Kleine Analyse des Papstbesuches – Thesen zu Glaubensgewissheiten

Ich wünsche mir mehr Kritik und weniger Affirmation. Wenn ganz Deutschland einem Papstbesuch zuschaut und jubelt und die Aussagekraft dieser phänomenalen Erscheinung auch noch daraus bestärkt wird, dass sogar Menschen sich dafür begeistern, die mit Religion sonst nichts am Hut haben, dann soll das für die besondere Milde von Benedikt XVI. sprechen, nur: die Menschen haben keine Wahl. Die Asymmetrie ist ja gerade die, dass man sich zu diesem Phänomen verhalten soll, dass dieses Phänomen aber keineswegs sich zu den realen Menschen neigt oder verhält: Nein, ein Papst verändert sich nicht, ja der Papst entlarvte all die naiven Hoffnungen, es könnte sich bei ihm noch um einen Menschen handeln, der nicht einfach nur Verständigung predigt, sondern wirklich zuhören kann, so zuhören, dass es auch ihn verändert. Eine Initiative aus Österreich hat es ans Licht befördert: Viele Priester praktizieren in ihren Gemeinden vor Ort einen Glauben, der zwar nah an den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit ist, aber eben genau aus diesem Grund die erhabene Höhe der Vatikanischen Lehre unterbieten muss, sie geben Geschiedenen die Kommunion, sie schließen auch Protestanten nicht aus, all das ist eigentlich Teufelszeug. Und dann die Rede Benedikts vor dem Bundestag, in der vieles von dem, weshalb der katholischen Kirche die Anhänger scharenweise davon laufen, nicht vorkam. Und dann redet der Papst da so vermeintlich philosophisch daher, da poltert er gegen das Positivistische Weltbild der modernen Naturwissenschaften, und dass obwohl er wissen müsste, dass die Wissenschaftsphilosophie schon lange eine anti-positivistische Wende eingeleitet hat, nicht zuletzt mit dem Heidelberger Philosophen Gadamer, spätestens mit sozialkonstruktivistischen Strömungen, aber gegen die poltert Benedikt ja auch, weil die seien ja Türöffner zum Relativismus und nichts ist schlimmer als Relativismus: was einem Mann, der in Glaubenswahrheiten gefangen ist, wie Beliebigkeit vorkommt, ist dem Begriff nach aber nichts anderes als Relativität, also die Verhältnismäßigkeit der Erkenntnis zu ihrem kategorialen Bezugssystem, innerhalb dieser Erkenntnissystem-inhärenten Strukturen ist man aber alles andere als völlig frei in der Wahl dessen, wie man eine Relation der Erkenntnis zum eigenen Bezugssystem herstellt, das ja immer eine irreduzible Grundlage meint, auch Benedikt ist als Katholik nicht frei in der Wahl, wie er die Welt deutet. Relativismus ist nicht Grundlagenlosigkeit und Beliebigkeit. Was der Papst in einer Gesamtschau auf die Pluralität der verschiedenen Denkstile für eine Aufweichung der Wahrheit hält und daher als Beliebigkeit akzentuiert, verkennt, dass innerhalb dieser Wahrheitsfindungsstrukturen alles andere als Beliebigkeit sondern harter Denkzwang herrscht, nicht weniger hart als in der Kirche. Aber Benedikt will ja einfach nur alle Modelle diskreditieren. Genauso wie den Individualismus. Aber mein Gott: Wie kann es ein Erkennen geben, wenn ich mich nicht mindestens selbst autonom aber als Angehöriger einer Sozialität darauf hin befrage, wie unter diesen und jenen Ausgangslagen die Chancen stehen, sich positiv auf eine Erkenntnismöglichkeit auszurichten? Ist nicht der Glaube in einem freien Verständnis ein höchst individualistisches Frage- und Antwortspiel zwischen dem Selbst, der Tradition und dem respektablen Bedürfnis nach Spiritualität und Transzendenz? Benedikt aber möchte ja gar nicht die Freiheit der individuellen Selbstbefragung im Glauben, er perspektiviert ‚echten‘ Glauben als etwas von höchster Unfreiheit kündendes. Zwar ist auch ‚echter‘ ‚Nichtglaube‘ nicht weniger Unfrei, aber aus dieser jeweiligen Bezugsgemäßheit des je eigenen Tuns folgt nicht Relativität sondern die Gleichmöglichkeit differenter Haltungen, und das zu dulden hieße: Toleranz, über die der Papst wohl oder übel nicht verfügt.  Das Problem, dass viele Kommentatoren der Rede sahen, war, dass Benedikt niemals die Begriffe, die er verwendet, erklärt. Er hält sie seinen qua pontifikaler Würde hypnotisierten Auditorien als Embleme vor, und weiß, dass ihre heuristische Schwammigkeit gutmütig als die ganz große Weisheit ausgelegt werden muss, weil die Auditorien es nicht besser wissen können. Und so watsch er das Fundament des 20. Jahrhunderts ab, erst kriegt der harte Positivismus eins drüber und samt ihm auch seine intellektuelle Redlichkeit, dass eben der Wissenschaftler als emotionales Subjekt sich raus halten muss aus dem, was er klar sehen will, wenn er denn klar sehen will und selbstkritisch auch noch die Kriterien mitliefern muss unter welchen seine Behauptungen unwahr werden und er als Wissenschaftler demontiert, – fragen Sie sich mal wann Benedikt in seinen Reden je die Kriterien mitgeliefert hätte, unter welchen seine Behauptungen unwahr werden könnten, fragen Sie sich mal, warum man Menschen hofieren sollte, die mit begrifflich ungedeckten Checks einkaufen gehen – und Benedikt watsch soziologische Erkenntnistheorien ab, da in ihnen der Mensch zu viel an der Erschaffung einer Idee vom Ganzen pfuscht, wofür aber niemand außer Gott urheberschaftlich verantwortlich sein soll, und er watscht den Individualismus ab und die erst aus ihm sich ergebende Möglichkeit zu Bildung und vielleicht auch zu autonom praktizierter Religiösität: Im Ergebnis heißt das: Nichts kommt Benedikt schlimmer vor als Menschen, die klar auf harten Fakten sehen wollen, auch auf den Fakt, dass sie selbst ihr Bild von der Welt schaffen und sich frei zu einem Lebensmuster entscheiden können, weil sie die Wahl haben: nur bloß keine durch Intellektualität erzeugte Unabhängigkeit vom heteronomem Dogma der Amtskirche, vor nichts hätte Benedikt mehr Angst.

Und dann poltert er dagegen, dass die Menschen ihre eigene ‚Natur‘ nicht genügend respektieren und dass es genau wie bei der Umwelt darauf ankomme, den natürlichen Bedürfnissen natürlicher Erscheinungen genügend Gehör zu schenken. Auch da Fehlanzeige was eine Präzisierung der Begriffe betrifft – sie funktionieren bei Benedikt offensichtlich nur solange sie vieles mögliche aber nichts konkretes bezeichnen: eben emblematisch – Fragen Sie sich mal, wie Sie telefonisch eine Pizza bestellt kriegen, die Sie die ganze Zeit aus Unschärfegründen nur prototypisch als ‚Lebensmittel‘ zu bezeichnen vermögen, und fragen Sie sich mal, welcher Pizzalieferservice Sie darauf hin für ihre sprachliche Genauigkeit loben wird … Und der Papst, der mit dem Gerede von der menschlichen Natur meint, dass Menschen nicht eingreifen sollten zum Beispiel in ihre natürlichen Reproduktionszyklen, tut der damit nicht auch etwas, was er vorher ablehnte: eine Positivierung des Menschenbildes, eben wenn er den menschlichen Eingriff nicht auf den Begriff der Arbeit am  kulturellen Aspekt des Menschseins ausweitet sondern auf den der materiellen Manipulation an menschlicher Substanz vereinseitigt? Eine Festlegung des Menschen auf die Imperative seiner Naturseite, die im wesentlichen in seinem Fortpflanzungsmechanismus verortet wird? Denn in dem Moment, wo Benedikt dies ansprach, klatschte das Bundestagsauditorium, als er sinngemäß sagte: ‚der Mensch dürfe nicht den Menschen machen‘. Diese Aussage eindeutig zu beklatschen obwohl sie in mindestens zwei Richtungen verstehbar ist, finde ich problematisch. Erste Lesart: der Mensch darf den Menschen nicht in einer Petrischale züchten. Diese Lesart darf durchaus beklatscht werden, der Meinung bin ich ja auch. Da auf diese Lesart hin das Auditorium tatsächlich klatschte, handelte es sich bei ihm um eines, das ‚Menschen machen‘ nur in Hinsicht positivistischer Naturwissenschaft verstanden hatte weil es durch diesen Denkstil nur die positivistische Seite dieser Aussage zu hören fähig war, also eben gerade genau so denkt, wie der Papst es ablehnt. Denn die andere Lesart dieser Aussage ist die nicht beklatschenswerte: das ist die kulturelle, nicht-positivistisch-naturwissenschaftliche Aussage: ‚der Mensch darf den Menschen nicht konstruieren‘, soll heißen: ‚der Mensch darf sich nicht selber aufzeigen, was er ist, er darf sich nicht als ein durch kulturelle Arbeit durch sich und für sich selbst geschaffenes Wesen bewusst werden und braucht sich nicht autonom zu entwerfen sondern muss glauben, dass ihm seine Bedeutung erst und nur durch Gott zukommt‘. Wer im Bundestag diese Lesart rausgehört hätte, die da auch in der Aussage steckte, der Mensch dürfe nicht den Menschen machen, hätte durch das Klatschen das geistige Fundament des 20. Jahrhunderts verhöhnt: dieses Fundament ist die Einsicht in die kulturelle und soziale Konstruiertheit menschlichen Daseins in Symbolräumen der gegenseitigen sozialen Bejahung. Alles ist von Menschen gemacht, sogar Kirche. Paradox wird es dort, wo Kirche sich aus ihrer kulturellen Konstruiertheit herausnehmen will und die Menschen belehren will über ihre Unmöglichkeit zum Selbstentwerfen von Institutionen und dessen, was sie sein wollen. Diesen Aspekt hätte man nicht beklatschen dürfen. Aber es wurde doch geklatscht bei der Aussage, der Mensch dürfe nicht den Menschen machen. Also hatte Benedikt Abgeordnete vor sich, die unter ‚machen‘ was brutal materielles, was faktisches, was bloß positivistisches verstanden und auf Manipulation an Embryos vereinseitigte, ihre Denkstilzugehörigkeit ist durch diese Bereitschaft zu einem gerichteten und selektierenden Hören bereits erwiesen: er hatte eben solche Menschen vor sich, gegen deren Positivismus er polterte, und keiner hat das geschnallt, nicht einmal der Papst selber. Letztendlich hindert er die Menschen am Verlassen dieses Positivismus. Der Papst nimmt modernen, selbstbewussten Menschen alles weg, was sie haben und will die Spielregeln bestimmen, indem er ihnen ihre niedlichen aber irrigen Versuche des wissenschaftlichen Wissenwollens qua schlechter Erfolgsaussichten diskreditiert und stattdessen nur Glaubensgewissheiten austeilt, mehr hat er nicht anzubieten, mehr hat er nicht einmal den Missbrauchsopfern anzubieten, die ihren Glauben durch die Amtskirche verlieren mussten. Benedikt tut alles als Vorsteher einer Organisation, die leugnen muss, dass sie von Menschen künstlich gemacht wurde um das Bedürfnis nach Spiritualität und Struktur zu institutionalisieren und damit Verlässlichkeit in eine Sache zu bringen, die erst durch ihre Verselbständigung lernte, ihre Ursache scheinbar nicht mehr in Menschen haben zu müssen, und die erst damit einen Halt zu geben vermag, der aus dieser Welt herausreichen soll, obwohl er doch immer nur Halt geben muss für in der Welt stattfindende ziemlich platte und irdisch banale Lebensanlässe und Ereignisse im Leben realer Menschen in dieser Welt. Die helfende Hand aus dem Jenseits reicht in diese Welt hinein, in der sie aber aufgrund der nur hier akuten Problemlagen erst geschaffen wurde und Menschen nachfolgend nur noch an sie glauben wollen konnten, wenn sie deren Genese in einem den Menschen unzugänglichen Bereich verortete, denn mit der Religion musste ja in der Welt über andere Menschen geurteilt werden, etwa Straftäter. Wie urteilen Sie, wenn Sie keinen Maßstab außer einem selbstgemachten – also vermeintlich relativen – haben? (Ist das nicht ein pessimistisches Menschenbild, wenn es das Menschengemachte ablehnt aufgrund des grundsätzlichen Beliebigkeitsvorwurfs? Ist das nicht ein pessimistisches Bild, wo Menschen prinzipiell nur Beliebiges machen können und daher vom Setzen der Maßstäbe, in denen sie einander richten, ausgeschlossen werden durch Instanzierung einer Sache, die ihnen über ist?) Sie urteilen mit einem Maßstab, von dem sie nicht wissen sondern nur glauben können, dass sie ihn nicht selbst erzeugt haben – dem religiösen. Dann erst können sie meinen, dass die Tatsache, schlechtes mit Urteilen zu bestrafen, ein Weltprinzip ist, das vor den Menschen da war und durch Menschen nicht hinterfragt werden kann. Die Menschen überblicken ihren Anteil an dieser Selbstgesetzgebung nicht einmal mehr, wenn sie sich mit Paradiesvorstellungen konfrontiert sehen, die wie karikaturenhaft brutale Überhöhungen des auf der Erde Unerreichbaren aussehen und sogar ein Blinder mit Krückstock das sieht: Warum blühen Paradiesvorstellungen mit x-beliebig vielen Jungfrauen besonders in diesseitigen Kulturen, die Sexualität mit großen Restriktionen belegen? Warum gehen die Menschen dann auf Basis von Suggestionen charismatischer religiöser Führer in den Tod? Weil sie in das Überirdische projizieren, dass dort auf einmal eine sexuelle Freizügigkeit möglich wird, die auf der Erde gerade in geschlossenen Meinungssystemen auf ewig eine bloße – wenn auch geile – Vorstellung hätte bleiben müssen. Hilft uns so eine Religion leichter zu leben? Nein, sie hilft uns in vielen Fällen nur, jünger und hasserfüllter und schmerzvoller zu sterben, oder hasserfüllter gegen Andersgläubige zu poltern in einer Rhetorik, die die ganze Zeit von Liebe schwafelt. Diese Religionen gestehen uns Entlastung im Leben nur zu für Zeitpunkte an denen wir bereits tot sind und nicht mehr Reklamationen einreichen können nach dem Motto: Ich möchte mein Leben zurück weil der Tod nicht gehalten hat, was er versprach, nämlich: Ficken bis zum Umfallen, das ihr Traditionshüter virtuell in Aussicht stelltet, nachdem ihr es real versagt hattet, und so was nennt man dann Moral. Seit Jahrtausenden lassen sich in ihren realen Möglichkeiten klein gehaltene Menschen mit Virtualität abspeisen und haben gelernt, dankbar dafür zu sein. Diese kulturelle Umarbeitungsleistung aber kann in einem gigantischen Selbsttäuschungsakt immer noch für die Natur des Menschen selbst gehalten werden: Religiösität, die uns unser Leben nimmt noch bevor der wahre natürliche Zyklus unserer leiblichen Existenz das verlangt hätte. Ist Ihnen das mal aufgefallen: kaum ein Selbstmordattentäter stirbt an Altersschwäche. Kaum einer ist eine größere Fehlerquelle als der Mensch in der Betrachtung dessen, was wirklich da ist. Keiner ist weniger vorurteilsfrei wenn es darum geht, erst mal zu sehen was da ist ohne es gleich zu bewerten. Er ist der größter Übeltäter wenn es gilt, kulturelle Konstruktionen als eine Natur zu verkaufen, die ihren unerreichbaren Ursprung in einem Wesen hat, das trotzdem von Menschen auf Erden stellvertretend repräsentiert werden könne von solchen Leuten, die sich zum Dank für ihre Ahnungslosigkeit als prinzipiell unveränderlich gebärden dürfen: soviel Asymmetrie und anthropologische Differenz sei den Hütern des Erhabenen zugestanden, aber es müsste allen als ein mächtiger Grund vorschweben, über deren Erhabenheit mal grundsätzlich nachzudenken, und zwar in revolutionärer Absicht.

Die Rede vor dem Bundestag hatte auch aus diesem Grund keinen Philosophischen Wert, weil Benedikt in meinen Augen alle Versuche der Philosophie im 20. Jahrhundert, dem Menschen Würde und
Selbstbestimmungsrecht zuzugestehen, mit dem Arsch einreißt einfach weil er keine werturteilsfreie Distanz zu seinem eigenen Glauben einnehmen kann, ja sogar dazu bestimmt ist, es nicht zu dürfen. Menschen ohne Distanz zu sich, haben wahrscheinlich nicht einmal Humor. Aus Kultur aber gibt es kein Entrinnen genau wie aus durch Kulturelle Vorurteile verstellten Blickwinkeln auf die ’naturgemäßheit‘ menschlichen Daseins, und da haben esoterische Gemeinschaften ihre ganz eigene Form der Kultivierung von verstelltem Blick, das hat da Tradition, anders ist die zweitausendjährige Geschichte dieses Ideenkonstruktes nicht zu erklären. Benedikt reklamiert es für seinen Glauben, sich herausnehmen zu können. Darin liegt die Anmaßung. In der (bloß rhetorisch möglichen) Herausnahme aus dem menschlichen Konstruktionsraum, in einer Angst vor selbstbewussten Menschen, die klar auf die Welt blicken wollen so wie sie ist und dann erkennen könnten, dass es die Menschen selbst waren, die sie als Symbolkosmos geschaffen haben, und dann aus dieser Angst gegen alles poltert er: gegen Individualität stattdessen lieber blöde Herde, gegen positive Erkenntnis stattdessen lieber willenlose Vernebelung ins Unbestimmbare, gegen greifbare kulturelle Konstruiertheit stattdessen lieber unbegreifbare Gottgegebenheit, Ungreifbarkeiten, die sich bei Benedikt schon in den Begriffen wiederholen. Glaubenswahrheiten aber können das alles nicht ersetzen, gegen das sie in Emblemen poltern, sie sind kein geeignetes Ausfallangebot für echte individuelle Reflexion. Sie können die guten Gründe, die für Konstruiertheit oder Positivität stehen, nicht vom Tisch wischen, ja sie sitzen argumentativ nicht einmal am selben Tisch. Wie kann Benedikt das nur gegeneinander ausspielen, als Professor, als Gelehrter? Wie kann man nur Liebe predigen, aber den ganzen Tag Angst vor Menschen haben, die sich ihrer Wahlfreiheit bewusst werden könnten? Mir leuchten die Gründe schon ein warum einem solche Menschen ungeheuerlich sind, die auf die Entlastungsleistung geschlossener Weltbilder verzichten wollen: immerhin bringen diese modernen sinn-asketischen und schlimmstenfalls urbanen Individualisten eine spirituelle Rohheit ins Spiel, die einen, wenn man es nicht genau nimmt, ans Vorkulturelle erinnert. Aber hört nicht vielleicht der in Hinsicht religiöser Polemik Vorkulturelle heutzutage viel genauer hin auf die Fragen, was für sein Dasein naturgemäßer ist? Der urbane Individualist, der erkannt hat, dass moderne Essgewohnheiten seinen Körper zerstören und modernes Konsumverhalt den Globus, und der bewusst gegensteuert, respektiert der sich und die Natur dem Wortlaut nach nicht auf eine starke Weise, so wie es Benedikt fordert oder wie er es fordern müsste, wenn er ‚Natur‘ sagt? Nein, er meinte ja, dass das nicht ausreiche, wenn man das ohne Glauben tut, und nein, der Papst meinte das ja auch in einem viel sexuelleren Sinn, er meinte, wir sind nicht frei in der Wahl, mit wem wir Sex haben dürfen weil Gott seinen Daumen drauf hat auf der naturgemäßen Verwendung des menschlichen Körpers, die Natur hat uns mit der Passgenauigkeit von unansehnlichen Organen vorgegeben, was wie und zu welchem Zweck ineinander zu stecken sei, um Ernährung und Konsum ging es ihm ja schon gar nicht mehr.  Aber sind denn Atheisten generell ohne Struktur? Kann man nur als Katholik ein guter Mensch sein? So ähnlich sagt er es doch: Er reklamiert doch für den Glauben ein Monopol bezüglich der moralischen Orientierung in der Welt. Ist das nicht gefährlich? Ist nicht dieses Moralverständnis wie jeder andere Rassismus ein Exklusivitätskonstrukt? Ein Gesinnungsrassismus: Wer nicht so wie wir glaubt und nicht an uns glaubt, kann Moral in ihrem höchsten Sinne vergessen?

‚Die Kirche darf sich nicht verweltlichen, darf sich nicht der Welt anpassen‘, so ähnlich sagte es der Papst und diagnostizierte eine Tendenz, dass die Kirche keine gute Figur bei der Jagd hinter dem Zeitgeist her mache und dass der einzige Ausweg der Glauben sei. Ja, sag ich da nur, fangt endlich an zu glauben, aber fangt nicht an das zu glauben, was anderen wollen, fangt nicht an zu glauben, wie andere es von euch erwarten um in euch ihren Einfluss sichtbar werden zu lassen. Wenn ihr enttäuscht seid, kehrt der Kirche den Rücken und fangt dann an wirklich zu glauben: zeitgenössisch, selbstbestimmt, aufrichtig, keine Organisation mit Alleinvertretungsanspruch kann eure eigene Motivation in euch und für euren Lebenskreis vertreten, wenn ihr sie nicht selber habt, wird selbst jeder konforme Glauben schal, so sehr er mit seinem Aufsichtspersonal dann auch auf Linie sein mag. Zeigt die Ferne zur Amtskirche eben indem ihr wirklich glaubt, wenn ihr glauben wollt. Ich glaube nicht, habe aber ein Bedürfnis nach Transzendenz und Spiritualität und möchte das nicht desavouieren lassen nur weil ich aus Gründen der Bevormundungsmüdigkeit darauf verzichte, mein respektables Spiritualitätsbedürfnis in einer Amtskirche kanalisieren und für deren Zwecke in den Sack stecken zu lassen. Der Glaube ist nicht deshalb auf dem Rückzug nur weil eine überholte Amtskirche nominell schrumpft. Gerade der Reformstau macht eines deutlich: Was zählt ist NUR der Glaube, aber wir dürfen den Glauben an Gott nicht verwechseln mit dem Glauben an die institutionalisierte Amtskirche. Nirgendwo steht in der Bibel: Du sollst an den Vatikan und sein Personal glauben, oder: Du sollst dem Vatikan und seinem Personal glauben. Selbst bei dem authentischsten Glauben muss der Vatikan völlig außen vor bleiben dürfen ohne dass an dem Glauben zu zweifeln Grund bestünde, selbst externe Zweifel am Glauben müssen völlig ohne Effekt auf den Gläubigen sein, dann erst sind wir Menschen als Gattung frei.

So jetzt habe ich keine Lust mehr. Klar dass bornierte alte Männer meine Intervention heraufbeschwören, aber nicht nur meine, sondern die vieler Menschen mit Hang zur Genauigkeit. Die Reden des Papstes in Deutschland sind trotzdem legitim als das, was sie waren und auch bleiben sollten: die besonders christliche Menschen beruhigenden Reden voller Glaubensgewissheiten aber ohne praktischen Nutzen und ohne sonderlichen philosophischen Wert. Die Rede vor dem Bundestag war zudem aber auch eine polemische Rede gegen unser wissenschaftliches Fundament. Eine Rede mit Falltüren für positivistisch vereinseitigend auf das ‚Selbstmachen‘ des Menschen blickende Claquere, die sich zum Beklatschen ihrer Selbstboykottierung hinreißen ließen, weil sie die Strategien nicht durchschauen, Falltüren die wohlgemerkt erst durch den bloß emblematischen und ungenauen Charakter von Benedikts Begriffen entstanden, den er entweder nicht durchschaut, oder bei dem er, wenn er ihn durchschaut, auf eine beschämend offensive Weise mit der Dummheit seines Publikums kalkuliert – beides ist ihm und uns nicht zu wünschen, selbst wenn wahrscheinlich eins von beidem zutrifft. Und der Besuch war Gelegenheit für einen alten Mann uns mit seinem Privatglauben öffentlich zu behelligen, weil er sein öffentliches Amt nur bekleidet um seiner privaten Glaubensstärke willen, Glückwunsch, aber was bitte schön hat das mit uns zu tun? Wer jetzt noch nicht genügend infiltriert ist, mag sich auch über das Rahmenprogramm der vier Tage hinaus für den Katholizismus interessieren, in der Gesellschaft meiner Träume steht das jedem frei. Benedikt soll ja sogar auf die harte Wirklichkeit  in Form von Opfern des Missbrauchs durch katholische Geistliche getroffen sein, in aller Stille und Heimlichkeit versteht sich, Stille die eigentlich jedem Privatglauben zu eigen sein sollte: Glauben darf keine Botschaft sein, die öffentliche Infiltrierung verlangt, Glauben kann man nicht wirklich predigen, denn dadurch macht man ihn mittelbar und beraubt ihn der Dimension, die er nur durch Unmittelbarkeit haben kann, Unmittelbarkeit aber kann man durch Vermittlung nicht simulieren oder herstellen oder erzwingen, so ähnlich sagte es schon Adorno. Der Hinterzimmertreff mit Missbrauchten war ein Willkommensruf in der missbrauchten Realität mit dem bestechenden Charme ihrer realistischen, sozusagen positiv-faktischen Breitseite, in aller Stille versteht sich, in aller Absenz von Aufsehen versteht sich, nur ein Seitenarm des Besuchsprogramms, aber ich wünsche mir, dass dieser Arm in Benedikts irdisches Bewusstsein reicht, dauerhaft. Ob allerdings Benedikt nach diesem Besuch dann daran ‚glauben‘ mag, dass es so was wie Missbrauch in seiner Organisation wirklich gegeben hat oder nicht, bleibt letztendlich seine Privatsache, in Haftung genommen werden muss er dafür als öffentliche Amtsperson, als Staatsoberhaupt erstrecht. Wenn er genau darüber öffentlich nicht spricht, dann ist das mindestens noch scheinheilig, vermutlich aber sogar schlimmer als das, glauben Sie’s mir.

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Bald kommt das neue Semester

Und ich möchte daher hier einen Ausschnitt aus meinem Roman, an dem ich derzeit arbeite (Stand aktuell: 160 Seiten fertig), zur Verfügung stellen, in welchem sich der Protagonist mit diesem Thema gedanklich auseinander setzt: also mit Erstis an einer im Roman namenlosen Universität. Behelfsbelehrung: Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Universitäten sind rein zufällig.

„Am schlimmsten an den Erstsemesterstudenten, die, genauso turnusmäßig wie das Laub Anfang Oktober gelb wurde, in eben diesem herrlich herbstlichen Zeitfenster von Ende September an die Stadt und sämtliche universitären Einrichtungen mit ihrer fragenreichen Orientierungslosigkeit überfielen wie ein Schwarm netter, aufgeschlossener und aufgrund der strukturellen Probleme galgenhumoriger aber entschlossener Heuschrecken, war eben dies, was ihr Charakter zu sein schien. Viele glaubten, die Universität, in der sie zumindest körperlich nun schon mal anwesend waren, verteile Freiheit und adulte Gewissheit mit dem ganz großen Löffel. Für viele würde die Ankunft daher Scheitern bedeuten, und der ohnehin schon vor der universitären Laufbahn erwachsene Anteil an ihnen würde ohne Probleme sich einfinden, und später das Gefühl gewinnen, dass es ihnen leichter fiel als anderen, denen es durch das System künstlich schwer gemacht wurde, und daher etwas zurückgeben zu müssen in Form eines Engagements in den demokratisch gewählten studentischen Gremien, in den Fachschaftsräten, in der Fachschaftsrätekonferenz, in der studentischen
Lehramtskonferenz, im Studierendenparlament, im allgemeinen Studierendenausschuss oder sonstwo. Das schlimmste an den sogenannten Erstis war diese kompromisslose Bereitschaft, sich notfalls gegen alle erdenkbaren Verluste den Raum „Universität“ zu erobern, notfalls die Universität als Verunmöglichungsstruktur ihres eigenen Auftrags mit den ihr eigenen Mitteln zu schlagen und sie ihrer Schmach zu vergewissern, daran ganz allein schuld zu sein. Erstis hatten dieses teuflische Augenzwinkern, das ich sehr genau zu lesen verstand. Weil ich aber fürchtete, da ich mich mit der
Institution gemein gemacht hatte, dass das an meine eigene Substanz gehen könnte, deswegen war ich nicht gut auf Erstis zu sprechen. Ich mied sie wie der Teufel das Weihwasser. Wenn eine Gruppe von Erstis einen mit ersti-bezüglichen Informationen gepflasterten Raum der Uni betrat und in aller aufgeregten Ausführlichkeit über schmerzlich peinliche Selbstverständlichkeiten fabulierte, und jeder dem anderen immer noch etwas mehr mitzuteilen haben wollte, musste ich den Raum verlassen. Das ging nicht an, dass man die da so tun ließ, als seien sie alte Hasen. Warum ging das nicht? Ganz klar. Nicht, weil dieses Gehabe des Bescheidwissens per se doof war, sondern weil ich mir vorstellte, genauso bescheuert gewesen zu sein. Und ob ich nun so war oder nicht, meine schmerzhaft peinliche Erstihaftigkeit wird sich vor ein paar Jahren für einen älteren Studenten von meinem Schlage, der es genauso ungenau nahm wie ich gerade, genauso dargestellt haben. Natürlich müsste ich diesem fiktiven Studenten unterstellen, Unrecht mit seiner Unterstellung gehabt zu haben, was er aber nicht hatte. Lieber nicht zu weit gehen mit den Spekulationen. Die neuen Erstis sind doof, ja sozusagen so flach wie Erstis es kaum waren. Noch nie war es so schlimm wie diesmal, oder jedesmal oder so. Fragezeichen. Und dieses „noch nie“ erlebt sich jedes Jahr wie neu für immer jemand anderen von meinem Schlage, der es vorzieht, es bei anderen immer genauer zu nehmen als je bei sich selbst.“