Kein Leben nach dem Tod

Oder:
Warum man ein Arschloch sein darf
(Einige Überlegungen)

 

„Es gibt für Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.“
Walter Benjamin

Seitdem wir es immer mehr verstehen, gut zu leben, ist die Frage nach einem Leben nach dem Tod etwas aus dem Fokus gerückt, wie eine schlechte Nachricht, die man aufgrund ihrer radikalen Endgültigkeit lieber erst sehr spät übermittelt bekommen möchte. Der existenzielle Druck, eine Antwort auf diese Frage formulieren zu müssen um die richtige Einstellung zum Leben zu finden, ist deutlich geringer geworden. Warum ist das so?

Alte Antwortmuster haben ihre Gültigkeit oder Verbindlichkeit für viele, oder auch ihre paradigmatische Kraft für die Auseinandersetzung über das Wesen Mensch generell eingebüßt. Gleichzeitig wird aber einerseits in traditionellen, zumeist religiösen Denkzirkeln und in Kreisen der new-age-Esoterik andererseits der Glaube an ein Leben nach dem Tod ‚immer noch‘ oder ‚schon wieder‘ wachgehalten. Sowohl fanatische Terroristen, die ihre Selbstopferung durch ihr paradiesisches Weiterleben gerechtfertigt sehen, als auch frühe Friedensbewegte, die über Drogenerfahrungen zu seltsam verklärten Visionen vom Sein nach dem Tode gekommen sind, haben gleichermaßen das Bedürfnis, die Tatsache der eigenen Sterblichkeit ins Reich der Phantasie zu verschieben.

Dieser Effekt verrät bei beiden, dass die je eigenen Selbst- und Weltverhältnisse auf schwachen Begriffen gründen. Dass mich das interessiert ist klar, denn schwache Begriffe sind für Philosophen immer schon dankbare Angriffsziele gewesen. Mit dem Angriff will man aber keine Träume zerstören, sondern schlecht gedachte, schlecht formulierte oder schlecht praktizierte Phantasien geraderücken, und sie – wenn sie denn zu retten sind – auf ein denkbares und lebbares Reflexionsniveau bringen, oder andernfalls zu klären, warum sie nicht zu retten sind und sie dann mit gebührendem Pomp zu verabschieden.

Mein eigener Tod interessiert mich nicht

Keineswegs ist klar, dass mein Leben und mein eigener Tod in einem so engen Zusammenhang stehen, wie das allgemein gedacht wird. Aus dem Brief an Menoikeus des antiken Philosophen Epikur stammt das in diesem Kontext häufig angeführte und damit fast schon missbrauchte Versatzstück, dass der eigene Tod einen nicht betreffe, „denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Es besagt zunächst nichts anderes, als dass wir im und vor allem nach dem Moment unseres Todes über rein gar nichts mehr von dem verfügen, über das wir zu Lebzeiten mal verfügten. Unser Einflussbereich erstreckt sich auf keine unserer Lebensäußerungen und der uns einbegreifenden sozialen Tatsachen. Wir können nicht mehr handeln und nicht mehr handelnd Teil von Gruppen sein.

Unser eigener Tod gehört als Vorstellungsinhalt und damit als Quelle vieler Auseinandersetzungen zwar zu unserem Leben dazu, aber bereits im Moment seines Eintreffens verändert er die Grundlagen so sehr, dass er nicht mehr reflexiv eingeholt werden kann, weil wir nicht mehr reflektieren können. Reflektieren heißt aber nichts anderes, als ‚zurückwenden‘ oder ‚spiegeln‘, was schon der Wortbedeutung nach ein ‚Neben-sich-stehen‘ des Menschen erfordert. Man tritt als Wesen mit Bewusstsein bildlich gesprochen aus sich heraus und denkt darüber nach WIE man ist, WAS man tut, WIE man sich dabei fühlt, und vielleicht was man glaubt WIE andere sich dabei fühlen. Dem Prozess der Reflexion ist es dabei gegeben, mögliche Wirkung des eigenen Todes auf andere Menschen, die einem vielleicht nahe standen, vorwegzunehmen und durchzuspielen. Dabei kriegt man allerdings nichts über die wirkliche Wirkung heraus.

Die Frage an sich ist schon falsch formuliert

Um sich mehr bewusst zu werden, wo alleine die Formulierungsprobleme liegen, muss man sich den Unterschied der Konzepte „Zustand“ und „Ereignis“ verdeutlichen. Rede ich über den Tod als „Zustand“, dann meine ich eine Ewigkeitsspanne. Sobald man einmal kurzfristig gelebt hat, ist man durch den Tod praktisch für die Ewigkeit nicht mehr. Jeder von uns wird länger tot sein als er je gelebt hat. Damit verbindet sich eine kaum zu beantwortende Frage: Wie sieht es eigentlich mit dem ontologischen Status von Toten aus? Welchen Seins-Status kann man z.b. Menschen nach 1000 Jahren zusprechen, wenn die Länge ihres Totseins mit einem unwahrscheinlich großen Faktor die Länge ihres Gelebthabens übertrifft?

Rede ich vom Tod als „Ereignis“, dann meine ich eine relativ punktuelle, und zeitlich umgrenzbare Änderung, zunächst ein Aufhören von Vitalfunktionen, aber im Nachgang auch eine Vielzahl sozialer und kultureller Praktiken, mit denen der Verstorbene allen seinen Angehörigen, Freunden, Bekannten aber auch der Nachwelt offiziell als „dem Irdischen entzogen“ vorgestellt und sozusagen verabschiedet wird. Beerdigungszeremonielle leiten von dem ihnen vorausgehenden Ereignis des Sterbens in den ewigen Zustand des Totseins über. Manchmal sind sie die viel stärkere Zäsurs als das Sterben selbst.

Wenn man nur ein einziges Leben zur Verfügung habe, so hat sich der Schnack durchgesetzt, dass man es dann auch ‚gut‘ führen müsse. Ein voller Angst und Schmerzen rumgebrachtes und zu früh beendetes Leben, in dem man nie wirklich frei war, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, habe sich dem Anschein nach gar nicht gelohnt und sei deshalb retrospektiv nicht führenswert gewesen und gerade deshalb lieber zeitiger vorbei als dass es sich noch unnötig in die Länge zieht. Die Tatsache, dass wir zu gerne aus Lebensumständen, praktizierten Lebensansichten und anderen Aspekte wie der Lebenszeitspanne uns ein Urteil darüber bilden, wie lebenswert ein Leben, genauer gesagt eine bestimmte Biographie ist oder war, nimmt Einfluss darauf, mit welcher Einstellung wir dieser Biographie am Ende den Tod beigesellen: Als Erlösung von kurzem heftigen Leid oder als bedauernswert frühen Abbruch einer Karriere, die noch vieles hoffen ließ.

Gutes Leben durch „Gutsein“? Am Arsch….

Zu einem ‚guten Leben‘ gehören viele Aspekte, die mitunter nach harter Arbeit klingen: Ich muss gesund sein, die Welt mit einer Mischung aus Vernunft, Herz und Humor sehen können, eine Ausbildung erfahren und einen Beruf ergreifen, der mir Spaß macht, zudem in einer Partnerschaft glücklich werden, etwas erreichen, viele Eindrücke sammeln und für das Alter vorsorgen. Wenn ich keinen Partner finde, lag das vielleicht daran, dass ich den potenziellen Zufallstreffer in der Bar neulich nicht sexy und lebensfroh genug angelächelt und eventuell auch angesprochen habe. Je länger unsere Lebensspannen werden, umso mehr Aufträge kommen auf die „Soll“-Seite. Unter dem Selbstrealisierungsdruck und der Komplexität leiden immer mehr Menschen, sie werden depressiv, ziehen sich zurück oder sie werden zynische Spielverderber, die sich darin inszenieren, die Lebenslügen der Mehrheitsgesellschaft zu demaskieren und den Kuschelkonsens bezüglich der Pflichterfüllungen anhand bürgerlicher Lebenspläne zu diskreditieren. Diese Pflichterfüllung nimmt dabei oftmals die Endlichkeit des Lebens in den Blick und definiert allgemeingültige Lebensziele für das irdische Leben.

Wer zu rücksichtslos sein eigenes Ding macht und ein Leben nach wirklich selbstgewählten Maßstäben führt, wird oft als „Arschloch“ betrachtet. Arschlöcher können kein gutes Leben führen, so glaubt man gerne. Aber dennoch ertappt man sich dabei zu beneiden, wie souverän, stark und unberührbar sich Arschlöcher zu Lebzeiten nehmen, was vielen verwehrt bleibt. Wer sich in Zurückhaltung übt und alles, was ihn strukturell benachteiligt individualisiert, verkehrt Täter und Opfer und spürt einen mitunter enormen Lebensdruck, ohne dass sich dieser dauerhaft mit Lebensfreude paaren kann. Und wenn einem dann ein prototypisches Arschloch über den Weg läuft, ist man erstaunt („Darf der das überhaupt?“), verärgert („Das darf der doch gar nicht!“) oder traurig („Der darf das und ich nicht, weil ich ein guter Mensch sein will.“)

Wenn ich nur dieses eine Leben habe und danach wirklich absolut nichts mehr kommt, darf ich dann nicht auch ein Arschloch sein? Oder besser: Sollte ich dann nicht ein Arschloch sein, damit ich auch das kriege, was ich will und brauche? Von Bertold Brecht stammt das bekannte Bonmot „Sorgt doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“ Es ist ein gängiger Fehlschluss, dass die ‚gute Welt‘ wirklich so gar keinen Platz für Kultivierungen des „Arschlochseins“ hat und dass sie andernfalls schlechter würde. Inwiefern das neu zu denken ist, muss noch geklärt werden. Keine Angst, dieser Text wird keine Rückbesinnung auf den psychologischen Egoismus Hobbes’scher Natur. Er versucht nur Differenzierungen einzubringen, wo noch viele weiße Flecken das Bild beherrschen.

Es gibt kein Leben nach dem Tod. Durch Analyse der Begrifflichkeiten, was es heißt ‚zu sterben‘, kann man den überzeugten Anhängern von Jenseits-Phantasien nachweisen, dass sie einen zu schwachen Begriff des Todes haben. Wer auf Basis gewisser irdischer Voraussetzungen auf die Diagnostizierbarkeit eines Zustandes wettet, der mit der kompletten Änderung jener Voraussetzungen verbunden sein muss, um überhaupt einen Unterschied zu bedeuten, der hat sich nicht damit abgefunden, was der Tod eigentlich bedeutet. Ich kann wissen, dass es ein Leben vor dem Tod gibt. Dass es eines nach dem Tod gibt, kann ich nur glauben.

Was heißt es überhaupt, zu sterben?

Was aber heißt es zu sterben? Ich müsste meiner eigenen Beerdigung bewusst beiwohnen können und wahrnehmen können, welche Vorkehrungen man zur rituellen Verabschiedung meines Körpers im irdischen Bereich trifft. Dazu bräuchte ich eigentlich das lebendige Instrumentarium eines Körpers: Augen, Ohren, die Bedingung, auf der Erde anwesend zu sein. Und vor allem bräuchte ich ein kontinuierliches Bewusstsein. Dies ist nur unter der Annahme möglich, dass es etwas wie eine Seele gibt. Viele Sterbeforscher und Wissenschaftler, die Nahtoderfahrungen analysieren, glauben, Beweise für die Seele gefunden zu haben, ‚wissen‘ können sie es aber nicht und meines Erachtens lassen sich diese zum Beispiel anhand von sogenannten außerkörperlichen Erfahrungen gewonnenen Eindrücke von der vermeintlichen Existenz der Seele gut widerlegen. Das hat bisher niemand systematisch getan.

Die Außerkörperlichkeit ist ein Gehirn-Artefakt. Grundsätzlich hat sie mit der menschlichen Fähigkeit zur Reflexion, Phantasie und autonomer Bild-Erschaffung zu tun, die in der exzentrischen Positionalität (dazu Helmut Plessner) wurzelt. Dass Sterbeforscher über Interviews auf so etwas wie Außerkörperlichkeit schließen wollen, ist seltsam: sie verlassen sich auf Erfahrungsberichte von Menschen, die fast tot waren, aber nicht wirklich hirntot sein konnten, weil sie sonst weder erneut wach werden noch über eine Bewusstseinskontinutität verfügen könnten, mit der sie sich im wieder erwachten Zustand die Erlebnisse des Todes als eigene Erlebnisse zuschreiben könnten. Das heißt, Bedingung für diese Form Erlebnisbericht-basierter Sterbeforschung ist, dass die Probanden eben NICHT sterben.

Ihre Gehirne zeigen Aktivität, selbst wenn es diese Aktivität in einem für uns nicht oder nur kaum physikalisch wahrnehmbaren Level zeigt, heißt das nicht, dass diese Aktivität nicht noch bildliche, akustische Eindrucksartefakte erzeugt, die viel eher aus der bisher weitgehend unverstandenen Kreativleistung des Gehirns kommen, als aus der wirklichen Ansicht einer den lebenden verborgenen Welt – ob nun Himmel oder Hölle. Zudem wollen Nahtodforscher die Außerkörperlichkeit immer durch die Erzählung von „Seheindrücken“ der Probanden bestätigt haben. Das mit dem Sehen kann so seine Schwierigkeiten haben (das zeigen Experimente mit Wahrnehmungskategorien, Gestaltgesetzen, Blinden, usw). Wir haben offensichtlich noch nicht genügend verstanden, warum das Gehirn im niedrigen Energielevel uns immer noch Bildergeschichten erzählt, die aber keine von Objektivität zeugenden Verarbeitungen unmittelbarer Sinneseindrücke sind.Und wir haben noch nicht den Wirklichkeit-gestaltenden Sinn von „Erzählungen im Nachhinein“ begriffen.

Ereignisse vor dem Tod haben nichts mit dem Tod zu tun

Soziologen und Mediziner beschäftigen sich mit dem Nahtod als „Erlebnis“, also mit Vorereignissen des Todes. Damit ist überhaupt nichts herauszufinden über die wirkliche Beschaffenheit des Lebens nach dem Ereignis, das nach den nahtodischen Vorereignissen kommen solle. Die Nahtoderfahrung ist eine reine Schau von Vorstellungsinhalten. Soziologen haben nachgewiesen, dass die Arten der Bilder, die mit ihnen verknüpften Gefühle, kultur- und sozialisationsabhängig sind. Das hieße aber auch, dass die Nahtoderfahrungen umso positiver sind, je mehr Menschen starke weltanschauliche Verankerungen in religiösen Paradgimen haben, die es zur Aufgabe haben, psychischen Schutz gegen die Angst vor dem Sterben bereitzustellen, also gegen die Furcht vor dem Erhabenen zu immunisieren, und dies u.a. mittels ausgeschmückten Weiterlebensideen erreichen.

In einer Welt der schleichenden Säkularisierung ließe sich damit die Tendenz beschreiben, dass uns in Zukunft mehr und mehr Nahtoderfahrungen mit nicht positiv belegten oder zunehmend neutralen Bilderschauen und Visionen konfrontieren. Mit anderen Worte: Wenn man meint, dass man dort etwas über wirkliche und allgemeingültige Lebensbedingungen nach dem Tod herauskriegen würde, dann müsste man mit dem Paradoxon leben, dass sich dieses verlässlich gleiche „Leben danach“ im selben Schrittmaß wandelt wie sich die Einstellungen der Menschen zu sich und zur Welt ändern. Mit dieser Änderungskorellation ließe sich jetzt schon eines gewiss sagen: Dieses Leben danach hätte verdammt viel mit dem davor gemein. Was wir vor dem Tod zu sehen kriegen, erzählt von unserem Leben, nicht von dem, was wirklich kommt, sondern von dem, was wir zu Lebzeiten durch kulturelle Dressur als das kommende zu begreifen, zu erhoffen oder zu wünschen gelernt haben. Zudem sehen wir eine Drogen-Vision: Körper-eigene Drogen befeuern die Bilderschau. Es ist ein evolutionärer Vorteil, dass ein sterbender Körper sich aus Schmerzlinderungsgründen mit eigenen Glücklichmachern vollpumpt, die ähnlich wie synthetische Drogen die Wahrnehmung außer Kontrolle bringen. Niemand aber käme auf die verrückte Idee, Menschen nach einem LSD-Trip nach einer objektiven anderen Welt zu befragen, die sie gesehen haben und für die sie nur gültig auskunftsfähig wären, wenn sie nachweisbar kontinuierlich klar bei Sinnen gewesen wären.

Ethik adé, wir sterben!

Wenn es also kein Leben nach dem Tod gibt, bedeutet das dann, dass ein argumentativer Anker für irdische Ethiken wegfällt? In vielen Kulturen und alten Glaubensparadigmen erscheint der Tod als Bilanzmoment für das Leben. Da man individuell stirbt, wird Gutes und Schlechtes im Leben in einer individualisierten Rechnung gegenüber gestellt und jenachdem das ‚Weiterleben‘ als Belohnung oder Bestrafung eingerichtet. Es gibt ja aber kein Leben nach dem Tod. Rächt es sich also nicht einmal mehr ‚letztinstanzlich‘, wenn man zu Lebzeiten ein Arschloch war?

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht wenige in dieser Vorstellung, es gäbe kein Leben nach dem Tod, eine große Gefahr sehen: eine Bedrohung für die Ethik, für das gute Leben, für internationale und generationelle Solidarität, einen Freibrief für Rücksichtslosigkeit und religiöse Unruhe. Aber nein, diese Gefahr sehe ich entschieden nicht. Wie viele Selbstmordattentäter werden deshalb zu Arschlöchern, eben weil sie an ein Leben nach dem Tod glauben? Damit wäre die Vorstellung hinfällig, das Jenseits gebiete erbarmungslos über eine bestimmte Form irdischer Ethik. Wenn das Jenseits dies nicht kann, kann es eine neue Diesseits-Fokussierung vielleicht eher. Also: Ob man aus der neugewonnenen Gewissheit, dass der Tod kein überirdischer Bilanzmoment ist, die Freiheit ableitet, sich unterirdisch gegenüber anderen Menschen verhalten zu dürfen, ist jedem selbst überlassen. Faktisch rückt aber die Beurteilung aber, ob man ein guter Mensch ist oder nicht, in die Sphäre zurück, in die sie gehört und in der diese Beurteilungen überhaupt nur Sinn ergeben: in den Bereich, wo lebenden Menschen ein unmittelbares Verhältnis in sozialen Bindungen miteinander eingehen und in einer Welt leben und eine Welt gestalten, in der viele vor ihnen waren, viele mit ihnen sind und noch sehr viele nach ihnen sein werden.

Wir müssen zur Klärung guter Argumente für ein gutes Leben die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod überwinden. Alles was nicht notwendig ist, ist entweder Glaubensluxus oder Ansichtssache. Man kann ohne Seele leben und trotzdem ein guter Mensch und kein anderer Mensch sein als der, der man ist. Man kann ein guter Mensch sein ohne dass man dazu zu glauben, gut sein müsse man nur, weil es sich irgendwann auszahlt, wenn im Moment des Todes darüber entschieden werden könnte, dass man sein Leben niemals mehr verlieren muss. Man kann ein guter aber schwer kranker Mensch sein, der sich aufgrund der Schmerzen wünscht, einfach nur zu sterben um erlöst zu sein. Aber selbst der Begriff der Erlösung hört durch den Tod auf, Sinn zu machen. Der Zustand der Erlösung – also das Erleichtertsein von wirklichen Qualen – setzt in dialektischer Sicht ein Subjekt voraus, das diese Erlösung spürt, reflektiert und die Erlösungsgewissheit verkörpern kann. Wann immer wir im Kontext mit Verstorbenen von Erlösung sprechen, verwalten wir leidiglich ein christliches Sprachspiel, von dem nur wir (Über)Lebenden etwas haben. Die Vorstellung, dass es so etwas wie Erlösung geben kann, ist ungemein tröstlich. Aus geistig-immunologischen Gründen halten wir auch an diesem schwachen Begriff fest.

Zwar wurde es mancherorts Jahrtausende lang gepredigt, aber: Das Leben nach dem Tod kann und sollte für Menschen nicht als die Erlösung zum Guten erscheinen. Wer das nämlich zu intensiv glaubt, wird zu Lebzeiten eher ein echtes Arschloch, als diejenigen, die nur deshalb als Arschlöcher erscheinen, weil ihnen das Leben irgendwie leichter von der Hand zu gehen scheint und denen die Lebenszuversicht praktisch genügend Fassung vor der Sterblichkeitsgewissheit gewährt. Menschen, denen es im Leben gut geht, sind weniger dazu gezwungen, auf das erlösende Paradies, höhere Gerechtigkeit oder nachholende Usurpation zu hoffen.

Und wo spricht man noch vom „Leben“?

Ebenfalls zur Schärfung und Pointierung des Themen-Überhangs empfiehlt sich, den Begriff des Lebens besonders in seinen „Bindestrich-Varianten“ metaphorisch aufzufassen und auf einzelne Phasen eines einzelnen Lebens zu beziehen. Vielleicht lassen sich daraus Muster der Perspektivierung von „endenden Phasen“ gewinnen. Im heutigen Erwerbsleben gibt mancheiner seine körperlich und geistig aktivsten Lebensjahre hin für die heteronomen Zwecke einer mitunter schlecht bezahlten Erwerbsarbeit. Sicher kehrt auch das sich langsam um und die Erwerbsbiographien werden immer offener, aber noch immer ist ein übertriebener Lebensarbeitszeit-Realismus weit verbreitet: Gute Lebenszeit in der Rente verdient man sich durch effiziente Arbeitszeit davor. Es gibt also ein Leben nach dem Arbeitsleben, das je nachdem wie die Arbeit empfunden wurde, als eine Bestrafung oder Erlösung erlebt werden kann. Bei der Aussicht auf das Ende des Arbeitslebens, des Liebenslebens oder zum Beispiel bei der Bedrohung des Privatlebens geht es um für die Identitätsbildung relevante Antizipationen von Grenzerfahrungen und deren Bewältigung noch bevor das wirkliche Ende der jeweiligen Phase eintritt. Die Strategien dieser Bewältigung von Grenzerfahrungen können unterschiedlich ‚lebensklug‘ oder unterschiedlich ‚lebenspraktisch‘ sein und damit unterschiedlich tauglich für eine wirkliche Bewältigung existenzieller Lebensthemen. Wenn sich rausstellt, dass eine der Strategien, mit der Angst vor dem Verlust des Privatlebens umzugehen zum Beispiel ist, eine Art „öffentlichkeitsscheues Arschloch“ zu werden, dann ließen sich so definitiv Beurteilungsmuster gewinnen. Ähnlich verhält es sich mit der ethischen Gestaltung meines Lebens je nachdem ob ich den Tod als endgültiges Ende oder als Vorstufe zum Weiterleben ‚denke‘ und jeweils unterschiedliches daraus ableite.

Einige Selbstverständigungen literarischer Natur

Je mehr ich drüber nachdenke, um so klarer wird es mir. Mich interessiert im Hinblick auf die eigene, literarische Produktion, Sprache an den Rändern ihres Funktionierens. Der ästhetische Reiz von Gedichten liegt für mich darin, dass sie par exellance der Ort dafür sind, diese Funktionsränder zu begehen und auszuloten und damit per se Testfelder für nicht-alltägliches, nicht-umgangssprachliches Sprechen.

 

Der Redeweise in der von mir gerne gelesenen oder der gar selbst geschriebenen Lyrik mag mit dieser hier geäußerten, programmatischen Vorliebe auch immer etwas Verspanntes anhaften. Aber das ist für mich der vertretbare Preis einer Lyrik, die mit keiner Silbe darum gebeten hat, alltäglich gelesen zu werden oder sich in die Gruppe der Texte einzureihen, die weiterhin nur alltägliche Lesegewohnheiten zu bedienen vermögen.

 

Gedichte sind Grenzfälle der literalisierten Selbstaussprache. Sie sind oft kleine Entwürfe, in denen das funkelnde und schillernde Nichtfeststehen der Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem mit Mitteln des Wortes angedeutet wird. Wo immer Menschen Schönes in sich, in der Sprache, in der Welt finden, besteht die Chance, das ein Gedicht entsteht: vielleicht nur vordergründig Ich-Botschaften transportierend wird ein Gedicht für viele neben mir nur das sein, was darüber hinaus einige ästhetisch reizt, bedeutsam spricht, prinzipiell verstehbar aber nicht zwingend unmittelbar verständlich ist – Text von bleibendem Wert, präzise aber artistisch, sozusagen immer im Dienste der Pflicht, „genial misslingen“ zu müssen.

 

Es verwundert nicht, dass der Hauptseinsmodus aller Grenzfälle die Ambivalenz ist: Im Wunsch nach Selbstaussdruck kommt dem Schreiber heutzutage im Nachhinein oft der Gedanke, dass ein vielleicht zu druckendes Wort zu viel ungefilterte Subjektivität nicht verträgt. Für die Leseöffentlichkeit gilt aber – aus Schutzgründen – dass selbst der sich am ungefiltertsten gebende Autor nur die Fiktion eines Textes ist, der selber immer auch Auskunft über seine Gemachtheit gibt. Der ungefiltert subjektive Autor ist im Zweifelsfall die Fiktion eines Textes, in dem zwangsläufig irgendeine Stimme Regie führen muss. Nicht zwangsläufig seine.

 

Kein Gedicht ist „naturnotwendig“. Kein Autor, der die Stimme seines Textes „Ich“ zu sich sagen lässt, meint sich selbst als bürgerliche Person, schlimmstenfalls kleinbürgerliche. Kein Text rückt durch noch so viele behauptende Intimitätsmarker wirklich allen dicht auf die Pelle.

 

Wovor aber haben abgeschreckte Lyrik-Leser dann Angst? Welche Vorurteile regieren im Lyrik-Abstinenzler?

 

Unter dem Motto „Was, das soll Lyrik sein? Das kann ich auch!“ formieren sich Schutzschilde gegen die gängigsten Ängste weiter Kreise der Bevölkerung, die vom ernsthaften Kunstdiskurs schon seit Jahrzehnten größtenteils abgekoppelt sind, und: dies auch langsam merken:

 

Wenn ein Leser etwas nicht mehr als Kunst bewerten kann, das aber welche ist, dann drohen ihm die Maßstäbe zu entgleiten / Wenn ein Leser die Stoffe, Themen, sprachlichen Bilder, die Arten der Welt- und Ich-Auseinandersetzung nicht versteht, es ihm also schlichtweg zu hoch ist / Wenn es ihn ästhetisch einfach nicht reizt, er aber aufgrund des anempfohlenen Kunstgehaltes und seinem Bedürfnis nach Übereinstimmung mit den Wissenden und Gebildeten lieber unverstandenen Dingen mit innerer Abscheu huldigen müsse / er im Ernstfall eines Gespräches darüber nicht eigenständig auskunftsfähig wäre / er reflektierte Sprechweisen vorgeführt bekommt, zu denen er als Produzent und Urheber von Sprachäußerungen nie fähig sein wird / usw…

 

Lyrik-Lesen wird unter solchen Voraussetzungen zu einer Mischung aus: Pflichtveranstaltung ohne persönlichkeitsbildende Effekte, Quälerei ohne eigenen Gewinn, Vorhaltung der eigenen sprachlichen Unzulänglichkeit, oder taktlos intime Anrührung des eigenen, eingefahrenen Denkkosmos’…..

 

Alles äußerst unschön.

 

Gerade bei Lyrik setzt in exoterischen Denkzirkeln häufig ein anti-poetisches Ressentiment bei Texten ein, die mit ihren Bildern, ihren reflektierten Sprechweisen, ihrem Hochstil tendenziell nur überfordern können, weil sie Experimente auf der Grenze sind. In esoterischen Lyrik-Kenner-Kreisen kehrt sich dieses Ressentiment gerne ins Gegenteil: etwas, was nicht abständig genug ist, ist vielleicht auch nicht Kunst genug, und dann wäre es Zeitverschwendung, ein zweites Mal noch etwas zu prüfen, was sprachlich und weltanschaulich kaum einen Reiz für Kenner bietet.

 

Das wichtigste ist mir: in meiner Lyrik gebietet mir niemand, außer mir selbst. Und mich interessiert Sprache an den Rändern ihres gewohnten Funktionierens. Ich widme mich Gedichten nicht, um Geschichten zu erzählen, mit cooler Dramaturgie oder sonstigem, sondern um mit solchen Äußerungsprodukten Umgang zu haben und mein Spiel zu treiben, die permanent die Äußerbarkeit gewisser Dinge  und damit die verwertungslogische Haltung zur regelkonformen „Produzierbarkeit“ jeglicher Äußerungen hintergehen. Wir wissen: in Zeiten eines praktisch nicht existenten Marktes für zeitgenössische Lyrik ist das Schreiben von Lyrik auch in größeren Verwertungsmaßstäben quasi eine kleine, antikapitalistische Revolution.

 

Die Gute Nachricht ist: Selbst wenn man leicht den Überblick verlieren kann, was wirklich kunstvolle Lyrik ist und was nur Scharlatanerie, es gibt trotzdem Kriterien, die aus dem Funktionieren der Sprache selbst stammen. Es gibt diese Kriterien, sie sind erlernbar, und ihr Umgekehrtwerden  und kreatives Ausgespieltwerden gegen den „gesunden Menschenverstand“ in moderner Lyrik sind einsehbar. Man KANN sehen, wie das funktioniert. Wie es im Entsagen herkömmlicher Funktionszusammenhänge verwaltender Rede auf eine künstlerische Art und Weise zu neuer Funktion kommt.

 

Wer sich dann aber aus Angst vor dem Überblicksverlust darauf herausredet, dass „er das auch“ könne, der gehört in der Regel nicht zur Sorte der Freigeister, die es nicht mit der Ankündigung ihres Könnens  bereits für abgehandelt halten, sondern die im Gegenteil im Eingeständnis ihres Nichtkönnens keine große Worte darüber verlieren, dass sie en passant große Worte schreiben. „Groß“ deshalb, weil deren Auftreten in einer Gesellschaft der anti-poetischen Ressentiments zunehmend Seltenheitswert erhält.

 

 

Eros und Verteilungsgerechtigkeit

Ein altes Märchen um die Schwierigkeiten der Findung von Männlein und Weiblein weiß folgendermaßen folgendes zu berichten: Zu jedem Topf gibt es einen Deckel, zu jeder Tasse einen Henkel und das Runde muss ins Eckige. Nun haben es Märchen trotz aller abständigen Brutalität so an sich, dass sie beruhigend wirken können und sollen: die Kalküle gehen auf, Gut und Böse sind klar voneinander zu scheiden, der unbedingte  Triumph des Guten ist präjudiziert und er macht selbst Verständnis und zwischenzeitliche Sympathieanflüge für das Böse aushaltbar. Dass passende Partner sich finden ohne sich durch die Langwierigkeit des Findungsprozesses wechselseitig zu beschädigen, wird heutzutage allerdings immer unwahrscheinlicher: Wir laufen mit saftig hochgeschraubten Anspruchsniveaus durch eine Pop-Öffentlichkeit, die uns auf der morgendlichen 7:30Uhr-Fahrt zur Arbeit blanke Brüste serviert, zum Nachmittagskaffee schmierige Schmonzetten im Ersten Programm, die Blumen im Namen tragen, weil Blütenreinheit um so werbewirksamer ein Etikett sein kann, wenn eigentlich alles ästhetisch besudelt und dramaturgisch alles abgenudelt ist. Der Stadtraum fixiert uns auf eine Gefängnis-Insassenschaft, die wir mit Durchtritt durch einen Torbogen, auf dem „oversexed but underfucked“ stand, erreichten. Unser Anspruchsniveau erklärt die Prosperität des Topf-Deckel-Märchens: Zu jedem Durchschnitts-Topf, der sich seine Mediokrität allerorts unter die Nase reiben lassen muss, wird sich ein Deckel von durchschnittlicher Machart finden lassen.

Dieses Deutungsmuster der Beschädigungsusurpation trägt einen fatalen Gerechtigkeitssubtext, dem man schnell verfällt. Und wie selten gelingt es Verfallenen, noch nüchtern auf den Schirm zu kriegen, was ‚wirklich‘ ihr Problem oder Ursache ihrer Beschädigung durch die Suche nach einem Partner ist? Ich widme mich daher dem Thema über eine Art „Gegenprobe“. Wo werden Gerechtigkeitskalküle bemüht, ohne dass sie dort etwas zu suchen haben?  Dort, wo sie ungreifbare Dinge wie Subjektivität, Persönlichkeit, Zufall und Wahl – im Stile der Vernunft aber in Wirklichkeit gegen die Vernunft – handhabbar machen sollen. Das anti-aufklärerische Moment liegt darin, dass sich in einer durchrationalisierten Welt auch die Liebe der Ratio fügen muss. Aber: Diffuses leiden ist wahrscheinlicher als Nüchternheit in einer Welt, die sich ihr emotionales Leid durch ihren überwertigen Realismus eingebrockt hat.

Es bleibt zu erkennen, dass durch die Topf/Deckel-Redeweise, die Zufälle, das Ungenügen oder Pech und alle schönen kleinen Unwägbarkeiten tilgend verwaltet werden sollen, die menschliche, emotionale Welt in ein Kalkül verwandelt wird, das nach maßgeblicher Planung irgendeiner Instanz am Ende aufgehen solle. Wer sich von zufälligem Pech auf störende Weise und mit Grundsätzlichkeit benachteiligt sieht, findet zu diesem Deutungsmuster um ihm zu verfallen. Aber wenn es stimmte, dass die Welt ein Kalkül ist, hieße das ja, dass ein Mensch, der den Partner seines Lebens nie findet, eben an einer Welt scheitert, die nicht ungerecht eingerichtet ist, und wir Menschen können das gerade in unserem menschlichsten Bereich nicht befriedigend denken, und gerade bei der Liebe sollten wir – so sie trotz Wunsch danach ausbleibt – nicht willens sein, Gedanken um „gerechte Verteilung“ mitzutragen.

Steile Thesen über die Einrichtung der Welt als gigantischem analytischen Urteil machen individuelles Liebesmisslingen zu einer Gerechtigkeitsfrage, die an denjenigen gestellt werden dürfte, der die Einrichtung der Welt besorgte, ganz gleich was auch immer man dahinter vermutet. (Ich vermute uns selbst dahinter: Wie wir allein mit Sprichwörtern die Welt verwalten und eine überschaubare Anzahl von Worten für schier unendlich variante Lebenslagen bereithalten: so versimpelnd sind nur Menschen.) War bei den auf diesem Globus rechnerisch möglichen Partnerschaften Gerechtigkeit bei der Zuteilung im Spiel, wenn jede/r eine/n hat? Braucht mancher mehr Partner und ist es gerecht, dass eine/r übrig bleibt? Je größer das Leid, desto umfassender der Rekrutierungs-Pool, der klagend angerufen wird. Ist die kommunale Wiese bereits gemäht und das emotionale Massaker in endlosen Wiederholungsschleifen im Kleinen genug beweint, heißt es oft: „Gibt es denn niemanden auf diesem Planeten für mich?“, was die vorläufige Grenze dieser Ausweitung und Öffnung im Stile einer Abschließung gegen das Misslingen des Weltkalküls markiert: Die Anrufung des Universums ist kein Qualitätssprung mehr wenn sie im Stile des Galgenhumors vorgenommen wird. Die Wehklage „Ist es gerecht, dass es niemanden für mich gibt“ ist als Resultat wahrscheinlicher, sobald man an die Welt als Kalkül glaubt.

Ein Kalkül beruhigt wie ein Märchen, die Welt als Algorhitmenmaschine gesehen beruhigt durch ihre Genauigkeit, Vorhersehbarkeit und Beherrschbarkeit. Manchmal ist diese Art Beruhigung – trotz der Kehrseite, Spontaneität und Lebendigkeit durch die Wiederholungschance unmöglich zu machen – wichtig, und zwar meist dann, wenn das generelle „Sich-Offenhalten“ bedeutet, dass man unbeweglich wird weil man handlungsunfähig in Optionen erstickt, bevor man auch nur eine von ihnen erkundet hat.

Wir haben die popkulturelle Fokussierung auf Beine, Einkommen und mühsam erkaufte Sozialdistanz, die uns Appetit aufeinander machen soll, meist satt, sobald sie nicht fruchtet. Es findet eben nicht jeder Topf einen Deckel, so wie nicht jeder Schuh einen Fuß, nicht jede Katze einen Kratzbaum, nicht jeder rote Toskana-Wein ein bauchiges Glas, nicht jeder Cent einen Euro. Wünschen hilft nicht, Beten hilft nicht, verschiedene Partner ausprobieren hilft aber baut final keine Unsicherheit ab, darüber fluchen baut Spannung ab aber hilft nicht.

Unsere moderne Sharing-Kultur, die den Zugang zu Dingen vor den individuellen Besitz gestellt hat um dann keine Nöte darüber zu leiden, dass man mit Menschen auf intimer Frequenz ebenso schalten und walten könne wie mit einer ausgeliehenen Bohrmaschine, trägt dazu bei, dass die Idee einer verteilenden Gerechtigkeit mehr und mehr von einem emotionalen Nomadentum und einer Flucht potentieller Partner ins „Dazwischen“ bedrängt wird: Zwischen Städten, Ländern, Lebensaussichten und Geschmäckern werden partnerschaftliche Draufgänger zunehmend substanzlos und wandelbar bis zur Rückgratlosigkeit. Mit einer emotional ortsungebundenen Lebensweise ist das Prinzip von „Nähe in Dauer“ schwer zu vereinbaren. Die steigende Zahl von Menschen in offenen Beziehungen, die ‚unterwegs‘ wahllos in allen Gehegen wildern, ist mit ein Grund dafür, warum die Findung von erotischen Ausbrüchen mit einer sinkenden Zustimmung zu Stabilität einhergeht: Welchen Flaneur, welche Jet-Set-Frau wollen Sie auf irgendetwas festlegen?

Der Idee von der erotischen Verteilungsgerechtigkeit im Topf/Deckel-Märchen muss seine Nähe zum algorithmischen Denken nachgewiesen und dies gegen die Vorteile der Unausgeglichenheit abgemahnt werden. Es ist weder gerecht noch ungerecht weder von der Welt noch von der Liebe, wenn ein liebesbereites Ich unter Liebeslosigkeit leiden muss. Es ist dies vielmehr Quelle aller Energie für gewichtige menschliche Selbstbedeutungen. Das Ausgleichen aller Spannungsungleichgewichte in Hinsicht auf Partnerschaftlichkeit wäre die Vernichtung seelischer Vielfalt. Was der Menschheit ganz Recht geschieht: Ein jedes, unverzichtbar anrührende Zeugnis eines vor unglücklichem Liebesleid Aufschreienden ist mehr Zeichen unserer Lebendigkeit und Liebesfähigkeit, als das Erstarren in einem Kalkül von Fügungen, dem gegen sich selbst kein Trotz mehr gelingen darf, weil es sich ins Recht der bestmöglichen aller Aufteilungen gesetzt hatte oder durch Sprichwortwiederholungen – also durch Bewahrheitung durch bloßen, repetetiven Gebrauch – in dieses „Recht“ eingesetzt wurde. Jeder nie abgeschickte wenn auch selbstgerecht Liebesbrief ist menschlicher, weil er mehr Liebe bezeugt als ein Kalkül, in dem behauptet wird: Was menschlich sei fügt sich nach algorithmischen Sicherheiten und fügt sich sowieso. Wer sich korrumpiert durch den Volksmund auf dieses dünne Eis begibt, bringt Gerechtigkeitsfragen dort ins Spiel, wo sie sich am meisten verbieten sollten, wenn uns denn noch etwas heilig ist. Gnade uns wer auch immer, dass uns noch etwas heilig ist.

Und trotzdem ist Alleinsein einfach mal Mist.

Wohin kehrt man zurück …

Auf vielfachen Wunsch meine unerheblichen Auslassungen. Mit Hochachtung.

Wohin man zurückkehrt, wenn es darauf ankommt, sich zu sammeln und zu konzentrieren, sich über das was man als das wirklich Eigene anerkannt hat zu verständigen, das ist die Frage, die darüber entscheidet, wie offen oder doch eher geschlossen sich das Band zwischen zwei Menschen gestaltet. Wo Menschen sich bei anderen Menschen unaufhebbar zu Hause fühlen, mag Zeit dazwischen sein, mögen unendlich viele Kilometer dazwischen sein: Wohin man zurückkehrt, wenn im eigenen Leben die chaotischen Randlagen nach mehr Wesentlichkeit verlangen, das entscheidet darüber, dass und inwiefern ein Band zwischen zwei Menschen alles andere als ‚offen‘ ist.

Chaotische Randlagen sind nicht nur der Midlife-Crisis vorbehalten. In modernen post-industriellen Gesellschaften spielt die emotionale Verwahrlosung eine Rolle im Leben all derer, die viel und oft in Beziehungen stecken, ohne aber die zwischenmenschlichen Kompatibilitätsprobleme mit Reflexionsarbeit zu bewältigen. Sich in wechselnden Übereinkünften zu zerstreuen ist leicht, sogar die Zerstreuung mit verschiedenen Partnern als Haltung auszugeben ist leicht, aber solange es ‚einen‘ Ort der Rückkehr ‚gibt‘, ist alle Offenheitsrhetorik als Deutungsmuster Bestandteil der eigenen Indifferenz, mit der man sich selbst vielleicht dabei zuguckt, wie einem das eigene Leben bloß ‚passiert‘, nicht aber dabei, wie man es ‚führt‘.

Phantasmen der Freien Liebe haben immer etwas von einer „Romantisierung des Primitiven“ an sich: Wir sind unverbindlich Freie, die ihre Freiheit nur brauchen, um darin verwahrlosen zu können. In der Offenheit frei nur für die eigene Grundsatzlosigkeit zu sein, verhindert gelingende Selbstbilder, die sich ja erst im Kontext mit den Fremdbildern von  nahestehenden Menschen schärfen und ihr Profil gewinnen an dem unüberbrückbaren Abstand selbst zwischen sich Nahestehenden: Die ‚Verschmelzung‘ darf nie gelingen, wenn man Menschen in ihrer Individualität wertschätzt, und doch kommt jede Beziehung mit dem Anspruch einer quasi-Verschmelzung daher, die scheiternden Beziehungen sogar mit dem größtmöglichen Verschmelzungsgehabe…

Auch jede offene Beziehung bedarf daher eines Sammlungspunktes in einer Person, bedarf ‚eines‘ sozialen Extrempunktes. Soziale Extrempunkte sind die, auf die mehr Vektoren verweisen: im sozialen Raum ist jede Richtung, jeder Kommunikationsbrocken ein Vektor, jede Nachricht, jede Geste, alle gerichteten Botschaften betreffen jemanden, weisen jemanden in der Häufigkeit der Konsultation als Extrempunkt aus. Je nach dem wo dieser – ob ‚in‘ oder ’neben‘ einer offenen Beziehung – ist, da ist der eigentliche Ort einer Beziehung, die eigentlich fest ist. Alles andere ist Rhetorik, die das unhaltbare Dezisions-Defizit haltbar machen soll.

Beziehungsmenschen allerdings, die unter der Maßgabe gesellschaftlich geprägter Zwangs-Vorstellungen ihre Beziehungsideale nur gegeneinander geltend machen können, befinden sich auf einer schiefen Ebene: Die Festigkeit, die sie sich wünschen, verhindern sie durch ihre Festigungsversuche. ‚Bedingte‘ Liebe unter dem Motto „Erst wenn du meinen Ansprüchen ganz genügst, werde ich dich vollends lieben“ reden einer Co-Abhängigkeit das Wort, deren Dauer auf Kosten der Unmittelbarkeit und Freiheit einer ‚atembaren‘ Atmosphäre geht. Es wird stickig und eng. Bald darauf ist es meistens vorbei.

Die Dialektik der Offenheit besteht ja darin, sich partnerschaftlich die Freiheitszugeständnisse zu machen, die nötig sind, um sich ‚überhaupt‘ halten zu können, folglich muss man sich darin aber auf einen reduzierten Kernbestand an Festigkeit zurückziehen. Eine offene Beziehung ist: in ihrem Kernbereich das Absicherungsminimum, das der finalen Einsamkeit entgegen wirkt, und in ihren Randbereichen eine Freiheit, die den Begriff ‚Beziehung‘ boykottiert.

Und dennoch ist das grundsätzliche Offenhalten auch immer von anti-ideologischer Natur: Es geht um nichts weniger als den Versuch, sein Spiel mit der Preisgabe oder Nichtpreisgabe konsistenter Lebensführung zu treiben: Wie weit kann man gehen, ohne zu weit zu gehen – Wie lange kann man sich offen halten, ohne übrig zu bleiben – Wie sehr kann man sich binden ohne unfrei zu sein? Dies hat seine entlastende Funktion besonders dort, wo regulative Durcharbeitungen der ‚fertigen‘ – oder wahlweise ‚verwalteten‘ – Welt scheinbar nichts von dem mehr zulassen können, das doch in der spielerischen Freiheit seine Wirksamkeit beweist: Ja, es ist möglich, diese Zusammenkunftszwänge nicht mitzumachen, aber der eigentliche Drahtseilakt wird nicht das Balance-Halten währenddessen sein, sondern den richtigen Zeitpunkt zum Absprung vom Seil nicht zu verpassen. Um aber mitkriegen zu können, wann dieser Zeitpunkt ist, muss man sich der Selbst-Anwendungs-Idee stellen: man muss sich zu seiner eigenen Offenheit dergestalt offenhalten, dass man sie zum richtigen Zeitpunkt verabschieden ‚kann‘. Die eigene Offenheit als offen hin zu ihrer möglichen Umwandelung in Festigkeit zu denken, gelingt vielen nicht, die ihre Freiheit ’nur‘ genießen wollen. Wer im richtigen Zeitpunkt die Offenheits-Verabschiedung nicht beherrscht, der läuft Gefahr, von Ereignissen, die ihm dann die Entscheidung abnehmen, überrollt zu werden. Das darauf folgende Leiden ist meist um so diffuser.

Offene Beziehungen werden durch ihre beziehungstechnischen Nebenstränge erst zu solchen gemacht, diese Nebenstränge zulassen zu können, offenbart die prinzipielle Vermehrbarkeit. Gerade in der Vermehrungsfähigkeit könnte es schwer werden, die Grenze zwischen Verhältnissen zu ziehen: Wo ist die alte Offenheit zu ende und beginnt schon eine neue ‚Bindung zu neuer Offenheit‘: Ohne ein Minimum an Bekenntnischarakter verliert auch eine ‚einzelne‘ offene Beziehung ihren Vorrang vor und unter möglichen, gleichen, potentiell unendlich vermehrbaren Verhältnissen in offenen Nebensträngen: damit aber verlöre die Ausgangsbeziehung ihre Bedeutung als Sammlungspunkt. Was durch die mögliche Vielzahl hindurch die ‚Beziehung‘ – wenn auch offene – bleibt, verweist darauf, wohin die Sammlungsrückkehr geht. Durch die mögliche Gleichrangigkeit der Nebenstränge hält sich eine Präferenz durch, die Sammlung von Zerstreuung unterscheidbar macht und aufzeigt, welches Verhältnis aus Zerstreuungsgründen mit Rückkehroption verlassen wird, ja nur durch die Rückkehroption überhaupt verlassen werden kann. Was einer jeden Ausnahmesituation – wie etwa im Karneval – ihr Maß vorgibt, entscheidet darüber, was es ist, das von bleibendem Ernst ist auch durch Zeiten größtmöglichen Abstands hindurch.

Die Unhaltbarkeit alter Offenheits-Entwürfe bringt aber ein Bearbeitungsdefizit ans Tageslicht: Wir können und dürfen sogar nie alle zwischenmenschlich möglichen Optionen aus-agieren, denn im Falle des unvermittelten Verhältnisses lebender Menschen wäre es geradezu zynisch, Genuss-Optimalität nur nach egoistischen Gründen zu dimensionieren. Wir dürfen niemals vernunftbegabte Wesen gegen ihren Willen als bloße Mittel zum Zweck unserer erotischen Genuss-Optimierung machen. Es hängt an jedem Einzelfall ein ganzer Mensch dran, mit eigenen berechtigten Ansprüchen auf Genüsse und einem seelischen Bedarf nach Nähe in Dauer ohne Ersticken.

Personen, die als Sammlungsfiguren überhaupt taugen, festzuhalten, weil man mit zunehmender Abgeklärtheit Einsicht in die unwahrscheinliche Koinzidenz zweier Individuen gewonnen hat, ist plausibel: menschliches Schutzbedürfnis, Geborgenheitsbedarf. Die Zerstreuung weg von Festigkeitsanflügen wahllos bei irgendwelchen Personen zu suchen – bei denen sie gleichgut zu haben ist weil die Sicherheit besteht, dass alle Ausflüge gleichwenig als Gefährdung taugen – ist wahrscheinlich. Zerstreuung ist – in der relativen Wahllosigkeit bezüglich der Frage, wo sie möglich ist – anti-ideologisch. Ähnlich wie in Synapsen oder beim Prinzip ‚Trampelpfad‘ prägen sich Wege durch Benutzung ein, durch Beanspruchung einer Gangbarkeit dort, wo woher kein Weg war. Synapsen sind offen für jede regelmäßig fließende neue Reizmenge. Durch Gebrauchsbeanspruchung allerdings lässt sich jede Nebenbeziehung rechtfertigen, auch die, die keine Ursache im Herzen hat.

Ohne ein Minimum an Bekenntnischarakter, ohne ein Minimum an sozialer Extrempunktqualität einer nahen Person, ohne die daraus resultierende Sammlungsrückkehr nach möglicherweise ausgiebiger Zerstreuung ist auch eine ‚offene‘ Beziehung keine Beziehung. Kommt sie allerdings mit diesen Merkmalen daher, sollte von vornherein reiner Tisch gemacht werden: Sollte den Personen, die zur Zerstreuung herhalten, das Gefüge benannt werden, in das sie sich eingliedern würden, und ihnen bevor mit ihnen etwas geschieht die Wahl gelassen werden, ob sie sich überhaupt in so einem Arrangement wiederfinden wollen. Es nicht zu viel gesagt wenn man festhält: Sie hätten gute Gründe, das nicht zu wollen.

… Zeitfenster der Überreife …

Schmerzgrenze der Depressionensaison. Hab ich die Sonne im Rücken, dann werfen die Tage länger werdende Schatten vor mich, denen ich hinterher laufen kann. Die anderen laufen den ihren hinterher. So fügt sich alles. Solange wenigstens noch Sonne ist, fällt es mir auffallend leicht, nicht darauf hoffen zu müssen, dass ich völlig durchdrehen werde. Die Bäume legen sich ihre Blätterchen zu Füßen und ich möchte rufen: „Also wenn das in Reihe passiert, krieg ich einen an der Klatsche, versprochen“, weil alles nach Abschied auszusehen und danach zu schreien beginnt. Erst wenn die Farben von den Bäumen schreien, beginnt das, ein Geräusch zu sein, das ich überhaupt höre in meiner ganzen Überbeschäftigung, Ablenkung und energetischen Auszehrung: soviel zu meiner Scheinheiligkeit, mit der ich mir die Offenheit für Zwischentöne im Übergang zuschreibe, dieses Versprechen an andere und mich aber nie einlöse. Herbst halt. Und ich wieder mit meiner ganzen Hilflosigkeit mittendrin, nie macht der Scheiß einen Bogen um mich.  

Ich meine erstmal meine Meinungsfreiheit …

Meine Meinungsfreiheit ist in den Augen derjenigen, die schon mein Recht darauf auch nur für eine meiner Meinungen halten, nichts schützenswertes sondern ein Verblendungsartefakt. Nur wo es divergente Meinungen überhaupt geben kann, kann überhaupt von einer Freiheit hinsichtlich der Nichtfestgelegtheit der Wahl einer der ‚Optionen‘ geredet werden. Meinungsfreiheit kann ihre kulturelle Realität nur dort am deutlichsten beweisen, wo die divergentesten denkbaren Optionen nebeneinander ausgehalten werden können. Insofern ist jede Parlamentarische Debatte zumindest der Rhetorik nach eine Lehrstunde für die Einebnung der Möglichkeit divergenter Optionen in meinungsfreien Post-Demokratien.

Letztenendes ist unser politischer Kurs ‚alternativlos‘ wenn die Argumente ausgehen; letztenendes sind wir ähnlich vernagelt wie Fundamentalisten, die eine Koranverbrennungen dadurch ahnden, dass sie sogar zehnjährige Mädchen vor Gericht bringen (Pakistan) aber selber Bibeln verbrennen (Ägypten). So doll muss man die Augen erstmal zugekniffen haben, dass man nicht mehr mitkriegt, dass das, was man selber tut, das ist, was man den anderen vorwirft.

Wenn ein weniger religiöser Mensch religiöse Dinge mit Humor nehmen und kann und das sogar in Gegenwart derjenigen tut, die religiöse Dinge nicht mit so viel Humor nehmen können, gehört der dann getötet? Nein, Herrgottnochmal wo leben wir denn?! Meinungsfreiheit heißt, dass jeder tolerieren muss, dass die Meinung SO WEIT GEHEN KANN, weil sie eben nur eine ‚Meinung‘ ist, von der  die Haltung des Anderen im Ernst nicht betroffen sein muss. Es sei denn, dessen eigene Wahrheit ist so schwach, dass er sich selbst von trashiger Kritik so leicht betroffen machen lässt, also von solcher ‚Kritik‘, die mehr oder weniger bewusst die ästhetischen und moralischen Aspekte der Zeit ironisierend unterbietet.

Der britische Aufklärungsphilosoph Shaftesbury sagte sinngemäß, dass keine Sache sich richtig sehen lasse, wenn man sie nur in einem bestimmten Lichte sehen könne. Alles verdient den beleuchtenden Blick und jede echte Wahrheit ‚verträgt‘ diesen auch, weil sich sonst im Schutze unserer Verblendung nur Halbwahrheiten und falsche Götzenvorstellungen einrichten. Mir scheint, der gewaltbereite Glaubensfundamentalismus – ganz gleich in welchem Glaubenssystem – ist jeweils ein Bündel solcher anfälliger Halbwahrheiten oder inhaltsloser Bekenntnisse, die aufgrund ihrer Schwäche im Begriff nach außen umso emphatischer ‚gelebt‘ werden müssen. Das geht nur über Ressentiments.

Jeder Mensch hat das Recht, vor physischer, repressiver Gewalt geschützt zu werden. Kein Mensch braucht vor gewaltlosen, nicht-physisch attackierenden Meinungen geschützt werden: Das Widerständige zuzulassen ist eine Kultivierungsaufgabe. Aus Angst vor der Gefahr des Widerständigen den Schwanz einzuziehen ist antiaufklärerisch, und das hat noch niemanden selbstbewusster, autonomer und weniger manipulierbar gemacht. Angst macht anfällig für Manipulation. Manipulierte, die nicht einmal selbst zu formulieren oder zu erdenken fähig sind, was es ist, das sie auf die Straßen lockt und ihnen Hass abfordert, die hat es auf der Welt genug: auch bei Naziorganisationen wie Pro-Deutschland. Es gibt zu viel Hass und Gewalt, die niemanden klüger, gesünder oder zufriedener machen. Das muss aufhören. Aber es muss nicht dadurch aufhören, dass man den anfälligen Hitzköpfen nur noch das zu hören gibt, was sie nicht überkochen lässt. Andererseits sollte man darauf verzichten, etwas zu Gehör zu geben, das so erwartbar doof die Weichen auf Provokation stellt nur weil es eben das tut.  

Wieviel Recht auf Freiheit von meiner Meinung hat die Meinung des Anderen? Seitdem wir uns für abweichende Meinungen in elementaren Lebenstatsachen wie den Religionen nicht mehr mit Waffen bekämpfen müssen, ist auch der Raum größer geworden, den anderen mit der eigenen Meinung behelligen zu können: Was uns nicht umbringt (an Spott) macht uns im Zweifelsfalle härter. Das kann man aushalten, wenn man mit seiner Glaubenswahrheit nicht im Zweifel steht, aber auch nicht in einer Verhärtung, deren Hintergrund der Zweifel ist, der die Absicherung durch Übertreibung verlangt.. Man kann das alles aushalten. Meinungen sind keine existenziellen Zumutungen. Das muss man so sehen.

In erster Linie sichert die Meinungsfreiheit das Recht des Menschen auf Entlarvung derjenigen Umstände ab, die seiner Menschenwürde spotten. Die Menschenwürde kann prinzipiell von jedem Glaubenssystem bedroht werden, vom radikalen Christentum genauso wie vom Kommunismus oder vom Faschismus. Sie alle verdienen es, im Lichte des Spotts, der Satire betrachtet zu werden, weil andernfalls die lächerlichen Punkte an ihnen überhaupt gar nicht ans Licht kommen.

Warum muss denn da was ans Licht kommen? Na damit wir es abschaffen können. Damit wir besser, freier, entspannter, zufriedener leben können. Darum geht es doch: es werden immer Menschen sein, die sich auf diesem Planeten eine annehmbare Umgebung einrichten, mit weniger Hass, weniger Tod, weniger Grausamkeit.

Meinungsfreiheit aber ist nur denkbar als Recht auf eine Meinung, die der andere nicht teilt. Das Recht auf die eigene Meinung wird als Problem sowieso erst in die Welt gebracht, wo sie eben von den anderen nicht geteilt wird. Religionskritik muss erlaubt sein. Und vor allem: Kritik an Religionskritik muss erlaubt sein.

Das Video, über das die ganze Welt redet, ist keine Religionskritik: auf dieses Niveau bringt es dieser Trash nicht. Dumme Provokationen sind in dieser Form eine Überstrapazierung der Meinungsfreiheit. Zwar steht es den Menschen frei, auch einer schwachsinnigen Meinung zu sein, nur muss das Recht nicht den sozialen Anklang dieser Meinungen verstärken. Meinungsfreiheit ist zudem ein so hohes Gut, dass es Überstrapazierungen dieser Art verkraften können muss, ohne dadurch gleich infrage gestellt zu sein. Nicht dieses Video sondern der Umgang unserer Sicherheitsbehörden damit wirft ein schlechtes Licht auf unsere Meinungsfreiheit. Daher wird bei uns gerade so viel Satire darüber veröffentlicht: das ist nötig.  

Das müssen wir uns vor Augen führen: Auch schwachsinnige Meinungen sind der Preis der Freiheit, so ähnlich sagte es Jürgen Trittin. Es gibt in freiheitlichen Demokratien kein Recht der verbissenen Leute darauf, vor schwachsinnigen Meinungen geschützt zu werden, denn in einer freiheitlichen Demokratie haben sie das Recht, wegzuhören. Bei allzu arg schwachsinnigen Meinungen haben wir sogar die Möglichkeit, uns auf das Weghören zu ‚verpflichten‘. Soviel Freiheit muss sein. Für  uns und für alle. Sofort und unbedingt.

Dieser Artikel hat keinen Namen

TEST und fragt nicht so blöd WARUM (*blöd-frag*)  

Ich gerade rausgefunden haben TUN, &WIE (*WiE?*) man Aufmerksamkeit auf sich lenkt, neehmlich mit Farbe und gewollt inkorrekter Grammatik – nich wahr – „Nee, nich wahr!“
UND DENN DENN ISS MAL WIEDER NE GANZE ZEIT NIX UND HINTEN RUFT SO’N ZYNISCHES ARSCHLOCH: „LAAAAAANNNNNGGGGWEIIIIIILIIIIGGGG!!!“

UUNNNWICHTIICCHHHH!!!

UND ICH SO (kleinlaut)  FÜCK DISCH INTZ KNIEH  HADDERDENN AUCH GEMACHT

HIER UND DIE KLEINE DICKE NEULICH
  • ÄH, jo nee, kein Plan man, 

KENNST È DEHN: Kommt’n Zyklop zum Auge-Arzt. NICH? Sack.

VONNE MIDDE ZUR ::: BRUST,

ochmann ey, Gag versaut

Fußnote: ([9& Und inne Fresse Ab die Katz und Rubbel-die-Mietz-Haus-Boot =!² @ *+~#‘ ;:–_ )8wßqHI@ €ß=}9])=?\`´*+~%&§³62k Geebönnns-;Bynm!!^°°=9we}”q…])