Gesellschaft in Auflösung begriffen …

Was wir in den USA derzeit beobachten, sind vielleicht nur die ersten besser sichtbaren Zeichen einer sich seit längerem andeutenden Auflösung der Gesellschaft, nicht nur an ihren Rändern sondern im Herzen ihrer städtischen Milieus, die uns Europäern immer wie das ‚eigentliche’US-Amerika vorkamen, den Kernland-Amerikanern im mittleren Westen selbst höchstens wie die abgehobene Küsten-Peripherie. Und trotzdem ist das Problem zentral: Sozialstaats-Abbau unter dem Sigel des harten Liberalismus ist eine fahrlässige Vernachlässigung der schwächsten Gesellschaftsmitglieder. Die Melange aus Anschlägen, Giftbriefen, einem immer noch schwelenden Haushaltsstreit um die Fiskalklippe, zu liberale Waffengesetzgebung in Zeiten medialer Nachbereitung solcher Katastrophen wie in Newtown und Aurora bilden ein Ensemble von Gründen, die dem Schlagwort der sich auflösenden Gesellschaft unmittelbare Evidenz für die us-amerikanischen Zustände zubilligt.

Die Gestaltungsmöglichkeiten der politischen Kaste verringern sich, vielleicht ist das gar nicht eines der ersten Zeichen. Der politische Handlungsspielraum schrumpft zusammen – Nach einer reaktiven Phase in Zeiten externer Bedrohungslagen und einer Ohnmachts-Phase (das ist die aktuelle, in der Obama die Mehrheit im Repräsentantenhaus fehlt) ist nur noch eine Phase zentralpolitischen Desinteresses am Hinterland von Nöten, und schon könnte man nicht mehr von einem Staat ‚USA‘ reden. Man könnte sagen, dass die in der Fläche fehlende Identifikation mit Washington doch seit jeher die wesentliche politische Kluft darstellt, mit der in Wahltaktiken kalkuliert wird: Die spannende Frage war politisch doch immer, welche Mikro-Verschiebungen in der politischen Stimmung passieren, damit eher den Republikanern oder den Demokraten zugetraut wird, über die Mentalitäts-Kluft von Binnenland und Küste hinweg alle für das gemeinsame, amerikanische Wir zu mobilisieren, das in dem unbedingten Glauben an Aufstieg seinen gemeinsamen Nenner hatte. Das hat es alles immer schon gegeben. Genau so wie man sagen könnte, es hat diese Anschläge auf das ‚Wir‘ (man denke an Columbine) immer schon gegeben, was rechtfertigt es denn da, dies alles im Kontext einer neuen Tendenz zu sehen? Die neue Tendenz ist: das gegen die Angreifbarkeit mobilisierte ‚Wir‘ im Jahre 2013 wirkt schwächer, es hat seine offenen Flanken dadurch, dass die eigene gewollt liberale ‚Hausordnung‘ im Sinne eines überholten Anspruchsdenkens immer als ‚liberalistisch‘ überzogen vorgestellt wird.

Die USA sind eine Gesellschaft, die im Jahr 2001 mit der Idee konfrontiert wurde, dass das Selbstverständnis des Traums vom amerikanischen way of life für gegenwärtige und zukünftige Generationen ein nicht mehr einzulösendes, sozusagen nur noch museale Bedeutung habendes Versprechen ist: es ist keines Falls präjudiziert, dass es unbedingt immer weiter aufwärts geht. Dem Strukturverlust in der Fläche rund um die ehemalig international prominente Automobilbauregion an den oberen Seen wächst die Mentalität und das Selbstverständnis reaktionär hinterher: Es wird sichtbar, dass das Selbstgestaltungsideal nicht mehr gegen alle Realitätseinbrüche zu halten ist, und wenn etwas gerade mit aller Deutlichkeit passiert, dann ist es der Einbruch einer Realität, die in einer geänderten Weltlage und neuen, politischen Machtungleichgewichten besteht. Die Stadt Detroit hat mit extremem Substanz- und Strukturverlust zu kämpfen, die USA können und wollen sich langsam ihre Aufgabe als Weltpolizei nicht mehr leisten: Für die USA geht – verspätet aber immerhin – jetzt der kalte Krieg zu Ende. Francis Fukuyamas Diktum vom ‚Ende der Geschichte‘ aus einer amerikanischen Perspektive hat übersehen, wie lange mindestens die USA brauchen werden, um sich – in gewisser Hinsicht unversöhnt – in eine neue Weltlage einzupassen, die eben darum die für das Machen von Geschichte nötige Spannung behält, weil die Erinnerung an alte Geltung noch wach ist, und außenpolitisch zum Teil noch aktiv beansprucht wird. Na klar ergeben sich daraus Konflikte. Interessant zu beobachten wird sein, welche Argumente die Außendarstellung der USA in Zeiten ihrer inneren Auflösung kennen wird. Wahrscheinlich werden – solange die sozialen Spannung noch nicht zu groß sind – Argumente der Liberalität herangezogen, eine Weile lang wird das alte Mentalitätsparadigma dadurch noch gestützt werden können.

Eigentlich haben weder wir Europäer noch die Amerikaner ernsthaft auf dem Schirm, wie unglaublich und gigantisch verschuldet die USA sind. Die Chinesen allerdings wissen das schon. Naturgemäß hat die Volksrepublik massiv in den USA investiert, in Zeiten, wo das Märchen von der Supermacht noch allgemein geglaubt wurde – das muss wohl vor 2008 gewesen sein, vor der Lehmann-Pleite, vor Fannie Mae und Freddie Mac und der Immobilien-Blase. Mit us-amerikanischen Strukturverlusten und Wertvernichtungen wären die Chinesen hart gestraft…

Eine Gesellschaft, die ernsthaft um ihre Pfründe fürchten muss, aber gleichzeitig nach innen noch an ihren historisch bedingten harten Liberalitäts-Phantasmen hängt, wird ein Problem damit kriegen, einen Schuldigen für ihre missliche Lage zu benennen. Eine Gesellschaft, die anders als das Nachkriegseuropa keine so große philosophische Tradition mit selbstreflexiver und harter Gesellschaftskritik hat – weil ihre Liberalitätsversprechen das Misfitting eines Einzelnen immer als individuelle Defizienz-Biographie hinstellen und es damit nicht mehr als gesellschaftliches Problem wahrnehmen müssen – wird es schwer haben, ihre zunehmend sichtbaren Probleme an ihre Mentalitätsstruktur rückzubinden. Aber: sie wird es tun müssen, um zu sehen, warum eine liberalistische (nicht die liberale) Gesellschaft sich leichter auflöst: Sie löst sich leichter auf, weil sie die Entbindung des Einzelnen vom Kollektiv für das Konstitutionsprinzip ihrerselbst gehalten hat, für ihre ganz besondere, eigene Kulturleistung. Nur hin und wieder lassen sich die entbundenen Einzelnen wieder ins Boot holen: Für ein gemeinsames Wir in Zeiten der Bedrohung – ob nun in Latenz oder explizit – rücken die, die nicht der Frieden sondern der Krieg miteinander vereint, zusammen und beschwören ihre Kraft, Liebe, Gottesfürchtigkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Hoffnung – zugegeben auf eine für Europäer mitunter unerträglich rührselige Weise. Aber: aus einem rührseligen Quartals-Wir oder einem larmoyanten Dekaden-Wir oder einem fast schock-starren und selbst-mut-machenden Anti-Terror-Wir machen sie auf Dauer keine funktionierende Gesellschaft, die über so große Differenzen wie die zwischen New York und Utah auch dann noch hinweg reicht, wenn alle ausnahmsweisen Bedrohungslagen schon wieder der alltäglichen Betriebsamkeit gewichen sind, und wieder Vorurteile von Kernland und Küstenperipherie das Verhältnis der Amerikaner zu ’sich selbst‘ moderieren.

Obamas aktuelle politische Ohnmacht führt vor, was für die USA gesellschaftliche Realität werden wird: Auflösung, Strukturverlust, Marginalisierung.

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