Soll es eine Menschheit geben?

Der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das seine Wesenhaftigkeit selbst zum Thema machen kann. Ihm stellen sich Gegebenheiten als Anlässe zum Hinterfragen dar. Alles, was fraglich werden kann, verliert aber seine Selbstverständlichkeit. So kann aus der selbstverständlichen Empirie – dass offensichtlich eine Menschheit existiert – die Frage erwachsen, ob es auch so sein soll. Aus dem bloßen Vorliegen eine bejahende Antwort zu generieren, greift nicht zuletzt mit Blick auf den Naturalistischen Fehlschluss – oder auch das Hume’sche Gesetz – zu kurz. Denn aus dem bloßen Sein ein Sollen abzuleiten, hieße, alles, was nur immer ist, zu positivieren und damit möglicherweise auch völlig gegensätzlichen Sachverhalten den gleichen Geltungsstatus einzuräumen. Die Frage nach dem Seinsollen der Menschheit müsste daher vielleicht weniger ontologisch als sozialethisch beantwortet werden: Welche Zustände kann man sich vorstellen, unter denen aus menschlicher Perspektive das Verschwinden ‚dieser‘ Menschheit, deren Vorhandensein wir gerade konstatieren, geboten sein könnte?[1]

Obwohl der Mensch ein kulturgestaltendes Wesen ist, ist die Fähigkeit, Lust und Unlust auf körperliche und seelische Weise zu erfahren, Bestandteil seiner vitalen Natur. Das Dasein nicht nur im Hinblick auf den Erwerb eines lebenssichernden Unterhalts sondern auch im Hinblick auf die Findung eines gelingenden Lebensentwurfs bedeutet Anstrengung und Unlust, oder auch: Negativität. Neben der Komplexität des individuellen Daseinskampfes kommt der Mensch in Vergesellschaftungsstrukturen vor, die ihn über allerlei Institutionen mit heteronomer Macht und gar repressiver Gewalt konfrontieren. Weltvorkehrungen, die diese Unlustsummen für viele Menschen ins Unermessliche steigern, könnten geeignete Kandidaten dafür sein, dass man im Sinne der im Begriff ‚Menschheit‘ gesetzten Solidarität der Menschen beginnt, ein Aussterben der Menschheit für möglich oder vertretbar – vielleicht sogar wünschenswert – zu halten. Daran sehen wir erst einmal nichts für das Seinsollen der Menschheit sondern nur dies: Dem vernunftbegabten Wesen, das sich selbst zum Thema wird, kann bei profilierter Einsichtsfähigkeit aufgehen, dass es den Fortbestand der eigenen Gattung auf Basis der Umstände (auch der selbstgeschaffenen Umstände) zur Disposition stellen kann und aufgrund der Selbstfürsorge die Lustqualität – also das WIE des Seins – eine fundamentale Bedeutung für das OB des Seins in der Zukunft erhält. Nicht unter allen Umständen muss ein menschliches Leben fortgesetzt werden, nur weil es faktisch schon eine Weile dauert. Nicht unter allen Umständen muss sich die Menschheit durch Fortpflanzung der Individuen erhalten, nur weil jene biologisch dazu in der Lage sind. Nein vielmehr ist den Menschen die Ansicht möglich, dass das von ihnen geschaffene Leid sich nicht damit vertragen könnte, weitere, leidempfindende Erdenbürger in die Welt zu setzen und in Konsequenz das Aussterben der Menschheit einzuläuten wäre.

Richten wir den Blick auf die Wahrscheinlichkeit, dass solche Zustände eintreten, die die Lustsumme ins Negative fallen lassen. Die Menschheit, also die Gesamtheit verschiedener Kulturkreise und Gesellschaften, ist zu sehr ausdifferenziert, als dass wenige, klar benennbare Unlustfaktoren alle Individuen gleichermaßen mit einem Leid konfrontieren könnten, das einen überindividuellen Konsens über das Nichtfortbestehensollen der Menschheit für alle plausibel macht. Darüber hinaus gibt es weit verbreitete, religiöse Deutungsparadigmen, die existenziell bedrohlichem Leid eine wesentliche Funktion in der individuellen und kollektiven Auseinandersetzung mit der Welt zuschreiben und somit subjektiv gefühlte als auch objektive Negativität positivieren. Der Mensch macht Unlusterfahrungen produktiv. Darin liegt seine Stärke: im Arrangement mit allem Möglichen und Unmöglichen. Entfremdungserfahrungen, bedrohliche kulturelle Abständigkeit und Daseinsnegativität motivieren den Menschen auch in nichtreligiösen Kontexten wie etwa in Fragen von Bildung, Toleranz und Humor zur Ausbildung einer Haltung, mittels derer das Individuum mit dem Unerträglichen schon irgendwie fertig zu werden vermag und das Erträgliche in weiser Kenntnis seiner Seltenheit umso mehr zu genießen versteht.

Die Frage nach der Vereinbarkeit des von Menschen geschaffenen Leids mit der fortgesetzten Existenz des leidempfindenden Wesens Mensch ist angesichts der humanistischen Fürsprache für ein aufgeklärtes Bildungsbewusstsein nicht negativ zu beantworten, solange Menschen etwas für sie elementares und lebensnotwendiges tun: ihr Leben zu führen indem sie in Auseinandersetzung mit einer widerständigen Welt in entspannender Absicht sich eine Haltung erarbeiten, die ihr Tun in solidarischer Manier bestenfalls zum Besseren für alle lenkt, mindestens aber das Individuum in eigener Verantwortung vor sich selbst bessert. Dass die Menschheit sich über dem hausgemachten Leid in Frage stellt, heißt nicht, dass sie es sich so leicht machen darf sich als ohnmächtig und antwortlos gegenüber einer Verbesserung dessen auszugeben, was sie nur selbst in den Händen hat: ihr eigenes Tun und Lassen. Der Beschluss zur Auflösung als letzte Pflicht einer gescheiterten Menschheit wäre der Kollaps jeder Ethik im Anschein ihrer Bewahrung, nachdem Vorläuferethiken als Theoriegebäude an der Praxis chaotischer menschlicher Repräsentanten scheiterten. Aber diese ‚Verlegenheitslösung des letzten Notausgangs‘ sollten wir nicht akzeptieren. Ich halte es für eine Infantilisierung sondergleichen, wenn man einer vernunftbegabten Gattung erlaubte, erst alle Vorräte leer zu saufen und dann einfach die Zeche zu prellen. Solange es vermeidbares Leid auf einem Planeten gibt, der von lebendigen Wesen bewohnt wird, sollte die Menschheit in die Pflicht genommen werden, dieses Leid durch reflektierte Selbstveränderungen zu minimieren und für alle Unlustzustände eigener Genese auch zukünftig Verantwortung zu übernehmen. Und das geht nur, wenn sie bleibt und sich sorgt, ohne dass sie durch ihre Daseinsgeschichte oder ihr sorgenvolles Sein in der Gegenwart Anspruch darauf erheben könnte, auf alle Zeit hinweg sein zu sollen.


[1] Daraus ergibt sich ein Nebenproblem: Die spezifisch anthropogene und an das Verhalten und reflexive Verhältnis menschlicher Repräsentanten zu sich und anderen gebundene Ethik würde einen Zustand der Menschenleere schaffen, der über das Ende der Existenz der ihn erdacht habenden Repräsentanten hinausreichte. Wenn ideelle Gesetze aber verkörpert werden müssen um zu wirken, aber ein verkörperungsloser Nachzustand die Wirkung dieser ideellen Gesetze weiter bezeugt (wem auch immer), ist das dann schon Metaphysik? Aber Spaß beiseite. 

Nie wieder „Todesstrafe für Kinderschänder“

Wie es misslingen kann, im Rahmen der Humanitätsforderung human zu bleiben, zeigen die parolenhaften Forderungen nach „Todesstrafen für Kinderschänder“. Zwar streichelt man damit automatisch die rechten Ränder der Durchschnittsgesinnung, aber eben daher darf man sich nicht wundern, wenn solche Maximen auch dort weithin zustimmungsfähig sind, wo man keine überzeugten oder altgedienten Neofaschisten vor sich hat. Anti-humane Maximalforderungen wie diese im Namen des Humanismus sind trotzdem nicht human und harmlos, weil es ihnen nicht gelingt, sich selbst vor ihrem unreflektierten Radikalismus in Schutz zu nehmen.

Es liegt bereits eine enorme Verspanntheit darin, wenn man die unbedingte Parteinahme für Schutzbedürftige in einem Übertreibungsgestus sichtbar machen muss, der keine Rückstände von Zweifel hinterlässt und gleichzeitig ein unprobates Mittel zur Lösung vorschlägt. Da es kein ‚richtiges Leben im falschen‘ gibt, ist ausgeschlossen, dass dieser Slogan de facto seine Wirkung in Richtung der Moralität entfaltet: es wird diese Todesstrafe nicht geben, und auch sie vergeblich herbeischreien zu wollen, erweckt nicht den Eindruck eines himmelschreienden Missstandes in der Rechtsprechung. Daher ist dieser Slogan keine Forderung, sondern ein subversives Bekenntnis: rechtsextremer Meinungsluxus mit handfesten Konsequenzen für das Weltbild.

Die aufgeklärte Gewissheit, dass auch Straftäter unveräußerliche und unverwirkbare Menschenrechte haben, trifft hier auf ihre Relativierung durch die Art der Tat: der Missbrauch von Schutzbefohlenen wird zum finalen malum erhoben, wozu allerdings der Gedanke der Schutzbedürftigkeit vereinseitig werden muss. Schutzbedürftig sind der Sache nach nämlich auch andere, nicht genannte Bevölkerungsgruppen, die im Sinne gesellschaftlicher Solidarität eine unbedingte Parteinahme bräuchten. Da hinter dem Konzept „Kind“ für Neofaschisten aber der Natalitätsgedanke steht – die Idee von der ‚Nation‘ dem Wortursprung gemäß als ‚Geburtenkollektiv‘ – würde es ihnen im Traum nicht einfallen, Todesstrafen für ‚Schänder‘ von Alten und Kranken sowie Behinderten zu fordern: denn diese ‚gebähren‘ nicht mehr, oder sind in den Augen von Neofaschisten nicht gesund genug um gebähren zu dürfen.

Eine Humanitätsforderung, die ihren Namen verdient, gebietet es, die freie Entfaltung von Kindern nicht zu blockieren. Genau das aber passiert in psychischer Hinsicht auch und gerade in der Obhut durch solche Kreise, die Kindern eine fadenscheinige Wertschätzung angedeihen lassen, wenn sie sie frühzeitig in ihr rechtes Weltbild einspannen wollen und sie damit verderben.

Wehe einer fordert nochmal die ‚Todesstrafe für Kinderschänder‘ – darin liegt alles schief an behaupteter Solidarität, die als Argument für die Parteinahme für Kinder genutzt wird, aber sich selbst boykottiert. Fordert lieber Hohe Strafen für den Missbrauch von Schutzbedürftigen (und siehe da: unsere Rechtssprechung reicht dafür hin).

Ich weiß, abstrakte Parolen lassen sich schlechter brüllen, aber ich hoffe inständig, dass die Zeit der braunen Schreihälse sowieso vorbei ist.