Philosophieren für Anfänger – Ein kleiner Selbsttest

Seit einiger Zeit sehe ich mich öfter mit der Frage konfrontiert, ob das Studieren von Philosophie das Selbstdenken verhindere. Nicht pauschal, sicher, warum auch. Aber wer studiert, also wer sich dem Wortsinn gemäß lesend und diskutierend ‚bemüht‘, lernt Positionen anderer kennen. Das allein scheint vielen, die einen unreflektierten Begriff von „Selbstdenken“ proklamieren, verdächtig zu sein: Das Vorurteil gegenüber Verweis-Reichtum hörte ich in letzter Zeit zu oft von lese-faulen Menschen, die Meinung mit Selbstdenken verwechseln müssen, eben weil sie zu wenig lesen. Selbstdenken hatte in der mittelalterlichen Disputatio eine Aufgabe zu bewältigen, die von den Lektüre-Verweigerern heute als Affront gesehen wird: Sich selbst in die Argumente eines anderen dermaßen hineinzudenken, dass man mit ihnen und gegen sie reden kann. Dazu muss man eines: Sich auf andere und ihre Gedanken wirklich einlassen. Das ist Philosophie.

Es gehört jedenfalls auch zur Philosophie, kurzsichtige Euphorien über wunderbar eigene Kopfprodukte und voreiligen Lösungsoptimismus reflexiv oder mit Quellenunterfütterung so gegen den strich zu bürsten, bis was bei rauskommt, das man selbst und andere halbwegs glauben können. Wer die intellektuelle Risikobereitschaft, den „eigenen“ Gedanken mittels Lektüre misstrauen zu lernen, nicht aufbringt, darf ja trotzdem mitreden, nur sollte er sich nicht mit einer Wissenschaft etikettieren, unter deren Namen es im akademischen Vollsinne üblich geworden ist, Gegengewichte zum Selbstgefälligkeitsparlando bloßer Meinungsproduktion auszubilden. Das ist nicht böse oder verletzend gemeint, sondern einer idealistischen Lesart von Philosophie geschuldet. Warum sollte ausgerechnet die Philosophie voraussetzungsloser als andere Wissenschaften sein? Mathematik oder Medizin darf man für schwere Studienfächer halten, zu denen manchem Menschen einfach irgendein Organ fehlt. Der schlechte Ruf der Philosophie hat damit zu tun, dass sie von denen – die kein Interesse an eigener Entwicklung, sondern nur an dem Recht ihrer eigenen Meinung auf Statik haben – mit voraussetzungslosem Drauflos-Reden identifiziert wird. Das ist aber unfair und auch sachlich weit daneben.

Keineswegs ist im Vorhinein festgelegt, dass Akademiker die Epigonen der Philosophie seien und der Rest nur Dilettanten. Zum sachlichen Modus, eine idealistische Lesart zu benennen, gehört es aber auch, dass sie von konkreten Personen abstrahiert. Niemand weist einen anderen als Dilettanten oder sich als Epigonen aus, sondern die Redeweise der jeweiligen Person lässt sie sich selbst einen immer noch auslegungswürdigen und -bedürftigen Aufweis ihrer Herangehensweise ausstellen. Jenachdem ob dieser Zugang spannend erscheint und etwas Neues verspricht oder nicht, werden dadurch solche Kategorien wie Dilettant unerheblich. Aber: Was ist neu an diesem alten Hut, dass nur der wirklich frei im Denken sei, der nichts rezpiert? Der ist auch frei von präzisen und lange erwogenen Einsichten. Das ist nicht Freiheit sondern Kurzsichtigkeit. Und warum braucht genau diese Art von Freiheitsprätention den pauschalen Aufweis, dass jemand, der zitiert, nicht selber gedacht habe? Ich kann diesen unendlich platten Vorwurf echt nicht mehr hören. Zumal dieser Vorwurf nie auf die Idee kommt, dass vielleicht derjenige, der nur in angelernten Worten spricht aber seine Quellen geheimhält, vielleicht mehr eigenes Denken vortäuscht als derjenige, der mit seiner Quellen-Offensive tatsächlich ein Gegenüberstellen verschiedener Gedanken vorantreiben will und seine Aufgabe in kritischen Vergleichs- und Auswertungsdiskussionen sieht, wobei man allerdings eines tun muss: selber denken.

Universitäten bilden ja auch keine Weisheit-liebenden aus, sondern funktionale Akademiker. Das spricht aber nicht gegen sie sondern es ist ein großes Glück, dass sich die Philosophie noch an den Unis halten kann. Und zudem ist es,eine interessante Herausforderung, sich in diesem institutionalisierten Rahmen seine Freiräume für das eigene weiterdenken zu erobern, und ich kenne keinen Professor, der das dann nicht goutieren würde.

 

Philosophieren für Anfänger

 

Zur Klärung der Frage, ob Ihr Interesse an Philosophie nicht bloß geheuchelt ist und Sie das Zeug dazu hätten, ein professioneller Philosoph zu werden, habe ich Ihnen ein paar Aspekte im Fragestil zusammengestellt, anhand derer Ihnen ein Licht aufgehen darf. Wenn Sie alle Fragen mit „Ja“ beantworten können, dann sind Sie Philosoph. Ist doch schön einfach: einfach schön. Einfach anfangen. Hat ja niemand behauptet, dass es leicht würde… :

– Sie fühlen sich nicht minderwertig, nur weil jemand in einer philosophischen Diskussion mehr Thesen der Philosophen x, y, z aufzählen kann?

– Sie lassen sich selbst bei leichten Anflügen von Minderwertigkeit nicht aus der Bahn werfen und bleiben beim Thema?

– Sie suchen nach Orientierung in Texten und halten die Orientierung auf das, was Ihnen nicht vorher bereits plausibel war, für den einzig gangbaren Weg?

– Sie mögen Neues, Nicht-Selbstverständliches, Kontroverses, Verworrenes, und Sie mögen es, sich dabei auf die Gedanken anderer Menschen offenherzig einzulassen?

– Sie mögen es, wenn dieses Kontroverse und Verstörende aber in einer präzisen, verstehbaren (das heißt nicht zwingend unmittelbar verständlichen) Sprache verfasst ist und nicht zu blumig oder bloß metaphorisch daherkommt?

– Sie verstehen es, die Autorität von Texten  zu hinterfragen und können die Situationen, wo es genau darauf ankommt, von solchen unterscheiden, wo dies lediglich ein Nebenkriegsschauplatz ist und von Argumenten ablenken soll?

– Sie können mit dem, was Sie Neues erfahren, etwas anfangen, indem Sie es für Ihr Weltwissen anschlussfähig machen?

– Sie sind überzeugt, dass Freiheit im Denken auch auf der Selbstverpflichtung zu geistiger Inspiration, die von woanders herkommt, beruhen kann?

– Sie lesen gerne, nicht zwingend viel, dafür aber so, dass sie einen anstrengenden Text eher aufbrechen und verstehen wollen, als dass Sie ihn weglegen?

– Sie diskutieren gerne, aber ohne Autoritätsargumente, ohne Argumente gegen Menschen und ohne aus dem bloßen Vorhandensein von Dingen deren Sein-Sollen abzuleiten?

– Sie lieben es, über das Denken nachzudenken und das Sprechen zu sprechen, sowie über das Diskutieren zu diskutieren und Argumente gegen Argumente zu bringen?

– Sie zweifeln eher an sich als an anderen, ohne dass der Zweifel Sie unproduktiv und restlos melancholisch macht?

– Sie zweifeln auch an anderen, wenn diese mit Autoritätsargumenten oder Argumenten gegen Menschen ankommen oder das Sein-Sollen von Dingen aus deren Vorhandensein folgern?

– Sie können aber auch einen Kompromiss machen und einen Punkt unter eine Diskussion setzen, wenn Sie ein Thema sachlich ausdiskutiert sehen?

– Ihnen gelingt es, eigenes Interesse an Fragen des Daseins zu entwickeln, ohne dass ein Fernsehsender oder eine Zeitung drüber berichtet hat?

– Sie halten nicht viel von Pauschalisierungen?

– Sie erkennen z.b. Widersprüche nicht nur bei anderen sondern auch und gerade bei sich selbst?

– Sie leiten aus der Einsicht in Selbstwidersprüche nicht zwingend deren sofortige Behebung ab sondern versuchen, diese Widersprüche produktiv zu nutzen?  

– Sie glauben nicht, dass institutionelle Philosophie dem Selbstdenken ganz unbedingt widersprechen müsse?

– Sie haben die tiefe Gewissheit, dass ohne Anstrengung keine philosophische Bildung zu haben ist? 

Thomas Hitzlsperger und der Nachrichtenwert von partnerschaftsloser Sexualität als Selbstzweck

Auch ein kritischer Beitrag zur Sprachlogik von Bekenntnistexten

Carolin Emcke (bekannt für ihr schonungsloses Buch „Wie wir begehren“) und Moritz Müller-Wirth haben in ihrem Interview mit Thomas Hitzlsperger dem Anspruch der Wochenzeitung ZEIT gemäß eine Öffnungs-Mäeutik für das Bekenntnisverfahren eines ehemaligen Profi-Fußballers bereitgestellt. Einerseits könnte man sich fragen, was für eine gesellschaftliche Relevanz das Privatleben eines Sportlers denn nun habe, andererseits liegt es doch offen zu Tage: Alle großen Medien sind in der ihnen je eigenen Stilistik und Tonlage sofort auf diese Offerte eingegangen. Auf jeder Titelseite prangte mit nur geringer Zeitverzögerung in verschiedenen Lettern dasselbe: Thomas Hitzlsperger begehrt gleichgeschlechtlich. Klar ist mindestens die Frage – was wir aus diesem Bekenntnistext denn nun eigentlich lernen können – eine Debatte wert. Klar ist aber auch, dass der Auftakt dieser Debatte sehr paradox war: Aus Respekt vor dem Privatleben konnte nur eine leere Worthülse, konnte Sexualität nur als leeres Etikett, angesprochen – aber nicht ‚mit Leben gefüllt‘ – werden, um im selben Atemzug eine weitergehende Dimension in den Vordergrund zu rücken, nämlich die Lage für Homosexuelle insgesamt, im Profisport als auch in Ländern wie Russland oder Katar. Das eigentlich unverschämte Debattieren von privater Praxis bleibt damit einerseits so abstrakt und wenig konkret, wie es nötig ist, um die prominente Person zu schützen, und lässt dadurch andererseits fragen, ob wir dadurch wirklich etwas neues erfahren haben.

Agonie der Argumentationen

In der Regel kennt auch die am eiligsten einberufene Debatte – in der die Pluralität privaten Begehrens in die Öffentlichkeit gezogen wird um die Diskutierenden auf ihre Toleranz-Tauglichkeit zu prüfen – nur zwei grundsätzlich verschiedene Standpunkte: 1.) Warum müssen wir drüber reden, das ist doch bereits gesellschaftliche Normalität; 2.) Gottseidank können wir jetzt an einem Fallbeispiel nicht mehr abstrakt-theoretisch sondern praktisch drüber diskutieren, warum das immer noch nicht gesellschaftliche Normalität ist. Die Scheinheiligkeit vieler Disputanden, die Standpunkt 1. proklamieren, liegt meist darin, dass sie eine ihnen unangenehme Debatte, die gerade sie an sich ranlassen sollten, mit einer von generösem Duktus geprägten Rhetorik wegwischen wollen, ohne wirklich etwas zu verändern. Daher benötigen sie den Aufweis, dass kein Änderungsbedarf bestehe. Unterformen dieses Standpunktes arbeiten häufig mit populären (Fehl-)Einsichten, dass die Normalität nur dann gegeben sein könne, wenn im Umkehrschluss niemand eine solche Debatte anstoßen würde, wenn ein Prominenter sich zu seiner Heterosexualität bekennt, daher solle es als Beweis von Normalisierung gelten, kein besonderes Wort über dieses Thema zu verlieren. So schlägt man eine Debatte aus.

Die Scheinheiligkeit vieler Disputanden, die Standpunkt 2. vertreten, liegt darin, dass sie endlich mit gutem, aktuellen Grund eine Debatte führen können, die sie schon lange liebgewonnen haben, und die sie im Regelfall bereits mit vorentschiedenen Ergebnissen führen wollen. Für sie ist eigentlich alles bereits klar, nämlich dass die gesellschaftliche Einsicht den real gelebten Verhältnissen viel zu langsam hinterherwachse. Aber auch solche Zuschreibungen verhindern eine wirkliche Normalisierung, weil die Debatte dann nicht eigentlich inhaltlich sondern nur formal geführt werden müsste und ganz schnell in Leerlauf geraten würde. Aber: Wir redeten ja gerade sehr ausführlich, warum das, was Hitzlsperger getan hat, so eine herausragende Relevanz hat. Also: Lasst uns reden, über die wirklichen Beweggründe unter den öffentlichen Ausformungen sozialer Spiele. Lasst uns darüber reden, dass Indifferenz („Is mir egal, soll doch jeder machen…“) keine Toleranz ist, weil sie die Auseinandersetzung mit etwas als andersartig Angesehenem ausschlägt und damit keine Gewöhnung an die Realität der Homosexualität. Und lasst uns, wie Esther Schapira vom Hessischen Rundfunk das mit beachtlichen Worten beschrieben hat, auch darüber reden, warum es keine individualisierbaren sondern gesellschaftliche Gründe hat, dass es immer noch Mut erfordert, man selbst zu sein.

Aspekte der Wortwahl

Eines der Verben, die Hitzlsperger häufig im Rahmen seines Bekenntnisses verwendet, ist ‚spekulieren‘: Ist das nur das deutlichste Rudiment aus der Zeit, wo das Heteronormative Paradigma auch ihn in einem Milieu gefangen hielt, in welchem man nur spekulieren, mutmaßen, sich seinen Teil über Teamkollegen denken konnte, aber nichts wissen? Hitzlsperger hat kein Interesse, nachträglich die Vielzahl von Verdachtsmomenten, die er in seiner aktiven Zeit als Mitwisser zu gehör bekommen hat, aufzurollen und das Milieugefängnis zu sprengen, in dem sich noch viele nach ihm befinden. Er bleibt der Logik der homosozial verfassten sportlichen Männerbünde der Bundesliga oder Premier League verhaftet, und akzeptiert deren Eigengesetzlichkeit, auch die, dass reine Männeransammlungen jeden Verdacht von Homosexualität ausschließen müssen. Sich als Einzelkämpfer hinzustellen und gleichzeitig auf eine gesamtgesellschaftliche Entkrampfung abzuzielen, hat doch zumindest eine gewisse Spannung. Welche Schonung noch möglich ist, wenn man mit der Preisgabe des Intimsten überhaupt eigentlich schonungslos offen mit sich umgeht, ist fraglich. Wie man die Verlegenheit überwindet, der Öffentlichkeit eine öffentliche Sprache für das, was primär eigentlich eine gelingende privatsprachliche Ausformung braucht, anzubieten, das hat m.E. Carolin Emcke in ihrem Buch gezeigt. Hitzlsperger bemühte sich auch in dem einzigen Fernsehinterview mit dem ZDF darum, immer wieder auf den individuellen Mut zu sprechen zu kommen. Privater Mut alleine versorgt uns vielleicht mit Fallbeispielen, die uns die entspannende Einsicht „Ach der auch!“ bescheren, aber nirgendwo ist gesetzt, dass dadurch die Gesellschaft tatsächlich anders zu denken und vor allem anders gegen Homophobie zu handeln beginnt. Was nur individuell sei, kann nämlich auch als Märtyrertum kleingeredet werden. So schützen sich Gesellschaften in der Regel vor unangenehmen Aufgaben. Diese Redeweise sollten daher nicht auch die Vorreiter noch adaptieren.

Inhaltlich unangebundene Sexualität ist leer

Eine gelingende Sexualität ist für ein gelingendes Leben unabdingbar. Nirgendwo hat er über einen Partner geredet, seine Sexualität ist abstrakt benannt, er hat es also einerseits so gehalten, sie als Vektor aufzuweisen, der von ihm wegzeigt: auf die Gesellschaft, nicht etwa auf sein eigenes, konkretes Begehren. Vielleicht war das klug, nur den ‚Modus‘ seines privaten Wollens, nicht aber dessen konkrete Ausformung anzugeben. Andererseits hat er – und das ist ebenfalls der Paradoxie geschuldet in die man sich verstrickt, wenn man die Normativitätsverhaftung im eigenen Kopf noch nicht abgestellt hat – im ZDF den Zeitpunkt des Spieler-Outings individualisiert und wiederholt die Meinung vertreten, die Gesellschaft sei so weit, dass der einzelne keine Angst haben müsse und es nur am individuellen Mut liege, das auch während der aktiven Karriere zu machen. Ja was denn nun?

Vielleicht war gerade das ein Bärendienst für die somit begonnene Debatte. Denn sein eigenes Fühlen und Lieben geht nicht in der Vorreiterfunktion auf, die er sich u.a. im Rahmen von Putins Anti-Homosexuellengesetzen gerne zubilligen würde. Sexualität als reine, oder leere, inhaltlich unangebundene Funktion der Außenwahrnehmung einer Person anzuführen, heißt nicht, dass wir etwas über die Fähigkeit der Privatperson zu einem gelingenden partnerschaftlichen Begehren erfahren haben, und es heißt zu dem, dass man die Gesellschaft davor schützt, zu lernen, was es eigentlich heißt, homosexuell zu sein. Die Sexualität wird als rein mechanisch akzentuierte Vorliebe für ein gerade nicht existentes Gegenüber, das aufgrund seiner leiblichen Natur die Bedienung anderer Techniken erfordert, verflacht. Warum so bescheiden? Gelebte Sexualität ist nicht identisch mit dem reinen Bekenntnis zur ihr.

Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, der Gesellschaft vorzuführen, welche Sprache ein doch sehr reflektierter Mensch für sein Begehren finden kann? Wie er es sprachlich einordnet, was ihn an Personen des gleichen Geschlechtes reizt um darüber aufzuzeigen, wie menschlich das erotische Begehren ist, gleich welches Geschlecht es zum Gegenstand hat? Nein, das hätte uns doch überfordert, wir hätten uns wahrscheinlich geekelt, weil wir es ’so genau‘ dann doch nicht wissen wollen. Stellen Sie sich einen Sportler vor, der sich die Freiheit nimmt, die Öffentlichkeit mit etwas zu konfrontieren, was sie aushalten lernen muss: die Rede über Charme, Charakter, Arten sich zu begegnen, erotische Faszination in Bezug auf Personen des eigenen Geschlechts… Wir applaudieren zwei Boxern, die sich die Fresse polieren, und drehen uns peinlich berührt zur Seite, wenn zwei Männer zärtlich zueinander sind. Die Gesellschaft lernt nur, wenn man sie ins kalte Wasser schmeißt. Das ist aber durch die Geschehnisse um Hitzlsperger nicht passiert. Über Sexualität reden zu dürfen ist hier durch die kritisch-therapeutische Funktion für soziale Makrokörper legitimiert, so sagen es die Urheber der Debatte selber. Damit ist aber kein bisschen etwas daran geändert worden, dass als Toleranz missverstandene Indifferenz mit Homosexualität nur so lange kein Problem hat, solange es bei einer bloßen Benennung einer individualisierbaren Vorliebe bleibt, die aber defacto nie sichtbar in Erscheinung tritt. Ihr Sichtbarwerden allein aber könnte den übertriebenen Schrecken vor ihr nehmen. Und dass Hitzlsperger der Möglichkeit des Schreckensabbaus noch vorbaut durch die Individualisierung der Bekenntnisprozesse, verstellt den Blick darauf, dass zwar sozial konstruierte aber nicht mehr sozial kontrollierte Wertbeimessungen zu Geschlecht und Sexualität nicht durch Individuelle Bewusstseinsbildung zu verändern sind sondern nur durch kollektive Emanzipationsprozesse. Und gleichzeitig gilt: Aus dieser Schwierigkeit von Privat/Öffentlich gibt es kein Entrinnen, denn – wie Theodor W. Adorno sinngemäß in seinem Gespräch mit Arnold Gehlen über „Öffentlichkeit“ sagte-: „Das Privatleben der Prominenten verdient selbst dann noch Schutz vor der Öffentlichkeit, wenn es um der Öffentlichkeit willen geführt wird.“

Der Fußball ist nicht das Problem, sondern das Milieu in dem er heilig ist

Im Großen und Ganzen steht natürlich die Frage im Vordergrund, warum Homosexualität im Profisport nirgendwo ein so großes Problem wie im Fußball darstellt. Profifußball scheint dem ‚plebiszitären Expertentum der Straße‘ am nächsten zu sein. Auch im Breitensport ist Fußball die beliebteste Sportart, daher geht die Öffentlichkeit in den Kreisen der diese Sportart prominent vertretenden Spieler häufiger auf die Suche nach guten Vorbildern, die ein modernes Männlichkeitsbild vorleben. Dem fußballaffinen Breitensportler werden dort die Augen dafür geöffnet, was unter dem Sigel ‚Männlichkeit‘ gerade geht, und was nicht. Ich erinnere mich allerdings noch, wie David Beckhams „Metro“-Art die gängigen Klischees überstrapaziert hat. Damals war es üblich, ihn als ’schwul‘ zu diskreditieren, aus Neid, dass seine Gepflegtheit und auch seine Eitelkeit ihn als heterosexuellen Mann mit zu viel Erfolgswahrscheinlichkeit bei gutaussehenden Frauen ausstattet. Die vermeintlich gerechte Strafe für diesen Vorteil war dann, dass der Volksmund Fragen an Beckhams Begehren gestellt hat: „So wie der aussieht, ist der doch bestimmt schwul.“ Nein. Ist er nicht. Unter dem billigen Motto ‚Männlich ist, wer Erfolg bei Frauen hat‘, hätte eine populäre Redeweise applaudieren müssen für Beckhams Art, sich auch bei Frauen ästhetisch in den Vordergrund zu spielen. Viele Durchschnittsmänner/Fans hat das verunsichert: Es war ihnen schlicht nicht geheuer, ein Vorbild zu akzeptieren, das so unerreichbar weit voraus ist bei allem, was man am liebsten selbst gerne hätte und wäre. Um diesen sozialen Abstand zu minimieren, wird oft nach einem vermeintlichen Totschlag-Argument gegriffen: „Ja, der hat den Erfolg ja nur, weil er in Wahrheit ein fragwürdiges Begehren hat und das kompensieren muss.“ Nein, hat er nicht.

Und die Google-Autovervollständigung listet für jeden Prominenten, der nicht gerade aufwändig seine Heterosexualität in der Öffentlichkeit zelebriert, immer das „schwul“ als häufig gesuchten Begriff, weil viele Leute darüber herausfinden wollen, ob ihre eigene Sexualität in Identifizierungswürdigen Promis ein Vorbild hat, denn das wäre für sie das am besten sichtbare Zeichen gesellschaftlicher Normalität: wenn ein Promi auch „so“ ist. Natürlich gibt es zivilisiertere Bereiche der Gesellschaft als das Milieu, in dem unbedingte Parteinahme für ein massenidentifikatorisches Ereignisgeschehen wie die Bundesliga-Saison ihre fröhliche Urständ feiert. Nun sehen sich die Milieus der ehemaligen Werksvereine eigentlich schon lange ihrer Grundlage beraubt, Fußball ist Kommerz und dickes Geschäft, Spieler sind keine genuinen Local Heroes mehr, der Glaube an die Ursprünglichkeit des Sports ist dann zwar blind, aber eben darum dennoch Taktgeber für Prozesse der Selbstverständigung derjenigen, die an vielen gesellschaftlichen Entspannungsdiskursen gar nicht teilnehmen wollen oder können. Die angestammte Art der Weltausdeutung nicht hinterfragen zu müssen ist unglaublich entlastend, wenn man ahnt, dass die eigenen sprachlichen und intellektuellen Mittel eh nicht ausreichen würden, um sich autonom zu machen und sich von einer antiquierten Räson zu emanzipieren. Milieus verfestigen sich gerne durch Wiederholung weniger, sich immer gleich bleibender Gewissheiten. Mit Sprache und Intellekt gegen die Emanzipationsverweigerung großer Mehrheiten anzugehen, ist ein anstrengendes und notwendiges Unterfangen: Keine noch so ressentiment-beladene Mehrheit hat es verdient, dass man sie vor ihrer Reifung und Weiterentwicklung schützt, nur weil man sie bereits verloren gibt.

Political Correctnes und fadenscheinige Beipflichtungen

Natürlich bliebe noch viel zu sagen, darüber etwa, ob es nicht auch ein Bärendienst an der Debatte ist, wenn etwa Sprecher der Kanzlerin, anderer aktive Sportler-Kollegen, Personen der politischen und künstlerischen Öffentlichkeit und so weiter ihre fadenscheinigen Beipflichtungen über sämtliche Kanäle absondern. Viele, die öffentlich zu schnell ihren Respekt zollten, sagten ohne Bedenkzeit sofort das, von dem sie glaubten, es sei das was gesellschaftlich gewünscht ist. Ich mag allerdings Debatten, in denen das von der Mehrheitsgesellschaft Gewünschte als das gilt, was es ist: verdächtige Rhetorik, die das Eigentliche verdeckt. Wer die Debatte über die Vereinbarkeit des Profisports ‚Fußball‘ mit Homosexualität wirklich führen will, der muss darüber diskutieren, welche Verantwortung der DFB hat, die FIFA, der IOC, die einzelnen Vereine, die Medien, die Werbepartner und Sponsoren aus der Wirtschaft, denen ja immer unterstellt wird, sie würden sich mit ihrem Sponsoring zurückhalten, sobald ein Spieler sich oute. Und welche Verantwortung der einzelne hat, der seine übertriebene, homophobe Abwehr nicht als das erkennt was sie ist: eine gesteigerte Bezugnahme, hinter der eigentlich ein großes Auseinandersetzungsinteresse an und eine Faszination für das so alltäglich-normale ‚Andere‘ steht, sodass kein einziger Grund mehr besteht, es dem Wortlaut nach ablehnen zu müssen.