Kein Leben nach dem Tod

Oder:
Warum man ein Arschloch sein darf
(Einige Überlegungen)

 

„Es gibt für Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.“
Walter Benjamin

Seitdem wir es immer mehr verstehen, gut zu leben, ist die Frage nach einem Leben nach dem Tod etwas aus dem Fokus gerückt, wie eine schlechte Nachricht, die man aufgrund ihrer radikalen Endgültigkeit lieber erst sehr spät übermittelt bekommen möchte. Der existenzielle Druck, eine Antwort auf diese Frage formulieren zu müssen um die richtige Einstellung zum Leben zu finden, ist deutlich geringer geworden. Warum ist das so?

Alte Antwortmuster haben ihre Gültigkeit oder Verbindlichkeit für viele, oder auch ihre paradigmatische Kraft für die Auseinandersetzung über das Wesen Mensch generell eingebüßt. Gleichzeitig wird aber einerseits in traditionellen, zumeist religiösen Denkzirkeln und in Kreisen der new-age-Esoterik andererseits der Glaube an ein Leben nach dem Tod ‚immer noch‘ oder ‚schon wieder‘ wachgehalten. Sowohl fanatische Terroristen, die ihre Selbstopferung durch ihr paradiesisches Weiterleben gerechtfertigt sehen, als auch frühe Friedensbewegte, die über Drogenerfahrungen zu seltsam verklärten Visionen vom Sein nach dem Tode gekommen sind, haben gleichermaßen das Bedürfnis, die Tatsache der eigenen Sterblichkeit ins Reich der Phantasie zu verschieben.

Dieser Effekt verrät bei beiden, dass die je eigenen Selbst- und Weltverhältnisse auf schwachen Begriffen gründen. Dass mich das interessiert ist klar, denn schwache Begriffe sind für Philosophen immer schon dankbare Angriffsziele gewesen. Mit dem Angriff will man aber keine Träume zerstören, sondern schlecht gedachte, schlecht formulierte oder schlecht praktizierte Phantasien geraderücken, und sie – wenn sie denn zu retten sind – auf ein denkbares und lebbares Reflexionsniveau bringen, oder andernfalls zu klären, warum sie nicht zu retten sind und sie dann mit gebührendem Pomp zu verabschieden.

Mein eigener Tod interessiert mich nicht

Keineswegs ist klar, dass mein Leben und mein eigener Tod in einem so engen Zusammenhang stehen, wie das allgemein gedacht wird. Aus dem Brief an Menoikeus des antiken Philosophen Epikur stammt das in diesem Kontext häufig angeführte und damit fast schon missbrauchte Versatzstück, dass der eigene Tod einen nicht betreffe, „denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Es besagt zunächst nichts anderes, als dass wir im und vor allem nach dem Moment unseres Todes über rein gar nichts mehr von dem verfügen, über das wir zu Lebzeiten mal verfügten. Unser Einflussbereich erstreckt sich auf keine unserer Lebensäußerungen und der uns einbegreifenden sozialen Tatsachen. Wir können nicht mehr handeln und nicht mehr handelnd Teil von Gruppen sein.

Unser eigener Tod gehört als Vorstellungsinhalt und damit als Quelle vieler Auseinandersetzungen zwar zu unserem Leben dazu, aber bereits im Moment seines Eintreffens verändert er die Grundlagen so sehr, dass er nicht mehr reflexiv eingeholt werden kann, weil wir nicht mehr reflektieren können. Reflektieren heißt aber nichts anderes, als ‚zurückwenden‘ oder ‚spiegeln‘, was schon der Wortbedeutung nach ein ‚Neben-sich-stehen‘ des Menschen erfordert. Man tritt als Wesen mit Bewusstsein bildlich gesprochen aus sich heraus und denkt darüber nach WIE man ist, WAS man tut, WIE man sich dabei fühlt, und vielleicht was man glaubt WIE andere sich dabei fühlen. Dem Prozess der Reflexion ist es dabei gegeben, mögliche Wirkung des eigenen Todes auf andere Menschen, die einem vielleicht nahe standen, vorwegzunehmen und durchzuspielen. Dabei kriegt man allerdings nichts über die wirkliche Wirkung heraus.

Die Frage an sich ist schon falsch formuliert

Um sich mehr bewusst zu werden, wo alleine die Formulierungsprobleme liegen, muss man sich den Unterschied der Konzepte „Zustand“ und „Ereignis“ verdeutlichen. Rede ich über den Tod als „Zustand“, dann meine ich eine Ewigkeitsspanne. Sobald man einmal kurzfristig gelebt hat, ist man durch den Tod praktisch für die Ewigkeit nicht mehr. Jeder von uns wird länger tot sein als er je gelebt hat. Damit verbindet sich eine kaum zu beantwortende Frage: Wie sieht es eigentlich mit dem ontologischen Status von Toten aus? Welchen Seins-Status kann man z.b. Menschen nach 1000 Jahren zusprechen, wenn die Länge ihres Totseins mit einem unwahrscheinlich großen Faktor die Länge ihres Gelebthabens übertrifft?

Rede ich vom Tod als „Ereignis“, dann meine ich eine relativ punktuelle, und zeitlich umgrenzbare Änderung, zunächst ein Aufhören von Vitalfunktionen, aber im Nachgang auch eine Vielzahl sozialer und kultureller Praktiken, mit denen der Verstorbene allen seinen Angehörigen, Freunden, Bekannten aber auch der Nachwelt offiziell als „dem Irdischen entzogen“ vorgestellt und sozusagen verabschiedet wird. Beerdigungszeremonielle leiten von dem ihnen vorausgehenden Ereignis des Sterbens in den ewigen Zustand des Totseins über. Manchmal sind sie die viel stärkere Zäsurs als das Sterben selbst.

Wenn man nur ein einziges Leben zur Verfügung habe, so hat sich der Schnack durchgesetzt, dass man es dann auch ‚gut‘ führen müsse. Ein voller Angst und Schmerzen rumgebrachtes und zu früh beendetes Leben, in dem man nie wirklich frei war, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, habe sich dem Anschein nach gar nicht gelohnt und sei deshalb retrospektiv nicht führenswert gewesen und gerade deshalb lieber zeitiger vorbei als dass es sich noch unnötig in die Länge zieht. Die Tatsache, dass wir zu gerne aus Lebensumständen, praktizierten Lebensansichten und anderen Aspekte wie der Lebenszeitspanne uns ein Urteil darüber bilden, wie lebenswert ein Leben, genauer gesagt eine bestimmte Biographie ist oder war, nimmt Einfluss darauf, mit welcher Einstellung wir dieser Biographie am Ende den Tod beigesellen: Als Erlösung von kurzem heftigen Leid oder als bedauernswert frühen Abbruch einer Karriere, die noch vieles hoffen ließ.

Gutes Leben durch „Gutsein“? Am Arsch….

Zu einem ‚guten Leben‘ gehören viele Aspekte, die mitunter nach harter Arbeit klingen: Ich muss gesund sein, die Welt mit einer Mischung aus Vernunft, Herz und Humor sehen können, eine Ausbildung erfahren und einen Beruf ergreifen, der mir Spaß macht, zudem in einer Partnerschaft glücklich werden, etwas erreichen, viele Eindrücke sammeln und für das Alter vorsorgen. Wenn ich keinen Partner finde, lag das vielleicht daran, dass ich den potenziellen Zufallstreffer in der Bar neulich nicht sexy und lebensfroh genug angelächelt und eventuell auch angesprochen habe. Je länger unsere Lebensspannen werden, umso mehr Aufträge kommen auf die „Soll“-Seite. Unter dem Selbstrealisierungsdruck und der Komplexität leiden immer mehr Menschen, sie werden depressiv, ziehen sich zurück oder sie werden zynische Spielverderber, die sich darin inszenieren, die Lebenslügen der Mehrheitsgesellschaft zu demaskieren und den Kuschelkonsens bezüglich der Pflichterfüllungen anhand bürgerlicher Lebenspläne zu diskreditieren. Diese Pflichterfüllung nimmt dabei oftmals die Endlichkeit des Lebens in den Blick und definiert allgemeingültige Lebensziele für das irdische Leben.

Wer zu rücksichtslos sein eigenes Ding macht und ein Leben nach wirklich selbstgewählten Maßstäben führt, wird oft als „Arschloch“ betrachtet. Arschlöcher können kein gutes Leben führen, so glaubt man gerne. Aber dennoch ertappt man sich dabei zu beneiden, wie souverän, stark und unberührbar sich Arschlöcher zu Lebzeiten nehmen, was vielen verwehrt bleibt. Wer sich in Zurückhaltung übt und alles, was ihn strukturell benachteiligt individualisiert, verkehrt Täter und Opfer und spürt einen mitunter enormen Lebensdruck, ohne dass sich dieser dauerhaft mit Lebensfreude paaren kann. Und wenn einem dann ein prototypisches Arschloch über den Weg läuft, ist man erstaunt („Darf der das überhaupt?“), verärgert („Das darf der doch gar nicht!“) oder traurig („Der darf das und ich nicht, weil ich ein guter Mensch sein will.“)

Wenn ich nur dieses eine Leben habe und danach wirklich absolut nichts mehr kommt, darf ich dann nicht auch ein Arschloch sein? Oder besser: Sollte ich dann nicht ein Arschloch sein, damit ich auch das kriege, was ich will und brauche? Von Bertold Brecht stammt das bekannte Bonmot „Sorgt doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“ Es ist ein gängiger Fehlschluss, dass die ‚gute Welt‘ wirklich so gar keinen Platz für Kultivierungen des „Arschlochseins“ hat und dass sie andernfalls schlechter würde. Inwiefern das neu zu denken ist, muss noch geklärt werden. Keine Angst, dieser Text wird keine Rückbesinnung auf den psychologischen Egoismus Hobbes’scher Natur. Er versucht nur Differenzierungen einzubringen, wo noch viele weiße Flecken das Bild beherrschen.

Es gibt kein Leben nach dem Tod. Durch Analyse der Begrifflichkeiten, was es heißt ‚zu sterben‘, kann man den überzeugten Anhängern von Jenseits-Phantasien nachweisen, dass sie einen zu schwachen Begriff des Todes haben. Wer auf Basis gewisser irdischer Voraussetzungen auf die Diagnostizierbarkeit eines Zustandes wettet, der mit der kompletten Änderung jener Voraussetzungen verbunden sein muss, um überhaupt einen Unterschied zu bedeuten, der hat sich nicht damit abgefunden, was der Tod eigentlich bedeutet. Ich kann wissen, dass es ein Leben vor dem Tod gibt. Dass es eines nach dem Tod gibt, kann ich nur glauben.

Was heißt es überhaupt, zu sterben?

Was aber heißt es zu sterben? Ich müsste meiner eigenen Beerdigung bewusst beiwohnen können und wahrnehmen können, welche Vorkehrungen man zur rituellen Verabschiedung meines Körpers im irdischen Bereich trifft. Dazu bräuchte ich eigentlich das lebendige Instrumentarium eines Körpers: Augen, Ohren, die Bedingung, auf der Erde anwesend zu sein. Und vor allem bräuchte ich ein kontinuierliches Bewusstsein. Dies ist nur unter der Annahme möglich, dass es etwas wie eine Seele gibt. Viele Sterbeforscher und Wissenschaftler, die Nahtoderfahrungen analysieren, glauben, Beweise für die Seele gefunden zu haben, ‚wissen‘ können sie es aber nicht und meines Erachtens lassen sich diese zum Beispiel anhand von sogenannten außerkörperlichen Erfahrungen gewonnenen Eindrücke von der vermeintlichen Existenz der Seele gut widerlegen. Das hat bisher niemand systematisch getan.

Die Außerkörperlichkeit ist ein Gehirn-Artefakt. Grundsätzlich hat sie mit der menschlichen Fähigkeit zur Reflexion, Phantasie und autonomer Bild-Erschaffung zu tun, die in der exzentrischen Positionalität (dazu Helmut Plessner) wurzelt. Dass Sterbeforscher über Interviews auf so etwas wie Außerkörperlichkeit schließen wollen, ist seltsam: sie verlassen sich auf Erfahrungsberichte von Menschen, die fast tot waren, aber nicht wirklich hirntot sein konnten, weil sie sonst weder erneut wach werden noch über eine Bewusstseinskontinutität verfügen könnten, mit der sie sich im wieder erwachten Zustand die Erlebnisse des Todes als eigene Erlebnisse zuschreiben könnten. Das heißt, Bedingung für diese Form Erlebnisbericht-basierter Sterbeforschung ist, dass die Probanden eben NICHT sterben.

Ihre Gehirne zeigen Aktivität, selbst wenn es diese Aktivität in einem für uns nicht oder nur kaum physikalisch wahrnehmbaren Level zeigt, heißt das nicht, dass diese Aktivität nicht noch bildliche, akustische Eindrucksartefakte erzeugt, die viel eher aus der bisher weitgehend unverstandenen Kreativleistung des Gehirns kommen, als aus der wirklichen Ansicht einer den lebenden verborgenen Welt – ob nun Himmel oder Hölle. Zudem wollen Nahtodforscher die Außerkörperlichkeit immer durch die Erzählung von „Seheindrücken“ der Probanden bestätigt haben. Das mit dem Sehen kann so seine Schwierigkeiten haben (das zeigen Experimente mit Wahrnehmungskategorien, Gestaltgesetzen, Blinden, usw). Wir haben offensichtlich noch nicht genügend verstanden, warum das Gehirn im niedrigen Energielevel uns immer noch Bildergeschichten erzählt, die aber keine von Objektivität zeugenden Verarbeitungen unmittelbarer Sinneseindrücke sind.Und wir haben noch nicht den Wirklichkeit-gestaltenden Sinn von „Erzählungen im Nachhinein“ begriffen.

Ereignisse vor dem Tod haben nichts mit dem Tod zu tun

Soziologen und Mediziner beschäftigen sich mit dem Nahtod als „Erlebnis“, also mit Vorereignissen des Todes. Damit ist überhaupt nichts herauszufinden über die wirkliche Beschaffenheit des Lebens nach dem Ereignis, das nach den nahtodischen Vorereignissen kommen solle. Die Nahtoderfahrung ist eine reine Schau von Vorstellungsinhalten. Soziologen haben nachgewiesen, dass die Arten der Bilder, die mit ihnen verknüpften Gefühle, kultur- und sozialisationsabhängig sind. Das hieße aber auch, dass die Nahtoderfahrungen umso positiver sind, je mehr Menschen starke weltanschauliche Verankerungen in religiösen Paradgimen haben, die es zur Aufgabe haben, psychischen Schutz gegen die Angst vor dem Sterben bereitzustellen, also gegen die Furcht vor dem Erhabenen zu immunisieren, und dies u.a. mittels ausgeschmückten Weiterlebensideen erreichen.

In einer Welt der schleichenden Säkularisierung ließe sich damit die Tendenz beschreiben, dass uns in Zukunft mehr und mehr Nahtoderfahrungen mit nicht positiv belegten oder zunehmend neutralen Bilderschauen und Visionen konfrontieren. Mit anderen Worte: Wenn man meint, dass man dort etwas über wirkliche und allgemeingültige Lebensbedingungen nach dem Tod herauskriegen würde, dann müsste man mit dem Paradoxon leben, dass sich dieses verlässlich gleiche „Leben danach“ im selben Schrittmaß wandelt wie sich die Einstellungen der Menschen zu sich und zur Welt ändern. Mit dieser Änderungskorellation ließe sich jetzt schon eines gewiss sagen: Dieses Leben danach hätte verdammt viel mit dem davor gemein. Was wir vor dem Tod zu sehen kriegen, erzählt von unserem Leben, nicht von dem, was wirklich kommt, sondern von dem, was wir zu Lebzeiten durch kulturelle Dressur als das kommende zu begreifen, zu erhoffen oder zu wünschen gelernt haben. Zudem sehen wir eine Drogen-Vision: Körper-eigene Drogen befeuern die Bilderschau. Es ist ein evolutionärer Vorteil, dass ein sterbender Körper sich aus Schmerzlinderungsgründen mit eigenen Glücklichmachern vollpumpt, die ähnlich wie synthetische Drogen die Wahrnehmung außer Kontrolle bringen. Niemand aber käme auf die verrückte Idee, Menschen nach einem LSD-Trip nach einer objektiven anderen Welt zu befragen, die sie gesehen haben und für die sie nur gültig auskunftsfähig wären, wenn sie nachweisbar kontinuierlich klar bei Sinnen gewesen wären.

Ethik adé, wir sterben!

Wenn es also kein Leben nach dem Tod gibt, bedeutet das dann, dass ein argumentativer Anker für irdische Ethiken wegfällt? In vielen Kulturen und alten Glaubensparadigmen erscheint der Tod als Bilanzmoment für das Leben. Da man individuell stirbt, wird Gutes und Schlechtes im Leben in einer individualisierten Rechnung gegenüber gestellt und jenachdem das ‚Weiterleben‘ als Belohnung oder Bestrafung eingerichtet. Es gibt ja aber kein Leben nach dem Tod. Rächt es sich also nicht einmal mehr ‚letztinstanzlich‘, wenn man zu Lebzeiten ein Arschloch war?

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht wenige in dieser Vorstellung, es gäbe kein Leben nach dem Tod, eine große Gefahr sehen: eine Bedrohung für die Ethik, für das gute Leben, für internationale und generationelle Solidarität, einen Freibrief für Rücksichtslosigkeit und religiöse Unruhe. Aber nein, diese Gefahr sehe ich entschieden nicht. Wie viele Selbstmordattentäter werden deshalb zu Arschlöchern, eben weil sie an ein Leben nach dem Tod glauben? Damit wäre die Vorstellung hinfällig, das Jenseits gebiete erbarmungslos über eine bestimmte Form irdischer Ethik. Wenn das Jenseits dies nicht kann, kann es eine neue Diesseits-Fokussierung vielleicht eher. Also: Ob man aus der neugewonnenen Gewissheit, dass der Tod kein überirdischer Bilanzmoment ist, die Freiheit ableitet, sich unterirdisch gegenüber anderen Menschen verhalten zu dürfen, ist jedem selbst überlassen. Faktisch rückt aber die Beurteilung aber, ob man ein guter Mensch ist oder nicht, in die Sphäre zurück, in die sie gehört und in der diese Beurteilungen überhaupt nur Sinn ergeben: in den Bereich, wo lebenden Menschen ein unmittelbares Verhältnis in sozialen Bindungen miteinander eingehen und in einer Welt leben und eine Welt gestalten, in der viele vor ihnen waren, viele mit ihnen sind und noch sehr viele nach ihnen sein werden.

Wir müssen zur Klärung guter Argumente für ein gutes Leben die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod überwinden. Alles was nicht notwendig ist, ist entweder Glaubensluxus oder Ansichtssache. Man kann ohne Seele leben und trotzdem ein guter Mensch und kein anderer Mensch sein als der, der man ist. Man kann ein guter Mensch sein ohne dass man dazu zu glauben, gut sein müsse man nur, weil es sich irgendwann auszahlt, wenn im Moment des Todes darüber entschieden werden könnte, dass man sein Leben niemals mehr verlieren muss. Man kann ein guter aber schwer kranker Mensch sein, der sich aufgrund der Schmerzen wünscht, einfach nur zu sterben um erlöst zu sein. Aber selbst der Begriff der Erlösung hört durch den Tod auf, Sinn zu machen. Der Zustand der Erlösung – also das Erleichtertsein von wirklichen Qualen – setzt in dialektischer Sicht ein Subjekt voraus, das diese Erlösung spürt, reflektiert und die Erlösungsgewissheit verkörpern kann. Wann immer wir im Kontext mit Verstorbenen von Erlösung sprechen, verwalten wir leidiglich ein christliches Sprachspiel, von dem nur wir (Über)Lebenden etwas haben. Die Vorstellung, dass es so etwas wie Erlösung geben kann, ist ungemein tröstlich. Aus geistig-immunologischen Gründen halten wir auch an diesem schwachen Begriff fest.

Zwar wurde es mancherorts Jahrtausende lang gepredigt, aber: Das Leben nach dem Tod kann und sollte für Menschen nicht als die Erlösung zum Guten erscheinen. Wer das nämlich zu intensiv glaubt, wird zu Lebzeiten eher ein echtes Arschloch, als diejenigen, die nur deshalb als Arschlöcher erscheinen, weil ihnen das Leben irgendwie leichter von der Hand zu gehen scheint und denen die Lebenszuversicht praktisch genügend Fassung vor der Sterblichkeitsgewissheit gewährt. Menschen, denen es im Leben gut geht, sind weniger dazu gezwungen, auf das erlösende Paradies, höhere Gerechtigkeit oder nachholende Usurpation zu hoffen.

Und wo spricht man noch vom „Leben“?

Ebenfalls zur Schärfung und Pointierung des Themen-Überhangs empfiehlt sich, den Begriff des Lebens besonders in seinen „Bindestrich-Varianten“ metaphorisch aufzufassen und auf einzelne Phasen eines einzelnen Lebens zu beziehen. Vielleicht lassen sich daraus Muster der Perspektivierung von „endenden Phasen“ gewinnen. Im heutigen Erwerbsleben gibt mancheiner seine körperlich und geistig aktivsten Lebensjahre hin für die heteronomen Zwecke einer mitunter schlecht bezahlten Erwerbsarbeit. Sicher kehrt auch das sich langsam um und die Erwerbsbiographien werden immer offener, aber noch immer ist ein übertriebener Lebensarbeitszeit-Realismus weit verbreitet: Gute Lebenszeit in der Rente verdient man sich durch effiziente Arbeitszeit davor. Es gibt also ein Leben nach dem Arbeitsleben, das je nachdem wie die Arbeit empfunden wurde, als eine Bestrafung oder Erlösung erlebt werden kann. Bei der Aussicht auf das Ende des Arbeitslebens, des Liebenslebens oder zum Beispiel bei der Bedrohung des Privatlebens geht es um für die Identitätsbildung relevante Antizipationen von Grenzerfahrungen und deren Bewältigung noch bevor das wirkliche Ende der jeweiligen Phase eintritt. Die Strategien dieser Bewältigung von Grenzerfahrungen können unterschiedlich ‚lebensklug‘ oder unterschiedlich ‚lebenspraktisch‘ sein und damit unterschiedlich tauglich für eine wirkliche Bewältigung existenzieller Lebensthemen. Wenn sich rausstellt, dass eine der Strategien, mit der Angst vor dem Verlust des Privatlebens umzugehen zum Beispiel ist, eine Art „öffentlichkeitsscheues Arschloch“ zu werden, dann ließen sich so definitiv Beurteilungsmuster gewinnen. Ähnlich verhält es sich mit der ethischen Gestaltung meines Lebens je nachdem ob ich den Tod als endgültiges Ende oder als Vorstufe zum Weiterleben ‚denke‘ und jeweils unterschiedliches daraus ableite.

Eros und Verteilungsgerechtigkeit

Ein altes Märchen um die Schwierigkeiten der Findung von Männlein und Weiblein weiß folgendermaßen folgendes zu berichten: Zu jedem Topf gibt es einen Deckel, zu jeder Tasse einen Henkel und das Runde muss ins Eckige. Nun haben es Märchen trotz aller abständigen Brutalität so an sich, dass sie beruhigend wirken können und sollen: die Kalküle gehen auf, Gut und Böse sind klar voneinander zu scheiden, der unbedingte  Triumph des Guten ist präjudiziert und er macht selbst Verständnis und zwischenzeitliche Sympathieanflüge für das Böse aushaltbar. Dass passende Partner sich finden ohne sich durch die Langwierigkeit des Findungsprozesses wechselseitig zu beschädigen, wird heutzutage allerdings immer unwahrscheinlicher: Wir laufen mit saftig hochgeschraubten Anspruchsniveaus durch eine Pop-Öffentlichkeit, die uns auf der morgendlichen 7:30Uhr-Fahrt zur Arbeit blanke Brüste serviert, zum Nachmittagskaffee schmierige Schmonzetten im Ersten Programm, die Blumen im Namen tragen, weil Blütenreinheit um so werbewirksamer ein Etikett sein kann, wenn eigentlich alles ästhetisch besudelt und dramaturgisch alles abgenudelt ist. Der Stadtraum fixiert uns auf eine Gefängnis-Insassenschaft, die wir mit Durchtritt durch einen Torbogen, auf dem „oversexed but underfucked“ stand, erreichten. Unser Anspruchsniveau erklärt die Prosperität des Topf-Deckel-Märchens: Zu jedem Durchschnitts-Topf, der sich seine Mediokrität allerorts unter die Nase reiben lassen muss, wird sich ein Deckel von durchschnittlicher Machart finden lassen.

Dieses Deutungsmuster der Beschädigungsusurpation trägt einen fatalen Gerechtigkeitssubtext, dem man schnell verfällt. Und wie selten gelingt es Verfallenen, noch nüchtern auf den Schirm zu kriegen, was ‚wirklich‘ ihr Problem oder Ursache ihrer Beschädigung durch die Suche nach einem Partner ist? Ich widme mich daher dem Thema über eine Art „Gegenprobe“. Wo werden Gerechtigkeitskalküle bemüht, ohne dass sie dort etwas zu suchen haben?  Dort, wo sie ungreifbare Dinge wie Subjektivität, Persönlichkeit, Zufall und Wahl – im Stile der Vernunft aber in Wirklichkeit gegen die Vernunft – handhabbar machen sollen. Das anti-aufklärerische Moment liegt darin, dass sich in einer durchrationalisierten Welt auch die Liebe der Ratio fügen muss. Aber: Diffuses leiden ist wahrscheinlicher als Nüchternheit in einer Welt, die sich ihr emotionales Leid durch ihren überwertigen Realismus eingebrockt hat.

Es bleibt zu erkennen, dass durch die Topf/Deckel-Redeweise, die Zufälle, das Ungenügen oder Pech und alle schönen kleinen Unwägbarkeiten tilgend verwaltet werden sollen, die menschliche, emotionale Welt in ein Kalkül verwandelt wird, das nach maßgeblicher Planung irgendeiner Instanz am Ende aufgehen solle. Wer sich von zufälligem Pech auf störende Weise und mit Grundsätzlichkeit benachteiligt sieht, findet zu diesem Deutungsmuster um ihm zu verfallen. Aber wenn es stimmte, dass die Welt ein Kalkül ist, hieße das ja, dass ein Mensch, der den Partner seines Lebens nie findet, eben an einer Welt scheitert, die nicht ungerecht eingerichtet ist, und wir Menschen können das gerade in unserem menschlichsten Bereich nicht befriedigend denken, und gerade bei der Liebe sollten wir – so sie trotz Wunsch danach ausbleibt – nicht willens sein, Gedanken um „gerechte Verteilung“ mitzutragen.

Steile Thesen über die Einrichtung der Welt als gigantischem analytischen Urteil machen individuelles Liebesmisslingen zu einer Gerechtigkeitsfrage, die an denjenigen gestellt werden dürfte, der die Einrichtung der Welt besorgte, ganz gleich was auch immer man dahinter vermutet. (Ich vermute uns selbst dahinter: Wie wir allein mit Sprichwörtern die Welt verwalten und eine überschaubare Anzahl von Worten für schier unendlich variante Lebenslagen bereithalten: so versimpelnd sind nur Menschen.) War bei den auf diesem Globus rechnerisch möglichen Partnerschaften Gerechtigkeit bei der Zuteilung im Spiel, wenn jede/r eine/n hat? Braucht mancher mehr Partner und ist es gerecht, dass eine/r übrig bleibt? Je größer das Leid, desto umfassender der Rekrutierungs-Pool, der klagend angerufen wird. Ist die kommunale Wiese bereits gemäht und das emotionale Massaker in endlosen Wiederholungsschleifen im Kleinen genug beweint, heißt es oft: „Gibt es denn niemanden auf diesem Planeten für mich?“, was die vorläufige Grenze dieser Ausweitung und Öffnung im Stile einer Abschließung gegen das Misslingen des Weltkalküls markiert: Die Anrufung des Universums ist kein Qualitätssprung mehr wenn sie im Stile des Galgenhumors vorgenommen wird. Die Wehklage „Ist es gerecht, dass es niemanden für mich gibt“ ist als Resultat wahrscheinlicher, sobald man an die Welt als Kalkül glaubt.

Ein Kalkül beruhigt wie ein Märchen, die Welt als Algorhitmenmaschine gesehen beruhigt durch ihre Genauigkeit, Vorhersehbarkeit und Beherrschbarkeit. Manchmal ist diese Art Beruhigung – trotz der Kehrseite, Spontaneität und Lebendigkeit durch die Wiederholungschance unmöglich zu machen – wichtig, und zwar meist dann, wenn das generelle „Sich-Offenhalten“ bedeutet, dass man unbeweglich wird weil man handlungsunfähig in Optionen erstickt, bevor man auch nur eine von ihnen erkundet hat.

Wir haben die popkulturelle Fokussierung auf Beine, Einkommen und mühsam erkaufte Sozialdistanz, die uns Appetit aufeinander machen soll, meist satt, sobald sie nicht fruchtet. Es findet eben nicht jeder Topf einen Deckel, so wie nicht jeder Schuh einen Fuß, nicht jede Katze einen Kratzbaum, nicht jeder rote Toskana-Wein ein bauchiges Glas, nicht jeder Cent einen Euro. Wünschen hilft nicht, Beten hilft nicht, verschiedene Partner ausprobieren hilft aber baut final keine Unsicherheit ab, darüber fluchen baut Spannung ab aber hilft nicht.

Unsere moderne Sharing-Kultur, die den Zugang zu Dingen vor den individuellen Besitz gestellt hat um dann keine Nöte darüber zu leiden, dass man mit Menschen auf intimer Frequenz ebenso schalten und walten könne wie mit einer ausgeliehenen Bohrmaschine, trägt dazu bei, dass die Idee einer verteilenden Gerechtigkeit mehr und mehr von einem emotionalen Nomadentum und einer Flucht potentieller Partner ins „Dazwischen“ bedrängt wird: Zwischen Städten, Ländern, Lebensaussichten und Geschmäckern werden partnerschaftliche Draufgänger zunehmend substanzlos und wandelbar bis zur Rückgratlosigkeit. Mit einer emotional ortsungebundenen Lebensweise ist das Prinzip von „Nähe in Dauer“ schwer zu vereinbaren. Die steigende Zahl von Menschen in offenen Beziehungen, die ‚unterwegs‘ wahllos in allen Gehegen wildern, ist mit ein Grund dafür, warum die Findung von erotischen Ausbrüchen mit einer sinkenden Zustimmung zu Stabilität einhergeht: Welchen Flaneur, welche Jet-Set-Frau wollen Sie auf irgendetwas festlegen?

Der Idee von der erotischen Verteilungsgerechtigkeit im Topf/Deckel-Märchen muss seine Nähe zum algorithmischen Denken nachgewiesen und dies gegen die Vorteile der Unausgeglichenheit abgemahnt werden. Es ist weder gerecht noch ungerecht weder von der Welt noch von der Liebe, wenn ein liebesbereites Ich unter Liebeslosigkeit leiden muss. Es ist dies vielmehr Quelle aller Energie für gewichtige menschliche Selbstbedeutungen. Das Ausgleichen aller Spannungsungleichgewichte in Hinsicht auf Partnerschaftlichkeit wäre die Vernichtung seelischer Vielfalt. Was der Menschheit ganz Recht geschieht: Ein jedes, unverzichtbar anrührende Zeugnis eines vor unglücklichem Liebesleid Aufschreienden ist mehr Zeichen unserer Lebendigkeit und Liebesfähigkeit, als das Erstarren in einem Kalkül von Fügungen, dem gegen sich selbst kein Trotz mehr gelingen darf, weil es sich ins Recht der bestmöglichen aller Aufteilungen gesetzt hatte oder durch Sprichwortwiederholungen – also durch Bewahrheitung durch bloßen, repetetiven Gebrauch – in dieses „Recht“ eingesetzt wurde. Jeder nie abgeschickte wenn auch selbstgerecht Liebesbrief ist menschlicher, weil er mehr Liebe bezeugt als ein Kalkül, in dem behauptet wird: Was menschlich sei fügt sich nach algorithmischen Sicherheiten und fügt sich sowieso. Wer sich korrumpiert durch den Volksmund auf dieses dünne Eis begibt, bringt Gerechtigkeitsfragen dort ins Spiel, wo sie sich am meisten verbieten sollten, wenn uns denn noch etwas heilig ist. Gnade uns wer auch immer, dass uns noch etwas heilig ist.

Und trotzdem ist Alleinsein einfach mal Mist.

Selbstgerechte Fantasie-Vokabeln: Stilblüten des „Genderns“

 

 

Zunächst sei gesagt, dass ich im Ansatz dasselbe will: Eine Gesellschaft, die ihre Konstruktionen des sozialen Geschlechts nicht zu einer ausweglosen „Quasi-Natur“ hochstilisiert und deswegen eher Chancengleichheit ermöglichen kann, wenn sie einsieht, wie unter anderem Sprache diskriminieren kann. Was aber manchen einfällt, um den „Weg zu einer geschlechtergerechten“ Gesellschaft zu beschreiten, führt teilweise zu fast unverständliche Stilblüten. Eines dieser Stilblüten-Beispiele stammt von Lann Hornscheidt:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/profx-als-geschlechtergerechte-sprache-fuer-professoren-13268220.html

Sprechen Sie das mal fehlerfrei

Es gibt gesprochene Sprache, und geschriebene Sprache. Sie unterscheiden sich mitunter massiv. Das Problem „gendergerechter“ Sprache scheint mir zunehmend darin zu liegen, dass die allgemeine Zugänglichkeit sprachpragmatischer Verwendungsregeln über Bord geworfen wird, um einen morphologischen Homunculus zu züchten, der sich lieber an Wortklauber adressiert (als an den durchschnittlichen Sprecher), die glauben, mit Worten sei der nötige Bewusstseinswandel hinreichend beglaubigt. Der Formelhaftigkeit ist weder hinreichend noch notwendig ein Gewissenswechsel inhärent. In einer solchen feministischen Sprachethik, die auf „Professx“ verfällt, wird Genderspezifik durch bloße Erfindung abgehandelt. Sicher: Man kann das ‚schreiben‘, aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Sprechen Sie mal so, und versuchen Sie, verstanden zu werden. Und vor allem: Versuchen Sie, sich selbst dabei zu verstehen. Das meint: Nehmen Sie sich die Adressatengerechtigkeit ab, wenn Sie jemanden als „Professx“ bezeichnen, oder glauben Sie, darin einen Bewusstseinswandel vollzogen zu haben?

Die linguistische Seite

Das Problem ist, dass viele Leute gendergerechte Sprache für ein linguistisches Problem halten, aber offen zugeben, dass das Primärziel ein soziales/soziologisches ist. Kein Emanzipationsprozess hingegen wird die nötige Akzeptanz dadurch finden, dass wir gesellschaftliche Veränderungen durch den Mut zu unpragmatischen Fantasie-Vokabeln ersetzen. Die linguistische Seite ist zudem die: Eigennamen haben kein grammatisches Geschlecht. Grammatische Geschlechter wie „der“ Kevin oder „die“ Maria sind Behelfsreminiszenzen auf das biologische Geschlecht, das zudem noch einmal vom ‚sozialen‘ Geschlecht zu unterscheiden ist. So weit gehe ich mit. Schon ein Vergleich zum Französischen (das das Genus Neutrum nicht kennt und viele „die/der“-genera völlig anders setzt als das Deutsche) lässt uns bemerken, dass grammatische Geschlechter reine kulturelle Konstruktionen sind. Das soziale Geschlecht ist ebenfalls eine kulturelle Konstruktion. Dies beides lässt sich verändern. Das biologische Geschlecht ist keine Konstruktion, lediglich die kulturellen Erwartungsbeimengungen zum biologischen Geschlecht, die aber mit ihm nicht notwendigerweise verknüpft sind, sind änderbar. Eine Rebellion gegen eine nicht notwendige Verknüpfung, die sagt, eine völlige „Entknüpfung“ sei der beste Weg, ist aber genauso blind. Daher gehe ich diesen Weg nicht mit.

Da das Deutsche das Genus Neutrum kennt, gibt es bereits eine Möglichkeit, Geschlechtsneutralität auszudrücken, wenn jemand absolut nicht über grammatische Genera angesprochen werden will, in denen er sein eigenes soziales Geschlecht nicht wiederfindet. Oder man spricht jemanden nur über den Eigennamen an: Wie weiter oben gesagt, haben Eigennamen kein grammatisches Geschlecht.

Soweit die linguistische Seite, die oft nur Sprachwissenschaftler wirklich überschauen. Sprache muss für die meisten Verwender hingegen nur intuitiv funktionieren. Keiner braucht die Regeln reflektiert zu haben, um Sprache zu verwenden und um in vermeintlich gender-gerechten Verunstaltungen eine unnötige Hürde zu sehen. Worum es mir geht, ist, dass Worte wie „Professx“ nur noch in der geschriebenen Sprache funktionieren, und dort auch nur für Leute, die trotz ihres Intellekts einen naiven Wortgebrauch predigen, der aus Formelhaften Wendungen eine Möglichkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ableitet.

Sprachwandel als Feigenblatt

Gendern ist vielerorts zu einem lustlosen Feigenblatt geworden, mit dem Prozesse des wirklichen Bewusstseinswandels substituiert werden. Emanzipation – auch sprachlich – wird immer noch verengt gedacht als In-Obhut-Nahme der Frauen vor sprachlicher Diskriminierung, die ausschließlich von Männern ausgeübt werde. Diese Ansicht ist selbst eine pseudo-emanzipierte Einstellung zur ‚Emanzipation‘. Auch Frauen diskriminieren. Alle Menschen diskriminieren immer dann, wenn sie pauschal etwas unterstellen; z.B. Männern pauschal unterstellen, ihr Sprachgebrauch sei per se diskriminierend. Männer sind heutzutage viel emanzipierter als selbst die meisten Männer glauben können. Bis zu vielen Frauen hat sich dies sogar rumgesprochen. Nur zu denen nicht, die glauben, Geschlecht und Geschlechtlichkeit seien an sich Wahnsinn. Nun gut: das ist eine nicht notwendige Ansichtssache. Wer gesellschaftliche Grundkonfigurationen ändern will, braucht diese Ansicht nicht, es geht auch anders. Mit Vernunft zum Beispiel. Bildung, Toleranz und Humor.

Mir scheint auch eine gehörige Portion ‚magischen‘ Sprachdenkens hinter verkrampften Sprachverstümmelungen zu stehen: Wer glaubt, eine Sprache, die kein passendes grammatisches Geschlecht zu seiner individuell gerechten Ansprache bereithält, würde seine Existenz leugnen oder nicht fassen können, der glaubt an eine Magie von Worten, die in der Macht besteht, Existenz zu beglaubigen oder zu vernichten. Es fehlt dann nicht viel zu jener Form von magischem Sprachdenken, in welchem man glaubt, dass Formeln oder Zaubersprüche einen realen, invasiven Einfluss auf die Dingwelt hätten. Den haben sie nicht.

Ich glaube, dass dieser sprachklauberische Gender-Fanatismus die verspätete und Karikaturenhafte Antwort auf Probleme einer schlechten Welt von gestern ist. Wenn wirklich emanzipierte Frauen das generische maskulinum bei Pluralen verwenden, wittern weder emanzipierte Männer noch sie selbst überall Unterwerfung und Heteronomie.

Zudem gibt es auch noch das gigantische Feld nicht sprachlich-diskursiver Formen von Geschlechtsrollendarstellung, die uns überall unter der Hand begegnen. Warum kämpfen so wenige gegen die Darstellung von Frauen in Hollywood-Filmen? Es geht viel unmittelbarer in unser Unterbewusstsein über, wenn eine ‚erfolgreiche‘ Frau immer nur jung, mit langen Haaren und großen Brüsten dargestellt wird. Solche Bilder schieben sich als Subtext manipulativ unserem Wahrnehmen unter, eben weil das Gesehene nicht sprachlich-diskursiver Anstrengungen in zweiter Potenz bedarf, sondern en passant eingängig wirkt. Wer die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern will, sollte lieber dort ansetzen. Da gibt es noch richtig was zu tun.

„Terror oder Humor“?

Die titelgebende Konjunktion „Terror und Humor“ ist der Sache nach eine der schärfsten Disjunktionen überhaupt: Entweder … oder. Wer im Humor seine Neigung erkennen lässt, gegen die traumatischen Aspekte des Lebens positiv bestehen zu wollen, der hat keinen Grund mehr, eine weltanschauliche Verstiegenheit zu entwickeln, die zu einer Mission der Auslöschung werden könnte. Missionen sind meist der Reflex auf den gefährlichen Überblicksverlust, der in der Pluralität wurzelt. Wo der Humor einen schlechten Stand hat, da regieren Menschen oft mit dem verheerenden Imperativ, alles ‚andere‘ müsse getilgt werden. Terror wirkt dann, indem man sich von ihm auch dann bedroht fühlt, wenn er gerade nicht aktuell durchschlägt.

‚Erweiterte Selbstmorde‘ mit medialer Spitzenplatzierung erzeugen das Gefühl latenter Bedrohung. Meine These ist, dass einer terroristischen Ausgangshaltung der Nährboden entzogen werden kann. Und zwar durch eine spezifische Haltung, die auf Nichtverhärtung aus ist: dem Humor. Terroristen wollen Verhärtungen gutheißen, weil sie sie als notwendigen Reflex auf einer widerständige Welt beschönigen. Hat das Widerständige aber seine begrüßenswerte Funktion besonders darin, den Strategien der Bearbeitung des Antagonismus‘ zwischen eigener Tugend und nicht beeinflussbarem Weltlauf Futter zu geben, so gibt es insgesamt zwei Extreme, die wirkliche Widerständigkeit verabscheuen und uns auf jeweils eigene Weise über sie hinwegtäuschen wollen: der weltanschauliche Terrorismus und der Terrorismus der Massenkomik.

Der Terrorist sprengt das ihm verhasste geistige Milieu, das wir atmen; der Comedian sprengt nicht einmal mehr die abrissreifsten Nebengelasse der Positivgesellschaft, schon gar nicht deren Prunkbauten.

Von beiden Seiten her droht Ähnliches: An die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände nur durch Auslöschung zu glauben macht Lebensräume inhuman, die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände in der Bestätigungskomik zu bezweifeln, hält Lebensräume inhuman. Wird im Terrorismus durch die Wahllosigkeit, welche Opfer eine Explosion fordert, mehr oder weniger der gesamten Gesellschaft unterstellt, dass sie mangelhaft ist und daher – unbesehen der Einzelfälle – von Gewalt betroffen gemacht werden sollte, so wird im Terror der breit gesäten Massenkomik die Möglichkeit verabschiedet, dass die anstrengende Auseinandersetzungen mit sozialen Differenzen zum Selbstverständnis des sich bildenden und verändernden Menschen gehören kann.

Humorloser Terror und genauer gesagt Komikterrorismus gleichen sich darin, dass sie dem Menschen das willentliche Sich-Betreffen-Lassen abnehmen, und machen ihn damit unmündig. Terrorismus erscheint unter seiner eigenen Maßgabe der gerechtfertigten Unterstellung des Ungenügens ‚aller‘ als „Gewalt gegen jene menschen-umgebenden »Sachen«, ohne welche die Personen nicht Personen bleiben können“[1], Massenkomik hingegen – unter das bloße Emblem des „Humors“ gestellt – ist schmeichelnde Gewalt des Konsens‘ gegen soziale Differenzen.

Diese Gewalt verabschiedet die Aufgabe, Unterschiede aushalten zu lernen, und bezweifelt daher zunehmend auch, dass es diese identitären Unterschiede zwischen Personen überhaupt gibt. Damit bedroht sie das Person-Sein der Menschen von der Seite ihrer Individualität her.

Massenkomik ist damit per definitionem von Intoleranz geprägt, wie es auch die attentäterisch-terroristische Motivationslage ist. Terroristen halten auf eine grundsätzlich gefährliche Weise zu pauschal alle für Abweichler, Komikterroristen halten zu pauschal alle Abweichung auf eine zu grundsätzliche Weise für ungefährlich und für prinzipiell in unser gesellschaftliches Einerlei für integrierbar. Zwischen der singulären Verstiegenheit des verbissenen Geisterfahrers und der kollektiven Indifferenz einer kichernden Schiffkreuzfahrtgesellschaft allerdings gibt es einen Bereich, in dem unterwegs zu sein mir humaner erscheint, in dem unterwegs zu sein aber einiges mehr verlangt an Takt, Toleranz, Bildung und Humor.

Wir leben in Restriktionen und können oder dürfen über gar nichts lachen und wollen uns – da wir dies in Konsequenz als besondere Mission mit kollektiven Tiefeneffekten annehmen müssen – sprengstoffbasiert davon entsichern? Dann werden wir Terroristen, wobei unser Verlust von Seelen-Adel darin läge, dass uns nichts mehr wirklich etwas bedeutet. Oder wir wollen hingegen über alles nur noch auf eine flache Weise lachen und dies im Eventmodus nur scheinbar wirklicher Entsicherung? Dann werden wir zu Mario-Barth-Fans, deren Verlust seelischer Vielfalt darin läge, dass nichts wirklich Wichtiges uns noch Gegenstand einer eigenen Bearbeitung werden kann. Wir sollten beides nicht werden wollen, wenn uns noch etwas heilig ist, das es trotzdem aushält, in dem Lichte betrachtet zu werden, das neben seinen Schönheiten gleich seine Unschönheiten mit zu Tage fördert.

Terroristen haben keine Unschönheiten, glauben Terroristen. Komikterroristen meinen, ihre Unschönheiten freimütig genug benannt zu haben, aber mit dieser Vordergründigkeit bringen sie sie eben zugleich weit außerhalb der Reichweite von kritischen Nachfragen.

[1] Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Frankfurt am Main 2002, S. 23.

Über Ethik und ethische Expertise für Politik und Wirtschaft

Kongress- und Kommisionsphilosophen sind ein neuer Typus von funktionalem Akademiker, an dem sich neue Hoffnungen festmachen. Unter dem offensiven Vorwand eines Beratungsbedarfes von Politik und Wirtschaft sollen sie prototypisch für die Einholung des „Mehr“ in die geschlossenen Zirkel politischer oder wirtschaftlicher Selbstverständigungen stehen. Ist dies nur dem Gefühl des Ungenügens der Eigenverständigungsprozesse und -resultate geschlossener Entscheidungsfindungen geschuldet?

Wenn dem so wäre, müsste ein analoges Vorwänden von Beratungsbedarf in anderen Bereichen ebenso blühen. Dem ist nicht ohne weiteres so. Denn wenn das erste Ziel – die ethische Reflexion – mit dem zweiten Ziel – der ethischen Optimierung von Entscheidungsprozessen – mit der Bedarfsoffensive gar nicht wirklich erstrebt ist, dann steht nur das Bedürfnis nach einem Etikett im Vordergrund, das unangenehme aber bar jeder Beratung mögliche Entscheidungen durch das „Mehr“ legitimiert. Gemeint ist: ein „Mehr“ an lebensweltlichem Sinn in bürokratischem ‚Öffentlichkeitsmanagement‘, ein „Mehr“ an allgemeiner Vernunft in konkreten, pragmatischen Vorschriften und Ordnungen, die gerade gegenüber einer wachen und pluralistischen Öffentlichkeit unter einem wachsenden Rechtfertigungsdruck stehen. Die Stellen, an denen gestaltende Gewalten regulativ über die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens in einem Staat entscheiden, werden immer besser überwacht. Da sich Ethik in nachaufklärerischer Perspektive nicht mehr auf eine allgemein geteilte christliche Wertebasis berufen kann, kann man einerseits nicht mehr an ein Einziges glauben, andererseits wird erst dadurch Tür und Tor für abwägendes Reflektieren geöffnet. Und das ist anstrengend.

Die Einsicht, dass ethische Grundsätze kontingent sind ohne sich dadurch in ihrer Gültigkeit in einem gewissen Bezugsrahmen relativieren zu müssen, verlagert die Perspektive auf den Auswahlcharakter menschlicher Entscheidungen und lenkt den Fokus auf Aspekte, die eine Auswahl und damit den Ausschluss anderer Handlungsoptionen plausibilisieren. Einer dieser Auswahl-befördernden Aspekte ist die Expertise eines in Fragen der Ethik Auskunft gebenden Menschen. Worin kann ethische Expertise bestehen? Diese Frage ist ziemlich gut zu beantworten.

Expertise ist eine Frage des Wissens. Dieses ist oft mit Alter verknüpft: Lebensalter insofern als es ein geistiges Reflexionsalter ist, mit dem ein subjektiver Vorsprung in der reflexiven Objektivierung allgemeinmenschlicher Probleme und der Koordination von Handlungserwartungen auszumachen ist, das verstärkt dem Ziel verschrieben ist, objektivierte Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren. Dem Lebens- oder Reflexionsalter soll eine vorgelebte Praxis der autonomen Einschränkung der eigenen Freiheitsspielräume innewohnen: Der Experte lebt und verkörpert beispielhaft einen Habitus, der ihm Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Bereichs verleiht, in dem seine Expertiseleistung sich erfolgreich ausspielen kann.  Ohne die Zuschreibung eines besonderen Status‘ geht das nicht. Sicher hat der Experte die Aura des Wissensexoten, der in entweder sehr prominenten oder sehr abständigen Bereichen seine Stiche zu setzen weiß, aber die Aura oder der Status sind nur Beigaben: Ohne Argumente wird der Experte nie Status gewinnen. Im Idealfall sind diese Argumente allgemeinverständlich ohne platt zu sein, sie sind keine Autoritätsargumente, keine Argumente ad homines, keine naturalistischen Argumente. Damit hat der prinzipiell verstehbare aber nicht zwingend unmittelbar für jedermann verständliche Experte Grundbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens zu erfüllen: Seine  Autorität ist insofern eine wissenschaftliche, als er auch diejenigen über Gültigkeitsbedingungen und Konsequenzen seiner Argumente in Kenntnis setzen muss, die sie nicht unmittelbar verstehen, aber verstehen könnten.

Das „Glück des richtigen Zeitpunktes“ muss ebenso auf der Seite des Experten sein. Seine kognitive Schulung nützt ihm wenig, wenn entweder seine Intuition nicht treffsicher genug ist, um auf die richtige Frage im Moment mit einer Antwort zu kommen, oder wenn die Situation so unglücklich ist, dass er zu momentan brennenden Fragen mit seinen Antworten nicht vorgelassen wird. Die zeitliche oder situative Frage-Antwort-Adäquatheit muss zum kognitiven Training und zur treffsicheren Intuition dazu kommen. Und wenn der Experte als solcher gilt, beobachtet man immer eine Folge, die seine Expertise zu einer solchen macht, indem sie jene stabilisiert durch Wiederholung: Expertise muss aus gutem Grund wiederholbar, zitierbar sein, man muss sich auf sie berufen können und wollen, auch wenn sie damit zur Folie für Autoritätsargumente in den Händen derjenigen wird, die aus mangelnder eigener Expertisefähigkeit nur Wiederkäuer sein können. Dabei ist manchmal zu beobachten, dass ein Teil der Experten-Aura auch den umfasst, der die Expertise nur reproduziert, aber nicht ihr Urheber war.

 Vorschriften der praktischen Ethik beschäftigen sich oft mit der Koordination von Ansprüchen auf Unversehrtheit und Erwartungen von Gegenseitigkeit. Normen des Sollens sind in ihrem Kernbereich meist Normen des gegenseitigen Sollens des Gleichen, damit Menschen als ‚gleiche Wesen‘ nicht unmenschlich durch ‚ungleiches Handeln und Behandeltwerden‘ werden, weil dies wahrscheinlich die Idee einer Menschlichen Gemeinschaft des Von-Geburt-aus-Gleich-seins in Frage stellt. Ohne moralisches, rechtliches oder traditionelles Sollen wäre menschliches Zusammenleben unmöglich. Jeder hat also ethisches Grundwissen oder Grundfühlen über Erwartung und Gegenerwartung, und dieses ist hat sich traditionell stabilisiert, bei gleichzeitiger Wandelbarkeit.

Einige Nonkognitivisten sagen, man könne ethisches Wertewissen nicht so erlernen wie auf empirischen Tatsachen beruhendes Wissen. In Ethischen Aussagen gibt es dieses „Mehr“: Das über das rein deskriptive Hinausgehende. (Für einige Nonkognitivisten sind Ethische Ausdrücke nur sprachpragmatische Instrumente, mit denen man eigene Handlungsabsichten durchsetzen könne.) Allerdings ist es dann unsinnig zu behaupten, dass das Sensorium für ethische Fragen nicht ausgebildet werden könne, nur weil in einer Tatsachenwelt keine objektiven moralischen Werte existieren können, an denen das Individuum in wiederholten Versuchen seine Erfahrung prägt. Denn wenn Nonkognitivisten das empirische Lernen als Weg des Wertewissens in die Weltgewissheit der Einzelnen bereits suspendiert haben, kann daraus  nicht folgen, dass alles in der Welt wissbare – und auch subjektives Wertwissen gehört ganz objektiv dazu, weil es Aussagestile formal und Welt- und Selbstbezugnahmen der Menschen inhaltlich prägt – nur empirisch erfahrbar sein könne. Wo käme dann das weltgestaltende Wertwissen her? Die nonkognitivistische Grundannahme führt ins Leere, wenn sie die empirisch erfahrbare Wirkmacht des erlernten Wertwissens leugnen wollte. Dass Menschen Wertzuschreibungen vornehmen, und sich oftmals im Abgleich ihrer Zuschreibungen eine große Einigkeit demonstrieren lässt, beweist zumindest, dass trotz nicht von vornherein ausgemachter ‚Objektivität‘ des Kontingenten doch eine seltsame Kohärenz des intersubjektiv geteilten Wertewissens möglich ist und ohne große intellektuelle Nöte zur Lebenswirklichkeit eines Großteils der Menschheit gehören kann.

Sicher ist das von Menschen Konstruierte kontingenter als das bloß von Menschen vorgefundene, aber wenigstens leitet man aus bloßem Vorgefundenen nicht das Seinsollen mehr ab, sondern im Falle von Gesetzen nur noch das relative Geltensollen in bestimmten Bereichen. Auch das ist ein Gesundungsschritt für die menschliche Selbstregie.

Zu Politik und Wirtschaft, dort wo sie sich in Absicht des Feigenblatterwerbs an Ethikkomissionen wenden, sei gesagt: Aus einer Beratung folgt nicht Handeln sondern nur: Beratensein, aus einer guten Beratung nicht gutes Handeln sondern gutes Beratensein. Wie einer handelt, bleibt seinem eigenen Kosmos ausgeliefert: Kann er oder kann er nicht, nachdem er dieses und jenes gehört und mit gutem Grund von diesem und jenem zu glauben begonnen hat, so müsse es gemacht werden? Selbst wenn der gute Rat – der ja sprichwörtlich teuer ist – eingeholt ist, gilt immer noch: Gut über das Gute beraten zu sein heißt nicht, ausreichend in die Spur geschickt worden zu sein für weitreichende Entscheidungen mit Aussicht auf Gesetzescharakter und Verbindlichkeit für alle. Denn die kritische Anmerkung, ob und wie für uns alle das selbe überhaupt gleich gut sein könnte, sollte als Beigeschmack jeder ethischen Expertise innewohnen. Wer aber kann dann noch zweifelsfrei handeln?

Geschulte Urteilskraft ist besser als „natürliches Empfinden“

Der Frage, was Gerechtigkeit ‚ist‘ müsste die Frage „Was macht sie aus und wie wollen wir sie gestalten“ vorgezogen werden. Den Frageimpetus zu vernichten, indem man auf ihre Unbestimmbarkeit hinauswill, ist besonders dann weitergehend fragwürdig, wenn man dieser Vernichtung noch seitenweise Abhandlungen folgen lässt, oder ihr diese vorausgehen ließ, obwohl das Ergebnis schon vorher feststand: Können wir nicht drüber reden, weil: Jeder hält was anderes dafür. Wenn Gerechtigkeit nicht nur dem Reden sondern sogar der Sache nach beobachterrelativ sei, verbietet sich das Aushandeln einer geteilten Vorstellung von ihr. Was tun wir denn dann die ganze Zeit? Wie schnell ist es dahingesagt, dass jeder sich etwas anderes darunter vorstellt, wie schnell ist dies bei Liebe, Glück und Freiheit dahingesagt. So sich daraus das Sprechen über Vorstellungskonzepte nicht als unmöglich erweist, sollte man aus den individuellen Extensionen nicht die Unmöglichkeit einer trotzdem geteilten Intension schließen. Wer das doch tut, hat kein Interesse an seinem eigenen Thema. Denn dass es für ein Vorstellungskonzept so viele verschiedene Aneignungen gibt, wie es Menschen gibt, ist weder eine große Erkenntnis noch ein sonderlich pfiffiger Gag und es verhindert nicht das Reden darüber sondern ermöglicht es.

Gerechtigkeit ist nicht, wenn jeder als Experte seinerselbst die steilste These über Verteilungsmodalitäten findet, die ihn am wenigsten benachteiligen. Gerechtigkeit „ist“ nichteinmal außerhalb von Menschen. Aber aus einer angenommenen ‚natürlichen‘ Innerlichkeit lässt sich ihre Geltung oder Wünschbarkeit nicht schließen. Nach einem natürlichen Empfinden die Billigkeit eines Urteilsspruches als den besten Bürgen für Gerechtigkeit anzusehen, greift zu kurz: Stellen Sie sich eine Konkurrenzsituation verschiedener, aus der jeweiligen Introspektion gleichnatürlich sich darstellender Empfindungen vor: Wem wollen Sie zumuten, divergente Empfindungen auf ihre Natürlichkeit hin zu beurteilen oder in ein Ranking zu bringen, wem wollen Sie zumuten, aus subjektiv Empfundenem ein gerechtes Urteil zu empfangen, das ihm nötigenfalls gegen seine eigene – dem Urteil widersprechende – Introspektion auszuhalten nahegelegt werden muss? Von Menschen als objektiv angestrebte Gerechtigkeit ist nicht, was die unvermittelbaren Empfindungen der Einzelnen stellenweise durchzuckt als Reaktion auf irgendwelche angeschauten Schieflagen. Dass es dieser mehr als genug gibt, ist kein Argument für die Nichtinvolviertheit des „gerecht“ Empfindenden in die abständige Welt. Gerade dann nicht, wenn er mit seiner Weltinvolviertheit sich dauernd auf seinen Natürlichkeitsgaranten herausredet. Menschliche Welt aber ist immer kulturell überformt. Sogar menschliche Natürlichkeitsvorstellungen sind dies durch und durch. Sich bei Gerechtigkeitsfragen nur auf die eigene Innenansicht zu verlassen, vernachlässigt die Möglichkeit, dass objektive Gütekriterien einer Verteilung durchaus der eigenen Intuition widersprechen können. Gerechtigkeitsempfinden ist nichts Natürliches, denn es beinhaltet immer ein Urteil. Urteilsfähigkeit will trainiert sein.

Machen Sie täglich ein paar scharfsinnige Sit-ups, am besten vor dem Spiegel, dann können Sie sehen, wenn Sie einen davon mangelhaft ausführen. Nur die Anschauung einer Schieflage vor sich habend aus der geballten Untrainiertheit der eigenen Urteilsschwäche heraus „natürlich empfindend“ eine Aussage über Gerechtigkeit in einer bestimmten Verteilungssituation zu treffen: Also bitte, welchen Bestand soll das haben, allein schon wenn man dieser subjektiv-willkürlichen Aussage eine andere Aussage gleicher Machart aber gegenteiligen Tenors an die Seite stellen könnte? Fühlen Sie doch von mir aus fiebernd gegen eine Welt an, aus der Sie ihr Fieber haben, und gegen die Sie nichts ausrichten. Wenn das zur Absage an die Diskussion um Gerechtigkeit reicht, dann wollte sie gar nicht geführt werden.

Also: Was macht sie aus, wie wollen wir sie gestalten? Mit Pessimismus im Stile von: Es wird ja eh nicht anders? Mit Optimismus im Stile von: Wir müssen unbedingt an der Utopie festhalten? Mit einer Romantisierung der Herzensgerechtigkeit, die kaum Argumente für sich braucht?

So bestimmt nicht!

Assortative Paarung und Demodystopie

oder: Stell dir vor, du bist Philosoph, es ist Paarungszeit und niemand ist da…

 

 

 

Wir alle sind gerade in schwachen Zeiten der Meinung, dass mit der Erfüllung eines bürgerlichen Lebensplan-Solls ein nicht unerhebliches Versprechen auf privates Glück einhergehen kann. Dazu rückt irgendwann die Aufgabe des Individuen-Status zugunsten der Paarbildung in den Fokus.

Demodystopien, also Szenarien, die uns über die Entvölkerung ganzer Landstriche auch in entwickelten Industrienationen in Kenntnis setzen, sagen zunächst nur: Es gibt immer weniger Menschen innerhalb eines bestimmten nationalen, kulturellen oder ethnischen Bezugsrahmens. Der Kreis der zur Auswahl stehenden Gelegenheiten aus Fleisch und Blut zieht sich immer enger zusammen. Einen entscheidenden blinden Fleck hat auch jede gut recherchierte und um die Plausibilisierung ihrer Ergebnisse redlich bemühte Demodystopie dann doch: Sie spricht nie von geistiger, intellektueller Entvölkerung. Nettoabtropfmasse an Menschen garantiert für keine Findung passender Partner, sie sagt nichts über Chancen positiver Assortativität der Geister, die sich finden wollen, um gegenseitig – mehr als nur ihre Körper – ihre Selbst- und Weltverhältnisweisen zu befruchten. Stell dir vor, du bist klug und auf Partnersuche und niemand ist da. Keine Sau….

Es hat schon seinen Reiz, Begriffe aus der Evolutionstheorie und Verhaltensbiologie auf geistige Passungskriterien zu bürsten. Unter positiver Assortativität verstehe ich, dass das Kriterium gleicher oder sich ähnelnder Eigenschaften bei der Partnerwahl im Vordergrund steht, bei negativer Assortativität geht es um die Triggerwirkung unterschiedlicher Eigenschaften. Alle Lebewesen höherer Ordnung sind getrenntgeschlechtliche Populationen, was dazu führt, dass auf dem Findungsmarkt Eigenschaftsunterschiede oder -Gleichheiten erst ihre kritische Relevanz gewinnen.

Trotz aller Unterschiede oder Gleichheiten suchen wir verzweifelt nach einem anderen Menschen als dem, der wir selbst sind. Dazu müssen wir oft Strecke zurücklegen, rein äußerlich. Alle früheren Kulturen – besonders die, die durch eine hohe soziale Dichte, durch das Leben primär in kleinen, überschaubaren Umkreisen, den Gemeinschaften gekennzeichnet sind – kennen das Zurücklegen von Strecke unter dem Phänomen der Exogamie. In der Regel verlangt die reine Bestandserhaltung die Fokussierung auf die Gemeinschaft, auf ihre Immunisierung gegenüber externen Einflüssen. Wo es aber um Bestandsneubildung oder -Erweiterung geht, müssen sich geschlossene Zirkel öffnen und auf externe Individuen aus anderen Gemeinschaften zurückgreifen. In genetischer Hinsicht bewirkt die Durchmischung auf Basis blutstechnischer Nicht-Assortativität, dass Populationen genügend Varianzen erzeugen um nicht an ihrer Verarmung erkranken zu müssen. Genetische Unterschiedlichkeit ist allerdings schwer codierbar, in der Regel ist ihre Wahrnehmbarkeit kulturell konstruiert. Die narrative Spur, die mit der kulturellen Abständigkeit einer fremden Exogam-Gemeinschaft gleichzeitig eine genetische Ferne garantiert, kann diese Korrelation nicht natürlich erklären, denn genetische Abständigkeit kann durch kein menschliches Sensorium wirklich erspürt werden. (Außer dem Geruchssinn vielleicht.) Gleichzeitig wird der Nicht-Assortativitätsbedarf, der hinter der Exogamie steckt, in Schieflage gebracht durch die Gefahr, die in Frühkulturen allem „Fremden“ automatisch innewohnte, einfach weil das Fremde immer das „absolute“ Andere war. Deshalb war Exogamie nur zu bewältigen durch: Politisch verordnete Eheschließung, oder durch gefahrenmildernde Suche nach ‚weichen‘ positiv-assortativen Merkmalen im fremden „Anderen“: etwa gleicher Geschmack des Exogam-Partners, ähnliche Tagesabläufe und Rituale. Nur dann kann man nichtsdestoweniger Partner dort finden, wo man sie niemals vermuten wollte.

Dass wir uns auf den Anderen „als“ Anderen – also als nicht bereits identitär in uns begriffenes Gegenüber – überhaupt einlassen können, erfordert in einer Zeit der Offenheit und geographischen Schizophrenie eine Ferne-überwindende Kommunikation, die Nähe fingiert, sowie das Pendeln zur Wochenendbeziehung, oder andernfalls das Aufsuchen neuer Weideplätze oder Fleischmärkte. Der moderne Kopfarbeiter lebt mit dem Globus als Gewissheit, der Welt als Perspektive und sucht sich haltungsflexibel eine neue Wiese. Denn dass sich die Erfolgschancen in einem leeren Landstrich lediglich durch einen neuen Aufwand in der selben alten Sache steigern ließen, darf mal grundsätzlich bezweifelt werden. Zumal von mir.

Und wenn Klassiker aus der Kategorie „Klug aber schwer vermittelbar“ (zum Beispiel Mathematiker) dem Geld und dem selbstbestimmten Leben ortsungebunden hinterher eifern, verträgt sich mit diesem Stil des Seins kaum etwas anderes als das Modell einer offenen, polyamorösen Fernbeziehung, die Elemente aus menage-a-trois und living-together-apart zu einer latent explosionsgefährdeten Mischung vereint. Wer glücklich werden wollte, verliert sich aufgrund der Leere vor Ort als Freier Mensch mit Prioritäten in solchen Bindungen, die ihren Namen nicht wert sind.

Und stell dir vor, du bist klug und es ist jemand woanders da, der deine Bedenken bei der Paarwerdung teilt….

Und wenn wir uns trotz Distanzen von New York bis nach Berlin so sehr auf Nähe gechattet und geskyped haben, dass wir beginnen und wechselseitig mit Nachdruck nach unseren Vorstellungen zuzurichten und in Kenntnis unserer ursprünglich faszinierenden Gleichheiten oder Unterschiedlichkeiten nun beginnen, uns ein Leben auf Dauer in räumlicher Nähe zuzumuten, auf das wir gar nicht vorbereitet werden konnten, dann ist es schade, dass es fast schon egal ist, ob es nun die große Liebe hatte sein sollen, die es nicht sein konnte. Denn in einer Welt des Tausches auf Menschenmärkten gilt nachwievor das gute alte Wort aus der ‚Dialektik der Aufklärung‘: „Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft.“ Na schönen Dank auch.

 

 

 

 

Hier ein kleiner Nachbericht von der Phil.Cologne, auf der dieser Text zu hören war und wo ich relativ am Anfang auch noch interviewt werde: http://www1.wdr.de/fernsehen/kultur/west-art/westartphilcolognebackhaus100.html