Anschlagsklatscher: Die Verlierer der Globalisierung

Was für den Populisten der sogenannte „Bahnhofsklatscher“, ist für den vom Populisten so genannten „Gutmenschen“ der „Anschlagsklatscher“. Jener wünscht sich Anschläge auf die Zivilgesellschaft, um sich mit den Terroristen gegen die Humanität und gegen seine eigenen Landsleute zu verbrüdern. Diese Anschlagsklatscher sind eigentlich bedauernswert, denn sie sind die eigentlichen Verlierer der Globalisierung.

 

Begründung:

Sie gehen dem Trugschluss auf den Leim, dass sich mit dem Rückzug in die beschauliche nationale Blase das Anklopfen der Globalisierung aufhalten ließe. Da mittlerweile der Terror global geworden ist, haben die Populisten hierzulande einen Verunsicherungsrückstand aufzuholen, den sie in der Kürze der Zeit nur als 100-Meter-Lauf absolvieren können.

Deshalb überschlagen sie sich in Gehässigkeiten, scheinen sich Anschläge als soziales Reinigungsmittel quasi so zu wünschen wie sich einer verblendete Kunstelite den Ersten Weltkrieg wünschte.

Ist es für die USA zum Beispiel, ein Land mit großer liberaler Tradition, so Sitte, im bedrohlichen Ernstfall den Schulterschluss aller in einer Zivilgesellschaft zu suchen, so sorgen die Überreaktionen der Abgehetzten und Besorgten für eine große Desolidarisierung mit den eigenen Nachbarn im Land.

Kein Wunder: Anonymität heißt auch, dass manchen der seltsame ältere Herr aus dem selben Hausaufgang schon so fern ist wie ein Syrer. Sie halten damit sogar diejenigen in Schach – und von der Arbeit ab – deren Job jetzt gerade und immer mal wieder der kühle Kopf in Krisenzeit, das rationale Sortieren in emotional überfrachteten Situationen ist.

Solche Gaffer und Anschlagsklatscher sind die eigentlichen Verlierer, die sich zudem zu Vollendern derjenigen Verliererschaft machen, die die Terroristen ihnen aufdrücken wollen. Verliererkarrieren machen es wahrscheinlicher, dass man meckernd und handlungsgehemmt, rein konsumierend, auch noch neben dem Schrecken, neben gerade überfahrenen Frauen und Kindern stehen kann, ohne Pietät, ohne Nöte, ohne Schweigen zu müssen.

Zu Gaffern hat sie ihre mangelnde Medienkompetenz gemacht. Sie fluten die sozialen Netzwerke, manche haben sie erst vor kurzem für sich entdeckt und igeln sich in aller Öffentlichkeit in Hass ein, der lieber privat bleiben sollte, der öffentlich geäußert mitunter justiziabel sein kann.

Viele von denen sind unsere nomadischen Wege, die Wege von digital natives, nicht mitgegangen, haben nie erlebt, wie aus einem Marktplatz namens StudiVZ ein Friedhof wird. Und solche Leute wollen uns erzählen, dass die mediale Umgebung einen manipuliere?

Und nun treten sie auf, instrumentalisieren das Leid der Opfer und Angehörigen gegen deren Willen für ihre Agenda, die die Inhumanität perpetuiert. Sie sind die geistigen Globalisierungsverlierer.

Sie haben verloren, weil sie jedesmal, wenn sie in den Urlaub fliegen, vergessen, dass Mobilität in einer Welt ohne Mauern keine Einbahnstraße sein kann und offene Grenzen keinen semipermeablen Membranen sind, die zuverlässig das Böse rausfiltern. Besser ist das wohl, vor manchem Touristen könnte sich sonst bei der Rückreise der Schlagbaum senken.

Selbstgerechte Fantasie-Vokabeln: Stilblüten des „Genderns“

 

 

Zunächst sei gesagt, dass ich im Ansatz dasselbe will: Eine Gesellschaft, die ihre Konstruktionen des sozialen Geschlechts nicht zu einer ausweglosen „Quasi-Natur“ hochstilisiert und deswegen eher Chancengleichheit ermöglichen kann, wenn sie einsieht, wie unter anderem Sprache diskriminieren kann. Was aber manchen einfällt, um den „Weg zu einer geschlechtergerechten“ Gesellschaft zu beschreiten, führt teilweise zu fast unverständliche Stilblüten. Eines dieser Stilblüten-Beispiele stammt von Lann Hornscheidt:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/profx-als-geschlechtergerechte-sprache-fuer-professoren-13268220.html

Sprechen Sie das mal fehlerfrei

Es gibt gesprochene Sprache, und geschriebene Sprache. Sie unterscheiden sich mitunter massiv. Das Problem „gendergerechter“ Sprache scheint mir zunehmend darin zu liegen, dass die allgemeine Zugänglichkeit sprachpragmatischer Verwendungsregeln über Bord geworfen wird, um einen morphologischen Homunculus zu züchten, der sich lieber an Wortklauber adressiert (als an den durchschnittlichen Sprecher), die glauben, mit Worten sei der nötige Bewusstseinswandel hinreichend beglaubigt. Der Formelhaftigkeit ist weder hinreichend noch notwendig ein Gewissenswechsel inhärent. In einer solchen feministischen Sprachethik, die auf „Professx“ verfällt, wird Genderspezifik durch bloße Erfindung abgehandelt. Sicher: Man kann das ‚schreiben‘, aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Sprechen Sie mal so, und versuchen Sie, verstanden zu werden. Und vor allem: Versuchen Sie, sich selbst dabei zu verstehen. Das meint: Nehmen Sie sich die Adressatengerechtigkeit ab, wenn Sie jemanden als „Professx“ bezeichnen, oder glauben Sie, darin einen Bewusstseinswandel vollzogen zu haben?

Die linguistische Seite

Das Problem ist, dass viele Leute gendergerechte Sprache für ein linguistisches Problem halten, aber offen zugeben, dass das Primärziel ein soziales/soziologisches ist. Kein Emanzipationsprozess hingegen wird die nötige Akzeptanz dadurch finden, dass wir gesellschaftliche Veränderungen durch den Mut zu unpragmatischen Fantasie-Vokabeln ersetzen. Die linguistische Seite ist zudem die: Eigennamen haben kein grammatisches Geschlecht. Grammatische Geschlechter wie „der“ Kevin oder „die“ Maria sind Behelfsreminiszenzen auf das biologische Geschlecht, das zudem noch einmal vom ‚sozialen‘ Geschlecht zu unterscheiden ist. So weit gehe ich mit. Schon ein Vergleich zum Französischen (das das Genus Neutrum nicht kennt und viele „die/der“-genera völlig anders setzt als das Deutsche) lässt uns bemerken, dass grammatische Geschlechter reine kulturelle Konstruktionen sind. Das soziale Geschlecht ist ebenfalls eine kulturelle Konstruktion. Dies beides lässt sich verändern. Das biologische Geschlecht ist keine Konstruktion, lediglich die kulturellen Erwartungsbeimengungen zum biologischen Geschlecht, die aber mit ihm nicht notwendigerweise verknüpft sind, sind änderbar. Eine Rebellion gegen eine nicht notwendige Verknüpfung, die sagt, eine völlige „Entknüpfung“ sei der beste Weg, ist aber genauso blind. Daher gehe ich diesen Weg nicht mit.

Da das Deutsche das Genus Neutrum kennt, gibt es bereits eine Möglichkeit, Geschlechtsneutralität auszudrücken, wenn jemand absolut nicht über grammatische Genera angesprochen werden will, in denen er sein eigenes soziales Geschlecht nicht wiederfindet. Oder man spricht jemanden nur über den Eigennamen an: Wie weiter oben gesagt, haben Eigennamen kein grammatisches Geschlecht.

Soweit die linguistische Seite, die oft nur Sprachwissenschaftler wirklich überschauen. Sprache muss für die meisten Verwender hingegen nur intuitiv funktionieren. Keiner braucht die Regeln reflektiert zu haben, um Sprache zu verwenden und um in vermeintlich gender-gerechten Verunstaltungen eine unnötige Hürde zu sehen. Worum es mir geht, ist, dass Worte wie „Professx“ nur noch in der geschriebenen Sprache funktionieren, und dort auch nur für Leute, die trotz ihres Intellekts einen naiven Wortgebrauch predigen, der aus Formelhaften Wendungen eine Möglichkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ableitet.

Sprachwandel als Feigenblatt

Gendern ist vielerorts zu einem lustlosen Feigenblatt geworden, mit dem Prozesse des wirklichen Bewusstseinswandels substituiert werden. Emanzipation – auch sprachlich – wird immer noch verengt gedacht als In-Obhut-Nahme der Frauen vor sprachlicher Diskriminierung, die ausschließlich von Männern ausgeübt werde. Diese Ansicht ist selbst eine pseudo-emanzipierte Einstellung zur ‚Emanzipation‘. Auch Frauen diskriminieren. Alle Menschen diskriminieren immer dann, wenn sie pauschal etwas unterstellen; z.B. Männern pauschal unterstellen, ihr Sprachgebrauch sei per se diskriminierend. Männer sind heutzutage viel emanzipierter als selbst die meisten Männer glauben können. Bis zu vielen Frauen hat sich dies sogar rumgesprochen. Nur zu denen nicht, die glauben, Geschlecht und Geschlechtlichkeit seien an sich Wahnsinn. Nun gut: das ist eine nicht notwendige Ansichtssache. Wer gesellschaftliche Grundkonfigurationen ändern will, braucht diese Ansicht nicht, es geht auch anders. Mit Vernunft zum Beispiel. Bildung, Toleranz und Humor.

Mir scheint auch eine gehörige Portion ‚magischen‘ Sprachdenkens hinter verkrampften Sprachverstümmelungen zu stehen: Wer glaubt, eine Sprache, die kein passendes grammatisches Geschlecht zu seiner individuell gerechten Ansprache bereithält, würde seine Existenz leugnen oder nicht fassen können, der glaubt an eine Magie von Worten, die in der Macht besteht, Existenz zu beglaubigen oder zu vernichten. Es fehlt dann nicht viel zu jener Form von magischem Sprachdenken, in welchem man glaubt, dass Formeln oder Zaubersprüche einen realen, invasiven Einfluss auf die Dingwelt hätten. Den haben sie nicht.

Ich glaube, dass dieser sprachklauberische Gender-Fanatismus die verspätete und Karikaturenhafte Antwort auf Probleme einer schlechten Welt von gestern ist. Wenn wirklich emanzipierte Frauen das generische maskulinum bei Pluralen verwenden, wittern weder emanzipierte Männer noch sie selbst überall Unterwerfung und Heteronomie.

Zudem gibt es auch noch das gigantische Feld nicht sprachlich-diskursiver Formen von Geschlechtsrollendarstellung, die uns überall unter der Hand begegnen. Warum kämpfen so wenige gegen die Darstellung von Frauen in Hollywood-Filmen? Es geht viel unmittelbarer in unser Unterbewusstsein über, wenn eine ‚erfolgreiche‘ Frau immer nur jung, mit langen Haaren und großen Brüsten dargestellt wird. Solche Bilder schieben sich als Subtext manipulativ unserem Wahrnehmen unter, eben weil das Gesehene nicht sprachlich-diskursiver Anstrengungen in zweiter Potenz bedarf, sondern en passant eingängig wirkt. Wer die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern will, sollte lieber dort ansetzen. Da gibt es noch richtig was zu tun.

Maria Furtwängler isst kaum noch Fleisch …

Das Magazin „Stern“ und andere Hochqualitätsmedien haben in der letzten Woche in stilsicher hochtönig lobenden Worten darüber publiziert, dass Maria Furtwängler seit den Dreharbeiten für ihren neuesten ‚Tatort‘ mit dem Titel ‚Der sanfte Tod‘ (Erstausstrahlung am 7.12.2014) kaum noch Fleisch esse.

http://www.stern.de/kultur/tv/tatort-kommissarin-maria-furtwaengler-isst-kaum-noch-fleisch-2147211.html

Beim ersten Lesen soll man wohl denken: Oh, was für eine Gute, was für ein Vorbild, was für eine Selbstdisziplin. An ein zweites Lesen ist hierbei wohl nicht gedacht gewesen. Denn weiterhin redet die Furtwängler – zur Einschränkung, wie Sie es denn auch ohne ihre eigene Internet-Recherche über die fiese Massentierhaltung hatte verantworten können, Fleisch zu essen – davon, dass ihr Konsum vorher ‚eh schon nicht sehr groß‘ war, und jetzt ‚fast gegen Null‘ tendiere.

Ich möchte hier eine kleine Beispielbetrachtung mit Zahlenbasis aufmachen.

1.) Jemand, dessen Fleischkonsum gegen Null tendiert, und der 1 Gramm Fleisch am Tag isst, kann gleich komplett damit aufhören, denn 1 Gramm ist praktisch nichts.

2.) Jemand, der sich diese 1-Gramm-Tagesmenge aufspart und alle acht Wochen ein Schnitzel isst, wird zwar kein ‚richtiger‘ Vegetarier sein, aber echter Fleischkonsum ist das auch nicht, weil die Grundversorgung des Körpers fast ausschließlich aus nichtfleischlichen Produkten geleistet wird. Zudem ist der Verzicht auf ein Schnitzel alle acht Wochen noch leichter zu verkraften als der Verzicht auf das tägliche Schnitzel.

3.a) Stellen Sie sich vor, Frau Furtwängler hat vor den Dreharbeiten zu diesem sicher köstlichen Tatort (Erstausstrahlung 7.12.2014, ich wiederhole mich) pro Woche zwei Schnitzel gegessen, und jetzt für sich persönlich aus sehr altruistischen Gründen beschlossen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren. Und nehmen wir an, sie isst Fleisch nur in der Darreichungsform eines „Schnitzels“.

3.b) Betrachten wir dazu eine Schnitzelgrößen-Tabelle, die besagt dass es  Standard-Schnitzel in folgenden Größen gibt: M (=200g), L (=300g), XL (= ca. 500g) und XXL (bis ca. 1000g).

3.c) Wenn Frau Furtwängler jetzt im Gegensatz zu früher nicht zweimal sondern nur noch einmal pro Woche ein Schnitzel isst, kommt sie auch bei der kleinsten Größe M auf 200g Schnitzel, womit die Aussage, dass der Fleischkonsum ‚gegen Null‘ tendiere, eigentlich nicht mehr zu vereinbaren ist, es sei denn in und an dem Schnitzel befindet sich kein Fleisch sondern fast nur Panade oder wertlose Füllstoffe. Dass Frau Furtwängler so etwas essen mag, ist allerdings zu bezweifeln.

3.d) Gehen wir allerdings davon aus, dass Frau Furtwängler (wieder zu sehen am 7.12. im Tatort) vorher wirklich schon keinen hohen Fleischkonsum hatte, dann wird sie sehr wahrscheinlich nicht vorher zwei Mal die Woche ein Schnitzel gegessen haben, sondern vielleicht nur ein mal. Als studierte Ärztin wird sie wissen, dass zwei Mal Fleisch pro Woche kein geringer Konsum ist, sondern von Ärzten als durchschnittlich empfehlenswerte maximale Verzehrmenge angegeben wird.

3.e) Hat Frau Furtwängler also vorher nur ein Schnitzel pro Woche gegessen, aber ihr jetziger Konsum liegt trotzdem noch nicht bei Null, sondern nur ‚fast‘ bei Null, dann muss sie ja noch irgendetwas fleischliches zu sich nehmen. Mal angenommen, sie hat sich von „Ein Schnitzel pro Woche“ auf „Ein Schnitzel alle zwei Wochen“ reduziert, dann gilt:

Wir reden hier vielleicht über eine Frau, deren Fleischkonsum sich von 800g im Monat auf 400g im Monat reduziert haben könnte. Haben unsere Medien sonst noch irgendetwas relevantes zu berichten außer den verschwindend geringen Nutritionsänderungen von Schauspielerinnen? Wird Frau Furtwänglers Engagement in diesem Tatort wirklich deswegen als gesellschaftlich vorbildhaft  relevant hochgeschrieben,  weil der Menge nach zu urteilen bei ihrem ohnehin schon geringen Verzehr alle paar Jahre einem Schwein damit das leben gerettet werde könnte, oder wird die Furtwängler – ohne auch nur irgendetwas erwähnenswertes außer ihrem Job getan zu haben  – relevant, weil sie Burda-Medien im Nacken sitzen hat? Welche Medien kümmern sich um uns arme Schweine, denen der Tatort fast jede Woche 1,5 Stunden Lebenszeit raubt? Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, meinen Tatort- und meinen Stern-Konsum in Zukunft zu reduzieren, obwohl er in beiden Fällen eh schon ‚gegen Null‘ tendierte…

Gesellschaft in Auflösung begriffen …

Was wir in den USA derzeit beobachten, sind vielleicht nur die ersten besser sichtbaren Zeichen einer sich seit längerem andeutenden Auflösung der Gesellschaft, nicht nur an ihren Rändern sondern im Herzen ihrer städtischen Milieus, die uns Europäern immer wie das ‚eigentliche’US-Amerika vorkamen, den Kernland-Amerikanern im mittleren Westen selbst höchstens wie die abgehobene Küsten-Peripherie. Und trotzdem ist das Problem zentral: Sozialstaats-Abbau unter dem Sigel des harten Liberalismus ist eine fahrlässige Vernachlässigung der schwächsten Gesellschaftsmitglieder. Die Melange aus Anschlägen, Giftbriefen, einem immer noch schwelenden Haushaltsstreit um die Fiskalklippe, zu liberale Waffengesetzgebung in Zeiten medialer Nachbereitung solcher Katastrophen wie in Newtown und Aurora bilden ein Ensemble von Gründen, die dem Schlagwort der sich auflösenden Gesellschaft unmittelbare Evidenz für die us-amerikanischen Zustände zubilligt.

Die Gestaltungsmöglichkeiten der politischen Kaste verringern sich, vielleicht ist das gar nicht eines der ersten Zeichen. Der politische Handlungsspielraum schrumpft zusammen – Nach einer reaktiven Phase in Zeiten externer Bedrohungslagen und einer Ohnmachts-Phase (das ist die aktuelle, in der Obama die Mehrheit im Repräsentantenhaus fehlt) ist nur noch eine Phase zentralpolitischen Desinteresses am Hinterland von Nöten, und schon könnte man nicht mehr von einem Staat ‚USA‘ reden. Man könnte sagen, dass die in der Fläche fehlende Identifikation mit Washington doch seit jeher die wesentliche politische Kluft darstellt, mit der in Wahltaktiken kalkuliert wird: Die spannende Frage war politisch doch immer, welche Mikro-Verschiebungen in der politischen Stimmung passieren, damit eher den Republikanern oder den Demokraten zugetraut wird, über die Mentalitäts-Kluft von Binnenland und Küste hinweg alle für das gemeinsame, amerikanische Wir zu mobilisieren, das in dem unbedingten Glauben an Aufstieg seinen gemeinsamen Nenner hatte. Das hat es alles immer schon gegeben. Genau so wie man sagen könnte, es hat diese Anschläge auf das ‚Wir‘ (man denke an Columbine) immer schon gegeben, was rechtfertigt es denn da, dies alles im Kontext einer neuen Tendenz zu sehen? Die neue Tendenz ist: das gegen die Angreifbarkeit mobilisierte ‚Wir‘ im Jahre 2013 wirkt schwächer, es hat seine offenen Flanken dadurch, dass die eigene gewollt liberale ‚Hausordnung‘ im Sinne eines überholten Anspruchsdenkens immer als ‚liberalistisch‘ überzogen vorgestellt wird.

Die USA sind eine Gesellschaft, die im Jahr 2001 mit der Idee konfrontiert wurde, dass das Selbstverständnis des Traums vom amerikanischen way of life für gegenwärtige und zukünftige Generationen ein nicht mehr einzulösendes, sozusagen nur noch museale Bedeutung habendes Versprechen ist: es ist keines Falls präjudiziert, dass es unbedingt immer weiter aufwärts geht. Dem Strukturverlust in der Fläche rund um die ehemalig international prominente Automobilbauregion an den oberen Seen wächst die Mentalität und das Selbstverständnis reaktionär hinterher: Es wird sichtbar, dass das Selbstgestaltungsideal nicht mehr gegen alle Realitätseinbrüche zu halten ist, und wenn etwas gerade mit aller Deutlichkeit passiert, dann ist es der Einbruch einer Realität, die in einer geänderten Weltlage und neuen, politischen Machtungleichgewichten besteht. Die Stadt Detroit hat mit extremem Substanz- und Strukturverlust zu kämpfen, die USA können und wollen sich langsam ihre Aufgabe als Weltpolizei nicht mehr leisten: Für die USA geht – verspätet aber immerhin – jetzt der kalte Krieg zu Ende. Francis Fukuyamas Diktum vom ‚Ende der Geschichte‘ aus einer amerikanischen Perspektive hat übersehen, wie lange mindestens die USA brauchen werden, um sich – in gewisser Hinsicht unversöhnt – in eine neue Weltlage einzupassen, die eben darum die für das Machen von Geschichte nötige Spannung behält, weil die Erinnerung an alte Geltung noch wach ist, und außenpolitisch zum Teil noch aktiv beansprucht wird. Na klar ergeben sich daraus Konflikte. Interessant zu beobachten wird sein, welche Argumente die Außendarstellung der USA in Zeiten ihrer inneren Auflösung kennen wird. Wahrscheinlich werden – solange die sozialen Spannung noch nicht zu groß sind – Argumente der Liberalität herangezogen, eine Weile lang wird das alte Mentalitätsparadigma dadurch noch gestützt werden können.

Eigentlich haben weder wir Europäer noch die Amerikaner ernsthaft auf dem Schirm, wie unglaublich und gigantisch verschuldet die USA sind. Die Chinesen allerdings wissen das schon. Naturgemäß hat die Volksrepublik massiv in den USA investiert, in Zeiten, wo das Märchen von der Supermacht noch allgemein geglaubt wurde – das muss wohl vor 2008 gewesen sein, vor der Lehmann-Pleite, vor Fannie Mae und Freddie Mac und der Immobilien-Blase. Mit us-amerikanischen Strukturverlusten und Wertvernichtungen wären die Chinesen hart gestraft…

Eine Gesellschaft, die ernsthaft um ihre Pfründe fürchten muss, aber gleichzeitig nach innen noch an ihren historisch bedingten harten Liberalitäts-Phantasmen hängt, wird ein Problem damit kriegen, einen Schuldigen für ihre missliche Lage zu benennen. Eine Gesellschaft, die anders als das Nachkriegseuropa keine so große philosophische Tradition mit selbstreflexiver und harter Gesellschaftskritik hat – weil ihre Liberalitätsversprechen das Misfitting eines Einzelnen immer als individuelle Defizienz-Biographie hinstellen und es damit nicht mehr als gesellschaftliches Problem wahrnehmen müssen – wird es schwer haben, ihre zunehmend sichtbaren Probleme an ihre Mentalitätsstruktur rückzubinden. Aber: sie wird es tun müssen, um zu sehen, warum eine liberalistische (nicht die liberale) Gesellschaft sich leichter auflöst: Sie löst sich leichter auf, weil sie die Entbindung des Einzelnen vom Kollektiv für das Konstitutionsprinzip ihrerselbst gehalten hat, für ihre ganz besondere, eigene Kulturleistung. Nur hin und wieder lassen sich die entbundenen Einzelnen wieder ins Boot holen: Für ein gemeinsames Wir in Zeiten der Bedrohung – ob nun in Latenz oder explizit – rücken die, die nicht der Frieden sondern der Krieg miteinander vereint, zusammen und beschwören ihre Kraft, Liebe, Gottesfürchtigkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Hoffnung – zugegeben auf eine für Europäer mitunter unerträglich rührselige Weise. Aber: aus einem rührseligen Quartals-Wir oder einem larmoyanten Dekaden-Wir oder einem fast schock-starren und selbst-mut-machenden Anti-Terror-Wir machen sie auf Dauer keine funktionierende Gesellschaft, die über so große Differenzen wie die zwischen New York und Utah auch dann noch hinweg reicht, wenn alle ausnahmsweisen Bedrohungslagen schon wieder der alltäglichen Betriebsamkeit gewichen sind, und wieder Vorurteile von Kernland und Küstenperipherie das Verhältnis der Amerikaner zu ’sich selbst‘ moderieren.

Obamas aktuelle politische Ohnmacht führt vor, was für die USA gesellschaftliche Realität werden wird: Auflösung, Strukturverlust, Marginalisierung.

Ich meine erstmal meine Meinungsfreiheit …

Meine Meinungsfreiheit ist in den Augen derjenigen, die schon mein Recht darauf auch nur für eine meiner Meinungen halten, nichts schützenswertes sondern ein Verblendungsartefakt. Nur wo es divergente Meinungen überhaupt geben kann, kann überhaupt von einer Freiheit hinsichtlich der Nichtfestgelegtheit der Wahl einer der ‚Optionen‘ geredet werden. Meinungsfreiheit kann ihre kulturelle Realität nur dort am deutlichsten beweisen, wo die divergentesten denkbaren Optionen nebeneinander ausgehalten werden können. Insofern ist jede Parlamentarische Debatte zumindest der Rhetorik nach eine Lehrstunde für die Einebnung der Möglichkeit divergenter Optionen in meinungsfreien Post-Demokratien.

Letztenendes ist unser politischer Kurs ‚alternativlos‘ wenn die Argumente ausgehen; letztenendes sind wir ähnlich vernagelt wie Fundamentalisten, die eine Koranverbrennungen dadurch ahnden, dass sie sogar zehnjährige Mädchen vor Gericht bringen (Pakistan) aber selber Bibeln verbrennen (Ägypten). So doll muss man die Augen erstmal zugekniffen haben, dass man nicht mehr mitkriegt, dass das, was man selber tut, das ist, was man den anderen vorwirft.

Wenn ein weniger religiöser Mensch religiöse Dinge mit Humor nehmen und kann und das sogar in Gegenwart derjenigen tut, die religiöse Dinge nicht mit so viel Humor nehmen können, gehört der dann getötet? Nein, Herrgottnochmal wo leben wir denn?! Meinungsfreiheit heißt, dass jeder tolerieren muss, dass die Meinung SO WEIT GEHEN KANN, weil sie eben nur eine ‚Meinung‘ ist, von der  die Haltung des Anderen im Ernst nicht betroffen sein muss. Es sei denn, dessen eigene Wahrheit ist so schwach, dass er sich selbst von trashiger Kritik so leicht betroffen machen lässt, also von solcher ‚Kritik‘, die mehr oder weniger bewusst die ästhetischen und moralischen Aspekte der Zeit ironisierend unterbietet.

Der britische Aufklärungsphilosoph Shaftesbury sagte sinngemäß, dass keine Sache sich richtig sehen lasse, wenn man sie nur in einem bestimmten Lichte sehen könne. Alles verdient den beleuchtenden Blick und jede echte Wahrheit ‚verträgt‘ diesen auch, weil sich sonst im Schutze unserer Verblendung nur Halbwahrheiten und falsche Götzenvorstellungen einrichten. Mir scheint, der gewaltbereite Glaubensfundamentalismus – ganz gleich in welchem Glaubenssystem – ist jeweils ein Bündel solcher anfälliger Halbwahrheiten oder inhaltsloser Bekenntnisse, die aufgrund ihrer Schwäche im Begriff nach außen umso emphatischer ‚gelebt‘ werden müssen. Das geht nur über Ressentiments.

Jeder Mensch hat das Recht, vor physischer, repressiver Gewalt geschützt zu werden. Kein Mensch braucht vor gewaltlosen, nicht-physisch attackierenden Meinungen geschützt werden: Das Widerständige zuzulassen ist eine Kultivierungsaufgabe. Aus Angst vor der Gefahr des Widerständigen den Schwanz einzuziehen ist antiaufklärerisch, und das hat noch niemanden selbstbewusster, autonomer und weniger manipulierbar gemacht. Angst macht anfällig für Manipulation. Manipulierte, die nicht einmal selbst zu formulieren oder zu erdenken fähig sind, was es ist, das sie auf die Straßen lockt und ihnen Hass abfordert, die hat es auf der Welt genug: auch bei Naziorganisationen wie Pro-Deutschland. Es gibt zu viel Hass und Gewalt, die niemanden klüger, gesünder oder zufriedener machen. Das muss aufhören. Aber es muss nicht dadurch aufhören, dass man den anfälligen Hitzköpfen nur noch das zu hören gibt, was sie nicht überkochen lässt. Andererseits sollte man darauf verzichten, etwas zu Gehör zu geben, das so erwartbar doof die Weichen auf Provokation stellt nur weil es eben das tut.  

Wieviel Recht auf Freiheit von meiner Meinung hat die Meinung des Anderen? Seitdem wir uns für abweichende Meinungen in elementaren Lebenstatsachen wie den Religionen nicht mehr mit Waffen bekämpfen müssen, ist auch der Raum größer geworden, den anderen mit der eigenen Meinung behelligen zu können: Was uns nicht umbringt (an Spott) macht uns im Zweifelsfalle härter. Das kann man aushalten, wenn man mit seiner Glaubenswahrheit nicht im Zweifel steht, aber auch nicht in einer Verhärtung, deren Hintergrund der Zweifel ist, der die Absicherung durch Übertreibung verlangt.. Man kann das alles aushalten. Meinungen sind keine existenziellen Zumutungen. Das muss man so sehen.

In erster Linie sichert die Meinungsfreiheit das Recht des Menschen auf Entlarvung derjenigen Umstände ab, die seiner Menschenwürde spotten. Die Menschenwürde kann prinzipiell von jedem Glaubenssystem bedroht werden, vom radikalen Christentum genauso wie vom Kommunismus oder vom Faschismus. Sie alle verdienen es, im Lichte des Spotts, der Satire betrachtet zu werden, weil andernfalls die lächerlichen Punkte an ihnen überhaupt gar nicht ans Licht kommen.

Warum muss denn da was ans Licht kommen? Na damit wir es abschaffen können. Damit wir besser, freier, entspannter, zufriedener leben können. Darum geht es doch: es werden immer Menschen sein, die sich auf diesem Planeten eine annehmbare Umgebung einrichten, mit weniger Hass, weniger Tod, weniger Grausamkeit.

Meinungsfreiheit aber ist nur denkbar als Recht auf eine Meinung, die der andere nicht teilt. Das Recht auf die eigene Meinung wird als Problem sowieso erst in die Welt gebracht, wo sie eben von den anderen nicht geteilt wird. Religionskritik muss erlaubt sein. Und vor allem: Kritik an Religionskritik muss erlaubt sein.

Das Video, über das die ganze Welt redet, ist keine Religionskritik: auf dieses Niveau bringt es dieser Trash nicht. Dumme Provokationen sind in dieser Form eine Überstrapazierung der Meinungsfreiheit. Zwar steht es den Menschen frei, auch einer schwachsinnigen Meinung zu sein, nur muss das Recht nicht den sozialen Anklang dieser Meinungen verstärken. Meinungsfreiheit ist zudem ein so hohes Gut, dass es Überstrapazierungen dieser Art verkraften können muss, ohne dadurch gleich infrage gestellt zu sein. Nicht dieses Video sondern der Umgang unserer Sicherheitsbehörden damit wirft ein schlechtes Licht auf unsere Meinungsfreiheit. Daher wird bei uns gerade so viel Satire darüber veröffentlicht: das ist nötig.  

Das müssen wir uns vor Augen führen: Auch schwachsinnige Meinungen sind der Preis der Freiheit, so ähnlich sagte es Jürgen Trittin. Es gibt in freiheitlichen Demokratien kein Recht der verbissenen Leute darauf, vor schwachsinnigen Meinungen geschützt zu werden, denn in einer freiheitlichen Demokratie haben sie das Recht, wegzuhören. Bei allzu arg schwachsinnigen Meinungen haben wir sogar die Möglichkeit, uns auf das Weghören zu ‚verpflichten‘. Soviel Freiheit muss sein. Für  uns und für alle. Sofort und unbedingt.

Stell dir vor es ist ‚Lichtenhagen‘ und alle schauen immer noch nicht weg …

Es gibt so eine Art, die Massen auch zu großen und wichtigen Ereignissen nur unter falschen Vorzeichen hinlotsen zu können. Es ist unter allen Umständen wichtig, am 20. Jahrestag in Rostock-Lichtenhagen Flagge zu zeigen. Aber.

Ich sehe im Moment mit Erstaunen und Befremden tausende Menschen auf den Vorlauf zum Lichtenhagen-Gedenktag aufsatteln; sehe Menschen, die eigentlich an gar nichts erinnern sondern einfach sich im Licht des Betroffenseins nachträglich als Besserwisser profilieren wollen. Nichts ist unerträglicher, als 18jährige Nachgeborene, die es besser wissen wollen, nur weil ihnen die gnädige Geschichte erspart hat, in krisischen Zeiten einen Standpunkt beziehen zu müssen und damit Rückgrat von ihnen zu fordern wo’s offensichtlich brenzlig wird. Nichts leichter als hinterher bescheid zu wissen.

Worums mir geht, ist, Mitläuferei im ‚guten‘ anzunähern an den Eindruck, den die ‚guten‘ Mitläufer gerne weit weg schieben wollen: Als Event-People in die Nähe der Steineschmeißer von 1992 zu geraten. Was suchen all die Kiddies im Jahr 2012 da? Das interessiert die eigentlich einen Dreck. Die wollen nur das Lebensgefühl abgreifen, das mit dem Besserwissen, Dabeisein und Dagegensein die Weichen auf Erfolg stellt. Viele überblicken dabei nichteinmal die dialektischen Schwierigkeiten im Nahbereich ihres eigenen Dafür/Dagegen.

Das Phänomen stellt sich so da: Die Massen, die 1992 da waren und nicht weggeschaut haben, sind heute im August 2012 auch wieder da. Es gibt sie heute noch: eine Form der Mitläuferei im Gedenken; Mitläuferei die damals verantwortlich war für das Mittun im Schmeißen von Brandbomben. Es gibt das als Ausdruck genau desselben Vorgangs: Dabeisein ist alles. Alle sind dabei. Damals wie heute. Wo ist Gegenposition? Es gibt sie nicht.

Nichts steht einer differenzierten Aufarbeitung mehr im Weg als dieses ewige Mitgelaufe, das von unserer sozialen Stimmung emotional belohnt wird, sobald es in den richtigen Kontexten stattfindet. Das übermäßige Bedürfnis nach Übereinstimmung allerdings ist eines der größten Übel, sagte schon Herbert Marcuse…aber wen interessiert das schon noch?

Wo waren die ‚guten‘ Erinnerer an Lichtenhagen 1992 im Jahre 2007, als am Alten Hafen in Rostock von Seiten der Antifaschisten und Antirassisten Steine auf Polizisten geworfen wurden? Jetzt, 2012, wird sich durch einen Anschluss an die Demo in Lichtenhagen das gute Gewissen erkauft, das man braucht, um über Steinwürfe auf Polizisten 2007 keine Nöte zu leiden. Genauso wenig wie Nazis überblicken diese selbsternannten Antifaschisten die dialektischen Schwierigkeiten, die sie sich auftischen.

Wo waren die guten Erinnerer in der Zeit, als die Prekarisierungstendenz in ganzen Stadtteilen Rostocks die Sozialstruktur komplett umgebaut hat und eine junge Generation in die Aussichtslosigkeit hineingeboren wurde? Wer ist denn aus seiner geballten Überbehütung heraus bereit, solche Vorgänge überhaupt als sichtbar zu akzeptieren? Aber.

Keiner hat je weggeschaut. Wegschauen ist schon 1992 nicht die Erklärung gewesen, wie so etwas hat passieren können: nein, indifferentes Hinschauen; ein Entsagen der eigenen Verantwortung im Hinschauen, Verantwortliche als Gaffer am Gitter eines Käfigs, in welchem die letzten Akte eines sozialen Experiments vorgeführt wurden – bereits in der Retardation begriffen -, ein Experiment das ungefähr so ging: Wie reagiert ein Volk darauf, wenn es seiner Lebensleistung und seines Arbeitsplatzes durch die Treuhand beraubt wird, und mitten in Europa am Ende des 20. Jahrhunderts einer flächendeckenden Prekarisierung überlassen wird? Wir haben alle hingeschaut und uns geweigert, den finanziellen Status als Erklärung für diese Dezivilisierung antreten zu lassen, stattdessen haben wir so getan, als würden alle wegschauen, was nicht der Fall war. Im Gegenteil ist diese Form des wirkungslosen und entsagenden Hinschauens viel perfider.

Müde vom Wendestress waren viele, der Mensch leitet so einiges lange Zeit nach innen ab. Bis die soziale Stimmung und der Alkohol andere Abfuhrformen begrüßen und selbst piefige Gesichter zum Gewaltausbruch anstacheln. Selbst das ist kein Erklärungsvolltext für diesen Ausbruch, aber es gehört zu der verhängnisvollen Melange, die man verstehen muss, wenn man denn ‚verstehen‘ will.

So sehr es wichtig ist zu erinnern, werden sich die Straßen rund um das Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen teilweise unter falschen Vorzeichen füllen: Das Motiv des Dabeiseins, das Motiv eines übermäßigen Willens nach Übereinstimmung mit den ‚Guten‘ – beides Motive, die auf bestimmte Weise auch Steinewerfer antrieben – wird mit zu den absehbar vollen Straßen geführt haben werden.

Erwartbarer Widerspruch von Seiten verbrämter Antifaschisten setzt sein Werkzeug meist an einer Stelle an, die für eine Schwachstelle gehalten wird, aber in meiner Argumentation keine ist, weil ich mir ihrer bewusst bin: Leuten wie mir wird gerne ein unzuträgliches Spiel mit ‚vergleichen‘, ‚gleichsetzen‘ und ‚relativieren‘ von linker und rechter Gewalt vorgeworfen. Wo ist das Problem: ‚Gewalt‘ diskreditiert sich als politisches Mittel selbst. ‚Linke‘ Gewalt ist vielmehr ‚rechts‘, als sie sich glauben lässt. Menschen, die sich nicht in der Gewalt haben, neigen zum Ausbruch. Es gibt aber keinen ‚guten‘ Ausbruch von Gewalt nach Außen.

Eventprotest steht immer unter dem falschen Vorzeichen, deswegen bewirkt er nichts, deswegen gehört er als wirkfreies Spielfeld in die Menge der Selbsterprobungsmöglichkeiten junger ‚linker‘ eben nur weil man sich dort gefahrlos auf Möglichkeiten des Dabeiseins und Mitmachens hin entwerfen kann. Es gab Zeiten, da hieß ‚links‘ aber noch ganz selbstverständlich eine Absage an diese Mitmach-Mechanismen. Vielleicht halten unsere grundweg befriedeten Zeiten nicht mehr genügend Dinge bereit, ‚gegen‘ die man mit berechtigtem Anspruch sein kann. Wenn dann nach Ausfallangeboten gesucht wird, wird aus der Hilflosigkeit oft Schwachsinn, nicht bei allen sicherlich. Es gibt auch überzeugte Antifaschisten, die diesen Blödsinn des unreflektierten Mitmachens nicht nötig haben.

Es gab Zeiten, da waren die Vorzeichen für einen solchen Gedenktag noch günstiger. Aus diesem Grund wird man viele, die in diesem Zusammenhang echt was beizutragen hätten, bei den Gedenkfeiern nicht antreffen. Nun gut: Auch diese Totalverweigerung ist irgendwie müde. Wie dem auch sei.

Zur Verflachung des NDR-Comedy-Contests

 

 

Zuerst die gute Nachricht: Woran ich überhaupt nichts auszusetzen habe war der Hauptgast Matze Knop, auch wenn er sich zuviel mit Boulevard und Sport beschäftigt, beides für sich so selbstevident komisch wie letztlich irrelevant, nichts auszusetzen an Domenica Berger, die so reibungslos moderiert, dass kaum auffällt, dass sie da ist, und das Fuck Hornisschen Orchestra, aus Komik-theoretischer Sicht die einzigen, die als Lichtblick des Abends zu bezeichnen sind, da sie Denkzellen mit Lachmuskeln und musikalischem Schwingungsorgan so kurzschlossen, dass wenigstens zur Halbzeit mal der Motor meines Wohlwollens stotterfrei angesprungen ist.

Der Gewinner der vergangenen Folge des NDR Comedy-Contest bringt als prolliger Türsteher das Problem qua Erscheinung auf den Punkt: Nicht etwa ist er den Gamaschen seiner Rolle zu groß sondern, und da wird’s peinlich, er füllt sie bestens aus. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Witze war zusammengesetzt aus Namen, die früher studiVZ-Gruppen trugen. Erinnert sich noch jemand freiwillig an zum Beispiel: „Sach mal’n Satz aus zwei Körperteilen: Hals Maul“ und wenn ja warum? Bitte wie flach ist das denn? Auf diesem Niveau war man da neulich Abend zu Hause, quasi auf einen eklektischen Cocktail zu Gast bei Witzen, die so alt sind, dass sie einem wie gute Freunde vorkommen: Man möchte ihnen doch glatt beim Umzug helfen. Bloß weit weg sollte die Reise gehen.

Dieser wohlige Kuscheleffekt des Altbekannten trat auf in Kombination mit stilbildendem Rap, die einzige Form, in der man sich in dem vorgeführten Proll-Milieu mit Sprache noch kultiviert vorkommen darf ohne zu peinlich für die rauhe Peergroup und sich selbst zu werden: das ist eigentlich auch schon wieder Lifestyle aus dem vorvergangenen Jahrzehnt, wenn mans genau nimmt. Und eins könnt ihr mir glauben: DAS ist MIR peinlich, wenn das Peinlichkeitsgefühl angesichts reichhaltiger Versprachlichungsmittel nur dann suspendiert ist, wenn sich mit der Sprache die Stilerfordernisse eines krampfig-modernistischen Zeitfensters einhalten lassen, das selbst wiederum überreif wenn nicht gar tot ist.

Die Wortbühne ist uncool.

Uncool wenn auch bereits mit Bühnen-Abo auf Langeweile ist auch Philipp Scharri. Auf jedem Slam gibt es meist einen, der reimt sich die bekanntesten Laut-Kongruenzen aus den Rippen, dass es Ommi die Falten aus dem Unterrock hobelt. Reimen ist neben Rhythmisieren und Aufzählen das beste Mittel, um das Fehlen eines eigenen Komik-Konzeptes zu überspielen mit einem Signal, das auf das Fehlen weiterhin aufmerksam macht: Wo gereimt wird, geht es bestenfalls um ‚Handwerk‘ und das lässt sich ja trainieren. Auf jedem handelsüblichen Slam gibt es einen, der das schon seit Jahren macht und wahrscheinlich schon mal jedes Wort der deutschen Hoch- wie Tiefsprache auf jedes mehr oder weniger zu ihm passende gereimt und Applaus für die Fleißarbeit bezogen, aber die Abstimmungen zurecht verloren hat, weil meist kommt so ein mahnendes, temperierendes und ausgleichendes Zeigefinger-Heb-Zeugs bei raus: mit ner Pointe, ein paar Wiederholungen für die Eindringlichkeit, ein bisschen Spannungsbogen musterhaft aus dem Deutschbuch für die Oberstufe abgeschaut und fertig ist eine kleine Preziose, der eigentlich kein komischer Trotz mehr gelingt, weil sie von vorne bis hinten an den Techniken ihrer eigenen Beherrschung erstickt. Das ist alles zu durchschaubar.

Wird eine Quoten-Frau zur Bühne vorgelassen, dann gefällt sie sich meist in ihrem geronnenen Realismus: Es reicht ihr, als einzige Frau im Anrecht auf Frauenthemen (was immer das auch ist) zu baden und es stößt ihr nie auf, dass sie als Frau die abgehangenen Frauenklischees nochmal ne Nummer überzieht nur um dem ausgemachten Feindbild Mann in einem faden Anflug usurpatorischer Emanzipation das gleiche zum Zwecke des Vorwurfs nachzuweisen: Aber: Selbst wenn Frauen über Frauen witzeln, sind sie sexistisch durch und durch. Wüsste man nicht, dass man davon nichts zu halten hat, würde man laut „Widerspruch“ rufen. So aber hört man sich bekannte Plattitüden über Alter, Schuhe und Männer an: Nur unabweisbar existente Aspekte unseres Daseins, in minimaler Aufbereitung soll das schon ein Witz sein. Tut mir leid: das ist eindeutig viel zu wenig und nicht komisch.

Irgendwo ist immer ein Lesebühnen-Verschnitt dabei: Ein Großstädter der liebevoll auf Absurd getrimmte Geschichten schreibt und als Vorbild ‚Horst Evers‘ angeben würde, wenn dadurch nicht seine Unterbietung noch augenfälliger würde. So liest er dann Texte, in welchen ein plakativer Kontrast im Zentrum steht, um den herum sich die ganze Eimerkette seines immanenten Altbau-Bewohnenden und in den 90ern mal Geisteswissenschaften studiert habenden Infantil-Humors entfaltet: sein Humor ist als ein Generationenphänomen nicht unbedingt einer der interessantesten Generationen verhaftet. Bauarbeiter, Fahrradfahrer, Ökomütter kommen darin vor: Kiezbewohner, die als Prototyp menschlichen Daseins ausgegeben werden um dann als exemplarische Unmöglichkeiten vorgeführt zu werden, so dass aus dem schusseligen Erzähler doch noch so eine Art Held der wichtigen Töne wird: einer der uns auf den kleingeistigen Boden unspannender Tatsachen herunterfaselt und uns suggerieren soll, so ‚sei das Leben halt‘: Die besten Geschichten über das Leben würden uns von denen erzählt werden, die damit eigentlich nicht klar kommen, denen auch ihre Beziehungen ‚einfach so passieren‘, und deren Jobs wie komische Unfälle mit Sexspielzeug wirken.

Nichts ist an diesem Comedy-Contest so abgestanden gewesen wie die Leute, die dort auf die Bretter vorgelassen wurden und nichts ist größer als die Repräsentativität des Querschnitts den sie in dieser Zusammenstellung abgeben für die Bereiche der Kleinkunstlandschaft, die zurecht abseits stehen. Der Contest fördert so keine neuen Talente hervor, sondern immer neue Abgüsse medial bereits erprobter Vorlagen, wobei bei diesem Kopiervorgang aus Gründen fehlender Komik-Konzepte jedesmal ganze Dimensionen verloren gehen.

Jede größere Lesebühne hatte mal einen, der Wertschätzung für Heinz Erhardt dergestalt missverstehen musste, dass er mühsamst fade Imitationen zu Papier würgte.

Auch war beim Mai-Contest nichts Besonderes daran, dass das Modell des herausragend Bekloppten für integrierbar gehalten werden muss, sich letztlich der Geschmack der Ausschlag gebenden Menge aber eher nicht an das Schrullige hält. So erfüllte der einen Idioten spielende Allerwelts-Ältere mit einer Biographie gebrochener Erwerbsansätze die Rolle desjenigen, der um des Freak-Charakters willen zwar mitspielen darf, aber nur deshalb weil die Freaks vor dem Fernseher, die gerne über Freaks lachen, nicht wirklich ‚spielen‘ können, dass sie sich durchweg für die Normalen halten: nee die meinen das ernst. Zuviel Spiegel vor dem Bewusstsein das erträgt doch keiner. Der bewusst Defizitäre, der der Menge das Auslachen leicht machte, konnte mit dem Anstrich des parasitären Landstreichers mal endlich den Glamourfaktor von der Bühne verbannen, überrascht durch einen Koffer voller planungsaufwändiger Mechanik aber nur dahingehend, dass es die Rolle des Idiotischen zu Fall brachte: Der will uns verarschen, der hat das alles geplant, bis hier hin und nicht weiter funktioniert das.

Das war der neulich abends im Fernsehen gebrachte NDR-Comedy-Contest vom Mai 2012. Von allem ein bisschen aber nix wirklich.

Selten so wenig gelacht.

Verlorene Zeit.