Das Problem des Präsidenten …

… ist doch schon lange nicht mehr inhaltlicher Natur in Bezug auf das, was ihm vielleicht an Verstößen gegen das Ministergesetz in seiner Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen passiert sei, wenn es denn auf juristisch haltbare Weise als Verstoß bezeichnet werden kann, das Problem sind auch nicht mangelhafte Bonus-Meilen-Kalkulationen, die jetzt neuerdings immer öfter genannt werden, denn wenn man bei diesen Meilen als Vielflieger im Dienste des Staates ohnehin nicht exakt kalkulieren kann, erübrigt sich jeder Skandalisierungsversuch. Das Problem ist auch nicht inhaltlicher Natur in Bezug auf die Kreditkonditionen und der Frage, ob das ein Kredit vom selben Zuschnitt wie für einen Otto-Normal-Sterblichen war – was sich eh durch die Summe erübrigt (kaum einer, der gerne laut von sich als dem ‚Kleinen Mann auf der Straße‘ spricht, hat auch nur den Bedarf nach so einer Leihsumme) – oder ob das eine unübliche Kreditzusammensetzung aus Wertpapieren und sonstigem war: da erübrigt sich der Aufschrei, weil Otto-Normal-Kreditnehmer auf Nummer sicher gehen muss, wenn er über seinen prospektierten Finanzrahmen hinaus Geld leiht um seinen Verhältnissen ungemäß sich zu verausgaben. Es liegt an nichts von all dem.

Es liegt an der Schwäche dieses Staatsamtes, die bis heute noch eine geschichtliche Referenz auf das Deutschland bis 1945 ist. Es liegt in der fast auf reine Repräsentation abhebenden Intention  dieses höchsten Staatsamtes, was seine Schwäche vom Machtaspekt her manifestiert, und um der Rechtfertigung willen – trotzdem als das höchste zu gelten –  andere Tugenden erforderlich macht: Tugenden nicht-politischer Natur, Tugenden von nicht-politischer Dienstbarkeit. Daher liegt es nicht an Inhalten eventueller Verfehlungen, sondern an der methodischen Unterbietung der einzig dieses schwache Amt rettenden Tugenden: Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit, Sprachmacht und Souveränität in der Themensetzung. Unser Präsident war schlecht beraten, als er die Möglichkeit zu all diesem vor laufenden Kameras und mindestens 11 Millionen Zuschauern nur zum Schein für sich reklamiert hatte, wenige Tage später wurde dieser Anflug von Idealismus medial als massive Unterbietung entlarvt.

Das Hick-Hack offenbart damit aber nicht etwa erstmalig oder erneut, dass dieses schwache Amt abgeschafft gehört, sondern es offenbart einmal mehr, wie wichtig und zentral die Persönlichkeit – nicht nur als Amtsperson sondern als Privatperson – für die Ausfüllung dieses Amtes ist. Der oberste Bürger im Staate soll in erster Linie glaubwürdige Amtsperson sein, hat aber als Amtsmittel so wenige zur Verfügung, dass sich unablässig die private Lebensführung als Qualitativer Leistungsmesser der Amtsausübung dazwischen schiebt, in einer Mediendemokratie steigert sich das Tempo dieser Überlagerung.

Ist dieses Amt also eine Zumutung? Ja, wahrscheinlich ja. Wir fordern immerhin nichts weniger als einen Halbgott in Nadelstreifen, wohlgemerkt ist von der recht geringen Machtperspektive jede präsidiale Amtsinauguration vergleichbar mit einer Kastration. Nur ist damit nicht gesagt, dass prinzipiell kein Mensch dafür in Frage kommen kann. In Frage kommt wahrscheinlich dafür nur ein leidensfähiger Intellektueller, der stilsicher bleiben kann selbst wenn wir die von ihm erwartete Halbgotthaftigkeit mit seiner machtperspektivischen Kastration verbinden, und ihm diese Machtlosigkeit nötigenfalls bei jeder kleinsten Verfehlung unter die Nase reiben.

Stilsicherheit ist wichtig. Stilunsicherheit ist keine Frage rein inhaltlicher Verfehlungen sondern die Frage nach der Methode im Umgang mit ihnen: die Salami-Taktik ist keine Sicherheit, sondern Getriebensein von dem, was andere schon herausgefunden haben, und zugegeben wird dort nur noch das eh nicht mehr zu leugnende, aber ganz bestimmt nicht nach eigener Regie. Der sich treiben lassende Scheibchen-Taktiker arbeitet formal-methodisch an seiner Schwächung, die ihm das Amt strukturell in Machtfragen schon vorgab. Wer so verfährt, muss für das Amt unhaltbar werden, bevor die Unhaltbarkeit des Amtes evident wird. Zumindest die Verfassung – unter Hinzurechnung einiger unausgesprochener Erwartungen, die als Erwartungshorizont ins Private zielen müssen eben weil die Amtsperspektive eine so schwache ist – scheint dies zu implizieren.

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