Politische Landschaften in leichter Schieflage fotographiert….

Die Disposition aller ‚politischen Zustandsaufnahmen‘ des nächsten Jahres wird wahrscheinlich sein: kleine Parteien unter der 5-Prozent-Hürde und der Rest sind 3-Parteien-Länderparlamente, die aus CDU, SPD und Grünen bestehen.

Ob das den Spielraum für Wahl-Entscheidungen nun vergrößert sei mal dahingestellt und inwiefern es auf den Bund wirkt, sei mal dahin spekuliert. Die politische Realität wird sein, dass die Politik der CDU besonders hinsichtlich der Gorleben-Frage unter einer Bundesministerin Merkel Anfang der 90er die Koalititons-Option mit den Grünen von vornherein ausschließt. Defakto ermöglichen 3-Parteien-Parlamente nur noch Rot-Grüne Koalitionen. Also mich freuts. Ich bin mit Merkel nie warm geworden. Nicht mal übergangsweise.

In Bayern kommen noch die Freien Wähler im Umfang von etwa 9 Prozent dazu. Die CSU hat noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie das Wählerpotential der FW eigentlich für einen genuinen Bestandteil ihres eigenen Wählerpotentials hält. Abtrünnige in Bayern seien selber Schuld, wenn die Verweigerung einer Entscheidung FÜR die CSU dazu führt, dass ‚unklare Verhältnisse‘ so etwas wie ‚Verhandlungen‘ erfordern. Alles, was eine starke CSU in Bayern verhindert, so die CSU, verhindert, dass die CSU auf bundespolitischer Ebene ihr Gewicht in die Waagschale werfen und auf die herausragende Stellung Bayerns in Deutschland bestehen kann. Alles was Bayern lähmt, kommt von diesen ‚Drecks-Sozialisten‘. Neinnein, Leute: Bayern pflegt sein Phlegma als immaterielles Kulturerbe. Die CSU lähmt Bayern, so siehts ma aus. Und die CSU, die Bayern lähmt, lähmt im Angesichte ihrer Verlustangst auch die Schwarz-Gelbe Koalition auf Bundesebene. So schlecht sind wir noch nie regiert worden. Sag ich mal so.

Aber auch das: Bayern war noch nie repräsentativ für die gesamtdeutsche politische Kultur. Ein bisschen exotisch scheint uns immer noch dieses quasi-hoheitliche altehrwürdige Anrecht und Vorrecht der CSU: So richtig in der Demokratie angekommen sind die nie, könnte man denken.

Seehofer gefiel sich mal als der starke Mann der Union, der vom bayerischen Thron herab unbequeme Wahrheiten sagen durfte – ein bisschen der Nebenkanzler, den im Ernstfalle – ganz undemokratisch – das Wohl Bayerns beauftragt hätte, seinen Einfluss im Bund gegen die anderen Mitglieder des Bundes geltend zu machen. Diese Rolle hat Seehofer glücklicherweise auch dadurch verlieren müssen, dass sein Generalsekretär ein so ausnehmend dümmliches Exemplar ist. Wer die ständige Außenvertretung dieses Generalsekretärs beobachtet, weiß darum, wie wenig die CSU noch ernst zu nehmen ist. Mittlerweile lässt Seehofer sich die Butter von der FDP vom Brot nehmen: Arme Sau.   

Wenn Steinbrück gegen seine eigene Partei gewinnt um MIT ihr in den Bundestagswahlkampf zu gehen, kann er, tausendmal besser als Merkel, das Bedürfnis der Menschen nach Leitlinien-stringenter Politik verkörpern. Eine andere Politik ist möglich. Der Mann wird bis dahin einiges über sich ergehen lassen. Wenn man allerdings guckt, von wem dieses ‚einige‘ kommt und in welcher Absicht, kann man fast schon wieder gelassen sein.  

 

 

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… und unsere Angst davor.

Nicht wenige greifen in der Außendarstellung ihrer Person auf Techniken der erweiterten Realitätsbezeugung zurück. Nicht wenige gestalten an den Avataren, die sie öffentlich für sich setzen, auf Techniken hin, die die Realität ihrer Persönlichkeit nicht bezeichnen sondern überzeichnen. Nun gut: das hat seine Funktion.

Nicht wenige hadern eigentlich mit dem Medium. Kann ich unbescholten noch bleiben, wenn die Zugangsstellen zu meinem Persönlichkeitskern in der administrativen Anbahnung in Social-Media-Netzen dauernd offen sind? Klar ist: Wer noch ein bisschen Ratio hat, erlebt das als problematisch.

Aber die Angst: Wer sich abschaltet, existiert nicht, weil er in dem Fall, dass er ‚interessiert‘, nicht ‚kontaktiert‘ werden kann. Nicht Transparenz ist das vorrangigste Menetekel unserer Positivgesellschaft, sondern Erreichbarkeit. Die hat uns nicht erst das Internet beschert, sondern das Telefon und das Auto. Total geworden ist die Erreichbarkeit erst, seit der Existenz von Schienen-unabhängigen Fahrzeugen und Fernkommunikation, die die dialogische Nähe fingieren kann, selbst wenn tausende Kilometer dazwischen liegen.

An der Darstellung liegt so viel: Die dauernde Stellvertretung der Person durch ihren Avatar ist ein Appetizer  und soll die zeitlichen Imponderabilien bei der Findung passender Leute minimieren. Dazu muss ein Abzug – wenn auch ein überbelichteter, der einen in unverhältnismäßigem Licht zeigt – immer verfügbar sein.

Die erste Adresse von Kontaktaufnahmen ist dann das für quasi-Realität genommene überzeichnete Surrogat einer Person. Stellt sich später noch ein nachgereichtes, reales Verhältnis zwischen lebendigen Menschen ein, kommen all die zuvor ausgeschalteten Ungereimtheiten wieder hervor. Die Passung der Partner endet allerdings nicht erst an der Demarkationslinie zwischen verschiedenen Charakteren, sondern weil schon der Avatar in seiner verschnittenen Zurichtung nicht mehr so recht zu der Person passen will, die sich von ihm vertreten lässt.

Welches Bild wir abgeben, entscheidet darüber, für wen wir dieses Bild abgeben wollen. Verspannte Bilder mit gekünstelten Posen verraten aber zwei Sachen nicht: Gelassenheit und Natürlichkeit. Niemand lässt die Pose, deren Beherrschung als gelingende Herrschaft über das ‚eigene Bild von sich in der Öffentlichkeit‘ gilt, freiwillig fahren.

Das Resultat dieser Melange aus Attraktivitätsdarstellung und sozialer Fitness-Indikation ist eine große Verspanntheit, die zu einer optischen Gleichförmigkeit in der Selbstdarstellung von Personen in sozialen Netzwerken führt. Letztlich wird die Möglichkeit von Individualität damit unterwandert. Aber das ist nicht das größte Problem.

Sondern die Erreichbarkeit: Mit dem Wegfall der Möglichkeit des ‚Weg-gehens‘ verzichte ich darauf, Herr darüber zu sein, wann ich ‚kontaktierbar‘ bin. Die Versprechen der Vernetzung fordern, einen Avatar meine Stelle vertreten zu lassen, für den ich mich 24/7 nicht zu schämen brauche. Jeder Mensch aber hat mal Zeiten, in denen er nicht optimal ist, wo er zerknautscht aus dem Bett springt und brabbelnd durch die Wohnung kriecht. Kein Grund zur Beunruhigung.

So aber können wir uns nicht sehen lassen. Die seltenen Randzeiten unserer optischen Perfektion und inszenatorischen Passabilität – sofern wir gerade sie in unserem Avatar haltbar machen und ihn dann für unsere ‚Normalität‘ verkaufen – laden den Kontaktraum sozialer Netzwerke mit mehr Anspruch auf, legen die Latten immer höher auf. Das vorhersehbare Resultat sind Ernüchterungsstürze aus großer Fallhöhe. Das haben wir uns verdient.

Der Raum einer solchen Ernüchterung kann vieles nicht mehr leisten. Die Menschen enttäuschungslos zu lehren, ihre Durchschnittlichkeit zu akzeptieren; und in einem folgenden Schritt die ‚Durchschnittlichkeit‘ zu ent-pejorisieren. Und folgend das Schonungsbedürfnis der Seele – der ja sowohl ‚Zeigen‘ als auch ‚Verdecken‘ als gleichzeitige Tendenzen innewohnen – ernst zu nehmen.

Nicht die Akzeptanz der ‚Durchschnittlichkeit‘ auf ihrem authentischen Niveau baut seelische Spannungsvermögen ab, sondern die Vortäuschung von Individualität über Avatare, die aufgrund der Strukturbedingungen der social-media-world auf ein lebensfernes Niveau der Durchschnittlichkeit in der ‚Pose‘ zusammengerückt werden. Die Ersetzung einer im Netz sowieso nie geltend zu machenden Authentizität des Privaten durch die zur quasi-Authentizität gemachte überzeichnete Realität, von der man sich nicht Schutz und Abgrenzung sondern gesteigerte Einbindung erwartet: das ist der kritikwürdige Vorgang.

Aber wer kann sich schon freiwillig und gerne so aussehen lassen wie er aussieht? 

… Zeitfenster der Überreife …

Schmerzgrenze der Depressionensaison. Hab ich die Sonne im Rücken, dann werfen die Tage länger werdende Schatten vor mich, denen ich hinterher laufen kann. Die anderen laufen den ihren hinterher. So fügt sich alles. Solange wenigstens noch Sonne ist, fällt es mir auffallend leicht, nicht darauf hoffen zu müssen, dass ich völlig durchdrehen werde. Die Bäume legen sich ihre Blätterchen zu Füßen und ich möchte rufen: „Also wenn das in Reihe passiert, krieg ich einen an der Klatsche, versprochen“, weil alles nach Abschied auszusehen und danach zu schreien beginnt. Erst wenn die Farben von den Bäumen schreien, beginnt das, ein Geräusch zu sein, das ich überhaupt höre in meiner ganzen Überbeschäftigung, Ablenkung und energetischen Auszehrung: soviel zu meiner Scheinheiligkeit, mit der ich mir die Offenheit für Zwischentöne im Übergang zuschreibe, dieses Versprechen an andere und mich aber nie einlöse. Herbst halt. Und ich wieder mit meiner ganzen Hilflosigkeit mittendrin, nie macht der Scheiß einen Bogen um mich.