Alle Welt schaut auf Menschen, die auf Ai Weiwei schauen und wie sie auf Ai Weiwei schauen

Und da ist mir ein Umweg zu viel drin. Ich beobachte es mit Missfallen, wie sich eine mediale Kulturschickeria an der Unterdrückung Ai Weiweis moralisch gesundstoßen will. Der Verlag Galiani wird die Texte aus Weiweis Blog von 2009 drucken, in New York sind sie meines Wissens nach schon im Druck, überall gibt es – im Rahmen des Chinesischen Staatsbesuches aber natürlich auch unabhängig davon und generell und natürlich nachhaltig und sowieso – Lesungen mit berühmten Leuten, die Texte von Ai lesen, da werden natürlich nur die besten Texte gelesen, die Klassiker, die mit den schönen Stellen, an denen es uns Teilnehmer bürgerlicher Sitzveranstaltungen kalt durchkribbelt ob solcher staatlich-repressiven Ignoranz. Aber was wollen wir mit Lesungen von Texten Ai’s in Deutschland? Sind wir etwa doch diejenigen, denen man noch beibringen muss, dass diesem Menschen und vielen anderen Unrecht geschieht, weil sie frei sagen wollen, was man in einem System über das System sagen kann und muss, das ja doch alles andere als perfekt ist?

Kann bei dieser medialen Dauerpräsenz noch ein einziger Deutscher behaupten, nicht mitbekommen zu haben, dass die ‚chinesische Lösung‘ (seit 1989) bedeutet, dass immer der Einzelnen für das pervertierte Ganze geopfert wird, oder warum füllen wir die Säle bei den Selbstgefälligkeitsveranstaltungen der deutschen Theater- und Literaturprominenz? Jeder will dabei sein, wenn bei historischen Leseanlässen die Häuser voll werden. Ein Event für die Geschichtsbücher. Ich sags Ihnen: Wenn das unsere Antwort ist, dann sind wir ganz schön hilflos. Ja, hilflos, ohnmächtig, klein, und auf eine ganz scheinheilige Art und Weise auch noch zufrieden damit. Zufrieden mit der Selbstgerechtigkeit, die dort zu unreflektierter Redundanz führt, wo wir erst behauptet hatten, wir wüssten genügend bescheid, und dann doch die ganzen Lesungen abhalten, so als müssten wir erst noch bekannt machen, wie der Hase läuft. Solidarität nennen wir dann unsere Schizophrenie. Auf eine ganz vordergründige Weise aber bleibt diese Solidarität eine Geschäftemacherei mit der Unfreiheit, der wir nichts entgegen zu setzen haben.

Geht es darum, dass wir das hören? Wohin sollen wir mit unserem Engagement, nachdem wir das gehört haben? Sollen wir die Kanzlerin unter Druck setzen, damit sie kritische Bemerkungen zu Wen Jiabao macht, die dann doch wieder an ihm abprallen müssen, weil er aus seiner Position der wirtschaftlichen Prosperität gerade seine Bedeutung für die Rettung der schwächelnden EU unterstrichen hat in einer Sprache, die wir nur zu gut verstehen? Wer würde schon an einen der nötigen Retter weiche Forderungen zu nachrangigen Themen im nachdrücklichen Tonfall stellen? Das weltgrößte Außenhandelsvolumen Chinas wird Ai Weiwei weit überleben, und noch ist unklar, welche Rolle China bei der Abwicklung seines unbequemen Einwohners spielen wird, welchen infantilen Vorwand China finden wird. Immerhin untergräbt China mit seinem Glauben, einen Vorwand finden zu müssen, seine quasi-diktatorische Souveränität, die auch ohne Vorwand ganz gut auskommen könnte, denn Vorwürfe sollen immerhin die Motivation des Verfahrens transparent machen: Transparenz, was für ein Hohn. Und was für einen Hohn leisten wir uns? Das ist die Frage. Solange die nicht beantwortet ist, sind unsere Lesungen vor vollen Häusern nur Antworten auf ungefragte Fragen, deren Motivation unser Bedürfnis nach Teilhabe an starken Schicksalen ist, die uns selbst verwehrt bleiben, weil wir quasi alles dürfen. Da interessiert uns Ai Weiwei doch nur peripher. Und das wird man doch wohl noch scheinheilig finden dürfen, man muss das in unserer Gesellschaft laut aussprechen dürfen, dass das scheinheilig ist, denn immerhin macht man darin sein universelles Recht auf Meinungsfreiheit geltend, das Ai Weiwei verwehrt bleibt und das wir ihm auch nicht geben können.