Stell dir vor es ist ‚Lichtenhagen‘ und alle schauen immer noch nicht weg …

Es gibt so eine Art, die Massen auch zu großen und wichtigen Ereignissen nur unter falschen Vorzeichen hinlotsen zu können. Es ist unter allen Umständen wichtig, am 20. Jahrestag in Rostock-Lichtenhagen Flagge zu zeigen. Aber.

Ich sehe im Moment mit Erstaunen und Befremden tausende Menschen auf den Vorlauf zum Lichtenhagen-Gedenktag aufsatteln; sehe Menschen, die eigentlich an gar nichts erinnern sondern einfach sich im Licht des Betroffenseins nachträglich als Besserwisser profilieren wollen. Nichts ist unerträglicher, als 18jährige Nachgeborene, die es besser wissen wollen, nur weil ihnen die gnädige Geschichte erspart hat, in krisischen Zeiten einen Standpunkt beziehen zu müssen und damit Rückgrat von ihnen zu fordern wo’s offensichtlich brenzlig wird. Nichts leichter als hinterher bescheid zu wissen.

Worums mir geht, ist, Mitläuferei im ‚guten‘ anzunähern an den Eindruck, den die ‚guten‘ Mitläufer gerne weit weg schieben wollen: Als Event-People in die Nähe der Steineschmeißer von 1992 zu geraten. Was suchen all die Kiddies im Jahr 2012 da? Das interessiert die eigentlich einen Dreck. Die wollen nur das Lebensgefühl abgreifen, das mit dem Besserwissen, Dabeisein und Dagegensein die Weichen auf Erfolg stellt. Viele überblicken dabei nichteinmal die dialektischen Schwierigkeiten im Nahbereich ihres eigenen Dafür/Dagegen.

Das Phänomen stellt sich so da: Die Massen, die 1992 da waren und nicht weggeschaut haben, sind heute im August 2012 auch wieder da. Es gibt sie heute noch: eine Form der Mitläuferei im Gedenken; Mitläuferei die damals verantwortlich war für das Mittun im Schmeißen von Brandbomben. Es gibt das als Ausdruck genau desselben Vorgangs: Dabeisein ist alles. Alle sind dabei. Damals wie heute. Wo ist Gegenposition? Es gibt sie nicht.

Nichts steht einer differenzierten Aufarbeitung mehr im Weg als dieses ewige Mitgelaufe, das von unserer sozialen Stimmung emotional belohnt wird, sobald es in den richtigen Kontexten stattfindet. Das übermäßige Bedürfnis nach Übereinstimmung allerdings ist eines der größten Übel, sagte schon Herbert Marcuse…aber wen interessiert das schon noch?

Wo waren die ‚guten‘ Erinnerer an Lichtenhagen 1992 im Jahre 2007, als am Alten Hafen in Rostock von Seiten der Antifaschisten und Antirassisten Steine auf Polizisten geworfen wurden? Jetzt, 2012, wird sich durch einen Anschluss an die Demo in Lichtenhagen das gute Gewissen erkauft, das man braucht, um über Steinwürfe auf Polizisten 2007 keine Nöte zu leiden. Genauso wenig wie Nazis überblicken diese selbsternannten Antifaschisten die dialektischen Schwierigkeiten, die sie sich auftischen.

Wo waren die guten Erinnerer in der Zeit, als die Prekarisierungstendenz in ganzen Stadtteilen Rostocks die Sozialstruktur komplett umgebaut hat und eine junge Generation in die Aussichtslosigkeit hineingeboren wurde? Wer ist denn aus seiner geballten Überbehütung heraus bereit, solche Vorgänge überhaupt als sichtbar zu akzeptieren? Aber.

Keiner hat je weggeschaut. Wegschauen ist schon 1992 nicht die Erklärung gewesen, wie so etwas hat passieren können: nein, indifferentes Hinschauen; ein Entsagen der eigenen Verantwortung im Hinschauen, Verantwortliche als Gaffer am Gitter eines Käfigs, in welchem die letzten Akte eines sozialen Experiments vorgeführt wurden – bereits in der Retardation begriffen -, ein Experiment das ungefähr so ging: Wie reagiert ein Volk darauf, wenn es seiner Lebensleistung und seines Arbeitsplatzes durch die Treuhand beraubt wird, und mitten in Europa am Ende des 20. Jahrhunderts einer flächendeckenden Prekarisierung überlassen wird? Wir haben alle hingeschaut und uns geweigert, den finanziellen Status als Erklärung für diese Dezivilisierung antreten zu lassen, stattdessen haben wir so getan, als würden alle wegschauen, was nicht der Fall war. Im Gegenteil ist diese Form des wirkungslosen und entsagenden Hinschauens viel perfider.

Müde vom Wendestress waren viele, der Mensch leitet so einiges lange Zeit nach innen ab. Bis die soziale Stimmung und der Alkohol andere Abfuhrformen begrüßen und selbst piefige Gesichter zum Gewaltausbruch anstacheln. Selbst das ist kein Erklärungsvolltext für diesen Ausbruch, aber es gehört zu der verhängnisvollen Melange, die man verstehen muss, wenn man denn ‚verstehen‘ will.

So sehr es wichtig ist zu erinnern, werden sich die Straßen rund um das Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen teilweise unter falschen Vorzeichen füllen: Das Motiv des Dabeiseins, das Motiv eines übermäßigen Willens nach Übereinstimmung mit den ‚Guten‘ – beides Motive, die auf bestimmte Weise auch Steinewerfer antrieben – wird mit zu den absehbar vollen Straßen geführt haben werden.

Erwartbarer Widerspruch von Seiten verbrämter Antifaschisten setzt sein Werkzeug meist an einer Stelle an, die für eine Schwachstelle gehalten wird, aber in meiner Argumentation keine ist, weil ich mir ihrer bewusst bin: Leuten wie mir wird gerne ein unzuträgliches Spiel mit ‚vergleichen‘, ‚gleichsetzen‘ und ‚relativieren‘ von linker und rechter Gewalt vorgeworfen. Wo ist das Problem: ‚Gewalt‘ diskreditiert sich als politisches Mittel selbst. ‚Linke‘ Gewalt ist vielmehr ‚rechts‘, als sie sich glauben lässt. Menschen, die sich nicht in der Gewalt haben, neigen zum Ausbruch. Es gibt aber keinen ‚guten‘ Ausbruch von Gewalt nach Außen.

Eventprotest steht immer unter dem falschen Vorzeichen, deswegen bewirkt er nichts, deswegen gehört er als wirkfreies Spielfeld in die Menge der Selbsterprobungsmöglichkeiten junger ‚linker‘ eben nur weil man sich dort gefahrlos auf Möglichkeiten des Dabeiseins und Mitmachens hin entwerfen kann. Es gab Zeiten, da hieß ‚links‘ aber noch ganz selbstverständlich eine Absage an diese Mitmach-Mechanismen. Vielleicht halten unsere grundweg befriedeten Zeiten nicht mehr genügend Dinge bereit, ‚gegen‘ die man mit berechtigtem Anspruch sein kann. Wenn dann nach Ausfallangeboten gesucht wird, wird aus der Hilflosigkeit oft Schwachsinn, nicht bei allen sicherlich. Es gibt auch überzeugte Antifaschisten, die diesen Blödsinn des unreflektierten Mitmachens nicht nötig haben.

Es gab Zeiten, da waren die Vorzeichen für einen solchen Gedenktag noch günstiger. Aus diesem Grund wird man viele, die in diesem Zusammenhang echt was beizutragen hätten, bei den Gedenkfeiern nicht antreffen. Nun gut: Auch diese Totalverweigerung ist irgendwie müde. Wie dem auch sei.