Numerus Clausus? Ja bitte! – Eine nicht ganz ernste Polemik

Der Numerus-Clausus ist sicher nicht eines der größten Demokratiesignale. Steht er doch für hoch geschlossene Schranken in gewissen Studienbereichen, für Standesdünkel und elitären Mief. Alles Dinge, die in der Jeder-kann-alles-Kultur prinzipiell verdächtig sein müssen. Die Inflation abgebrochener Geisteswissenschaftler wird oft damit ineins gesetzt, dass das Studium etwa der Germanistik oder Philosophie nicht genügend Herausforderungen beinhalte, letztlich aber sind die Voraussetzungen dazu wohl höher als die Meinung über die Wissenschaften des Geistes. Das Fach scheitert nicht an seinen Adepten, eher umgekehrt wird ein Schuh draus. Ein Mathematik-Studium darf und muss man in unserem Land für schwer halten, für nicht jedermanns Sache. Bei den Zugangsdiskussionen zur Philosophie grassiert die Selbstüberschätzung „Schreiben kann ich, das fiel mir immer schon leicht“, garniert mit einem Schuss anti-intellektuellem Ressentiment „Wenn die das da zu kompliziert macht, dann sind die doof.“

Die schwächeren Erstsemesterstudenten der Philosophie arbeiten zu oft mit diesen Ressentiments, mit Klischees und psychischen „Ferndiagnosen“: Was die Mehrheit der Menschen wolle, scheint ihnen klar. Wirkliche Orientierungskrisen, die zu einem produktiven Fragenreichtum führen – wie der Philosoph Odo Marquard es bezeichnet – hat selten jemand, der sich für das Studienfach Philosophie entscheidet. Oft ist das „alles“ bereits durchschaut, und man will für seine Thesen nicht mehr argumentieren, sondern lediglich Plädoyers abhalten, die noch dazu eher journalistisch gehalten sind und das übliche Problematisierungsniveau der Hauptnachrichten nicht übersteigen geschweige denn es qualitativ zur Philosophie hinzuwenden vermögen. Dabei suchen sie sich gerne die falschen Feinde, machen die Gegner ihrer Argumente mit unzulässigen ideologischen Argumenten schwach um selbst differenzierte Theorien ‚widerlegen‘ zu können, prügeln Allgemeinplätze tot, und statt eine freispielende Urteilskraft zu versuchen zelebrieren sie Privatmeinungen. Wer seine philosophische Bildung rein aus dem Fernsehen hat, läuft in den eigentlich philosophischen Debatten immer wieder bei Null los. Selten entsteht daraus etwas, das über typische ‚Empörungsprosa‘ hinausgeht oder Gesellschaft und Fachdiskurs bereichert.

Natürlich ist die philosophische Einfallslosigkeit ein Zeichen dafür, dass unserer Gesellschaft etwas Elementares fehlt: Die Bereitschaft, schockierend aporetische  Differenzierungsschleifen und harte Prozesse des Selbsthinterfragens auszuhalten. Wen gilt es dann aber zu bestrafen? Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen dürfen bemängeln, dass ihrer Lehrlinge und Schüler eigentlich nicht mit Ausbildungsreife die jeweiligen Vorgängereinrichtungen verlassen haben. Dem deutschen Zentralabitur lassen wir zwar auch gerne Hohn und Spott zuteil werden, aber da es als Aufstiegsgarant gilt, ist dieses Sticheln gegen vereinheitlichte Matheaufgaben nur halb ernst gemeint. Der Numerus Clausus ist eine Form der Fachhygiene, das ist unbestritten. Diese scheint einem demokratischen Grundrecht zu widersprechen, auch das ist unbestritten. Niemand jedoch hat ein demokratisches Grundrecht auf dasjenige Plus an Interesse, Engagement und Begabung, das zu einem erfolgreichen Philosophiestudium führen kann. Niemand muss Philosophie leicht finden. Wer sie despektierlich leicht findet, darf sie eigentlich nicht studieren. Sich jahrelang durch etwas zu quälen, das ohnehin keiner Wertschätzung würdig sei, bezeichne ich mal als Schizophrenie. Zulassungsbeschränkungen können das falsche Bild der Gesellschaft von den Geisteswissenschaften wieder geraderücken: Sie beenden die Vorstellung von geisteswissenschaftlichen Vorlesungen als Tummelplätze der Faulen und Unkreativen.

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