Über Ethik und ethische Expertise für Politik und Wirtschaft

Kongress- und Kommisionsphilosophen sind ein neuer Typus von funktionalem Akademiker, an dem sich neue Hoffnungen festmachen. Unter dem offensiven Vorwand eines Beratungsbedarfes von Politik und Wirtschaft sollen sie prototypisch für die Einholung des „Mehr“ in die geschlossenen Zirkel politischer oder wirtschaftlicher Selbstverständigungen stehen. Ist dies nur dem Gefühl des Ungenügens der Eigenverständigungsprozesse und -resultate geschlossener Entscheidungsfindungen geschuldet?

Wenn dem so wäre, müsste ein analoges Vorwänden von Beratungsbedarf in anderen Bereichen ebenso blühen. Dem ist nicht ohne weiteres so. Denn wenn das erste Ziel – die ethische Reflexion – mit dem zweiten Ziel – der ethischen Optimierung von Entscheidungsprozessen – mit der Bedarfsoffensive gar nicht wirklich erstrebt ist, dann steht nur das Bedürfnis nach einem Etikett im Vordergrund, das unangenehme aber bar jeder Beratung mögliche Entscheidungen durch das „Mehr“ legitimiert. Gemeint ist: ein „Mehr“ an lebensweltlichem Sinn in bürokratischem ‚Öffentlichkeitsmanagement‘, ein „Mehr“ an allgemeiner Vernunft in konkreten, pragmatischen Vorschriften und Ordnungen, die gerade gegenüber einer wachen und pluralistischen Öffentlichkeit unter einem wachsenden Rechtfertigungsdruck stehen. Die Stellen, an denen gestaltende Gewalten regulativ über die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens in einem Staat entscheiden, werden immer besser überwacht. Da sich Ethik in nachaufklärerischer Perspektive nicht mehr auf eine allgemein geteilte christliche Wertebasis berufen kann, kann man einerseits nicht mehr an ein Einziges glauben, andererseits wird erst dadurch Tür und Tor für abwägendes Reflektieren geöffnet. Und das ist anstrengend.

Die Einsicht, dass ethische Grundsätze kontingent sind ohne sich dadurch in ihrer Gültigkeit in einem gewissen Bezugsrahmen relativieren zu müssen, verlagert die Perspektive auf den Auswahlcharakter menschlicher Entscheidungen und lenkt den Fokus auf Aspekte, die eine Auswahl und damit den Ausschluss anderer Handlungsoptionen plausibilisieren. Einer dieser Auswahl-befördernden Aspekte ist die Expertise eines in Fragen der Ethik Auskunft gebenden Menschen. Worin kann ethische Expertise bestehen? Diese Frage ist ziemlich gut zu beantworten.

Expertise ist eine Frage des Wissens. Dieses ist oft mit Alter verknüpft: Lebensalter insofern als es ein geistiges Reflexionsalter ist, mit dem ein subjektiver Vorsprung in der reflexiven Objektivierung allgemeinmenschlicher Probleme und der Koordination von Handlungserwartungen auszumachen ist, das verstärkt dem Ziel verschrieben ist, objektivierte Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren. Dem Lebens- oder Reflexionsalter soll eine vorgelebte Praxis der autonomen Einschränkung der eigenen Freiheitsspielräume innewohnen: Der Experte lebt und verkörpert beispielhaft einen Habitus, der ihm Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Bereichs verleiht, in dem seine Expertiseleistung sich erfolgreich ausspielen kann.  Ohne die Zuschreibung eines besonderen Status‘ geht das nicht. Sicher hat der Experte die Aura des Wissensexoten, der in entweder sehr prominenten oder sehr abständigen Bereichen seine Stiche zu setzen weiß, aber die Aura oder der Status sind nur Beigaben: Ohne Argumente wird der Experte nie Status gewinnen. Im Idealfall sind diese Argumente allgemeinverständlich ohne platt zu sein, sie sind keine Autoritätsargumente, keine Argumente ad homines, keine naturalistischen Argumente. Damit hat der prinzipiell verstehbare aber nicht zwingend unmittelbar für jedermann verständliche Experte Grundbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens zu erfüllen: Seine  Autorität ist insofern eine wissenschaftliche, als er auch diejenigen über Gültigkeitsbedingungen und Konsequenzen seiner Argumente in Kenntnis setzen muss, die sie nicht unmittelbar verstehen, aber verstehen könnten.

Das „Glück des richtigen Zeitpunktes“ muss ebenso auf der Seite des Experten sein. Seine kognitive Schulung nützt ihm wenig, wenn entweder seine Intuition nicht treffsicher genug ist, um auf die richtige Frage im Moment mit einer Antwort zu kommen, oder wenn die Situation so unglücklich ist, dass er zu momentan brennenden Fragen mit seinen Antworten nicht vorgelassen wird. Die zeitliche oder situative Frage-Antwort-Adäquatheit muss zum kognitiven Training und zur treffsicheren Intuition dazu kommen. Und wenn der Experte als solcher gilt, beobachtet man immer eine Folge, die seine Expertise zu einer solchen macht, indem sie jene stabilisiert durch Wiederholung: Expertise muss aus gutem Grund wiederholbar, zitierbar sein, man muss sich auf sie berufen können und wollen, auch wenn sie damit zur Folie für Autoritätsargumente in den Händen derjenigen wird, die aus mangelnder eigener Expertisefähigkeit nur Wiederkäuer sein können. Dabei ist manchmal zu beobachten, dass ein Teil der Experten-Aura auch den umfasst, der die Expertise nur reproduziert, aber nicht ihr Urheber war.

 Vorschriften der praktischen Ethik beschäftigen sich oft mit der Koordination von Ansprüchen auf Unversehrtheit und Erwartungen von Gegenseitigkeit. Normen des Sollens sind in ihrem Kernbereich meist Normen des gegenseitigen Sollens des Gleichen, damit Menschen als ‚gleiche Wesen‘ nicht unmenschlich durch ‚ungleiches Handeln und Behandeltwerden‘ werden, weil dies wahrscheinlich die Idee einer Menschlichen Gemeinschaft des Von-Geburt-aus-Gleich-seins in Frage stellt. Ohne moralisches, rechtliches oder traditionelles Sollen wäre menschliches Zusammenleben unmöglich. Jeder hat also ethisches Grundwissen oder Grundfühlen über Erwartung und Gegenerwartung, und dieses ist hat sich traditionell stabilisiert, bei gleichzeitiger Wandelbarkeit.

Einige Nonkognitivisten sagen, man könne ethisches Wertewissen nicht so erlernen wie auf empirischen Tatsachen beruhendes Wissen. In Ethischen Aussagen gibt es dieses „Mehr“: Das über das rein deskriptive Hinausgehende. (Für einige Nonkognitivisten sind Ethische Ausdrücke nur sprachpragmatische Instrumente, mit denen man eigene Handlungsabsichten durchsetzen könne.) Allerdings ist es dann unsinnig zu behaupten, dass das Sensorium für ethische Fragen nicht ausgebildet werden könne, nur weil in einer Tatsachenwelt keine objektiven moralischen Werte existieren können, an denen das Individuum in wiederholten Versuchen seine Erfahrung prägt. Denn wenn Nonkognitivisten das empirische Lernen als Weg des Wertewissens in die Weltgewissheit der Einzelnen bereits suspendiert haben, kann daraus  nicht folgen, dass alles in der Welt wissbare – und auch subjektives Wertwissen gehört ganz objektiv dazu, weil es Aussagestile formal und Welt- und Selbstbezugnahmen der Menschen inhaltlich prägt – nur empirisch erfahrbar sein könne. Wo käme dann das weltgestaltende Wertwissen her? Die nonkognitivistische Grundannahme führt ins Leere, wenn sie die empirisch erfahrbare Wirkmacht des erlernten Wertwissens leugnen wollte. Dass Menschen Wertzuschreibungen vornehmen, und sich oftmals im Abgleich ihrer Zuschreibungen eine große Einigkeit demonstrieren lässt, beweist zumindest, dass trotz nicht von vornherein ausgemachter ‚Objektivität‘ des Kontingenten doch eine seltsame Kohärenz des intersubjektiv geteilten Wertewissens möglich ist und ohne große intellektuelle Nöte zur Lebenswirklichkeit eines Großteils der Menschheit gehören kann.

Sicher ist das von Menschen Konstruierte kontingenter als das bloß von Menschen vorgefundene, aber wenigstens leitet man aus bloßem Vorgefundenen nicht das Seinsollen mehr ab, sondern im Falle von Gesetzen nur noch das relative Geltensollen in bestimmten Bereichen. Auch das ist ein Gesundungsschritt für die menschliche Selbstregie.

Zu Politik und Wirtschaft, dort wo sie sich in Absicht des Feigenblatterwerbs an Ethikkomissionen wenden, sei gesagt: Aus einer Beratung folgt nicht Handeln sondern nur: Beratensein, aus einer guten Beratung nicht gutes Handeln sondern gutes Beratensein. Wie einer handelt, bleibt seinem eigenen Kosmos ausgeliefert: Kann er oder kann er nicht, nachdem er dieses und jenes gehört und mit gutem Grund von diesem und jenem zu glauben begonnen hat, so müsse es gemacht werden? Selbst wenn der gute Rat – der ja sprichwörtlich teuer ist – eingeholt ist, gilt immer noch: Gut über das Gute beraten zu sein heißt nicht, ausreichend in die Spur geschickt worden zu sein für weitreichende Entscheidungen mit Aussicht auf Gesetzescharakter und Verbindlichkeit für alle. Denn die kritische Anmerkung, ob und wie für uns alle das selbe überhaupt gleich gut sein könnte, sollte als Beigeschmack jeder ethischen Expertise innewohnen. Wer aber kann dann noch zweifelsfrei handeln?

Geschulte Urteilskraft ist besser als „natürliches Empfinden“

Der Frage, was Gerechtigkeit ‚ist‘ müsste die Frage „Was macht sie aus und wie wollen wir sie gestalten“ vorgezogen werden. Den Frageimpetus zu vernichten, indem man auf ihre Unbestimmbarkeit hinauswill, ist besonders dann weitergehend fragwürdig, wenn man dieser Vernichtung noch seitenweise Abhandlungen folgen lässt, oder ihr diese vorausgehen ließ, obwohl das Ergebnis schon vorher feststand: Können wir nicht drüber reden, weil: Jeder hält was anderes dafür. Wenn Gerechtigkeit nicht nur dem Reden sondern sogar der Sache nach beobachterrelativ sei, verbietet sich das Aushandeln einer geteilten Vorstellung von ihr. Was tun wir denn dann die ganze Zeit? Wie schnell ist es dahingesagt, dass jeder sich etwas anderes darunter vorstellt, wie schnell ist dies bei Liebe, Glück und Freiheit dahingesagt. So sich daraus das Sprechen über Vorstellungskonzepte nicht als unmöglich erweist, sollte man aus den individuellen Extensionen nicht die Unmöglichkeit einer trotzdem geteilten Intension schließen. Wer das doch tut, hat kein Interesse an seinem eigenen Thema. Denn dass es für ein Vorstellungskonzept so viele verschiedene Aneignungen gibt, wie es Menschen gibt, ist weder eine große Erkenntnis noch ein sonderlich pfiffiger Gag und es verhindert nicht das Reden darüber sondern ermöglicht es.

Gerechtigkeit ist nicht, wenn jeder als Experte seinerselbst die steilste These über Verteilungsmodalitäten findet, die ihn am wenigsten benachteiligen. Gerechtigkeit „ist“ nichteinmal außerhalb von Menschen. Aber aus einer angenommenen ‚natürlichen‘ Innerlichkeit lässt sich ihre Geltung oder Wünschbarkeit nicht schließen. Nach einem natürlichen Empfinden die Billigkeit eines Urteilsspruches als den besten Bürgen für Gerechtigkeit anzusehen, greift zu kurz: Stellen Sie sich eine Konkurrenzsituation verschiedener, aus der jeweiligen Introspektion gleichnatürlich sich darstellender Empfindungen vor: Wem wollen Sie zumuten, divergente Empfindungen auf ihre Natürlichkeit hin zu beurteilen oder in ein Ranking zu bringen, wem wollen Sie zumuten, aus subjektiv Empfundenem ein gerechtes Urteil zu empfangen, das ihm nötigenfalls gegen seine eigene – dem Urteil widersprechende – Introspektion auszuhalten nahegelegt werden muss? Von Menschen als objektiv angestrebte Gerechtigkeit ist nicht, was die unvermittelbaren Empfindungen der Einzelnen stellenweise durchzuckt als Reaktion auf irgendwelche angeschauten Schieflagen. Dass es dieser mehr als genug gibt, ist kein Argument für die Nichtinvolviertheit des „gerecht“ Empfindenden in die abständige Welt. Gerade dann nicht, wenn er mit seiner Weltinvolviertheit sich dauernd auf seinen Natürlichkeitsgaranten herausredet. Menschliche Welt aber ist immer kulturell überformt. Sogar menschliche Natürlichkeitsvorstellungen sind dies durch und durch. Sich bei Gerechtigkeitsfragen nur auf die eigene Innenansicht zu verlassen, vernachlässigt die Möglichkeit, dass objektive Gütekriterien einer Verteilung durchaus der eigenen Intuition widersprechen können. Gerechtigkeitsempfinden ist nichts Natürliches, denn es beinhaltet immer ein Urteil. Urteilsfähigkeit will trainiert sein.

Machen Sie täglich ein paar scharfsinnige Sit-ups, am besten vor dem Spiegel, dann können Sie sehen, wenn Sie einen davon mangelhaft ausführen. Nur die Anschauung einer Schieflage vor sich habend aus der geballten Untrainiertheit der eigenen Urteilsschwäche heraus „natürlich empfindend“ eine Aussage über Gerechtigkeit in einer bestimmten Verteilungssituation zu treffen: Also bitte, welchen Bestand soll das haben, allein schon wenn man dieser subjektiv-willkürlichen Aussage eine andere Aussage gleicher Machart aber gegenteiligen Tenors an die Seite stellen könnte? Fühlen Sie doch von mir aus fiebernd gegen eine Welt an, aus der Sie ihr Fieber haben, und gegen die Sie nichts ausrichten. Wenn das zur Absage an die Diskussion um Gerechtigkeit reicht, dann wollte sie gar nicht geführt werden.

Also: Was macht sie aus, wie wollen wir sie gestalten? Mit Pessimismus im Stile von: Es wird ja eh nicht anders? Mit Optimismus im Stile von: Wir müssen unbedingt an der Utopie festhalten? Mit einer Romantisierung der Herzensgerechtigkeit, die kaum Argumente für sich braucht?

So bestimmt nicht!