i.: Mein Beitrag in der Finalrunde des Philosophie-Slams „Schlag den Platon“ am 24.5.2014, bei der 2. PhilCologne (Internationales Philosophie-Festival) in Köln.)

Deutsche Koalitionspolitik 2013 : Ein Vorschlag

Auf keinen Fall sollte die SPD in eine große Koalition einstimmen. Nach dem Ende von Rot-Grün verlor die SPD Stimmen bei der Bundestagswahl 2005. In Zeiten der Finanzkrise hatte die SPD im Laufe der großen Koalition 2005/09 weiter an Zustimmung verloren, die schleichenden Erfolge der schmerzhaften Agenda2010 konnte sich die Union zuschreiben. 2009 waren die Wähler müde vom Bündnis der großen Volksparteien. Wer weiter die Unions-Kanzlerin wollte aber eine Große Koalition verhindern wollte, wählte 2009 die FDP. Über 14 Prozent hätte die aus eigener Kraft niemals erreicht. Dieses Kalkül zu wiederholen scheiterte 2013 gottseidank erfolgreich, weil es zu plump an den Wähler herangetragen wurde. Wir möchten aber gerne selbst entscheiden, wenns geht, bitte. Danke. Die meisten Wähler wünschen sich nun wieder die Schwarz-Rote Zweck-Ehe. Aber, liebe SPD: Tu dir das nicht an. Sicher, harte Sachpolitik kannst du auch unter diesen Umständen machen, das wissen wir. Die Wähler kriegen dann zum Beispiel eine solide Finanzpolitik. Aber: Was an Erfolg für Deutschland bei rumkommt, sind SPD-Programmatiken, für die sich eine inhaltsarme CDU-Kanzlerin belohnen lassen darf. Wenn ihr nur einen Funken Anstand im Leib habt und auf zukünftige Prozente spekuliert, die euer Wählerpotential endlich mal realistisch abbilden, dann haltet euch fern von der Wiederauflage dieses Bündnisses. Es gibt in Deutschland eine linke Wählermehrheit. Stoßt dieser nicht unnötig vor den Kopf zugunsten von Frau Merkel.   

 

Treibt Merkel vor euch her, ihr Sozialdemokraten, Linken und Grünen. Zwingt sie zu einer Minderheitsregierung. Sicher: Sie möchte Stabilität. Am liebsten einmal eine Koalition aushandeln und dann vier Jahre lang zwangsregieren auch gegen die Bedenkenträger aus den eigenen Reihen. Wahrscheinlich wird sich Merkel ohnehin in zwei Jahren aus dem Kanzleramt verabschieden, die Restregentschaft dem bayrischen Ministerpräsidenten überlassen. Das wird uns schon noch schmerzlich bewusst werden. Aber: Eine so große Fraktion wie die der Union braucht keine andere große Partei, wenn ihr nur ein paar Stimmen fehlen. Was wäre denn so ungewöhnlich daran, wenn Merkel auch nur einziges weiteres Mal über ihren Schatten springen muss? Warum nicht das Kabinett parteiübergreifend besetzen? Ein SPD-Mann ins Finanzministerium? Ein Grüner für Landwirtschaft und Verbraucherschutz? Dann gäbe es im Bundestag wechselnde und flexible Mehrheiten zu verschiedenen Themen, die Stimmen kämen dann jeweils aus der Union und themenspezifisch zusätzlich aus den Fraktionen, deren Mitglied als Minister den jeweiligen Gesetzentwurf verantwortet. Sicher: Nicht dass die Grünen nicht für ein Verbraucherschutzprogramm stimmen würden wenn ein Grüner Minister im Merkel-Kabinett dieses eingereicht hätte, wäre das Problem, sondern dass Grüner Verbraucherschutz es kräftig mit den Parteiprogrammen von CDU und CSU zu tun bekommen würde. Sicher: Arbeitsmarktpolitische Entscheidungen wie wenn ein SPD-Arbeitsminister im Merkel-Kabinett einen flächendeckenden Mindestlohn einbringt hätten im Deutschen Bundestag eine Mehrheit, aber nicht bei dem Personal, das weiterhin den Grundstock dieses Kabinettes bilden würde. Wer möchte Merkel denn im Sinne einer Politik mit flexiblen Mehrheiten zumuten, ständig Streitschlichterin in den eigenen Reihen spielen zu müssen? Aber diese Idee überhaupt zu wagen, würde etwas von Merkel fordern, das sie nicht mehr zu leisten vermag: Eine Flexibilität in der Mehrheitsfindung, eine programmatische Öffnung ihrer Partei, ein offizielles und nicht bloß reaktionäres (Wehrdienst, Atomenergie) Überdenken der politischen Leitlinien der Union. Und ich möchte sie gerne dabei beobachten, sehen, wie sie daran scheitert. Überfällig wäre es. Vom Thron herab Koalitionsbildungen befehlen funktioniert in einer Demokratie gottseidank jedenfalls nicht.

 

Liebe Grünen, tut euch den Gefallen und macht nicht den generellen Mehrheitsbeschaffer für die Union. Lasst euch nicht von Horst Seehofer demütigen, erspart Merkel nicht, auch nur einmal diplomatisches Geschick und Kreativität an den Tag legen zu müssen. Ihr wisst, wie schlecht euch die Zusammenarbeit mit der CDU in Hamburg nach 2008 getan hat. Hamburg ist durch diesen ‚Schock‘ zu einer echten Hochburg der SPD geworden: eine Alleinregierung im Senat und fast nur SPD-Direktmandate für den neuen Bundestag. Liebe Grünen, tut euch auch den Gefallen und glaubt nicht, dass die Verluste bei der Bundestagswahl auch nur irgendetwas mit dem Veggie-Day zu tun haben. Populisten wollen das gerne so umschreiben, um sich dafür zu rächen, dass es jahrzehntelang in der medialen Berichterstattung mehr als bei jeder anderen Partei auch Spaß gemacht hatte, Mitglied der Grünen zu sein. Nun – so unterstellt man euch – wo ihr im Mainstream angelangt seid und es euch endlich leisten könnt, hochwertiges Qualitäts-Bio einzukaufen, wollt ihr alles verbieten. Ist natürlich quatsch. Wissen wir. Quatsch ist auch, eine PKW-Maut für EU-Ausländer zu fordern. Wenn einige in der CSU das für forderbar halten und rechtliche Möglichkeiten dafür sehen, dann glauben die bestimmt auch, dass ihr uns Bürgern ernsthaft was vorschreiben könnt oder wollt. Aber: Euer programmtischer Abstand zur Bundes-CDU ist zu groß, ihr könnt nicht mit denen koalieren, ihr könnt die schon gar nicht im Alltagsbetrieb auf der Regierungsbank umerziehen. Das ist schade, aber überlegt andernfalls mal realistisch, wo ihr 2017 eure dann arbeitslosen Parlamentsmitarbeiter unterbringen wollt. Die FDP wird in den Augen der Bürger im Parlament nicht mehr gebraucht, weil sie ihre alten Kernkompetenzen (Freiheitsrechte) gerade in Zeiten von NSA-Überwachung nicht zur Geltung bringen konnte und die restliche Zeit mit unsinnigen Gesundheitsreförmchen (Bahr), mit dem Verpennen eines vernünftigen Urheberschutzes (Leutheusser-Schnarrenberger) oder dem Steuer-Befreien von Hoteliers oder dem steuer-befreiten Einführen von Teppichen (Niebel, nach Deutschland; leider nicht bei ihm) verbracht hat. Wer da noch glaubt, die hätten „vieles auf den Weg gebracht“ dem sei geraten es so zu formulieren: Die haben vieles um die Ecke gebracht. Also, liebe Grünen: Das Schicksal der FDP wird auch eures sein, wenn ihr eins nicht schafft: Eure Kernkompetenzen, für die ihr auch dann noch als das „Original“ steht, wenn euch andere so manches Thema halbherzig klauen, unterzubringen. Energiewende und Atomenergie endgültig beenden, nachhaltiges Wirtschaften in Kreislaufwirtschaft, ökologischer Landbau, gute Bildungspolitik, Kulturpolitik mit mehr Spielraum für die Kreativwirtschaft, Zuwanderungsthemen und so weiter. Grüne können auch Industriepolitik. Aber nicht unter einer Kanzlerin Merkel.

 

Liebe Linke, nicht mehr die selbe Luft wie die FDP zu atmen, ist für euch sicher hoch erfreulich. Aber mal ehrlich: Schaltet mal nen Gang zurück. Demokratie – weiß nicht, ob ihr da schon so wirklich und richtig drin angekommen seid – ist immer Verhandlungssache. Demokratie heißt: Unterschiedliche Wähler beauftragen unterschiedliche Parteien, ihre Interessen wahrzunehmen, was rauskommt, kann keine Klientelpolitik für nur eine der unterschiedlichen Interessen sondern muss im Sinne der Mehrheit sein. Wenn ihr ein ernst zu nehmender Player sein wollt, müsst ihr auch Teile eurer Forderungen zur politischen Verhandlungsmasse werden lassen. Das heißt nicht, dass primär ihr und eure Wähler zurückstecken müsst, nein das müssen die Wähler aller Parteien in bestimmten Forderungen, am meisten sogar die Wähler der Parteien, die aufgrund der 5-%-Hürde gar nicht erst reingekommen sind. Eure Wähler habens da besser, weil sie euch da haben, wo ihr was für sie bewegen könnt, aber nur dann, wenn ihr nicht auf Durchzug schaltet. Also, liebe Linken, wenn ihr die linke Wählermehrheit respektiert und wollt, dass die damit gemeinten drei Parteien sich einig werden (irgendwo in der Mitte, unter Abstrichen, sicher), dann müssen – prinzipiell – Teile eurer Forderungen auch verhandelbar sein. Andernfalls landet ihr vielleicht doch mit den Grünen zusammen auf der Oppositionsbank, zusammen habt ihr dann nur ein Fünftel der Parlamentssitze, das reicht nicht mal, um als Opposition eigenständig Untersuchungsausschüsse einzuberufen. Ja, dann guckt ihr euch noch um und schreit irgendwann laut: Holdrio, das sind ja Weimarer Zustände hier. Tut euch den Gefallen und lasst euch nicht bei dieser vermeidbaren Blamage beobachten.

 

Über die FDP sag ich nichts weiter. Ich würde mir wünschen, dass sie Leute wie Wolfgang Kubicki und Christian Lindner an die Spitze lässt. Wählen würde ich sie dann trotzdem nicht. Die FDP aus Zeiten von Hans-Dietrich Genscher, Hildegard Hamm-Brücher und Gerhard Baum ist eh Geschichte. Das, was diese Partei zur damaligen Zeit war, wird es so nicht mehr geben. Gelten die Marktgesetze auch für Anbieter politischer Orientierung, dann lasst die FDP in die Insolvenz gehen, übergebt die Themenbausteine teilweise an SPD, Grüne, CDU und Piraten, und fertig ist die Laube.

 

Die letzte kleine Partei, die ich gesondert erwähnen könnte, wäre die CSU. Aber: nur etwa 9,3 Millionen Menschen in Deutschland können sie überhaupt wählen, ich gehör nicht dazu. Und: ich lebe noch, auch wenn mir die „Vorhölle zum Paradies“ wie Seehofer sinngemäß sagte, auf ewig verschlossen bleibt. Gottseidank.

Vom Ursprung des Zauberglaubens – die Wurzeln der ‚Magie‘

Nach meinen Auslassungen über die Unwahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens, das uns nicht ähnlich sieht, nehme ich mir Aspekte vor, die gegen die Möglichkeit von ‚Magie‘ sprechen.

Der Boom von Phantasy-Literatur, in der 1 (od. >1) Person ‚magische‘ Kräfte besitzt, ist nicht von der Hand zu weisen. Ich hoffe, jeder weiß trotzdem, was man durch diese Menge des ‚Zauberns‘ und ‚Hexens‘ hindurch vergessen könnte : es gibt das nicht. Es gibt keine Zauberei.

Ich will es kurz machen : Zaubernkönnen entlastet. Wovon? Von der Anstrengung, die jedes größere Investment täglicher Lebensverrichtungen verlangt. Menschen haben sich immer schon Institutionen geschaffen, die die Unsicherheit der Optionalität abfangen und gewisse Entwürfe auf Dauer stellen. Es ist sozusagen ein Grundbedürfnis, eine das Dasein ritualisierende Vorkehrung zu schaffen und quasi ‚über sich‘ zu stellen : ‚Nur wenn etwas ‚über‘ mir angesiedelt ist, macht es für mich Sinn, mein Handeln davon leiten zu lassen‘ – nur die Unterordnung eigenen Handelns als ein ‚Besonderes‘ unter ein ‚Allgemeines‘ gibt die Verlässlichkeit der Rückführbarkeit von diesem auf jenes : und damit die Sicherheit verbindlicher Handungsgrundsätze.

Noch vor der ‚Institution‘ im kulturellen Sinne ist eine spezifisch menschliche Kompetenz vorhanden, die alles das vorweg nimmt, was in dem Glauben, dass es so etwas wie Magie geben könne, sich auf undurchschaute Weise erneuert. Selbst entlastete Menschen wollen nochmals entlastet werden. So ist der Mensch : Hält sich als Wesen für ein immer neues Höheres berufen, wenn ihn nur die Aufrechterhaltung seiner Lebendigkeit  nicht immer mit soviel Notwendigkeit von Energieaufwand konfrontieren würde. Kulturelle und technische Emanzipationsstufen sind nur haltbar, wenn der gigantische Aufwand ihrer Ersterreichung dadurch legitimiert wird, dass späteren Stufen dies leichter gelingt. Kein technischer Fortschritt wäre denkbar, wenn alle neuen Epochen unter gleichen Startbedingungen loslaufen müssten. 

Aber einen Schritt nach dem anderen. Die Wurzel des Zauberglaubens ist identisch mit der der Sprachkompetenz. Dazu zunächst die Frage : Was leistet die Sprache? Sprache ist hervorgegangen aus gerichteten Laut-Gesten, mit denen man sich auf Sachen sinn-wiedergebend beziehen kann. Darin steckt auch die Idee, dass ein sprachliches Zeichen eine Einheit ist, die den Wesenskern einer Sache wiedergibt und daher in Abstraktionskontexten als ihr Stellvertreter fungieren kann. Irgendwann haben Menschen begonnen, auf diese Weise bestimmte Laut-Gesten regulär mit bestimmten Sachverhalten zu verbinden, damit mit der selben Laut-Geste sich ortsunabhängig und zeitlich stabil (in einer bestimmten Verwendungskultur) ein Verweis auf den selben Sachverhalt machen lässt.

Das bringt einen interessanten Effekt mit sich : Das Wissen darum, welche Laut-Geste auf einen bestimmten Sachverhalt passt, stiftet Sozialität, führt Menschen in ihrem Symbolverkehr zusammen und stellt die Weichen für Einigungsmöglichkeiten. Besonders dort, wo Sozialität die Voraussetzung ist, um zum Beispiel gegen die Gefahren der Wildnis gemeinsam zu bestehen – gegen feindliche Gefahren, die einen einzelnen Menschen überfordern würden – schafft ein geregelter Laut-Umgang die Entlastung, die nötig ist, damit ’sich verständigt‘ werden kann, ohne die Verständigungsgrundlage immer neu aushandeln zu müssen. Nur durch die Verständigung kann man sich als Gemeinschaft auf mögliche Formen gemeinsamen Vorgehens gegen eine die Kräfte der Einzelnen übersteigende Gefahr hin entwerfen.

Als nächstes wird über diese Kooperation also auch Abstraktion und Reflexion möglich : Kollektive, die eine einigende Bezeichnung für eine Gefahr wie z.B. einen Säbelzahntiger gefunden haben, können sich über diese Gefahr verständigen, ohne sich ihr aktual gegenüber sehen zu müssen. Dort wo noch kein System aus Laut-Gesten existiert, sind Gesten vorhanden, die sich eigentlich nur mit dem verbinden lassen können, für das sie stehen sollen, wenn das, für das sie stehen, aktual vorliegt. Ohne ein ‚Wort‘ (Laut-Geste) für ‚Säbelzahntiger‘ können sich Urmenschen nur im direkten Verweiszusammenhang darauf hinweisen : also schlimmstenfalls, wenn das Tier schon im Sprung begriffen ist. Die Loslösung von der Vorlagen-Aktualität ist der Beginn von Sprache als einem abstrakten Bezeichnungssystem. Dies schafft mehreres : Reflexivität in ‚Worten‘ wird möglich, Austausch über etwas, das nicht da sein muss, aber auch das Bewusstsein wird möglich, auf welche Weise  der Austausch geschieht. Reflexiv – also Stellung zu sich selbst nehmend – ist dieser Austausch, wenn die beteiligten sich zugleich  austauschen über die Art und Weise, wie sie sich hinsichtlich ihrer Kooperationsleistung austauschen.  Das ganze dient einem Zweck : Entlastung von der existenziellen Schwierigkeit, Kooperation mit Verweis auf die Gefahr nur erwirken zu können, sobald die Gefahr schon so aktual ist, dass die Organisation von Kooperation zu spät kommen könnte. Dieser Zweck hat seine Wurzel im Überlebensmechanismus : Evolution.

Sprache ist zudem latent mit der Wunschvorstellung konfrontiert,  dass ihre Ermöglichungsbedingung – (die Loslösung von jeglichem Bezeichneten, die eigentliche Abstraktion des Laut-Aufkommens von den bezeichneten Dingen) – nicht mehr gelte : Dies ist der Moment, wenn den Bezeichnungen wieder eine invasive Wirkung auf die Dinge, von denen sie, um sie bezeichnen zu können, gelöst werden mussten, zugetraut wird. Nach dem Motto: Einen Namen zu kennen, ist, über eine Sache (real invasiv) zu verfügen. Ein solches Denken durchzieht Urtexte unserer abendländischen Kultur, etwa Homers Odyssee wird in diesem Kontext gerne angegeben : Odysseus kann von dem Zyklopen Polyphem nur so lange nicht handfest angegangen werden, wie jener nicht dessen wirklichen Namen sondern nur das Schutz-Pseudonym „Udeis“ (d.i. ‚Niemand‘) kennt. Der früh-antike Witz, wenn Polyphem vor Poseidon klagt, der ‚Niemand‘ habe ihm das Auge ausgestochen, ist heute noch verstehbar. Den Namen einer Sache zu kennen heißt – in dieser Form des ‚magischen Denkens‘ – über ein Ding verfügen zu können : in umgekehrter Richtung ist die Absage an diese magisch-invasive Verfügung die Grundbedingung der Sprache und ihrer Bezeichnungsfunktion fern von Vorlagen-Aktualität.

Aber die Entlastungsleistung der Sprache, also einer Form des nicht-mehr-invasiven laut-gestischen Beziehens auf eine Sache, die nicht aktual vorliegen muss, wird im Zauberglauben verdoppelt, indem wieder auf Invasivität spekuliert wird. Was muss denn jemand tun – oder besser gefragt : Was präsentieren uns Phantasy-Texte als Vorgänge des Zauberns oder Hexens?

Jemand sagt einen Zauberspruch! Aha! Jemand macht eine ‚gerichtete‘ Geste, d.i.eine Form des Zeigens! Aha! Jemand ‚richtet‘ seine Gedanken auf etwas! Aha! Jemand bereitet einen Trank, der mit dem Schicksal eines Ereignisses in einen direkten Verweisungszusammenhang gesetzt wird! Aha! Zaubersprüche, mimetische Tränke, Beherrschungs-Gesten und Tele-Kinese : Das sind alles zeichenhafte Bezugnahmeformen, die genau wie die Sprache funktionieren aber aus Naivitätsgründen ihrer Invasivitäts-Entsagung entsagen wollen, weil sie nicht auf die Utopie der ‚total‘ gewordenen Entlasung verzichten wollen. Mentale Zustände sind meist propositional gehaltvoll, das Bezogensein mentaler Zustände auf etwas nichtmentales nennen wir Intentionalität. Wir sind unserer Optionalitäts-Existenz gemäß Wesen, die es immer noch leichter, immer noch besser und immer noch einfacher haben wollen. Die Moderne ist zu komplex, zu chaotisch, ungeordnet, plural und offen : Das ertragen die Wenigstens ernsthaft. Der Markt empfiehlt uns dann die Flucht in erdachte Welten in denen die Utopie der totalen Entlastung uns so harmonisch umfängt.

Wenn Sprache entlastet, entlastet ein Zauberspruch, der einen Gegenstand real affektieren solle, nochmals : Bibi Blocksberg hext einen Kuchen herbei, in wenigen Sekunden hat sie das geleistet, was in der Küche eine Arbeit von Stunden gewesen wäre. Die Ambivalenz bei Bibi Blocksberg : der gehexte Kuchen schmeckt bei ihr oft nach Schwefel. Das ist der Preis einer ‚Entlastung‘, die nicht nur für die Unreifen (wie Bibi) nicht zu haben ist, denn : Magie kann es aus eben den angemerkten Gründen nicht geben : ihre Darstellung als quasi-sprachliches Affektieren von Gegenständen durch bloße Namhaftmachungen kann auf die Gegenstände nicht wirklich diesen Effekt haben, denn die Wurzel der Magie liegt in einer träumerischen Weiterentwicklung der Entlastung zu einem Zeitpunkt der Kultur-Evolution, an dem die Weichen schon auf die unabweisbare Separation menschlicher Bezeichnungstechniken von der zu bezeichnenden, unabhängig von den Menschen gegebenen Dingwelt gestellt waren. Die Dingwelt ist nicht erst Dingweilt in unserer und durch unsere Verfügung oder Zu-Eignung. Alles Materielle, das unabhängig von uns gegeben ist, ist erstaunlich unbeeindruckt von dem, was wir damit vorhätten. Nichts, was uns durch uns erst zugeeignet werden muss, kann ohne reales Investment eine Gestalt nach unseren Wünschen annehmen. Die Frage ist : Welches Investment ist uns (Menschen) das liebste? Das ‚leichteste‘. Und das ist das, welches am wenigsten Energie von verlangt. Sprache ist niedrig-energetisch : wie leicht mobilisieren wir ganze Konzepte im Unterbewusstsein durch nur ein einziges Wort. Wie entlastend wäre es, wenn nur ein einziges Wort die Dinge auch noch verändern könnte…

Vieles von dem, was ich gesagt habe, hätte wahrscheinlich auch Arnold Gehlen so gesehen. Nicht ganz versteckt sind durch Begriffe wie ‚Lautgeste‘ meine Anspielung auf Gehlens Werk „Der Mensch“ (1940). Jetzt möchte ich noch einen kleinen Verweis auf eine interessante Entwicklung geben : Vieles, was, dem Phänomen nach, nach gestischer Fern-Invasivität aussieht, wird in modernen technischen Geräten z.B. durch die marktreife ‚Gesten-Steuerung‘ eingeholt. Dass es keine Magie ist, weiß jeder, denn immer muss die Invasivität technisch gemittelt werden. Diese Mittelung ist eine sensorische Zurichtung einer technischen Umwelt, damit sie mit weniger Aufwand für uns tut, was sie auch vorher schon nur für uns und nur auf unseren Input hin getan hat. Wir kommunizieren mit der Technik, die etwas aufnimmt, nicht mit dem Ding (wie wir es in der ‚Magie‘ erträumen) : Die Dingwelt spricht auf keine unserer Sprachen an. Das zu akzeptieren, heißt, von der Idee zu lassen, es könnte so etwas wie ‚Magie‘ wirklich geben.

Zudem ist eine Entlastung, die durch Zauberei tendenziell ‚total‘ zu werden droht, gar nicht wünschenswert : Alle unseren humanspezifischen Kompetenzen, die auf die Fähigkeit zu Selbstmächtigkeit, Askese und Training abzielen, wären überflüssig : Trainingseffekte ließen sich herbeizaubern, und uns bliebe für immer der harmonisch ausgereifte Vorstellunghorizont verborgen, den ein Mensch nur dann mitbringt, wenn er sich diszipliniert, gequält, Erfahrung mit Frustration und all dem gemacht hat : All das sind Aspekte des Bildungs-Gedankens, ohne Fleiß und Zueignungsarbeit der anstrengenden Sorte ist Bildung nicht zu haben. Es blieben zaubernde Menschen übrig, deren Seelenleben durch diese Totalentlastung des Großteils ihrer Facetten verlustig gehen würden, ein Großteil ihrer menschlichen Spannungslagen im Seelenhaushalt verkümmern lassen müssten. Nein es bliebe nicht ‚mehr Zeit für die wichtigen Dinge‘ übrig, sondern was ‚wichtig‘ wäre, würde sich durch diesen Einschnitt so verändern, dass sich keine Vorhersagen treffen lassen. Das aber haben Menschen mit wirklichem Magie-Glauben nicht durchschaut. Mit dem Ausfall vieler dieser seelischen Facetten (etwa der ‚belastenden Frustration‘) fiele auf längere Sicht die Motivation des Zaubernkönnens – nämlich sich von Dingen zu entlasten, die ja gar nicht mehr BElasten weil sie durch Zauberei schon längst aus der Welt geschafft sind – weg. Die Zauberei würde sich damit ihrer Funktion berauben. Genau darum kann sie – rückwirkend betrachtet – in einer ‚menschlichen‘ Welt nicht real sein, weil sie nur ‚unmenschliches‘ stiften kann.

Elektra. … muss doch hassen können…

Elektra. … muss doch hassen können…

Elektra kriecht durch einen nicht näher benannten Hof in Mykene. Elektra schreie sich die Seele aus dem Leib, könnte man sagen, wenn man ihr damit nicht zugleich unterstellte, noch eine zu haben. Elektra hält Schatten für Licht und Licht für Schatten, aber sie hält Licht nicht mehr für Licht und Schatten nicht mehr für Schatten – darin liegt ja die ganze antike Logik des programmierten Scheiterns. Hätte Elektra nicht mal eine Schwester namens Iphigenie gehabt, die ihr bei Hofmannsthal unterschlagen wird, hätte ihr Vater Agamemnon diese nicht opfern können, hätte Agamemnon dafür nicht von Klytaimnestra und ihrer Lebensabschnittsgefährdung Aigistos umgebracht werden können und hätte Elektra nicht das Umgebrachtwordensein ihres Vaters Agamemnon ihr Leben lang quittieren müssen durch die ungesunde Kriechhaltung im Hof eines nun doch näher bekannten Hauses, nämlich des Königshauses, in Mykene. Elektra kriecht. Elektra bezahlt die Strafe für den ungesühnten Tod des Vaters: Nicht etwa dessen Meuchelmörder leiden Qual, nein sie fressen, saufen und ficken sich ins Amoralische. Der handelsübliche Leser erlebt dies als schreienden Missstand, der in der vormals attraktiven Elektra seine dauernde Verkörperung als sichtbar gemachte Verödung – auch von seelischer Vielfalt – erlebt. Elektra als Hündin, die die sie mehr schlecht als recht miternährende Hand zu gerne zurückschlägt, erlebt derweil nichts mehr, was sie aus dem geistigen Vierfüßlerstand entweder in eine halbwegs aufrechte oder in eine wenigstens kosten-nutzen-technisch vernünftige Horizontale bringen könnte. Elektra kriecht, hat verfilzte Haare, Mundgeruch und keinen Sex. Wenn sie so weitermacht, wird sie Dinge wie IPads, Smartphones und den ganzen Dreck nie haben können.

Ihr Hauptberuf ist Nine-to-Five-to-Nine-Hassen. Ihr Teilberuf ist es daher auch. Hassen ist auch ihr Minijob an den Wochenenden, auf Stundenbasis, als Aufstockerin, die trotz des Fulltime-Hassens monetär nicht mit dem Arsch an die Wand kommt. Elektra ist bettelarm (und wird lediglich bei Sartre zu Vorführzwecken der etablierten Unterdrückermacht quartalsweise mit Klunkern behangen). Aufrecht durch die Gänge des Palastes zu gehen, hieße ihr Anmaßung des Wohlstandes in der Zuteilung durch die ihn verwaltenden Hände, die die falschen Hände sind, die rechtmäßige gebende Hand ist tot, ihr rechtmäßigster Nachkomme zu weit weg, so sehr der Stoff auch darum kreist, ihn gedanklich zurückzuholen, er, Orest, bleibt weit weg, und hätte es auch bleiben müssen, wenn er um seine Indienstnahme bei Rückkunft gewusst hätte. Der Elektrastoff dreht sich als einer der ersten in der Menschheitsgeschichte in prä-emanzipatorischer Hinsicht auch um das Einspannen junger Männer mit unschuldiger Zukunft in Pläne der Rache an misslungenen Vergangenheiten. Das Paradoxon des Stückes wird sein, dass Orest um seine Indienstnahme gewusst haben solle. Nach heutigem Bewusstsein wäre niemandem nahzulegen, in das ausgefertigte Rollenmodell eines Vollstreckers zurückzukehren: zu eng, passt nicht, und aus einem Stoff, aus dem nur in der Antike ein Schuh draus werden konnte.

Heute hätten wir zu viele Fragen und würden Bedingungen an ein so enges Korsett stellen. Was aber macht er: Er kommt nicht als er von sich aus in Kleidung seines Freundes um das Märchen seines eigenen Todes so lange zu erzählen, bis er tief genug drin im Palast ist um doch alle zu töten, ganz so, wie Elektra wünscht. Die noch nichtsahnende Elektra kriecht bis dahin weiter durch den Hof. Den Sand ekelt es. Im Gegensatz zu Iphigenie lebt Chrysothemis noch, was bei Lichte betrachtet auch kein Gewinn ist, aber wie gesagt: Elektra hält Licht für Schatten, was das Argument auch nicht besser macht. Chrysothemis möchte ein Weiberschicksal, ihr Horizont ist ficken. Vom angedeuteten Äußeren her scheint im Gegensatz zu Elektra diese Hoffnung sogar noch Aussicht auf Erfolg zu haben. Chrysothemis weiß sich, ob dieses Minimalglücks, keinen besseren Rat, als der ewigen Racheleier ihres kriech-schwesterischen schlechten Gewissens die eigentliche Schuld zu geben. Chrysothemis scheitert mit ihren individuellen Optimierungshoffnungen an der Hartnäckigkeit dieses Schmerzbündels Elektra, immerhin macht deren emotionale Authentizität mächtig Eindruck auf die unerfahrene jüngere Hausfrauenadeptin. Chrysothemis ist nicht wirklich schlecht, sie ist nur der klassische Hemmklotz für jede Handlung, bei Hofmannsthal noch mehr als bei Sophokles – aber nicht so sehr Hemmklotz, dass der Gedanke, sie – um der Dynamik willen – vor dem Höhepunkt sterben zu lassen, virulent würde. Als sie abzuspringen droht, sieht Elektra die Herkulesaufgabe, nämlich Klytaimnestra und Aigistos eigenhändig umbringen zu müssen, für sich alleine vor, ihr Kalkül steht, die handelnden Variablen fügt sie je nach Verfügbarkeit von Alternativen ein, wenn keiner kommt und keiner bleibt, muss sie halt selber ran. Elektra, vom Kriechen verkümmert, muss mit dem schlimmsten rechnen, nämlich: Dass ihre körperliche Meuchelkraft nur halb so groß ist wie ihr Hass, wie gesagt, sie hat sich in den letzten tausenden Jahren ihres Daseins als mythische Figur in einem beliebten Stoff nicht um alle ihre Potenziale gleichzeitig kümmern können. Elektra kroch ja die ganze Zeit nur, und selbst Mörder und Rächer bräuchten so etwas wie eine aufrechte Haltung, da sie den Beweis dafür antreten müssen, dass man überhaupt noch handlungsfähig ist.

Es wird doch noch ein wenig gehandelt. Dazu gräbt Elektra ein rostiges Beil aus, mit dem ihrem Vater seinerzeit das Dach abgedeckt wurde, und zwar von Klytaimnestras neuem Lebensgefährt Aigistos, wobei die Autoren sich überbieten im Aufweis ihrer Anstrengung, Aigistos als weibisch hinzustellen (das wird bei O’Neill anders werden müssen, da ist den Schenkeln der Geschichte ein militärisch-männliches Zeitalter dazwischen gekommen, was Weiblichkeit bei den älteren Autoren leistet, ist interessant in Sartres Aigistos übersetzt: Nachdenklichkeit und Lebensüberdruss, so wird Charakter mit Geschlecht konnotiert, soviel zur Modernität). Es wird ein wenig gehandelt. Die Stelle, an der Elektra das Beil verbuddelt hatte, hatte sie gepflegt wie ein Grab, und darüber das Pflegen ihrer selbst vergessen, so avanciert das rostige Beil zum Komplement von Elektras Mundgeruch und verdoppelt das Leitmotiv des Korrodierens. So entsteht der Charme des Elektrastoffes aus dem unterschwelligen Charakter des iterativ Ruinösen, jede Klytaimnestra-Rede dient nur als vordergründige Vorspiegelung der Wirksamkeit von fremdgesteuertem Rostschutzmittelauftrag, deswegen trägt Klytaimnestra ja auch so dick auf in den Reden aber auch auf die alte Haut, bei Hofmannsthal die Klunker noch mehr als bei Euripides und Sophokles. Jede Inszenierung, die sich nicht aus diesem Jahrtausende umspannenden Klunker-Ranking versteht, begreift die diamantene Zurschaustellung des Konfliktes nicht, und kann seinen Zuschauer nicht auf das gesteigerte tragödische Maß bei Hofmannsthal hinweisen. Ein solches Theater zeigt seinem Zuschauer nicht einen Stoff, sondern zum x-ten Male sich selbst im Medium eines beliebigen Schlagers, warum der dann Elektra heißen muss, bleibt selbst dem Feuilleton unklar, sapienti sat!

Das ist keine flache Kulturkritik, das ist viel mehr: An den Ende des Neuen franst es beträchtlich aus: Eine Anmaßung schon der Name Elektras auf dem Cover von O’Neills Sezessionskriegsdramas, mit verschwurbelten Regieanweisungen wird ein Elektraverschnitt passgenau als Lavinia – wahlweise Vinnie, die Reduktion als i-suffigierte Verfügung, die eine Niedlichkeit dann noch impliziert als sie schon verloren ist – in ein Panorama hinein entworfen, das in ‚Vom Winde verweht‘ kaum weniger pathetisch daher kommt. Ein Vorbau muss dort Portikus heißen und wirkt maskenhaft wie die Gesichter aller Mannons – so heißt der Clan –, Elektra/Vinnie kriecht nicht, ist aber noch nicht zur Frau geworden, obwohl ihre großbürgerlich-kaufmännische Distanziertheit den stumpigen Jugendfreund Peter anfüttert, der sich, solange Vinnie keine Frau ist, beharrlich als Lebensabschnittsgefährte anbietet. Lavinia/Elektra schlägt aus, solange sie noch keine Frau ist: Auf mehr paradoxe Spannung bringt es der Text vorerst nicht. Hass: ist da, auf die Mutter Christine/Klytaimnestra, die mit Adam Brant/Aigistos zu heimlichen Sex-Treffen in New York reisen kann, weil ihr Mann Ezra/Agamemnon gerade den Südstaatlern die Schädeldecken zu Brei schießen lässt, darüber waltet er als General seit Jahren in der Ferne, nebenbei darf auch Vinnies Bruder Orin/Orest in diesem Krieg beweisen, wie kläglich die Härte-Pädagogik militärischer Epochen, nämlich aus einem sensiblen Jungen mittels Eindrücken von Grausamkeit einen ‚Mann‘ zu machen, daran scheitert, dass durch diese Eindrücke hindurch nicht einmal der Menschen zu retten ist, der erwachsene ebenso wenig wie der, der es noch hat werden sollen; das hat aber Walt Whitman eindringlicher formuliert. Letztlich wird Orins grenz-inzestuöse Mutterliebe auch zum Vollendung heischenden Fanal: Der unter Vinnies Suggestionen selbst herbeigeführte Tod der Mutter schickt ihn bald auf Mission gegen seine Schwester – undenkbar im antiken Text, unheimlich vorhersehbar im modernen. Adam/Aigistos ist der Sohn von Ezras/Agamemnons Bruder Daniel mit dem sowohl von Ezra als auch dessen Vater Abe begehrten Kindermädchen Marie Brantôme, für die sich bei Sophokles, Euripides, Hofmannsthal und Sartre keine Entsprechungen finden, darin liegt die Pointe: Sie ist die Unverdorbene, ihr Gesicht nicht maskenhaft, sie ist keine Mannon, daher war sie so begehrt. Daniels Ehelichung von Marie führte zur Verstoßung beider aus dem Hause Mannon – ein Vorteil nur, wenn man nicht zum Mörder und postum von den Geistern der Toten heimgesucht werden will, und in der Wärme des gemachten Nestes scheint das vielen verantwortbar –, Daniel wurde zum Säufer, starb bald, Marie starb an Verwahrlosung, als ihr Sohn Adam als Kapitän auf See war, an ihrem Tod gibt Adam seinem Onkel Ezra Mitschuld. Adam höckert mit Christine, um sich aus Rachegründen in Ezras Haus schleicherisch einzugewöhnen, als Alibi gaukelt er vor, Lavinia den Hof zu machen, die – so sehr sie sich Abscheu gegenüber Adam anmerken zu lassen bemüht ist – doch heimlich von seinen wuchtigen Händen und seinem breiten Kreuz träumen dürfte. Adam hat das maskenhafte Aussehen der Mannons, aber Tinte auf dem Füller und volles Haar. Iphigenie gibt es nicht, es wird nicht einmal aus Verlegenheit eine Erklärung bemüht wie: ‚Ach, die Iffie, die liegt seit ihrer Kindheit in einem Sanatorium direkt an der Ostküste.‘ Elektra/Vinnie fehlt hier die Dimension des Drecks, der immer schön die Fallhöhe dieser Figur hat vermuten lassen, durch Lagen verschiedener Bearbeitungen und Stoffschichten hindurch war an Elektra immer die Diskrepanz zwischen ihrer königlichen Herkunft und ihrer gramgebeugten akuten Indisponiertheit das Spannendste. Wie will uns einer ohne dies noch absichern, was wir vor Augen zu wähnen haben? Ohne den Namen Elektra auf dem Titel reihte sich O’Neill höchstens peripher ein in was er Stofftradition nennen mag, mit Nennung trotzdem nur der Prätention nach. Außerdem zerstören sich die drei Dramen O’Neills durch zu viel Handlung, ständig reist Elekra/Vinnie, hat auf einer Südseeinsel Sex mit einem palmenlendenschurz-beschurzten Autochthonen, ständig werden Leute erschossen, werden Blumen geschnitten.

Der Witz, der Leerlauf fast allen Geschehens um Elektra, wird hier nicht erzählt – keine Erzähllücke wird gelassen, notfalls fällt der stereotype Garten-Rentner Seth, den sonst eigentlich niemand braucht, nicht einmal die Handlung, mit der Repetition des ‚Shenandoah‘-Liedes in die Lücke, die gar nicht entstand. Sapienti sat! Der Schatten über ihrem restlichen Leben muss hier sogar auserzählt werden, eine Implikation zu den kognitiven Fähigkeiten des erwarteten Publikums: Am Ende lässt Elektra/Vinnie die Fensterläden zunageln und zieht sich für den Rest des Lebens mit einer Geste resignativer Jovialität in das hassenswerte Haus der Mannons zurück, in nachholender Usurpation den Tod zurück in ihr Leben holend, den sie mit der Überwindung ihrer Mutter meinte von sich geschoben zu haben. Das Zunageln: Eine Antigone-Reminiszenz mit dem Holzhammer, die wohl am Broadway der 30er Jahre trotzdem nicht verstanden worden sein wird. Und es ist auch keine wirkliche Antiposition sondern die konsequent auf Linie der Vergangenheit liegende, prospektiv verengte und daher nicht mehr auserzählte Zukunft einer jungen Frau, die ihr bisheriges Leben lang schon geistig wie zugenagelt wirkte und damit nicht nur sich nachhaltig ins Elend stürzte – daher liegt darin nur die Vollendung der Banalisierung der Tiefendimensionen alter Stofffassungen: Letztlich ging es Vinnie nur um den unerreichbaren Adam, der unmögliche Sex mit ihm wird nicht etwa schon durch dessen Ermordung sondern erst durch das Zunageln durch Vinnie akzeptiert. Nichts ist am Ende offen, auf nichts wird nur hingedeutet. O’Neills anspielungsreiche Entlassungsattitüde lässt für das Publikum gar nichts implizit und ist daher den Schluss nicht wert, den sie bestreitet.

Bei Sartre liegen die Dinge naturgemäß anders, aber damit nur auf eine andere Weise schief. Elektra muss zunächst einmal hassen können und Orest muss ihr den Gefallen tun, aus großer Ferne unverhofft in große Nähe aufzurücken um als Usurpator des Missstandes in Erscheinung zu treten: Er kann nur darum realinvasiv fernwirkende Qualität sein, weil er jederzeit als instantane Leibbotschaft gegenwärtig zu werden vermag um die Vergangenheit der Atriden mit deren Zukunft zu versöhnen. Darunter darf es kein Text machen. Große Fliegen künden vom Verwesungszustand eines ganzen Stadtkreises. Wieder so ein Sinnbild: Die individuelle Schuld des Couples Klytaimnestra/Aigistos wird hier kollektiviert und als insektischer Schleier über die Geborgenheitssphäre eines ganzen Stadtkreises gelegt. Beobachtungen werden eingestreut, dass die Fliegen im Laufe der Zeit immer fetter würden, wenn sich nichts ändert. Sartre interessiert sich eigentlich gar nicht für Elektra, sondern für die Freiheits-Philosopheme des mädchengesichtigen Bübchens Orest, der irgendwann in Begleitung eines alten Pädagogen auftaucht und die noch unerkannte Elektra mit der Utopie des blütenreinen Korinths bezaubert. Was für ein Gag folgt dann: Orest ist frei, weil er tut, was er tun kann. Und als er meint, den lebensmüden Aigistos, der nicht einmal etwas dagegen zu haben scheint, umbringen zu müssen weil er – Orest – es selbst so will, und nicht nur weil Elektras Hoffnungen ihn aus der Ferne dazu bestellt haben, und als er die schreiende Klytaimnestra, die aber nicht um Vergebung bettelt, mit mehr Hieben als gedacht umbringen muss, weil er es will, da vergällt ihm fast die Leichtigkeit dieser Tat ihren Genuss, und vergällt ihm Elektra, die sich von den Erinnyen einwickeln lässt, fast die Gewissheit von der Richtigkeit dieser schrecklichen Tat, die ihre antike Unausweichlichkeit verloren hat und daher durch Reflexion ins Reich der Beliebigkeit zu rutschen droht, in welchem schlimme Taten um ihrer Vermeidbarkeit willen gerne zu pathologischen Ausbrüchen individualisiert werden – und der Täter wohlgemerkt bestraft gehört. Und als am Ende Orest den Tod der beiden als Anlass nimmt, dem Volk seine eigene Krönung zu verkünden, da schafft Orest gleich selbst den Sinn seiner Taten ab: Er will König höchsten ohne Volk sein, jedenfalls nicht so ein in Trauer und Apathie eingelebtes Volk wie das regieren, das sich Aigistos und Klytaimnestra während ihrer Unrechtsherrschaft herangezüchtet haben. Es knattert bei Sartre mitunter gewaltig, wenn außerkünstlerische Dimensionen sich über den Text blenden. Man ahnt die Absicht von Verunsicherung, die das Ende erwirken soll, aber warum muss man dazu in einer Figurenrede den gewünschten Effekt explizieren? Warum muss Orest, der mit seiner Freiheit die bequemen Gefängnisse aufzubrechen sich anschickt – wenigstens für sich, das heißt schon was – an einer Stelle sagen, dass das doch große Worte seien, die er da führt und dass diese auch ihm noch wie etwas undurchschaubar großes und neues vorkämen?

Schon klar, wir haben die Botschaft verstanden, sapienti sat. Aber wie neu aufgeputzt will da ein in Wirklichkeit alter Hut daherkommen: Freiheit zu behaupten, indem man durch die Tat beweist, dass Handeln auch nach langer Retardation noch möglich ist: Das ist in allen Elektraverarbeitungen, die sich noch als solche erkennen zu geben vermögen, der Grundton. Mit dem Menschen ist zu rechnen, selbst wenn ihn gewisse Strukturen vorübergehend immobilisieren. Nur dass am Ende von Sartres Text die Hauptfigur Orest das 20. Jahrhundert auch in seiner vereinseitigenden Dimension ‚männlicher‘ Freiheit vor dem Hintergrund von Jahrtausenden weiblicher Passivität vorführt: Der Freie kann nur als Mann mit alten Herrschaftsverhältnissen Schluss machen, aber nicht mehr um es dann vom selben Thron aus besser zu machen, sondern um dem Kollektiv den Rücken zu kehren, es mit doppelt enttäuschten Hoffnungen zurück zu lassen und in eine anonyme Stadt auszuwandern um sich dort zu verlieren. Das emanzipatorische Element der antiken Bearbeitungen ist bei Sartre im Windschatten prätendierter Freiheit verpufft, soviel zur Modernität. Der neue Orest ist urban und nach seinem Abgang kaum mehr zu erreichen, er macht große Worte, die sich ihm selbst nicht erschließen, damit einhergehend das Blindheitspotential aus der Selbstverzauberung mit dem Selbstüberschätzungszauberstab. Der urbane Single braucht die Freiheit nur, um in ihr zu verwahrlosen. Was aus Elektra wird, wer weiß das schon noch, wen interessiert das noch und wozu eigentlich, wo wir doch jetzt den urbanen posthistorischen Existenzialisten geschickt bekommen, der der Geschichte den Korb gibt, da sie Gefahr lief, sich als bloße Rachetradition immer weiter fortzuschreiben? Das schlimmste ist, dass die sartresche Elektra gegen Vollendung der Tat das Hassen nicht mehr aufrechthalten kann, die Reflexion steht ihr im Weg, genauer die Reflexivität Orests, die kaum noch einfache Antworten auf drängende Probleme zeitigt, macht es ihr schwer ihn als Orest anzuerkennen, und auch die Bequemlichkeit des Gefängnisses lullt sie zunehmend ein. Klar: die Dialektik des Hassens ist ja, dass jede übertriebene Ablehnung zugleich eine gesteigerte Bezugnahme meint, wodurch man dasjenige, das man ablehnt, mehr braucht als vieles andere. Aber letztlich verliert Elektra die Sicherheit des Hassens, weil auch ihr ein Rest der sartreschen Freiheit zugestanden werden soll, die beweist, dass man nicht in der Vergangenheit gefangen und zur Zukunft offen ist. Orest solle dies gezeigt haben. Ach hat er?

Aber Elektra muss doch hassen können. In der Moderne kann sie das nicht. Wieder so ein Vorzeichen: Die komplexe Moderne erlaubt einfaches Hassen nicht mehr, weil es einen unfrei macht. Ja und? Elektra ist unfrei. Ist sie damit als moderner Stoff diskreditiert? Elektra muss hassen können.

Literatur
SOPHOKLES Elektra
EURIPIDES Elektra
HUGO VON HOFMANNSTHAL Elektra
EUGENE O’NEILL Trauer muss Elektra tragen
JEAN PAUL SARTRE Die Fliegen