Eros und Verteilungsgerechtigkeit

Ein altes Märchen um die Schwierigkeiten der Findung von Männlein und Weiblein weiß folgendermaßen folgendes zu berichten: Zu jedem Topf gibt es einen Deckel, zu jeder Tasse einen Henkel und das Runde muss ins Eckige. Nun haben es Märchen trotz aller abständigen Brutalität so an sich, dass sie beruhigend wirken können und sollen: die Kalküle gehen auf, Gut und Böse sind klar voneinander zu scheiden, der unbedingte  Triumph des Guten ist präjudiziert und er macht selbst Verständnis und zwischenzeitliche Sympathieanflüge für das Böse aushaltbar. Dass passende Partner sich finden ohne sich durch die Langwierigkeit des Findungsprozesses wechselseitig zu beschädigen, wird heutzutage allerdings immer unwahrscheinlicher: Wir laufen mit saftig hochgeschraubten Anspruchsniveaus durch eine Pop-Öffentlichkeit, die uns auf der morgendlichen 7:30Uhr-Fahrt zur Arbeit blanke Brüste serviert, zum Nachmittagskaffee schmierige Schmonzetten im Ersten Programm, die Blumen im Namen tragen, weil Blütenreinheit um so werbewirksamer ein Etikett sein kann, wenn eigentlich alles ästhetisch besudelt und dramaturgisch alles abgenudelt ist. Der Stadtraum fixiert uns auf eine Gefängnis-Insassenschaft, die wir mit Durchtritt durch einen Torbogen, auf dem „oversexed but underfucked“ stand, erreichten. Unser Anspruchsniveau erklärt die Prosperität des Topf-Deckel-Märchens: Zu jedem Durchschnitts-Topf, der sich seine Mediokrität allerorts unter die Nase reiben lassen muss, wird sich ein Deckel von durchschnittlicher Machart finden lassen.

Dieses Deutungsmuster der Beschädigungsusurpation trägt einen fatalen Gerechtigkeitssubtext, dem man schnell verfällt. Und wie selten gelingt es Verfallenen, noch nüchtern auf den Schirm zu kriegen, was ‚wirklich‘ ihr Problem oder Ursache ihrer Beschädigung durch die Suche nach einem Partner ist? Ich widme mich daher dem Thema über eine Art „Gegenprobe“. Wo werden Gerechtigkeitskalküle bemüht, ohne dass sie dort etwas zu suchen haben?  Dort, wo sie ungreifbare Dinge wie Subjektivität, Persönlichkeit, Zufall und Wahl – im Stile der Vernunft aber in Wirklichkeit gegen die Vernunft – handhabbar machen sollen. Das anti-aufklärerische Moment liegt darin, dass sich in einer durchrationalisierten Welt auch die Liebe der Ratio fügen muss. Aber: Diffuses leiden ist wahrscheinlicher als Nüchternheit in einer Welt, die sich ihr emotionales Leid durch ihren überwertigen Realismus eingebrockt hat.

Es bleibt zu erkennen, dass durch die Topf/Deckel-Redeweise, die Zufälle, das Ungenügen oder Pech und alle schönen kleinen Unwägbarkeiten tilgend verwaltet werden sollen, die menschliche, emotionale Welt in ein Kalkül verwandelt wird, das nach maßgeblicher Planung irgendeiner Instanz am Ende aufgehen solle. Wer sich von zufälligem Pech auf störende Weise und mit Grundsätzlichkeit benachteiligt sieht, findet zu diesem Deutungsmuster um ihm zu verfallen. Aber wenn es stimmte, dass die Welt ein Kalkül ist, hieße das ja, dass ein Mensch, der den Partner seines Lebens nie findet, eben an einer Welt scheitert, die nicht ungerecht eingerichtet ist, und wir Menschen können das gerade in unserem menschlichsten Bereich nicht befriedigend denken, und gerade bei der Liebe sollten wir – so sie trotz Wunsch danach ausbleibt – nicht willens sein, Gedanken um „gerechte Verteilung“ mitzutragen.

Steile Thesen über die Einrichtung der Welt als gigantischem analytischen Urteil machen individuelles Liebesmisslingen zu einer Gerechtigkeitsfrage, die an denjenigen gestellt werden dürfte, der die Einrichtung der Welt besorgte, ganz gleich was auch immer man dahinter vermutet. (Ich vermute uns selbst dahinter: Wie wir allein mit Sprichwörtern die Welt verwalten und eine überschaubare Anzahl von Worten für schier unendlich variante Lebenslagen bereithalten: so versimpelnd sind nur Menschen.) War bei den auf diesem Globus rechnerisch möglichen Partnerschaften Gerechtigkeit bei der Zuteilung im Spiel, wenn jede/r eine/n hat? Braucht mancher mehr Partner und ist es gerecht, dass eine/r übrig bleibt? Je größer das Leid, desto umfassender der Rekrutierungs-Pool, der klagend angerufen wird. Ist die kommunale Wiese bereits gemäht und das emotionale Massaker in endlosen Wiederholungsschleifen im Kleinen genug beweint, heißt es oft: „Gibt es denn niemanden auf diesem Planeten für mich?“, was die vorläufige Grenze dieser Ausweitung und Öffnung im Stile einer Abschließung gegen das Misslingen des Weltkalküls markiert: Die Anrufung des Universums ist kein Qualitätssprung mehr wenn sie im Stile des Galgenhumors vorgenommen wird. Die Wehklage „Ist es gerecht, dass es niemanden für mich gibt“ ist als Resultat wahrscheinlicher, sobald man an die Welt als Kalkül glaubt.

Ein Kalkül beruhigt wie ein Märchen, die Welt als Algorhitmenmaschine gesehen beruhigt durch ihre Genauigkeit, Vorhersehbarkeit und Beherrschbarkeit. Manchmal ist diese Art Beruhigung – trotz der Kehrseite, Spontaneität und Lebendigkeit durch die Wiederholungschance unmöglich zu machen – wichtig, und zwar meist dann, wenn das generelle „Sich-Offenhalten“ bedeutet, dass man unbeweglich wird weil man handlungsunfähig in Optionen erstickt, bevor man auch nur eine von ihnen erkundet hat.

Wir haben die popkulturelle Fokussierung auf Beine, Einkommen und mühsam erkaufte Sozialdistanz, die uns Appetit aufeinander machen soll, meist satt, sobald sie nicht fruchtet. Es findet eben nicht jeder Topf einen Deckel, so wie nicht jeder Schuh einen Fuß, nicht jede Katze einen Kratzbaum, nicht jeder rote Toskana-Wein ein bauchiges Glas, nicht jeder Cent einen Euro. Wünschen hilft nicht, Beten hilft nicht, verschiedene Partner ausprobieren hilft aber baut final keine Unsicherheit ab, darüber fluchen baut Spannung ab aber hilft nicht.

Unsere moderne Sharing-Kultur, die den Zugang zu Dingen vor den individuellen Besitz gestellt hat um dann keine Nöte darüber zu leiden, dass man mit Menschen auf intimer Frequenz ebenso schalten und walten könne wie mit einer ausgeliehenen Bohrmaschine, trägt dazu bei, dass die Idee einer verteilenden Gerechtigkeit mehr und mehr von einem emotionalen Nomadentum und einer Flucht potentieller Partner ins „Dazwischen“ bedrängt wird: Zwischen Städten, Ländern, Lebensaussichten und Geschmäckern werden partnerschaftliche Draufgänger zunehmend substanzlos und wandelbar bis zur Rückgratlosigkeit. Mit einer emotional ortsungebundenen Lebensweise ist das Prinzip von „Nähe in Dauer“ schwer zu vereinbaren. Die steigende Zahl von Menschen in offenen Beziehungen, die ‚unterwegs‘ wahllos in allen Gehegen wildern, ist mit ein Grund dafür, warum die Findung von erotischen Ausbrüchen mit einer sinkenden Zustimmung zu Stabilität einhergeht: Welchen Flaneur, welche Jet-Set-Frau wollen Sie auf irgendetwas festlegen?

Der Idee von der erotischen Verteilungsgerechtigkeit im Topf/Deckel-Märchen muss seine Nähe zum algorithmischen Denken nachgewiesen und dies gegen die Vorteile der Unausgeglichenheit abgemahnt werden. Es ist weder gerecht noch ungerecht weder von der Welt noch von der Liebe, wenn ein liebesbereites Ich unter Liebeslosigkeit leiden muss. Es ist dies vielmehr Quelle aller Energie für gewichtige menschliche Selbstbedeutungen. Das Ausgleichen aller Spannungsungleichgewichte in Hinsicht auf Partnerschaftlichkeit wäre die Vernichtung seelischer Vielfalt. Was der Menschheit ganz Recht geschieht: Ein jedes, unverzichtbar anrührende Zeugnis eines vor unglücklichem Liebesleid Aufschreienden ist mehr Zeichen unserer Lebendigkeit und Liebesfähigkeit, als das Erstarren in einem Kalkül von Fügungen, dem gegen sich selbst kein Trotz mehr gelingen darf, weil es sich ins Recht der bestmöglichen aller Aufteilungen gesetzt hatte oder durch Sprichwortwiederholungen – also durch Bewahrheitung durch bloßen, repetetiven Gebrauch – in dieses „Recht“ eingesetzt wurde. Jeder nie abgeschickte wenn auch selbstgerecht Liebesbrief ist menschlicher, weil er mehr Liebe bezeugt als ein Kalkül, in dem behauptet wird: Was menschlich sei fügt sich nach algorithmischen Sicherheiten und fügt sich sowieso. Wer sich korrumpiert durch den Volksmund auf dieses dünne Eis begibt, bringt Gerechtigkeitsfragen dort ins Spiel, wo sie sich am meisten verbieten sollten, wenn uns denn noch etwas heilig ist. Gnade uns wer auch immer, dass uns noch etwas heilig ist.

Und trotzdem ist Alleinsein einfach mal Mist.

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Selbstgerechte Fantasie-Vokabeln: Stilblüten des „Genderns“

 

 

Zunächst sei gesagt, dass ich im Ansatz dasselbe will: Eine Gesellschaft, die ihre Konstruktionen des sozialen Geschlechts nicht zu einer ausweglosen „Quasi-Natur“ hochstilisiert und deswegen eher Chancengleichheit ermöglichen kann, wenn sie einsieht, wie unter anderem Sprache diskriminieren kann. Was aber manchen einfällt, um den „Weg zu einer geschlechtergerechten“ Gesellschaft zu beschreiten, führt teilweise zu fast unverständliche Stilblüten. Eines dieser Stilblüten-Beispiele stammt von Lann Hornscheidt:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/profx-als-geschlechtergerechte-sprache-fuer-professoren-13268220.html

Sprechen Sie das mal fehlerfrei

Es gibt gesprochene Sprache, und geschriebene Sprache. Sie unterscheiden sich mitunter massiv. Das Problem „gendergerechter“ Sprache scheint mir zunehmend darin zu liegen, dass die allgemeine Zugänglichkeit sprachpragmatischer Verwendungsregeln über Bord geworfen wird, um einen morphologischen Homunculus zu züchten, der sich lieber an Wortklauber adressiert (als an den durchschnittlichen Sprecher), die glauben, mit Worten sei der nötige Bewusstseinswandel hinreichend beglaubigt. Der Formelhaftigkeit ist weder hinreichend noch notwendig ein Gewissenswechsel inhärent. In einer solchen feministischen Sprachethik, die auf „Professx“ verfällt, wird Genderspezifik durch bloße Erfindung abgehandelt. Sicher: Man kann das ‚schreiben‘, aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Sprechen Sie mal so, und versuchen Sie, verstanden zu werden. Und vor allem: Versuchen Sie, sich selbst dabei zu verstehen. Das meint: Nehmen Sie sich die Adressatengerechtigkeit ab, wenn Sie jemanden als „Professx“ bezeichnen, oder glauben Sie, darin einen Bewusstseinswandel vollzogen zu haben?

Die linguistische Seite

Das Problem ist, dass viele Leute gendergerechte Sprache für ein linguistisches Problem halten, aber offen zugeben, dass das Primärziel ein soziales/soziologisches ist. Kein Emanzipationsprozess hingegen wird die nötige Akzeptanz dadurch finden, dass wir gesellschaftliche Veränderungen durch den Mut zu unpragmatischen Fantasie-Vokabeln ersetzen. Die linguistische Seite ist zudem die: Eigennamen haben kein grammatisches Geschlecht. Grammatische Geschlechter wie „der“ Kevin oder „die“ Maria sind Behelfsreminiszenzen auf das biologische Geschlecht, das zudem noch einmal vom ‚sozialen‘ Geschlecht zu unterscheiden ist. So weit gehe ich mit. Schon ein Vergleich zum Französischen (das das Genus Neutrum nicht kennt und viele „die/der“-genera völlig anders setzt als das Deutsche) lässt uns bemerken, dass grammatische Geschlechter reine kulturelle Konstruktionen sind. Das soziale Geschlecht ist ebenfalls eine kulturelle Konstruktion. Dies beides lässt sich verändern. Das biologische Geschlecht ist keine Konstruktion, lediglich die kulturellen Erwartungsbeimengungen zum biologischen Geschlecht, die aber mit ihm nicht notwendigerweise verknüpft sind, sind änderbar. Eine Rebellion gegen eine nicht notwendige Verknüpfung, die sagt, eine völlige „Entknüpfung“ sei der beste Weg, ist aber genauso blind. Daher gehe ich diesen Weg nicht mit.

Da das Deutsche das Genus Neutrum kennt, gibt es bereits eine Möglichkeit, Geschlechtsneutralität auszudrücken, wenn jemand absolut nicht über grammatische Genera angesprochen werden will, in denen er sein eigenes soziales Geschlecht nicht wiederfindet. Oder man spricht jemanden nur über den Eigennamen an: Wie weiter oben gesagt, haben Eigennamen kein grammatisches Geschlecht.

Soweit die linguistische Seite, die oft nur Sprachwissenschaftler wirklich überschauen. Sprache muss für die meisten Verwender hingegen nur intuitiv funktionieren. Keiner braucht die Regeln reflektiert zu haben, um Sprache zu verwenden und um in vermeintlich gender-gerechten Verunstaltungen eine unnötige Hürde zu sehen. Worum es mir geht, ist, dass Worte wie „Professx“ nur noch in der geschriebenen Sprache funktionieren, und dort auch nur für Leute, die trotz ihres Intellekts einen naiven Wortgebrauch predigen, der aus Formelhaften Wendungen eine Möglichkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ableitet.

Sprachwandel als Feigenblatt

Gendern ist vielerorts zu einem lustlosen Feigenblatt geworden, mit dem Prozesse des wirklichen Bewusstseinswandels substituiert werden. Emanzipation – auch sprachlich – wird immer noch verengt gedacht als In-Obhut-Nahme der Frauen vor sprachlicher Diskriminierung, die ausschließlich von Männern ausgeübt werde. Diese Ansicht ist selbst eine pseudo-emanzipierte Einstellung zur ‚Emanzipation‘. Auch Frauen diskriminieren. Alle Menschen diskriminieren immer dann, wenn sie pauschal etwas unterstellen; z.B. Männern pauschal unterstellen, ihr Sprachgebrauch sei per se diskriminierend. Männer sind heutzutage viel emanzipierter als selbst die meisten Männer glauben können. Bis zu vielen Frauen hat sich dies sogar rumgesprochen. Nur zu denen nicht, die glauben, Geschlecht und Geschlechtlichkeit seien an sich Wahnsinn. Nun gut: das ist eine nicht notwendige Ansichtssache. Wer gesellschaftliche Grundkonfigurationen ändern will, braucht diese Ansicht nicht, es geht auch anders. Mit Vernunft zum Beispiel. Bildung, Toleranz und Humor.

Mir scheint auch eine gehörige Portion ‚magischen‘ Sprachdenkens hinter verkrampften Sprachverstümmelungen zu stehen: Wer glaubt, eine Sprache, die kein passendes grammatisches Geschlecht zu seiner individuell gerechten Ansprache bereithält, würde seine Existenz leugnen oder nicht fassen können, der glaubt an eine Magie von Worten, die in der Macht besteht, Existenz zu beglaubigen oder zu vernichten. Es fehlt dann nicht viel zu jener Form von magischem Sprachdenken, in welchem man glaubt, dass Formeln oder Zaubersprüche einen realen, invasiven Einfluss auf die Dingwelt hätten. Den haben sie nicht.

Ich glaube, dass dieser sprachklauberische Gender-Fanatismus die verspätete und Karikaturenhafte Antwort auf Probleme einer schlechten Welt von gestern ist. Wenn wirklich emanzipierte Frauen das generische maskulinum bei Pluralen verwenden, wittern weder emanzipierte Männer noch sie selbst überall Unterwerfung und Heteronomie.

Zudem gibt es auch noch das gigantische Feld nicht sprachlich-diskursiver Formen von Geschlechtsrollendarstellung, die uns überall unter der Hand begegnen. Warum kämpfen so wenige gegen die Darstellung von Frauen in Hollywood-Filmen? Es geht viel unmittelbarer in unser Unterbewusstsein über, wenn eine ‚erfolgreiche‘ Frau immer nur jung, mit langen Haaren und großen Brüsten dargestellt wird. Solche Bilder schieben sich als Subtext manipulativ unserem Wahrnehmen unter, eben weil das Gesehene nicht sprachlich-diskursiver Anstrengungen in zweiter Potenz bedarf, sondern en passant eingängig wirkt. Wer die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern will, sollte lieber dort ansetzen. Da gibt es noch richtig was zu tun.

„Terror oder Humor“?

Die titelgebende Konjunktion „Terror und Humor“ ist der Sache nach eine der schärfsten Disjunktionen überhaupt: Entweder … oder. Wer im Humor seine Neigung erkennen lässt, gegen die traumatischen Aspekte des Lebens positiv bestehen zu wollen, der hat keinen Grund mehr, eine weltanschauliche Verstiegenheit zu entwickeln, die zu einer Mission der Auslöschung werden könnte. Missionen sind meist der Reflex auf den gefährlichen Überblicksverlust, der in der Pluralität wurzelt. Wo der Humor einen schlechten Stand hat, da regieren Menschen oft mit dem verheerenden Imperativ, alles ‚andere‘ müsse getilgt werden. Terror wirkt dann, indem man sich von ihm auch dann bedroht fühlt, wenn er gerade nicht aktuell durchschlägt.

‚Erweiterte Selbstmorde‘ mit medialer Spitzenplatzierung erzeugen das Gefühl latenter Bedrohung. Meine These ist, dass einer terroristischen Ausgangshaltung der Nährboden entzogen werden kann. Und zwar durch eine spezifische Haltung, die auf Nichtverhärtung aus ist: dem Humor. Terroristen wollen Verhärtungen gutheißen, weil sie sie als notwendigen Reflex auf einer widerständige Welt beschönigen. Hat das Widerständige aber seine begrüßenswerte Funktion besonders darin, den Strategien der Bearbeitung des Antagonismus‘ zwischen eigener Tugend und nicht beeinflussbarem Weltlauf Futter zu geben, so gibt es insgesamt zwei Extreme, die wirkliche Widerständigkeit verabscheuen und uns auf jeweils eigene Weise über sie hinwegtäuschen wollen: der weltanschauliche Terrorismus und der Terrorismus der Massenkomik.

Der Terrorist sprengt das ihm verhasste geistige Milieu, das wir atmen; der Comedian sprengt nicht einmal mehr die abrissreifsten Nebengelasse der Positivgesellschaft, schon gar nicht deren Prunkbauten.

Von beiden Seiten her droht Ähnliches: An die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände nur durch Auslöschung zu glauben macht Lebensräume inhuman, die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände in der Bestätigungskomik zu bezweifeln, hält Lebensräume inhuman. Wird im Terrorismus durch die Wahllosigkeit, welche Opfer eine Explosion fordert, mehr oder weniger der gesamten Gesellschaft unterstellt, dass sie mangelhaft ist und daher – unbesehen der Einzelfälle – von Gewalt betroffen gemacht werden sollte, so wird im Terror der breit gesäten Massenkomik die Möglichkeit verabschiedet, dass die anstrengende Auseinandersetzungen mit sozialen Differenzen zum Selbstverständnis des sich bildenden und verändernden Menschen gehören kann.

Humorloser Terror und genauer gesagt Komikterrorismus gleichen sich darin, dass sie dem Menschen das willentliche Sich-Betreffen-Lassen abnehmen, und machen ihn damit unmündig. Terrorismus erscheint unter seiner eigenen Maßgabe der gerechtfertigten Unterstellung des Ungenügens ‚aller‘ als „Gewalt gegen jene menschen-umgebenden »Sachen«, ohne welche die Personen nicht Personen bleiben können“[1], Massenkomik hingegen – unter das bloße Emblem des „Humors“ gestellt – ist schmeichelnde Gewalt des Konsens‘ gegen soziale Differenzen.

Diese Gewalt verabschiedet die Aufgabe, Unterschiede aushalten zu lernen, und bezweifelt daher zunehmend auch, dass es diese identitären Unterschiede zwischen Personen überhaupt gibt. Damit bedroht sie das Person-Sein der Menschen von der Seite ihrer Individualität her.

Massenkomik ist damit per definitionem von Intoleranz geprägt, wie es auch die attentäterisch-terroristische Motivationslage ist. Terroristen halten auf eine grundsätzlich gefährliche Weise zu pauschal alle für Abweichler, Komikterroristen halten zu pauschal alle Abweichung auf eine zu grundsätzliche Weise für ungefährlich und für prinzipiell in unser gesellschaftliches Einerlei für integrierbar. Zwischen der singulären Verstiegenheit des verbissenen Geisterfahrers und der kollektiven Indifferenz einer kichernden Schiffkreuzfahrtgesellschaft allerdings gibt es einen Bereich, in dem unterwegs zu sein mir humaner erscheint, in dem unterwegs zu sein aber einiges mehr verlangt an Takt, Toleranz, Bildung und Humor.

Wir leben in Restriktionen und können oder dürfen über gar nichts lachen und wollen uns – da wir dies in Konsequenz als besondere Mission mit kollektiven Tiefeneffekten annehmen müssen – sprengstoffbasiert davon entsichern? Dann werden wir Terroristen, wobei unser Verlust von Seelen-Adel darin läge, dass uns nichts mehr wirklich etwas bedeutet. Oder wir wollen hingegen über alles nur noch auf eine flache Weise lachen und dies im Eventmodus nur scheinbar wirklicher Entsicherung? Dann werden wir zu Mario-Barth-Fans, deren Verlust seelischer Vielfalt darin läge, dass nichts wirklich Wichtiges uns noch Gegenstand einer eigenen Bearbeitung werden kann. Wir sollten beides nicht werden wollen, wenn uns noch etwas heilig ist, das es trotzdem aushält, in dem Lichte betrachtet zu werden, das neben seinen Schönheiten gleich seine Unschönheiten mit zu Tage fördert.

Terroristen haben keine Unschönheiten, glauben Terroristen. Komikterroristen meinen, ihre Unschönheiten freimütig genug benannt zu haben, aber mit dieser Vordergründigkeit bringen sie sie eben zugleich weit außerhalb der Reichweite von kritischen Nachfragen.

[1] Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Frankfurt am Main 2002, S. 23.