Selbstgerechte Fantasie-Vokabeln: Stilblüten des „Genderns“

 

 

Zunächst sei gesagt, dass ich im Ansatz dasselbe will: Eine Gesellschaft, die ihre Konstruktionen des sozialen Geschlechts nicht zu einer ausweglosen „Quasi-Natur“ hochstilisiert und deswegen eher Chancengleichheit ermöglichen kann, wenn sie einsieht, wie unter anderem Sprache diskriminieren kann. Was aber manchen einfällt, um den „Weg zu einer geschlechtergerechten“ Gesellschaft zu beschreiten, führt teilweise zu fast unverständliche Stilblüten. Eines dieser Stilblüten-Beispiele stammt von Lann Hornscheidt:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/profx-als-geschlechtergerechte-sprache-fuer-professoren-13268220.html

Sprechen Sie das mal fehlerfrei

Es gibt gesprochene Sprache, und geschriebene Sprache. Sie unterscheiden sich mitunter massiv. Das Problem „gendergerechter“ Sprache scheint mir zunehmend darin zu liegen, dass die allgemeine Zugänglichkeit sprachpragmatischer Verwendungsregeln über Bord geworfen wird, um einen morphologischen Homunculus zu züchten, der sich lieber an Wortklauber adressiert (als an den durchschnittlichen Sprecher), die glauben, mit Worten sei der nötige Bewusstseinswandel hinreichend beglaubigt. Der Formelhaftigkeit ist weder hinreichend noch notwendig ein Gewissenswechsel inhärent. In einer solchen feministischen Sprachethik, die auf „Professx“ verfällt, wird Genderspezifik durch bloße Erfindung abgehandelt. Sicher: Man kann das ‚schreiben‘, aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Sprechen Sie mal so, und versuchen Sie, verstanden zu werden. Und vor allem: Versuchen Sie, sich selbst dabei zu verstehen. Das meint: Nehmen Sie sich die Adressatengerechtigkeit ab, wenn Sie jemanden als „Professx“ bezeichnen, oder glauben Sie, darin einen Bewusstseinswandel vollzogen zu haben?

Die linguistische Seite

Das Problem ist, dass viele Leute gendergerechte Sprache für ein linguistisches Problem halten, aber offen zugeben, dass das Primärziel ein soziales/soziologisches ist. Kein Emanzipationsprozess hingegen wird die nötige Akzeptanz dadurch finden, dass wir gesellschaftliche Veränderungen durch den Mut zu unpragmatischen Fantasie-Vokabeln ersetzen. Die linguistische Seite ist zudem die: Eigennamen haben kein grammatisches Geschlecht. Grammatische Geschlechter wie „der“ Kevin oder „die“ Maria sind Behelfsreminiszenzen auf das biologische Geschlecht, das zudem noch einmal vom ‚sozialen‘ Geschlecht zu unterscheiden ist. So weit gehe ich mit. Schon ein Vergleich zum Französischen (das das Genus Neutrum nicht kennt und viele „die/der“-genera völlig anders setzt als das Deutsche) lässt uns bemerken, dass grammatische Geschlechter reine kulturelle Konstruktionen sind. Das soziale Geschlecht ist ebenfalls eine kulturelle Konstruktion. Dies beides lässt sich verändern. Das biologische Geschlecht ist keine Konstruktion, lediglich die kulturellen Erwartungsbeimengungen zum biologischen Geschlecht, die aber mit ihm nicht notwendigerweise verknüpft sind, sind änderbar. Eine Rebellion gegen eine nicht notwendige Verknüpfung, die sagt, eine völlige „Entknüpfung“ sei der beste Weg, ist aber genauso blind. Daher gehe ich diesen Weg nicht mit.

Da das Deutsche das Genus Neutrum kennt, gibt es bereits eine Möglichkeit, Geschlechtsneutralität auszudrücken, wenn jemand absolut nicht über grammatische Genera angesprochen werden will, in denen er sein eigenes soziales Geschlecht nicht wiederfindet. Oder man spricht jemanden nur über den Eigennamen an: Wie weiter oben gesagt, haben Eigennamen kein grammatisches Geschlecht.

Soweit die linguistische Seite, die oft nur Sprachwissenschaftler wirklich überschauen. Sprache muss für die meisten Verwender hingegen nur intuitiv funktionieren. Keiner braucht die Regeln reflektiert zu haben, um Sprache zu verwenden und um in vermeintlich gender-gerechten Verunstaltungen eine unnötige Hürde zu sehen. Worum es mir geht, ist, dass Worte wie „Professx“ nur noch in der geschriebenen Sprache funktionieren, und dort auch nur für Leute, die trotz ihres Intellekts einen naiven Wortgebrauch predigen, der aus Formelhaften Wendungen eine Möglichkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ableitet.

Sprachwandel als Feigenblatt

Gendern ist vielerorts zu einem lustlosen Feigenblatt geworden, mit dem Prozesse des wirklichen Bewusstseinswandels substituiert werden. Emanzipation – auch sprachlich – wird immer noch verengt gedacht als In-Obhut-Nahme der Frauen vor sprachlicher Diskriminierung, die ausschließlich von Männern ausgeübt werde. Diese Ansicht ist selbst eine pseudo-emanzipierte Einstellung zur ‚Emanzipation‘. Auch Frauen diskriminieren. Alle Menschen diskriminieren immer dann, wenn sie pauschal etwas unterstellen; z.B. Männern pauschal unterstellen, ihr Sprachgebrauch sei per se diskriminierend. Männer sind heutzutage viel emanzipierter als selbst die meisten Männer glauben können. Bis zu vielen Frauen hat sich dies sogar rumgesprochen. Nur zu denen nicht, die glauben, Geschlecht und Geschlechtlichkeit seien an sich Wahnsinn. Nun gut: das ist eine nicht notwendige Ansichtssache. Wer gesellschaftliche Grundkonfigurationen ändern will, braucht diese Ansicht nicht, es geht auch anders. Mit Vernunft zum Beispiel. Bildung, Toleranz und Humor.

Mir scheint auch eine gehörige Portion ‚magischen‘ Sprachdenkens hinter verkrampften Sprachverstümmelungen zu stehen: Wer glaubt, eine Sprache, die kein passendes grammatisches Geschlecht zu seiner individuell gerechten Ansprache bereithält, würde seine Existenz leugnen oder nicht fassen können, der glaubt an eine Magie von Worten, die in der Macht besteht, Existenz zu beglaubigen oder zu vernichten. Es fehlt dann nicht viel zu jener Form von magischem Sprachdenken, in welchem man glaubt, dass Formeln oder Zaubersprüche einen realen, invasiven Einfluss auf die Dingwelt hätten. Den haben sie nicht.

Ich glaube, dass dieser sprachklauberische Gender-Fanatismus die verspätete und Karikaturenhafte Antwort auf Probleme einer schlechten Welt von gestern ist. Wenn wirklich emanzipierte Frauen das generische maskulinum bei Pluralen verwenden, wittern weder emanzipierte Männer noch sie selbst überall Unterwerfung und Heteronomie.

Zudem gibt es auch noch das gigantische Feld nicht sprachlich-diskursiver Formen von Geschlechtsrollendarstellung, die uns überall unter der Hand begegnen. Warum kämpfen so wenige gegen die Darstellung von Frauen in Hollywood-Filmen? Es geht viel unmittelbarer in unser Unterbewusstsein über, wenn eine ‚erfolgreiche‘ Frau immer nur jung, mit langen Haaren und großen Brüsten dargestellt wird. Solche Bilder schieben sich als Subtext manipulativ unserem Wahrnehmen unter, eben weil das Gesehene nicht sprachlich-diskursiver Anstrengungen in zweiter Potenz bedarf, sondern en passant eingängig wirkt. Wer die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern will, sollte lieber dort ansetzen. Da gibt es noch richtig was zu tun.

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