Kein Leben nach dem Tod

Oder:
Warum man ein Arschloch sein darf
(Einige Überlegungen)

 

„Es gibt für Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit – und das ist immer die gleiche: der Tod.“
Walter Benjamin

Seitdem wir es immer mehr verstehen, gut zu leben, ist die Frage nach einem Leben nach dem Tod etwas aus dem Fokus gerückt, wie eine schlechte Nachricht, die man aufgrund ihrer radikalen Endgültigkeit lieber erst sehr spät übermittelt bekommen möchte. Der existenzielle Druck, eine Antwort auf diese Frage formulieren zu müssen um die richtige Einstellung zum Leben zu finden, ist deutlich geringer geworden. Warum ist das so?

Alte Antwortmuster haben ihre Gültigkeit oder Verbindlichkeit für viele, oder auch ihre paradigmatische Kraft für die Auseinandersetzung über das Wesen Mensch generell eingebüßt. Gleichzeitig wird aber einerseits in traditionellen, zumeist religiösen Denkzirkeln und in Kreisen der new-age-Esoterik andererseits der Glaube an ein Leben nach dem Tod ‚immer noch‘ oder ‚schon wieder‘ wachgehalten. Sowohl fanatische Terroristen, die ihre Selbstopferung durch ihr paradiesisches Weiterleben gerechtfertigt sehen, als auch frühe Friedensbewegte, die über Drogenerfahrungen zu seltsam verklärten Visionen vom Sein nach dem Tode gekommen sind, haben gleichermaßen das Bedürfnis, die Tatsache der eigenen Sterblichkeit ins Reich der Phantasie zu verschieben.

Dieser Effekt verrät bei beiden, dass die je eigenen Selbst- und Weltverhältnisse auf schwachen Begriffen gründen. Dass mich das interessiert ist klar, denn schwache Begriffe sind für Philosophen immer schon dankbare Angriffsziele gewesen. Mit dem Angriff will man aber keine Träume zerstören, sondern schlecht gedachte, schlecht formulierte oder schlecht praktizierte Phantasien geraderücken, und sie – wenn sie denn zu retten sind – auf ein denkbares und lebbares Reflexionsniveau bringen, oder andernfalls zu klären, warum sie nicht zu retten sind und sie dann mit gebührendem Pomp zu verabschieden.

Mein eigener Tod interessiert mich nicht

Keineswegs ist klar, dass mein Leben und mein eigener Tod in einem so engen Zusammenhang stehen, wie das allgemein gedacht wird. Aus dem Brief an Menoikeus des antiken Philosophen Epikur stammt das in diesem Kontext häufig angeführte und damit fast schon missbrauchte Versatzstück, dass der eigene Tod einen nicht betreffe, „denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Es besagt zunächst nichts anderes, als dass wir im und vor allem nach dem Moment unseres Todes über rein gar nichts mehr von dem verfügen, über das wir zu Lebzeiten mal verfügten. Unser Einflussbereich erstreckt sich auf keine unserer Lebensäußerungen und der uns einbegreifenden sozialen Tatsachen. Wir können nicht mehr handeln und nicht mehr handelnd Teil von Gruppen sein.

Unser eigener Tod gehört als Vorstellungsinhalt und damit als Quelle vieler Auseinandersetzungen zwar zu unserem Leben dazu, aber bereits im Moment seines Eintreffens verändert er die Grundlagen so sehr, dass er nicht mehr reflexiv eingeholt werden kann, weil wir nicht mehr reflektieren können. Reflektieren heißt aber nichts anderes, als ‚zurückwenden‘ oder ‚spiegeln‘, was schon der Wortbedeutung nach ein ‚Neben-sich-stehen‘ des Menschen erfordert. Man tritt als Wesen mit Bewusstsein bildlich gesprochen aus sich heraus und denkt darüber nach WIE man ist, WAS man tut, WIE man sich dabei fühlt, und vielleicht was man glaubt WIE andere sich dabei fühlen. Dem Prozess der Reflexion ist es dabei gegeben, mögliche Wirkung des eigenen Todes auf andere Menschen, die einem vielleicht nahe standen, vorwegzunehmen und durchzuspielen. Dabei kriegt man allerdings nichts über die wirkliche Wirkung heraus.

Die Frage an sich ist schon falsch formuliert

Um sich mehr bewusst zu werden, wo alleine die Formulierungsprobleme liegen, muss man sich den Unterschied der Konzepte „Zustand“ und „Ereignis“ verdeutlichen. Rede ich über den Tod als „Zustand“, dann meine ich eine Ewigkeitsspanne. Sobald man einmal kurzfristig gelebt hat, ist man durch den Tod praktisch für die Ewigkeit nicht mehr. Jeder von uns wird länger tot sein als er je gelebt hat. Damit verbindet sich eine kaum zu beantwortende Frage: Wie sieht es eigentlich mit dem ontologischen Status von Toten aus? Welchen Seins-Status kann man z.b. Menschen nach 1000 Jahren zusprechen, wenn die Länge ihres Totseins mit einem unwahrscheinlich großen Faktor die Länge ihres Gelebthabens übertrifft?

Rede ich vom Tod als „Ereignis“, dann meine ich eine relativ punktuelle, und zeitlich umgrenzbare Änderung, zunächst ein Aufhören von Vitalfunktionen, aber im Nachgang auch eine Vielzahl sozialer und kultureller Praktiken, mit denen der Verstorbene allen seinen Angehörigen, Freunden, Bekannten aber auch der Nachwelt offiziell als „dem Irdischen entzogen“ vorgestellt und sozusagen verabschiedet wird. Beerdigungszeremonielle leiten von dem ihnen vorausgehenden Ereignis des Sterbens in den ewigen Zustand des Totseins über. Manchmal sind sie die viel stärkere Zäsurs als das Sterben selbst.

Wenn man nur ein einziges Leben zur Verfügung habe, so hat sich der Schnack durchgesetzt, dass man es dann auch ‚gut‘ führen müsse. Ein voller Angst und Schmerzen rumgebrachtes und zu früh beendetes Leben, in dem man nie wirklich frei war, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, habe sich dem Anschein nach gar nicht gelohnt und sei deshalb retrospektiv nicht führenswert gewesen und gerade deshalb lieber zeitiger vorbei als dass es sich noch unnötig in die Länge zieht. Die Tatsache, dass wir zu gerne aus Lebensumständen, praktizierten Lebensansichten und anderen Aspekte wie der Lebenszeitspanne uns ein Urteil darüber bilden, wie lebenswert ein Leben, genauer gesagt eine bestimmte Biographie ist oder war, nimmt Einfluss darauf, mit welcher Einstellung wir dieser Biographie am Ende den Tod beigesellen: Als Erlösung von kurzem heftigen Leid oder als bedauernswert frühen Abbruch einer Karriere, die noch vieles hoffen ließ.

Gutes Leben durch „Gutsein“? Am Arsch….

Zu einem ‚guten Leben‘ gehören viele Aspekte, die mitunter nach harter Arbeit klingen: Ich muss gesund sein, die Welt mit einer Mischung aus Vernunft, Herz und Humor sehen können, eine Ausbildung erfahren und einen Beruf ergreifen, der mir Spaß macht, zudem in einer Partnerschaft glücklich werden, etwas erreichen, viele Eindrücke sammeln und für das Alter vorsorgen. Wenn ich keinen Partner finde, lag das vielleicht daran, dass ich den potenziellen Zufallstreffer in der Bar neulich nicht sexy und lebensfroh genug angelächelt und eventuell auch angesprochen habe. Je länger unsere Lebensspannen werden, umso mehr Aufträge kommen auf die „Soll“-Seite. Unter dem Selbstrealisierungsdruck und der Komplexität leiden immer mehr Menschen, sie werden depressiv, ziehen sich zurück oder sie werden zynische Spielverderber, die sich darin inszenieren, die Lebenslügen der Mehrheitsgesellschaft zu demaskieren und den Kuschelkonsens bezüglich der Pflichterfüllungen anhand bürgerlicher Lebenspläne zu diskreditieren. Diese Pflichterfüllung nimmt dabei oftmals die Endlichkeit des Lebens in den Blick und definiert allgemeingültige Lebensziele für das irdische Leben.

Wer zu rücksichtslos sein eigenes Ding macht und ein Leben nach wirklich selbstgewählten Maßstäben führt, wird oft als „Arschloch“ betrachtet. Arschlöcher können kein gutes Leben führen, so glaubt man gerne. Aber dennoch ertappt man sich dabei zu beneiden, wie souverän, stark und unberührbar sich Arschlöcher zu Lebzeiten nehmen, was vielen verwehrt bleibt. Wer sich in Zurückhaltung übt und alles, was ihn strukturell benachteiligt individualisiert, verkehrt Täter und Opfer und spürt einen mitunter enormen Lebensdruck, ohne dass sich dieser dauerhaft mit Lebensfreude paaren kann. Und wenn einem dann ein prototypisches Arschloch über den Weg läuft, ist man erstaunt („Darf der das überhaupt?“), verärgert („Das darf der doch gar nicht!“) oder traurig („Der darf das und ich nicht, weil ich ein guter Mensch sein will.“)

Wenn ich nur dieses eine Leben habe und danach wirklich absolut nichts mehr kommt, darf ich dann nicht auch ein Arschloch sein? Oder besser: Sollte ich dann nicht ein Arschloch sein, damit ich auch das kriege, was ich will und brauche? Von Bertold Brecht stammt das bekannte Bonmot „Sorgt doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“ Es ist ein gängiger Fehlschluss, dass die ‚gute Welt‘ wirklich so gar keinen Platz für Kultivierungen des „Arschlochseins“ hat und dass sie andernfalls schlechter würde. Inwiefern das neu zu denken ist, muss noch geklärt werden. Keine Angst, dieser Text wird keine Rückbesinnung auf den psychologischen Egoismus Hobbes’scher Natur. Er versucht nur Differenzierungen einzubringen, wo noch viele weiße Flecken das Bild beherrschen.

Es gibt kein Leben nach dem Tod. Durch Analyse der Begrifflichkeiten, was es heißt ‚zu sterben‘, kann man den überzeugten Anhängern von Jenseits-Phantasien nachweisen, dass sie einen zu schwachen Begriff des Todes haben. Wer auf Basis gewisser irdischer Voraussetzungen auf die Diagnostizierbarkeit eines Zustandes wettet, der mit der kompletten Änderung jener Voraussetzungen verbunden sein muss, um überhaupt einen Unterschied zu bedeuten, der hat sich nicht damit abgefunden, was der Tod eigentlich bedeutet. Ich kann wissen, dass es ein Leben vor dem Tod gibt. Dass es eines nach dem Tod gibt, kann ich nur glauben.

Was heißt es überhaupt, zu sterben?

Was aber heißt es zu sterben? Ich müsste meiner eigenen Beerdigung bewusst beiwohnen können und wahrnehmen können, welche Vorkehrungen man zur rituellen Verabschiedung meines Körpers im irdischen Bereich trifft. Dazu bräuchte ich eigentlich das lebendige Instrumentarium eines Körpers: Augen, Ohren, die Bedingung, auf der Erde anwesend zu sein. Und vor allem bräuchte ich ein kontinuierliches Bewusstsein. Dies ist nur unter der Annahme möglich, dass es etwas wie eine Seele gibt. Viele Sterbeforscher und Wissenschaftler, die Nahtoderfahrungen analysieren, glauben, Beweise für die Seele gefunden zu haben, ‚wissen‘ können sie es aber nicht und meines Erachtens lassen sich diese zum Beispiel anhand von sogenannten außerkörperlichen Erfahrungen gewonnenen Eindrücke von der vermeintlichen Existenz der Seele gut widerlegen. Das hat bisher niemand systematisch getan.

Die Außerkörperlichkeit ist ein Gehirn-Artefakt. Grundsätzlich hat sie mit der menschlichen Fähigkeit zur Reflexion, Phantasie und autonomer Bild-Erschaffung zu tun, die in der exzentrischen Positionalität (dazu Helmut Plessner) wurzelt. Dass Sterbeforscher über Interviews auf so etwas wie Außerkörperlichkeit schließen wollen, ist seltsam: sie verlassen sich auf Erfahrungsberichte von Menschen, die fast tot waren, aber nicht wirklich hirntot sein konnten, weil sie sonst weder erneut wach werden noch über eine Bewusstseinskontinutität verfügen könnten, mit der sie sich im wieder erwachten Zustand die Erlebnisse des Todes als eigene Erlebnisse zuschreiben könnten. Das heißt, Bedingung für diese Form Erlebnisbericht-basierter Sterbeforschung ist, dass die Probanden eben NICHT sterben.

Ihre Gehirne zeigen Aktivität, selbst wenn es diese Aktivität in einem für uns nicht oder nur kaum physikalisch wahrnehmbaren Level zeigt, heißt das nicht, dass diese Aktivität nicht noch bildliche, akustische Eindrucksartefakte erzeugt, die viel eher aus der bisher weitgehend unverstandenen Kreativleistung des Gehirns kommen, als aus der wirklichen Ansicht einer den lebenden verborgenen Welt – ob nun Himmel oder Hölle. Zudem wollen Nahtodforscher die Außerkörperlichkeit immer durch die Erzählung von „Seheindrücken“ der Probanden bestätigt haben. Das mit dem Sehen kann so seine Schwierigkeiten haben (das zeigen Experimente mit Wahrnehmungskategorien, Gestaltgesetzen, Blinden, usw). Wir haben offensichtlich noch nicht genügend verstanden, warum das Gehirn im niedrigen Energielevel uns immer noch Bildergeschichten erzählt, die aber keine von Objektivität zeugenden Verarbeitungen unmittelbarer Sinneseindrücke sind.Und wir haben noch nicht den Wirklichkeit-gestaltenden Sinn von „Erzählungen im Nachhinein“ begriffen.

Ereignisse vor dem Tod haben nichts mit dem Tod zu tun

Soziologen und Mediziner beschäftigen sich mit dem Nahtod als „Erlebnis“, also mit Vorereignissen des Todes. Damit ist überhaupt nichts herauszufinden über die wirkliche Beschaffenheit des Lebens nach dem Ereignis, das nach den nahtodischen Vorereignissen kommen solle. Die Nahtoderfahrung ist eine reine Schau von Vorstellungsinhalten. Soziologen haben nachgewiesen, dass die Arten der Bilder, die mit ihnen verknüpften Gefühle, kultur- und sozialisationsabhängig sind. Das hieße aber auch, dass die Nahtoderfahrungen umso positiver sind, je mehr Menschen starke weltanschauliche Verankerungen in religiösen Paradgimen haben, die es zur Aufgabe haben, psychischen Schutz gegen die Angst vor dem Sterben bereitzustellen, also gegen die Furcht vor dem Erhabenen zu immunisieren, und dies u.a. mittels ausgeschmückten Weiterlebensideen erreichen.

In einer Welt der schleichenden Säkularisierung ließe sich damit die Tendenz beschreiben, dass uns in Zukunft mehr und mehr Nahtoderfahrungen mit nicht positiv belegten oder zunehmend neutralen Bilderschauen und Visionen konfrontieren. Mit anderen Worte: Wenn man meint, dass man dort etwas über wirkliche und allgemeingültige Lebensbedingungen nach dem Tod herauskriegen würde, dann müsste man mit dem Paradoxon leben, dass sich dieses verlässlich gleiche „Leben danach“ im selben Schrittmaß wandelt wie sich die Einstellungen der Menschen zu sich und zur Welt ändern. Mit dieser Änderungskorellation ließe sich jetzt schon eines gewiss sagen: Dieses Leben danach hätte verdammt viel mit dem davor gemein. Was wir vor dem Tod zu sehen kriegen, erzählt von unserem Leben, nicht von dem, was wirklich kommt, sondern von dem, was wir zu Lebzeiten durch kulturelle Dressur als das kommende zu begreifen, zu erhoffen oder zu wünschen gelernt haben. Zudem sehen wir eine Drogen-Vision: Körper-eigene Drogen befeuern die Bilderschau. Es ist ein evolutionärer Vorteil, dass ein sterbender Körper sich aus Schmerzlinderungsgründen mit eigenen Glücklichmachern vollpumpt, die ähnlich wie synthetische Drogen die Wahrnehmung außer Kontrolle bringen. Niemand aber käme auf die verrückte Idee, Menschen nach einem LSD-Trip nach einer objektiven anderen Welt zu befragen, die sie gesehen haben und für die sie nur gültig auskunftsfähig wären, wenn sie nachweisbar kontinuierlich klar bei Sinnen gewesen wären.

Ethik adé, wir sterben!

Wenn es also kein Leben nach dem Tod gibt, bedeutet das dann, dass ein argumentativer Anker für irdische Ethiken wegfällt? In vielen Kulturen und alten Glaubensparadigmen erscheint der Tod als Bilanzmoment für das Leben. Da man individuell stirbt, wird Gutes und Schlechtes im Leben in einer individualisierten Rechnung gegenüber gestellt und jenachdem das ‚Weiterleben‘ als Belohnung oder Bestrafung eingerichtet. Es gibt ja aber kein Leben nach dem Tod. Rächt es sich also nicht einmal mehr ‚letztinstanzlich‘, wenn man zu Lebzeiten ein Arschloch war?

Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht wenige in dieser Vorstellung, es gäbe kein Leben nach dem Tod, eine große Gefahr sehen: eine Bedrohung für die Ethik, für das gute Leben, für internationale und generationelle Solidarität, einen Freibrief für Rücksichtslosigkeit und religiöse Unruhe. Aber nein, diese Gefahr sehe ich entschieden nicht. Wie viele Selbstmordattentäter werden deshalb zu Arschlöchern, eben weil sie an ein Leben nach dem Tod glauben? Damit wäre die Vorstellung hinfällig, das Jenseits gebiete erbarmungslos über eine bestimmte Form irdischer Ethik. Wenn das Jenseits dies nicht kann, kann es eine neue Diesseits-Fokussierung vielleicht eher. Also: Ob man aus der neugewonnenen Gewissheit, dass der Tod kein überirdischer Bilanzmoment ist, die Freiheit ableitet, sich unterirdisch gegenüber anderen Menschen verhalten zu dürfen, ist jedem selbst überlassen. Faktisch rückt aber die Beurteilung aber, ob man ein guter Mensch ist oder nicht, in die Sphäre zurück, in die sie gehört und in der diese Beurteilungen überhaupt nur Sinn ergeben: in den Bereich, wo lebenden Menschen ein unmittelbares Verhältnis in sozialen Bindungen miteinander eingehen und in einer Welt leben und eine Welt gestalten, in der viele vor ihnen waren, viele mit ihnen sind und noch sehr viele nach ihnen sein werden.

Wir müssen zur Klärung guter Argumente für ein gutes Leben die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod überwinden. Alles was nicht notwendig ist, ist entweder Glaubensluxus oder Ansichtssache. Man kann ohne Seele leben und trotzdem ein guter Mensch und kein anderer Mensch sein als der, der man ist. Man kann ein guter Mensch sein ohne dass man dazu zu glauben, gut sein müsse man nur, weil es sich irgendwann auszahlt, wenn im Moment des Todes darüber entschieden werden könnte, dass man sein Leben niemals mehr verlieren muss. Man kann ein guter aber schwer kranker Mensch sein, der sich aufgrund der Schmerzen wünscht, einfach nur zu sterben um erlöst zu sein. Aber selbst der Begriff der Erlösung hört durch den Tod auf, Sinn zu machen. Der Zustand der Erlösung – also das Erleichtertsein von wirklichen Qualen – setzt in dialektischer Sicht ein Subjekt voraus, das diese Erlösung spürt, reflektiert und die Erlösungsgewissheit verkörpern kann. Wann immer wir im Kontext mit Verstorbenen von Erlösung sprechen, verwalten wir leidiglich ein christliches Sprachspiel, von dem nur wir (Über)Lebenden etwas haben. Die Vorstellung, dass es so etwas wie Erlösung geben kann, ist ungemein tröstlich. Aus geistig-immunologischen Gründen halten wir auch an diesem schwachen Begriff fest.

Zwar wurde es mancherorts Jahrtausende lang gepredigt, aber: Das Leben nach dem Tod kann und sollte für Menschen nicht als die Erlösung zum Guten erscheinen. Wer das nämlich zu intensiv glaubt, wird zu Lebzeiten eher ein echtes Arschloch, als diejenigen, die nur deshalb als Arschlöcher erscheinen, weil ihnen das Leben irgendwie leichter von der Hand zu gehen scheint und denen die Lebenszuversicht praktisch genügend Fassung vor der Sterblichkeitsgewissheit gewährt. Menschen, denen es im Leben gut geht, sind weniger dazu gezwungen, auf das erlösende Paradies, höhere Gerechtigkeit oder nachholende Usurpation zu hoffen.

Und wo spricht man noch vom „Leben“?

Ebenfalls zur Schärfung und Pointierung des Themen-Überhangs empfiehlt sich, den Begriff des Lebens besonders in seinen „Bindestrich-Varianten“ metaphorisch aufzufassen und auf einzelne Phasen eines einzelnen Lebens zu beziehen. Vielleicht lassen sich daraus Muster der Perspektivierung von „endenden Phasen“ gewinnen. Im heutigen Erwerbsleben gibt mancheiner seine körperlich und geistig aktivsten Lebensjahre hin für die heteronomen Zwecke einer mitunter schlecht bezahlten Erwerbsarbeit. Sicher kehrt auch das sich langsam um und die Erwerbsbiographien werden immer offener, aber noch immer ist ein übertriebener Lebensarbeitszeit-Realismus weit verbreitet: Gute Lebenszeit in der Rente verdient man sich durch effiziente Arbeitszeit davor. Es gibt also ein Leben nach dem Arbeitsleben, das je nachdem wie die Arbeit empfunden wurde, als eine Bestrafung oder Erlösung erlebt werden kann. Bei der Aussicht auf das Ende des Arbeitslebens, des Liebenslebens oder zum Beispiel bei der Bedrohung des Privatlebens geht es um für die Identitätsbildung relevante Antizipationen von Grenzerfahrungen und deren Bewältigung noch bevor das wirkliche Ende der jeweiligen Phase eintritt. Die Strategien dieser Bewältigung von Grenzerfahrungen können unterschiedlich ‚lebensklug‘ oder unterschiedlich ‚lebenspraktisch‘ sein und damit unterschiedlich tauglich für eine wirkliche Bewältigung existenzieller Lebensthemen. Wenn sich rausstellt, dass eine der Strategien, mit der Angst vor dem Verlust des Privatlebens umzugehen zum Beispiel ist, eine Art „öffentlichkeitsscheues Arschloch“ zu werden, dann ließen sich so definitiv Beurteilungsmuster gewinnen. Ähnlich verhält es sich mit der ethischen Gestaltung meines Lebens je nachdem ob ich den Tod als endgültiges Ende oder als Vorstufe zum Weiterleben ‚denke‘ und jeweils unterschiedliches daraus ableite.

Einige Selbstverständigungen literarischer Natur

Je mehr ich drüber nachdenke, um so klarer wird es mir. Mich interessiert im Hinblick auf die eigene, literarische Produktion, Sprache an den Rändern ihres Funktionierens. Der ästhetische Reiz von Gedichten liegt für mich darin, dass sie par exellance der Ort dafür sind, diese Funktionsränder zu begehen und auszuloten und damit per se Testfelder für nicht-alltägliches, nicht-umgangssprachliches Sprechen.

 

Der Redeweise in der von mir gerne gelesenen oder der gar selbst geschriebenen Lyrik mag mit dieser hier geäußerten, programmatischen Vorliebe auch immer etwas Verspanntes anhaften. Aber das ist für mich der vertretbare Preis einer Lyrik, die mit keiner Silbe darum gebeten hat, alltäglich gelesen zu werden oder sich in die Gruppe der Texte einzureihen, die weiterhin nur alltägliche Lesegewohnheiten zu bedienen vermögen.

 

Gedichte sind Grenzfälle der literalisierten Selbstaussprache. Sie sind oft kleine Entwürfe, in denen das funkelnde und schillernde Nichtfeststehen der Grenze zwischen Sagbarem und Unsagbarem mit Mitteln des Wortes angedeutet wird. Wo immer Menschen Schönes in sich, in der Sprache, in der Welt finden, besteht die Chance, das ein Gedicht entsteht: vielleicht nur vordergründig Ich-Botschaften transportierend wird ein Gedicht für viele neben mir nur das sein, was darüber hinaus einige ästhetisch reizt, bedeutsam spricht, prinzipiell verstehbar aber nicht zwingend unmittelbar verständlich ist – Text von bleibendem Wert, präzise aber artistisch, sozusagen immer im Dienste der Pflicht, „genial misslingen“ zu müssen.

 

Es verwundert nicht, dass der Hauptseinsmodus aller Grenzfälle die Ambivalenz ist: Im Wunsch nach Selbstaussdruck kommt dem Schreiber heutzutage im Nachhinein oft der Gedanke, dass ein vielleicht zu druckendes Wort zu viel ungefilterte Subjektivität nicht verträgt. Für die Leseöffentlichkeit gilt aber – aus Schutzgründen – dass selbst der sich am ungefiltertsten gebende Autor nur die Fiktion eines Textes ist, der selber immer auch Auskunft über seine Gemachtheit gibt. Der ungefiltert subjektive Autor ist im Zweifelsfall die Fiktion eines Textes, in dem zwangsläufig irgendeine Stimme Regie führen muss. Nicht zwangsläufig seine.

 

Kein Gedicht ist „naturnotwendig“. Kein Autor, der die Stimme seines Textes „Ich“ zu sich sagen lässt, meint sich selbst als bürgerliche Person, schlimmstenfalls kleinbürgerliche. Kein Text rückt durch noch so viele behauptende Intimitätsmarker wirklich allen dicht auf die Pelle.

 

Wovor aber haben abgeschreckte Lyrik-Leser dann Angst? Welche Vorurteile regieren im Lyrik-Abstinenzler?

 

Unter dem Motto „Was, das soll Lyrik sein? Das kann ich auch!“ formieren sich Schutzschilde gegen die gängigsten Ängste weiter Kreise der Bevölkerung, die vom ernsthaften Kunstdiskurs schon seit Jahrzehnten größtenteils abgekoppelt sind, und: dies auch langsam merken:

 

Wenn ein Leser etwas nicht mehr als Kunst bewerten kann, das aber welche ist, dann drohen ihm die Maßstäbe zu entgleiten / Wenn ein Leser die Stoffe, Themen, sprachlichen Bilder, die Arten der Welt- und Ich-Auseinandersetzung nicht versteht, es ihm also schlichtweg zu hoch ist / Wenn es ihn ästhetisch einfach nicht reizt, er aber aufgrund des anempfohlenen Kunstgehaltes und seinem Bedürfnis nach Übereinstimmung mit den Wissenden und Gebildeten lieber unverstandenen Dingen mit innerer Abscheu huldigen müsse / er im Ernstfall eines Gespräches darüber nicht eigenständig auskunftsfähig wäre / er reflektierte Sprechweisen vorgeführt bekommt, zu denen er als Produzent und Urheber von Sprachäußerungen nie fähig sein wird / usw…

 

Lyrik-Lesen wird unter solchen Voraussetzungen zu einer Mischung aus: Pflichtveranstaltung ohne persönlichkeitsbildende Effekte, Quälerei ohne eigenen Gewinn, Vorhaltung der eigenen sprachlichen Unzulänglichkeit, oder taktlos intime Anrührung des eigenen, eingefahrenen Denkkosmos’…..

 

Alles äußerst unschön.

 

Gerade bei Lyrik setzt in exoterischen Denkzirkeln häufig ein anti-poetisches Ressentiment bei Texten ein, die mit ihren Bildern, ihren reflektierten Sprechweisen, ihrem Hochstil tendenziell nur überfordern können, weil sie Experimente auf der Grenze sind. In esoterischen Lyrik-Kenner-Kreisen kehrt sich dieses Ressentiment gerne ins Gegenteil: etwas, was nicht abständig genug ist, ist vielleicht auch nicht Kunst genug, und dann wäre es Zeitverschwendung, ein zweites Mal noch etwas zu prüfen, was sprachlich und weltanschaulich kaum einen Reiz für Kenner bietet.

 

Das wichtigste ist mir: in meiner Lyrik gebietet mir niemand, außer mir selbst. Und mich interessiert Sprache an den Rändern ihres gewohnten Funktionierens. Ich widme mich Gedichten nicht, um Geschichten zu erzählen, mit cooler Dramaturgie oder sonstigem, sondern um mit solchen Äußerungsprodukten Umgang zu haben und mein Spiel zu treiben, die permanent die Äußerbarkeit gewisser Dinge  und damit die verwertungslogische Haltung zur regelkonformen „Produzierbarkeit“ jeglicher Äußerungen hintergehen. Wir wissen: in Zeiten eines praktisch nicht existenten Marktes für zeitgenössische Lyrik ist das Schreiben von Lyrik auch in größeren Verwertungsmaßstäben quasi eine kleine, antikapitalistische Revolution.

 

Die Gute Nachricht ist: Selbst wenn man leicht den Überblick verlieren kann, was wirklich kunstvolle Lyrik ist und was nur Scharlatanerie, es gibt trotzdem Kriterien, die aus dem Funktionieren der Sprache selbst stammen. Es gibt diese Kriterien, sie sind erlernbar, und ihr Umgekehrtwerden  und kreatives Ausgespieltwerden gegen den „gesunden Menschenverstand“ in moderner Lyrik sind einsehbar. Man KANN sehen, wie das funktioniert. Wie es im Entsagen herkömmlicher Funktionszusammenhänge verwaltender Rede auf eine künstlerische Art und Weise zu neuer Funktion kommt.

 

Wer sich dann aber aus Angst vor dem Überblicksverlust darauf herausredet, dass „er das auch“ könne, der gehört in der Regel nicht zur Sorte der Freigeister, die es nicht mit der Ankündigung ihres Könnens  bereits für abgehandelt halten, sondern die im Gegenteil im Eingeständnis ihres Nichtkönnens keine große Worte darüber verlieren, dass sie en passant große Worte schreiben. „Groß“ deshalb, weil deren Auftreten in einer Gesellschaft der anti-poetischen Ressentiments zunehmend Seltenheitswert erhält.

 

 

Philosophisches Schreiben lernen

Aspekte der Lehr- und Lernpraxis philosophischen Schreibens in der Propädeutik

 

 

Grundprobleme in der Schreibkompetenz

Der lineare Verlauf eines Textes – seine Chronologie – zwingt den philosophisch Schreibenden zu einer besonderen Sorgfalt bei der Kohärenzherstellung auf der Wort-, Wortgruppen-, Satz-, Absatz- und Volltextebene. In kaum einer anderen akademischen Fachdisziplin wird das häufige und teilweise grundlegende Misslingen von Darstellungsverläufen auf formaler und inhaltlicher Ebene so augenfällig wie in Texten von Studienanfängern der Philosophie, und daher ebenso häufig von Dozierenden beklagt. Der Unmut resultiert daraus, dass es vielen Studierenden nicht gelingt, in kohärenter und verstehbarer Weise nieder zu schreiben, was sie zu sagen vorhatten. Nur wenn sie dies aber könnten, kann überhaupt beurteilbar werden, was sie philosophisch zu sagen haben. Bei wiederholt unzureichenden Schreibprodukten wird sicher bald die Option der sogenannten Abbruch-Beratung erwogen, denn ein Philosophiestudium muss an mangelnder Sprachbeherrschung scheitern können. Wenn es sich aber um ein zwar grundsätzliches aber durch Lernaufwand in gewissen Graden behebbares Problem handelt, dann lohnt ein Blick darauf, dass Philosophische Institute in ihren Propädeutik-Modulen das Schreiben thematisieren und praktizieren lassen sollten: Nicht nur als Propädeutik sondern als Daseinsvorsorge einerseits für eine Disziplin und andererseits für die Schreibpraxis vieler Köpfe, die mit oder ohne Abschluss die Gesellschaft prägen und prägen werden.

Gut und leicht schreiben ist schwer. Dabei ist Schreiben eine keinesfalls abgehobene soziale Praxis, bei der wir die Technik beherrschen müssen, dasjenige, was wir mit dem Geschriebenen bewirken wollen, auch bewirken zu können, indem wir adäquat schreiben. Die jeweilige Textsorte – und damit gemeint ist die Folie der an diese Textsorte berechtigterweise zu stellenden Erwartungen – gibt an, welcher Zweck mit dem Schreibhandeln verfolgt werden soll, und welche Kriterien dazu einzuhalten sind. Das Gute daran ist: Es gibt diese Kriterien und sie sind begreifbar und erlernbar (bis auf die Formate, deren Kriterien sich teilweise noch in Aushandlung befinden, etwa wie ein guter Blog-Artikel auszusehen hat). Damit sich dieses Wissen zu praktischen Kompetenzen des Schreibhandelns verfestigt, müssen Textproduktionswissen und Textsortenwissen um die Komponente der Selbstbeobachtung erweitert werden und in lange währender, tätiger Praxis des Schreibens mit Erfahrung angereichert werden. Die bei Studierenden oft zu konstatierende mangelhafte Disziplin wird dabei nicht in jedem Falle durch geschickte Motivation zu beseitigen sein, aber interessierte und motivierte Studierende erhalten so ein Angebot, von dem sie regen Gebrauch machen, umso mehr sie sich der Notwendigkeit souveränen Schreibhandelns im Laufe des Studiums bewusst werden.

Mit dieser Notwendigkeit sehen sie sich mindestens durch die erste Hausarbeit konfrontiert. Ein Text, der wie die universitäre Hausarbeit mit einem klar formulierbaren und auch formulierten wissenschaftlichen Anliegen versehen ist, wartet in der Regel mit einer starken Reflexivität auf: Er muss für die Realität der eigenen Darstellungschronologie angemessene Auskünfte darüber enthalten, warum er was und wie tut. Die Darstellungschronologie betrifft zunächst mehr die Makro-Struktur. Philosophischen Wert und damit Benotbarkeit als ganzes erhält ein so funktionaler Text aus seinem durch eine Leitfrage gestützten Engagement in einem Thema, das eine Fazit-ermöglichende Feldbearbeitung voranbringt.

Ergebnisse der Feldbearbeitung, die der Entscheidungsunlust vorschub leisten und Beliebiges je nach Gusto folgern lassen können, brauchen nicht durch einen langen, mit viel Aufwand gestrickten Darstellungsgang vorbereitet werden: Beliebiges folgern kann man auch aus ‚nichts‘. Für Zwischenmoderationen im Darstellungsverlauf sowie für Titel- und Teilüberschriften gilt das Prinzip der Ankündigungsehrlichkeit: Sie müssen in einer guten Reihenfolge adäquat beschreiben, was im Text oder Textabschnitt passieren wird oder worum es gehen wird. Die von mir in vielen Schreibresultaten (auch bei kompetenteren Schreibern) beobachtete Inkohärenz ist auch ein Phänomen davon, dass entweder prospektiv nichts für den Darstellungsverlauf angekündigt wird: So kann man allerdings den Fortgang des Text in alle möglichen Richtungen offenhalten und sich in Nebensächlichkeiten verlieren, oder dass Ankündigungen nicht eingelöst werden: Auch so wird ein roter Faden nicht herzustellen sein, ohne dass behauptetes und wirkliches Vorgehen eine massive Diskrepanz aufweisen.  Ein solches makrostrukturelles Vorgehen, das diese Inkohärenzen vermeiden kann, halte ich insgesamt am Beispiel des Schreibens einer (und mehrerer) Hausarbeiten im Verlauf des Studiums für durchaus erlernbar, mit anderen Worten: Man muss Studierenden zumuten und zutrauen können, diese Kompetenz in angemessener Zeit erwerben zu können, und dazu leisten Schreibwerkstätten an philosophischen Instituten meines Erachtens einen wichtigen Beitrag.

Gestaltungskriterien

Die Bemerkung, dass ein (zumal ein über sein eigenes Vorgehen aufklärender) Text (egal welcher Sorte) Kohärenz aufweisen muss um ‚gut‘ im Sinne von ‚seinem eigenen Anliegen gerecht werdend‘ ist, beinhaltet – neben den verschiedenen Ebenen von der Wortwahl-Ebene bis zum vollen Text – die drei eigentlichen Geltungsbereiche der Kohärenz: 1.) Die formale Gestaltung, das meint den Bogen von der Textgestalt bis hin zu den auf der Wortebene greifenden morphosyntaktischen Normen; 2.) Die stilistische Gestaltung, denn idealerweise sollte aus der Hand ein und desselben Schreibers ein kohärenter Stil kommen, der ohne Brüche auskommt und der nicht zu Stil-Imitationen der Quellen-Autoren neigt (denn das wäre ein schlechtes Zeichen für den ‚eigenen‘ Stil, die ‚eigene‘ Lektürearbeit); 3.) Die inhaltliche Gestaltung, das meint Sinn und Verstehbarkeit, die durch die formal korrekte, stilsicher durchgehaltene inhaltliche Aufbereitung und Verbindung von Gedanken und Aussagen bewirkt werden sollen. Dazu gehört auch das gute Zeitmanagement, zu dem ich meine Studierenden immer ermutigt habe. Das Schreiben eines Textes umfasst sowohl bei top-down-Schreibern (von Strukturplan zum Text) als auch bei bottom-up-Schreibern (vom frei experimentierenden Schreiben zum Text) Phasen von Planung, Niederschrift und Korrektur (nötigenfalls einer zweiten Korrektur).

Leseschwächen

Neben der Motivation, der Einsicht in den Zweck, dem Interesse ergibt sich bei der in der Planungsphase wichtigen Lektüre oft ein Problem: Die Wiedergabe und Darstellung von Close-Reading-Ergebnissen. Dies hat nicht zwingend mit mangelnden Reproduktionsfähigkeiten zu tun, sondern oft mit Desinteresse an grundständiger Lektüre. Wo beides in Kombination auftritt und die Ergebnisse dann aber tragende Säulen in einem Text werden sollen, entsteht mit hoher Wahrscheinlichkeit ein inkohärentes und zudem spannungsarmes Textprodukt, an dem sich aufgrund der Vielzahl von Baustellen eigentlich nicht einmal mehr zu arbeiten und zu korrigieren lohnt. Ich meine, dass daher im universitären Rahmen auch versucht werden muss, den Fokus verstärkt auf Lesekompetenz und die Fähigkeit zu legen, die Struktur und die wichtigsten Informationen gerade komplexerer Textauszüge ausfindig machen zu können.

Informationsstruktur und Grammatik

Grafik
* ‚Neuigkeitswert‘ der Information
** Informationsvergabe-Verlauf (Chronologie)

Die obige Grafik soll eines verbildlichen: ein Satz besteht im mindesten aus den Grundkomponenten Subjekt, Prädikat und Objekt, und die später im Satz gelieferte Information ist vom Informationswert höherwertiger als die vorherige. Der nächste Satz verfährt meist so, dass er die letzte Information im korrekten Bezug wieder aufgreift und spezifiziert, durch eine weitere, neuwertigere Information. Denkbar ist ein kurzes Textbeispiel wie das folgende, das aus drei unmittelbar aneinander anschließenden Sätzen besteht:

Satz 1: „Werte sind moralische, politische oder traditionelle Sollensnormen.“ Satz 2: „Sollensnormen sind geprägte, wechselseitige Erwartungen von Interaktionspartnern aneinander.“ Satz 3: „Diese Erwartungen können erfüllt oder enttäuscht werden.“ (Inspiriert durch Detlef Horster)

Die neueste Information des vorhergehenden Satzes, wird zur Basis des folgenden. Denkbar ist, dass sich der vierte Satz dann damit beschäftigt, was es heißt, zu ‚erfüllen‘ oder zu ‚enttäuschen‘, oder aber es wird ein Rückgriff auf den Grundbegriff des „Wertes“ vorgenommen. Sicher: Ein Absatz- oder Textbau, der immer nach diesem Schema verfährt, ermüdet auch, weil es kaum mehr spielerische Freiheit im Formulierungsgeschehen gibt. Das ist das eine Extrem. Das andere Extrem ist, wenn das problematische Bedürfnis, inhaltliche Schwächen durch eine experimentelle Syntax wenigstens noch zu einem gefühlt philosophischen Duktus umzuarbeiten, zu oft – auch aus Gründen des Überblicksverlustes – mit den Regelformen von Informationsvergabeanschlüssen bricht. Dann wird unklar, was sich worauf bezieht und die fehlenden oder fehlerhaften Satzüberhänge machen den Text schwer lesbar. Die Vorschrift, um zu Kohärenz und Struktur zu kommen, lautet: Zusammenhang dadurch herstellen, dass man sich selbst genau dabei zuhört, was man schon mal gesagt hat, um strukturbildend darauf zurückgreifen zu können. Nur wer im eigenen Text genügend orientiert ist, vermag dies zweifelsfrei, muss dann aber auch genügend kritischen Abstand zum eigenen Wortlaut finden, um seine eigenen Probleme überhaupt ‚sehen‘ zu können. Mein Selbstverständnis war es, die Studierenden zu einer Urteilskraft, was ein guter Text ist, zu befähigen, damit sie selbstkritisch bei eigenen Schreibprodukten diese Urteilskraft anwenden; dass sie das textanalytische Instrumentarium, das man für das Nachzeichnen von Textstruktur braucht, kennen, von dem Rezeptions- auf den Produktionsprozess wenden und es für die eigene Textproduktion fruchtbar machen können. Da Textanalyse in der Regel ein gerüttelt Maß an Lektüre voraussetzt, muss man wissen, wie es die „Großen“ machen.

Grammatik und Bedeutung

Ich habe einmal mich für das Schreiben eines Essays unter einem vorgegebenen Thema entschieden. Die Leitfrage sollte lauten „Soll es eine Menschheit geben?“  Positiv war, den Zeitpunkt für diese Schreibaufgabe sehr weit nach vorne in die Sitzungszeit zu verlagern, denn die Erfahrung sagt, dass gegen Ende des Semesters gerne mal die eine oder andere Sitzungsteilnahme anderen Prioritäten Platz machen muss, und dass aber derjenige, der schonmal eine größere Schreibleistung erbracht hat, allein deswegen, weil er dieses Investment gerechtfertigt sehen will, bis zum Schluss am Ball bleibt. Daher habe ich nahezu von allen Studierenden, die der ersten Sitzung beigewohnt haben, einen Essay erhalten. Auf den ersten Blick möchte man sagen, die Ergebnisse sind so disparat wie die unterschiedlichen Typen von Schreibern. Die Frage ist auch nicht ganz leicht oder eindeutig zu beantworten, das war zumindest der Plan. Denn auf den zweiten Blick liegen die Ergebnisse inhaltlich gar nicht so weit auseinander. Worum es mir ging, war, eine Vergleichbarkeit von Ergebnissen herzustellen, indem das Thema dasselbe bleibt. Aus früheren Lektüren von Hausarbeiten einiger Studienkollegen ist mir im Gedächtnis geblieben, wie sehr das Reden über Themen, die die „Menschheit“ oder „den Menschen“ betreffen, dazu geeignet sind, zu misslingenden Anschlüssen zu verleiten, und inhaltlich zu übers Ziel hinausschießenden Spekulationen. Diese Maschinerie wollte ich bewusst anfeuern, um zu gucken, inwieweit die Studierenden über Techniken verfügen, das was zum Überschwang neigt, auf niedriger Flamme zu köcheln.
Ich sagte schon, dass ein Text nur gut/gut lesbar ist, wenn er kohärent ist. Diese wird auch durch Verbindungswörter (oder ‚Konnektoren‘, wie ich sie auch nenne) gewährleistet. Gängigerweise sind das Konjunktionen (und, oder, sodass, obwohl, indem, sobald), Präpositionen (oft mit Pronomen o.a.: anhand, anstatt, infolge, zufolge) und Pronomen (Relativpronomen: der, die, das; Deiktische Pronomen: dieser, jener; Personalpronomen: er, sie, es + impersonales ‚es‘; Possessivpronomen: dessen, deren usw). Umso klarer man benennen will, warum nicht wenige der Essays zu dem vorgegebenen Thema zu vorhersehbaren Ungenauigkeiten  führten, die viele ihrer zentralen Aussagen unverständlich werden ließen, umso mehr muss man sich den Zusammenhang von Grammatik und Bedeutung vor Augen führen.

Die Begriffe, auf die alle Aussagen zu „Soll es eine Menschheit geben“ bezogen wurden, waren in allen Essays die in der folgenden Tabelle stehenden Begriffe I-IV. Keiner ist das Thema wirklich sprachanalytisch angegangen und hat zum Beispiel „die Menschheit“ auseinandergenommen oder abgeklopft ob das „eine“ vielmehr numerisch als indefinit zu verstehen sei, und wenn nicht, welche Konsequenzen dies haben könne. Im Wesentlichen kreisten die Ergebnisse um das, was Karim Akerma „Anthropodizée“ nennen würde, nämlich die Frage, inwiefern das von Menschen geschaffene Leid auf der Welt mit dem Fortbestehenkönnen der Menschheit zu vereinbaren ist. Die vier Wortgruppen „der Mensch“, „ein Mensch“, „die Menschen“ und „die Menschheit“ haben klar benennbare grammatische Numeri. Werden aber von schwächeren Schreibern in manchmal völlig frei fluktuierenden möglichen semantischen Numeri verwendet, die zu größeren Unschärfen führen.

Artikel Abstraktum grammatischer Numerus mögl. semantische Numeri:

I der Mensch Singular Singular/Plural
II ein Mensch Singular Singular
III die Menschen Plural Plural
IV die Menschheit  Singular Singular/Plural

 

Bezugsprobleme entstehen, wenn die begriffliche Unterscheidung zwischen I bis IV nicht konsistent ist, sie quasi-synonym verwendet werden, ohne dass die Bezugnahme mittels Konnektoren sich an den korrekten grammatischen Numerus oder die semantisch mögliche relative Numeralität des Numerus anlehnen kann. Redet jemand von dem Konzept, das sich hinter „die Menschheit“ verbirgt – nämlich der Einheit von Vielen, die als Einheit aber eben nicht mehr plural gedacht werden kann – so liest man in schlechteren Hausarbeiten sich durch ganze Textabschnitte ziehende Kohärenzfehler folgender Art:

[A] „Der Menschheit geht es nicht so wie anderen Kollektiven von Lebewesen: Sie können sich nicht einfach auf ihre Instinkte verlassen.“

 

Der Fehler in Beispiel [A] liegt darin, dass der Numerus  von „können“ nicht an den grammatischen Numerus Singular von „Menschheit“ anschließt. Das Ergebnis ist, dass der Rückbezug, der durch das Personalpronomen „Sie“ angezeigt wird, sich eigentlich nur auf den Plural der „Kollektive von Lebewesen“ beziehen kann, wobei dann behauptet würde, diese nicht-menschlichen Lebewesen könnten sich nicht auf ihre Instinkte verlassen. Gerade dies wollte der Schreiber aber eben nicht behaupten, sondern (und das ist peinlich): Das Gegenteil.

Ausblick

Die hier besprochenen Aspekte sind sozusagen ‚typisch‘, sind treten als Spezifitäten der „Nicht umfänglichen Beherrschung von Hochsprache“ ziemlich häufig auf, und die Tatsache, dass sie Missverständlichkeit befördern, wird gerade im akademischen Bereich auffällig und problematisch. Wenn sich die mangelhaften Schreibstandards dauerhaft konstatieren lassen, muss man darauf hinweisen, dass die höheren Schulen wohl keine Möglichkeit haben, die Kompetenzbereiche im aktiven und passiven Sprachgebrauch mit sprachbasierten und Sprache transportierenden Medien aller Art adäquat – also auf akademische Aufgabenfelder vorbereitend – zu schulen. Ein Studium der Geisteswissenschaften dann noch gut zu bewerkstelligen, setzt somit immer noch ein individuelles Begabungs-Plus, Leistungsbereitschaft und -fähigkeit sowie Interesse am Umgang mit komplexeren Versprachlichungen voraus. Dass dieser Voraussetzungsreichtum ein Universitätsstudium für die meisten, die es anstreben, nicht unmöglich macht, widerspricht der Akzentuierung des individuellen Begabungsgedankens als „Elite-Argument“, denn nach wie vor gilt: erfolgreich studieren durch gutes Schreiben ist keine Hexerei. Lediglich gute und sichere Sprachbeherrschung ‚allein‘ auf Basis allgemein-schulischer Vorbereitung ist heute so unglaublich unwahrscheinlich geworden, dass Universitäten gut daran tun, ihre Studenten an ihre eigene Sprache zu gewöhnen, ohne sie zu Wiederkäuern zu erziehen.

Numerus Clausus? Ja bitte! – Eine nicht ganz ernste Polemik

Der Numerus-Clausus ist sicher nicht eines der größten Demokratiesignale. Steht er doch für hoch geschlossene Schranken in gewissen Studienbereichen, für Standesdünkel und elitären Mief. Alles Dinge, die in der Jeder-kann-alles-Kultur prinzipiell verdächtig sein müssen. Die Inflation abgebrochener Geisteswissenschaftler wird oft damit ineins gesetzt, dass das Studium etwa der Germanistik oder Philosophie nicht genügend Herausforderungen beinhalte, letztlich aber sind die Voraussetzungen dazu wohl höher als die Meinung über die Wissenschaften des Geistes. Das Fach scheitert nicht an seinen Adepten, eher umgekehrt wird ein Schuh draus. Ein Mathematik-Studium darf und muss man in unserem Land für schwer halten, für nicht jedermanns Sache. Bei den Zugangsdiskussionen zur Philosophie grassiert die Selbstüberschätzung „Schreiben kann ich, das fiel mir immer schon leicht“, garniert mit einem Schuss anti-intellektuellem Ressentiment „Wenn die das da zu kompliziert macht, dann sind die doof.“

Die schwächeren Erstsemesterstudenten der Philosophie arbeiten zu oft mit diesen Ressentiments, mit Klischees und psychischen „Ferndiagnosen“: Was die Mehrheit der Menschen wolle, scheint ihnen klar. Wirkliche Orientierungskrisen, die zu einem produktiven Fragenreichtum führen – wie der Philosoph Odo Marquard es bezeichnet – hat selten jemand, der sich für das Studienfach Philosophie entscheidet. Oft ist das „alles“ bereits durchschaut, und man will für seine Thesen nicht mehr argumentieren, sondern lediglich Plädoyers abhalten, die noch dazu eher journalistisch gehalten sind und das übliche Problematisierungsniveau der Hauptnachrichten nicht übersteigen geschweige denn es qualitativ zur Philosophie hinzuwenden vermögen. Dabei suchen sie sich gerne die falschen Feinde, machen die Gegner ihrer Argumente mit unzulässigen ideologischen Argumenten schwach um selbst differenzierte Theorien ‚widerlegen‘ zu können, prügeln Allgemeinplätze tot, und statt eine freispielende Urteilskraft zu versuchen zelebrieren sie Privatmeinungen. Wer seine philosophische Bildung rein aus dem Fernsehen hat, läuft in den eigentlich philosophischen Debatten immer wieder bei Null los. Selten entsteht daraus etwas, das über typische ‚Empörungsprosa‘ hinausgeht oder Gesellschaft und Fachdiskurs bereichert.

Natürlich ist die philosophische Einfallslosigkeit ein Zeichen dafür, dass unserer Gesellschaft etwas Elementares fehlt: Die Bereitschaft, schockierend aporetische  Differenzierungsschleifen und harte Prozesse des Selbsthinterfragens auszuhalten. Wen gilt es dann aber zu bestrafen? Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen dürfen bemängeln, dass ihrer Lehrlinge und Schüler eigentlich nicht mit Ausbildungsreife die jeweiligen Vorgängereinrichtungen verlassen haben. Dem deutschen Zentralabitur lassen wir zwar auch gerne Hohn und Spott zuteil werden, aber da es als Aufstiegsgarant gilt, ist dieses Sticheln gegen vereinheitlichte Matheaufgaben nur halb ernst gemeint. Der Numerus Clausus ist eine Form der Fachhygiene, das ist unbestritten. Diese scheint einem demokratischen Grundrecht zu widersprechen, auch das ist unbestritten. Niemand jedoch hat ein demokratisches Grundrecht auf dasjenige Plus an Interesse, Engagement und Begabung, das zu einem erfolgreichen Philosophiestudium führen kann. Niemand muss Philosophie leicht finden. Wer sie despektierlich leicht findet, darf sie eigentlich nicht studieren. Sich jahrelang durch etwas zu quälen, das ohnehin keiner Wertschätzung würdig sei, bezeichne ich mal als Schizophrenie. Zulassungsbeschränkungen können das falsche Bild der Gesellschaft von den Geisteswissenschaften wieder geraderücken: Sie beenden die Vorstellung von geisteswissenschaftlichen Vorlesungen als Tummelplätze der Faulen und Unkreativen.

Eros und Verteilungsgerechtigkeit

Ein altes Märchen um die Schwierigkeiten der Findung von Männlein und Weiblein weiß folgendermaßen folgendes zu berichten: Zu jedem Topf gibt es einen Deckel, zu jeder Tasse einen Henkel und das Runde muss ins Eckige. Nun haben es Märchen trotz aller abständigen Brutalität so an sich, dass sie beruhigend wirken können und sollen: die Kalküle gehen auf, Gut und Böse sind klar voneinander zu scheiden, der unbedingte  Triumph des Guten ist präjudiziert und er macht selbst Verständnis und zwischenzeitliche Sympathieanflüge für das Böse aushaltbar. Dass passende Partner sich finden ohne sich durch die Langwierigkeit des Findungsprozesses wechselseitig zu beschädigen, wird heutzutage allerdings immer unwahrscheinlicher: Wir laufen mit saftig hochgeschraubten Anspruchsniveaus durch eine Pop-Öffentlichkeit, die uns auf der morgendlichen 7:30Uhr-Fahrt zur Arbeit blanke Brüste serviert, zum Nachmittagskaffee schmierige Schmonzetten im Ersten Programm, die Blumen im Namen tragen, weil Blütenreinheit um so werbewirksamer ein Etikett sein kann, wenn eigentlich alles ästhetisch besudelt und dramaturgisch alles abgenudelt ist. Der Stadtraum fixiert uns auf eine Gefängnis-Insassenschaft, die wir mit Durchtritt durch einen Torbogen, auf dem „oversexed but underfucked“ stand, erreichten. Unser Anspruchsniveau erklärt die Prosperität des Topf-Deckel-Märchens: Zu jedem Durchschnitts-Topf, der sich seine Mediokrität allerorts unter die Nase reiben lassen muss, wird sich ein Deckel von durchschnittlicher Machart finden lassen.

Dieses Deutungsmuster der Beschädigungsusurpation trägt einen fatalen Gerechtigkeitssubtext, dem man schnell verfällt. Und wie selten gelingt es Verfallenen, noch nüchtern auf den Schirm zu kriegen, was ‚wirklich‘ ihr Problem oder Ursache ihrer Beschädigung durch die Suche nach einem Partner ist? Ich widme mich daher dem Thema über eine Art „Gegenprobe“. Wo werden Gerechtigkeitskalküle bemüht, ohne dass sie dort etwas zu suchen haben?  Dort, wo sie ungreifbare Dinge wie Subjektivität, Persönlichkeit, Zufall und Wahl – im Stile der Vernunft aber in Wirklichkeit gegen die Vernunft – handhabbar machen sollen. Das anti-aufklärerische Moment liegt darin, dass sich in einer durchrationalisierten Welt auch die Liebe der Ratio fügen muss. Aber: Diffuses leiden ist wahrscheinlicher als Nüchternheit in einer Welt, die sich ihr emotionales Leid durch ihren überwertigen Realismus eingebrockt hat.

Es bleibt zu erkennen, dass durch die Topf/Deckel-Redeweise, die Zufälle, das Ungenügen oder Pech und alle schönen kleinen Unwägbarkeiten tilgend verwaltet werden sollen, die menschliche, emotionale Welt in ein Kalkül verwandelt wird, das nach maßgeblicher Planung irgendeiner Instanz am Ende aufgehen solle. Wer sich von zufälligem Pech auf störende Weise und mit Grundsätzlichkeit benachteiligt sieht, findet zu diesem Deutungsmuster um ihm zu verfallen. Aber wenn es stimmte, dass die Welt ein Kalkül ist, hieße das ja, dass ein Mensch, der den Partner seines Lebens nie findet, eben an einer Welt scheitert, die nicht ungerecht eingerichtet ist, und wir Menschen können das gerade in unserem menschlichsten Bereich nicht befriedigend denken, und gerade bei der Liebe sollten wir – so sie trotz Wunsch danach ausbleibt – nicht willens sein, Gedanken um „gerechte Verteilung“ mitzutragen.

Steile Thesen über die Einrichtung der Welt als gigantischem analytischen Urteil machen individuelles Liebesmisslingen zu einer Gerechtigkeitsfrage, die an denjenigen gestellt werden dürfte, der die Einrichtung der Welt besorgte, ganz gleich was auch immer man dahinter vermutet. (Ich vermute uns selbst dahinter: Wie wir allein mit Sprichwörtern die Welt verwalten und eine überschaubare Anzahl von Worten für schier unendlich variante Lebenslagen bereithalten: so versimpelnd sind nur Menschen.) War bei den auf diesem Globus rechnerisch möglichen Partnerschaften Gerechtigkeit bei der Zuteilung im Spiel, wenn jede/r eine/n hat? Braucht mancher mehr Partner und ist es gerecht, dass eine/r übrig bleibt? Je größer das Leid, desto umfassender der Rekrutierungs-Pool, der klagend angerufen wird. Ist die kommunale Wiese bereits gemäht und das emotionale Massaker in endlosen Wiederholungsschleifen im Kleinen genug beweint, heißt es oft: „Gibt es denn niemanden auf diesem Planeten für mich?“, was die vorläufige Grenze dieser Ausweitung und Öffnung im Stile einer Abschließung gegen das Misslingen des Weltkalküls markiert: Die Anrufung des Universums ist kein Qualitätssprung mehr wenn sie im Stile des Galgenhumors vorgenommen wird. Die Wehklage „Ist es gerecht, dass es niemanden für mich gibt“ ist als Resultat wahrscheinlicher, sobald man an die Welt als Kalkül glaubt.

Ein Kalkül beruhigt wie ein Märchen, die Welt als Algorhitmenmaschine gesehen beruhigt durch ihre Genauigkeit, Vorhersehbarkeit und Beherrschbarkeit. Manchmal ist diese Art Beruhigung – trotz der Kehrseite, Spontaneität und Lebendigkeit durch die Wiederholungschance unmöglich zu machen – wichtig, und zwar meist dann, wenn das generelle „Sich-Offenhalten“ bedeutet, dass man unbeweglich wird weil man handlungsunfähig in Optionen erstickt, bevor man auch nur eine von ihnen erkundet hat.

Wir haben die popkulturelle Fokussierung auf Beine, Einkommen und mühsam erkaufte Sozialdistanz, die uns Appetit aufeinander machen soll, meist satt, sobald sie nicht fruchtet. Es findet eben nicht jeder Topf einen Deckel, so wie nicht jeder Schuh einen Fuß, nicht jede Katze einen Kratzbaum, nicht jeder rote Toskana-Wein ein bauchiges Glas, nicht jeder Cent einen Euro. Wünschen hilft nicht, Beten hilft nicht, verschiedene Partner ausprobieren hilft aber baut final keine Unsicherheit ab, darüber fluchen baut Spannung ab aber hilft nicht.

Unsere moderne Sharing-Kultur, die den Zugang zu Dingen vor den individuellen Besitz gestellt hat um dann keine Nöte darüber zu leiden, dass man mit Menschen auf intimer Frequenz ebenso schalten und walten könne wie mit einer ausgeliehenen Bohrmaschine, trägt dazu bei, dass die Idee einer verteilenden Gerechtigkeit mehr und mehr von einem emotionalen Nomadentum und einer Flucht potentieller Partner ins „Dazwischen“ bedrängt wird: Zwischen Städten, Ländern, Lebensaussichten und Geschmäckern werden partnerschaftliche Draufgänger zunehmend substanzlos und wandelbar bis zur Rückgratlosigkeit. Mit einer emotional ortsungebundenen Lebensweise ist das Prinzip von „Nähe in Dauer“ schwer zu vereinbaren. Die steigende Zahl von Menschen in offenen Beziehungen, die ‚unterwegs‘ wahllos in allen Gehegen wildern, ist mit ein Grund dafür, warum die Findung von erotischen Ausbrüchen mit einer sinkenden Zustimmung zu Stabilität einhergeht: Welchen Flaneur, welche Jet-Set-Frau wollen Sie auf irgendetwas festlegen?

Der Idee von der erotischen Verteilungsgerechtigkeit im Topf/Deckel-Märchen muss seine Nähe zum algorithmischen Denken nachgewiesen und dies gegen die Vorteile der Unausgeglichenheit abgemahnt werden. Es ist weder gerecht noch ungerecht weder von der Welt noch von der Liebe, wenn ein liebesbereites Ich unter Liebeslosigkeit leiden muss. Es ist dies vielmehr Quelle aller Energie für gewichtige menschliche Selbstbedeutungen. Das Ausgleichen aller Spannungsungleichgewichte in Hinsicht auf Partnerschaftlichkeit wäre die Vernichtung seelischer Vielfalt. Was der Menschheit ganz Recht geschieht: Ein jedes, unverzichtbar anrührende Zeugnis eines vor unglücklichem Liebesleid Aufschreienden ist mehr Zeichen unserer Lebendigkeit und Liebesfähigkeit, als das Erstarren in einem Kalkül von Fügungen, dem gegen sich selbst kein Trotz mehr gelingen darf, weil es sich ins Recht der bestmöglichen aller Aufteilungen gesetzt hatte oder durch Sprichwortwiederholungen – also durch Bewahrheitung durch bloßen, repetetiven Gebrauch – in dieses „Recht“ eingesetzt wurde. Jeder nie abgeschickte wenn auch selbstgerecht Liebesbrief ist menschlicher, weil er mehr Liebe bezeugt als ein Kalkül, in dem behauptet wird: Was menschlich sei fügt sich nach algorithmischen Sicherheiten und fügt sich sowieso. Wer sich korrumpiert durch den Volksmund auf dieses dünne Eis begibt, bringt Gerechtigkeitsfragen dort ins Spiel, wo sie sich am meisten verbieten sollten, wenn uns denn noch etwas heilig ist. Gnade uns wer auch immer, dass uns noch etwas heilig ist.

Und trotzdem ist Alleinsein einfach mal Mist.

Selbstgerechte Fantasie-Vokabeln: Stilblüten des „Genderns“

 

 

Zunächst sei gesagt, dass ich im Ansatz dasselbe will: Eine Gesellschaft, die ihre Konstruktionen des sozialen Geschlechts nicht zu einer ausweglosen „Quasi-Natur“ hochstilisiert und deswegen eher Chancengleichheit ermöglichen kann, wenn sie einsieht, wie unter anderem Sprache diskriminieren kann. Was aber manchen einfällt, um den „Weg zu einer geschlechtergerechten“ Gesellschaft zu beschreiten, führt teilweise zu fast unverständliche Stilblüten. Eines dieser Stilblüten-Beispiele stammt von Lann Hornscheidt:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/profx-als-geschlechtergerechte-sprache-fuer-professoren-13268220.html

Sprechen Sie das mal fehlerfrei

Es gibt gesprochene Sprache, und geschriebene Sprache. Sie unterscheiden sich mitunter massiv. Das Problem „gendergerechter“ Sprache scheint mir zunehmend darin zu liegen, dass die allgemeine Zugänglichkeit sprachpragmatischer Verwendungsregeln über Bord geworfen wird, um einen morphologischen Homunculus zu züchten, der sich lieber an Wortklauber adressiert (als an den durchschnittlichen Sprecher), die glauben, mit Worten sei der nötige Bewusstseinswandel hinreichend beglaubigt. Der Formelhaftigkeit ist weder hinreichend noch notwendig ein Gewissenswechsel inhärent. In einer solchen feministischen Sprachethik, die auf „Professx“ verfällt, wird Genderspezifik durch bloße Erfindung abgehandelt. Sicher: Man kann das ‚schreiben‘, aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel: Sprechen Sie mal so, und versuchen Sie, verstanden zu werden. Und vor allem: Versuchen Sie, sich selbst dabei zu verstehen. Das meint: Nehmen Sie sich die Adressatengerechtigkeit ab, wenn Sie jemanden als „Professx“ bezeichnen, oder glauben Sie, darin einen Bewusstseinswandel vollzogen zu haben?

Die linguistische Seite

Das Problem ist, dass viele Leute gendergerechte Sprache für ein linguistisches Problem halten, aber offen zugeben, dass das Primärziel ein soziales/soziologisches ist. Kein Emanzipationsprozess hingegen wird die nötige Akzeptanz dadurch finden, dass wir gesellschaftliche Veränderungen durch den Mut zu unpragmatischen Fantasie-Vokabeln ersetzen. Die linguistische Seite ist zudem die: Eigennamen haben kein grammatisches Geschlecht. Grammatische Geschlechter wie „der“ Kevin oder „die“ Maria sind Behelfsreminiszenzen auf das biologische Geschlecht, das zudem noch einmal vom ‚sozialen‘ Geschlecht zu unterscheiden ist. So weit gehe ich mit. Schon ein Vergleich zum Französischen (das das Genus Neutrum nicht kennt und viele „die/der“-genera völlig anders setzt als das Deutsche) lässt uns bemerken, dass grammatische Geschlechter reine kulturelle Konstruktionen sind. Das soziale Geschlecht ist ebenfalls eine kulturelle Konstruktion. Dies beides lässt sich verändern. Das biologische Geschlecht ist keine Konstruktion, lediglich die kulturellen Erwartungsbeimengungen zum biologischen Geschlecht, die aber mit ihm nicht notwendigerweise verknüpft sind, sind änderbar. Eine Rebellion gegen eine nicht notwendige Verknüpfung, die sagt, eine völlige „Entknüpfung“ sei der beste Weg, ist aber genauso blind. Daher gehe ich diesen Weg nicht mit.

Da das Deutsche das Genus Neutrum kennt, gibt es bereits eine Möglichkeit, Geschlechtsneutralität auszudrücken, wenn jemand absolut nicht über grammatische Genera angesprochen werden will, in denen er sein eigenes soziales Geschlecht nicht wiederfindet. Oder man spricht jemanden nur über den Eigennamen an: Wie weiter oben gesagt, haben Eigennamen kein grammatisches Geschlecht.

Soweit die linguistische Seite, die oft nur Sprachwissenschaftler wirklich überschauen. Sprache muss für die meisten Verwender hingegen nur intuitiv funktionieren. Keiner braucht die Regeln reflektiert zu haben, um Sprache zu verwenden und um in vermeintlich gender-gerechten Verunstaltungen eine unnötige Hürde zu sehen. Worum es mir geht, ist, dass Worte wie „Professx“ nur noch in der geschriebenen Sprache funktionieren, und dort auch nur für Leute, die trotz ihres Intellekts einen naiven Wortgebrauch predigen, der aus Formelhaften Wendungen eine Möglichkeit zur Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ableitet.

Sprachwandel als Feigenblatt

Gendern ist vielerorts zu einem lustlosen Feigenblatt geworden, mit dem Prozesse des wirklichen Bewusstseinswandels substituiert werden. Emanzipation – auch sprachlich – wird immer noch verengt gedacht als In-Obhut-Nahme der Frauen vor sprachlicher Diskriminierung, die ausschließlich von Männern ausgeübt werde. Diese Ansicht ist selbst eine pseudo-emanzipierte Einstellung zur ‚Emanzipation‘. Auch Frauen diskriminieren. Alle Menschen diskriminieren immer dann, wenn sie pauschal etwas unterstellen; z.B. Männern pauschal unterstellen, ihr Sprachgebrauch sei per se diskriminierend. Männer sind heutzutage viel emanzipierter als selbst die meisten Männer glauben können. Bis zu vielen Frauen hat sich dies sogar rumgesprochen. Nur zu denen nicht, die glauben, Geschlecht und Geschlechtlichkeit seien an sich Wahnsinn. Nun gut: das ist eine nicht notwendige Ansichtssache. Wer gesellschaftliche Grundkonfigurationen ändern will, braucht diese Ansicht nicht, es geht auch anders. Mit Vernunft zum Beispiel. Bildung, Toleranz und Humor.

Mir scheint auch eine gehörige Portion ‚magischen‘ Sprachdenkens hinter verkrampften Sprachverstümmelungen zu stehen: Wer glaubt, eine Sprache, die kein passendes grammatisches Geschlecht zu seiner individuell gerechten Ansprache bereithält, würde seine Existenz leugnen oder nicht fassen können, der glaubt an eine Magie von Worten, die in der Macht besteht, Existenz zu beglaubigen oder zu vernichten. Es fehlt dann nicht viel zu jener Form von magischem Sprachdenken, in welchem man glaubt, dass Formeln oder Zaubersprüche einen realen, invasiven Einfluss auf die Dingwelt hätten. Den haben sie nicht.

Ich glaube, dass dieser sprachklauberische Gender-Fanatismus die verspätete und Karikaturenhafte Antwort auf Probleme einer schlechten Welt von gestern ist. Wenn wirklich emanzipierte Frauen das generische maskulinum bei Pluralen verwenden, wittern weder emanzipierte Männer noch sie selbst überall Unterwerfung und Heteronomie.

Zudem gibt es auch noch das gigantische Feld nicht sprachlich-diskursiver Formen von Geschlechtsrollendarstellung, die uns überall unter der Hand begegnen. Warum kämpfen so wenige gegen die Darstellung von Frauen in Hollywood-Filmen? Es geht viel unmittelbarer in unser Unterbewusstsein über, wenn eine ‚erfolgreiche‘ Frau immer nur jung, mit langen Haaren und großen Brüsten dargestellt wird. Solche Bilder schieben sich als Subtext manipulativ unserem Wahrnehmen unter, eben weil das Gesehene nicht sprachlich-diskursiver Anstrengungen in zweiter Potenz bedarf, sondern en passant eingängig wirkt. Wer die gesellschaftliche Wirklichkeit verändern will, sollte lieber dort ansetzen. Da gibt es noch richtig was zu tun.

„Terror oder Humor“?

Die titelgebende Konjunktion „Terror und Humor“ ist der Sache nach eine der schärfsten Disjunktionen überhaupt: Entweder … oder. Wer im Humor seine Neigung erkennen lässt, gegen die traumatischen Aspekte des Lebens positiv bestehen zu wollen, der hat keinen Grund mehr, eine weltanschauliche Verstiegenheit zu entwickeln, die zu einer Mission der Auslöschung werden könnte. Missionen sind meist der Reflex auf den gefährlichen Überblicksverlust, der in der Pluralität wurzelt. Wo der Humor einen schlechten Stand hat, da regieren Menschen oft mit dem verheerenden Imperativ, alles ‚andere‘ müsse getilgt werden. Terror wirkt dann, indem man sich von ihm auch dann bedroht fühlt, wenn er gerade nicht aktuell durchschlägt.

‚Erweiterte Selbstmorde‘ mit medialer Spitzenplatzierung erzeugen das Gefühl latenter Bedrohung. Meine These ist, dass einer terroristischen Ausgangshaltung der Nährboden entzogen werden kann. Und zwar durch eine spezifische Haltung, die auf Nichtverhärtung aus ist: dem Humor. Terroristen wollen Verhärtungen gutheißen, weil sie sie als notwendigen Reflex auf einer widerständige Welt beschönigen. Hat das Widerständige aber seine begrüßenswerte Funktion besonders darin, den Strategien der Bearbeitung des Antagonismus‘ zwischen eigener Tugend und nicht beeinflussbarem Weltlauf Futter zu geben, so gibt es insgesamt zwei Extreme, die wirkliche Widerständigkeit verabscheuen und uns auf jeweils eigene Weise über sie hinwegtäuschen wollen: der weltanschauliche Terrorismus und der Terrorismus der Massenkomik.

Der Terrorist sprengt das ihm verhasste geistige Milieu, das wir atmen; der Comedian sprengt nicht einmal mehr die abrissreifsten Nebengelasse der Positivgesellschaft, schon gar nicht deren Prunkbauten.

Von beiden Seiten her droht Ähnliches: An die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände nur durch Auslöschung zu glauben macht Lebensräume inhuman, die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände in der Bestätigungskomik zu bezweifeln, hält Lebensräume inhuman. Wird im Terrorismus durch die Wahllosigkeit, welche Opfer eine Explosion fordert, mehr oder weniger der gesamten Gesellschaft unterstellt, dass sie mangelhaft ist und daher – unbesehen der Einzelfälle – von Gewalt betroffen gemacht werden sollte, so wird im Terror der breit gesäten Massenkomik die Möglichkeit verabschiedet, dass die anstrengende Auseinandersetzungen mit sozialen Differenzen zum Selbstverständnis des sich bildenden und verändernden Menschen gehören kann.

Humorloser Terror und genauer gesagt Komikterrorismus gleichen sich darin, dass sie dem Menschen das willentliche Sich-Betreffen-Lassen abnehmen, und machen ihn damit unmündig. Terrorismus erscheint unter seiner eigenen Maßgabe der gerechtfertigten Unterstellung des Ungenügens ‚aller‘ als „Gewalt gegen jene menschen-umgebenden »Sachen«, ohne welche die Personen nicht Personen bleiben können“[1], Massenkomik hingegen – unter das bloße Emblem des „Humors“ gestellt – ist schmeichelnde Gewalt des Konsens‘ gegen soziale Differenzen.

Diese Gewalt verabschiedet die Aufgabe, Unterschiede aushalten zu lernen, und bezweifelt daher zunehmend auch, dass es diese identitären Unterschiede zwischen Personen überhaupt gibt. Damit bedroht sie das Person-Sein der Menschen von der Seite ihrer Individualität her.

Massenkomik ist damit per definitionem von Intoleranz geprägt, wie es auch die attentäterisch-terroristische Motivationslage ist. Terroristen halten auf eine grundsätzlich gefährliche Weise zu pauschal alle für Abweichler, Komikterroristen halten zu pauschal alle Abweichung auf eine zu grundsätzliche Weise für ungefährlich und für prinzipiell in unser gesellschaftliches Einerlei für integrierbar. Zwischen der singulären Verstiegenheit des verbissenen Geisterfahrers und der kollektiven Indifferenz einer kichernden Schiffkreuzfahrtgesellschaft allerdings gibt es einen Bereich, in dem unterwegs zu sein mir humaner erscheint, in dem unterwegs zu sein aber einiges mehr verlangt an Takt, Toleranz, Bildung und Humor.

Wir leben in Restriktionen und können oder dürfen über gar nichts lachen und wollen uns – da wir dies in Konsequenz als besondere Mission mit kollektiven Tiefeneffekten annehmen müssen – sprengstoffbasiert davon entsichern? Dann werden wir Terroristen, wobei unser Verlust von Seelen-Adel darin läge, dass uns nichts mehr wirklich etwas bedeutet. Oder wir wollen hingegen über alles nur noch auf eine flache Weise lachen und dies im Eventmodus nur scheinbar wirklicher Entsicherung? Dann werden wir zu Mario-Barth-Fans, deren Verlust seelischer Vielfalt darin läge, dass nichts wirklich Wichtiges uns noch Gegenstand einer eigenen Bearbeitung werden kann. Wir sollten beides nicht werden wollen, wenn uns noch etwas heilig ist, das es trotzdem aushält, in dem Lichte betrachtet zu werden, das neben seinen Schönheiten gleich seine Unschönheiten mit zu Tage fördert.

Terroristen haben keine Unschönheiten, glauben Terroristen. Komikterroristen meinen, ihre Unschönheiten freimütig genug benannt zu haben, aber mit dieser Vordergründigkeit bringen sie sie eben zugleich weit außerhalb der Reichweite von kritischen Nachfragen.

[1] Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors. Frankfurt am Main 2002, S. 23.