Wohin kehrt man zurück …

Auf vielfachen Wunsch meine unerheblichen Auslassungen. Mit Hochachtung.

Wohin man zurückkehrt, wenn es darauf ankommt, sich zu sammeln und zu konzentrieren, sich über das was man als das wirklich Eigene anerkannt hat zu verständigen, das ist die Frage, die darüber entscheidet, wie offen oder doch eher geschlossen sich das Band zwischen zwei Menschen gestaltet. Wo Menschen sich bei anderen Menschen unaufhebbar zu Hause fühlen, mag Zeit dazwischen sein, mögen unendlich viele Kilometer dazwischen sein: Wohin man zurückkehrt, wenn im eigenen Leben die chaotischen Randlagen nach mehr Wesentlichkeit verlangen, das entscheidet darüber, dass und inwiefern ein Band zwischen zwei Menschen alles andere als ‚offen‘ ist.

Chaotische Randlagen sind nicht nur der Midlife-Crisis vorbehalten. In modernen post-industriellen Gesellschaften spielt die emotionale Verwahrlosung eine Rolle im Leben all derer, die viel und oft in Beziehungen stecken, ohne aber die zwischenmenschlichen Kompatibilitätsprobleme mit Reflexionsarbeit zu bewältigen. Sich in wechselnden Übereinkünften zu zerstreuen ist leicht, sogar die Zerstreuung mit verschiedenen Partnern als Haltung auszugeben ist leicht, aber solange es ‚einen‘ Ort der Rückkehr ‚gibt‘, ist alle Offenheitsrhetorik als Deutungsmuster Bestandteil der eigenen Indifferenz, mit der man sich selbst vielleicht dabei zuguckt, wie einem das eigene Leben bloß ‚passiert‘, nicht aber dabei, wie man es ‚führt‘.

Phantasmen der Freien Liebe haben immer etwas von einer „Romantisierung des Primitiven“ an sich: Wir sind unverbindlich Freie, die ihre Freiheit nur brauchen, um darin verwahrlosen zu können. In der Offenheit frei nur für die eigene Grundsatzlosigkeit zu sein, verhindert gelingende Selbstbilder, die sich ja erst im Kontext mit den Fremdbildern von  nahestehenden Menschen schärfen und ihr Profil gewinnen an dem unüberbrückbaren Abstand selbst zwischen sich Nahestehenden: Die ‚Verschmelzung‘ darf nie gelingen, wenn man Menschen in ihrer Individualität wertschätzt, und doch kommt jede Beziehung mit dem Anspruch einer quasi-Verschmelzung daher, die scheiternden Beziehungen sogar mit dem größtmöglichen Verschmelzungsgehabe…

Auch jede offene Beziehung bedarf daher eines Sammlungspunktes in einer Person, bedarf ‚eines‘ sozialen Extrempunktes. Soziale Extrempunkte sind die, auf die mehr Vektoren verweisen: im sozialen Raum ist jede Richtung, jeder Kommunikationsbrocken ein Vektor, jede Nachricht, jede Geste, alle gerichteten Botschaften betreffen jemanden, weisen jemanden in der Häufigkeit der Konsultation als Extrempunkt aus. Je nach dem wo dieser – ob ‚in‘ oder ’neben‘ einer offenen Beziehung – ist, da ist der eigentliche Ort einer Beziehung, die eigentlich fest ist. Alles andere ist Rhetorik, die das unhaltbare Dezisions-Defizit haltbar machen soll.

Beziehungsmenschen allerdings, die unter der Maßgabe gesellschaftlich geprägter Zwangs-Vorstellungen ihre Beziehungsideale nur gegeneinander geltend machen können, befinden sich auf einer schiefen Ebene: Die Festigkeit, die sie sich wünschen, verhindern sie durch ihre Festigungsversuche. ‚Bedingte‘ Liebe unter dem Motto „Erst wenn du meinen Ansprüchen ganz genügst, werde ich dich vollends lieben“ reden einer Co-Abhängigkeit das Wort, deren Dauer auf Kosten der Unmittelbarkeit und Freiheit einer ‚atembaren‘ Atmosphäre geht. Es wird stickig und eng. Bald darauf ist es meistens vorbei.

Die Dialektik der Offenheit besteht ja darin, sich partnerschaftlich die Freiheitszugeständnisse zu machen, die nötig sind, um sich ‚überhaupt‘ halten zu können, folglich muss man sich darin aber auf einen reduzierten Kernbestand an Festigkeit zurückziehen. Eine offene Beziehung ist: in ihrem Kernbereich das Absicherungsminimum, das der finalen Einsamkeit entgegen wirkt, und in ihren Randbereichen eine Freiheit, die den Begriff ‚Beziehung‘ boykottiert.

Und dennoch ist das grundsätzliche Offenhalten auch immer von anti-ideologischer Natur: Es geht um nichts weniger als den Versuch, sein Spiel mit der Preisgabe oder Nichtpreisgabe konsistenter Lebensführung zu treiben: Wie weit kann man gehen, ohne zu weit zu gehen – Wie lange kann man sich offen halten, ohne übrig zu bleiben – Wie sehr kann man sich binden ohne unfrei zu sein? Dies hat seine entlastende Funktion besonders dort, wo regulative Durcharbeitungen der ‚fertigen‘ – oder wahlweise ‚verwalteten‘ – Welt scheinbar nichts von dem mehr zulassen können, das doch in der spielerischen Freiheit seine Wirksamkeit beweist: Ja, es ist möglich, diese Zusammenkunftszwänge nicht mitzumachen, aber der eigentliche Drahtseilakt wird nicht das Balance-Halten währenddessen sein, sondern den richtigen Zeitpunkt zum Absprung vom Seil nicht zu verpassen. Um aber mitkriegen zu können, wann dieser Zeitpunkt ist, muss man sich der Selbst-Anwendungs-Idee stellen: man muss sich zu seiner eigenen Offenheit dergestalt offenhalten, dass man sie zum richtigen Zeitpunkt verabschieden ‚kann‘. Die eigene Offenheit als offen hin zu ihrer möglichen Umwandelung in Festigkeit zu denken, gelingt vielen nicht, die ihre Freiheit ’nur‘ genießen wollen. Wer im richtigen Zeitpunkt die Offenheits-Verabschiedung nicht beherrscht, der läuft Gefahr, von Ereignissen, die ihm dann die Entscheidung abnehmen, überrollt zu werden. Das darauf folgende Leiden ist meist um so diffuser.

Offene Beziehungen werden durch ihre beziehungstechnischen Nebenstränge erst zu solchen gemacht, diese Nebenstränge zulassen zu können, offenbart die prinzipielle Vermehrbarkeit. Gerade in der Vermehrungsfähigkeit könnte es schwer werden, die Grenze zwischen Verhältnissen zu ziehen: Wo ist die alte Offenheit zu ende und beginnt schon eine neue ‚Bindung zu neuer Offenheit‘: Ohne ein Minimum an Bekenntnischarakter verliert auch eine ‚einzelne‘ offene Beziehung ihren Vorrang vor und unter möglichen, gleichen, potentiell unendlich vermehrbaren Verhältnissen in offenen Nebensträngen: damit aber verlöre die Ausgangsbeziehung ihre Bedeutung als Sammlungspunkt. Was durch die mögliche Vielzahl hindurch die ‚Beziehung‘ – wenn auch offene – bleibt, verweist darauf, wohin die Sammlungsrückkehr geht. Durch die mögliche Gleichrangigkeit der Nebenstränge hält sich eine Präferenz durch, die Sammlung von Zerstreuung unterscheidbar macht und aufzeigt, welches Verhältnis aus Zerstreuungsgründen mit Rückkehroption verlassen wird, ja nur durch die Rückkehroption überhaupt verlassen werden kann. Was einer jeden Ausnahmesituation – wie etwa im Karneval – ihr Maß vorgibt, entscheidet darüber, was es ist, das von bleibendem Ernst ist auch durch Zeiten größtmöglichen Abstands hindurch.

Die Unhaltbarkeit alter Offenheits-Entwürfe bringt aber ein Bearbeitungsdefizit ans Tageslicht: Wir können und dürfen sogar nie alle zwischenmenschlich möglichen Optionen aus-agieren, denn im Falle des unvermittelten Verhältnisses lebender Menschen wäre es geradezu zynisch, Genuss-Optimalität nur nach egoistischen Gründen zu dimensionieren. Wir dürfen niemals vernunftbegabte Wesen gegen ihren Willen als bloße Mittel zum Zweck unserer erotischen Genuss-Optimierung machen. Es hängt an jedem Einzelfall ein ganzer Mensch dran, mit eigenen berechtigten Ansprüchen auf Genüsse und einem seelischen Bedarf nach Nähe in Dauer ohne Ersticken.

Personen, die als Sammlungsfiguren überhaupt taugen, festzuhalten, weil man mit zunehmender Abgeklärtheit Einsicht in die unwahrscheinliche Koinzidenz zweier Individuen gewonnen hat, ist plausibel: menschliches Schutzbedürfnis, Geborgenheitsbedarf. Die Zerstreuung weg von Festigkeitsanflügen wahllos bei irgendwelchen Personen zu suchen – bei denen sie gleichgut zu haben ist weil die Sicherheit besteht, dass alle Ausflüge gleichwenig als Gefährdung taugen – ist wahrscheinlich. Zerstreuung ist – in der relativen Wahllosigkeit bezüglich der Frage, wo sie möglich ist – anti-ideologisch. Ähnlich wie in Synapsen oder beim Prinzip ‚Trampelpfad‘ prägen sich Wege durch Benutzung ein, durch Beanspruchung einer Gangbarkeit dort, wo woher kein Weg war. Synapsen sind offen für jede regelmäßig fließende neue Reizmenge. Durch Gebrauchsbeanspruchung allerdings lässt sich jede Nebenbeziehung rechtfertigen, auch die, die keine Ursache im Herzen hat.

Ohne ein Minimum an Bekenntnischarakter, ohne ein Minimum an sozialer Extrempunktqualität einer nahen Person, ohne die daraus resultierende Sammlungsrückkehr nach möglicherweise ausgiebiger Zerstreuung ist auch eine ‚offene‘ Beziehung keine Beziehung. Kommt sie allerdings mit diesen Merkmalen daher, sollte von vornherein reiner Tisch gemacht werden: Sollte den Personen, die zur Zerstreuung herhalten, das Gefüge benannt werden, in das sie sich eingliedern würden, und ihnen bevor mit ihnen etwas geschieht die Wahl gelassen werden, ob sie sich überhaupt in so einem Arrangement wiederfinden wollen. Es nicht zu viel gesagt wenn man festhält: Sie hätten gute Gründe, das nicht zu wollen.

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