Bald kommt das neue Semester

Und ich möchte daher hier einen Ausschnitt aus meinem Roman, an dem ich derzeit arbeite (Stand aktuell: 160 Seiten fertig), zur Verfügung stellen, in welchem sich der Protagonist mit diesem Thema gedanklich auseinander setzt: also mit Erstis an einer im Roman namenlosen Universität. Behelfsbelehrung: Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Universitäten sind rein zufällig.

„Am schlimmsten an den Erstsemesterstudenten, die, genauso turnusmäßig wie das Laub Anfang Oktober gelb wurde, in eben diesem herrlich herbstlichen Zeitfenster von Ende September an die Stadt und sämtliche universitären Einrichtungen mit ihrer fragenreichen Orientierungslosigkeit überfielen wie ein Schwarm netter, aufgeschlossener und aufgrund der strukturellen Probleme galgenhumoriger aber entschlossener Heuschrecken, war eben dies, was ihr Charakter zu sein schien. Viele glaubten, die Universität, in der sie zumindest körperlich nun schon mal anwesend waren, verteile Freiheit und adulte Gewissheit mit dem ganz großen Löffel. Für viele würde die Ankunft daher Scheitern bedeuten, und der ohnehin schon vor der universitären Laufbahn erwachsene Anteil an ihnen würde ohne Probleme sich einfinden, und später das Gefühl gewinnen, dass es ihnen leichter fiel als anderen, denen es durch das System künstlich schwer gemacht wurde, und daher etwas zurückgeben zu müssen in Form eines Engagements in den demokratisch gewählten studentischen Gremien, in den Fachschaftsräten, in der Fachschaftsrätekonferenz, in der studentischen
Lehramtskonferenz, im Studierendenparlament, im allgemeinen Studierendenausschuss oder sonstwo. Das schlimmste an den sogenannten Erstis war diese kompromisslose Bereitschaft, sich notfalls gegen alle erdenkbaren Verluste den Raum „Universität“ zu erobern, notfalls die Universität als Verunmöglichungsstruktur ihres eigenen Auftrags mit den ihr eigenen Mitteln zu schlagen und sie ihrer Schmach zu vergewissern, daran ganz allein schuld zu sein. Erstis hatten dieses teuflische Augenzwinkern, das ich sehr genau zu lesen verstand. Weil ich aber fürchtete, da ich mich mit der
Institution gemein gemacht hatte, dass das an meine eigene Substanz gehen könnte, deswegen war ich nicht gut auf Erstis zu sprechen. Ich mied sie wie der Teufel das Weihwasser. Wenn eine Gruppe von Erstis einen mit ersti-bezüglichen Informationen gepflasterten Raum der Uni betrat und in aller aufgeregten Ausführlichkeit über schmerzlich peinliche Selbstverständlichkeiten fabulierte, und jeder dem anderen immer noch etwas mehr mitzuteilen haben wollte, musste ich den Raum verlassen. Das ging nicht an, dass man die da so tun ließ, als seien sie alte Hasen. Warum ging das nicht? Ganz klar. Nicht, weil dieses Gehabe des Bescheidwissens per se doof war, sondern weil ich mir vorstellte, genauso bescheuert gewesen zu sein. Und ob ich nun so war oder nicht, meine schmerzhaft peinliche Erstihaftigkeit wird sich vor ein paar Jahren für einen älteren Studenten von meinem Schlage, der es genauso ungenau nahm wie ich gerade, genauso dargestellt haben. Natürlich müsste ich diesem fiktiven Studenten unterstellen, Unrecht mit seiner Unterstellung gehabt zu haben, was er aber nicht hatte. Lieber nicht zu weit gehen mit den Spekulationen. Die neuen Erstis sind doof, ja sozusagen so flach wie Erstis es kaum waren. Noch nie war es so schlimm wie diesmal, oder jedesmal oder so. Fragezeichen. Und dieses „noch nie“ erlebt sich jedes Jahr wie neu für immer jemand anderen von meinem Schlage, der es vorzieht, es bei anderen immer genauer zu nehmen als je bei sich selbst.“

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