Zur Verflachung des NDR-Comedy-Contests

 

 

Zuerst die gute Nachricht: Woran ich überhaupt nichts auszusetzen habe war der Hauptgast Matze Knop, auch wenn er sich zuviel mit Boulevard und Sport beschäftigt, beides für sich so selbstevident komisch wie letztlich irrelevant, nichts auszusetzen an Domenica Berger, die so reibungslos moderiert, dass kaum auffällt, dass sie da ist, und das Fuck Hornisschen Orchestra, aus Komik-theoretischer Sicht die einzigen, die als Lichtblick des Abends zu bezeichnen sind, da sie Denkzellen mit Lachmuskeln und musikalischem Schwingungsorgan so kurzschlossen, dass wenigstens zur Halbzeit mal der Motor meines Wohlwollens stotterfrei angesprungen ist.

Der Gewinner der vergangenen Folge des NDR Comedy-Contest bringt als prolliger Türsteher das Problem qua Erscheinung auf den Punkt: Nicht etwa ist er den Gamaschen seiner Rolle zu groß sondern, und da wird’s peinlich, er füllt sie bestens aus. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Witze war zusammengesetzt aus Namen, die früher studiVZ-Gruppen trugen. Erinnert sich noch jemand freiwillig an zum Beispiel: „Sach mal’n Satz aus zwei Körperteilen: Hals Maul“ und wenn ja warum? Bitte wie flach ist das denn? Auf diesem Niveau war man da neulich Abend zu Hause, quasi auf einen eklektischen Cocktail zu Gast bei Witzen, die so alt sind, dass sie einem wie gute Freunde vorkommen: Man möchte ihnen doch glatt beim Umzug helfen. Bloß weit weg sollte die Reise gehen.

Dieser wohlige Kuscheleffekt des Altbekannten trat auf in Kombination mit stilbildendem Rap, die einzige Form, in der man sich in dem vorgeführten Proll-Milieu mit Sprache noch kultiviert vorkommen darf ohne zu peinlich für die rauhe Peergroup und sich selbst zu werden: das ist eigentlich auch schon wieder Lifestyle aus dem vorvergangenen Jahrzehnt, wenn mans genau nimmt. Und eins könnt ihr mir glauben: DAS ist MIR peinlich, wenn das Peinlichkeitsgefühl angesichts reichhaltiger Versprachlichungsmittel nur dann suspendiert ist, wenn sich mit der Sprache die Stilerfordernisse eines krampfig-modernistischen Zeitfensters einhalten lassen, das selbst wiederum überreif wenn nicht gar tot ist.

Die Wortbühne ist uncool.

Uncool wenn auch bereits mit Bühnen-Abo auf Langeweile ist auch Philipp Scharri. Auf jedem Slam gibt es meist einen, der reimt sich die bekanntesten Laut-Kongruenzen aus den Rippen, dass es Ommi die Falten aus dem Unterrock hobelt. Reimen ist neben Rhythmisieren und Aufzählen das beste Mittel, um das Fehlen eines eigenen Komik-Konzeptes zu überspielen mit einem Signal, das auf das Fehlen weiterhin aufmerksam macht: Wo gereimt wird, geht es bestenfalls um ‚Handwerk‘ und das lässt sich ja trainieren. Auf jedem handelsüblichen Slam gibt es einen, der das schon seit Jahren macht und wahrscheinlich schon mal jedes Wort der deutschen Hoch- wie Tiefsprache auf jedes mehr oder weniger zu ihm passende gereimt und Applaus für die Fleißarbeit bezogen, aber die Abstimmungen zurecht verloren hat, weil meist kommt so ein mahnendes, temperierendes und ausgleichendes Zeigefinger-Heb-Zeugs bei raus: mit ner Pointe, ein paar Wiederholungen für die Eindringlichkeit, ein bisschen Spannungsbogen musterhaft aus dem Deutschbuch für die Oberstufe abgeschaut und fertig ist eine kleine Preziose, der eigentlich kein komischer Trotz mehr gelingt, weil sie von vorne bis hinten an den Techniken ihrer eigenen Beherrschung erstickt. Das ist alles zu durchschaubar.

Wird eine Quoten-Frau zur Bühne vorgelassen, dann gefällt sie sich meist in ihrem geronnenen Realismus: Es reicht ihr, als einzige Frau im Anrecht auf Frauenthemen (was immer das auch ist) zu baden und es stößt ihr nie auf, dass sie als Frau die abgehangenen Frauenklischees nochmal ne Nummer überzieht nur um dem ausgemachten Feindbild Mann in einem faden Anflug usurpatorischer Emanzipation das gleiche zum Zwecke des Vorwurfs nachzuweisen: Aber: Selbst wenn Frauen über Frauen witzeln, sind sie sexistisch durch und durch. Wüsste man nicht, dass man davon nichts zu halten hat, würde man laut „Widerspruch“ rufen. So aber hört man sich bekannte Plattitüden über Alter, Schuhe und Männer an: Nur unabweisbar existente Aspekte unseres Daseins, in minimaler Aufbereitung soll das schon ein Witz sein. Tut mir leid: das ist eindeutig viel zu wenig und nicht komisch.

Irgendwo ist immer ein Lesebühnen-Verschnitt dabei: Ein Großstädter der liebevoll auf Absurd getrimmte Geschichten schreibt und als Vorbild ‚Horst Evers‘ angeben würde, wenn dadurch nicht seine Unterbietung noch augenfälliger würde. So liest er dann Texte, in welchen ein plakativer Kontrast im Zentrum steht, um den herum sich die ganze Eimerkette seines immanenten Altbau-Bewohnenden und in den 90ern mal Geisteswissenschaften studiert habenden Infantil-Humors entfaltet: sein Humor ist als ein Generationenphänomen nicht unbedingt einer der interessantesten Generationen verhaftet. Bauarbeiter, Fahrradfahrer, Ökomütter kommen darin vor: Kiezbewohner, die als Prototyp menschlichen Daseins ausgegeben werden um dann als exemplarische Unmöglichkeiten vorgeführt zu werden, so dass aus dem schusseligen Erzähler doch noch so eine Art Held der wichtigen Töne wird: einer der uns auf den kleingeistigen Boden unspannender Tatsachen herunterfaselt und uns suggerieren soll, so ‚sei das Leben halt‘: Die besten Geschichten über das Leben würden uns von denen erzählt werden, die damit eigentlich nicht klar kommen, denen auch ihre Beziehungen ‚einfach so passieren‘, und deren Jobs wie komische Unfälle mit Sexspielzeug wirken.

Nichts ist an diesem Comedy-Contest so abgestanden gewesen wie die Leute, die dort auf die Bretter vorgelassen wurden und nichts ist größer als die Repräsentativität des Querschnitts den sie in dieser Zusammenstellung abgeben für die Bereiche der Kleinkunstlandschaft, die zurecht abseits stehen. Der Contest fördert so keine neuen Talente hervor, sondern immer neue Abgüsse medial bereits erprobter Vorlagen, wobei bei diesem Kopiervorgang aus Gründen fehlender Komik-Konzepte jedesmal ganze Dimensionen verloren gehen.

Jede größere Lesebühne hatte mal einen, der Wertschätzung für Heinz Erhardt dergestalt missverstehen musste, dass er mühsamst fade Imitationen zu Papier würgte.

Auch war beim Mai-Contest nichts Besonderes daran, dass das Modell des herausragend Bekloppten für integrierbar gehalten werden muss, sich letztlich der Geschmack der Ausschlag gebenden Menge aber eher nicht an das Schrullige hält. So erfüllte der einen Idioten spielende Allerwelts-Ältere mit einer Biographie gebrochener Erwerbsansätze die Rolle desjenigen, der um des Freak-Charakters willen zwar mitspielen darf, aber nur deshalb weil die Freaks vor dem Fernseher, die gerne über Freaks lachen, nicht wirklich ‚spielen‘ können, dass sie sich durchweg für die Normalen halten: nee die meinen das ernst. Zuviel Spiegel vor dem Bewusstsein das erträgt doch keiner. Der bewusst Defizitäre, der der Menge das Auslachen leicht machte, konnte mit dem Anstrich des parasitären Landstreichers mal endlich den Glamourfaktor von der Bühne verbannen, überrascht durch einen Koffer voller planungsaufwändiger Mechanik aber nur dahingehend, dass es die Rolle des Idiotischen zu Fall brachte: Der will uns verarschen, der hat das alles geplant, bis hier hin und nicht weiter funktioniert das.

Das war der neulich abends im Fernsehen gebrachte NDR-Comedy-Contest vom Mai 2012. Von allem ein bisschen aber nix wirklich.

Selten so wenig gelacht.

Verlorene Zeit.

Zuschauerbrief zum Ende des Philosophischen Quartetts und Ersetzung durch ein Format mit Richard David Precht

 

Sehr geehrte Damen und Herren vom ZDF,

 

Ich hatte die Programmredaktion des ZDF für klüger gehalten, oder sagen wir besser: ich hatte sie für weniger durchschaubar gehalten, nun gut: vielleicht bin ich zu naiv. Aber als ich kürzlich las, dass das Philosophische Quartett aufgegeben wird, wurde mir sofort komisch im Bauch. Erinnert sich denn beim ZDF niemand mehr, welchen Bärendienst Sie einer substantiellen Auseinandersetzung mit Literatur erwiesen haben, als sie nach dem Ende des Literarischen Quartetts ein Surrogat namens Elke Heidenreich hinsetzten, die, als sie endlich ihren eigenen Flow gefunden hatte, auch schon wieder abgesägt wurde, weil sie Reich-Ranitzkys vernichtendem Urteil über die (verflachende) Unterhaltungsindustrie zur Seite sprang. Abgelöst durch das farblose in einer Kulisse aus Buch-Attrappen sitzende Mangold/Fried-Gespann, das erstaunlich schnell niemand mehr sehen wollte. Bis auf letztere waren das noch ‚Instanzen‘ im Fernsehen. Heute machen Sie keine Instanzen mehr. Stattdessen winken Sie einen Vorbeter der Lifestyle-Philosopheme in die erste Reihe durch, um die kommunikative Reichweite seiner Abreißkalender-Sentenzen auszudehnen. Nach dem Motto: Jetzt haben wir ihn genug in Talkshows ausprobiert und die Leute frenetisch klatschen hören, jetzt ist der Precht uns ein Format wert (und dann kommen meist programmleiterisch-diplomatische Autosuggestionen wie: „[D]er es schafft, so etwas […] Anspruchsvolles wie Philosophie mit anschaulichen Worten […] und Unterhaltungswert zu…“: niemand schafft das. Es gibt Philosophien, die sperren sich geradezu gegen Anschaulichkeit. Soll so etwas denn auf ewig keinen Platz mehr in einem der wichtigsten Medien haben? Alexander Kluge macht Sperriges sogar bei RTL und VOX zum Programm, wo es einen wirklich wundert. Wenn das ZDF so weiter macht, hat selbst der späte Abend im Privatfernsehen bald mehr Format.) Rüdiger Safranski genießt (von der Innenansicht einer Deutschen Universität aus gesehen, Stand Mai 2012) unter Germanisten eine unglaubliche wissenschaftliche ‚street-credibility‘, über Sloterdijk braucht ja kaum mehr lobende Worte zu verlieren, als einem der weltweit meistrezipierten Philosophen jüngerer Generation war es ein Glücksgriff, dass er die Vermittlung nicht nur vom Katheder aus betreiben möchte, so sperrig dann eine Figur wie er auch daherkam. Ich wüsste nicht, ob Eva Illouz in Israel ein solches Format moderieren würde, oder Eco in Italien, oder ein Noam Chomsky in den USA. Was glauben Sie, welche Zuschauerschichten sich von Precht als Gallionsfigur hinter dem Nachtspeicherofen hervorlocken lassen werden? Die akademische Zielgruppe? Bestimmt nicht, die wird einmal mehr programmatisch heimatlos gemacht (infolgedessen geht sie in die mediale Diaspora). Die nicht-akademische aber philosophie-interessierte Zielgruppe? Wer bitte schön soll das denn sein? Häkelnde Sekretärinnen? Die greifen eher zur Lebenshilfe oder Esoterik oder gucken zu der Zeit mal original gar kein Fernsehen, zumindest nicht das ZDF. Oder Oberstudienräte i.R.? Die interessiert doch eine andere Meinung nur marginal. Ich gestehe: Precht hat schon einen esoterischen Duktus drauf, bei dem sich mir allerdings die Frage aufdrängt: Wenn die Leute das für Philosophie halten, wann bitte ist die Abwertung dieser so ehrbaren Geisteswissenschaft zur Krücke für missliche Lebenslagen geschehen? Warum darf Philosophie nicht mehr anstrengend sein sondern muss unterhaltsam und tröstlich wirken? Dann doch lieber gleich auf so ein Format verzichten. Durch Precht soll etwas von der Eigentlichkeit zurückgeholt werden, die es gegen die eingefahrene Verlautbarungsrhetorik der politischen Talkshows zu profilieren gilt. Aber so wie es schon bei den „Vorlesern“ zu beobachten war, wird auch Prechts Format so durchgestylt und perfekt getaktet, dass darin absolut keine Unmittelbarkeit mehr zu finden sein wird, stattdessen werden einem dann wahrscheinlich monatlich ein paar abgegriffene Schwiegermutterweisheiten in etwas elaborierterem Stil hingeworfen, der Moderator dreht sich bestimmend in den Fokus von Kamera 2, liest gekonnt die Pointe zur vorhergegangenen MAZ vom Teleprompter und der Zuschauer sieht mit starrem Blick hin und fragt sich, womit der Precht wohl seine Haare pflegt und wo er sein Selbstbewusstsein und seine Jovialität hernimmt. Kann man das dem Zuschauer nicht ersparen?

Ich halte nicht viel davon …

Ich halte nicht viel von dieser Sorte Poetry, die Lebensgefühl substituiert, so als ginge es darum, das gesprochene oder gelesene Wort müsste der ‚Soundtrack‘ zu meinem Leben sein: Warum Musik nicht selbst diese Arbeit tun lassen, warum so verzweifelt Texte mit intensivierter Eindringlichkeit um ihrer Soundtrackhaftigkeit willen loben? Lobt sich da eine Generation für den Verlust der Sprache und die Dominanz des Musikalischen im Text? Ich halte nicht viel von Rhythmus im Text in Absicht der popkulturellen Doppelung musikalischen Lebensgefühls, ich halte nicht viel davon, dass man zu jeder Zeit die Stöpsel des IPods in den Ohren hat und sich somit vom Sozialen Echo auf die eigene Erscheinung abschirmt nur um dann hinterher Text dargeboten bekommen zu wollen, der als Soundtrack und sinnliches Echo auf die Stil- und Haltungserfordernisse der „Generation“ hochgejubelt werden muss: Als ob wir ohrverstöpselte Generation überhaupt noch fähig wären, uns von dem Soundtrack von Außen etwas sagen zu lassen: haben wir nicht bereits das Gegenteil dieser Ansprechbarkeit für unsere neue Qualität ausgegeben: Wir halten fest am eigenen, auch wenn wir damit scheitern…?

Ich halte von Slam-Poetry genau dann nichts wenn sie wichtigtuerisch Nischen-Künstler und Songwriter aneinanderreiht um in vagen Hinweisen etwas auf die Exklusivität und Urbanität ihrer Stilsphäre kommen zu lassen. Ich will nicht all diese unbekannten Namen von Bands für Literatur halten müssen. Nichts daran ist originär.  Ich halte genau von solcher Spokenword-Performance nichts, die die Sekundärtugend der Befriedigung des Tagesgeschmackes des Ohrs für den Inhalt weltoffener Fratzen hält, die aber, wenns zu Taten kommen sollte, doch die Begrenztheit des Lebensumkreises einer wirklichen Weltoffenheit vorziehen: sodass als Offenheitsrudiment nur die Flexibilität gegenüber jedem beliebig neuen Trend bleibt, solange man ihm von zu Haus aus fröhnen kann.

Ich möchte kein Stakkato von Modernismen, Urbanitätssplittern und Trendvokabeln zur Darbietung der Eigentlichkeit auf Bühnen vorgeführt bekommen, ich halte nicht viel von Literatur, die sich am besten gelobt fühlt wenn sie sich „lesen lasse wie ein Soundtrack“ der Generation: Hat sich neben die technik-vermittelte Taubheit und akkustische Isolation auch noch der latente Rassismus der behaupteten Generationengleichgeschaltetheit geblendet, so bleibt nichts mehr über, das man zur Ehrenrettung des gesprochenen Wortes anführen könnte, das in dieser Trendnische damit reüssieren will, dass nur es allein sich am Puls der Zeit wähnt. Pluralität ist dort tendenziell kein Wert mehr, weil mit Aktualität auch Exklusivität gemeint sein soll. Ich halte nicht viel von so einer Form von Literatur. Ich halte nichts von Literatur, die meinen muss, ein Alter zu repräsentieren.

Claus Peymann für Abschaffung des Berliner Theatertreffens

Claus Peymann hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die Abschaffung des Berliner Theater-Treffens gefordert. Dafür genießt er meine vollste Hochachtung. Der billigste Vorwurf an die zeitgenössische Theaterkultur ist wohl der der Selbstreferentialität, billig weil alle Systeme sich durch Selbstreferenz schaffen und erhalten. Daher nichts Weiteres dazu. Das Post-dramatische Theater kultiviert die in einfachem Duktus verlautbarende Spannungslosigkeit, die ein großes Problem mit dem Großen hat: das Schöne ist durch die Konjunktur des Hässlichen im 20. Jahrhundert unabwendbar desavouiert (sagen die unverbesserlich-humorlosen Objekt-Ästheten in den deutschen Intendanzen), das Erhabene im Laufe der Proletarisierung der Darstellungskonventionen als unzuträglich für kognitiv schnell zur Überforderung neigenden Laufkundschaft moderner Event-Stadttheater befunden worden. Mindestens seit Helene Weigels stummem Schrei gilt die (deutsche) Unfähigkeit eines echten Ausdrucks für erhabenes Leid als bester Ausdruck (allerdings für etwas anderes als das fingierte Leid): das Drama hat im 20. Jahrhundert seine Stimme verloren und wenn es nun auch noch post-dramatisch ist, ist das als zeitgemäßes Ausfallangebot ausgegebene selbst der von künstlerischer Ahnungslosigkeit erzählende Totalausfall: Kreativitätsverweigerung als Programm. Das Zur-Seite-Sprechen wird im Post-Drama zum abendfüllenden Gegen-die-Wand-Reden: Die fröhliche Gründerzeitemphase des Postdramatischen schwingt sich auf, weil es neuerdings gilt, Wände zu unterhalten, nicht aber noch Menschen. (Ging man nach einem gefüllten Abend früher allerdings satt nach Hause, so schaltet man heute zu Hause dann spät noch mal den Fernseher an: Früher hätte man die schönen Eindrücke damit überlagert, heute gibt es nix mehr zum Überlagern.) Land auf Land ab kopieren kleine Landestheater und Stadtbühnen einen klinisch-sauberen, dokumentarischen Zur-Schau-Stellungs-Gestus mit rosa Cowboy-Hüten, Kinder-Statisten in Engelskostümen, Hand-Kameras mit Beamern, Plexiglas-Wände an die geschrieben/gegen die uriniert wird: nackte Bühnen mit nackten Staatsschauspielern der Generation 50+  mit nackten Texten, die ihre Bedeutungs-Barbusigkeit mit Auszeichnung tragen. Es gibt ihn tatsächlich: den Gegenstand, der in dem Kultur-Infarkt-Buch (http://www.amazon.de/Der-Kulturinfarkt-Kulturpolitik-Kulturstaat-Kultursubvention/dp/3813504859) skizziert wurde, und er ist kritikwürdig. Die bejubelte Pluralität gilt es demgemäß als geistige Engführung sichtbar zu machen,  und als das Durchschleusen verschaukelter Zuschauermassen durch die gigantisch sich hinziehende Talsohle der Spannungsarmut, die uns der Alltag allerdings authentischer bietet. Die Förderung des Immergleichen ließ arrivierte Häuser solange auf dem eingefahrenen persistieren, dass nun das Gegenteil des Dramatischen aus der Innenansicht deutscher Theaterkultur schon wie ein erlösendes Neues erscheinen kann. Wann tun wir dieser Kultur einen Gefallen und erlösen sie von ihrer Langeweile? Die Zukunft kann ein echt-plurales Plebiszit sein: Was schon in den wirklichen Nischen passiert, in den Off-Theatern, den Lese-Bühnen, beim Impro-Theater, den ganzen Slams (ob Science, Poetry oder SingerSongwriter). Letztenendes ist es doch diese wünschenswert unübersichtliche Szene, die uns aufmerken lässt: Langweilen lassen muss man sich nur noch dort, wo man viel bezahlt und der Laden trotzdem noch subventioniert werden muss. Der Funktion einer gesellschaftlichen Messstands-Anzeige hat sich das Theater und das Theater-Treffen lange entledigt. Es gibt kein allzeitliches Monopol der staatlichen Theater auf eine überzeugende Verkörperung und Institutionalisierung von ästhetischer Erziehungskompetenz. Je länger unveränderliche Theater sich mit Blick darauf aber für unverzichtbar halten, laufen sie Gefahr, dass die bald einzige gesellschaftliche Anschlussverwendung die Nachnutzung ihrer Gebäude sein wird (vielleicht als neue Aldi-Filiale; warum auch nicht, die Leute gehen immerhin gerne zu Aldi.)

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1749443/

Ob Frau Schavan nun abgeschrieben hat oder nicht …

scheint mir mittlerweile die sich durch die Vorgänge am wenigsten aufdrängende Frage zu sein. Wenn man sich die angeführten Stellen auf www.schavanplag.wordpress.com ansieht und vergleicht, muss man feststellen, dass die Unsauberkeiten mit der Lupe gesucht werden müssen – zwar sind sie dann auch findbar – aber kann sich mal einer die Frage stellen, was dort gefunden worden ist und ob das die Leistung von Frau Schavan diskreditiert?

Zum Beispiel das sogenannte Bauernopfer, d.i. wenn ein Autor einen kleinen Teil als aus einer Quelle übernommen angibt, in Wirklichkeit aber mehr übernommen hat, soll heißen: ein kleiner Teil wird als ’nicht-eigene-Leistung‘ markiert um im Windschatten dieses Nachweises den Verdacht davon abzulenken, dass Art und Umfang der wirklich übernommenen Passagen drumherum damit nicht ausreichend bezeichnet sein könnten. Solche Stellen als Bauernopfer zu bezeichnen, unterstellt gleichzeitig die Täuschungsabsicht.

Wie sieht es nun bei den als Bauernopfer bezeichneten Stellen in der Diss. von der Frau BM Schavan aus? Meistenteils scheinen es moderierende Abschnitte vor, zwischen oder nach Zitaten aus der gleichen Quelle zu sein, was als Arbeitstechnik nach meinen Erkenntnissen recht üblich ist (wenngleich natürlich unsauber), nach dem Motto: Wenn ohnehin klar ist, dass ich gerade aus einer Quelle referiere, wird man mir die moderierenden Zwischensätze, die sinngemäß aus der selben Quelle stammen, schon als nicht-eigene anrechnen, also: Wo ist das Problem? Das Problem ist, dass eine Doktorarbeit der höchste Nachweis rein-eigenen wissenschaftlichen Denkens sein muss und wir erwarten von Gelehrten (doctus) immer noch Genialität bis ins Komma hinein, eine quasi-engelhafte Neuartigkeit (-kein Wunder also, dass seit einiger Zeit so viele reale Menschen über das hohe Anspruchsmaß stolpern?-). Ich vermute, dass ein erheblicher Prozentsatz von Dissertationen in den Sozial-/Geistes-/Rechts- und Kulturwisschenschaften erfolgreich auf Formen von quasi-Bauernopfern abklopfbar sind. Was aber wäre damit gewonnen?

Sicher: es gibt in Deutschland kein Menschenrecht auf eine Promotion. Wer sich in die Reihe der Fortschreiber dieser abendländischen Wissenstradition des Gelehrtentums einreihen will, beginnt eigentlich mit der Anmaßung: So hohe Maßstäbe kollidieren regelmäßig mit dem menschlichen Anteil an Imperfektibilität, der sich in allem bemerkbar macht, das Resultat menschlicher Tätigkeit ist. Gut, ich polemisiere. Anderswo klappt das mit dem Promovieren ja reibungslos – obwohl ‚reibungslos‘ als Vokabel auch immer nur so lange taugt, bis sich ein Kollektiv von Erbsenzählern mal gezielt das ein oder andere Konvolut zur Brust nimmt und dann – tadah – erwartbarerweise ‚Bauernopfer‘ dauerdiagnostiziert.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn die Vorwürfe gerechtfertigt sind, ist das absolut beschämend für Frau Schavan, zumal sie damals, wenn auch zu recht, mit ihrer Beschämung angesichts des Guttenberg-Falles nicht hinterm Berg gehalten hatte.

Aber: Selbst wenn nichts weiter folgt, sollte der Fall uns zumindest die Frage aufwerfen, ob wir menschlichen Gehirnen wirklich zutrauen sollten, auf über 300 Seiten bis ins Detail hinein genuin originär zu sein, oder ob wir, gerade weil die Einreihung einer Forschungsarbeit in einen hypoleptischen Diskurs ständige Bezugnahmen und Anknüpfungen verlangt, nicht auch in einer ganz basalen Hinsicht mit nicht-explizit ausgewiesenen Sinnaufgriffen rechnen müssen.

Verstehen Sie mich nicht erneut falsch: Das ist kein Aufruf zur Rechtfertigung des Plagiats, sondern ein Appell an die Plagiatsjäger, den Menschen, gerade den Gelehrten, nicht zu überschätzen, und die Entthronung des ‚überhobenen Geistwesens‘ (des Gelehrten) nicht zur modernen Schockbotschaft aufzuladen, die Wissenschaft zukünftig unmöglich sein ließe. Ein bisschen mehr Gelassenheit. Und vielleicht ein bisschen ein gesünderes Verhältnis zu Titeln: da sind wir nämlich von der Tradition auch so beladen, dass das bei uns immer noch überdurchschnittlich oft als Lieferant für sozialen Status und Prestige gebraucht wird – was auch kognitiv Ungeeignete zum Promovieren motiviert. (Dies ist bei Frau Schavan sicher nicht der Fall, da ist die Diss. nicht im Guttenbergschen Sinne der Rettungsanker gewesen (weil der mit seiner 1. Staatsexamens-Note schwer was hätte werden können)).

Außerdem: Frau Schavan hat politisch schon etwas geleistet. Wenn Merkel sie über die Klinge gehen lässt, dann nicht, weil an Schavans Bildungspolitik und ihrem Plan massiverer Bundesinvestitionen in Forschungseinrichtungen etwas falsch wäre. Mit Schavan wäre – so sehr sie durch eine Aberkennung beschädigt wäre – nicht gerade eine der schlechtesten Figuren aus dem Merkelkabinett dem machtpolitischen Kalkül eines Wahljahres zum Opfer gefallen. Köpfe machen Politik, nicht Parteien. Schavan war für den Wahlkampf so gut wie gesetzt. Schavans Abgang würde die Wählbarkeit der Union in bildungspolitischer Hinsicht mindern.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wissenschaftliche Methodik ist ein hohes Gut. Wir müssen es besser machen.