Kein Leben nach dem Tod

Oder:
Warum man ein Arschloch sein darf
(Einige Überlegungen)

 

„Es gibt für Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.“
Walter Benjamin

Seitdem wir es immer mehr verstehen, gut zu leben, ist die Frage nach einem Leben nach dem Tod etwas aus dem Fokus gerückt, wie eine schlechte Nachricht, die man aufgrund ihrer radikalen Endgültigkeit lieber erst sehr spät übermittelt bekommen möchte. Der existenzielle Druck, eine Antwort auf diese Frage formulieren zu müssen um die richtige Einstellung zum Leben zu finden, ist deutlich geringer geworden. Warum ist das so?

Alte Antwortmuster haben ihre Gültigkeit oder Verbindlichkeit für viele, oder auch ihre paradigmatische Kraft für die Auseinandersetzung über das Wesen Mensch generell eingebüßt. Gleichzeitig wird aber einerseits in traditionellen, zumeist religiösen Denkzirkeln und in Kreisen der new-age-Esoterik andererseits der Glaube an ein Leben nach dem Tod ‚immer noch‘ oder ‚schon wieder‘ wachgehalten. Sowohl fanatische Terroristen, die ihre Selbstopferung durch ihr paradiesisches Weiterleben gerechtfertigt sehen, als auch frühe Friedensbewegte, die über Drogenerfahrungen zu seltsam verklärten Visionen vom Sein nach dem Tode gekommen sind, haben gleichermaßen das Bedürfnis, die Tatsache der eigenen Sterblichkeit ins Reich der Phantasie zu verschieben.

Dieser Effekt verrät bei beiden, dass die je eigenen Selbst- und Weltverhältnisse auf schwachen Begriffen gründen. Dass mich das interessiert ist klar, denn schwache Begriffe sind für Philosophen immer schon dankbare Angriffsziele gewesen. Mit dem Angriff will man aber keine Träume zerstören, sondern schlecht gedachte, schlecht formulierte oder schlecht praktizierte Phantasien geraderücken, und sie – wenn sie denn zu retten sind – auf ein denkbares und lebbares Reflexionsniveau bringen, oder andernfalls zu klären, warum sie nicht zu retten sind und sie dann mit gebührendem Pomp zu verabschieden.

Mein eigener Tod interessiert mich nicht

Keineswegs ist klar, dass mein Leben und mein eigener Tod in einem so engen Zusammenhang stehen, wie das allgemein gedacht wird. Aus dem Brief an Menoikeus des antiken Philosophen Epikur stammt das in diesem Kontext häufig angeführte und damit fast schon missbrauchte Versatzstück, dass der eigene Tod einen nicht betreffe, „denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Es besagt zunächst nichts anderes, als dass wir im und vor allem nach dem Moment unseres Todes über rein gar nichts mehr von dem verfügen, über das wir zu Lebzeiten mal verfügten. Unser Einflussbereich erstreckt sich auf keine unserer Lebensäußerungen und der uns einbegreifenden sozialen Tatsachen. Wir können nicht mehr handeln und nicht mehr handelnd Teil von Gruppen sein.

Unser eigener Tod gehört als Vorstellungsinhalt und damit als Quelle vieler Auseinandersetzungen zwar zu unserem Leben dazu, aber bereits im Moment seines Eintreffens verändert er die Grundlagen so sehr, dass er nicht mehr reflexiv eingeholt werden kann, weil wir nicht mehr reflektieren können. Reflektieren heißt aber nichts anderes, als ‚zurückwenden‘ oder ‚spiegeln‘, was schon der Wortbedeutung nach ein ‚Neben-sich-stehen‘ des Menschen erfordert. Man tritt als Wesen mit Bewusstsein bildlich gesprochen aus sich heraus und denkt darüber nach WIE man ist, WAS man tut, WIE man sich dabei fühlt, und vielleicht was man glaubt WIE andere sich dabei fühlen. Dem Prozess der Reflexion ist es dabei gegeben, mögliche Wirkung des eigenen Todes auf andere Menschen, die einem vielleicht nahe standen, vorwegzunehmen und durchzuspielen. Dabei kriegt man allerdings nichts über die wirkliche Wirkung heraus.

Die Frage an sich ist schon falsch formuliert

Um sich mehr bewusst zu werden, wo alleine die Formulierungsprobleme liegen, muss man sich den Unterschied der Konzepte „Zustand“ und „Ereignis“ verdeutlichen. Rede ich über den Tod als „Zustand“, dann meine ich eine Ewigkeitsspanne. Sobald man einmal kurzfristig gelebt hat, ist man durch den Tod praktisch für die Ewigkeit nicht mehr. Jeder von uns wird länger tot sein als er je gelebt hat. Damit verbindet sich eine kaum zu beantwortende Frage: Wie sieht es eigentlich mit dem ontologischen Status von Toten aus? Welchen Seins-Status kann man z.b. Menschen nach 1000 Jahren zusprechen, wenn die Länge ihres Totseins mit einem unwahrscheinlich großen Faktor die Länge ihres Gelebthabens übertrifft?

Rede ich vom Tod als „Ereignis“, dann meine ich eine relativ punktuelle, und zeitlich umgrenzbare Änderung, zunächst ein Aufhören von Vitalfunktionen, aber im Nachgang auch eine Vielzahl sozialer und kultureller Praktiken, mit denen der Verstorbene allen seinen Angehörigen, Freunden, Bekannten aber auch der Nachwelt offiziell als „dem Irdischen entzogen“ vorgestellt und sozusagen verabschiedet wird. Beerdigungszeremonielle leiten von dem ihnen vorausgehenden Ereignis des Sterbens in den ewigen Zustand des Totseins über. Manchmal sind sie die viel stärkere Zäsurs als das Sterben selbst.

Wenn man nur ein einziges Leben zur Verfügung habe, so hat sich der Schnack durchgesetzt, dass man es dann auch ‚gut‘ führen müsse. Ein voller Angst und Schmerzen rumgebrachtes und zu früh beendetes Leben, in dem man nie wirklich frei war, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, habe sich dem Anschein nach gar nicht gelohnt und sei deshalb retrospektiv nicht führenswert gewesen und gerade deshalb lieber zeitiger vorbei als dass es sich noch unnötig in die Länge zieht. Die Tatsache, dass wir zu gerne aus Lebensumständen, praktizierten Lebensansichten und anderen Aspekte wie der Lebenszeitspanne uns ein Urteil darüber bilden, wie lebenswert ein Leben, genauer gesagt eine bestimmte Biographie ist oder war, nimmt Einfluss darauf, mit welcher Einstellung wir dieser Biographie am Ende den Tod beigesellen: Als Erlösung von kurzem heftigen Leid oder als bedauernswert frühen Abbruch einer Karriere, die noch vieles hoffen ließ.

Gutes Leben durch „Gutsein“? Am Arsch….

Zu einem ‚guten Leben‘ gehören viele Aspekte, die mitunter nach harter Arbeit klingen: Ich muss gesund sein, die Welt mit einer Mischung aus Vernunft, Herz und Humor sehen können, eine Ausbildung erfahren und einen Beruf ergreifen, der mir Spaß macht, zudem in einer Partnerschaft glücklich werden, etwas erreichen, viele Eindrücke sammeln und für das Alter vorsorgen. Wenn ich keinen Partner finde, lag das vielleicht daran, dass ich den potenziellen Zufallstreffer in der Bar neulich nicht sexy und lebensfroh genug angelächelt und eventuell auch angesprochen habe. Je länger unsere Lebensspannen werden, umso mehr Aufträge kommen auf die „Soll“-Seite. Unter dem Selbstrealisierungsdruck und der Komplexität leiden immer mehr Menschen, sie werden depressiv, ziehen sich zurück oder sie werden zynische Spielverderber, die sich darin inszenieren, die Lebenslügen der Mehrheitsgesellschaft zu demaskieren und den Kuschelkonsens bezüglich der Pflichterfüllungen anhand bürgerlicher Lebenspläne zu diskreditieren. Diese Pflichterfüllung nimmt dabei oftmals die Endlichkeit des Lebens in den Blick und definiert allgemeingültige Lebensziele für das irdische Leben.

Wer zu rücksichtslos sein eigenes Ding macht und ein Leben nach wirklich selbstgewählten Maßstäben führt, wird oft als „Arschloch“ betrachtet. Arschlöcher können kein gutes Leben führen, so glaubt man gerne. Aber dennoch ertappt man sich dabei zu beneiden, wie souverän, stark und unberührbar sich Arschlöcher zu Lebzeiten nehmen, was vielen verwehrt bleibt. Wer sich in Zurückhaltung übt und alles, was ihn strukturell benachteiligt individualisiert, verkehrt Täter und Opfer und spürt einen mitunter enormen Lebensdruck, ohne dass sich dieser dauerhaft mit Lebensfreude paaren kann. Und wenn einem dann ein prototypisches Arschloch über den Weg läuft, ist man erstaunt („Darf der das überhaupt?“), verärgert („Das darf der doch gar nicht!“) oder traurig („Der darf das und ich nicht, weil ich ein guter Mensch sein will.“)

Wenn ich nur dieses eine Leben habe und danach wirklich absolut nichts mehr kommt, darf ich dann nicht auch ein Arschloch sein? Oder besser: Sollte ich dann nicht ein Arschloch sein, damit ich auch das kriege, was ich will und brauche? Von Bertold Brecht stammt das bekannte Bonmot „Sorgt doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“ Es ist ein gängiger Fehlschluss, dass die ‚gute Welt‘ wirklich so gar keinen Platz für Kultivierungen des „Arschlochseins“ hat und dass sie andernfalls schlechter würde. Inwiefern das neu zu denken ist, muss noch geklärt werden. Keine Angst, dieser Text wird keine Rückbesinnung auf den psychologischen Egoismus Hobbes’scher Natur. Er versucht nur Differenzierungen einzubringen, wo noch viele weiße Flecken das Bild beherrschen.

Es gibt kein Leben nach dem Tod. Durch Analyse der Begrifflichkeiten, was es heißt ‚zu sterben‘, kann man den überzeugten Anhängern von Jenseits-Phantasien nachweisen, dass sie einen zu schwachen Begriff des Todes haben. Wer auf Basis gewisser irdischer Voraussetzungen auf die Diagnostizierbarkeit eines Zustandes wettet, der mit der kompletten Änderung jener Voraussetzungen verbunden sein muss, um überhaupt einen Unterschied zu bedeuten, der hat sich nicht damit abgefunden, was der Tod eigentlich bedeutet. Ich kann wissen, dass es ein Leben vor dem Tod gibt. Dass es eines nach dem Tod gibt, kann ich nur glauben.

Was heißt es überhaupt, zu sterben?

Was aber heißt es zu sterben? Ich müsste meiner eigenen Beerdigung bewusst beiwohnen können und wahrnehmen können, welche Vorkehrungen man zur rituellen Verabschiedung meines Körpers im irdischen Bereich trifft. Dazu bräuchte ich eigentlich das lebendige Instrumentarium eines Körpers: Augen, Ohren, die Bedingung, auf der Erde anwesend zu sein. Und vor allem bräuchte ich ein kontinuierliches Bewusstsein. Dies ist nur unter der Annahme möglich, dass es etwas wie eine Seele gibt. Viele Sterbeforscher und Wissenschaftler, die Nahtoderfahrungen analysieren, glauben, Beweise für die Seele gefunden zu haben, ‚wissen‘ können sie es aber nicht und meines Erachtens lassen sich diese zum Beispiel anhand von sogenannten außerkörperlichen Erfahrungen gewonnenen Eindrücke von der vermeintlichen Existenz der Seele gut widerlegen. Das hat bisher niemand systematisch getan.

Die Außerkörperlichkeit ist ein Gehirn-Artefakt. Grundsätzlich hat sie mit der menschlichen Fähigkeit zur Reflexion, Phantasie und autonomer Bild-Erschaffung zu tun, die in der exzentrischen Positionalität (dazu Helmut Plessner) wurzelt. Dass Sterbeforscher über Interviews auf so etwas wie Außerkörperlichkeit schließen wollen, ist seltsam: sie verlassen sich auf Erfahrungsberichte von Menschen, die fast tot waren, aber nicht wirklich hirntot sein konnten, weil sie sonst weder erneut wach werden noch über eine Bewusstseinskontinutität verfügen könnten, mit der sie sich im wieder erwachten Zustand die Erlebnisse des Todes als eigene Erlebnisse zuschreiben könnten. Das heißt, Bedingung für diese Form Erlebnisbericht-basierter Sterbeforschung ist, dass die Probanden eben NICHT sterben.

Ihre Gehirne zeigen Aktivität, selbst wenn es diese Aktivität in einem für uns nicht oder nur kaum physikalisch wahrnehmbaren Level zeigt, heißt das nicht, dass diese Aktivität nicht noch bildliche, akustische Eindrucksartefakte erzeugt, die viel eher aus der bisher weitgehend unverstandenen Kreativleistung des Gehirns kommen, als aus der wirklichen Ansicht einer den lebenden verborgenen Welt – ob nun Himmel oder Hölle. Zudem wollen Nahtodforscher die Außerkörperlichkeit immer durch die Erzählung von „Seheindrücken“ der Probanden bestätigt haben. Das mit dem Sehen kann so seine Schwierigkeiten haben (das zeigen Experimente mit Wahrnehmungskategorien, Gestaltgesetzen, Blinden, usw). Wir haben offensichtlich noch nicht genügend verstanden, warum das Gehirn im niedrigen Energielevel uns immer noch Bildergeschichten erzählt, die aber keine von Objektivität zeugenden Verarbeitungen unmittelbarer Sinneseindrücke sind.Und wir haben noch nicht den Wirklichkeit-gestaltenden Sinn von „Erzählungen im Nachhinein“ begriffen.

Ereignisse vor dem Tod haben nichts mit dem Tod zu tun

Soziologen und Mediziner beschäftigen sich mit dem Nahtod als „Erlebnis“, also mit Vorereignissen des Todes. Damit ist überhaupt nichts herauszufinden über die wirkliche Beschaffenheit des Lebens nach dem Ereignis, das nach den nahtodischen Vorereignissen kommen solle. Die Nahtoderfahrung ist eine reine Schau von Vorstellungsinhalten. Soziologen haben nachgewiesen, dass die Arten der Bilder, die mit ihnen verknüpften Gefühle, kultur- und sozialisationsabhängig sind. Das hieße aber auch, dass die Nahtoderfahrungen umso positiver sind, je mehr Menschen starke weltanschauliche Verankerungen in religiösen Paradgimen haben, die es zur Aufgabe haben, psychischen Schutz gegen die Angst vor dem Sterben bereitzustellen, also gegen die Furcht vor dem Erhabenen zu immunisieren, und dies u.a. mittels ausgeschmückten Weiterlebensideen erreichen.

In einer Welt der schleichenden Säkularisierung ließe sich damit die Tendenz beschreiben, dass uns in Zukunft mehr und mehr Nahtoderfahrungen mit nicht positiv belegten oder zunehmend neutralen Bilderschauen und Visionen konfrontieren. Mit anderen Worte: Wenn man meint, dass man dort etwas über wirkliche und allgemeingültige Lebensbedingungen nach dem Tod herauskriegen würde, dann müsste man mit dem Paradoxon leben, dass sich dieses verlässlich gleiche „Leben danach“ im selben Schrittmaß wandelt wie sich die Einstellungen der Menschen zu sich und zur Welt ändern. Mit dieser Änderungskorellation ließe sich jetzt schon eines gewiss sagen: Dieses Leben danach hätte verdammt viel mit dem davor gemein. Was wir vor dem Tod zu sehen kriegen, erzählt von unserem Leben, nicht von dem, was wirklich kommt, sondern von dem, was wir zu Lebzeiten durch kulturelle Dressur als das kommende zu begreifen, zu erhoffen oder zu wünschen gelernt haben. Zudem sehen wir eine Drogen-Vision: Körper-eigene Drogen befeuern die Bilderschau. Es ist ein evolutionärer Vorteil, dass ein sterbender Körper sich aus Schmerzlinderungsgründen mit eigenen Glücklichmachern vollpumpt, die ähnlich wie synthetische Drogen die Wahrnehmung außer Kontrolle bringen. Niemand aber käme auf die verrückte Idee, Menschen nach einem LSD-Trip nach einer objektiven anderen Welt zu befragen, die sie gesehen haben und für die sie nur gültig auskunftsfähig wären, wenn sie nachweisbar kontinuierlich klar bei Sinnen gewesen wären.

Ethik adé, wir sterben!

Wenn es also kein Leben nach dem Tod gibt, bedeutet das dann, dass ein argumentativer Anker für irdische Ethiken wegfällt? In vielen Kulturen und alten Glaubensparadigmen erscheint der Tod als Bilanzmoment für das Leben. Da man individuell stirbt, wird Gutes und Schlechtes im Leben in einer individualisierten Rechnung gegenüber gestellt und jenachdem das ‚Weiterleben‘ als Belohnung oder Bestrafung eingerichtet. Es gibt ja aber kein Leben nach dem Tod. Rächt es sich also nicht einmal mehr ‚letztinstanzlich‘, wenn man zu Lebzeiten ein Arschloch war?

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht wenige in dieser Vorstellung, es gäbe kein Leben nach dem Tod, eine große Gefahr sehen: eine Bedrohung für die Ethik, für das gute Leben, für internationale und generationelle Solidarität, einen Freibrief für Rücksichtslosigkeit und religiöse Unruhe. Aber nein, diese Gefahr sehe ich entschieden nicht. Wie viele Selbstmordattentäter werden deshalb zu Arschlöchern, eben weil sie an ein Leben nach dem Tod glauben? Damit wäre die Vorstellung hinfällig, das Jenseits gebiete erbarmungslos über eine bestimmte Form irdischer Ethik. Wenn das Jenseits dies nicht kann, kann es eine neue Diesseits-Fokussierung vielleicht eher. Also: Ob man aus der neugewonnenen Gewissheit, dass der Tod kein überirdischer Bilanzmoment ist, die Freiheit ableitet, sich unterirdisch gegenüber anderen Menschen verhalten zu dürfen, ist jedem selbst überlassen. Faktisch rückt aber die Beurteilung aber, ob man ein guter Mensch ist oder nicht, in die Sphäre zurück, in die sie gehört und in der diese Beurteilungen überhaupt nur Sinn ergeben: in den Bereich, wo lebenden Menschen ein unmittelbares Verhältnis in sozialen Bindungen miteinander eingehen und in einer Welt leben und eine Welt gestalten, in der viele vor ihnen waren, viele mit ihnen sind und noch sehr viele nach ihnen sein werden.

Wir müssen zur Klärung guter Argumente für ein gutes Leben die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod überwinden. Alles was nicht notwendig ist, ist entweder Glaubensluxus oder Ansichtssache. Man kann ohne Seele leben und trotzdem ein guter Mensch und kein anderer Mensch sein als der, der man ist. Man kann ein guter Mensch sein ohne dass man dazu zu glauben, gut sein müsse man nur, weil es sich irgendwann auszahlt, wenn im Moment des Todes darüber entschieden werden könnte, dass man sein Leben niemals mehr verlieren muss. Man kann ein guter aber schwer kranker Mensch sein, der sich aufgrund der Schmerzen wünscht, einfach nur zu sterben um erlöst zu sein. Aber selbst der Begriff der Erlösung hört durch den Tod auf, Sinn zu machen. Der Zustand der Erlösung – also das Erleichtertsein von wirklichen Qualen – setzt in dialektischer Sicht ein Subjekt voraus, das diese Erlösung spürt, reflektiert und die Erlösungsgewissheit verkörpern kann. Wann immer wir im Kontext mit Verstorbenen von Erlösung sprechen, verwalten wir leidiglich ein christliches Sprachspiel, von dem nur wir (Über)Lebenden etwas haben. Die Vorstellung, dass es so etwas wie Erlösung geben kann, ist ungemein tröstlich. Aus geistig-immunologischen Gründen halten wir auch an diesem schwachen Begriff fest.

Zwar wurde es mancherorts Jahrtausende lang gepredigt, aber: Das Leben nach dem Tod kann und sollte für Menschen nicht als die Erlösung zum Guten erscheinen. Wer das nämlich zu intensiv glaubt, wird zu Lebzeiten eher ein echtes Arschloch, als diejenigen, die nur deshalb als Arschlöcher erscheinen, weil ihnen das Leben irgendwie leichter von der Hand zu gehen scheint und denen die Lebenszuversicht praktisch genügend Fassung vor der Sterblichkeitsgewissheit gewährt. Menschen, denen es im Leben gut geht, sind weniger dazu gezwungen, auf das erlösende Paradies, höhere Gerechtigkeit oder nachholende Usurpation zu hoffen.

Und wo spricht man noch vom „Leben“?

Ebenfalls zur Schärfung und Pointierung des Themen-Überhangs empfiehlt sich, den Begriff des Lebens besonders in seinen „Bindestrich-Varianten“ metaphorisch aufzufassen und auf einzelne Phasen eines einzelnen Lebens zu beziehen. Vielleicht lassen sich daraus Muster der Perspektivierung von „endenden Phasen“ gewinnen. Im heutigen Erwerbsleben gibt mancheiner seine körperlich und geistig aktivsten Lebensjahre hin für die heteronomen Zwecke einer mitunter schlecht bezahlten Erwerbsarbeit. Sicher kehrt auch das sich langsam um und die Erwerbsbiographien werden immer offener, aber noch immer ist ein übertriebener Lebensarbeitszeit-Realismus weit verbreitet: Gute Lebenszeit in der Rente verdient man sich durch effiziente Arbeitszeit davor. Es gibt also ein Leben nach dem Arbeitsleben, das je nachdem wie die Arbeit empfunden wurde, als eine Bestrafung oder Erlösung erlebt werden kann. Bei der Aussicht auf das Ende des Arbeitslebens, des Liebenslebens oder zum Beispiel bei der Bedrohung des Privatlebens geht es um für die Identitätsbildung relevante Antizipationen von Grenzerfahrungen und deren Bewältigung noch bevor das wirkliche Ende der jeweiligen Phase eintritt. Die Strategien dieser Bewältigung von Grenzerfahrungen können unterschiedlich ‚lebensklug‘ oder unterschiedlich ‚lebenspraktisch‘ sein und damit unterschiedlich tauglich für eine wirkliche Bewältigung existenzieller Lebensthemen. Wenn sich rausstellt, dass eine der Strategien, mit der Angst vor dem Verlust des Privatlebens umzugehen zum Beispiel ist, eine Art „öffentlichkeitsscheues Arschloch“ zu werden, dann ließen sich so definitiv Beurteilungsmuster gewinnen. Ähnlich verhält es sich mit der ethischen Gestaltung meines Lebens je nachdem ob ich den Tod als endgültiges Ende oder als Vorstufe zum Weiterleben ‚denke‘ und jeweils unterschiedliches daraus ableite.

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