Horst Schlämmer ist doof und stinkt
Wann ist dieser Spuk endlich vorbei? Dass eine Kunstfigur Horst Schlämmer in Talkshows hofiert wird und mit seinem unterbelichteten Begleit-Umstand Alexandra Kamp als First-Alexandra-Imitat zusammen rote Teppiche entlang spatziert und uns dies vom eigentlichen Wahlkampf ablenkt. Ich glaube nicht daran, dass das alle Menschen noch für Satire halten können. Bei einem Volk von 80 Millionen finden sich bestimmt ein paar Wahlberechtigte, die Ende September verzweifelt die HSP auf dem Stimmzettel suchen. Ich habe leider nicht diesen Optimismus, dass alle Wahlberechtigten so standhaft sind und das dauerhaft als Satire begreifen können. Verdenken kann man’s aber auch keinem: immerhin wird iterativ so ein stabiles Aufhebens um Hape Kerkeling gemacht: als Schlämmer hält er riesige Pressekonferenzen ab und genießt Aufmerksamkeit, die in keinem Verhältnis mehr zu den „realen“ Zielen dieses Projektes steht.
Kerkeling hat sich den Status eines Humoristen über simple Penetranz erdreistet. Mit dem berühmten „Hurz“-Lied, das er als Persiflage auf das zeitgenössische ernsthafte Kunstlied verstanden haben wollte, hat er ein gutes Beispiel dafür geliefert, das gleichzeitig auch noch das beste Argument für Kerkelings Unverstand ist. Von der musikalischen Qualität her war das Lied durchaus hochwertig, der Text sehr reduziert und expressiv, „Humor“ sollte daraus werden, dass Kerkeling die „Situation“ dominieren wollte, indem er den Menschen ein verstelltes Imitat von verlogener sogenannter „ernsthafter Musik“, noch dazu ein schlechtes, vorlegt, und sie nehmen es immer noch hin. Kerkeling wollte die Duldungsstarre der Menschen aufzeigen, die vor allem, was „Kunst“ sein will, duldsam in die Knie gehen und sich sogar völligen „Blödsinn“ als Kunst vorlegen lassen. Was Kerkeling dabei aber nicht verstanden hat und das ist auch der Grund, warum das „Hurz“-Lied auch das größte Scheitern seiner selbst ist, ist, dass er selbst eine vorgefasste Meinung von „Sinn“ und „Unsinn“, oder besser „Unsinn“ und „Bedeutung“, über das Genre selbst hatte. Dass er auf Basis seiner vorgefassten Meinung eine Dominanz über das Metier ausüben wollte, in das er sich letztendlich doch begeben musste um die Persiflage von innen heraus wirksam zu machen. Diese gewollte aber verpasste Dominanz über das Metier wäre die Grundvoraussetzung dafür, wenn er mit dem Hurz-Auftritt überhaupt eine außerkünstlerische Aussage, eine komödiantische Aussage transportieren wollte. Diese Aussage hat aber keine Schnittmengen mit der ästhetischen Aussage, die wiederum nur eine individuell zu findende ästhetische Aussage sein kann. Diese nur individuell zu findende beruht darauf, dass das Stück als solches durchaus zeitgenössische Qualitäten hat und für die Hörer trotz aller Kritik „annehmbar“ war, und dass die komödiantische Intention des Herrn Kerkeling im Moment der Aufführung eben nicht hervortrat, ist dann das Argument, dass man sich sagen muss: er hat das Metier bedient, das er kritisieren wollte, und er hat es nicht einmal schlecht bedient. In dem Moment, wo er das leugnet, und sich seine Intention nur herstellen lässt, indem man diesen Beitrag nachträglich kommentiert, ist ihm seine Persiflage einfach nur misslungen. Im Endeffekt ist Kerkeling in dieser Situation vom Gegenteil seiner Intention dominiert worden, und der einzige Grund dafür ist sein normativer Kunstbegriff, der durch seinen Unverstand mit einer anmaßenden Kulturkritik den Zuschauern auf wohldosiertem, komödiantischen Spielfeld serviert werden sollte, um alle Narrenfreiheit zu haben. Wenn Kunst aber eben diese Narrenfreiheit bedeutet, dann ist die Kritik an dieser durch eine karrikierende Überzeichnung ein Statement für Kerkeling, dass er selbst die Freiheit, die im Kunstbegriff drin steckt, nicht für alle künstlerischen Disziplinen akzeptieren kann, obwohl er selbst sich aus dem Topf der Freiheiten voll bedient.
Als er sich als Königin Beatrix der Niederlande durch Sicherheitsabsperrungen travestierte, mag das eine Art „Versteckte-Kamera-Humor“ gewesen sein, der viele Leute nur mittel bis mäßig amüsierte, höchstens war man beeidruckt von dem Mut und der Konsequenz, mit der er seine Rolle durchhält. Lustig geht anders. Mut und Konsequenz sind nicht „lustig“. Genauso wie jetzt mit Horst Schlämmer. Noch vor ungefähr zwei Jahren saß Kerkeling im grauen Mantel mit Handgelenktäschen auf der Couch von Thomas Gottschakl in „Wetten dass…?“ und die ahnungslose Claudia Schiffer, die nichts von Kerkeling ahnte, (den sie selbst wiederum wohl erkannt hätte, weil immerhin gabs den zuletzt in den Achtizgern schon, damals als die Claudia aufhörte, sich für diese in billigen Fernsehshows offengelegte deutsche Volksseele zu interessieren und dem Land mit Richtung Groß Britannien den Rücken kehrte) also eben jene Claudia war peinlich berührt und wohl auch angewiedert von den Avancen eines Verkleidungskomikers, dessen kleine Show sie nicht durchschaute. Das sorgte für reichlich Verwirrungen. Gottschalk musste den „potenten“ Schlämmer ständig ermahnen, seine Finger von der schönen Claudia zu nehmen. Claudia war umso mehr verwirrt, je vollständiger auch der Moderator Thomas Gottschalk das Spiel von Kerkeling mitspielte und ihn die ganze Zeit als Schlämmer anredete, die ganze Zeit bewusst nicht die Grenze zwischen Fiktionalität und Faktualität berührte. Dies war Gottschalks Opfer am Gott „Unterhaltung“. Damit hat er den Mythos der Faktualität einer Kunstfigur genauso untermalt, wie es jetzt auf kleinerer Flamme aber trotzdem umso insistierender in diesen ganzen Abend-Talkshows passiert, und da ist dieser Vogel Markus Lanz nur das peinlichste Früchtchen von allen. Ähnlich wie mit der Claudia geht es bestimmt einigen Menschen jetzt, die gemäß der hartnäckigen Forderungen der Kunstfigur und dem weichen Nachgeben der „Moderatoren“ längst nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, während anderswo von viel mächtigeren Stellen schon lange entschieden wurde, wem wo und wie der Kopf zu stehen hat.
Ich wünsche mir nichts dringender als dass die Gesellschaft von sich aus sagt, dass sie etwas besseres verdient habe, als ständig von dem politisch impotenten Abbild „Horst Schlämmer“ unterhalten zu werden. Von dieser Figur hat sie sich nichts zu erwarten, und anders als Schlämmer, der das selbst auch immer wieder sagt, sehen einige Menschen das anders. Ich wünsche mir auch, dass die öffentlich-rechtlichen mich nicht mit Schlämmer belästigen – Sie können gerne Kerkeling hinsetzen, der sagt, wie er sich das mit seiner Figur gedacht hat, aber bei mir sitzt nicht die eindimensionale Kunstfigur Ersatzmann für den unverstellten Menschen und seine komplexeren Visionen. Sollten sich diese Visionen irgendwann aber nur als mein letzter projektiver Strohhalm für den Glauben an die tiefe hintersinnige Idee selbst noch in den Aktionen der Spaßmacher heraus stellen, na dann: gute Nacht Deutschland. Dann wirst du wirklich von den Schlämmers dieser Erde regiert. Bevor diese politische Impotenz noch zur treffenden Metapher für den demokratischen Wählerwillen in Deutschland degenerieren muss, muss endlich Schluss sein mit dieser Schlämmerei. Lasst seinen Kino-Film laufen, aber haltet ihn raus aus den Talkshows. Mit jeder Wiederholung gestalten sich demokratische Schlüsselfiguren immer mehr als Fiktion aus, und das kann doch wohl wirklich keine gute langfristige Botschaft für den politisch interessierten Menschen in diesem Land sein.
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- Veröffentlicht:
- 19/08/2009 / 21:16
- Kategorie:
- Unnötige Aufregung
- Schlagworte:
- Alexandra Kamp, Deutschland, Hape Kerkeling, Horst Schlämmer, Hurz, Komödiant, Politik, Talkshow
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